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20OKT2021
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Wie ist das – eine Beerdigung ganz ohne Angehörige? Wenn sich keine Familienangehörigen melden, oder ausfindig gemacht werden können. Oder Verwandte ausdrücklich erklären: „Von uns kommt niemand.“ Ich komme gelegentlich in so eine Situation. Dann stehe ich allein mit einem Friedhofsangestellten am Grab. Oder zu dritt – wenn noch ein von der Gemeinde bestimmter Bestatter dazu kommt?

Wenn andere davon erfahren haben, werde ich als Pfarrer oft bemitleidet: „Das ist ja schrecklich für Sie!“ Ist es aber nicht. Nein, es sind oft sehr intensive Abschiede, die mir selber Trost geben. Allein, zu zweit oder zu dritt am Grab - wir haben dann – so gut es geht – das Leben des Verstorbenen bruchstückhaft vergegenwärtigt – ein Vaterunser gesprochen. Und einen Segen. In der Hoffnung, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort lässt.

Manchmal kommen unerwartet Trauernde. Weil sie es irgendwie - ohne jede öffentliche Ankündigung - mündlich mitbekommen haben. Und das passiert häufiger als man denkt.

Mich beeindruckt, wenn der Freund aus Jugendtagen oder die ehemalige Nachbarin dann am Grab offen und ehrlich davon erzählen, wie sehr sie das Leben der Verstorbenen berührt hat – wo es Spuren in ihrem Leben hinterlassen hat – wo es ein Licht für sie war – wo es schwer war – wo noch Schmerzen da sind und was sie jetzt bitter vermissen.

Das können ganz alltägliche Dinge sein:
wie sie zusammen gesungen haben, wie sie sich beim Motorradreparieren geholfen haben – oder wie sehr die Unterstützung beim Einkaufen geholfen hat.

In all dem Miterlebten leuchtet ein Segen auf, den Gott in dieses Leben gelegt hat. SEIN Segen in den noch so verschlungenen und geknickten Lebensläufen.
Ein Wort aus der Bibel tröstet mich dann besonders. Es steht im Buch Jesaja und heißt: „Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird Gott nicht auslöschen. (Jesaja 42,2)

Genau dafür haben die Weggefährten, die Freundinnen und Freunde, die zum Grab kommen, einen Draht. Sie achten das verletzte und geknickte Leben. Auf diese Weise werden sie zu echten Brüdern und Schwestern. Wo Familien zerbrochen sind, kann für den Moment des Abschieds so etwas wie eine neue Lebensgemeinschaft entstehen - eine neue Familienbande aufleuchten.

Wenn ich das miterlebe – stärkt das mein Gottvertrauen. Wo Menschen da sind, getragen von dem Vertrauen, - „wir alle sind in Gottes Händen geborgen“, - ist keiner allein und vergessen.

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19OKT2021
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Was bringt die Zukunft? Ich meine nicht für mich – sondern für Andere. Für Kinder und Kindeskinder. Für die Generationen nach uns. Das bewegt viele. Eltern, Erzieher, Lehrerinnen.

Bei Taufen spüre ich das intensiv. Ich sehe in frohe und glückliche Gesichter. Eltern und Großeltern strahlen, jung und alt. Wie schön, dass Kinder da sind. Und doch stehen da immer auch zugleich nachdenkliche Fragen im Raum. Wie das einmal sein wird, wenn diese Kleinen erwachsen sind? Wie das alles weitergeht mit der Umwelt und der Gesundheit und der Ernährung?

Das oberste Gericht in unserem Land, das Bundesverfassungsgericht, hat in diesem Zusammenhang Ende April (29.4.) eine bemerkenswerte Entscheidung getroffen:
Die Regierung muss das verabschiedete Klimaschutzgesetz nachbessern, damit Lasten nicht späteren Generationen aufgebürdet werden. Die derzeitigen Pläne reichen nicht aus. Es muss entschlossener gehandelt werden. Jetzt.

Freilich: Die meisten unserer Gesetze sollen Jung und Alt eine gute Zukunft eröffnen. Und doch ist diese Entscheidung in der Rechtsgeschichte unseres Landes eine Neuheit. Das Urteil mahnt an, Verantwortung für die noch Kommenden zu übernehmen, Fürsorge für die nach uns.

