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06NOV2021
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Über die Wahrheit hat der Schweizer Schriftsteller Max Frisch gesagt: „Man sollte sie dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann - nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.“ Ein schöner Satz, finde ich, besonders in Zeiten, wo das gesellschaftliche Klima rauer und der Ton schärfer wird.

Die Wahrheit dem Gegenüber wie einen Mantel hinhalten, nicht wie ein nasses Tuch um die Ohren schlagen! An diesen Satz musste ich denken, als ich kürzlich von der Studie "Inside Facebook" las. Die Studie hat untersucht, wie das weltweit größte soziale Netzwerk die Kommunikation seiner Nutzerinnen und Nutzer organisiert.

So werden zum Beispiel, um mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen, die Nachrichten danach gefiltert, wie zugespitzt, emotional und auch aggressiv sie sind. „ Es werden Inhalte priorisiert, die Emotionen erzeugen“, sagt eine der Autorinnen, „egal ob Wut, Traurigkeit, Leid oder Empörung - oftmals Dinge, die einen am meisten in die Irre führen oder desinformieren.“

Das bringt zwar die erwünschten Zuwächse. Aber es geht auf Kosten der Wahrheit. Die Verpflichtung, sich an die Wahrheit zu halten, haben alle publizistischen Medien. Aber nicht nur sie. Ich meine, jede und jeder einzelne von uns trägt Verantwortung dafür, in welcher Tonlage wir miteinander reden.

Denn Kommunikation ist kein Boxkampf, bei dem es darauf ankommt, wer die meisten Treffer landet. Sicher, mir liegt schon daran, dass Unterschiede klar benannt werden. Aber genauso ist mir wichtig, Konsens herzustellen da, wo man übereinstimmen kann.

Am besten geht das, wenn ich meinem Gegenüber die Wahrheit wie einen Mantel hinhalte, in den sie oder er hineinschlüpfen kann. 

Manchmal hilft schon ein bisschen Empathie. Eine Nachfrage wie: „Was bewegt dich eigentlich? Wovor hast du Angst? Gibt es etwas, was uns verbindet?“

Gesucht sind Menschen, die solche Brücken bauen zwischen aufgerissenen Gräben. Die zuhören und sich in andere Positionen einfühlen können. Denen es nicht um Selbstdarstellung oder Herabsetzung geht. Sondern die sich darum bemühen herauszufinden, was uns gemeinsam ist und Frieden schafft.

Die Aufgabe, die sich stellt, hat der Prophet Sacharja bereits vor über 2000 Jahren in einem Satz zusammengefasst: „Rede einer mit dem andern Wahrheit und schafft so Frieden in euren Toren.“

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05NOV2021
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Klatsch ist wie Kitt. Er wirkt als sozialer Klebstoff. Das hat eine Arbeitsgruppe der Universität Amsterdam gerade erforscht. Sie kennen das sicher aus beruflichen, aber auch privaten Situationen. Man erzählt sich hinter vorgehaltener Hand „das Allerneueste“. Tauscht das eine oder andere aus, was noch nicht öffentlich ist, aber bald öffentlich werden könnte. Und erfährt sozusagen hinten herum und an den offiziellen Kanälen vorbei, was nützlich zu wissen ist. So schafft Klatsch Bindungen unter denen, die ihn untereinander austauschen.

Aber – und das ist die Kehrseite – Klatsch hat vielfach auch negative Folgen: für alle nämlich, die seine Opfer werden. Denn: Klatsch ist ein mächtiges Werkzeug, um am Ruf einer abwesenden Person zu schrauben. Und sie im schlimmsten Fall sogar zu demontieren.

Ich habe das besonders dann erlebt, wenn Menschen miteinander in Konkurrenz standen. Da ist der Klatsch ein beliebtes Mittel, um Wettbewerber herabzusetzen und sich selbst Vorteile zu verschaffen. In Zeiten digitaler Kommunikation und sozialer Medien geschieht das ganz schnell und sehr effektiv. Da wird ein Mädchen von ihren Mitschülern blamiert und vorgeführt. Einem Wissenschaftler werden Worte in den Mund gelegt, die er nie gesagt hat. Einer Arbeitskollegin ein unschöner Charakterzug angedichtet.

