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28AUG2021
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Der Publizist Erik Flügge hat einmal Pfarrerinnen und Pfarrer danach gefragt, ob sie an die Auferstehung Jesu oder an das Leben nach dem Tod glaubten. Dabei hätten sich alle gewunden und irgendwie verschwurbelt und kompliziert geredet. Nie hätte er eine klare Antwort bekommen.

Mich hat Erik Flügge nie gefragt. Würde er es tun, wäre meine Antwort ganz schlicht: Ja, glaube ich. Trotzdem kann ich verstehen, wenn eine Kolleg:in da anfängt, kompliziert zu reden. Vor allem wenn man jemanden begegnet, der oder die gerade jemanden verloren hat. Da will ich der Trauer Raum geben und nicht gleich von Auferstehung reden.  

Allerdings, wenn ich heute zu Trauernden gehe, bin ich dennoch etwas mutiger geworden. Und das liegt an der Mutter von Sophie. Sophie war selbst Mutter von zwei Kindern und ist gestorben. Und kurz nach ihrem Tod, hat mir ihre Mutter ganz offen davon erzählt, wie sie sich vorstellt, dass ihre Tochter in den Himmel kommt und dass es ihr da jetzt gut geht. Und natürlich sei das alles sehr traurig, unendlich traurig, aber ihre Enkel, die jetzt mit dem Vater leben, die sollen doch nicht ständig in Trauer sein. Sie sollten doch weiterleben. Gut weiterleben!

Seitdem traue ich mich schneller, davon zu reden, dass ich an ein Leben nach dem Tod glaube. Und an die Auferstehung. Natürlich für die Verstorbenen, aber mindestens genauso wichtig erscheint mir dieser Glaube und dieses Vertrauen für die Lebenden. Denn das wünsche ich mir für sie wirklich: Dass sie – nach der Zeit, die sie dafür brauchen – wieder ins Leben finden. Dass sie auferstehen können. In ein anderes, ein neues Leben nach der Trauer.  

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27AUG2021
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Manchmal muss man getrennte Wege gehen. Manche Freundschaften, manche Familienbande und mache Ehen zerbrechen. Das tut immer weh und trotzdem ist es bisweilen besser.

Das erzählt sogar die Bibel. Von der ja viele annehmen, sie würde uns gebieten, für immer zusammen zu bleiben. Weil das nun mal Gottes Wille sei. Aber die Geschichte von Abraham und Lot geht anders:

Lot war der Neffe von Abraham und sie sind zusammen mit ihrer Sippe, ihren Hirten und ihrem Vieh unterwegs. Abraham und Lot kommen also aus der gleichen Familie. Muss die nicht zusammenhalten? So dachten sie jedenfalls zuerst. Dann aber wurden die beiden zu Konkurrenten. Ihre Hirten stritten sich und es wurde klar: Es ist nicht genug Platz für alle Tiere da. Also beschließt Abraham: Es ist besser, wenn man getrennte Wege geht. Und Abraham lässt Lot wählen, wohin er gehen möchte. Er würde dann in die andere Richtung ziehen.

Friedlich, schiedlich läuft das ab. Und: Nicht obwohl sie eine Familie sind, sondern weil sie eine Familie sind, sagt Abraham trennen sie sich im Guten.

Wenn sie zusammengeblieben wären, dann wären wahrscheinlich unendliche Konflikte vorprogrammiert gewesen und die Familie wäre nur noch eine Fassade, eine Lüge gewesen. Dann doch lieber ein guter Schnitt.

Ich finde es klasse, dass es auch diese Geschichte in der Bibel gibt. Damit wir uns nicht in die Tasche lügen, nur weil wir denken, wir müssten auf jeden Fall zusammenbleiben, weil das ja Gottes Wille sei. Dann doch lieber im Frieden den nötigen Abstand halten, damit Familie eben auch Familie bleibt.

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26AUG2021
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Heute in einem Monat ist Bundestagswahl. Wir dürfen wählen. Verschiedene Parteien, verschiedene politische Konzepte und verschiedene Personen. Eine Wahl ist immer ein Fest der Demokratie, finde ich. Leider hat die Kirche nicht selten mit der Demokratie gefremdelt.

