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15SEP2021
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Was für eine prachtvolle Fassade!  Ich war beeindruckt, als ich im Sommer auf der großen Freiterrasse vor der Klosterkirche Birnau gestanden bin.  Eine Kirche wie ein Schloss – und auch der mit Fresken und Stuck verzierte Innenraum steht dem in nichts nach. Aber diese Pracht ist nicht für einen Fürsten erbaut worden, sondern für die Königin des Himmels – für die Gottesmutter Maria. Dort gibt es eine spätgotische Madonna mit Jesuskind. Sie steht an zentraler Stelle im Altarraum. Viele Menschen gehen dorthin, um Maria von ihren Sorgen zu erzählen. Aber auch wenn sie über etwas sehr glücklich sind, kommen sie zu diesem Gnadenbild, um Maria Danke zu sagen.

Typisch katholisch – mag man da denken. Und für Menschen, die nicht von einer traditionell katholischen Frömmigkeit geprägt sind, ist diese Verehrung der Maria bestimmt etwas befremdlich. Stellt man sie damit nicht über Jesus?

Nach katholischem Verständnis ist Maria nicht nur eine historische Person, die vor 2000 Jahren Jesus zur Welt gebracht hat. Das zeigt sich in dieser Kirche besonders im Deckenfresko über dem Altarraum. Dort schwebt eine schwangere Maria über den Wolken, und durch ihren Leib ist bereits Christus zu erkennen. Ich bleibe fasziniert an diesem Bild der schwangeren Maria hängen. Ich verstehe es so, dass Christus gegenwärtig ist - in unserer Welt und in der Schöpfung - wie ein Kind im Leib seiner Mutter.

Als ich wieder aus der Kirche herauskomme und auf den See schaue, schwingen diese Gedanken noch in mir nach. Was bedeutet das angesichts der Bedrohung der Schöpfung? Die menschengemachte Klimakrise, deren Folgen in diesem Sommer immer deutlicher zu Tage treten, scheint nicht zu diesen schönen Empfindungen zu passen. Oder doch? Ich glaube, dass der Klimawandel nicht nur ökologische, politische und technische Antworten erfordert, sondern auch spirituelle. Wenn wir unser Herz berühren lassen – etwa von der Schönheit eines Ortes, wenn wir wieder staunen lernen über unsere Welt, die so großartig und zugleich so verletzlich ist, dann können wir Gottes verborgene Gegenwart in unserer Welt entdecken. Und unser Einsatz für den Bewahrung der Schöpfung kann sich damit verbinden.  Das macht mir Mut  für die immensen Herausforderungen, die vor uns liegen.

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14SEP2021
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Als wir in den Ferien zu einer Wanderung aufgebrochen sind, war der Himmel blau. Aber im Laufe des Nachmittags zogen Gewitterwolken auf, und ziemlich plötzlich ging dann ein heftiger Regen nieder, begleitet von dumpfem Donnergrollen.

Auf der Suche nach einem Unterstand haben wir ein Wegkreuz gefunden, das mit einem kleinen Blechdach geschützt war. Und hingekauert an das Kreuz sind wir halbwegs trocken geblieben, bis nach etwa einer halben Stunde das Gewitter und der heftigste Regen weitergezogen waren. Halb im Spaß habe ich da zu meinem Mann gesagt: Siehst du, bei Jesus sind wir gut aufgehoben.

Der Name Jesus bedeutet ja: Gott rettet. Und die Bibel erzählt davon, dass viele Menschen, die Jesus begegnet sind, diese Erfahrung gemacht haben. Etwa ein Mann, der gelähmt war. Jesus hat zu ihm gesagt: Steh auf! Dass Jesus ihm das zutraut, gibt ihm  eine neue Lebensperspektive. Und tatsächlich konnte der Mann dann wieder gehen. Wenn ich in schwierige Situationen gerate, fange ich meistens spontan zu beten an: „Jesus, hilf mir und steh mir bei“. Egal ob es um einen wichtigen Schlüssel geht, den ich verlegt habe, oder ob ich in Sorge um meine Kinder bin. Manchmal stelle ich auch eine Kerze in einer Kirche auf. Ein kleines Ritual, das mir guttut. Und oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich meine Not wieder zum Guten gewendet hat.