Und zwar nicht nur mit einem moralischen Apell. Sondern: Hier und heute soll per Gesetz politisches Handeln die Bedrohung der Lebensgrundlagen durch die Erderwärmung eindämmen.

Das erfordert gemeinsame Anstrengungen, der Alten und der Jungen. Doch immer wieder höre ich auch, wie Ältere verdächtigt werden: „Die verschwenden Rohstoffe und verpesten die Luft. Die machen damit skrupellos weiter, weil es die ja nichts mehr angeht.“ Mich ärgert das. Denn solche Polemik ermutigt nicht zu einem gemeinsamen Aufbruch.

Vom Geist Gottes bewegt, etwas gemeinsam für die Erhaltung der Schöpfung bewegen, über Generationen hinweg – darum geht es. Und jede Generation kann ihren Beitrag leisten. Dazu motoviert eine Verheißung aus dem Propheten Joel. Da heißt es: Vom Geist Gottes erfüllt „sollen eure Söhne und Töchter weissagen, eure Jünglinge sollen Visionen haben und eure Alten sollen Träume haben.“ (Joel Apg 2,17)  So kann ein produktives Miteinander der Generationen entstehen.

Die visionären Jungen und die Träume der Alten. Doppelte Energie. Ein gutes Klima zwischen den Generationen sorgt auch für einen besseren Klimaschutz.

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18OKT2021
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Mein erster Weg geht morgens zum Briefkasten. Ich hole die Zeitung heraus und lese die Schlagzeilen - und noch vor dem Frühstück einzelne Artikel. Das ist bei mir wie ein Ritual – schon seit vielen Jahren.

Ich kenne Menschen, die diesen Blick in die Welt der Nachrichten am Morgen bewusst rauszögern. Sie sagen mir: „Das regt mich zu sehr auf. Das beunruhigt und betrübt mich. Das schafft in mir eine miese Stimmung - erzeugt manchmal auch Bitterkeit.“

Kritischer Journalismus sorgt für eine kritische Berichterstattung. Gut so, recht so. Es geht darum, Missstände, Kritik und Krisen zu benennen. Verbrechen sollen nicht verheimlicht werden, Katastrophen müssen erwähnt werden. Auch wegen der Empathie mit Betroffenen. Die Frage ist nur: Wann soll mich das erreichen? Soll das meinen Tag eröffnen? Soll das ganz am Anfang stehen? In einem Morgenlied von Christian Fürchtegott Gellert heißt es:
„Mein erst Gefühl sei Preis und Dank – erheb IHN meine Seele!“ (EG Nr. 451)
Gellert beginnt seinen Tag mit dieser Haltung:
„Lob und Dank dem Ewigen, dass ich wieder im Leben dabei sein darf.“

Das ist sein Fundament. Und von da aus bekommen alle anderen Eindrücke und Gefühle ein anderes Gewicht und Gesicht – einen anderen Rahmen. Auf den Spuren dieses Liedes will ich meinen Tagesbeginn umgestalten und den Nachrichten etwas vorschalten.

Zum Beispiel Worte aus Psalm 36:
„HERR, deine Güte reicht so weit der Himmel ist
und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen.
In dir ist die Quelle des Lebens – und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“

Wenn ich diese Worte bete, spüre ich: Das weitet meine Seele und bereitet mich vor für alles, was kommt. Mit dem Glanz Gottes will ich in den Tag gehen. Und dann erst die Zeitungslektüre und beunruhigende Nachrichten auf mich wirken lassen.
Es geht ja nicht darum, das Dunkle zu beschönigen oder zu verdrängen. Aber dabei nicht zu verharren oder zu verbittern. Das will auch der nicht, der mir Leben schenkt. Gott will vielmehr, dass sein Licht in meinem Leben leuchtet und nicht verlischt.

