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27NOV2021
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Morgen fängt der zweitlängste Advent an, den es überhaupt geben kann. All die kommerziellen Adventskalender, mit Schokolade oder ohne, mit je einem Marmeladen-Töpfchen oder einem Hundefutter pro Tag: haben nur 24 Türchen, müssten also eigentlich noch warten bis zum Mittwoch. Siebenundzwanzig Tage hat der Advent 2021,  fast volle vier Wochen bis Weihnachten. Als hätten geschäftstüchtige Händlerinnen  und Weihnachtsmarktbudenbetreiber sich das ausgedacht. Aber die haben ja dieses Jahr pandemische Lieferengpässe,  wenn sie überhaupt noch stattfinden sollten –  helfen da ein paar Tage länger?

Schon gut, schon gut – es ist einfach der Kalender. Der macht die Advente mal kurz und mal lang. Manchmal eben ein wenig bis in den November hinein. Dieses Jahr also: fünf Tage länger warten.

Wobei: Advent ist natürlich eigentlich mehr als Warten; Und Warten kann ja durchaus auch sehr aktiv sein – ganz das Gegenteil von Hände in den Schoß legen und Zeit vertun, womöglich mit Langeweile oder Ungeduld. Es ist nämlich möglich, das Warten ein bisschen zu gestalten;  etwa so, wie mir eine Kollegin erzählt hat: Bei ihr sind die heiligen DreiKönige aus ihrer Weihnachtskrippe schon ab dem ersten Advent unterwegs;  sie rückt die holzgeschnitzten Figuren alle paar Tage ein Stück weiter – durchs Arbeitszimmer, durch die Küche… – und erst nach Weihnachten werden sie ankommen bei Jesus Maria Josef am Stall. Warten heißt da: Unterwegssein zu einem Ziel

Warten darauf, dass der Messias kommt, dass Gott die Herrschaft übernimmt, das heißt für Christenmenschen im Advent aber auch: wissen und glauben, dass er schon da ist; mit ihm unterwegs sein und daran mitarbeiten,  dass Gottes Reich von Frieden und Gerechtigkeit weiter wächst.

Die Bibel schweigt über den langen Weg der drei Weisen aus dem Osten  bis zum Stall und zum Kind in Betlehem. Um so leichter ist es, den eigenen Warte-Weg in ihnen wiederzufinden. Sich aufmachen, statt in Seelenruhe zu warten, was da auf uns zukommt; losgehen zu anderen Menschen hin und mit ihnen zusammen;  in der Familie, mit Kolleginnen oder Freunden oder Fremden.

Ein Stern hat den Weisen aus dem Morgenland damals den Weg gezeigt. Gut, so einen Stern zu haben, der lockt und führt. Eine Idee, einen Wunsch, eine Sehnsucht.  Unterwegs sein, dem eigenen Stern folgen: Zukunft, wir kommen auf dich zu! … auch im langen Advent 2021!

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26NOV2021
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Radfahrer sind ganz arme Leute, war ein Sprichwort in meiner Kinderzeit. Die müssen sich sogar die Luft pumpen… Letzte Woche hat es mich mal wieder erwischt –  Plattfuß nachdem ich wohl einen spitzen Stein erwischt hatte. Doof, aber leicht zu beheben, dachte ich.  Ersatzschlauch ist ja dabei, war auch schnell auf dem Rad. Und dann: Pumpe kaputt… … können sich nicht mal mehr Luft pumpen,  würde das Sprichwort dann wohl heißen. Vergebliche Anfrage bei einem jungen Mann nebenan: drei Garagen durchsucht, keine Fahrradpumpe.  Und der Kompressor hatte einen falschen Anschluss.

Ich habe das Rad geschultert und durchs Dorf getragen, noch zweimal vergeblich angeklopft –  bis ich endlich in einem Wohnzimmerfenster Fahrradhelme liegen sah. Muss ich eben meinen Mann holen, sagt die Dame an der Haustür –  und der, klar, hat eine tolle Pumpe. Fährt ja auch Rennrad und Mountainbike. Alles klar? Fast.  Leider leider lässt auch der Ersatzschlauch auf meinem Hinterrad  die Luft gleich wieder raus.  Aber der Fahrradkollege hat natürlich auch noch so ein Teil im Keller, originalverpackt, hat aber leider ein schwarzes langes Ventil. Als wenn das ein Problem wäre.

