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Bei den Betern und Denkern der ersten christlichen Jahrhunderte finde ich immer wieder erfrischende, unverbrauchte Worte, die von der Beziehung zwischen Gott und den Menschen sprechen und dabei nahe am erzählenden Sprechen der Bibel sind. Erfrischendere Worte sind es als jene, die sich in den späteren Jahrhunderten der Kirche und der Theologie bis heute eingebürgert haben. Zum Beispiel das Wort vom Heil und von der Heilsgeschichte. Ohne dieses Wort, so scheint es, kommen wir gar nicht aus, wenn wir vom christlichen Glauben sprechen wollen. Aber es ist wie eine Sondersprache der Kirche, die kaum mehr ohne Erklärung verstanden wird.

Ganz anders die Beter und Denker der ersten Jahrhunderte. Einer von ihnen ist Basilius von Caesarea aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Auch er spricht vom Heilsplan Gottes, aber er sagt zugleich mit seinen eigenen Worten, was das Ziel dieses Plans ist. Es geht darum, die Menschen in den vertrauten Umgang mit Gott zu führen. Es geht darum, „eine alte Gnade“, wie er sagt, wiederzuerlangen: „die alte Gnade, Kind Gottes zu sein.“ (Lektionar zum Stundenbuch I/2, S.161ff)

Das ist eine überraschend einfache Sprache, die an das Bild der Familie denken lässt. In ihr haben mehrere Menschen miteinander eine Geschichte, in der es zärtliche Nähe, aber auch Brüche gibt, und in der doch auch immer wieder das Wunder einer liebenden Nähe siegt, weil eine letzte Vertrautheit nie ganz verloren geht. Innerhalb dieses schlichten Bildes ist die Beziehung Gottes zu den Menschen nichts Außergewöhnliches. Vielmehr gehört sie zu den Menschen, so alltäglich und selbstverständlich wie eben die Familie. Auch wenn die Familie heute sicher offener und vielgestaltiger gelebt wird als früher, bringt sie doch Menschen in ein Zueinander, das ­­­- im Guten wie im Schlechten - ­gegeben ist und sie trägt.

Der große Bibelübersetzer Hieronymus liest das Herzstück der biblischen Heilsgeschichte, die Befreiung Israels aus Ägypten, als eine Geschichte, in der Gott die Menschen an seine Nähe gewöhnt. Als die Geschichte einer wachsenden Vertrautheit zwischen dem Volk und Gott. Gott nimmt sein Volk gleichsam an der Hand. Deswegen – so jedenfalls Hieronymus – brauchen die Glaubenden keine Lehrer, keine Überlieferungen, keine Gebote von Menschen. Sie sind Schüler des Heiligen Geistes, der in ihren Herzen wohnt. (Vgl. Lektionar zum Stundenbuch I/2, 169f)

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Was geschieht eigentlich, wenn wir eine Person sprechen hören? Hören wir zuerst auf das, was jemand sagt; oder hören wir zuerst auf eine Stimme und suchen zu erkennen, wer zu uns spricht? Das Erste ist wohl das Hören auf eine Stimme. Das bestätigt sich bei jedem Telefonanruf: Wer einen Anruf entgegennimmt, horcht als erstes auf die Stimme des Anrufenden. Wenn er ihn oder sie erkennt, dann schon an der Stimme, und nicht erst an dem, was der andere sagt.

Natürlich hören wir immer Worte. Aber die Aufmerksamkeit, die wir dem Gehörten entgegenbringen, gilt zuerst der Person des Sprechenden und dann erst dem, was er sagt. Ich höre den anderen, erkenne, wer es ist, und reagiere entsprechend: ich freue mich, oder zögere und horche weiter. Was sich ereignet, wenn ich eine Stimme höre und erkenne, hat nicht wenig mit Glauben zu tun: Ich überspringe dabei eine winzige Schwelle der Unsicherheit. Ich höre eine Stimme und glaube, dass es die Freundin ist, die ich kenne, von der ich aber schon länger nichts mehr gehört habe. Und ich schenke ihr Vertrauen. Ich möchte hören, was sie mir zu sagen hat.