Ich bin mir sicher, zu allen Zeiten haben Menschen das mächtige Instrument des Klatsches zu ihren Gunsten ausgenutzt. Schon die Bibel betrachtet die menschliche Zunge als ein zwiespältiges Organ der Kommunikation. Die Zunge dient wohl in erster Linie der sprachlichen Verständigung. Wenn sie aber nicht gezügelt wird, kann sie immensen Schaden anrichten.

Im Neuen Testament heißt es »Wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen.“ Und in den Weisheitsbüchern des Alten Testament steht „Eine heilsame Zunge ist ein Baum des Lebens; aber eine lügenhafte bringt Herzeleid.“

Ich finde, es ist kein Zufall, dass uns unser Schöpfer eine Zunge gegeben hat. Aber zwei Ohren! Vielleicht steckt darin ein freundlicher Hinweis, dass wir besser zweimal so viel hören sollen als reden.
Denn, davon bin ich überzeugt, letztendlich sind Zuhören und Aufmerk-samkeit bessere Bindemittel zwischen Menschen als Klatsch und Tratsch.

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04NOV2021
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Im Schaufester eines Buchgeschäfts habe ich ein Buch gesehen, an dessen Titel ich hängen geblieben bin. „Wird das wieder oder bin ich schon alt?“, stand da zu lesen. Gute Frage, habe ich gedacht, tatsächlich habe ich sie mir selbst schon manchmal gestellt. „Wird das wieder oder bin ich schon alt?“

Irgendwann im Leben begreift man ja, dass nicht alles zu ersetzen ist. Oder nachwächst. Oder wieder heil wird. Sicher, die Zähne bekommt man zweimal geschenkt. Das dritte Mal, hat mein Vater immer gesagt, muss man sie selbst bezahlen.

Das lichter und grauer werdende Haar kann man, wenn man das mag, mit ein paar Kunstgriffen verdecken. Manches andere geht zu Bruch. Beziehungen, Freundschaften, der gesundheitliche Bestzustand.

Und irgendwann begreift man: längst nicht alles kann man wieder auf Null zurücksetzen. Es ist nicht mehr wie bei den Kinderkrankheiten, die kommen und dann auch wieder gehen. Jetzt ist es eher wie bei einer Narbe, die einen zeichnet. Und die bleibt.

Wird das wieder oder bin ich schon alt? Manches wird eben nicht wieder, wie es mal war. Damit umzugehen, muss ich lernen. Sonst geht es mir so, wie beim Prophet Hosea im Alten Testament. Der prangert mit scharfen Worten die blinden Flecken bei seinem eigenen Volk an: „Ihre Haare sind schon grau geworden, doch sie selber merken es nicht.“

Mir hilft es, darauf zu achten, das Älterwerden nicht einfach als Geschichte von lauter Verlusten zu begreifen. Die spannende Frage ist für mich nicht: was wird mit den Jahren immer weniger? Sondern andersherum: was wird mehr?

Wo ich mich früher in einen Konflikt verbissen hätte, gelingt es mir heute zu vermitteln. Wo ich früher den Ehrgeiz hatte, mich unbedingt beweisen zu müssen, kann ich heute gut anderen die vorderen Plätze überlassen. Wo ich früher meinte, meine Zeit genau durchorganisieren zu müssen, stellt sich heute eher ein Gefühl der Gelassenheit ein.

Das hat wohl damit zu tun, dass ich mein Leben nicht als letzte Gelegenheit betrachte, in die alles schnell noch hineingepackt werden muss. Denn ich bin mir gewiss: Es gibt ein Leben nach dem Leben. Ein „Wird schon wieder“ der anderen Art!  

Das hinzukriegen, hängt allerdings nicht von mir und meiner Tüchtigkeit ab. Sondern ich hoffe und vertraue darauf: dass einmal mein und unser aller Leben - mit allen Narben und Beschädigungen - bei Gott „wieder wird“.

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17OKT2021
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Zu den schönsten Texten des Alten Testaments gehören für mich die Verse aus dem Buch „Prediger Salomos“: „Alles hat seine Zeit“. Es ist ein Bedenken der Zeit, ihres steten Dahinfließens und ihres ständigen Wechsels.
Der amerikanische Folk-Sänger Pete Seeger hat daraus im Jahr 1950 ein Lied gemacht. Es hält sich ziemlich genau an die biblische Vorlage. Viele Sängerinnen und Sänger haben das Lied nachgesungen. Auch Judy Collins, die es auf ihrem Album von 1963 veröffentlicht hat.

