Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Der 7. 7. 1207 ist der mutmaßliche Geburtstag der heiligen Elisabeth von Thüringen. Gestorben ist sie 1231. In den nur 24 Jahren ihres kurzen Lebens machte sie sich einen Namen durch verschwenderische Barmherzigkeit und bedürfnislosen franziskanischen Lebensstils. Als der heilige Franziskus 1226 starb, ließ er seiner Schwester im Geist Elisabeth seinen Mantel senden. In Marburg wohnte die jung verwitwete Königstochter, nachdem sie die Stammburg ihres Mannes, die Wartburg bei Eisenach, verlassen musste. Sie trat in Marburg den Franziskanerinnen bei, gründete ein Hospital und pflegte hingebungsvoll Kranke und Sieche. Vier Jahre nach ihrem Tod wird Elisabeth heilig gesprochen. Ihr Grab in der Marburger Elisabethkirche wird zum Zentrum einer großen Pilgerbewegung.
(09905) 7-7-1207 ist aber auch eine Telefonnummer. Wer diese Nummer wählt wird von einer freundlichen Frauenstimme darauf aufmerksam gemacht, dass das Herz leuchtet, solange er in der Leitung bleibt. Wohnt der Anrufer in Marburg (sonst: www.marburg.de/webcam), dann sieht er auch, was die freundliche Stimme ihm sagt. Hoch über der Stadt am Kaiser-Wilhelm-Turm leuchtet bei Nacht eine violettfarbene Blattpflanze mit zwei herzförmig nach unten gebogenen Rauten. Die Künstlerin Helmi Ohlhagen hat das Motiv dem Portal der Elisabethkirche entnommen. Wählt jemand (09005) 7-7-1207 beginnt um die 8 m große Ranke ein rotes Herz zu leuchten und strahlt über der Stadt in den nächtlichen Himmel – bis der Anrufer wieder auflegt. Jeder kann sich an dieser Leuchtreklame für die Liebe beteiligen. Das spektakuläre Lichtkunstwerk wirbt mit modernen Mitteln – Neonlicht und Handy – für die uralte Idee christlicher Nächstenliebe, für Elisabeth und ihr großes Herz für Arme und Kranke. Denn das Marburger Licht-Herz lässt nicht nur jede Nacht die Idee der Liebe wieder neu aufstrahlen. Die Kunst-by-Call bewirkt auch Liebevolles: Jeder Anruf spielt Geld ein für zwei soziale Projekte.
Auch andere Städte haben ihre Wohltäterinnen. Stuttgart zum Beispiel eine Königin Olga, oder Kirchheim eine Franziska von Hohenheim. Ich stelle mir vor wie im Jahr 2022 auf dem Stuttgarter Fernsehturm ein Olgaherz flammt. Oder 2011 ein Franziska-Herz auf der Teck per Handyanruf zum Leuchten gebracht werden kann. Damit die Idee der Liebe jede Nacht neu aufflammt über Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe Trier, Mainz oder Kirchheim. Und nebenbei Arme und Kranke etwas davon haben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2123