Auffallend viele Geschichten der Bibel erzählen davon, dass Gott Menschen ruft, bzw. dass Menschen eine Stimme hören, die sie häufig erst nach längerer Zeit als Stimme Gottes erkennen. Da ist z.B. der junge Samuel, der im Tempel Dienst tut: In einer Nacht wird er dreimal gerufen. Er verhört sich dreimal und glaubt, dass es der Priester Eli ist, der ihn ruft. Eli ist in der Überlieferung Israels alt geworden und glaubt an einen Gott, der zu seinem Volk spricht. Sein Glaube lässt ihn erkennen, dass dieser Gott jetzt mit dem jungen Samuel spricht.

So wie sich in jedem menschlichen Gespräch und im wechselseitigen Hören Glauben vollzieht, so ganz ähnlich im Gespräch Gottes mit einem Menschen. Es gibt kein Hören ohne Glauben, zugleich gibt es keinen Glauben ohne Hören. Dabei gilt dieses Hören nicht zuerst einem Inhalt, einer Lehre, einem Gebot, sondern der Stimme einer Person, der man vertraut.

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„Die Menschen lügen. Alle“ — Diesen Titel hat Arnold Stadler seiner Übertragung einer Auswahl von Psalmen ins Deutsche vor bald 20 Jahren gegeben. Ein erstaunlich moderner Titel! Hören wir heute nicht allzu oft, dass die Menschen lügen? Mit dem Unterschied, dass es immer die anderen sind, die beschuldigt werden. Also lügen nicht alle. Ich selber bin ausgenommen sowie die Gruppe, die meine Meinung vertritt. Und diejenigen, die wir der Lüge bezichtigen, sagen ihrerseits von uns, dass wir lügen — sie hingegen nicht.

Meinung steht gegen Meinung. Was in dem Streit entscheidet, scheinen immer weniger die Tatsachen zu sein. Stattdessen ist es die Häufigkeit, mit der eine Meinung vertreten wird. Anscheinend geht es nicht mehr darum, Lügen aufzudecken, sondern es geht darum, den eigenen Ansichten möglichst schnell ein möglichst großes Echo zu verschaffen, ohne erst zu prüfen, ob die Wirklichkeit die geäußerten Meinungen bestätigt oder nicht. Ob Lügen verbreitet werden, scheint unerheblich zu sein. „Die Menschen lügen. Alle“.

Aber doch nicht immer! Es gibt nach wie vor die Ebene persönlicher Beziehungen, in denen die Lüge einen Vertrauensbruch darstellt. Gleich, ob es die Lüge eines Kindes aus Angst oder Scham ist oder die Lüge eines Erwachsenen, der betrügt. Vertrauen wird beschädigt. Und vielleicht kann der Schaden wieder gut gemacht werden. Oder das Vertrauen schwindet, und eine Beziehung geht in die Brüche.

Wie sieht das im öffentlichen Raum, in unserer Gesellschaft aus? Wo Meinungen sich durch die Häufigkeit durchsetzen, mit der sie im Internet angeklickt werden, geht es darum, einer Mehrheit zuzustimmen und zu einer möglichst großen Zahl von Gleichgesinnten zu gehören. Eine solche Zugehörigkeit vermittelt das Gefühl, stark und unangreifbar, unschlagbar zu sein.

Vertrauen zu schenken, ist jedoch immer ein Risiko. Ich vertraue einem Menschen und gebe damit der Beziehung, die uns verbindet, den Vorrang. Mit dieser Entscheidung bin ich zunächst allein. Das macht das Vertrauen verletzbar. Ich kann mich nicht auf die Mehrheit berufen. Damit haftet dem Vertrauen immer eine Schwäche, etwas Angreifbares an.

„Die Menschen lügen. Alle“. Das ist die Klage eines Beters, der dafür wirbt, zum Vertrauen zurückzukehren. Denn ein Volk ohne Vertrauen hat keine Zukunft.

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Schonungslos spricht die Bibel von der Vergänglichkeit des Lebens. So der Psalm 39. Da klagt ein Beter: „Nur ein Hauch ist der Mensch. Nur als Schatten geht er einher.“ Wer beim Lesen innehält, dem kommen Fragen: Ich habe versucht, mein Bestes zu geben, aber ich kann nichts festhalten. Was ein Mensch zustande bringt — wo wird es bleiben? Wer wird bewahren, was ich hinterlasse? Was wird daraus? Ist alles vergeblich? Gibt es einen, der die Bruchstücke meines Lebens zu einem Ganzen fügt, der das Unvollendete vollendet, dem Unansehnlichen eine Gestalt gibt, dem Vorübergehenden Bestand, dem Vergänglichen Unvergänglichkeit?