Inzwischen ist mir kalt, ich bin immer noch nervös oder was -  jedenfalls bin ich froh, dass er mir auch beim Einbau von Rad und Kette hilft. Hab mich selten so anfängerhaft hilflos gefühlt. Schließlich alles okay – und ich will wenigstens die acht Euro rausholen, die so ein Fahrradschlauch schließlich kostet. Kommt doch gar nicht in Frage –  und die beiden kaputten Schläuche lassen sie mir hier, die entsorge ich. Man trifft sich ja bestimmt noch mal… Das ist ja nun echte Nächstenliebe, sage ich.  Ach – ist doch selbstverständlich unter Radfahrern!, meint er.

Von wegen Luft pumpen – das ist ja eigentlich schon wie Weihnachten,  sechs Wochen zu früh – was für ein schönes Geschenk...  Fühlte sich auch innerlich ganz warm an, als ich wieder auf dem Bock saß.  Dabei hatte ich morgens noch im Radio gehört, wie rücksichtslos und ich-bezogen die Leute heute angeblich sind.

Ich war reich beschenkt –  einfach durch das selbstverständliche Geholfenwerden inklusive Ersatzteil. Und dadurch, dass mir diese freundlichen Leute  einen Tag gerettet hatten, der sich bis da hin eigentlich doch ziemlich verloren angefühlt hatte.  Da kann ja bis zum richtigen Weihnachtsfest noch viel Schönes kommen!

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25NOV2021
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Am neunzehnten November, vor zwanzig Jahren und paar Tagen, morgens um kurz vor sechs war es vorbei mit dem Glück in unserer Familie. Statt morgens aufzuwachen und zur Arbeit zu gehen, war Johannes, unser ältester Sohn, im Lauf der Nacht gestorben. Ohne irgendwelche Vorzeichen; von gestern auf heute.

Erst mal war da nur Schock. Zwanzig Jahre Lebensgeschichte und Engagement und viel Spaß und viele Anstrengungen – einfach abgerissen. Hoffnungen und neue Ideen,  ein Johannes, der gerade anfing, selbständig zu werden... Alles vorbei. Und wir – seine Brüder und seine Eltern: Den Rest des Lebens dazu verdammt, unglücklich zu sein? Eine schreckliche Vorstellung...

Ich bin froh, dass es anders gekommen ist. Unsere Familie als glückliche Familie: so ein Foto sähe natürlich anders aus als die happy go lucky-Bilder, die einem die Werbung täglich vor Augen hält. Glück: Das findet auch statt, wenn Menschen mit einem Unglück zu leben gelernt haben, mit dem Schmerz eines solchen Verlustes. „Drüber weg“ kommt man nie!

Johannes fehlt uns; die Lücke bleibt, die Vorstellung, wie es jetzt mit ihm wäre, wie es ihm gehen würde: das begleitet uns immer noch, mal heftiger und mal weniger stark. Und wir halten auch bewusst daran fest – immer brennt Johannes‘ Kerze vor dem Küchenfenster – und auf dem Grab im Dorf nebenan auch. Sein jüngster Bruder ist gerade Vater geworden –  und unser Enkel heißt mit zweitem Namen: Johannes. Es hat uns zu Tränen gerührt – und nimmt die Erinnerung mit in die nächste Generation.

Sowas hat uns geholfen und hilft immer noch. Viele Menschen haben uns unterstützt, von Anfang an und immer mal wieder: An ihn zu denken, um ihn zu trauern und für ihn zu hoffen.

Denn das ist uns eben auch wichtig: Johannes ist aus diesem Leben weggegangen; aber ich bin zuversichtlich und voller Hoffnung, dass er uns erwartet in einem anderen Leben,  im Glück, bei GOtt.

Da hin ist er uns schon mal vorausgegangen. Diese Sicherheit ist ein Teil meines Glücks  – trotz allem;  und macht unser ganzes Leben irgendwie zu einem Advent – auch wenn der Advent für alle erst am Sonntag beginnt.

