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Anvertrauen – dieses Wort hat für mich eine sehr tiefe Bedeutung gewonnen. Das Allerwichtigste im Leben, einen geliebten Menschen, in die Hände, in die Verantwortung anderer zu geben und darauf zu vertrauen, dass sie es gut meinen und gut machen und so sorgsam wie möglich mit dem anvertrauten Schatz umgehen; darauf vertrauen, dass sie das Menschenmögliche tun, damit alles gut wird – das heißt anvertrauen. 

Was damit gemeint ist, habe ich in den vergangenen mehr als vier Monaten mit existenzieller Wucht erfahren, als ich Tag für Tag am Krankenbett meiner Frau war. Die Ärzte, das Pflegepersonal – sie haben das Menschenmögliche getan. Aber mehr als das Menschenmögliche vermögen Menschen eben nicht. Und dann bekommt das noch einmal eine ganz andere Dimension, was ich mit Anvertrauen meine. Es wird zu einer geradezu grenzwertigen Zumutung an meinen Glauben. Das Leben und die Zukunft eines geliebten Menschen und damit auch mein eigenes Leben und meine eigene Zukunft und unser gemeinsames Leben und unsere gemeinsame Zukunft Gott anvertrauen und beten: „Dein Wille geschehe“ – das ist ein hartes Ringen. 

Wie glücklich bin ich, wenn das, was er mit mir vorhat, auch meinen eigenen Hoffnungen und Wünschen entspricht. Aber wenn nicht? Habe ich auch dann noch das Vertrauen, dass er es gut meint und gut macht? Wie kann ich das sehen? 

Anvertrauen, das musste ich bitter lernen, bedeutet Loslassen. Ich habe letztlich nur ganz wenig vom Leben in der eigenen Hand. Ich kann nicht darüber verfügen. Ich bin nicht allmächtig, sondern am Ende zutiefst ohnmächtig. Habe ich dann das Vertrauen, loszulassen; alles in die Hände dieses Du zu legen, das ich Gott nenne und der mich in ein großes Dunkel hineinführen kann, in dem ich weder Licht noch Sinn mehr sehen kann? Aber in wessen Hände sollte ich mich denn sonst fallen lassen, wenn die eigenen Hände nichts mehr halten können? 

Anvertrauen heißt auch, meine Endlichkeit einzugestehen. Ich erfahre, wie vorläufig meine Pläne und Wünsche und wie zerbrechlich menschliches Miteinander ist. Es bleibt so viel Leben, das nicht mehr nachgeholt und nicht mehr in die Zukunft hinein gelebt werden kann. Ich muss die Grenzen aushalten. Ob sich mir an den äußersten Grenzen auch einmal die unendliche Fülle zeigen wird? Ich hoffe es so sehr.

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Über vier Monate habe ich meine Tage auf einer Intensivstation am Krankenbett meiner Frau verbracht. Es war ein quälendes Auf und Ab von Genesungsfortschritten und Rückschlägen. Zuversicht und lähmende Mutlosigkeit wechselten sich ab. Da sein und da bleiben, nahe sein – das ist das Einzige gewesen, was ich tun konnte. Ich habe es oft kaum ausgehalten, so hilflos zu sein. 

 

In der restlichen Zeit habe ich Haushalt und Garten in Ordnung gehalten, so gut es ging. Die freiberuflichen Tätigkeiten, die ich als Rentner noch wahrnehme, habe ich reduziert bis auf einige wenige Aufgaben, bei denen ich im Wort bin und verlässlich sein möchte. Das war mir auch deshalb wichtig, weil es der Zeit außerhalb der Klinik eine gewisse Struktur, ein Gerüst gegeben und mich auch abgelenkt und neu motiviert hat. 

Am Ende musste ich loslassen. 

Was trägt mich? Weihnachten ist in diese Zeit gefallen, aller äußeren Festlichkeit entkleidet, Ostern stand vor Augen; und ich habe mich gefragt, was diese Feste für mich bedeuten, über die ich als Theologe natürlich viel sagen kann. Aber was bleibt wirklich übrig von den vielen Worten und Gedanken, wenn ich auf die einzig wesentlichen und existenziellen Fragen zurückgeworfen werde, um die es im Leben und im Glauben geht? Was trägt mich? 