Dass die Bibel solche Fragen weckt, ist erstaunlich. Fragen zu stellen, dient ja normalerweise dazu, Antworten zu finden. Auf die von den biblischen Betern geweckten Fragen gibt es aber offensichtlich keine Antworten. Solche Fragen zu stellen scheint also müßig zu sein. Es führt nicht weiter.

Aber sie existieren, diese Fragen. Wenn auch im Geheimen, wenn Menschen allein mit sich selber sind: Wenn sie vom Tod eines Freundes hören, wenn sie von ihrer unheilbaren Erkrankung erfahren, wenn eine wichtige Beziehung in ihrem Leben zerbricht. Dann ist jeder allein mit seinen Fragen. Deswegen ist es so wichtig, dass sie einen Ort haben. Inmitten der lauten Stimmen einer Öffentlichkeit, die ständig Antworten verlangen, sind die Gebete der Bibel wie ein schweigender Ort für Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

Aber auch die Fragen des öffentlichen Lebens, deren Beantwortung so dringend verlangt wird, brauchen Zeit und einen Raum des Nachdenkens. Ihre gute Beantwortung braucht den Mut zur Geduld. Dafür halten die existentiellen Fragen der Bibel den Raum offen.

Und nun zeigt sich, dass die Psalmen doch eine Antwort geben! Sie antworten in Gestalt einer Bitte: Höre mein Beten und Flehen, meinen Schrei! Bleib nicht taub für mein Klagen. Wende deinen Blick mir zu!

Was sind das für Antworten? Was für eine Antwort ist die Bitte an einen anderen? Es ist die Antwort des Vertrauens. Ich vertraue einem anderen, dass er – oder sie - meine Fragen beantworten wird, auch wenn ich in meinem Leben diese Antworten nicht kenne.

 

 

 

 

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Was wird in diesem Jahr auf uns zukommen? Niemand weiß es. Hilfreicher ist vielleicht eine andere Frage: Gibt es ein Ereignis im letzten Jahr, das mir Mut macht, eine Geste, die mich daran erinnert, dass ich das tue, was in meiner Verantwortung liegt, dass ich selbst gemeint bin?

Eine solche Geste ereignete sich für mich am Ende des letzten Jahres. Papst Franziskus hatte es als „Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen und damit die alte Tradition des „Heiligen Jahres“ aufgenommen. Ihm ging es darum, den christlichen Kirchen, die in diesem Jahr den Beginn der Reformation vor 500 Jahren feiern, die Barmherzigkeit als Weg der Erneuerung zu weisen. Konkrete Ereignisse sollten deutlich machen, was es von Menschen verlangt, Barmherzigkeit zu üben.

Ein solches Ereignis stand am Ende des letzten Jahres. Mit einer Geste zeigte der Papst, um was es ihm bei der Barmherzigkeit geht. Aus aller Welt lud er Obdachlose ein, sowie Menschen, die sich an ihrer Seite engagieren. Etwa 4000 Wohnungslose aus rund 20 Ländern reisten nach Rom. Die Botschaft dieser Geste geht in eine doppelte Richtung.

Für die einen, die vom Papst verlangen, die Reformen der katholischen Kirche entschiedener voranzubringen, und für die anderen, die von ihm verlangen, die Normen der katholischen Kirche klarer zu verteidigen, wurde unübersehbar, wem das Interesse des Papstes zuerst gilt: nämlich nicht der Kirche, sondern den Menschen!

Für die in Rom versammelten Obdachlosen war das eine Botschaft, die sie mit allen Fasern aufnehmen konnten. Ihnen geht es ja in erster Linie um die Nähe eines Menschen. Der Papst ging auf sie zu als ein Bruder, der ihre Nähe braucht! Sie begegneten einem Mann, der sie bat, ihm die Hände aufzulegen und für ihn zu beten.

Barmherzigkeit üben heißt, ein armes Herz zu haben, sich an die eigene Bedürftigkeit zu erinnern, sich als angewiesen auch gerade auf jene zu wissen, die äußerlich von unserer Hilfe abhängig sind. Barmherzig ist, wer sich vor Gott demütig zugehörig weiß zu allen Menschen.

