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21MAI2020
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Pater Roman Fries Foto: B. Sonnen

Und mit Pallottinerpater Roman Fries. Er ist Seelsorger am Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz und war im vergangenen Jahr für sechs Monate als Militärpfarrer in Afghanistan. Sechs Wochen intensive Vorbereitung, dann ging es ins Camp nach Mazar I-Sharif, wo rund 1000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr stationiert sind. 

Ich bin in Mazar I-Sharif auf ein Bundeswehrlager gestoßen, was von der Infrastruktur her in den letzten zehn Jahren gut aufgebaut worden ist. Und insofern waren die gebäudlichen Gegebenheiten vor Ort - ich würde sagen - optimal, wenngleich es schon ne Herausforderung war, weil man am Anfang nie genau weiß, mit welchen Soldaten habe ich eigentlich konkret zu tun. Also aus welchen Landesteilen Deutschlands kommen die einzelnen Soldaten, wie sieht die Gemeinde aus und was bedeutet das eigentlich für meinen Auftrag als Seelsorger. Man hat nicht die gleichen Soldaten am Stück vier Monate vor Ort, sondern es ist ein stetiges Kommen und Gehen. Also man muss quasi jede Woche und immer mal wieder neu Soldaten werben, durchs Lager gehen, sie auf ihren Dienststellen besuchen, also schon auch so ne aufsuchende Seelsorge betreiben und dann eben auch ein Stück weit hören, wo sind auch wirklich die Wünsche oder was sind die Erwartungen an Seelsorge.  

Gottesdienstliche Angebote machen, religiöse Impulse setzen, als Seelsorger vor allem für Gespräche mit den Soldaten zur Verfügung zu stehen, das sind die Schwerpunkte der Arbeit im Camp, sagt Fries. Viele Soldaten leiden unter der Trennung von ihren Familien zu Hause, ist eine seiner Erfahrungen. Aber auch Fragen nach der politischen Situation in Afghanistan und der Sinnhaftigkeit des Auftrags kämen immer wieder zur Sprache. Der Auftrag der Bundeswehr, die afghanischen Sicherheitskräfte auszubilden und im Kampf gegen den Terrorismus zu unterstützen, ist klar und richtig, sagt Fries. Und bei allen Schwierigkeiten und Rückschlägen, die es dabei gibt, das ist nach wie vor sinnvoll, davon ist er überzeugt, denn für ihn gilt grundsätzlich: 

Es ist in jedem Fall sinnvoll, den Menschen, die, von wem auch immer unterdrückt werden, zu helfen.  

Und wie gefährlich ist so ein Einsatz für den Militärseelsorger? Da waren die Besuche in den anderen Militärcamps, etwa in Kundus, für ihn eine wichtige Erfahrung, auch weil die nicht so einen Schutz bieten wie Mazar I-Sharif. 

Da merkt man dann sehr deutlich, dass die Soldaten und Soldatinnen noch mal unter ganz anderem Gefahrenpotential im Lager leben und das ist ein Stück weit dann auch herausfordernd für einen selber, auch wenn wir jetzt vielleicht nur ein, zwei Tage da waren. Und wenn ich „wir“ sage, dann heißt das auch, dass ich als Militärpfarrer ja nie alleine unterwegs bin, sondern hab immer dann auch noch mal meinen Unterstützungssoldaten bei mir, der mich ja quasi beschützt, weil ich als Militärpfarrer ja keine Waffe tragen darf … ich will auch keine haben. 

Wie der Militärpfarrer mit Jesu Gebot der Gewaltfreiheit umgeht und wie es für ihn war, von Afghanistan ins Coronaland Deutschland zurück zu kommen, dazu mehr nach dem nächsten Titel.   

Teil 2 

Roman Fries ist Pallottinerpater, Seelsorger am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz und war als Militärpfarrer in Afghanistan. Wer wie ich in jungen Jahren aus christlicher Überzeugung in der Friedensbewegung aktiv war, für den ist klar: Einem Militärseelsorger muss die Frage nach der Gewaltfreiheit gestellt werden. 

Ja, Jesus hat Gewaltfreiheit gepredigt, das wissen wir, und gleichzeitig haben wir immer wieder Situationen erlebt, wie zum Beispiel die Landung der Alliierten in der Normandie, um eben Deutschland und die Welt von dem Nazi-Terror zu befreien. Das ist für mich so ein Bespiel, dass eben, wenn durch friedliche Bemühungen, diplomatische Bemühungen ein Frieden auf friedlichem Wege nicht herbeigeführt werden kann, das dann als letzte Möglichkeit Gewalt mindestens in Erwägung gezogen werden muss. Oder eben wie es ja jetzt konkret die Bundeswehr tut, die afghanischen Sicherheitskräfte fit zu machen in ihrem Kampf gegen die Aufständischen in ihrem Land. Und in dieser Hinsicht ist glaube ich die Gewaltfreiheit, die natürlich Jesus predigt, auch vielleicht in der Weise ausdehnbar.      

Der Ordensmann ist im November aus Afghanistan zurückgekommen und nun Seelsorger im Krankenhaus, wenige Wochen später kam das Coronavirus nach Deutschland. Für ihn hieß das: von einer Ausnahmesituation in die nächste: 

Bei der Bundeswehr gibts unter den Soldaten so einen Ausspruch, der heißt: Leben in der Lage. Das ist glaube ich die Situation, in der ich mich damals befand, als es dann ja quasi losging, Mitte März Maßnahmen zu greifen, um einer möglichen Welle dahingehend vorbereitet zu sein. Das wurde dann auch in die Tat umgesetzt, aber diese Anspannung, die war trotzdem dann da, weil man ja nicht weiß, wie wird es dann tatsächlich, weil immer natürlich auch mit ner Angst verbunden, sich mit dem Virus auch zu infizieren. Weil wir natürlich als Seelsorger auch zu den infizierten Menschen gegangen sind, um ihnen die Sakramente zu spenden, die Krankenkommunion zu bringen, für ein Gespräch offen zu sein. 

Die Lage ist fragil. Weltweit. Gibt es Lehren, die wir aus den verschiedenen Krisen ziehen können, frage ich Pater Fries am Ende. 

Also denken Sie jetzt an die Erderwärmung, die Klimaproblematik, die sich uns stellt. Auch noch mal so die wirtschaftliche Abhängigkeit von China, die sich ja jetzt noch mal in einer besonderen Weise offenbart hat. Also wir merken ja im Moment ganz viele Probleme, wo man eigentlich noch mal überlegen müsste, ob man manche Dinge nicht ändern könnte. Die Problematik liegt meines Erachtens daran, weil ja alles irgendwie mit allem zusammenhängt, macht es das Ganze so schwierig. 

Alles hängt in einer globalisierten und vernetzten Welt mit allem zusammen. Es gibt keine einfachen Lösungen. Aber das wäre noch einmal ein ganz neues Thema.

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13APR2020
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Anna Werle Bistum Trier (A. Werle)

Und mit Anna Werle. Sie ist Pastoralreferentin und Notfallseelsorgerin.

Notfallseelsorge ist Krisenseelsorge. Sie ist darauf ausgerichtet, Menschen in akuten Not- und Ausnahmesituationen zu beraten und zu stützen, also etwa Opfern, Angehörigen oder Helfern bei schweren Verkehrsunfällen oder bei anderen traumatischen Erlebnissen beizustehen, etwa bei plötzlichem Kindstod oder Suizid. Informiert und angefordert werden Notfallseelsorger von den jeweils zuständigen Leitstellen, also Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienste. 

Anna Werle ist seit einem Vierteljahrhundert in der Notfallseelsorge engagiert, neben ihrer normalen Arbeit als Seelsorgerin im Hunsrück-Dekanat Simmern-Kastellaun und als Ökumenereferentin des Bistums Trier. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs korrigiert sie mein Vorurteil, Notfallseelsorge finde vor allem auf der Straße, bei Verkehrsunfällen statt. 

Ich hatte in den 25 Jahren, 26 Jahren einen Verkehrsunfall, das kann jetzt Zufall bei mir sein, aber ich stand tatsächlich einmalauf der Hunsrückhöhenstraße. 

Viel häufiger ist sie mit Suizid in Kontakt gekommen, musste Menschen beistehen, die einen Angehörigen durch Selbsttötung verloren hatten.

Ich stelle es mir ungeheuer schwer vor, Menschen in solchen Situationen zu begegnen. Was macht man da, was kann man machen?    