Was auch daran liegt, dass die Bibel sowas wie Demokratie nicht kennt. Man hatte es mehr mit Königen und Stammesfürsten, obwohl in Griechenland schon im 5. Jahrhundert vor Christus die Demokratie eingeführt wurde.

Allerdings diese erste Demokratie hatte nicht viel mit der Demokratie zu tun, wie wir sie heute kennen. Denn damals hatten weder Frauen, Sklaven noch Zugezogene etwas zu sagen. Und man musste mindestens 30 Jahre alt sein.

Die Bibel hat die Demokratie also nicht erfunden, aber ich behaupte, sie hat geholfen, sie weiterzuentwickeln. Denn an einer Stelle hat der Apostel Paulus geradezu revolutionäre Sätze geschrieben: „Aus Gottes Perspektive“ sagt er da einmal „sind wir alle eins: Da ist es egal ob jemand ein Mann ist oder eine Frau, ein Freier oder ein Sklave, ein Jude oder ein Grieche ist.“

Da sind sie wieder: Frauen, Slaven und Zugezogene.  Sie sind bei Paulus alle gleich. Warum sollten sie also nicht auch an der Demokratie teilhaben? Ist doch ein naheliegender Gedanke.

Ich weiß, das hat alles noch sehr lange gedauert, bis es wahr werden konnte. Der Geist der Bibel musste noch lange gegen das Patriarchat kämpfen. Viele Staaten haben ja erst vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt. Aber wer Paulus ernst genommen hat, für den lag diese Weiterentwicklung der Demokratie auf der Hand, finde ich. Ich freue mich jedenfalls, dass Paulus so eine Vision von unserem Zusammenleben formuliert hat, die für ihn selbst in weiter Ferne lag. Und damit, ohne es zu wissen, der Demokratie einen Schubser in die richtige Richtung gegeben hat.  

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25AUG2021
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Das Ende der Welt. Viele von denen, die von der Flutkatastrophe betroffen sind, erleben das derzeit leider. Andere sagen es voraus, dass das Ende der Welt nah sei und Flut und Corona seien die ersten Anzeichen.
Manche meinen ja zu wissen, wo man nachlesen kann, wie das mit dem Ende der Welt wird, nämlich im letzten Buch der Bibel, in der Apokalypse. Und tatsächlich gibt es dort viel verwirrendes nachzulesen, wie das Ende der Welt aussehen könnte. Feuer und Blut und Erdbeben. Aber einen Fahrplan zum Weltuntergang daraus zu machen, ich finde, das gibt das Buch nicht her. Das Wort „Apokalypse“ heißt ja auch nicht Weltuntergang. Es heißt Offenbarung. Die Apokalypse will sichtbar machen, was vorher niemand gesehen hat.

Das Buch der Offenbarung will die Decke von etwas ziehen, was vorher verborgen war. Verborgen ist für uns dabei nicht der Untergang der Welt. Die Welt wird ohnehin laut Wissenschaft in etwa 100 Millionen Jahren untergehen. Weil die Sonne das macht, was man an anderen Sternen beobachten kann: Sie wird verglühen und explodieren. Das kann man ganz klar sehen. Verborgen ist uns etwas anderes: nämlich, wie sehr wir uns und unser Verhalten ändern müssen, damit die Welt nicht schon vorher untergeht.

Nach seinem eigenen Verhalten befragt werden ist allerdings unangenehm und anstrengend. Bequemer und geradezu unterhaltsam sind die gruseligen Bilder vom Weltuntergang, die Hollywood uns in den schönsten Farben ausschmückt.
Ja, das Buch der Offenbarung erzählt von diesen Bildern. Es sagt aber auch: Mensch, Mach ernst und ändere dich.

Sich selbst zu ändern ist jedenfalls die Stellschrauben an der wir drehen können, um für die kommende Generation das Schlimmste zu vermeiden. Ich finde, das ist ein faires Angebot, das uns im letzten Buch der Bibel da offenbart wird.

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24AUG2021
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Dass der Opa gestorben ist, kam ganz überraschend. Die Familie und vor allem die Ehefrau waren mit der Situation überfordert.