 

 

 

 

 

 

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„Ich habe nur ein Leben“. Ich muss mich also beeilen, das zu bekommen, was mir das Leben bietet. Ich muss versuchen, meine Ziele schneller und besser zu erreichen. Ich muss meine Lebenszeit ausschöpfen und alles tun, um ihre Grenzen hinauszuschieben. Keine Zeit darf müßig vertan werden. Was das Gelingen des Lebens unsicher macht, muss wenn irgend möglich vermieden werden. Wer den Satz „Ich habe nur ein Leben“ so versteht, setzt sich und andere unter Druck.

Es gibt aber auch eine andere Weise, diesen Satz zu verstehen. Sie nimmt uns im Grunde viel radikaler in die Pflicht. „Ich habe nur ein Leben“ heißt nämlich auch: Ich habe nur eine Chance, meiner einzigartigen Berufung treu zu sein. Einzigartige Berufung? Ja. Jeder Mensch hat eine Berufung und Begabung, der nur er, bzw. sie und kein anderer gerecht werden kann. Jeder, jede trägt mit seiner, mit ihrer einzigartigen Weise zu sein, zu handeln, zu empfinden, etwas unendlich Kostbares zum Ganzen der Weltwirklichkeit bei. „Ich habe nur ein Leben“ – dieser Satz erinnert mich also an meine Verantwortung, der einzigartigen Berufung treu zu sein, die nur ich empfangen habe und niemand an meiner Stelle.

Das wäre eine Last, wenn der, der uns ruft, diese einmalige Person zu sein, damit eine Forderung verbinden würde. Das Gegenteil ist aber der Fall. In der christlichen Vorstellung ist es Gott, der alles, was ist, und auch den Menschen ins Dasein ruft, der den Menschen beruft, ein Segen zu sein, und ihm von Anbeginn seinen Segen mitgibt. Der Schöpfer schaut das von ihm geschaffene Leben und ruft aus: „Wie gut! Wie schön!“ So gibt er auch dem Menschen von Anbeginn einen bedingungslos wohlwollenden Blick mit: das zum Leben ermächtigende Wort „Du kannst“, du kannst ein Segen sein.

Dieser segnende Ruf lässt sich im Alltag leicht überhören. Monate-, oder auch Jahre lang kann das Leben eines Menschen wie selbstverständlich seinen Gang gehen – vielleicht ohne besondere Höhepunkte, aber auch ohne ein Ereignis, das plötzlich erfahren lässt, wie brüchig das Leben ist. Eine Krankheit, eine Krise, das Scheitern einer Beziehung – und plötzlich steht uns das Ganze unseres Lebens vor Augen, und nicht nur der kleine Teil der alltäglichen Abläufe. In dieser Situation ist es ein Geschenk, diese Stimme zu hören, die in jedem Menschen wohnt, und ihm ein uneingeschränktes und bedingungsloses Wohlwollen ausdrückt.

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Ausgerechnet Jugendliche lieben Zeiten der Stille. Viele von ihnen leben eine Zeit lang in Taizé, in Frankreich, bei der dortigen Mönchsgemeinschaft. Sie wurden gefragt, was ihnen dort so wichtig ist, und neun von zehn antworteten: die ausgedehnten Zeiten der Stille beim gemeinsamen Gebet.

Stille, Schweigen kann sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Unter Menschen, die gerade noch im Gespräch waren, als bedrückend: einer müsste jetzt etwas sagen, aber keiner tut es. Schweigen kann aber auch als wohltuend und erholsam erlebt werden. Es ist dann, wie wenn die Stille in uns einen Raum öffnet. Sie wird in einem Lied als die Stille besungen, die von Gott spricht. Da heißt es:

In allem, was lebt, ist Stille, die von Gott spricht.
Alles, was lebt, freut sich, zu ihm zu gehören.
Seid die Stimme der Stille, die am Werk ist.
Schützt und hegt das Leben. Das Leben ist es, das Gott lobt.

(Prière du temps présent, 676)

Der Dichter, der so spricht, stellt sich Gott nicht als ein Gegenüber vor, sondern als eine Wirklichkeit, die in allem, was lebt, schweigend da ist: in der Freude, zu Gott zu gehören. Gott ist für diesen Dichter wie das Schweigen der Natur. Kein totes Schweigen, keine leere Stille. Vielmehr eine Stille, die notwendig ist, damit etwas lebt und sich entfaltet. Eine Stille, die schöpferisch ist, die unhörbar arbeitet.