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24NOV2021
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Jammern – das muss auch mal sein. Du musst gelegentlich wirklich klagen dürfen –  einfach über’s Wetter, aber auch über die schmerzenden Gelenke, über die Kinder oder die Eltern, die sich unmöglich benehmen.

Ja, sagen die Psychologen: Das eigene Leid bei jemand abladen können, ein offenes Ohr finden dafür, dass es mir gerade weniger gut geht –  das braucht einfach jede und jeder mal; an all dem Unglück droht man sonst beinah zu ersticken.

Allerdings sagen die Fachleute auch: Bitte gut überlegen, wo du dich beklagst und bei wem. Unter Freunden, im Beichtstuhl vielleicht, in vertrauten Kreisen: okay. Wer es am Arbeitsplatz tut, vielleicht sogar regelmäßig, gilt schnell als Nörglerin oder Meckerer. Sachliche Kritik, rational begründete Problemanalyse ist oft willkommen. Aber ständig klagen und jammern: das ist doch viel zu emotional. Weichei!

In der Bibel hat der Jammer einen eigenen Platz. “Ich schütte vor Gott meine Klagen aus, eröffne ihm meine Not. Niemand beachtet mich… ich bin arm und elend…“ In solchen Klage-Liedern haben schon vor ein paar tausend Jahren Menschen ihren ganzen Jammer vor Gott ausgebreitet.

Wer sich auf Gott verlässt, kann und soll das auch heute noch tun. Wie der Trierer Pfarrer Stephan Wahl, der in Jerusalem lebt;  er stammt aus dem Ahrtal – und hat nach der tödlichen Flut im Juli einen Klage-Psalm geschrieben: über so viel Zerstörung, so viel Leid in der Heimat; und über so viele Tote und Verletzte, auch aus dem eigenen Familienkreis. Der Gipfel seiner Klage:  Ich „werfe … meine Tränen in den Himmel  meine Wut schleudere ich dir, Gott, vor die Füße. Hörst du mein Klagen, mein verzweifeltes Stammeln, ist das auch ein Beten in deinen Augen? Dann bin ich so fromm wie nie, mein Herz quillt über von solchen Gebeten.“

Klage und Jammer muss mal sein – und auch lange, gerade im Ahrtal. Dauer-Klage immer und überall, glaube ich, ist aber gefährlich. Macht den Menschen negativ und vielleicht sogar dauerhaft unglücklich. Deswegen wünsche ich mir und anderen mindestens ebenso sehr eine andere Perspektive. Die finde ich bei Stephan Wahl – und auch in der Bibel.

Gott schaut sich die Schöpfung an, ganz am Anfang. Und dann steht da: Es war alles sehr gut. Ja, ich darf erst einmal das Gute sehen, wenn ich mein Leben betrachte. Das Falsche auch und es kritisieren; das Böse bekämpfen, wo es geht. Aber erst mal das Gute sehen und Gott dafür danken,  dass er auch im Leid an meiner Seite steht.

Und jede und jeder darf hoffen: Irgendwann wird alles gut!

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23NOV2021
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Vermutlich erinnern sie sich auch noch an die Bilder aus Bagdad. US-Soldaten haben da vor achtzehn Jahren  eine Statue des Tyrannen Saddam Hussein umgelegt. Technisch ein bisschen schwierig, aber sehr symbolisch…  Das Ende des Tyrannen, neue Hoffnung für das Land. War leider ein wenig trügerisch, diese Hoffnung.

Ganz in der Nähe des heutigen Bagdad spielt die biblische Erzählung, auf die wohl die Redensart zurückgeht,  dass etwas auf tönernen Füßen steht. In der Bibel also träumt der König Nebukadnezzar von Babylon; er träumt vom Einsturz eines riesigen Standbildes.  Das stellt ihn selbst dar, den König der Könige. Ein großer Fels bricht los und pulverisiert die Statue geradezu.