Musik

„Ein jegliches hat seine Zeit“, so lautet der biblische Text, „und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“
Ich kann mich in diesen Worten gut wiederfinden – die leichten und die schweren, die schönen und die schwierigen Zeiten meines Lebens. Alles hat seine Zeit. Und irgendwann dann öffnet sich die Bühne für eine neue Zeit.

Musik

Warum kann nichts so bleiben, wie es ist? Warum gibt es friedliche, aber auch böse Zeiten? Warum ist das einzig Beständige der Wechsel?
Der biblische Autor, gibt keine endgültige Antwort. Ihm genügt zu wissen, dass Gott die Quelle ist, aus der die Zeit entspringt. Und das Meer, in das sie mündet.
Für mich wächst daraus ein festes Vertrauen in die Gegenwart, die mir geschenkt ist. In den Augenblick, den ich wahrnehmen und gestalten kann.

Musik

Nicht zufällig haben Pete Seeger und Judy Collins ihrem Lied am Ende eine besondere Wendung gegeben. Sie waren beide in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung aktiv. Und engagierten sich mit ihren Liedern in den 60er und 70er Jahren gegen den Vietnamkrieg.
Am Schluss ihres Liedes heißt es darum: „Für den Frieden ist es nie zu spät!“ Ich finde, eine gute Botschaft auch für uns heute: Frieden zu schließen, zum Frieden beizutragen, was in meinen Kräften steht. Dafür ist allezeit die richtige Zeit!

Musik

CD: The Very Best Of Judy Collins, Track 1, Turn, Turn, Turn. Elektra Entertainment & Rhino Entertainment Company

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09OKT2021
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Kann man über Engel heutzutage noch ernsthaft reden oder schreiben? Der Leipziger Dichter und Theologe Christian Lehnert hat darüber jedenfalls ein faszinierendes Buch geschrieben. „Ins Innere hinaus“ heißt es. Schon der Titel klingt geheimnisvoll.

In Engeln und Mächten verdichten sich für Lehnert konkrete existentielle Erfahrungen. Und zwar meist dort, wo ein Mensch in eine außergewöhnliche, extreme, oft bedrohliche Lebenssituation gerät.

Dann zeigt sich, dass es noch einen weiteren, größeren Raum gibt als den, in dem wir uns normalerweise eingerichtet habe. In einer Lebenskrise, einer schweren Krankheit vielleicht oder da, wo ich mich von einem Menschen trennen muss, wird die glatte Oberfläche des Lebens rissig. Aber auch durchlässig. 

Allerdings, so beobachtet Lehnert, Engel sind bei uns, so wie manche In-sektenarten, vom Aussterben bedroht.

„Fahrlässig gering“, schreibt er, „ist das Interesse an der Suche nach den Gründen. Überall finden sie nur jene abgedichteten Subjekte, Seelen in Monokulturen, solche Wesen, denen der methodische Abstand, die Distanzierung, die Unempfindlichkeit, die Position des unbeteiligten Dritten zur zweiten Haut geworden sind.“

Diese „abgeschlossene Diesseitigkeit“ sei in die Mitte der Gesellschaft einzementiert wie einst die Dogmen in Zeiten der Inquisition. Um sie aufzubrechen, bedarf es der Sprache der Poesie. Sie vermag auszusprechen, was der Sprache der Fakten verschlossen bleibt.

Ich persönlich finde eine der schönsten Aussagen über Engel im Alten Testament. Im Psalm 91: „Gott hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“.

Viele Menschen haben sich dieses Wort als Lebensmotto ausgesucht. Als Leitspruch auch bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Vielfach wurde es in Musik umgesetzt. Und das ist kein Zufall! Denn die Sprache der Musik kommt den Engeln näher als unsere Alltagssprache.

Engel bewegen sich, wie die Musik, in den Resonanzräumen zwischen dem Hier und einem „Drüben“, in einer Aura des Schwebens und Oszillierens. 

Und das vor allem in Situationen, in denen ich erlebe, dass ich das Leben nicht in meiner Hand habe. Mich aber auf geheimnisvolle Weise an der Hand genommen fühle.

Dann, wenn ich spüre, dass ich „Ins Innere hinaus“ geführt werde.

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08OKT2021
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„Die Jakobsbücher“ ist ein Roman der polnischen Literaturpreisträgerin Olga Tokarczuk. Ich habe ihn vor Kurzem mit großer Faszination gelesen. Farbenprächtig und phantasievoll schildert er die Geschichte des Jakob Frank, einer schillernden, historischen Gestalt des 18. Jahrhunderts.  