Diese Stille kann und soll – so dieses Lied – hörbar gemacht werden. Gott bedarf unserer Stimme, um vernehmbar zu werden. Im Menschen will diese Stimme zum Klingen kommen. Menschen sind in der Lage, dem Schweigen eine Stimme zu geben, von ihm zu singen, zu sprechen. Das ist es, was der Dichter dem Menschen aufträgt.

Die Stille Gottes ist seine Weise, in allem, was lebt, zu wirken. Ihr eine Stimme zu geben, das verlangt von uns ein behutsames Sprechen. Ein demütiges Sprechen, leicht, heiter, weil es kein Sprechen gegen etwas, gegen jemanden ist. Wer in dieser Weise auf Gott hört und von ihm spricht, baut keine Trennungen zu anderen auf. Er spricht von dem, was Menschen im Innersten verbindet.

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Wer sind eigentlich die Menschen, die „Kirchenferne“, „Gleichgültige“ oder auch „Ungläubige“ genannt werden? Diese Zuschreibungen sind allesamt negativ. Sie sagen nichts darüber, was das Leben dieser Menschen positiv bewegt. Ganz anders die Figur, die Arnold Stadler in seinem Roman „Salvatore“ beschreibt.

Salvatore wartete immer noch auf etwas, obwohl er schon lange nicht mehr wusste, worauf. Er hatte den Glauben der Kirche aufgegeben, aber nicht den Glauben an Dinge, die nicht sichtbar waren und die es doch gab: den Glauben an die Hoffnung und die Liebe, die „ja auch nicht sichtbar oder nur ganz selten wie ein Wunder“ waren.

Gott war ihm abhanden gekommen in einer Welt, in der das Wort „vernünftig“ regierte. Und doch wusste er, „dass das Glück nur die halbe Wahrheit war“. Das erreichbare Glück. Er hatte eine größere Sehnsucht, eine unbestimmte, weit größere Sehnsucht als die nach einem erreichbaren Glück.

Rein zufällig, mit großer Distanz, erlebt er den Gottesdienst in einer Kirche und erkennt dabei, dass nicht nur er, sondern auch die wenigen, die gekommen sind, eine Sehnsucht hatten, für die es in der Kirche keinen Platz gab. Er hat gelernt, der Bibel kritisch zu begegnen, und doch gehen ihm bei einem Wort Jesu im Matthäusevangelium die Augen auf, so dass er einen Namen für seine Sehnsucht findet.

Arnold Stadler‘s Romanfigur Salvatore kommt der Wirklichkeit eines Menschen, der „kirchenfern“ oder auch „ungläubig“ genannt wird, näher als diese Zuschreibungen. Weil der Dichter diesen Menschen nicht von außen, nämlich von den kirchlichen Erwartungen her beschreibt, die er nicht erfüllt, sondern von innen her:

Von seiner Sehnsucht, die er nicht vernünftig benennen kann und von der er doch weiß, dass sie unabweisbar da ist. Zugleich sieht Arnold Stadler von dieser eigensinnigen und unvernünftigen Sehnsucht her auf die Kirche und auf ihre Wissenschaft, die Theologie. Die Theologie muss sich fragen lassen, ob sie bei all ihrer Mühe um eine vernünftige Sprache und Lehre noch Raum lässt für ein Staunen über das Wunder. Die Kirche muss sich fragen lassen, ob in ihr wirklich kein Raum für die Sehnsucht ist. Salvatore, Arnold Stadlers Romanfigur, sehnt sich im Grunde nur danach, einem glaubenden und betenden Menschen zu begegnen. Er sehnte sich – wie es in dem Roman heißt - nur nach einem Menschen, „der glaubte, was gar nicht zu sehen war, ja vielleicht sogar mit ihm sprach.“

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Dem Geheimnis, das Gott ist und immer bleibt, geben Menschen in ihren Religionen unterschiedliche Namen. Nicht um das Geheimnis aufzuklären, sondern um es nicht aus den Augen zu verlieren, um zu ihm zu rufen, um vor ihm auszuharren, in Geduld. Menschen geben Gott Namen, nicht um zu sagen, wer er ist, sondern um ihre Zuwendung zu Gott auszudrücken.