Ich denke dabei auch an Worte von Wolf Biermann, in denen er das einmal so ausgedrückt hat: „Du lass dich nicht verbittern – in dieser bittren Zeit...“ – „wir brauchen ... grad Deine Heiterkeit.“

Sich nicht verbittern lassen! Den Tag nicht mit Bitterkeiten beginnen – und übrigens: auch nicht damit beschließen. Ein Schriftstellerfreund rät mir: „Lies gute Literatur vorm Einschlafen!“ Die Zeitung ist dann Morgen wieder dran. Nach Lob und Dank.

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28AUG2021
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Oft frage ich mich: Warum bist Du heute eigentlich dieser oder jener Person begegnet? Das hat doch irgendwie gepasst. Das sollte wohl so sein. War das nun reiner Zufall? Oder mehr als das? Und im Blick auf Freunde und Partner frage ich mich dann auch: Warum bin ich überhaupt mit diesen und nicht mit anderen Menschen zusammen gekommen, befreundet, in Partnerschaft verbunden?

Die amerikanische Anthropologin Helen Fisher meint herausgefunden zu haben, dass es bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gibt, die Menschen an Anderen attraktiv finden. Und dies wiederum sei von Hormonen bestimmt.[1]
Andere behaupten bekanntlich, Körpergerüche seien der Grund, warum man sich sprichwörtlich gut riechen kann. Anziehung – Partnerschaft – Begegnungen – alles pure Biologie? Oder reiner Zufall?
Ich bin unlängst auf eine jüdische Weisheit gestoßen, die in eine gänzlich andere Richtung weist. In der fragt eine lebenserfahrene Frau den Rav Jose:
Was macht Gott eigentlich, nachdem er die Welt erschaffen hat? Die Antwort des Weisen hat mich frappiert: Gott bringt seither Ehepaare zusammen, heißt es da. (Pesiqta 11,b – zit. n. Strack-Billerbeck Bd I, S. 803)

Steckt Gott da wirklich dahinter? Ich bin mein Leben durchgegangen – über den Ehe-Horizont hinaus – und habe mich gefragt:
Was wäre gewesen, wenn du die oder den nicht getroffen hättest in deinem Leben? Freunde und Freundinnen, Lehrer und Lehrerinnen in der Schulzeit, an der Uni? Kollegen und Kolleginnen im Beruf? Ich spüre: Sie haben alle mein Leben geprägt und erfüllt – manchmal auch belastet und bedrückt. Manchmal wäre ich auch froh gewesen, dieser oder jener Person besser nicht begegnet zu sein.

Doch mir fällt im selben Moment auf: Ohne  a l l e  diese Menschen, denen ich begegnet bin und bis heute begegnen darf, wäre ich wohl verkümmert, wäre ich nicht da, wo ich gelandet bin.
Doch wie kam es dazu? Soviel ist für mich sonnenklar: Es ist mehr als Biologie gewesen.
Und die Vorstellung, dass Gott dabei mitgewirkt hat, gefällt mir. Mehr noch: Sie überzeugt mich sogar.
Es hat Sinn gemacht – mich weiter gebracht – auch die schwierigen, verstörenden Begegnungen. Ich kann sagen: Ich erkenne darin ein liebevolles Wirken Gottes. Das nicht aufhört.
Denn wenn ich Freundschaft und Partnerschaft, Alltagskontakte und Begegnungen in der Nachbarschaft  s o  ansehe – verändert das mein Erleben von Grund auf:
Jede Begegnung – auch die schweren – werden zu einem ein Wink Gottes – zu einem Geschenk an mich.

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[1] Fanny Jimenez, So entscheidet der Körper, in wen man sich verliebt, in: welt online, 2.8.2021

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27AUG2021
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„Verzicht“ und „verzichten“ sind unpopuläre Worte. So unpopulär, dass sich viele davor scheuen und sie erst gar nicht verwenden, auch in der Politik. Das ist verständlich. Denn ungern mag man in Krisenzeiten Menschen sagen, deren Stimme man bei der nächsten Wahl gewinnen möchte, worauf sie in Zukunft werden verzichten sollten.