Eine Szene ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Da sitzt der katholische Pater Chmielowski im Gespräch mit Rabbi Pinkas über eine hebräische Schriftrolle gebeugt. Aber das Erlernen der fremden Sprache bereitet ihm große Mühe.

Seufzend wendet er sich an den Rabbi und sagt: "Würden alle dieselben Bücher lesen und ähnliche Dinge essen, wir würden in der gleichen Welt leben, wäre das nicht besser?" Rabbi Pinkas, ein kluger Mann mit wachen Augen, antwortet ohne zu Zögern: "Alles Unheil der Welt lässt sich auf diesen Wunsch zurückführen." 

Den Wunsch, alles zu vereinheitlichen, ich kann ihn gut verstehen. Man fühlt sich wohler unter seinesgleichen. Aber was heißt das in der Praxis?

Alle sprechen dieselbe Sprache? Denken in die gleiche politische Richtung?  

Letztlich, da bin ich mir sicher, führt dieser Wunsch zu Langeweile, Ausgrenzung und Unmenschlichkeit. Denn Menschen sind und bleiben nun einmal verschieden. Sie kleiden sich unterschiedlich, lesen unterschiedliche Bücher und entwickeln unterschiedliche Vorlieben.

In unserer Welt, die jeden Tag stärker zusammenwächst, wird zudem der Umgang mit Verschiedenheit zu einer täglichen Herausforderung.

Ein biblischer Gedanke hilft mir dabei. Dass wir nämlich - mit allen unseren Unterschieden - Geschöpfe des einen Gottes sind. In Psalm 8 heißt es: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast Du ihn gekrönt.“

Das heißt, Gott nimmt sich jedes Einzelnen an. In seiner Einmaligkeit. Aber auch in seiner Verschiedenheit gegenüber anderen.

Ich möchte, wie Olga Tokarcuk es in ihrem Roman tut, diese Verschiedenheit nicht als ein Manko zu begreifen, sondern als eine lohnende Aufgabe.  

Sich fremd zu sein, ist ja zunächst einmal etwas Normales. Aber nichts hindert mich daran, mich zu bemühen, anderen Menschen näher zu kommen. Indem ich Brücken baue, wo es geht. Barrieren abbaue.

Vor allem aber selbst gut damit leben kann, dass Andere anders sind als ich.

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07OKT2021
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Wie haben Sie diesen Sommer erlebt? Begeistert, dass Urlaub, in einem bestimmten Rahmen jedenfalls, wieder möglich war? Oder eher ferienmüde?

„Ferienmüde“, heißt der Titel einer kleinen Publikation des Kulturwissenschaftlers Valentin Groebner. Und im Untertitel: „Als das Reisen nicht mehr geholfen hat“. 

Ich habe das schmale Büchlein in meinen letzten Ferientagen gelesen. Und es hat mich heftig ins Nachdenken gebracht. Denn es geht um die Entzauberung des Mythos vom „schönen Urlaub“. Der „schöne Urlaub“ erweist sich, so der Autor, je länger je mehr, als „schöner Schein“.

Die angeblich unberührten Landschaften: übervölkert. Die vermeintlich authentische Bevölkerung am Reiseziel: bei genauem Hinsehen schwer arbeitende Kellner und Putzfrauen, die in der Tourismusindustrie tätig sind. Die sogenannten „Geheimtipps“: millionenfach von Reiseführern und sozialen Medien propagiert. Und darum längst keine Geheimtipps mehr. 

Am Ende zieht der Autor dennoch ein hoffnungsvolles Fazit: „Die Krise vom Frühjahr 2020“, schreibt er, „ist die Möglichkeit, der unablässigen Wiederholung der eigenen Wünsche von früher zu entkommen... Der wirkliche Luxus ist jetzt schon Weglassen-Können und Beweglichkeit. Das Reisen der Zukunft wird mit leichterem Gepäck stattfinden, deswegen über kürzere Distanzen.“ Aber vor allem mit der Bereitschaft, dass ich wieder Platz lasse für Unvorhergesehenes.

Wenn ich mich darauf einlasse, dann kann Ferienmüdigkeit, finde ich, zu einer kreativen Erkenntnis führen. Dass ich nämlich zur Erholung gar nicht weit weg muss. Weil es in erster Linie darum geht, den Alltag und seine eingespielte Routinen zu unterbrechen. 