Also ich sag eigentlich normalerweise, ich geh mit mir selber dorthin. Das heißt, ich geh in die Situation und guck, wie geht’s den Menschen, den Angehörigen, den Betroffenen, was kann ich machen, wie kann ich sortieren, und es geht meistens drum, die Situation mit auszuhalten. Also bei Suizid, das ist sehr verheerend für Angehörige, das ist auch nicht abzuschließen. Ansonsten bei Überbringung von Todesnachrichten oder sonstiges, ich weiß in dem Moment, wo wir klingeln, dass wie ein zerbrochener Spiegel, das Leben wie es bisher für die Angehörigen war, zu Ende ist 

Natürlich hat sie sich auch intensiv mit der Frage beschäftigt, wie es zu einem Suizid kommen kann. 

Also Suizid entwickelt sich als Idee oft, ist eigentlich als Hintergedanke auf dem Lebensweg für Menschen drin gewesen. Es ist auf jeden Fall für denjenigen oder diejenige, die Suizid begeht, eine Problemlösung. Dass das für Angehörige verheerend ist, nicht zu lösen ist, ist für den Suizidanten nicht im Blick. 

Und wie sehen die Reaktionen von Angehörigen aus, wenn sie mit der Nachricht kommt? 

Also es gibt ja in Tatorten oder Krimis öfters sehr realistisch angezeigte Reaktionen, wo Leute dann von der Tür weggehen und machen dann was ganz Alltägliches, als wär man gar nicht da gewesen. Das ist so eine von den Möglichkeiten. Ich bin einmal einer Frau nachgelaufen bis durch das Haus durch in den Garten, die hat nur das Setting gesehen, jemand in Zivil, zwei von der Polizei, der war sofort klar, irgendwas ist passiert, die ist weggelaufen, ja. Ansonsten setzt meistens ne Verdrängung ein, sodass man noch die Möglichkeit hat, Angehörigen zu sagen, setzen sie sich bitte hin, ich habe ne schlechte Nachricht für Sie. 

Was Notfallseelsorge mit Anna Werle als Mensch und als Glaubende macht, dazu mehr nach dem nächsten Titel   

Teil 2 

Anna Werle ist Notfallseelsorgerin. Und das seit über 25 Jahren. Es gab Jahre, da waren es schon mal acht bis zehn Einsätze pro Jahr, manchmal auch weniger. Natürlich geht ihr jeder neue Einsatz unter die Haut, muss verarbeitet werden, oft denkt sie noch länger darüber nach, ob sie alles bedacht und richtig gemacht hat, manchmal ist einfach Ablenkung a gesagt hinterher. Natürlich gibt es auch Seelsorgeangebote für den Seelsorger, Supervision. Aber es gibt auch in Anführungszeichen schöne Momente, erzählt Anna Werle, etwa wenn ihr eine Frau eine Karte schreibt und sich dafür bedankt, dass sie sie so festgehalten hat, während ihr Mann reanimiert wurde. 

Anna Werle ist Pastoralreferentin, hat Theologie studiert und sich also auch wissenschaftlich mit der Gottesfrage beschäftigt. Die Erfahrungen der Notfallseelsorge haben ihren Glauben durchaus verändert, bekennt sie. Wichtig ist ihr, … 

dass Glaube sich im Alltag bewähren muss! Das heißt, ich bin weg von irgendwelchen theologischen Plattitüden, also es muss wirklich halten. Also wenn Eltern zu mir sagen, ah, Karfreitag, Kinder, das ist zu belastend, wo ich dann sage, das müssen Kinder erleben dürfen, dass Menschen scheitern, dass es Ungerechtigkeit gibt und dass es ne Aussicht auf ein anderes Leben gibt oder dass wir eine Zusage haben, dass Gott mitgeht. Also dass dieser Weg aus diesem Wahnsinn, aus diesem Scheitern, aus diesem Tiefpunkt auch noch mal rausgeht, das müssen Kinder erleben dürfen. Die müssen auch erleben dürfen, das gibt’s auch bei anderen Leuten: Scheitern. 

Und was trägt, was hält sie? Es ist die Erfahrung, … 

dass Gottes Hände weiter gehen als unsere menschlichen Hände. Gottes Hände sind da. 

Und was heißt Ostern für sie? 

Dass es mehr gibt als unser Leben, dass es mehr gibt als das was wir Menschen packen und planen können und dass wir uns darauf verlassen können, auch wenn Verlust verheerend ist. Dass niemand verloren geht. 

Und Auferstehung?

Also für mich persönlich heißt es, bei Gott ankommen. Dieses Aufgehoben sein in Gott, nicht verloren zu sein, also nicht vergessen, nicht verloren, nicht umsonst, sondern aufgenommen, und auch: Es gibt ein Aufgehoben sein in Schuld, also auch die ist gegriffen, es bleibt nichts an Schuld. 

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16FEB2020
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Monica Sinderhauf Foto: B. Sonnen

Sie ist Archivarin, genauer gesagt, Leiterin des Trierer Bistumsarchivs, und als solche für tausende Meter Akten, Urkunden und Bücher von Bischöfen, Klöstern oder Pfarrarchiven verantwortlich. Das ist spannender und vielfältiger als es klingt, denn es geht keineswegs nur um die große Geschichtsschreibung, auch Familienforscher kommen.

Ah, da gibt’s ja dann auch ne ganze Reihe Leute die dann bei uns anfragen und darauf erpicht sind, dass sie irgendeinen Adligen finden (lacht), der in ihrer Familie, ja, sozusagen noch mal den Glanz in die Familie bringt. Also das sind so die Dinge, es ist eben nicht immer nur schnödes Papier, was vergilbt und was Eselsohren hat, sondern es ist ein Stück eigene Geschichte oder eben die Geschichte einer Institution.

Archivarbeit ist Gedächtnisarbeit. Es geht darum, das historische und kulturelle Erbe einer Gesellschaft zu erhalten. Das ist allen Archiven gemeinsam, ob Bundes-, Kreis- oder Bistumsarchiv.

Ob ich im Bistumsarchiv in Trier arbeite oder ob ich in einem großen Industrieunternehmen arbeite oder im Archiv einer politischen Partei oder eines Verbandes, eines Vereins: Wir stehen auf den Schultern unserer Vorfahren, brauchen ein Archiv und brauchen sozusagen dieses Gedächtnis in Papierform und von mir aus auch in Form von Filmen, Fotos oder sonst was.

Die Vergangenheit vor dem Vergessen zu bewahren ist wichtiger denn je, finde ich – gerade in Zeiten eines neu aufkommenden Rassismus und Antisemitismus und der Haltung, dass jetzt auch mal Schluss sein muss mit der Erinnerung - was gerade in Deutschland mit seiner Nazi-Vergangenheit gar nicht geht.

Ein aktueller Schwerpunkt des Trierer Bistumsarchivs ist die Aufbewahrung und Erschließung von Pfarrarchiven, die ins Bistumsarchiv kommen, etwa weil Pfarreien zusammengelegt werden, sie keinen Platz mehr haben oder ihre Unterlagen nicht fachgerecht lagern können. Da gilt es dann, die Akten nicht nur aufzubewahren, sondern so aufzubereiten, dass man später auch wieder findet was man sucht.

Denn irgendwann kommt die Pfarrei an und sagt, so, wir haben jetzt Pfarrfest, wir würden gern unsere Pfarrchronik, Pfarrgeschichte oder Jubiläumsfestschrift schreiben. Dann gibt es aber auch einen Schwerpunkt, der erst in den letzten Jahren immer dringlicher geworden ist, und das ist die Bestandserhaltung der Bestände.

Soll heißen, der Archivar kämpft gegen Säure und Holzwurm im Papier, gegen Tinten- oder Mäusefraß. Warum die Digitalisierung für Monica Sinderhauf dabei nicht der Königsweg der Bestandserhaltung ist und warum sie als Christin Archivarbeit trotz der drohenden ökologischen Selbstauslöschung der Menschheit für wichtig hält, dazu mehr nach dem nächsten Titel.

Teil 2

Dr. Monica Sinderhauf, Jahrgang 1962, hat Theologie, Geschichte und Kunstgeschichte studiert und anschließend die Ausbildung zur Archivarin gemacht. Seit 2013 ist sie Leiterin des Bistumsarchivs in Trier. Dokumente, Akten, Urkunden, Bücher für die Nachwelt zu erhalten, ist für sie kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, aus der Geschichte für heute zu lernen. Zu wissen, wie frühere Generationen gelebt und das Leben angegangen sind, ist wichtig für die eigene Identität heute, lautet ihr Credo. Das Bewahren und Erhalten über Jahrhunderte hinweg ist gar nicht so einfach, Papier ist anfällig für Schäden, Säure und andere Papierfresser machen dem Archivar das Leben schwer.