Die Psalmen sprechen von Menschen, die Gottes Namen lieben. (Vgl. Ps 5) Aber wie ist das, wenn wir lieben? Wir lieben doch nicht den Namen einer Person, sondern diese selbst! Allerdings wird uns ihr Name in dem Maße kostbar, in dem unsere Liebe eine Geschichte bekommt.

Der Name ist auf keinen Fall gleichgültig. Und oft erfinden wir zusätzliche Namen. Je nach der Situation, je nach Stimmung und Gefühlslage, rufen wir Menschen, die wir gern haben, mit anderen, neuen Namen.

Ähnlich entstehen die Namen Gottes in dem Augenblick, in dem er angerufen wird: Du gütiger Gott, du gerechter, du dunkler, du ferner Gott. In der Vielfalt der Namen Gottes in allen Religionen können wir einen Hinweis darauf finden, in wie vielen unterschiedlichen Situationen Gottes Namen angerufen wird.

„Gott ist mein Hirt“ ruft ein Psalmenbeter, der seinen Halt und seine Sicherheit verloren hat und nicht mehr sieht, wie sein Leben weitergehen kann. Als Richter wird Gott von Menschen angerufen, die erleben müssen, dass ihr Recht gebeugt wird, dass sie der Willkür der Reichen und Mächtigen unterlegen sind. Im Psalm 104 wird Gott als Schöpfer besungen von einem Menschen, der staunt, wie wunderbar die Welt geordnet ist. Jesus selbst betet zu Gott, indem er ihn Vater nennt, wie ein Kind, das in inniger Nähe zu seinem Vater lebt.

Was heißt jetzt auf diesem Hintergrund „den Namen Gottes lieben“? Sich daran freuen, dass Gott in jeder Situation angerufen werden kann. Keine einzige Situation ist ausgeschlossen. Auch in Klage und Verzweiflung darf und soll Gott angerufen werden. Seinen Namen lieben, bedeutet nicht, gefällige und schöne Namen zu finden. Seinen Namen lieben all diejenigen, die ihn so anrufen, wie es ihrer Not und ihrer Freude entspricht.

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„Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.“

Mit dieser Strophe beginnt ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem er für ein Sprechen wirbt, das den Dingen, der Wirklichkeit, ihr Eigenleben lässt. Er fürchtet sich vor einem eindeutigen Sprechen, das den Dingen ihr Geheimnis nimmt. Eindeutiges Sprechen erscheint uns aber heute gerade wünschenswert, ja unerlässlich.

Warum fürchtet der Dichter ein Wort, das die Dinge klar und eindeutig bei ihrem Namen nennt? In der zweiten Strophe nennt Rilke den Grund seiner Furcht:

„Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar
i
hr Garten und Gut grenzt grade an Gott.“

Das präzise und eindeutige Sprechen ist für den Dichter eine Anmaßung. Es geht einher mit der Illusion, alles zu wissen, was wird und was war. Es ist ein Sprechen ohne Staunen. Ein Sprechen, das alles ausklammert, was menschliches Erkennen und Begreifen übersteigt, was nicht in Besitz genommen und überprüft werden kann.

Die Anmaßung eines solchen Sprechens, das so tut, als gäbe es keine Ungewissheit, gilt sowohl für die Spötter, die keinen Glauben haben, als auch für die gelehrten Gläubigen, die Theologen: „ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.“ Sie definieren religiöse Wahrheit und verwechseln ihre Definitionen, die sie pflegen und hüten wie ihren eigenen Garten, mit der Wirklichkeit Gottes, die draußen bleibt.

Vor diesem Hintergrund ist die Angst des Dichters verständlicher geworden. Seine Furcht vor dem allzu eindeutigen Wort. Was ist nun sein Rat?

„Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
I
hr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
I
hr bringt mir alle die Dinge um.“

„Die Dinge singen hör ich so gern.“ Der Dichter will, dass die Dinge selber sprechen können. Er will sie singen hören. Singendes Sprechen stellt nichts fest, sondern ist Ausdruck der Lebendigkeit dessen, was singt. Der Dichter freut sich an der Lebendigkeit der Dinge, der ganzen Wirklichkeit, und bittet darum, ihr diese Lebendigkeit zu erhalten. Mit einem hörenden Sprechen.

Diese Bitte gilt auch gerade für ein Sprechen von Gott: Es soll nicht abgrenzen, sondern öffnen: auf ihn horchen wie  auf ein Singen in allem, was lebt.

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