Die Thomaskirche in Leipzig ist für Bachliebhaber ein besonderer Ort. Hier hat der Komponist viele seiner Werke aufgeführt. Hier war er Kantor und Organist. Hier liegt Johann Sebastian Bach begraben.
Artur Zmijewski, ein polnischer Gegenwartskünstler, hat Sinn für Orte mit einer besonderen Aura. Auf der diesjährigen Documenta in Kassel ist eine Videoarbeit von ihm zu sehen – und zu hören. Ihr Titel: „Tauber Bach“. Zmijewski lässt in der Thomaskirche, sozusagen über Bachs Grabplatte, die Bachkantate aufführen: „Jesu, der du meine Seele “. Solistin ist Ewa Lapinski, begleitet vom Barockensemble der Musikhochschule Leipzig. Die Chorpartie singt der Chor der Samuel-Heinicke-Schule für Schwerhörige und Gehörlose. Im Video sieht man die Begeisterung der singenden Jugendlichen. Man hört auch ihre Inbrunst. Aber was man sonst noch hört, ist unbeschreiblich. Es ist herzergreifend und herzzerreißend zugleich. Die Sängerin zieht klar und schön ihre Linien, das Orchester begleitet sensibel und transparent. Und im Chor wird gelallt, geschrieen, gebrüllt, geklagt, gejubelt und gestöhnt. Alles, nur nicht die Noten, die Bach komponierte. Es ist schwer auszuhalten. Und das ist die Absicht. Gehörlose, so der Künstler, sind nicht in der Lage, so sehr sie sich auch anstrengen, einen für Hörende akzeptablen Bach zu singen. Das gelte es zu akzeptieren.
Das Leben ist andersartig. Wer nicht hört, lebt in einer anderen Welt als Hörende. Wer nicht sieht in einer anderen als Sehende. In letzter Konsequenz hieße das zu akzeptieren, dass Bach den Gehörlosen verschlossen bleibt. Sie sind taub für Bach, so wie manche Hörende taub sind für Religion oder taub für Mathematik.
Ich sehe und höre das anders. Was der Chor der Samuel-Heinicke-Schule singt, ist für mich eine überzeugende Aufführung von Bach „Jesu, der du meine Seele hast herausgerissen aus schwerer Seelenot, sei doch jetzt, o Gott, mein Hort.“ Davon ist in der existentiellen Expression der gehörlosen Schüler viel zu hören, auch wenn die Worte nicht zu verstehen sind. Mich hat diese Aufnahme tief berührt. Nicht weil sie so anders ist, sondern weil sie so ähnlich ist. Die gehörlosen Jugendlichen versuchen dem unaussprechlichen Geheimnis des Lebens ihren eigenen Ausdruck zu geben. Etwas anderes kann auch eine professionelle Aufnahme nicht leisten. Selbst wenn der Chor alle Töne korrekt singt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2122