Für mich sind zwei Worte sehr wichtig geworden: Vertrauen und Anvertrauen. Dabei geht es nicht um die Worte, so, als ob damit schon alles gesagt wäre. Es geht um innere Haltungen, um die ich ringen und um die ich beten muss. Vom Vertrauen will ich heute sprechen. Vertrauen – aushalten, dass meine Fragen in ein Schweigen hineingehen; offen dafür sein, dass mich auch aus dem Schweigen vielleicht eine Antwort erreichen kann, selbst wenn ich sie nicht verstehe. Unbeirrt daran festhalten, dass Gott treu ist und mich hält, auch wenn ich manchmal den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe. Das Osterfest, das Christen soeben gefeiert haben, bedeutet für mich nicht, dass die Nacht zu Ende wäre. Das Kreuz bleibt. Aber keine Nacht kann so tief sein, dass nicht Gott liebend und behütend da wäre. Er ist da, lange schon, bevor ich ihn gesucht und nach ihm gerufen habe. Und indem ich dies sage, spüre ich, wie wenig Worte letztlich diese Beziehung zum Ausdruck bringen können, die mir zugemutet wird – die Beziehung zwischen mir und Gott, zwischen Gott und mir. Das Leben kann hart dazwischen stehen. Ja, ich sage zugemutet – manchmal habe ich den Mut fast verloren, noch zu hoffen, zu glauben, zu vertrauen. Ich bete darum, dass er mir bewahrt bleibt – trotz allem.

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Das ganze Leben ist eine einzige Illusion, ein Haschen nach dem Wind. Der dies sagt, ist kein zeitgenössischer Denker des Absurden, sondern ein unbekannter Schriftsteller, der etwa 250 Jahre vor Christus gelebt hat. Seine resignierten, selbstquälerischen Gedanken sind in der Bibel nachzulesen. Dort wird er als „Kohälät“ bezeichnet, auf Deutsch: Gemeindeleiter, Lehrer. Sein Buch zählt man zur sogenannten Weisheitsliteratur des Alten Testaments, obwohl er betont, dass ihm weder menschliche Weisheit noch der Glaube an Gott dabei helfen, in seinem Grübeln über die unlösbaren Rätsel des Lebens irgendwie weiter zu kommen. 

Man hat das Buch des „Kohälät“ als das „Hohelied der Skeptiker“ bezeichnet. Und in der Tat ziehen sich Zweifel und tiefe Skepsis von Anfang bis Ende hindurch. Wir sind gefangen in einem unentrinnbaren Kreislauf von Geborenwerden und Sterben. Die Schatten der Vergangenheit belasten uns, die Zukunft ist völlig ungewiss, das Hier und Jetzt ist wechselhaft und flüchtig. Macht es überhaupt einen Sinn, sich um ein verantwortungsvolles Leben zu bemühen? Wir sehen doch, dass Gerechte trotz ihrer Gerechtigkeit untergehen und die Skrupellosen die Oberhand behalten. Ja, sagt der Kohälät, es ist geradezu eine Last, dass Gott, so er denn existiert, uns mit Denken ausgestattet hat, mit dem Verlangen, nach Sinn zu suchen. Am Ende all unserer Weisheit müssen wir ja doch erkennen, dass schon die Frage nach einem Sinn sinnlos ist. 

Solche Gedanken haben schon immer Anstoß erregt. Später hat daher jemand der kleinen Schrift eine Mahnung hinzugefügt. Er meint: „Mein Sohn, lass dich warnen! Das viele Büchermachen nimmt kein Ende, und das viele Studieren ermüdet den Leib. Zu guter Letzt lasst uns daher hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das gilt für jeden Menschen.“ (12.12)

Aber eine solche fromme Gereimtheit lehnt der Autor ja gerade ab. „Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde“, sagt er (5,1) Und du musst hier auf dieser Erde mit all den Ungereimtheiten zurechtkommen – und zwar zurechtkommen ohne Gott, zumindest ohne einen Gott, der sich als Antwort auf alle Fragen bemühen lässt. Das ist schwer. 