In der biblischen Geschichte erklärt  der Prophet Daniel dem König, was er da geträumt hat. Und macht ihm klar, warum – jedenfalls technisch gesehen erst mal –  warum also die mächtige Kolossal-Statue zusammengekracht ist: Die Füße und Zehen waren im Traum teils aus Töpferton, teils aus Eisen;  das bedeutet, so Daniel:  Dein Reich ist nur zum Teil hart, zum Teil ist es brüchig. Eisen mit Ton vermischt, sollte aber auch heißen:  Spätere Könige werden sich zwar miteinander verbinden;  doch das eine wird nicht am anderen haften,  wie sich Eisen nicht mit Ton verbindet.

Warum nur fällt mir bei dieser Erklärung Berlin ein, wo drei demokratische Parteien gerade eine Koalition zusammenbringen und neue Ziele für das Land suchen und finden wollen  und neue Wege verbindlich festschreiben müssen. Manche fürchten, das könnte alles „auf tönernen Füßen stehen“. Passen die in der „Ampel“ wirklich zusammen – und zwar in einer Zeit, die mitentscheiden wird, ob wir Gottes Schöpfung für die Menschen bewahren?  Tönerne Füße – schon gar, wenn sie auch noch mit Eisen vermischt sind, ohne sich zu verbinden: das wären schlechte Aussichten. Hoffen wir mal das Beste…

Der Bibel geht es natürlich weniger um Physik und Chemie –  und Koalitionsfragen waren ihr auch noch fremd. Hoffnung spricht aus dem Traum und aus der Deutung des Propheten Daniel – wenig Hoffnung allerdings für Tyrannen und Gewaltherrscher; alle Hoffnung aber auf Gottes Neue Welt,  die anbrechen soll. Tyrannen und Alleinherrscherinnen müssen vergehen –  die großen und die kleinen. Damit eine neue Zukunft möglich wird,  ganz ohne Unterdrückung und Gewalt, erfüllt und getragen von Gottes Liebe zur Welt und zu seinen Menschen. Und verbunden von Liebe und Solidarität zwischen denen.

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22NOV2021
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„Cäcilia" : Schon der Name ist ja reine Musik: Santa Cecilia... Und, kein Wunder: die Heilige Cäcilia ist die Patronin der Kirchenmusik: für Organisten, für Chöre und Solistinnen –  eben für alle, die in der Kirche Musik machen und vielleicht ja auch für die anderen Musici.

Cäcilia soll Christin gewesen sein, noch zur römischen Kaiserzeit,  und zwar aus der adligen römischen Familie mit Namen Caecilii.  Das Familiengrab gibt es – draußen an der Via Appia. Das ist historisch.

Sie sollte einen jungen Mann heiraten;  der war aus gutem Haus, aber leider ungetauft. Ein Heide, hätte es geheißen. Noch in der Hochzeitsnacht hat sie ihn nach der Legende  für ihren Glauben begeistern können.  Bei der Hochzeitsfeier zuvor schon soll die Braut Caecilia mit innigem Gesang den Lärm der Musik-Instrumente übertönt haben. Das hat dann später jemand falsch abgeschrieben oder missverstanden:  als hätte sie selbst die Orgel gespielt – und dazu gesungen. Statt der Hochzeitslieder, steht in den ältesten Quellen,  habe Cäcilia ein besonderes Gebet gesungen. Wobei – das ist ja eine alte Weisheit in der Kirche: Singen ist schon immer ganz von selbst Doppelt Beten. Tut gut, sich das in Corona-Zeiten selbst noch mal zu sagen – wie sehr vermissen so viele genau das:  endlich wieder normal und laut hoffentlich und ohne Angst vor dem Aerosol singen zu dürfen  und damit gleich doppelt zu beten!

Das Ende der Ode auf Santa Cecilia hat dann mit ihrem Tod zu tun.  Caecilia soll enthauptet werden, weil sie als Christin missioniert hat.  Noch schwer verletzt singt sie weiter Loblieder auf ihren Gott;  und zugleich verteilt sie ihren Besitz an die Armen. Das wäre ein Auftrag an Christenmenschen, auch heute wieder!