Nach der Benediktion, der Einweihung, des neuen Kunstwerkes im Südquerhaus des Kölner Doms wird eine große Weihrauchschale entzündet. Das Licht der Mittagssonne, gebrochen durch 11500 Glasquadrate, materialisiert sich in den Schwaden von Weihrauch und taucht sie in ein Meer aus Farben.
22 Meter hoch und 113 Quadratmeter groß ist das neue Glasfenster, das der Maler Gerhard Richter für den Kölner Dom entworfen hat. Gerhard Richter ist einer der größten deutschen Maler der Gegenwart. Trotzdem bewies das Bistum Köln Mut ihn ein Glasfenster im Dom gestalten zu lassen. Denn Gerhard Richter widersetzte sich dem Wunsch ein frommes Fenster zu gestalten. Das Domkapitel hätte gerne figürliche Darstellungen von Heiligen und Märtyrern des 20. Jahrhunderts gesehen. Bekommen hat das Domkapitel, und mit ihm die staunende Öffentlichkeit, keine Heiligenfiguren, sondern ein ekstatisches Leuchten. Licht trunken von Licht. Ein überwältigendes Fest der Farben. Gerhard Richter sah offenbar seine Aufgabe als Künstler darin Geburtshelfer des Lichtes zu sein. Licht werden zu lassen, was es ist. Ein Farbleuchten wie am ersten Schöpfungstag als Gott sprach: „Es werde Licht“.
Also doch ein frommes Fenster? Fromm auch ohne die Darstellung der Märtyrer und Heiligen des 20. Jahrhunderts? Wenn fromm heißt, Licht als Schöpfermacht erfahrbar zu machen, die von Gott ausgeht, so wie das die großen gotischen Kathedralen tun, dann ist dieses Fenster fromm. Dann will es nicht die Kreativität des Künstlers verherrlichen, sondern die schöpferischen Kraft des Lichtes. Dazu passt, dass Richter die Anordnung der Farbquadrate nicht selber komponierte. Er überließ sie einem Zufallsgenerator und der besorgte genau das richtige Resultat. Bescheiden tritt der Künstler hinter seine Aufgabe zurück. Und die heißt: das Rechte zu finden, nichts zu erfinden. Die Leuchtkraft des vorhandenen Lichtes zu betonen, nicht künstliches Licht neu zu schaffen.
Gerhard Richter war in der Tat am Tag der Einweihung gewohnt bescheiden und sagte, er sei „ein bisschen überwältigt“. So bescheiden bin ich auch und lasse mich gerne im Südquerhaus des Kölners Doms „ein bisschen überwältigen“ von diesem Leuchten aus Licht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2121
Tor! 2: 2 zwischen Deutschland und Ungarn. Helmut Rahn hat für Deutschland ausgeglichen. Im Berner Stadion geht es am 4. Juli 1954 um die Fußballweltmeisterschaft. Für Deutschland geht es um mehr. Es geht um das Wunder von Bern, so heißt der Film von Sönke Wortmann. Das Wunder, dass dieses schuldbeladene, verunsicherte und beschämte Volk, das den Glauben an sich verloren hat, wieder Selbstvertrauen gewinnt.
Der Star der deutschen Mannschaft ist Helmut Rahn. Aber Rahn ist launisch und undiszipliniert. Ein junger Mann ohne inneren Halt. Ein typisches Kriegskind. Aber da gib es zum Glück noch Mathis, seinen kleinen Freund. Er bewundert Helmut Rahn wie einen großen Bruder. Er sorgt dafür, dass er zum Training geht. Und das Wichtigste: Mathis glaubt an Helmut Rahn. Und deshalb sagt der große Rahn, er könne kein wichtiges Spiel gewinnen, wenn nicht der kleine Mathis im Stadion ist.
Am Tag des Endspiels schafft es Mathis erst in den letzen Minuten ins Berner Stadion. Mathis schleicht sich an den Kontrollen vorbei und steht plötzlich am Spielfeld. In diesem Augenblick rollt der Ball ins Aus, direkt auf ihn zu. Einwurf für Deutschland. Mathis hebt den Ball. Sein Blick sucht Helmut Rahn und Helmut Rahn sieht den Jungen. Für diesen einen Augenblick stehen die beiden da und sehen einander an. „Ich glaub an Dich“, sagt der Blick des Jungen. Dann wirft er Rahn den Ball zu. Rahn macht den Einwurf, bekommt den Ball, dribbelt durch die gegnerische Hälfte, zieht ab und der Ball landet im ungarischen Tor. 3:2. Deutschland ist Weltmeister.