Das geradezu trotzige Beharren des Kohälät auf der Zwiespältigkeit des Lebens entspricht so sehr den Fragen vieler heutiger Menschen, ihrem Ringen um Sinn und Orientierung, ihrem verunsicherten Glauben. Es ist gut, dass auch dafür in der Bibel ein Platz ist. Der Glaube an Gott muss diese Zweifel aushalten, wenn er die Menschen und ihre Fragen ernst nimmt. Und wenn er Gott selbst ernst nimmt. Von Gott zu sprechen heißt nicht, die Lösungsformel für die Lebensrätsel gefunden zu haben. Nach ihm zu fragen ist die größte und schwierigste aller Fragen.

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Francis D‘Sa ist ein Freund von mir. Er lebt in Indien und ist Jesuit. Er hat mir folgendes Erlebnis erzählt, bei dem es im Grunde um die Frage geht: Was ist wahr? Während er in Innsbruck studiert hat, hat Francis mit einem Studienfreund eine Bergwanderung in den Dolomiten gemacht. Als sie sich dem Bergmassiv, dem Ziel ihrer Tour, näherten, sagte Francis verwundert: „Es ist ja gar nicht wahr, was Du mir immer gesagt hast. Dieser Berg sieht völlig anders aus als die Bilder, die Du mir gezeigt hast.“ Der Freund hat geantwortet: „Nein, wir kommen nur von einer anderen Seite. Je nachdem, auf welchem Weg man sich dem Berg nähert, sieht er anders aus. Aber es ist derselbe Berg.“

Was ist wahr? Die Erzdiözese Freiburg hat jetzt zu dieser Frage einen Kunstpreis ausgelobt. Obwohl ich kein Künstler bin, hat mich diese Frage herausgefordert, mich auf meine Weise damit auseinander zu setzen. Diese Frage ist uralt, und sie ist zu jeder Zeit und in jedem Leben aktuell. Was ist wahr? Woran kann ich mich orientieren, wenn alles im Fluss oder voller Widersprüche ist? Worauf kann ich vertrauen, was kann ich glauben? Es gibt niemand, der sich nicht nach etwas sehnt, an dem er sich halten kann und was seinem Leben einen Sinn gibt.

Gibt es eine Antwort auf diese Frage: Was ist wahr? Für mich kann das Erlebnis von Francis D’Sa mit dem Bergmassiv dabei helfen: Ich habe immer nur eine bestimmte Vorstellung von dem, was wahr ist – je nach dem, woher ich komme, wie mein Leben verläuft und welche Fragen mich umtreiben. Was wahr ist, das ist immer größer als mein begrenzter Blick darauf. Das Wahre ist das Ganze, wir aber sehen es nur in Bruchstücken. Dies zu begreifen, macht bescheidener und schützt vor Rechthaberei.

Francis D’Sa ist ein Pionier des interreligiösen Dialogs. Es geht ihm natürlich auch um die Frage: „Was ist der wahre Glaube?“ Zu meinen, es könne dabei nur einen einzigen Weg geben, und nur ein einziges Bild sei das wahre – das ist eine Anmaßung. Freilich ist nicht alles beliebig und gleichgültig. Es ist doch immer derselbe Berg, dem wir uns auf unterschiedlichen Wegen nähern. Es ist doch immer das eine unfassbare Geheimnis, das dem Leben letztlich Halt und Sinn gibt. Aber ich trage nur unvollkommene Bilder davon in mir.

Was ist wahr? Wenn ich die Frage offen halte, wenn ich auf dem Weg und auf der Suche bleibe – dann komme ich der Antwort vielleicht am ehesten nahe.

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Was ist wahr? Das ist eine uralte Frage. Große und bekannte Denker haben sich damit auseinandergesetzt und viele einfache Menschen, die ihre Gedanken nicht aufgeschrieben haben. Mich beeindruckt ein Satz von Dietrich Bonhoeffer. Er hat gesagt: „Wahrheit soll geschehen, sie soll nicht nur gedacht werden oder gewollt, sondern getan werden.“

Wenn das, was ich weiß, nicht übereinstimmt mit dem, was ich sage und auch nicht mit dem, wie ich handle, dann gilt das als unwahrhaftig. Das ist bei den großen Lebensthemen so und ebenso im täglichen Miteinander. Beispiele dafür gibt es genügend. Wie oft habe ich mich in meinem Beruf öffentlich dafür eingesetzt, dass jeder Mensch unter gerechten und menschenwürdigen Bedingungen leben soll. Und wie unsensibel bin ich manchmal für die bescheidenen Anliegen eines Menschen unmittelbar neben mir. Und ich weiß auch, wie rasch ich mit Entschuldigungen bei der Hand bin. So ist das.