Als ich kam, war der Krankenwagen noch da und es herrschte ein großes Durcheinander. So viele Menschen waren da. Viele haben geweint, haben einander umarmt. Die, die nicht geweint haben, erzählten mir, was passiert war. Immer kam jemand dazu, brachte uns Wasser, brachte Taschentücher.

Ich war überfordert von all den vielen Menschen. Was war meine Aufgabe als Pfarrer? Um wen sollte ich mich zuerst kümmern? Wer brauchte meine Aufmerksamkeit? Und das Ganze noch unter Coronabedingungen.

Ich habe mich dann zum Verstorbenen gesetzt. Nach einer Weile setzten sich auch andere ins Zimmer. Das Ticken der großen Wanduhr war kaum zu hören. So viele haben geweint, haben geredet, so viel Unruhe. Einer der erwachsenen Enkel ging zum Opa, streichelte ihm die Wange und küsste ihn.

Ich zündete eine Kerze an und bat alle zusammenzukommen. Es wurde eng, Stühle wurden gerückt, Plätze gesucht.

Dann habe ich angefangen den Psalm 23 zu beten: „Der Herr ist mein Hirte“ – weiter kam ich nicht, weil jemand sagte: „Das haben wir bei der Beerdigung der Uroma auch gebetet.“ Alle nickten, manche putzen sich die Nase. Dann sollte ich weitermachen. „Und wanderte ich im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“

Danach beteten wir alle gemeinsam das Vaterunser. Alle mit klarer und fester Stimme. Schließlich saßen wir alle einfach da und schauten auf den Opa. Und alles was zu hören war, war das Ticken der Wanduhr. Und durchs Fenster wehte ein lauer Nachtwind.

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23AUG2021
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Steffi kümmert sich um solche Fälle wie Jonas. Jonas ist nicht sein richtiger Name. Aber er war mal Konfirmand bei mir. Eines Tages sagte er mir, dass er das nächste Mal nicht wiederkommt. Er würde jetzt von zuhause ausziehen. Und das mit noch nicht einmal vierzehn.

Tatsächlich habe ich erfahren, dass er unter seiner Familie sehr gelitten hat. Für ihn war es die Hölle zuhause zu wohnen. Steffi hat ihn als Sozialarbeiterin da rausgeholt. Natürlich nicht allein, aber sie war diejenige, die immer wusste, was zu tun war.

Und sie hat es zusammen mit den anderen geschafft, dass er auch wieder in eine Konfirmanden-gruppe gegangen ist und zum Schluss doch noch Konfirmation feiern konnte. Anfangs wollte er das nämlich gar nicht. Er wollte mit niemandem feiern, er wollte nur seine Ruhe.

Steffi aber, sie hat es nicht nur geschafft, Jonas wegzuholen von Menschen, die ihm nicht gut getan haben. Sie hat es auch geschafft, ihn zu Menschen zu bringen, die ihm guttun. Sodass er wieder Menschen vertrauen kann. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Als Jesus gefragt wurde, was denn das wichtigste Gebot sei, hat er gemeint: Liebe Gott! Und liebe den Nächsten wie dich selbst. Jesus hatte nicht nur großes Vertrauen in Gott, er hatte auch großes Vertrauen in die Menschen. Dass sie lieben können. Und helfen.

Steffi ist für mich so eine, die das lebt. Auch wenn sie das vielleicht nicht so sagen würde. Aber ich bin ihr sehr dankbar dafür und Jonas auch.

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22AUG2021
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Dr. Dustin Pfundheller ist ein amerikanischer Zahnarzt. Er hat tatsächlich alle 263 Länder der Welt bereist. Im Internet kann man Videos von ihm anschauen und in einem erzählt er von 10 besonderen Dingen, die ihm an der deutschen Kultur aufgefallen sind, also den TOP 10 der deutschen Kultur.

Neben den gängigen Klischees – Deutsche sind pünktlich und können im Karneval oder Fasching auch lustig sein – hat mich die Nummer 1 doch überrascht: Das allererstaunlichste an der deutschen Kultur sei, „the best Work-Life-Balance in the entire world“. Also wir Deutschen hätten die beste Work-life-Balance in der gesamten Welt. Nicht nur dass wir fast 30 Tage bezahlten Urlaub im Jahr hätten, nein, wir haben den Sonntag auch wirklich frei!