Und doch sollte das, was „Verzicht“ und „verzichten“ bedeutet, nicht verdrängt werden. „Verzichten“ heißt, etwas aus innerer Überzeugung nicht in Anspruch nehmen. Etwas weglassen. Gerade ein solches „Verzichten“ scheint überlebenswichtig zu werden. Denn das uneingeschränkte Auspressen von Mensch und Natur – das wird immer klarer – hat fatale Konsequenzen. Darum, denke ich, ist folgende Frage wichtig:
Wie können Menschen sich beschränken? Wie können sie etwas von dem unterlassen, was sie wissenschaftlich, technisch oder militärisch ins Werk setzen könnten? Von sich aus, ohne Zwänge und Drohgebärden von außen. Was könnte sie motivieren?

Mir kommt eine eigenartige Gewinn- und Verlustrechnung in den Sinn, die weiterhelfen kann. Jesus sagt einmal: Wer mit mir auf meinen Wegen unterwegs ist, findet das Leben – gerade dann, wenn er es zu verlieren scheint (nach Matth 16,25). Wie soll das gehen? Das haben die erfahren, die mit Jesus gezogen sind, die Fischer vom See Genezareth. Und viele Frauen und Männer nach ihnen - in der Geschichte der Christenheit. Sie haben auf Vermögen und Privilegien verzichtet und so ein erfülltes Leben gefunden.

Etwas verlieren und dabei gewinnen. Mir wird das besonders klar, wenn ich von einer Reise zurückkomme und beim Auspacken feststelle: Selbst, was in einen Koffer passt, reicht für Wochen und mehr. Du hättest gar nicht alle die Schuhe und Hemden und Bücher gebraucht. Urlaub ist für mich immer wieder ein kleines Versuchslabor für ein „Mit weniger leben!“
Viele erleben Urlaube auf diese Weise und genießen es, mit weniger materiellen Gütern Geist und Seele zu erquicken. Eine Spiritualität, in der Weglassen und Verzichten neu entdeckt wird, soll nicht Genüsse verfeinern oder steigern. Darum geht es Jesus nicht. Er soll uns aus den Zwängen dieser Welt befreien: Versuch nicht so viel wie möglich aus deinem Leben und dem Anderer herauszupressen! Lass genug, genug sein! Dann werden auch die Ressourcen dieser Erde nicht weiter überstrapaziert.

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26AUG2021
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„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten...“ (GG Art. 5) So steht es im Grundgesetz. Wie gut ist dieses Grundrecht in unserem Land geschützt. Gott sei Dank!

Doch derzeit prallen Meinungen heftig aufeinander. So explosiv, dass ich manchmal ganz froh bin, wenn ich nicht nach meiner Meinung gefragt werde. Es ist Dampf im Topf und der kocht manchmal auch über: Eltern, die gegen Coronarestriktionen in Schulen demonstrieren, werden umgehend in die rechtsradikale Ecke gestellt.
Auch unter „ziemlich besten Freunden“ reicht schon eine Andeutung, dass man zu bestimmten Maßnahmen eine andere Meinung hat. Schnell stehen Vorwürfe im Raum, man sei „Coronaleugner“ oder bereite die „Gesundheitsdiktatur“ mit vor. Maßlos und unsachlich sind solche Urteile. Mir scheint, es ist mehr als eine saisonale Gereiztheit.

Der Münsteraner Religionswissenschaftler Thomas Bauer hat schon vor Jahren auf die Gefahr eines Verlustes „von Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ hingewiesen. Er hat das in einem geschichtlichen Querschnitt für Religion, Kunst und Musik nachgezeichnet.
Religionen zB, die die eigene Vieldeutigkeit ausmerzen, erstarren in Fundamentalismus. Wo immer es zu einer „Vereindeutigung der Welt“ kommt, so Bauer, geht Vielfalt verloren, und damit einher ein Verlust von Lebendigkeit. [1]
Mir scheint, das trifft auch auf die bedrohte Meinungsvielfalt zu.
Wer das vieldeutige Leben vereindeutigt, – so und nur so geht Ehe, so und nur so geht Klimaschutz, so und nur so kann die Coronakrise überwunden werden - , der verstellt sich und anderen den Blick für die vielfältige Wirklichkeit.