Es gibt Menschen, die glaubwürdig sind; Menschen, die etwas Ermutigendes ausstrahlen, oft weit über ihren Tod hinaus. Ich habe zum Beispiel einen väterlichen Freund vor Augen, einen Maler und Bildhauer, der vor wenigen Jahren gestorben ist. Er war ein durch und durch ehrlicher und bescheidener Mensch, von dem ich nie ein ungerechtes Wort über andere gehört habe. Er hat sehr an den Erlebnissen des Kriegs gelitten, hatte Ängste und war sich auch seiner Schwächen bewusst. Bei alldem war er dennoch sehr selbstbewusst. Ich habe an ihm erlebt, wie ein Mensch stark sein kann, wenn er von einem tiefen Vertrauen getragen ist. Er hat den Menschen vertraut, durch und durch. Und er hat Gott vertraut. Das war der Grund für sein Selbstvertrauen. Solche Menschen nennt man authentisch. Ich verzeihe ihnen auch leichter einen Fehler, weil ich mich auf sie verlassen kann. 

Ich sage nicht, dass ein authentisches Leben immer ein leichtes und harmonisches Leben ist. Es kann mit Konflikten verbunden sein, ja Widerstand auslösen bis hin zur Verfolgung, wenn jemand seinen moralischen Überzeugungen bis zuletzt treu bleibt. Dietrich Bonhoeffer, von dem am Anfang die Rede war, hat mit seinem Leben dafür bezahlt. Aber auch wenn ich überhaupt nicht bedroht bin, wenn alles viel alltäglicher ist, so stellt es doch eine große Herausforderung dar, glaubwürdig zu leben, oder auch: die Wahrheit zu tun.

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Über dem Hauptportal der Universität Freiburg steht der Satz: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Das ist ein Satz von Jesus, und er steht im Johannesevangelium. Ein Glaubenswort also an einer Stätte des Wissens und der Erkenntnis, das ist spannend. Besonders interessant finde ich dabei, dass hier ein Zusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit hergestellt wird: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Dieser Zusammenhang zwischen Wahrheit und Freiheit ist keineswegs selbstverständlich. Lange hat man darüber gestritten, was von beiden nun wichtiger oder höherrangig sei. Im Namen der Wahrheit – oder im Namen derer, die glauben die Wahrheit zu besitzen – wird die Freiheit bis heute in politischen Regimen oder Religionen unterdrückt: die Freiheit zu denken und zu glauben; die Freiheit, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Auch die Geschichte des Christentums spricht davon Bände. Der Philosoph Immanuel Kant hat gegen den Zwang von Glaubensdogmen das freie und mündige Denken gefordert. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautet sein berühmtes Wort. Vorher schon hatte Martin Luther die Freiheit des Gewissens ins Zentrum gestellt.

Andererseits kann eine grenzenlose Freiheit auch schnell in Beliebigkeit oder Willkür umschlagen und so wiederum zu Unfreiheit und Zwang führen. Ja, sie gehören zusammen – die Wahrheit und die Freiheit. Ob die Wahrheit menschlich ist oder nicht, muss sich daran zeigen, ob sie zu einem freien Leben ermutigt. Und dass ich wirklich ein freier Mensch sein kann, heißt auch, dass ich sensibel bin für das, was wahr und was unwahr ist; dass ich versuche, verantwortungsbewusst und sinnvoll zu leben und zu handeln.