Auf diese Weise lerne ich auch wieder, was holidays von der Wortbedeutung ursprünglich waren: holy days. Heilige Tage. Zeiten, in denen die gewohnten Abläufe für eine Weile ausgesetzt wurden.

Und so frage ich mich: Was hat in meinem Leben eine Unterbrechung verdient? Wo überlagern eingespielte Routinen meine Fähigkeit, bislang unbeschrittene Wege zu gehen? 

Für mich heißt die Antwort: Ich gönne mir hin und wieder die Kunst der Unterbrechung. Ich entrümpele meinen Terminkalender. Ich versuche, dem Überraschenden und Unvorhergesehen Raum zu lassen.

Und das gilt nicht nur für die Ferienwochen. Sondern ist ein guter Plan auch für den Alltag. Ich hoffe jedenfalls, dass ich so der Ferienmüdigkeit zuvorkomme.

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19SEP2021
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Leichtfüßig, so wie ich mir den Gang eines Engels vorstelle, perlt die Melodie dahin. Und von Engeln erzählt sie auch. „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir! Führet mich auf beiden Seiten, dass mein Fuß nicht möge gleiten!“

Die Arie ist aus der Kantate „Es erhub sich ein Streit“ von Johann Sebastian Bach. Bach hat sie für den Michaelistag im September 1726 komponiert. Wir hören sie in neuem musikalischen Gewand, bei der barocker Gesang und swingende Jazz-Improvisation eine, wie ich finde, inspirierende Beziehung eingehen.

 

Schön finde ich es, dass die Engel im Kalender der Kirche einen besonderen Tag haben, an dem ihrer gedacht wird. Denn Engel sind wichtig. Nicht nur in der Bibel. Sie machen die oft bedrängende Wirklichkeit transparent und durchlässig. So dass aufleuchten kann, was in der Sprache der Fakten nicht greifbar ist.

Engel erscheinen meist dort, wo die Oberfläche unserer Realität Risse bekommt. In den Krisenerfahrungen des Lebens. Da, wo ein Mensch existentiell herausgefordert ist. Sich zugleich aber auch bewahrt, beschützt und geführt weiß.

Engel öffnen - ähnlich der Musik - die Seele dafür, das es ein Anderes, Größeres und Umfassenderes gibt, aus dem uns heilsame Kräfte zufließen.

  

Diese Transzendenz lässt mich die Engelsmusik von Johann Sebastian Bach ahnen. Ich erlebe sie als heilsam und tröstlich. Gerade weil sie nicht versucht, das Andere, für das Engel stehen, rational zu erklären.

Engel kommen aus einer von mir nicht zu kontrollierenden und beherrschenden Sphäre. Nur darum können sie mich trösten und ermutigen.

So dass ich mir die musikalisch vorgetragene Bitte aus der Kantate gerne zu eigen mache: „Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir! Führet mich auf beiden Seiten, dass mein Fuß nicht möge gleiten!“

 

Das wünsche ich uns an diesem Sonntag: die swingende Leichtfüßigkeit eines Engels. Die Gewissheit, von ihnen bewahrt und geführt zu sein.

Um so sicheren Fußes die nächsten Schritte durchs Leben machen zu können.

   

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CD „Bach in Jazz. Er ist meines Lebens Kraft“, Track 6, Rondeau Production GmbH, Leipzig 2012, LC 06690

 

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14AUG2021
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„Vieles ist noch so ungewohnt“, sagt mir neulich ein Freund bei der Begrüßung. Früher haben wir uns, wenn wir uns länger nicht gesehen hatten, einfach immer umarmt. Dürfen wir uns diese Freiheit jetzt wieder nehmen? Oder lieber noch nicht?

Vieles fühlt sich gerade an, als müsse man es erst wieder neu lernen. Und ausprobieren. Wie ein Gang über eine Eisfläche im Winter, bei der man nicht weiß, ob sie hält. Das Zusammensitzen mit Freunden im Freien. Der sorglose Plausch an der Straßenecke.

Es ist ein Lebensgefühl, als hätte man nach Monaten den lästigen Gipsverband abgelegt. Und versuche nun, die ersten Schritte ohne zu tun. Alles noch ganz schön ungewohnt!
Ja, wirklich! Vieles erlebe ich in diesen Tagen wie zum ersten Mal.