Das Christentum ist als ein Gemisch aus Völkern und Kulturen - von Anbeginn mit dieser Herausforderung konfrontiert gewesen. Wo es in Einseitigkeit erstarrte – wurde Vielfalt verhindert. Bisweilen auch mit Gewalt und Schrecken.
Der Apostel Paulus hielt dagegen ein Plädoyer für Vielfalt:
„Ein jeder sehe nicht auf das Seine“, schreibt er, „sondern auch auf das, was dem Andern dient!“ (Phil 2,4) Ja, er ging so weit zu sagen: „Wer den Anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.“ (Röm 13,8)

Andersartigkeit vor Gott leben – und nicht austilgen – Freiheit aushalten – darauf kommt es auch jetzt an. Es ist wichtig, sich eine eigene Meinung zu bilden. Beinahe noch wichtiger ist es, davon auszugehen, dass es noch andere Meinungen gibt. Nämlich die der Andersdenkenden.

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[1] Thomas Bauer,  Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt

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30JUN2021
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Was tun, wenn es eng wird?  Wenn andere auf mich wütend sind.

Wenn ich von Anderen bedroht werde?
zB beim Krach in der Familie – wenn es um´s Erbe geht.

Oder wenn der Streit im Betrieb eskaliert.

Sind Sie dann ein Kopfmensch?  Bleiben Sie cool - analysieren und entwickeln Strategien? Oder hören Sie auf ihr Herz – und bleiben sich und ihren Überzeugungen treu - ohne Abstriche treu?

Jesus sagt, wenn wir von anderen bedroht werden und es richtig eng wird,
dann „Seid klug wie die Schlangen und ohne falsch wie die Tauben!“ (Mt 10,16)

Doch geht das überhaupt zusammen? Und wie?

Das mit den Tauben passt zu Jesus. Das erwartet man von ihm.

Tauben gelten als Symbol für Frieden und Ausgleich, sie sind Vorbild für lautere und reine Wesen.

Doch wieso sagt Jesus eigentlich betont und vorangestellt:

„Seid klug wie die Schlangen!“ ?

In der Bibel gelten Schlangen für gewöhnlich als giftige und gefährliche Wesen.

Doch dort steht auch: Die Schlange sei listiger, klüger und schlauer als alle anderen Tiere. Ja - sogar mitunter klüger als die Menschen.

Mit ihren klugen und geschickten Fragen und Behauptungen führt die Schlange Adam und Eva so weit, dass sie das Gebot Gottes brechen.

So steht es am Anfang der Bibel.

Und genau daran knüpft Jesus positiv an - vorurteilsfrei und ohne jede moralische Abwertung. Wenn ihr bedroht werdet, schaltet euren Kopf ein! Benutzt euren Verstand! Seid klug und listig wie Schlangen!

Ich verstehe das so:

Auszuweichen, zu schweigen, oder eine Ausrede können schützen. Dann ist erst einmal etwas Dampf raus und Zeit gewonnen für eine Abkühlung. Bei der nächsten Gelegenheit könnten Vorgesetzte oder Familienstreithähne schon weniger aggressiv auftreten. Nur ohne falsch wie die Tauben, seine Überzeugung 1:1 auspacken, das reicht nicht.

Das gilt erst recht im politischen Bereich: Wenn sich Menschen unter Androhung von Gewalt für Demokratie und Glaubensfreiheit einsetzen – ob in Belarus oder Hongkong oder anderswo – dann reicht es nicht aus, seine reine Überzeugung hoch zu halten und sich so den Machthabern auszuliefern.

Mir scheint, bei diesem Ratschlag von Jesus ist das „UND“ das wichtigste Wort.

Es braucht beides – den Kopf  u n d  das Herz – Klugheit, List  u n d  das im Reinen mit sich sein. „Seid klug wie die Schlangen und ohne falsch wie die Tauben.“
Sonst gefährdet ihr euch und nichts wird dadurch besser.

Herz  u n d  Verstand  - beidem Raum geben – das ist lebenswichtig.

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29JUN2021
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Ein politisches Plakat hat unlängst Aufsehen erregt. Zu sehen war die Kanzlerkandidatin der Grünen – Annalena Baerbock – in grünem Gewand mit zwei Gebotstafeln in den Händen. Moses auf weiblich und grün.