Hat das auch etwas mit meinem Glauben zu tun? Ja, viel sogar. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ – so heißt das Jesuswort im Johannesevangelium. Die Wahrheit, von der Jesus hier spricht, meint den Glauben an den Gott, den er Vater nennt – den Glauben an einen Gott, dem ich vertrauen kann, auch wenn ich vieles nicht verstehe. Der mir die Angst vor dem Leben nimmt und vielleicht auch einmal die Angst vor dem Sterben; der mich frei sein lässt. Das ist tiefste Wahrheit meines persönlichen Glaubens: ein grundlegendes Lebensvertrauen trotz vieler Fragen und Unsicherheiten und ungeklärter Lebensrätsel. Dieses Vertrauen  lässt mich frei atmen, frei leben, frei denken und frei glauben.

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Was ist wahr? Lässt sich diese Frage überhaupt beantworten? Jeder hat doch seine eigene Wahrheit, so kann man des Öfteren hören. Jeder hat doch seinen eigenen Blick auf die Welt, auf die Menschen; auf das, was wahr und was unwahr ist.

Ja, das stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Denn wenn das die einzige Antwort wäre auf die Frage: „Was ist wahr?“ – wäre dann nicht alles völlig gleichgültig? Was gäbe es dann noch, das uns trotz aller unterschiedlichen Meinungen zusammenhält? Worauf könnten wir uns dann noch in unserem Zusammenleben verlassen? Es ist beispielsweise nicht beliebig, ob ich die Würde eines anderen Menschen achte und schütze oder ob ich sie mit Füßen trete; ob ich ein rücksichtloser Egoist bin oder auch Verantwortung für andere wahrnehme. Ich glaube, dass es eine grundsätzliche Übereinstimmung geben muss in dem, woran wir unser Leben orientieren und wo wir in die Irre gehen. Ich bin auch überzeugt, dass die meisten Menschen ein Gespür dafür haben, was wahr und was unwahr ist. Und das sage ich, obwohl ich weiß, wie mächtig Unwahrheit, Verwirrung und Lüge sein können. Und hinter dem schönen Schein können sich Abgründe auftun.

Ehrliche und aufrichtige Menschen können aber mit guten Gründen zu völlig unterschiedlichen Überzeugungen kommen. Jeder ist anders erzogen und geprägt. Jeder bringt ein, was ihn bewegt und was ihm wertvoll ist; auch seine eigenen Interessen. Und woran ein Mensch im Letzten sein Herz hängt, was ihn zuinnerst trägt und hält – auch das ist so verschieden, wie Menschen verschieden sind.

Die Frage „Was ist wahr?“ verträgt keine Rechthaberei. Sie verlangt, dass wir uns gegenseitig zu verstehen suchen. Der indische Jesuit Francis D’Sa betont: „Es ist wichtig, den anderen Menschen so verstehen zu lernen, wie er sich selbst versteht; damit er lernt, mich zu verstehen, wie ich mich selbst verstehe.“ Francis D‘Sa hat das zu den unterschiedlichen Wegen des Gottesglaubens gesagt, aber es gilt auch für das Leben insgesamt. Niemand ist im Besitz der ganzen Wahrheit, sie ist immer größer als das, was wir erkennen und verstehen und verwirklichen können. Aber wenn ich den ebenbürtigen Dialog suche und den anderen Menschen wirklich ernst nehme in dem, was ihn bewegt – dann kann ich der Antwort ein wenig näher kommen auf die große Frage: „Was ist wahr?“ 

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Ich will in Mbinga, einer kleinen Stadt in Tansania, auf einer Bank Geld wechseln. Keine große Sache, schnell erledigt, denke ich. Mithilfe einer einheimischen Ordensschwester werde ich an einer langen Reihe von Menschen vorbeigeschleust. Sie sitzen in der Schalterhalle auf Stühlen und Bänken und warten geduldig darauf, dass sie an die Reihe kommen.

In einem Büro trage ich einem Herrn, der offensichtlich etwas zu sagen hat, mein Anliegen vor: Bitte Euros in tansanische Schillinge wechseln. Was dann folgt, kürze ich hier ab. Es finden mehrere Gespräche mit unterschiedlichen Offiziellen der Bank statt, alle sehr freundlich. Sie stellen sich vor, fragen nach dem Woher und Wohin, bringen unterschiedliche Formulare, die ich ausfüllen muss; dazwischen finden intensive Beratungen in einem Nebenraum statt, von denen ich natürlich nichts verstehe. Nach fast zwei Stunden verlasse ich die Bank wieder mit einem dicken Packen Geldscheinen. Ich gehe an denselben Menschen vorbei, die vorher schon hier gewartet haben und immer noch warten. Geduldig warten. 