Ja, der liebe Gott schreibt seine Geschichten mit den Menschen  manchmal auf abenteuerlich krumme Zeilen. Auch die Heiligengeschichten. Und egal, ob diese heilige Caecilia wirklich gelebt hat  und wie sie zur Heiligen der KirchenMusik geworden ist:  Es gibt einfach tolle Musik und tolle Musiker und Chöre,  die sich und uns so viel Freude machen. Dafür bin ich dankbar – und singe auch gern mit, wenn’s wieder darf.

Allen heutigen Cäcilias und Cillis und Cäcilien:  Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag. Und allen Kindern und Frauen und Männern, die singen,  steht die Heilige sicher auch zur Seite –  gerade jetzt, in diesen pandemischen Zeiten.

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02OKT2021
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Der Feiertag morgen fällt kaum auf –  dritter Oktober auf einem Sonntag ist gefühlt ein freier Tag weniger.

Dabei gäbe es genug zu feiern am Tag der deutschen Einheit: Der marode und übergriffige Stasi-Staat ist weg, das ganze Land kann sich über Reise- und Redefreiheit freuen und hat einen beachtlichen Wohlstand entwickelt – für die meisten jedenfalls. Auch zwischen Ost und West entwickeln sich allmählich  vergleichbare Lebensverhältnisse. Und nach Wahlkampf und Wahl kann sich das ganze Land jetzt  hoffentlich gemeinsam den eigentlichen Herausforderungen stellen. So große Aufgaben brauchen weite Perspektiven und alle Kraft – die der Starken und die der Schwächeren auch. Gemeinsam, in Einigkeit und Recht und Freiheit.

Vielen fällt trotzdem schwer,  am dritten Oktober morgen die deutsche Einheit zu feiern. Manche hätten sogar die Mauer gern zurück –  andere sehen neue und alte Mauern,  auch wenn die anders verlaufen als die zwischen den zwei Deutschlands.

So werden ziemlich viele Mitmenschen irgendwie übersehen oder gleich ausgeschlossen, die von draußen hereingekommen sind – ausdrücklich eingeladen, gesucht und umworben; gekommen, um am Glück des Landes teilzuhaben und daran mitzuarbeiten. Ein paar Millionen von diesen Mitbürgerinnen und Mitbürgern  hatten letzten Sonntag kein Wahlrecht zum Bundestag. Menschen, die hier arbeiten und Steuern zahlen, nur dass sie ohne einen deutschen Pass leben …  Ausdrücklich eingeladen – und dennoch ausgeschlossen.

Im katholischen Gottesdienst berichtet das Evangelium morgen ,  wie Jesus mit der Ausschließeritis bei seinen Jüngern umgeht. Die wollen verhindern, dass die Leute Kinder zu ihm bringen;  Jesus soll sie segnen, bitten sie. Gottes Kraft, empowerment würden heute viele sagen, für die Kids und natürlich auch für sich selbst. Jesus wird ein bisschen unwirsch: Lasst die Kinder doch kommen –  denen und Menschen wie ihnen gehört die Zukunft in Gottes neuer Welt.

Das wäre, glaube ich, ein guter Vorsatz für morgen: dass alle gemeinsam für die nächsten Generationen arbeiten. Denen ist das Himmelreich versprochen –  Spuren davon könnten schon mal spürbar werden,  und sei es, indem eine wirklich groß gedachte Einigkeit im Land anfängt. So eine Gemeinschaft, glaube ich, kommt aus Gottes Kraft; sie schenkt Weite und menschliche Nähe.  Das ist die Kraft, mit der Jesus die Kinder gesegnet hat.

Ich wünsche einen guten gesegneten Sonntag der deutschen Einheit, morgen!