Doch die Digitalisierung müsste doch diese Probleme ein für allemal lösen. Ja und nein sagt Sinderhauf. Ihr Beispiel:

Unsere älteste Urkunde im Archiv ist aus dem Jahre 1003, die ist über 1000 Jahre alt. So, die kann ich natürlich digitalisieren, und dann digitalisiere ich ne Akte aus dem Generalvikariat und stelle beide Bilder nebeneinander, und das sind dann nur noch Bilder, die ich auf dem Bildschirm sehe, ich merke nicht mehr den Unterschied zwischen der Akte aus dem Generalvikariat und der Pergamenturkunde von Erzbischof Heribert. Hab ich die Dinge aber vor mir liegen, dann kann ich die Pergamenturkunde anfassen und weiß, dass sich das Pergament anders anfühlt als das Papier, was industriell hergestellt ist.

Mit anderen Worten: Mit den Original-Dokumenten geht auch die Kultur verloren, die drinsteckt. Hinzu kommt: Wenn man mit EDV-Leuten spricht, sagt Sinderhauf, dann reden die bei Bestandserhaltung oft nur über einen Zeitraum von zehn, 20 oder 30 Jahren, weil sich danach das Speichermedium schon wieder massiv verändert haben könnte. Für den Archivar ist dauerhaft aber etwas anderes.

Also dauerhaft heißt immer für die Ewigkeit. Also dauerhaft archivieren heißt also tatsächlich auch für die Dauer von 300, 400 Jahren unsere Pergamenturkunde ist über 1000 Jahre alt, also das müssen dann erstmal die digitale Archivierung leisten können, dass man das auch in 1000 Jahren, aber gut was weiß ich was man in zehn, zwanzig 100 Jahren alles entwickelt, die Menschen entwickeln sich weiter ich geh mal davon aus dass sie dann irgendwann entsprechende Formen finden um das dauerhaft zu archivieren. Mir reicht es wenn ich analoge Quellen habe von denen weiß ich die halten noch ne ganze Zeit lang

Apropos Ewigkeit. Wie geht die Theologin und die Archivarin Sinderhauf, der es um dauerhaften Erhalt geht, damit um, dass die Menschheit gerade dabei ist sich abzuschaffen und der Ewigkeit ökologisch ein Ende zu setzen.

Wir sind Christen, wir haben eine große Hoffnung, dass es in irgendeiner Form immer weiter geht, auch wenn wir uns vielleicht in einen anderen materiellen Zustand verändern, wir können jetzt auf eine 2000jährige Geschichte zurück blicken, ich bin ziemlich guter Hoffnung, dass es auch eine weitere 2000jährige Geschichte geben wird, wie die dann aussehen wird, das weiß ich nicht, aber ich will zumindestens mal die Möglichkeit geschaffen haben, dass auch unsre zukünftigen Nachfolger eine Chance haben, ein Gedächtnis zu haben.

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01DEZ2019
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Und mit Fiona Marker, Schülerin, 17 Jahre alt und Aktivistin der Fridays for Future Bewegung in Koblenz.Fiona Marker
Dass der Klimawandel ein Thema würde, sei ihr schon länger klar gewesen, erzählt sie mir bei unserem Treffen in ihrem Heimatort Urmitz, aber sie dachte, es ist noch Zeit. Doch dann kam Greta Thunberg mit ihrem Schulstreik. 

Da hab ich mich gefragt, warum sie das macht, und hab mich in die Richtung informiert, und ich dachte eigentlich schon immer ich wär relativ viel öko gewesen, und hab einfach gemerkt, dass es viel viel schlimmer ist als ich gedacht hätte, und da konnte ich dann nicht nichts tun. 

Man muss etwa tun, jetzt sofort, es ist keine Zeit mehr zu verlieren, man muss laut sein, um gehört zu werden. Das ist der Ansatz von Fridays for Future. 

Das Wichtigste was man tun kann, ist seine Stimme erheben, nicht mehr weggucken, nicht mehr still sein, sondern jedes Mal egal wie nervig man sich selber vorkommt, egal wie lächerlich man sich auch teilweise selber vorkommt, es muss immer wieder gesagt werden, um es den Menschen nahe zu bringen. Lösungen haben wir eigentlich, wir haben einen Großteil der Lösungen, Energiewende, Verkehrswende, wir wissen, was wir tun müssen, die Wissenschaft hat es schon lange gesagt, es fehlt tatsächlich der politische Wille, es liegt nicht da dran, dass es nicht machbar ist, es liegt da dran, dass man es nicht machen möchte.  

Fiona Marker ist ein durch und durch politisch denkender Mensch, das wird mir schnell klar in unserem Gespräch. Jeder einzelne kann und muss etwas tun, aber letztendlich geht es nicht ohne einen grundlegenden Wandel, ohne eine große Transformation, und da ist die Politik gefordert, sagt sie. 

Es geht einfach nicht ohne diesen systemischen Wandel, dass wir, ja, einfach den Alltag neu denken müssen und das braucht halt wirklich dann politische Maßnahmen und es braucht auch politischen Mut und genau das ist das was im Moment fehlt.  

Die Politik hat die Rahmenbedingungen zu setzen, muss Vorgaben machen, damit alle wissen wo es lang gehen könnte.

Ich meine, selbst die Wirtschaft hat ja jetzt härtere Maßnahmen gefordert, die Politik gefährdet ja genau dadurch dass sie keine Rahmen schafft, gefährdet sie ja diesen Wirtschaftsstandort Deutschland, und deshalb ist es halt eigentlich ne Katastrophe wie unsere Politik gerade damit umgeht. 

Klingt nicht gerade optimistisch, und tatsächlich ist es ja so, wenn wir so weitermachen wie bisher, wird die Klimakatastrophe unausweichlich sein. Warum sie sich trotzdem selbst verbietet, pessimistisch zu sein, das verrät uns Fiona Marker nach dem nächsten Titel.

    

Teil 2

  

Fiona Marker geht aufs Bischöfliche Cusanus-Gymnasium Koblenz. Die 17-jährige gehört zu den Aktivisten der Fridays for Future Bewegung in Koblenz. Ihr Engagement hat auch mit ihrem Glauben zu tun, sie ist in ihrer Kirchengemeinde aktiv, war Messdienerin, ist jetzt Lektorin. Beim Einsatz der Kirchen für die Umwelt sieht sie noch viel Luft nach oben. 

Es wäre die reale Aufgabe der Kirche auf die Menschen zuzugehen und nicht nur in der Kirche zu predigen, sondern auch zu handeln, zu tun. Der Auftrag der Menschen ist ja, gut zu leben, sozial zu leben, füreinander zu sorgen und natürlich auch die Schöpfung zu bewahren, und das tun wir im Moment eben nicht. 

So groß die Herausforderung Klimawandel ist, so gering ist die Bereitschaft nicht nur der Politik, sondern auch vieler Bürgerinnen und Bürger zur Veränderung, zur Umkehr, zur Änderung des Lebensstils, da deckt sich meine Einschätzung mit der von Fiona Marker. Muss man angesichts dieser Trägheit nicht pessimistisch sein? 

Pessimistisch sein ist hier ganz gefährlich, das ist auch das große Problem, weil man versuchen muss eben nicht pessimistisch zu sein, was durchaus schwierig sein kann, aber pessimistisch zu werden kann nicht die Lösung sein, also ich erwisch mich da zwar auch ganz häufig, dass ich sage, ach das bringt doch eh nix mehr, andererseits doch, es bringt was, wir haben noch Zeit, wir haben die Möglichkeiten, wir haben die Lösungen, und wenn wir alle zusammen, durch alle Bevölkerungsschichten und alle sozialen Schichten hindurch durch die Gesellschaft wenn wir alle zusammen arbeiten, dann können wir das Ding noch drehen, es wird schwierig, es werden große Veränderungen sein, aber wir können es schaffen und wir können es auch nur gemeinsam schaffen. 