Irgendwie bin ich belustigt. Dieses Erlebnis macht mich aber auch nachdenklich. Ein in Afrika geläufiges Sprichwort lautet: „Ihr Europäer habt Uhren, wir Afrikaner haben Zeit.“ Ja, sie haben Zeit, diese Menschen. Ich erlebe es, wenn sie oft stundenlang am Straßenrand sitzen, bis ein Auto kommt; dann stehen sie auf und winken und wollen mitgenommen werden. Wenn es nicht anhält, setzen sie sich wieder auf die Erde und warten weiter. Ich erlebe es, wenn der Sonntagsgottesdienst auf zehn Uhr angesetzt ist, aber erst eine Stunde später beginnt – dann, wenn alle da sind und die wichtigsten Dinge ausgetauscht sind. „Polepole“ ist ein viel gebrauchtes Wort in Tansania. Es bedeutet ungefähr: nur langsam, nur mit der Ruhe. Es heißt aber auch: Es ist alles gut, vertraue nur darauf. Sei einfach gelassen. Vielleicht lernt man diese geduldige Gelassenheit in einem Land, in dem alles so unendlich weit ist. 

Natürlich kann ich das nicht einfach auf mein Leben hier übertragen. Ich bin eher daran gewöhnt, dass meine Tage durchgetaktet sind; dass meine Lebenszeit durchgetaktet ist; dass die Uhr und der Terminkalender eine ungeheuer wichtige Rolle spielen. Wäre es aber nicht gut, manchmal innezuhalten; gelassen zu sein und offen für das, was die Zeit mir bringt? Ich muss keine Zeit sparen, sie wird mir geschenkt – jeden Tag neu. Und jeden Tag bringt sie neues Leben mit sich, über das ich nicht verfügen und das ich auch nicht erzwingen kann. Letztlich kann ich es doch nur entgegen nehmen und darauf vertrauen, dass es gut ist. Polepole.

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St. Katharina – das ist der Name eines Waisenhauses in Mbinga, einer Stadt im Südwesten Tansanias. Vor vier Jahren haben die Vinzentinerinnen aus dem hiesigen Kloster das alte Gebäude gekauft, um Waisenkinder darin aufzunehmen. Am Anfang waren es nur ein paar wenige Kinder. Dafür war das Haus groß genug. Heute leben hier 23 Kleinkinder, und das Heim mit lediglich zwei Schlafräumen platzt aus allen Nähten.

Ihre Eltern sind an Aids oder Tuberkulose gestorben. Oder ihre Mütter haben sie ausgesetzt, weil sie zu jung oder zu arm sind, um Kinder großzuziehen. Bei meinem Besuch waren dort auch zwei Säuglinge, ein paar Tage alt, Zwillinge; die Mutter ist bei der Geburt gestorben.  Gottseidank können die beiden Kinder hier geborgen aufwachsen. 

Manche der Kinder sind dem fremden Besuch gegenüber zunächst ängstlich und scheu, andere freuen sich. Sie wollen sofort herumtollen, spielen. Sie wollen gar nicht mehr damit aufhören. Die Kinder fordern Aufmerksamkeit. Und vor allem suchen sie eines, das Wichtigste: Zuwendung – nur für sich ganz alleine. Sie hungern nach Nähe, wollen auf den Arm und in den Arm genommen und nicht mehr los gelassen werden. Die Kinder, die zunächst argwöhnisch sind, sind nachher am anhänglichsten. Ich will mich dem nicht entziehen. Wie könnte ich auch? Aber ich gebe zu, ich scheue mich zugleich, diese Nähe zuzulassen. Ich kann sie ja nicht wirklich geben. Und ich weiß auch, was dann kommt: Enttäuschung, Tränen, wenn ich wieder gehe. Die Erfahrung, einmal mehr zurück gelassen zu werden. Das sind dann Bilder, die mich nicht mehr loslassen. Ich halte das ganz schwer aus. 