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01OKT2021
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Mein Vater war da eisern: solange wir unterwegs sind zum Gipfel hoch: gehen gehen gehen – wer stehen bleibt oder gar Pause macht, hat hinterher große Mühe, wieder in Gang zu kommen. Und wir haben mit dreizehn vierzehn die Zähne zusammengebissen und höchstens mal in einem kurzen unbewachten Augenblick angehalten und uns umgeschaut…

Inzwischen weiß ich, dass er nur ein ganz kleines bisschen Recht hatte – ‚ viel schlimmer war, dass er auch das Trinken verboten hat;  da kriegst du nur noch mehr Durst… Kinder haben das weggesteckt, er selbst hat sicher noch mehr gelitten. Und es war schlicht falsch. Wenn ich heute unterwegs bin, eher auf dem Fahrrad als zu Fuß, und eher im Mittelgebirge, nur selten in den Alpen  und immer mit genug Wasser dabei… Wenn ich also bergauf fahre und es wird mal richtig steil, dann halte ich natürlich erst mal durch – schon, damit ich im Takt bleibe. Aber ganz selten mal muss dann doch ein kurzer Stopp sein. Und – fast fühlt es sich an wie ein kleines Wunder: Gleicher Berg, gleiche Steigung, gleiche Hitze rundum –  und doch fühlt es sich deutlich leichter an,  wenn ich danach wieder auf dem Bock sitze. Jedenfalls für ein paar hundert Meter – oder auch länger.

Da ist es mit dem UnterwegsSein ganz ähnlich wie im Leben überhaupt: Der Mensch braucht Unterbrechungen, Pausen,  wenigstens kurze Abwechslung oder auch Erholung zwischendurch. Das Ziel liegt noch in weiter Ferne und hoch oben –  aber das behältst du ja im Blick. Und kannst dir meist doch auch Zeit nehmen, um mal kurz innezuhalten.

Nimm dir wenigstens eine Stunde am Tag zum Beten, also mit Gott zu reden oder dich Gott auszusetzen. Und wenn du keine Zeit hast, nimm dir zwei Stunden. Der Bischof Franz von Sales hat das den Ordensfrauen geraten, die in ihrem Alltag ganz schön zu tun hatten:  in Schulen und Waisenhäusern und anderen sozialen Aufgaben. Unterbrich deinen Alltags-Kram –  und sei es nur für ein kurzes Staunen über die schönen Wolken, für einen liebevollen Gedanken an die Kinder – oder gern eben auch: halte an für ein kurzes oder längeres Gebet. Gott danken für eine gute Erfahrung;  vor Gott ausbreiten, was mir gerade so richtig schwerfällt. Oder, wenn ein bisschen mehr Zeit ist,  in eine Erzählung eintauchen, in der Jesus zeigt, wie Gott ist…

Nach einer solchen Pause – das ist jedenfalls meine Erfahrung –  geht es meist mit gefühlt neuem Schwung und Schub weiter, mit einer neuen Leichtigkeit,  irgendwie so ähnlich wie auf dem Rad am Berg.

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30SEP2021
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Ganz selbstverständlich redeten Marie und Anne Französisch mit ihrer Mutter; und Deutsch eben, wenn der Vater sie angesprochen hatte. Wenn kleine Kinder zweisprachig aufwachsen, lernen sie Sprache ja anders als Schulkinder oder Erwachsene. Bei ihnen baut sich Sprache auf durch Zuhören und Ausprobieren und dann eben Mitreden –  Deutsch oder Türkisch etwa –  oder Französisch, wie bei unseren Freunden.

Beneidenswert – die anderen müssen sich mehr anstrengen  und das Gesagte oder Gehörte aus der einen in die andere Sprache übersetzen. Oder übersetzen lassen.  Das machen in vielen Familien mit Migrationsgeschichte  oft die Kinder für die Eltern; nebenbei und ganz selbstverständlich –  sie sind ja zu Hause und im Kindergarten zweisprachig aufgewachsen.  Eigentlich müsste der internationale Übersetzer-Tag auch ihnen gewidmet sein; den begehen die Profi-Dolmetscherinnen und Dolmetscher heute. Die sind ja unverzichtbar;  international oder auch nur europäisch Politik zu machen oder Wirtschaft zu verhandeln wäre unmöglich ohne sie.