Zu schön um wahr zu sein? Blicke können Menschen beflügeln. Der Blick der Mutter, der mich bei meiner Geburt anstrahlte. Ich kann ich nicht daran erinnern, aber ich lebe von diesem Blick bis heute. Der Glanz in ihren Augen, der mir sagte: „Willkommen in der Welt! Schön, dass Du da bist, mein Sohn.“Wer ihn in seiner Kindheit nicht bekam, diesen anerkenennden Blick, der sucht danach ein Leben lang.

Blicke können aber auch töten. Sie können alles lähmen, sogar die Intelligenz. Der Kopf ist wie blockiert. Nichts geht mehr an der Tafel vor der ganzen Klasse. Die Matheformeln sind wie weggeblasen. Spöttisch schaut mich der Lehrer an. Ich blicke zu Boden und habe nur einen Wunsch: Eine Erdspalte, um zu versinken.

So muß sich Jakob vor seinem Bruder Esau gefühlt haben, nachdem er ihn um sein Erbe betrogen hatte. Wie ein Schüler, alleine vorne an der Tafel. Der Lehrer, die Klasse, alle sehen es: Jakob hat den eigenen Bruder abgezockt. Ein Betrüger. Ein Erbschleicher. Jakob setzen – sechs.
Eigentlich ein begabter junger Mann dieser Jakob. Wie Helmut Rahn. Er hätte der Star seiner Mannschaft werden können. Aber nun steht er da, den Blick auf den Boden gesenkt und hat nur noch einen Wunsch: Nichts wie weg hier. Aber wohin soll er gehen? Wohin flieht ein Mensch, der sein Gesicht verloren hat? Zu Gott? Und was erwartet ihn da? Es kann doch Gott nicht gefallen, was Jakob seinem Bruder angetan hat. Sieht nicht auch Gott streng und ablehnend auf Jakob? Jakob setzen – sechs?
In dieser Situation träumt Jakob seinen Traum von der Himmelsleiter. Er träumt, dass der Himmel über ihm offensteht und die Engel auf der Leiter auf und niedersteigen. Und er hört Gottes Stimme. „Ich lasse mein Antlitz leuchten über dir und bin dir gnädig.“ So von Gott angesehen zu werden, mit leuchtenden Augen, das ist ein Segen. Und wo bleibt der strafende Blick Gottes? In Jakobs Traum kommt er nicht vor. Gott ist kein Lehrer, der mich vor der Klasse bloß stellt. Der Glanz in seinen Augen sagt mir: „ Schön, dass Du da bist, mein Sohn. Schön, dass es dich gibt, meine Tochter.“

Am Ende jedes evangelischen Gottesdienstes bekomme ich diese Worte zu hören: „Gott lässt leuchten sein Antlitz über Dir.“ Das ist der Segen, der mich in meinen Alltag begleitet. Dort werde ich meinem Bruder begegnen, meiner Freundin, Kollegen, Partner, meinen Kindern, Menschen im Bus oder Zug. Warum lasse nicht auch ich mein Antlitz leuchten über ihnen? So angesehen zu werden, ist doch für jeden Menschen ein Segen. Da wird jeder Mensch zum Weltmeister – selbst wenn er am Tor vorbeischießt. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2120
Ein junger Lehrer sitzt im Klassenzimmer einer New Yorker Berufschule. Es ist sein erster Arbeitstag. In fünf Minuten werden die Schüler hereinstürmen. Er malt sich das Schlimmste aus - und es kommt schlimmer.

In der ersten Stunde wirft Petey sein Pausenbrot auf dem Boden. 35 Berufsschüler warten gespannt, was der neue Lehrer machen wird. Da liegt kein amerikanischer Gummi-Toast. Ein selbstgebackenes italienisches Brot, belegt mit Parmaschinken, Tomaten, Zwiebeln und Oliven. Der Neue reagiert gegen alle Regeln der pädagogischenKunst. Er nimmt das verlockende Brot und – isst es auf. Da betritt der Schulleiter das Klassenzimmer, sieht wie sein neuer Lehrer im Unterricht isst! „Das ist überhaupt nicht mein Brot. Es gehört Petey“, entschuldigt sich der Neue und fliegt darauf am ersten Arbeitstag beinahe von der Schule.

Nur wenn er Geschichten aus seinem Leben erzählt, sind seine Schüler aufmerksam. Geschichten aus seinem Leben helfen ihm die Schule zu überleben. Schüler stellen gerne persönliche Frage, um Lehrer vom Grammatikunterricht abzuhalten. Auf Lehrplan stehen keine Anekdoten aus dem Leben der Lehrer.

Bis der junge Lehrer begreift: „Ich unterrichte ja, wenn ich Geschichten aus meinem Leben erzähle“ Das ist seine entscheidende Einsicht: „Geschichten erzählen ist Unterricht!“ (Frank McCourt, Teacher Man). Und was für Geschichten. Denn der junge Lehrer ist kein Geringerer als Frank McCourt, der Autor von „Die Asche meiner Mutter“. Da wäre ich doch auch gerne Berufsschüler in New York gewesen.

Wenn ich an meine eigene Schulzeit denke, habe ich vieles vergessen. Aber an die Geschichten, die meine Lehrer erzählt haben, daran kann ich mich erinnern. An den Lateinlehrer, der im Bello Gallico den Menschen Cäsar hervorgezaubert hat, an den Deutschlehrer, der uns den Jürg Jenatsch von C.F. Mayers so nahe gebracht hat, dass wir uns darin wiedererkannten.