Und wie viel Zeit haben wir noch? Auch die Wissenschaft sei sich noch nicht sicher, wann genau welche irreversiblen Schäden auftreten, sagt sie. Klar sei aber: 

Je länger wir warten, desto teurer und desto schwieriger wird es, die Klimakrise noch aufzuhalten beziehungsweise einzudämmen. Das Zeitfenster schließt sich eben, und es sind vielleicht zehn, vielleicht zwölf Jahre, aber es ist auf jeden Fall ne sehr sehr kurze Zeitspanne, wenn man bedenkt, wie langsam die Politik reagiert, wir müssen es jetzt angehen, wir haben keine Zeit zu verlieren und wir müssen jetzt sofort, eigentlich müssen wir gestern schon angefangen haben.     

Und genau deshalb wird das nicht eintreten, was manche Neunmalklugen denken, sagt sie. Das mit den Schülern werde sich schon wieder beruhigen. 

Das Thema ist jetzt für alle Zeiten beziehungsweise die Zeit, die uns noch bleibt, gesetzt, wir haben nicht den Luxus sagen zu können, das regelt sich dann irgendwann, also sobald man sich einmal umfassend informiert hat und diese Information akzeptiert, hat man keine Wahl, und das ist der Grund, weshalb wir nicht wieder weggehen werden, wir werden so lange kämpfen, bis wir das haben. Wir müssen das schaffen.  

Engagiert und zupackend, gut informiert und mit einem erstaunlichen politischen Durchblick. So habe ich Fiona Marker erlebt. Ich gestehe: Es ist lange her, dass mich eine 17-Jährige derart beeindruckt hat.

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15SEP2019
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Und mit Professor Dr. Reinhard Loske. Zum ersten Mal begegnet bin ich ihm in den neunziger Jahren. Als junger Projektleiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie hatte er im Auftrag des Umweltverbandes BUND und des katholischen Hilfswerks Misereor die Studie  „Zukunftsfähiges Deutschland“  erstellt. Das Thema schon damals: Wie können wir nachhaltig leben und die Schöpfung bewahren statt sie zu zerstören. Nachhaltigkeit wurde das Lebensthema von Reinhard Loske, fast zehn Jahre lang saß er für die Grünen im Bundestag. Anschließend war er Umweltsenator in Bremen, bevor es ihn wieder in die Wissenschaft zog. Prof. Dr. Reinhard Loske

Angesichts dieses Weges lautet natürlich meine erste Frage: Was treibt einen wie ihn dazu, mit 60 Jahren noch einmal neu anzufangen und Präsident der noch jungen und kleinen Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues mit ihren Schwerpunkten Ökonomie und Philosophie zu werden?     

Der Ökonomie ihre Einseitigkeit zu nehmen, von der sie heute geprägt ist, das war der Grund, warum ich an die Cusanus-Hochschule gekommen bin, und ich sehe dringend die Notwendigkeit, die Ökonomie aus ihrem engen Korsett zu befreien und sie wieder zu einer Sache zu machen, die uns alle angeht und die vor allen Dingen wegkommt von dieser kurzfristigen Rendite-Orientierung hin zur Wiedereinbettung der Ökonomie in Gesellschaft und Natur, also das hat mich hierher geführt. 

Seine Kritik an der heute gängigen Lehre: 

Sie idealisiert den Markt gegenüber der Gesellschaft. Zwar sind wir alle keine Engel, aber wir sind auch nicht nur Egoisten, und die Vorstellung, dass an alle gedacht ist, wenn jeder an sich selber denkt, springt arg zu kurz, und vor allen Dingen ist die heutige Ökonomie, nicht dazu in der Lage, die großen gesellschaftlichen Fragen, die klaffenden Ungerechtigkeiten und vor allen Dingen die ökologische Frage adäquat zu bearbeiten. 

Weg von der  vorherrschenden Lehre, wonach der Markt alles am besten regelt, weg von der ausschließlichen Orientierung an Wettbewerb und Rendite, weg von der Wachstumshörigkeit – nicht weniger als die völlige Umgestaltung des Wirtschaftssystems  hin zu mehr Gemeinsinn und Dienst an der Gesellschaft hat er sich auf die Fahnen geschrieben. Doch wie soll das gehen, frage ich ihn. Schließlich hat sich der Kapitalismus  tief in die menschlichen Herzen und Seelen gefressen. Mehr Gemeinsinn, weniger Eigensinn, ist das nicht ein etwas zu positives Menschenbild? 

Positiv ja, aber nicht naiv, die ökologischen Herausforderungen, nehmen wir den Klimawandel, der Schwund an biologischer Vielfalt, legen uns eigentlich nahe, dass wir nicht nur die Nächstenliebe und den Eigennutz pflegen sollten, sondern auch die Fernstenliebe, und dass es eben eine neue Balance zu finden gilt zwischen diesen beiden Interessen. 

Balance ist auch das Stichwort, das zum Namensgeber der Cusanus-Hochschule führt: Nikolaus von Kues, lateinisch Cusanus. Auch der große mittelalterliche Theologe, Bischof und Kirchendiplomat von der Mosel war schon vor 500 Jahren auf der Suche nach neuen Balancen, nach der Versöhnung der Gegensätze. Was das in Sachen Klima heute konkret heißt dazu mehr nach dem nächsten Titel.   

Teil 2 

Professor Dr. Reinhard Loske ist Präsident der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues mit ihren Schwerpunkten Wirtschaft und Philosophie. Genau darum geht es Loske: philosophisch reflektiert an einer lebensdienlichen Wirtschaft mitzuarbeiten. Dass dabei auch die Kirchen eine wichtige Rolle spielen können, hat die Umwelt- und Sozialenzyklika Laudato si von Papst Franziskus gezeigt, findet jedenfalls der Katholik Reinhard Loske: 

Also ich war sehr sehr positiv angetan, als das 2015 erschienen ist, laudato si, sowohl die Detailgenauigkeit und die Reflektion aller einzelnen Probleme, sei es der Klimawandel, sei es der Schwund an biologischer Vielfalt bis hin zu solchen praktischen Fragen wie Plastikmüll, wie Verschmutzung der Meere usw. 

Andererseits nehme die Enzyklika aber auch Grundsätzliches in den Blick, nämlich 

…dass es bei der ökologischen Frage nicht nur um Technik geht, und um Wirtschaft, sondern eben um Verantwortung und sicherlich auch, würde ich sagen, dass die Spiritualität dabei helfen kann zu erkennen, dass es auch noch was Größeres gibt als uns selbst.  

Die großen Zusammenhänge sehen, die anstehenden Aufgaben philosophisch und theologisch begründet angehen, Kulturwandel, Bewusstseinsänderung: alles schön und gut und richtig – aber – so werfe ich ein: müssen wir angesichts des Klimawandels die Dinge nicht viel schneller ändern, weil uns die Zeit davon läuft? Ja, das stimmt, räumt Loske ein: 

Es war im Prinzip schon alles gesagt Ende der achtziger Jahre. Seitdem ist der CO2-Ausstoß um zwei Drittel gestiegen im Weltmaßstab, also Grund für Pessimismus gibt es mehr als genug ich hab so ein bisschen die Sorge, dass aus dieser Haltung, ach wir müssen schon nix machen, uns wird schon zu gegebener Zeit etwas einfallen, jetzt das direkt umschlägt in ne Haltung man kann sowieso nix mehr machen, also lasst uns die letzte Party feiern, das wäre schlecht, also es ist schon ein Unterschied, ob man sich an eine Welt anpassen muss, die um 1,5 Grad wärmer ist oder an eine Welt die um drei, vier oder fünf Grad wärmer ist  

Drei zentrale Strategien sind es, die helfen, die Katastrophe noch zu verhindern, erklärt Loske: erstens so schnell wie möglich weg von den fossilen Energien, so schnell wie möglich sparsam mit Energie umgehen und sie erneuerbar erzeugen, zweitens die Konsum- und Kommerzorientierung überwinden und drittens nicht nur weniger Klimagase produzieren, sondern auch Aufforstung, eine andere Art der Landwirtshaft, Küstenschutz und  vieles mehr. 

Lange Rede, kurzer Sinn: ja, es gibt viel Grund für Pessimismus, aber es gibt auch Zeichen der Hoffnung, und ich würde nicht die These vertreten, es ist schon zu spät, aber wenn wir nicht sehr bald anfangen, könnte es schon bald zu spät sein, wir wären dann nur noch Vollstrecker von dem was die Sachzwänge uns abverlangen. 