Dabei: Übersetzen muss glaube ich noch mehr sein als etwas nur aus einer Sprache in eine oder viele andere übertragen. Das sehe ich am Schutzpatron der Übersetzerinnen und Übersetzer, dem heiligen Kirchenvater Hieronymus. Dessen Namenstag ist heute. Hieronymus, gestorben vor sechzehnhunderteinem Jahr in Betlehem,  hat schon im vierten Jahrhundert die jüdische Bibel übersetzt. Das so genannte Alte Testament zum ersten Mal überhaupt  in der damaligen Weltsprache Latein – das war sein Haupt-Werk. „Wer die Heilige Schrift nicht kennt, kennt weder Gottes Kraft  noch seine Weisheit: die Heilige Schrift nicht kennen  heißt Christus nicht kennen.“ – soll Hieronymus gesagt haben. Und deswegen hat er wohl auch diese gewaltige Arbeit auf sich genommen.

Denn Übersetzung geht noch viel weiter: Die Bibel lesen und verstehen zu können, in der eigenen Sprache: ist gut; aber erst wer sie dann auch ins eigene Leben übersetzt, hat verstanden  eine wie Gute Nachricht das ist, die in diesem Buch drinsteckt. Dass Gott dich liebt und du diese Liebe weitergeben kannst und sollst; dass du da sein darfst für andere, ihnen alles schenken – und es wird mehr; hoffen können, dass du durch den Tod hindurch in neues Leben gehst –  das ist eine Übersetzung,  die auch das zweisprachigste Kind erst noch lernt; im Alltag und im Glauben – und nochmal anders als die Sprachen der Eltern.

Gut, dass diese Gute Nachricht für jede und jeden da ist –  und in jeder Sprache!

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29SEP2021
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„Engelsherz – Cor angeli“ – heißt das Bild von Jiri Keuthen. Der Maler stammte vom Niederrhein, hat lange an der Mosel gelebt und da, im Trierer Musem am Dom habe ich einiges von ihm gesehen –  darunter die Serie „get an angel“ – ein Engel für dich.

Mir ist Cor angeli besonders nachgegangen: Es zeigt ein menschliches Herz –  eher wie im medizinischen Lehrbuch geformt  statt so ein kitschiges Lebkuchen-Ding; und in dem Herz ein kleiner Engel.

Mehr als mannshoch ist das Bild und um das Herz ist eine goldengelbe Fläche –  Gelb ist die Farbe für das Gute bei Jiri Keuthen. Und in diese Fläche hat der Maler Namen von Menschen geschrieben, die ihm wichtig geworden und geblieben sind für sein Leben. Da stehen Namen, die – naja: erwartbar sind. Mahatma Gandhi ist genannt und Albert Schweitzer, bekannte Malerkollegen und andere Menschen,  die so was wie Vorbilder sind oder die ihn sonst beschäftigt haben. Keuthens eigener Name steht da – klar: ich bin mir wichtig. Und als die Fläche irgendwie voll war, scheint es,  da schreibt er: Und all die anderen Engel…

Nachgegangen ist mir das Bild wegen dieser letzten Zeile: „und alle die anderen“. Denn natürlich kommst du nie zum Ende; so viele Menschen und Dinge sind und waren wichtig für dein Leben.

Aber richtig hängengeblieben bin ich am Titel: Engelsherz –   und dann zählt er lauter Menschen auf. Da fehlen mir aber doch ein paar sozusagen echte Engel –  gerade heute, wo die Christenheit  die Erzengel Michael, Gabriel und Rafael feiert. Sie und einige namenlose Engel sind ja  in der biblischen und christlichen Ansicht Boten von GOtt. Sie bringen eine Nachricht, sie zeigen einen Weg, sie erscheinen in der Bibel oft im Traum und vermitteln sozusagen zwischen GOtt und einzelnen Menschen.

Dabei sind schon ihre Namen Teil der Botschaft von GOtt oder sogar Glaubens-Bekenntnisse: Der Name Micha-El fragt „Wer ist wie Gott“ und bekennt: „nur GOtt ist Gott“;  Gabri-El ist übersetzt: „Gottes Kraft“;  und der Name Rapha-El erzählt: „Gott hat geheilt“.

Das Bild von Jiri Keuthen nimmt ernst,  dass kaum mehr jemand einen solchen Engel trifft in ihrem oder seinem Leben;  aber die Menschen, die für dein Leben wichtig sind, die bringen dir ja auch Gottes Botschaft für dein Leben.  Und laden dich ein: Sei auch selber ein Engel!

Könnte sein, dass der Maler Recht hat!

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