Darunter der Schriftzug: „Wir brauchen keine Staatsreligion.“

Die sog. „ Initiative neue soziale Marktwirtschaft“ (INSM) warnt so vor Vorschlägen der GRÜNEN.

Ich habe mich gefragt:

Was soll so ein religiöses Motiv im politischen Wettstreit der Meinungen?

Verstanden habe ich: Annalena Baerbock verkündet angeblich Regeln und Gebote – Gott gleich – ohne wenn und aber. Sie stehe für Verbote und Verzicht. Sie wolle unsere Freiheiten abschaffen.

Ganz gleich wie zutreffend oder auch absurd eine solche Kampagne ist,

Judentum und Christentum hätten es nach diesem Bildprogramm nämlich vorzugsweise mit Unfreiheit und Verboten zu tun.

Ein Vorurteil, dass sich hartnäckig hält und immer wieder benutzt wird.

Verschwiegen wird dabei mindesten zweierlei:

Erstens:  Wir leben alle in einer Welt voller Regeln, voller Gebote und Verbote. Und das ist gut so. Wir könnten sonst nicht einmal sicher über die Straße gehen. Regeln, Gebote und Verbote sind also nicht per se etwas Negatives.

Und zweitens: Gebote und Verbote sind nichts Starres. Sie werden weiter entwickelt. Wie in unserer Rechtsprechung so auch in den Religionen. Gewiss: Auch nicht der kleinste Buchstabe soll von den 10 Geboten verschwinden – sagt Jesus einmal – doch sie müssen gedeutet werden – immer wieder neu.
Wie den Ruhetag halten?

Was heißt es, anderen nichts wegnehmen oder neiden?

Je und je kommt es darauf an, dies neu in die aktuelle Situation hinein zu buchstabieren.

In unserer Gesellschaft geschieht das auf der Basis der in der Verfassung verbrieften Grundrechte.

In der Bibel ist es das 1. Gebot:

Der Gott, der dir seine Gebote zuruft, hat dich in die Freiheit geführt.

Alle Gebote sollen darum einem Miteinander in Freiheit und Frieden dienen. Sie sollen keine „Tyrannei der Verbote“ errichten, sondern ein Leben in Freiheit eröffnen.

Ich wünsche mir, dass möglichst viele den Segen dieser befreienden Ordnungen entdecken und erleben.

Welche Gebote und Verbote Sinn machen und welche nicht – darüber lohnt es sich nachzudenken. Auch kontrovers.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33408
28JUN2021
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Wie wär´s einmal mit einem Blick auf die Erde? Vom Weltall aus.

Das ist nicht ganz preiswert.

Für 28 Millionen Dollar ist unlängst so ein Flugticket versteigert wurden.

Am 20. Juli geht es los mit der „New Shepard“.

Der erste bemannte Weltraumflug für Privatpersonen.

Mit an Bord: Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt – Inhaber der Firma Amazon.

Der Flug soll bis auf einhundert Kilometer Höhe gehen - und soll nach zehn Minuten Flugdauer in der texanischen Wüste enden.

Das heißt: Pro Flugsekunde kostet das etwa 45.000 Dollar.

Das passt nicht zu meinem Geldbeutel.

Aber auch nicht zu meinen Urlaubswünschen.

Von den ökologischen Nebenwirkungen einmal ganz abgesehen – mich befremden solche Pläne und Projekte.

Nur ein paar Minuten - von einem kleinen Flugobjekt aus - auf die Erde schauen,
das ist mir bei all dem Aufwand und den Anstrengungen zu wenig.

Mir reichen dafür Fotos und Filme aus dem All. Bequem abrufbar im Internet.

Wenn Menschen in den Weltraum aufbrechen – für wissenschaftliche Zwecke – ist das in meinen Augen eine entbehrungsreiche Expedition – alles andere als eine Vergnügungsreise.

Zu meiner Freude an der Schöpfung gehört die sinnliche Erfahrung meiner Mitwelt.

Gehören Blütendüfte.  Farben.  Vogelstimmen. Wind und Meeresrauschen.

Und genau das erlebe ich hier und jetzt.

Im Sommer rausgehen - nah den Pflanzen und Tieren sein können.

Wälder, Felder, gemähte Wiesen, Sonne und Wolken, Regen und Nebel spüren.