Die Dinge realistisch sehen und trotzdem optimistisch ans Werk gehen, das ist eine christliche Grundhaltung. Das kommt mir in den Sinn, als ich mich von Reinhard Loske verabschiede – und ein Wort aus dem ersten Petrusbrief, das mir immer wichtiger geworden ist: Seid stets bereit, Zeugnis zu geben von der Hoffnung, die in euch ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29417
04AUG2019
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Wolfram ViertelhausBruno Sonnen trifft Wolfram Viertelhaus, ehrenamtlicher Vorsitzender des Fördervereins der Autobahn- und Radwegekirche S. Paul in Wittlich

Seit ziemlich genau zehn Jahren gibt es den Förderverein, ein Jahr nach der Gründung wurde St. Paul als Autobahnkirche eingeweiht. 44 Autobahnkirchen gibt es heute in Deutschland: Orte, die offen sind für Menschen unterwegs, die einmal beten oder zur Ruhe kommen wollen.
Doch St. Paul ist in mancherlei Hinsicht anders als andere. Die Kirche gehört einer Immobiliengesellschaft, es gibt eine feste Gottesdienstgemeinde und eben den Förderverein. Hintergrund: St. Paul gehörte früher den Steyler Missionaren. Die mussten aber ihre Wittlicher Niederlassung aufgeben.     

Und jetzt war diese wunderschöne Kirche da und wir sind ein Freundeskreis, die in den achtziger Jahren Kinder- und später Familiengottesdienste in St. Paul organisiert haben, und wir sind als Freundeskreis heute auch im Alter noch zusammen. Wir hatten, als wir anfingen keinen Masterplan, wir haben einfach gesagt, wir wollen diese wunderschöne Kirche, die wollten wir einfach erhalten, weil die für viele Menschen kirchliche Heimat ist.

Der Vorteil der Konstellation in Wittlich: Der Förderverein ist unabhängig und kann frei agieren. Der Nachteil: Er bekommt kein Geld von der Kirche, sondern muss seine Arbeit selbst finanzieren. Die Zusammenarbeit mit der Immobiliengesellschaft, die an der ehemaligen Steyler Niederlassung ein neues Wohnquartier gebaut hat, sei gut und für beide Seiten von Vorteil, sagt Viertelhaus.

Für viele Leute die da hinziehen, ist die Kirche und das was der Förderverein macht, auch ein Stück Anziehungspunkt, wir sind auch ein Stück Werbung für dieses neue Wohnquartier, sodass wir also für die Unterhaltung des Gebäudes zunächst mal nicht verantwortlich sind.

Doch auch die laufenden Kosten von etwa 1500 Euro im Monat für Hostien, Kerzen, Orgelspieler oder Energie wollen aufgebracht werden.

Und da entstanden dann ne ganze Reihe von Ideen, wie wir eben diese Kirche finanzieren, und wir haben sie dann eben ausgebaut zu einer Kulturkirche, wir haben regelmäßig diese Reihe Samstagabendgespräche. Wir haben Kino in der Kirche, Wittlich hat zurzeit kein Kino. Wir haben regelmäßig Orgelkonzerte. Unser großer Vorteil ist, dass wir Ideen, die aufkommen, sehr schnell verwirklichen können.

St. Paul liegt an der Route des Maare-Mosel-Radwegs von Daun über Wittlich nach Bernkastel, und seit 2012 ist das Gotteshaus auch Radwegekirche, eine Anerkennung, die die Evangelische Kirche verleiht. Wie viele Auto- und Radfahrer St. Paul im Jahr besuchen, ist schwer zu sagen, meint Viertelhaus, ein Anhaltspunkt sei der Kerzenverkauf. Zwischen 5000 und 6000 Kerzen würden pro Jahr verkauft, und Viertelhaus geht davon aus, dass vielleicht jeder zweite oder dritte Besucher eine Kerze anzündet.
Wichtig ist ihm, dass er hier Liturgie und  Gottesdienst freier, lebendiger gestalten kann als in einer normalen Kirche, dass er mitentscheiden kann, dass Laien zum Zug kommen. Das hat viel mit seiner Biographie zu tun, erzählt er. Aufgewachsen in einer religiös engagierten Familie, wie er betont, war er immer schon kirchlich aktiv, war Messdiener, hat gute Erinnerungen an seinen Religionsunterricht, studierte unter anderem Theologie, wurde Lehrer für Religion, Mathematik und Geschichte.

Ich habe auch einen wesentlichen Teil meiner Sozialisation in Studentengemeinden erlebt, in Bonn und Tübingen während meines Studiums, und wir haben damals, es war die 68iger Zeit, versucht, Gemeinde neu zu denken, zu demokratisieren, den Anteil der Laien an der Arbeit wesentlich zu stärken, und diese Frage, was Gemeinde eigentlich ist, hat mich sowohl theologisch immer schon interessiert wie auch in der Umsetzung. Christentum hat ganz wesentlich damit zu tun, dass man sich mit einer Gemeinschaft zusammenfindet und Glauben gemeinsam lebt, und dann hat sich plötzlich in St. Paul diese Möglichkeit aufgetan, ein Stück von dem, wovon wir in der 68iger Zeit geträumt haben, zu verwirklichen.

Wolfram Viertelhaus ist ein kritischer Geist, geprägt von der Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Situation der Kirche heute sieht er sehr zwiespältig.

Ich gehör zu der Generation, die erlebt hat, dass Kirche wandelbar ist. Ich hab als Messdiener noch Latein lernen müssen und hab dann erlebt, wie durch das Zweite Vaticanum die Liturgie völlig verändert wurde, wir haben in unserer Zeit in Bonn sehr viel experimentiert, halbe Nächte über Texte diskutiert, das ist etwas was man sich heute kaum noch vorstellen kann, aber ich hab halt erlebt das Kirche wirklich veränderbar ist

Doch der Aufbruch der Kirche blieb stecken, vor allem das Pontifikat von Johannes Paul II. war für ihn eine Enttäuschung, sagt er rückblickend, und die aktuelle Tendenz zu immer größeren Pfarreien widerspricht seinem Bild von Gemeinde.

Für mich ist, dass ich sonntags in St. Paul in die Kirche gehe, ne wesentliche Motivation, dass da viele meiner Freunde sind, mit denen ich auch anschließend zusammen diskutiere, wir gehen nicht nach Hause gleich, wir sprechen noch miteinander.

Bei aller Kritik an der Kirche, der christliche Glaube – und da treffen sich unsere Einstellungen - ist und bleibt für Wolfram Viertelhaus fundamental in seinem Leben:

Für mich ist das, was das Neue Testament transportiert, immer noch ganz entscheidend und für mich auch Lebenshilfe, wenn ich an die Bergpredigt denke, an die Gleichnisse und so weiter, das sind einfach unübertroffen Dinge, die mit der Person Jesu zu tun haben, die mir helfen und mich tragen, auch in der Lebensphase in der ich jetzt bin, immer häufiger bekomme ich Todesnachrichten von Freunden, auch Verwandten, Wegbegleitern in verschiedenen Lebensstadien, und ich merke, der Glaube ist etwas, was mir hilft, was mich trägt und worauf ich hoffe, dass das auch in Zukunft so bleibt.   

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16JUN2019
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Und mit Carl-Heinz Jung aus Koblenz-Lay, 66 Jahre alt, Ruheständler, aber ein sehr aktiver Ruheständler. Der gelernte Bankkaufmann steht für eine vielleicht einmalige, in jedem Fall aber sehr ungewöhnliche Verbindung. Er ist nicht nur regelmäßiger Jakobspilger, durch ihn fungieren von hier bis Spanien mittlerweile rund 60 000 selbstgebaute Nistkästen für Vögel, Fledermäuse und Wildbienen als Wegmarkierungen auf dem Jakobsweg.   Carl-Heinz Jung

Mit dem Pilgervirus wurde er schon als kleiner Junge infiziert. Jung erinnert sich noch gut daran, wie er an kalten Winterabenden an der wärmenden Herdplatte des Großvaters saß. 

Und über der Herdplatte war die Pilgerurkunde vom Opa von 1898 und dann hat er erzählt, wie toll das war, als er über die Alpen nach Rom gepilgert ist, er hat´s mit Kolping gemacht damals. 