Die drei Ordensschwestern, die hier mit den Kindern leben, arbeiten unter sehr mühsamen Bedingungen. Wenn es warm und trocken ist, dann ist der Innenhof Wohnzimmer und Spielplatz in einem. Aber alles ist dann voll von rotem Staub. Und bei Regen ist alles feucht und schmierig. Dann trocknet auch die Wäsche nicht richtig, und alle sind erkältet und verschnupft. Es kann unangenehm kalt sein hier im Hochland. Nachts schlafen die Schwestern bei den Kindern, weil diese oft krank sind oder in der Dunkelheit Angst haben. Sie geben ihnen so viel Liebe und Nähe, wie sie können. Aber dass sie verlassen worden sind und das auch spüren, das können die Schwestern den Kindern trotz allem nicht ersparen. 

Zurzeit bauen die Vinzentinerinnen ein neues Haus für die Kinder, etwas außerhalb am Stadtrand, sehr schön gelegen, mit viel mehr Platz und weitem Blick auf die Berge. Darüber freue ich mehr sehr. Vor allem aber hoffe ich für jedes einzelne dieser Kinder, dass es einmal jemanden findet, der sagt: Du gehörst zu mir, und ich lasse dich nicht mehr allein.

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Sr. Margret und Sr. Maria Goretti heißen die beiden Ordensschwestern, die ich vor kurzem in Afrika getroffen habe. Ich war im Südwesten Tansanias, nur wenige Kilometer vom Nachbarland Moςambique entfernt. 

Die Fahrt zu der Schwesternstation führt Stunden lang über unbefestigte Straßen. Selbst unser Landrover kommt oft nur schwer durch. Links und rechts stehen kleine Siedlungen mit strohgedeckten Hütten. Alles ist braunrot vom Staub. Viele Kinder winken uns zu. Sie sind so schmutzig, dass sie sich kaum von der Umgebung abheben. 

Es ist kaum vorstellbar, dass in diesem unendlich weiten und einsamen Buschland noch Menschen leben. Und doch tauchen immer wieder kleine Dörfer auf. Eines davon ist Mkenda. Hier leben Sr. Margret und Sr. Maria Goretti. Vor sieben Jahren sind sie von ihrem Vinzentinerinnen-Kloster in der Distrikthauptstadt Mbinga aufgebrochen, um ihr Leben mit den Ärmsten zu teilen. In Mkenda haben sie sich niedergelassen. In den ersten beiden Jahren haben sie in einer strohgedeckten Lehmhütte gelebt, so wie alle hier. Auch das Haus, in dem sie heute leben, ist mehr als bescheiden. Sie unterhalten hier einen Kindergarten und eine kleine Krankenstation. Die ist unter einem Strohdach mit offenen Seitenwänden untergebracht. Innen nur ein Eisenbett mit einer Matratze – sonst nichts, keine medizintechnische Ausstattung, nichts. Viel ausrichten können sie damit nicht. Bei größeren gesundheitlichen Problemen müssen sie die Patienten in die nächste Klinik schicken. Und doch kommen die Menschen gerade zu ihnen, oft von weit her. Weil hier jemand für sie da ist, nur für sie. Weil die Schwestern ihnen Zeit schenken, sich ihnen zuwenden. Ihnen mit Achtung begegnen. Allein die Präsenz der Ordensfrauen ist heilsam für die Menschen. 

Die beiden Schwestern empfangen uns sehr herzlich und freuen sich über unseren Besuch. So etwas ist selten hier draußen im Busch. Sie wirken aber auch bedrückt. So gerne würden sie viel mehr machen: eine neue, größere Krankenstation bauen, einen neuen Kindergarten, eine Grundschule. Pläne haben sie genug. Aber nichts geht voran. Die staatliche Bürokratie legt ihnen nur Steine in den Weg. Alles ist sehr mühsam und aufwendig. Und die Dorfältesten wollen die beiden Schwestern nicht hier haben – warum auch immer. 

Diese beiden Frauen sind mit großen Visionen aufgebrochen und stehen immer wieder vor Schwierigkeiten, vor denen ich schon lange resigniert hätte. Aber sie halten aus, weil sie die Menschen hier in ihrem unsäglich harten Leben nicht im Stich lassen wollen. Deshalb erzähle ich von ihnen und will ihnen dieses bescheidene Denkmal setzen.

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