Wie wachsen jetzt Getreide und Weinreben.

Bei Tag weit ins Land blicken, in die Ferne – ist das nicht wunderbar!

Von einem Aussichtsturm aus, von einer Anhöhe oder von einem Berggipfel aus.

Und dann bei Nacht in diesen Tagen im Hochsommer – vom Balkon aus oder im Freien – in den Sternenhimmel schauen.

Vor mir erscheint eine Weite, die ich nicht fassen kann.

Ein Sternenhimmel ist mir vor Augen – der aller menschlichen Größe – allen menschlichen Großtaten und Wichtigkeiten eine Grenze setzt.

Das lässt mich nicht los.

Mir gefällt diese Blickrichtung  – der Blick von unten.

Hier auf Erden – komme ich auf Gottes Spur – sehe die Wunder seiner Schöpfung.

Dazu sind alle eingeladen - ohne Stress und ohne Unsummen von Geld.

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24APR2021
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Wie wunderbar können Kirchenglocken klingen! Satt und warm und hell und klar. Musik in den Ohren für Viele. Manche Kirchen lassen mit ihren Glocken mittlerweile Melodien erklingen. Mit einer ausgetüftelten Technik. In Tübingen gibt es auf diese Weise vom Turm der Stiftskirche aus weithin hörbar Kirchenchoräle.

Mich begeistert der Klang alter Glocken, aus der Ferne wie aus der Nähe. Aber - wie es heißt es doch so schön treffend auf Plattdeutsch: »Wat den een sien Uhl, is den annern sien Nachtigall«.

Was soviel heißt wie: Was der eine liebt, was dem einen Musik in den Ohren ist, Nachtigallen gleich – ist für den Anderen lästiges Kreischen und Krächzen – eine Ruhestörung, eine nächtliche dazu, eine den Schlaf störende „Lärmemission“. Menschen in der Nachbarschaft von Kirchen erleben das sehr verschieden: Sobald die Glocken reparaturbedingt nicht läuten, kommen Anrufe: „Wann läuten sie wieder? Ich sehne mich nach diesem Klang.“

Doch wenn die Glocken wieder funktionieren und das Morgengeläut erklingt, kommen auch Beschwerden. „Das war so schön ohne – warum jetzt wieder läuten?“ Was für die einen eine himmlische Ruhe am Morgen ist – ist für andere eine quälende Stille. Ich denke, es ist gut, wenn beide voneinander wissen und füreinander gegenseitig Verständnis haben können.

Dafür ist es wichtig, finde ich, dass Kirchen wieder ins Bewusstsein rücken, wieso ihre Glocken läuten – was die einzelnen Läutezeiten bedeuten.

An vielen Orten läuten Kirchenglocken zum Morgen-, zum Mittags- und zum Abendgebet. Eine Einladung zum Mitbeten ist das! So wie wenn die Vaterunser-Glocke während des Sonntagsgottesdienstes erklingt. Ein Glockengeläut am 15 Uhr erinnert in aller Regel an Jesu Tod am Kreuz. Andere Läutezeiten erinnern an Menschen, die in Not bewahrt worden sind. Und wer die Totenglocke hört, kann Anteil nehmen an der Trauer der Hinterbliebenen und die Verstorbenen auf ihrem Weg  zum Grab im Gebet begleiten.

Ich kann mir vorstellen, dass bei einigen über so ein Aufklären über die Bedeutung der verschiedenen Geläute, Verständnis und Freude am Glockenklang wieder wachsen könnten.

Andererseits  könnten Kirchengemeinden auch darüber nachdenken, ob sie für Ausschlafhungrige am Wochenende und gesetzlichen Feiertagen das frühe Läuten aussetzen.

Jedenfalls: Kirchenglocken sind mehr als ein Ersatz für eine Taschenuhr. Und in meinem Inneren löst selbst das Stundengeläut vom Kirchturm ein anderes Zeitempfinden aus, als ein piepsendes elektronisches Signal eines Weckers. Mir läuten die Glocken am Morgen einen neuen Lebenstag ein: Ich kann noch einmal  im Leben dabei sein. Das tut mir in der Seele gut.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33035