Seitdem war er vom Wunsch beseelt, es dem Großvater nachzutun und sich auf den Weg zu machen. Doch es sollte dauern. Die berufliche Karriere führte ihn erst einmal zu verschiedenen Großbanken der Republik. Doch 2008 war es dann endlich soweit. Er hatte Kontakte nach Spanien, und er machte sich auf den Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Seitdem ist er jedes Jahr mindestens einmal unterwegs auf dem Jakobsweg, und er kann es nur jedem empfehlen, es auch zu tun: 

Es hilft Ihnen zu sich selbst zu finden, denn wir sind ja heute in einer Welt die halt nur noch an Geld, an Wissenschaft, und was so alles nicht glaubt, wir sind nicht mehr das, was wir eigentlich von Geburt aus sind, wir sind nicht mehr geerdet. Und deswegen, laufen Sie, gehen Sie wenn Sie irgendwie können, auf den Jakobsweg, das hilft Ihnen.   

Pilgern ist für Carl Heinz Jung Beten mit den Füßen und ein Weg zur direkten Gottesbegegnung. Seine Erfahrung: 

Du musst mit deinem Herrgott auf Augenhöhe reden, sprich mit ihm, und er wird dich auch erhören, und das sind die Dinge, die wir brauchen, wir haben keinen strafenden Herrgott, wir haben einen liebenden Gott, und da sollten wir viel, viel mehr Augenmerk darauf richten. Ich bin fest davon überzeugt dass unser Herrgott gütig ist, der jetzige Papst hat ja gesagt gehabt, der Herrgott ist halt ganz einfach barmherzig. 

Und noch eine Erfahrung, die er gemacht hat und die ihm wichtig ist: Beim Pilgern merkt man, was man wirklich braucht für ein gelingendes Leben, und das ist viel weniger als man denkt. 

Ich selbst bin jetzt bereits 13 Mal in Santiago gewesen, zweimal in Rom, und mit sechseinhalb Kilo kommen Sie wunderbar aus, und wir brauchen wirklich nicht mehr, und Sie begegnen, wenn sie es wollen, unterwegs Ihrem Schöpfer. Und Sie begegnen ihm dann, wenn Sie es nicht glauben, dass er kommt. 

Und wann kommen jetzt die Bienenhotels und Vogelnistkästen ins Spiel, werden Sie fragen. Dazu dann gleich nach dem nächsten Titel.

Teil 2 

Carl Heinz Jung ist Jakobspilger. Und Naturschutzaktivist. Er ist für über 60 000 Nistkästen verantwortlich, die in den letzten gut zehn Jahren als Wegmarkierungen entlang der Jakobspilgerwege von Deutschland bis Santiago de Compostela in Spanien aufgehängt worden sind - gut erkennbar am Symbol der Pilgermuschel. Den Grund für sein Engagement fasst er ebenso kompakt wie einleuchtend in einem Satz zusammen: 

Wir haben jetzt in den letzten 30 Jahren 321 Millionen weniger Vögel in Europa und fast 80 Prozent weniger Insekten, schauen Sie mal auf Ihre Windschutzscheibe. 

Seit seinem ersten Jakobsweg 2008 baut und hängt er Nistkästen auf, mittlerweile hat der engagierte Netzwerker rund 100 Mitstreiter von hier bis Spanien. Unterstützung erhält er auch vom Naturschutzbund Nabu. Glaube und Artenschutz, der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung sind für ihn untrennbar miteinander verbunden. 

Ich bin fest davon überzeugt, das alles eine Ordnung hat, alles ist miteinander verbunden und somit können wir im Kleinen wieder das der Erde zurückgeben und den Menschen, was ja eigentlich schon immer da gewesen ist.  

Fast schon überflüssig zu sagen, dass der Bankkaufmann im Ruhestand die Umweltenzyklika Laudato si von Papst Franziskus toll findet, ebenso wenig überraschend ist, dass er von der etablierten Politik enttäuscht ist, wenn es um die den Umweltschutz in Zeiten des Klimawandels geht und dass er die Fridays for Future Bewegung der Schüler für wichtig hält:

Die Politik verspricht viel, hält und tut aber wenig, lautet seine Kritik, und redet sich, engagiert wie er nun mal ist, bei dem Thema richtig in Rage. Und: jeder kann etwas tun, und Jung hat ganz konkrete Vorschläge: 

Da wird so viel Geld für Eckpunktepapiere ausgegeben, gehen wir doch lieber her und gehen in die Kindergärten und klären auf, zeigen, dass ne Wildbiene nicht sticht, zeigen, welche Vorteile wir haben können, wenn ich am Haus zwei Vogelkästen hab mit nem 26iger Loch für ne Kleinmeise, mit nem 28iger Loch für ne größere Meise, oder mindestens zwei Fledermauskästen mit unterschiedlich großen Einflügen, damit die Zwergfledermaus oder der große Abendsegler mit rein kann, also wir haben so viele Möglichkeiten, und fangen wir doch einfach an. Wir haben so viele Kindergären, die auch gerade kirchlich mehr oder weniger betreut werden und wenn die Politik zu dumm ist um es in den öffentlichen Kindergärten umzusetzen, würde ich mich freuen wenn die Kirche da mehr tun könnte. 

Und dass die Kirche in Sachen Umweltschutz in die Gänge kommt, ist für Jung aber auch unerlässlich, da sind wir uns wie so oft während unserer Begegnung einig. Auch das bringt der pilgernde Umweltaktivist am Ende kompakt auf den Punkt. 

Ein Christ, der kein Umweltschützer ist, ist für mich kein Christ.

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05MAI2019
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Schwester Ursula Hetewich, Foto: Bruno SonnenBruno Sonnen trifft Schwester Ursula Hertewich

Die 43-Jährige stammt aus einer alteingesessenen saarländischen Apothekerfamilie, studierte Pharmazie und arbeitete mehrere Jahre in der elterlichen Apotheke in Wadgassen. Heute ist sie Arenberger Dominikanerin. Wie kam es dazu, will ich als erstes von ihr wissen, als wir uns an einem sonnigen Frühlingstag in ihrem Kloster im Koblenzer Stadtteil Arenberg treffen.

Das frage ich mich manchmal auch wie das eigentlich passiert ist. Ich war schon von Kindheit und Jugend an ein Mensch, der sehr intensiv Gott gesucht hat, die Frage nach Gott war mir wirklich wichtig, seit ich denken kann. Und dann war es so, dass ich mit 23 Jahren Apothekerin war, und dann auch relativ bald promoviert habe und irgendwie so mit 25 war eigentlich alles super in meinem Leben, aber ich hab irgendwie gemerkt, mir fehlt was.

Und so machte sie sich auf die Suche, ging zur Beratungsstelle „Berufe der Kirche“, kam in Kontakt mit dem Kloster Arenberg

Ja und ich kam das erste Mal hierher im Januar 2003 und muss gestehen, dass an einem Tag alle meine Vorurteile wie ein Kartenhaus zusammengebrochen waren, ich hab hier ganz bodenständige Schwestern vorgefunden, sehr weltverbunden, sehr lebendig und überhaupt nicht verschroben, einfach auch glücklich und das hatte auf mich ne ganz große Ausstrahlung und da hab ich gedacht, boh die Frauen leben genau das was du dir für dein Leben wünschst. Da sind nicht die Klostermauern, die uns abschotten, sondern ne ganz große Herzensoffenheit für alle möglichen Menschen, und das hat mich sehr begeistert hier, und ja, so kam es, dass ich dann drei Jahre später eingetreten bin.

Dass sie sich bei den Dominikanerinnen von Anfang an wohlfühlte und bis heute ihre Entscheidung nie bereut hat, mag auch mit daran liegen, dass der Arenberg ein durchaus besonderes Kloster ist. Hierher kommen Menschen, die eine Auszeit nehmen wollen, Kraft tanken, etwas für Körper, Geist und Seele tun wollen. Die Schwestern und ihre Mitarbeiter betreiben ein Gästehaus mit fast 100 Betten, Kloster Arenberg ist zwar keine Kurklinik, aber es gibt ein reiches Angebot an Kursen, Anwendungen und Therapien nach ganzheitlichen Prinzipien, Massagen, Gymnastik, Vorträge, Meditation, Musik. Der Arenberg gilt als Wellness-Kloster. Schwester Ursula gehört zum fünfköpfigen Seelsorge-Team.

Ich leite mit meinen Kollegen jeden Morgen Morgenimpulse, wir wechseln uns da immer ab, dann auch Nachtimpulse, Gesprächskreise, aber meine Hauptaufgabe sind einfach Einzelgespräche, weil viele einfach persönlich das Gespräch suchen während ihres Aufenthalts und daher sitze ich eigentlich  jeden Tag mehrere Stunden hier und höre zu - was ich aber auch sehr gerne mache.