Natürlich hat Dr. Pfundheller so einiges ausgelassen und vereinfacht, denn manche Menschen arbeiten am Sonntag trotzdem und tatsächlich gibt es ja auch verkaufsoffene Sonntage, aber als Amerikaner ist ihm das aufgefallen und er meinte: Wahrscheinlich wissen die Deutschen noch nicht mal, dass das etwas Besonderes ist.

Stimmt, ist mir so noch nicht aufgefallen. Und dabei bin ich als Pfarrer natürlich immer dafür es am Sonntag Gott nachzumachen und auszuruhen, wie es in der Bibel heißt. Dass die Sonntagsruhe aber so auffällt, hätte ich nicht gedacht. Sie Ist also nicht nur ein wichtiges Thema für Kirchens. Sie ist auch als deutsches Kulturgut unbedingt erhaltenswert, meint auch Dr. Dustin Pfundheller. Und ist mit vielen anderen begeistert, dass wir sowas haben: The best work-life-balance in the entire world.

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03JUL2021
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Wer Erfolg hat, verliert manchmal die Bodenhaftung. Gut wenn man Menschen hat, die einen wieder herunterholen. Wie das eine Anekdote über Winston Churchill erzählt:

 

Winston Churchill spazierte einmal mit seiner Frau Clementine durch London. Dort wurden sie von einem Straßenfeger angesprochen. Churchill ging weiter, seine Frau unterhielt sich ein Weilchen mit dem Mann. Danach fragte Churchill sie: „Worüber habt ihr gesprochen? Sie: „Ach, wir kenne uns von früher. Er war damals sogar ein bisschen verliebt in mich.“ Churchill schmunzelte „Siehst du, wenn du ihn geheiratet hättest, wärst du heute die Frau eines Straßenfegers.“ Sie: „Nein Darling, Wenn ich ihn geheiratet hätte, wäre er heute Premierminister.“

 

Aus: Andere Zeiten, Magazin zum Kirchenjahr, hg.v. Andere Zeiten e.V. Hamburg, 2/2021 S. 24. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33420
02JUL2021
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Wer längere Zeit Unrecht erleidet, gerät in Gefahr, zu verbittern und im Hass zu versinken. Der Theologe Eduard Kopp rät dagegen:

Es ist möglich, sich vom Hass zu befreien. Man kann Zorn über ungerechte Verhältnisse in produktive Energie umwandeln. Ganze Gesellschaften haben sich von solchem Bemühen prägen lassen. So ließ sich die amerikanische Gesellschaft auf die Ziele der Bürgerrechtsbewegung ein. Südafrika beendete – zumindest gesetzlich – die Apartheid. Die angeblichen „Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich wurden Verbündete. Konfessionshass wich ökumenischem Geist.

Hassreden und -taten mögen manchem das Hochgefühl geben, sich über andere erheben zu können. Größer als dieser Kick ist aber allemal der Lohn, in einer friedlichen Gesellschaft zu leben.

 

Aus: Chrismon plus, Das evangelische Magazin, hg. V. Dr. Heinrich Bedford-Strohm u.a. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, Frankfurt, a.M. 2021/06, S. 69

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33419
01JUL2021
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Daniela hat nach dem Abitur eine Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht. Das haben nicht alle verstanden. Sie erzählt:

Ich war auf einem sehr leistungsorientierten Oberstufengymnasium. (Mein Lehrer) sagte mal: Sie brauchen nicht hier das Abitur zu machen, um dann später nur eine Ausbildung anzufangen. Er wollte uns wohl in Spitzenpositionen sehen. (Aber) in der Pflege bin ich nah dran an den Menschen, das gefällt mir. Für die Prüfungen musste ich übrigens doppelt so viel lernen wie für das Abi. […] Ich freue mich auf die nächsten Jahre. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich nicht mein Leben lang als Krankenschwester arbeiten werde. Die Arbeitsbelastung ist zu hoch.

 

Aus: Chrismon plus, Das evangelische Magazin, hg. V. Dr. Heinrich Bedford-Strohm u.a. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, Frankfurt, a.M. 2021/03, S. 17f

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33418