Jedes Kind trägt eine Idee Gottes in sich: Seinen Traum vom Leben. Aber diesem Traum kann es nur entdecken und daran festhalten, wenn ihm Geschichten erzählt werden. Geschichten, wie alles, was es sieht und lernt mit seinem Leben zu tun hat. Geschichten aus der Bibel, Geschichten aus dem Leben, Geschichten aus der Wissenschaft. Dazu braucht es Lehrer, die erzählen können. Und die gelernt haben ihren Traum vom Leben zu leben, weil ihnen selber im Unterricht erzählt worden ist. Lehrer wie Frank McCourt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=995
6 Km bis zur Ausfahrt Autobahnkirche. Wenn man das Schild bei Tempo 130 sieht, hat man drei Minuten Zeit, um mit der Familie zu verhandeln. Sonst muß man im Schnitt achtzig Kilometer warten bis sich die nächste Gelegenheit bietet.

Autobahnkirchen sind christliche Gotteshäuser entlang der bundesdeutschen Autobahn. Sie sind in der Regel nicht mehr als einen Kilometer von der Ausfahrt entfernt. Sie haben Toiletten, sind täglich von 8-20 Uhr geöffnet und bieten mindestens Platz für eine Busladung an Besuchern. Dreißig solcher „Rasthäuser der Seele“ gibt an es bundesdeutschen Autobahnen. Die erste Autobahnkapelle, die gebaut wurde, steht an der A 8 in Adelsried „Maria, Schutz der Reisenden.“ Sie wurde 1958 nach einem tödlichen Unfall von einem Unternehmer gestiftet. Kein anderes Land der Welt bietet seinen Autofahrern ein so lückenloses Angebot zur inneren Einkehr. Mit einer Ausnahme: Der Nordosten Deutschlands bildet bis auf die Dorfkirche Kavelsdorf bei Rostock eine autobahnkirchenfreie Zone.

Was erwartet den Autofahrer, wenn er die Einladung ins Rasthaus der Seele annimmt?
Nicht viel - außer Stille. In Autobahnkirchen wird nichts verkauft, nichts angeboten, auch so gut wie keine religiöse Veranstaltungen. Nur Kerzen zum anzünden, eine Buch, in das man seine Anliegen eintragen kann. Und ein Raum, der zum Innehalten einlädt.
In der Autobahnkapelle Roxel sieht der Besucher durch eine Glaswand auf ein großes Kruzifix, das außerhalb der Kapelle, vor dem Waldrand steht. Bei Leutkirch steigt der moderne Pilger auf einen kleinen Hügel und findet sich in einem hohen runden Raum wieder, mit einer wundervollen Akustik, einem schlichten Kreuz und dem weiten Blick auf das Allgäuer Bergpanorama. Rechnet man den Kerzenverbrauch von St. Christophorus, eine der meist besuchten Autobahnkirchen bei Baden-Baden, auf die Besucherzahlen hoch, so sind es über eine Million Besucher, die jedes Jahr ihre Fahrt an einer Autobahnkirche unterbrechen. Mit steigender Tendenz.

Eine erstaunliche Entwicklung. Mit der Verkehrsdichte wächst der Sinn für die Leere. Loslassen, nichts tun – damit wieder etwas Neues entstehen kann. „Soll Gott in dir etwas schaffen, musst du zu Nichts geworden sein“, sagt Meister Eckhard. Das kann auch bei Kurzbesuchen im Raum der Stille geschehen. Man muss nur dem Schild Autobahnkirche folgen. Bei Tempo 130 hat man drei Minuten Zeit dazu.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=994
„Sei nicht wählerisch, wenn Dir etwas in einer Krise hilft“, so könnte man frei übersetzen, was die Beatles in den wilden Zeiten des Flower Power gesungen haben: ""Whatever gets you through the night, it´s all right."
Nicht alles, was den Beatles durch ihre Nächte geholfen hat, war nachahmenswert. Das Beste davon ist heute noch ihre Musik. Lady Madonna oder Yesterday gehören auch in meinem spirituellen Notfallkoffer.
Einen solchen spirituellen Notfallkoffer hat jeder Mensch. Es ist sein Gelassenheitsprogramm für alle Fälle. Ressourcen, die ihm helfen, wenn ihn der Stress im Beruf bis in den Schlaf zu verfolgt, die familiären Sorgen vollständig im Griff haben, eine Krankheit sein ganzes Leben bestimmt.