Die Menschen, die kommen, sind ebenso verschieden wie ihre Themen, Anlegen, Sorgen und Sehnsüchte, erzählt Schwester Ursula.

Das sind nicht immer nur die schweren Krisensituationen, das sind aber allgemein Menschen, die sagen, ja, ich möchte bewusst einen Schritt setzen oder bewusst eine Entscheidung fällen, wo ich dann einfach zuhöre und auch so einfach sage, was ich wahrnehme, mehr tue ich eigentlich gar nicht, so und, ja, das ist ganz bunt, und das liebe ich eigentlich auch so, ich weiß nie, was am Tag auf mich zukommt, und von größten Katastrophen bis wirklich wunderbaren Geschichten ist alles dabei.

Bevor sie ins Kloster eintrat, hat sie Pharmazie studiert und in der elterlichen Apotheke im Saarland gearbeitet. Familienleben war ihr immer wichtig, und zwischen Kloster- und Familienleben gibt es durchaus Gemeinsamkeiten, findet sie. Die Familie, in die man hineingeboren wird, kann man sich genauso wenig aussuchen wie die Mitschwestern im Kloster, sagt sie

Also das ist vielleicht das, was Familie vielleicht ausmacht, dass man ein Miteinander versucht, man ist sich anvertraut, manchmal auch zugemutet und in diesem Setting versuchen wir Gemeinschaft zu leben, also es hat schon was Familiäres, ja.

Wer sich mit Schwester Ursula unterhält, der merkt schnell: Da ist ein Mensch, der seine Erfüllung gefunden hat, der angekommen ist, der Ausstrahlung hat, dessen Begeisterung ansteckend ist. Was macht ihren Glauben aus, was ist wichtig für sie, will ich wissen.

Für mich hat der christliche Glaube eine ganz große Weite, also wenn ich zum Beispiel das Evangelium lesen, dann bin ich immer wieder ergriffen, auf welche Weise Jesus mit den Menschen unterwegs war, und da gibt es einfach nichts, was nicht sein darf in der Beziehung zu Gott, also im Evangelium ist eigentlich so das ganze Menschsein drin, und das ist das was mich immer so fasziniert, Gott sagt nicht irgendwann, so, ich habe keine Lust mehr auf euch, macht euren Kram allein, sondern dieses immerwährende Mitgehen und auch ins Leben hinein befreien was Jesus auch mit den Menschen gelebt hat, also das ist das was mich wahnsinnig fasziniert, und das möchte ich gern auch in die Welt hineintragen, genau dieses Befreiende, die Freude, die nicht oberflächlich ist, sondern wirklich tief gründet, also das ist etwas was mich total begeistert, und wo ich sach, ja, das möchte ich gerne auch vermitteln.

Wer so glaubt und lebt wie Schwester Ursula, für den ist also alles klar, könnte man meinen, Fragen und Zweifel gibt es nicht. Doch so einfach ist das nicht, weder bei ihr noch bei ihren Mitschwestern. Auch da gibt es Höhen und Tiefen, Auf und Ab im Glaubensleben, erzählt mir Schwester Ursula. Und sympathisch und vertraut ist  mir auch das, was sie am Ende auf meine Frage antwortet, wer Gott für sie ist.

Auf der einen Seite der allernächste und auf der anderen Seite der den ich überhaupt nicht verstehe, ich hab da im Moment gar kein festes Bild mehr von ihm, ich kann nicht sagen, er ist der Freund, er ist der Hirte, er ist aber irgendwie der, der da ist, manchmal wenn er vielleicht am weitesten weg ist, ist er vielleicht auch am nächsten, der der da ist, ich bin da, das ist er.

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Lothar WagnerSeit Sommer letzten Jahres arbeitet der 45 Jahre alte Sozialpädagoge und Theologe im Südsudan. Südsudan? Richtig, das ist jener Staat in Nordosten Afrikas, der sich nach jahrzehntelangem Krieg 2011 die Unabhängigkeit vom Sudan erkämpfte, seitdem aber nicht zur Ruhe kommt. Es herrscht Bürgerkrieg. Die Folge: 400 000 Tote, über ein Drittel der rund 13 Millionen Einwohner auf der Flucht, in Camps im Inland oder benachbarten Ausland – und: UN-Schätzungen zufolge fast 20 000 Kindersoldaten. Hier setzt die Arbeit von Bruder Lothar und seinem Team an.

Wir arbeiten auf der Straße mit streetworkers in Wau, der zweitgrößten Stadt im Südsudan, das ist eine Hochburg für Kinder, die auf der Straße leben müssen, haben wir 1200 Kinder, die eben auch keinen Kontakt mehr zu ihren Familien haben, viele ehemalige Kindersoldaten. Kinder können jederzeit 24 Stunden uns aufsuchen, und erhalten dort die primären Grundbedürfnisse wie Nahrung, sie können eine Dusche nehmen, können ihre Kleidung waschen, können dort spielen, und die Kinder, die wieder nach Hause möchten, begleiten sie zu einem Familienbesuch und eben mit der Zielführung, sie wieder dort zu integrieren, und auch wieder von der Straße in die Schule zu bringen.

Jungen Menschen beizustehen, die getötet haben, die Leid verursacht oder gesehen haben, die selbst Opfer von Gewalt geworden sind, ist nicht leicht.  Zunächst einmal heißt es einfach da zu sein für sie, sagt Bruder Lothar. Vertrauen aufbauen, Geborgenheit schenken, das ist schon Teil der Therapie:

Dass Menschen, Kinder, sich austauschen können, dass sie feststellen, sie sind mit ihrem Leid nicht alleine, das ist für mich schon ein großer Erfolg, es ist immer ein Hochamt für mich, wenn die Kinder am Abend einen Zeichentrickfilm sehen können, 17, 18-Jährige, die nach einer Wiederholung nach anderthalb Stunden rufen, die begeistert sind, und einfach die jungen Menschen wieder ihre Kindheit nachholen zu lassen, das ist glaube ich auch ganz wichtig schon für die gesamte Entwicklung des Menschen

Doch die Arbeit der Salesianer geht weit über die Therapie von Leiderfahrung und Kriegstraumata hinaus. Der Orden unterhält wie in anderen Ländern auch, im Südsudan Schulen und Berufsschulen. In Wau bietet er Ausbildungen zum Maurer, Schreiner, Elektriker oder Computerfachmann an. 

Es ist ja wichtig, dass wir jungen Menschen Perspektiven geben, Hoffnung geben, ne Ausbildung geben, und dass der junge Mensch in der Lage ist, die Familie auch zu ernähren, und einen Beitrag zum Frieden auch leisten kann, weil es sind ja die jungen Menschen, die jetzt am Boden liegen, die das Land wieder aufbauen müssen, nicht wir gehen dorthin, und bauen das Land wieder auf, sondern die Menschen vor Ort müssen ihr Land wieder aufbauen.

Der Südsudan ist nicht das erste, sagen wir, schwierige Land, in dem der Ordensmann arbeitet. Vorher war er in Sierra Leone und Liberia.

Teil 2

Das Tätigkeitsprofil immer ähnlich:  Arbeit mit ehemaligen Kindersoldaten, Straßenkindern, Opfern von Gewalt. Woher nimmt er die Kraft, sich immer wieder neu auf solche Einsätze einzulassen, will ich wissen, sich aufzumachen und ins Elend hinein zu gehen, zu helfen?

Für mich ist immer wichtig auch deutlich zu machen, es ist keine one-man-show, ich bin nicht alleine, wir sind ein starkes Team, hochmotiviertes Team von Ordensleuten, von Mitarbeitern, von Ehrenamtlichen, das ist entscheidend. Aber letztendlich glaube ich ohne meinen Glauben wäre das nicht möglich, ne. Ohne Gott würde ich nie und nimmer im Südsudan leben können.