Aber - das ist grundsätzlich ja auch etwas Schönes! Es ist so ein Gefühl, wie ich es habe, wenn ich morgens sehr früh aufgestanden bin. Wenn sich das Dunkel der Nacht ganz allmählich auflöst und der Morgen dämmert.  Der Straßenverkehr ruht noch, aber die ersten Vögel beginnen schon zu singen ...

Dann spüre ich den Zauber eines von Planung und Zwecken noch unbe-fleckten Tages. An dem alles möglich zu sein scheint. Einen Widerschein sozusagen des ersten Schöpfungsmorgens, wo die Welt noch ganz frisch und unbenutzt ist.

Diesen Kontrast zu erleben zu dem, was später dann alles kommen wird, finde ich schön. Und hilfreich. Weil er mir Abstand vermittelt zu den vielen Aufgaben und Pflichten, die ich tagsüber zu erledigen und zu tun habe.

Dieser Abstand erlaubt mir auch jetzt, zu unterscheiden. Und zu fragen: soll meine neue gewonnene Freiheit einfach nur darin bestehen, zurückzukehren zur sogenannten Normalität vor der Pandemie? Will ich wei-termachen wie bisher? Oder bin ich so frei, manches zu lassen, was sich nicht als lebensdienlich erwiesen hat?

Ich überlege mir, welche Fernreise ich wirklich unbedingt machen will. Dass auch die Entdeckung der Nähe und der Langsamkeit ihre Reize hat. Und dass ich durchaus etwas tun kann gegen die ständige Angst, ich könnte in diesem Leben etwas verpassen.

Dabei hilft ein Maßstab, den Paulus gegeben hat: „Prüfet alles, und das Gute behaltet!“ Das halte ich auch in der jetzigen Situation und im Blick auf die Zukunft für einen guten Rat. Gut, wenn auch manchmal anstrengend!
Aber Freiheit bedeutet eben auch: die mühsame Kunst des Prüfens und Unterscheidens zu üben.

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13AUG2021
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In einer großen Tageszeitung stoße ich auf ein ungewöhnliches Interview. Mit Otto. Ja, Otto, der Komiker! Er erzählt, wie gute Unterhaltung funktioniert und was die Kunst der Komik ausmacht. Dann, ganz überraschend, kommt die Sprache auf das Thema Religion.

„Ihre Mutter war sehr religiös“, sagt der Interviewer, „mussten Sie jeden Sonntag in die Kirche?“ „Ich war Weltmeister im Bibelaufschlagen an der richtigen Stelle“, sagt Otto. „Können Sie noch etwas rezitieren?“, kommt die Frage.

Otto, wie aus der Pistole geschossen: „Wohl dem der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, da die Spötter sitzen. Luther-Bibel, Psalm eins, Vers eins.“ 

Ich bin einigermaßen überrascht. Mir fallen Ottos Persiflagen kirchlicher Würdenträger und ihrer Reden ein. Ganz schön respektlos zuweilen.

Ich schlage die Bibel auf und lese, wie die zitierte Bibelstelle weitergeht: „Sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit.“

Lust haben. Seine Freude haben. Am Gesetz, oder besser: an der Weisung Gottes. Daran, dass mir Gott eine Spur durchs Leben weist, die sich nicht im Nirgendwo verläuft. Sondern zu einem guten Ziel führt.

Ein starker Text, den Otto sich da ausgesucht hat. Es geht in dem Vers ja um verschiedene Möglichkeiten, wie man durchs Leben kommt. Einen Weg, auf dem das gelingen kann. Und einen anderen, der in Sackgassen führt.

Das zu entscheiden hängt von vielem ab. Und, finde ich, ist im Alltag ganz schön kompliziert. Es ist eine Frage, die ich immer wieder neu beantworten muss. Wo geht’s lang für mich? Bin ich eher ein Baum oder ein Fähnlein im Wind? Und: habe ich den nötigen Abstand, um auch mal über mich selbst zu lachen?

In der Kultur- und Religionsgeschichte gibt es die Figur des heiligen Narren. Der heilige Narr entlarvt, wenn Religion zur leeren Attitüde wird. Er macht sich lustig über Worthülsen und frommes Gebaren. Und lacht über alles, was sich größer macht, als es ist.

Dafür braucht es Abstand zu mir selbst. Das Gottvertrauen, dass Dinge und Menschen sich ändern können. Und hinter der Attitüde ein Mensch sichtbar wird. So wie er wirklich ist. Vielleicht hat er das gemeint, der Otto: „Wer Lust hat an der Weisung Gottes, ist wie ein Baum, der Frucht bringt.“

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