In so einem spirituellen Notfallkoffer kann alles Mögliche sein:
Ein Stück Zartbitter-Schokolade, der Gutschein für die Schweigewoche im Kloster, ein angenehmer Duft, ein Gedicht von Hilde Domin, die Fernbedienung des Fernsehers, Espressotassen, der Schlüssel für das Motorrad, eine Zigarette, der Termin für die Shiatsu-Massage, Jogging-Schuhe, eine Flasche guter Lemberger, eine Kinokarte, die Telefonnummer eines guten Freundes, Aquarellblock mit Farben, ein Kletterseil.

In meinen spirituellen Notfallkoffer ist mein Lieblingsbibelvers: "Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit". Und die Gesamtaufnahmen von Bachs Matthäuspassion, schon wegen der 16 Takte, die dort der Hauptmann unter dem Kreuz singt. Und Bachs Johannespassion, weil ich nicht ohne den Schlußchoral sein wollte "Ach Herr laß dein lieb Engelein an meinem End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen". Der Skandal des Todes ist so schon schwer genug zu ertragen.

Ach, ja, die Gesangbuchlieder. Nicht alles, was Paul Gerhardt geschrieben hat, findet sich in meinem Koffer. Aber da, wo ich spüre, wie dieser vom dreißigjährigen Krieg schwer traumatisierte Mann um Fassung um seinen Glauben, seine Familie ringt da bin ich dabei. "Auch euch, ihr meine Lieben, soll heute nicht betrüben, kein Unfall und Gefahr. Gott laß euch selig schlafen, stell euch die güldnen Waffen ums Bett und seiner Engel Schar."

Man sollte also doch wählerisch sein, wenn man seinen spirituellen Notfallkoffer packt. Nicht alles, was einen durch die Nacht bringt, hilft auch gelassen zu werden und handlungsfähig in den Konflikten und Krisen, die zum Leben gehören. Bei der Bibel, Bach und Paul Gerhardt kann ich guten Gewissens sagen: It´s all right.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=993
Wut ist ein starkes Gefühl. Jeder kennt sie. Nur in der Kirche spielt Wut kaum eine Rolle, obwohl die Bibel voll davon ist. Etwa bei Essau und Jakob. "Ich bring ihn um. Ich schlag ihn tut, dieses erbärmliche Schwein". Wer da seine Wut in den Himmel schreit, das ist Esau.

Eine klassische Szene in der Bibel. Ein klassischer Konflikt: Zwei Brüder, Esau und Jakob, ein Segen - und eine Wut. Man kann sie Esau nicht verdenken, seine Wut auf Jakob. Mamas unbestrittener Liebling..

Dazu noch dieser Betrug! Das Erbe, den Segen erschwindelt. Angestachelt von der Mutter. Jakob, einer der Väter des Glaubens - ein Betrüger! Auf ihn hat sich die zittrige Hand des alten Isaak gelegt. Irrtümlich den Segen gespendet, der Esau gehört. "Ich bring ihn um. Wenn der Vater nicht mehr lebt." (Gen 27, 41)

Alte Geschichten? Weit von uns entfernt? Man muß nur in die eigene Kindheit zurückgehen, ins Kinderzimmer, an den Esszimmertisch und dann in die Notariatskanzleien. Haben die Geschwister schon geerbt oder reden sie noch miteinander? Spätestens dann bricht sie auf, die stille Wut über die Schwester, die sich in der Liebe des Vaters sonnte, über den Bruder, der Mamas Liebling war und ich war es nicht.