Millisekunden der Gotteserfahrung nennt er es, wenn er im Gegenüber den Mensch gewordenen Gott erkennt, wenn sich für einen kurzen Moment der Himmel öffnet:

Es sind kleine Momente, Augenblicke. Wenn ich den ehemaligen Kindersoldaten oder Straßenkindern in die Auge schaue, hab ich manchmal das Gefühl Christus schaut mich an, Christus, der heute seinen Kreuzweg geht, er geht ihn immer wieder neu, und die Menschen, die heute das Kreuz tragen, das sind die Kinder, die jungen Menschen für mich, denen ich begegne, täglich auf den Straßen, als Christen, als Katholiken, müssen wir uns ganz klar positionieren an diesen Kreuzwegen unserer Zeit. Sind wir die Apostel, die schlafen im Garen Getsemane oder sind wir wirklich Simon von Cyrene, der hilft das Kreuz zu tragen, oder Veronika, die das Schweißtuch reicht, ne, und ich denke, das aktualisiert sich heute je neu an jedem Ort, dafür braucht man nicht nach Afrika zu gehen, das kann man  auch hier in Deutschland, man muss nur aufmerksam sein.

Er ist kein Sozialromantiker, dieser Salesianer, aber ein waches Gespür für Fehlentwicklungen, Unrecht und Gewalt hatte er immer. Schon als Schüler beteiligte er sich an Mahnwachen gegen den Irak-Krieg und war politisch aktiv, bevor die Begegnung mit einem Ordensmann seinem Leben die heutige Richtung gab. Sein politisches Denken ist geblieben, etwa, wenn es um die staatliche Entwicklungshilfe geht. Die will er nicht pauschal verurteilen, aber:

Wir dürfen nicht glauben, dass wir die Probleme am Schreibtisch im Büro mit dem Laptop lösen, wir müssen in den Dialog mit den Menschen treten, es braucht da wirklich die Partnerschaft mit den Menschen vor Ort und es darf nicht oberlehrerhaft sein: Wenn ihr das nicht tut, kriegt ihr keine Entwicklungshilfe mehr, diese Beziehung, die darf es nicht mehr geben.

Kurz nach unserem Gespräch in Trier ist Bruder Lothar wieder in den Südsudan aufgebrochen, um an der Seite der geschundenen Menschen an Aussöhnung, Heilung und Frieden zu arbeiten. Ich verfolge seinen Weg seit langem. Und ich bin immer wieder neu beeindruckt von seinem Zeugnis. Ich bin Christ wie er, aber ich weiß: Ich könnte das so nicht.

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Pater Gerd EigelshovenUnd mit Gerd Eigelshoven. Seit fast einem Vierteljahrhundert arbeitet der Pater vom Orden der Redemptoristen als Telefonseelsorger in Trier. Telefonseelsorge ist ein Angebot für Menschen in Krisensituationen. Beziehung und Partnerschaft, Familie, Einsamkeit, Trauer, Sterben und Tod, das sind die häufigsten Problemfelder von Menschen, die sich an das anonyme und kostenfreie Angebote der Kirchen wenden. Jemand, der so lange wie Pater Eigelshoven dabei ist, nimmt aber auch grundlegende Veränderungen wahr, individuelle wie gesellschaftliche.

Der Mensch heute, so wie ich ihn erlebe und auch jetzt mal 24 Jahre zurückdenke, er ist ein viel mehr Getriebener, er ist nicht ein Geforderter, sondern einer, der sich oft als überfordert wahrnimmt, der sich sehr sehr vielen schwierigen Situationen ausgesetzt sieht, die er in immer kürzerer Zeit möglichst auch leisten oder lösen soll. Das überfordert. 

Was sich auch geändert hat: Die Zeit ist schnelllebiger geworden, die Menschen ungeduldiger.

Ja, ich glaube, es hat sich verdichtet, Dinge die früher auch mit mehr Geduld angegangen wurden, oder wo in einer schwierigen Situation in Ehe und Partnerschaft bei beiden Seiten auch gesagt wurde, wir schauen mal, wie wir wieder einen Weg zueinander finden, da erlebe ich heute eher die Bereitschaft, auch einen Cut zu setzen und zu sagen, gut, es funktioniert nicht mehr, da erlebe ich am Telefon oft die Aussage, das wars jetzt, es reicht.

Und spielt da auch die Digitalisierung unseres Lebens eine Rolle, Stichworte Facebook, Whats app, Twitter und Co.? frage ich Pater Eigelhsoven.

Es spielt aus meiner Sicht sehr sehr negativ mit rein. Also ich sag ganz ehrlich, mich schüttelts, wenn ich höre, dass Beziehungen auseinandergehen per SMS oder whats app, und das hören wir immer wieder einmal, dass dann gesagt wird, ja ich hab jetzt ne whats app geschrieben oder eine SMS geschrieben, da steht jetzt drin, ich les sie ihnen vor, ja, das wars, tschüss, weiter schönes Leben!

Eine wachsende menschliche Oberflächlichkeit ist da für ihn ein Stichwort. Und das Wort Freundschaft bekommt einen ganz anderen Klang.

Es mag ja sein, dass ich auf irgendwelchen sozialen Plattformen 50 oder 150 follower habe, ich hab da nicht einen einzigen, ich brauche den auch nicht, ja, ich weiß auch nicht, was das heißen soll, und wenn das Freundschaft ist und ich mich frage, ob ich in einer schwierigen persönlichen Situation einen solchen follower anrufen würde, dann schüttelts mich wieder.

Was es heißt Telefonseelsorger zu sein, was für Pater Eigelshoven besondere Erfahrungen waren,  und was Weihnachten für die Telefonseelsorge bedeutet, dazu mehr nach dem nächsten Titel.

 

Teil 2

 

Und mit Pater Gerd Eigelshoven. Er ist seit fast 25 Jahren Telefonseelsorger in Trier und geht zum Jahresende in den Ruhestand.

Bei der Telefonseelsorge arbeiten sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche, allen gemeinsam ist die Bereitschaft, für Menschen in Krisensituationen da zu sein, ihnen zuzuhören, sich Zeit zu nehmen für den anderen. Aber kann man das lernen? Ja, sagt Eigelshoven und dazu ist auch die anderthalb Jahre dauernde Ausbildung da, die jeder angehende Telefonseelsorger machen muss.

Nicht selten ist der Telefonseelsorger auch nur der erste Ansprechpartner für jemand, der sich mit seinem Problem an ihn wendet. Da ist dann die Telefonseelsorge auch eingebunden in das Gefüge anderer Einrichtungen wie etwa die der Lebensberatung.

Denn es gibt durchaus Situationen, wo wir sagen, wissen Sie, wir kommen jetzt am Telefon nicht wirklich weiter, und es macht auch keinen Sinn, auf Dauer jetzt alleine mit Ihnen weiter zu sprechen, wenn Ihre Partnerin oder ihr Partner nicht dabei ist. 

Ich stelle mir vor, dass der Dienst am Telefon ganz schön belastend sein kann. Ist er, bestätigt mir Pater Eigelshoven, und erinnert sich an den Fall einer jungen Mutter aus seiner Anfangszeit   

Ich weiß noch, vier kleine Kinder, und sie hatte alles vorbereitet für ihren Suizid, und hat auch gleich dazu gesagt, ich möchte nur, dass es nachher, wenn mein Mann ins Visier der Kriminalpolizei kommen sollte, dass jemand dann für ihn aufsteht und sagt, er war es nicht, ich hab Kenntnis. Deshalb rufe ich an. Und da sind mir im wahrsten Sinne des Wortes wirklich die Kniescheiben getanzt, ich bin nach Hause gegangen und wusste nicht, wie ist die Sache ausgegangen, und einen Tag später steht eine junge Frau hier in der Dienststelle mit einem Blumenstrauß und wollte sich erkundigen, mit wem sie in dieser Nacht gesprochen hat.

Weihnachten, das Fest des Friedens und der Familie, steht vor der Tür. Dass an Weihnachten besonders viele Menschen bei der Telefonseelsorge anrufen, weil sie keine Familie haben und einsam sind, ist ein Klischee, das sich hartnäckig hält, dass er aber nicht bestätigen kann, sagt Eigelshoven.

Ich habe jedes Jahr an Weihnachten Dienst gemacht und gerne Dienst gemacht, das kann sein, im Jahr a ist unglaublich was los, und gibt es auch auf einmal viele einsame Menschen, und im Jahr b hat man das Gefühl, da ist aber auch nicht einer einsam, da kommen also Anrufe zu allen möglichen Allerweltsthemen, hat aber mit der Situation Weihnachten nicht die Bohne zu tun.

Kompetent, sensibel und zugewandt, klar und gleichzeitig behutsam in der Sprache, ernst, wenn es ernst wird, doch die Grundstimmung heiter, so habe ich Gerd Eigelshoven erlebt in unserer Begegnung. So wünsche ich mir Seelsorger.

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