Wut ist rot. Rot wie die Glut. Rot wie das Feuer. Rot wie der Aufruhr. Rot wie der große Weltenbrand, das apokalyptische Zorngericht am Ende aller Tag.
Ein starkes und ein unheimliches Gefühl. Es sitzt im Bauch. Nicht im Kopf. Bei Frauen wie bei Männern. Wut ist allgegenwärtig. Und selten zu sehen. Sie ist nicht gesellschaftsfähig. Man zeigt sie nicht, auch wenn man sie hat. Ein bedauerlicher Kontrollverlust. Hart an der Grenze zum Pathologischen. Cool ist in. Das kontrollierte, nicht das ausagierte Gefühl. Aber Wut ist nicht cool. Sie ist heiß. Und sie verschwindet nicht, wenn man sie nicht zeigt. Eine latente Gereiztheit, die sich manchmal entlädt, im Auto, gegenüber den Kindern.

Aber nicht in der Kirche. Denn die, die zu Christus gehören, kreuzigen ihre selbstsüchtige Leidenschaften - und die Wutausbrüche. Auch sie werden ans Kreuz genagelt. Wer solche Dinge tut, für den ist kein Platz in Gottes neuer Welt (Gal 5, 20-24).

Macht die Kreuzigung der Wut nicht erst recht wütend? "Man kann", sagt Freud in seiner betont nüchternen Art, "die Triebe kreuzigen und erwirbt sich so das Glück der Ruhe. Freilich hat man damit auch alles andere aufgegeben und das Leben geopfert." Die Kirche, der Ort, an dem alle vitalen Gefühle erstarren? "Hier fühle ich nichts" Keine Wut, aber auch keine Leidenschaft? Sein Selbst beherrscht der religiöse Mensch. Im besten Fall ist er weise, gelassen, aber nie wütend?

Warum ist die Bibel dann voller von Wut? Nicht nur auf der Erde, sondern auch im Himmel. Oder wie würde man den Vorschlag nennen, den Gott Mose am Sinai macht: "Dies ist ein widerspenstiges Volk. Ich will meinen Zorn ausschütten über sie und sie vernichten. Versuche nicht mich abzubringen! Mit dir will ich neu beginnen!" (2. Mose 32, 10). Das ist doch lupenreine, feuerglühende, destruktive, göttliche Wut. Die Wut des Schöpfergottes über seine misslingende Schöpfung und seine mißlungenen Geschöpfe.

Bliebe es im Christentum bei gekreuzigter Vitalität und einem cholerischen Wutgott, es wäre unerträglich. Aber es gehört zu den erstaunlichen Metamorphosen des jüdisch-christlichen Gottesbildes, dass die destruktive Wut, die Gott in der Sinnflut, bei Sodom und Gomorra oder am Sinai zeigt, sich wandelt in konstruktive Leidenschaft. In der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus offenbart sich der göttliche Logos als vitale und schöpferische Macht der Liebe (1. Joh 4, 9). Gott ist das liebende, schöpferische Du, ohne das unser menschliches Ich sinnlos wäre.

Dasselbe Symbol – Feuer. Dieselbe Farbe - rot, aber nicht das Feuer der rotglühenden Wut, das vom Himmel auf Sodom und Gomorra fällt. Es ist das rotglühende Feuer der Liebe, das Feuer des Geistes, das sich an Pfingsten, auf die Menschen herabsenkt und ihre Herzen mit einem Brennen erfüllt. Ja, auch der Geist Gottes brennt, aber er verbrennt nicht. Er verwandelt die destruktive Wut in schöpferische Leidenschaft. Nein, das Leben muß nicht geopfert werden im Glauben, aber verwandelt: Die destruktive Wut in die kreative Leidenschaft der Liebe, die Neues schafft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=992