Aber das ist kein Automatismus. Gott ist keine Notrufzentrale, wo bei Anruf der Notdienst kommt. Oft scheint Gott auch abwesend und fern – gerade in diesem Sommer, wo uns eine Katastrophenmeldung nach der anderen erschüttert hat. Ich frage mich dann: Gibt es überhaupt eine Macht, die uns beschützt? Warum trifft es manche so schrecklich? Es scheint mir dann kindlich und naiv, zu beten und auf Gott zu hoffen. Müssen wir nicht im Gegenteil erwachsen werden und selbst die Verantwortung für unser Leben und unsere Welt übernehmen? Also statt Beten Hochwasserschutz und genügend Löschflugzeuge…

Und doch gehört beides für mich zusammen: Weil ich grundsätzlich darauf vertraue, dass Gott mit mir ist, mich begleitet und behütet, verliere ich auch in schwierigen Situationen nicht ganz den Mut. Ich hoffe, dass es wieder besser wird. Ich kann mich in diesem scheinbar ausweglosen Moment bildlich gesprochen bei Jesus „unterstellen“ und finde dann wieder die Kraft, weiterzugehen und das zu tun, was ich vermag.       

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13SEP2021
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Es sind relativ einfache Regeln, die dafür sorgen, dass der Verkehr störungsfrei ablaufen kann: etwa rechts vor links, rote und grüne Ampeln und andere Verkehrszeichen beachten. Diese Regeln gelten gleichermaßen für alle Verkehrsteilnehmer, auch wenn die Stärkeren sich manchmal mehr Rechte herausnehmen.

Auch für das störungsfreie Zusammenleben gibt es einfache Regeln. Jesus hat sie in der Bergpredigt so zusammengefasst: Alles was ihr wollt, dass die andern euch tun sollen, das tut auch ihr ihnen. (Mt 7,12)

Also: Wenn ihr wollt, dass die andern euch die Wahrheit sagen, dann seid wahrhaftig. Wenn ihr respektvoll behandelt werden wollt, dann respektiert die andern. Und wenn ihr geliebt werden wollt, dann seid freundlich, wohlwollend und lasst die andern eure Wertschätzung spüren.

Das klingt einfach und logisch und könnte zu einem friedlichen Zusammenleben führen, wenn sich alle daran hielten. Wenn - denn leider müssen wir immer wieder die Erfahrung machen, dass Menschen für sich selbst etwas einfordern, das sie ihrerseits nicht zu geben bereit sind. Dann gibt es bildlich gesprochen: „zwischenmenschliche Unfälle“. Was tun? Endlos darüber streiten, wer im Recht ist? Klein beigeben um des lieben Friedens willen?

Jesus sagt dazu: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Nimm den andern in den Blick. Sei bereit von ihm her zu denken und zu handeln. Aber zugleich fordert Jesus mich auch zur Selbstliebe auf. Es ist richtig, zu meinen Anliegen und Bedürfnissen zu stehen, ich darf meine Rechte einfordern. Wichtig ist allerdings, dass ich mich dabei nicht über, aber auch nicht unter den anderen stelle. Dieses Gleichgewicht immer wieder zu finden, ist ganz schön herausfordernd. Aber es ist ein Weg. Etwa wenn ich nach einem Streit versuche, dem andern zu sagen, wie ich die Situation erlebt habe, was mir wichtig ist und was mich deswegen geärgert oder verletzt hat. Und zugleich zeige ich meine Bereitschaft, selber auch zuzuhören. Wie hast du das Ganze erlebt? Wodurch habe ich dich verletzt – vielleicht ohne es zu wollen. Worauf legst du in Zukunft Wert? So können wir vieles aus dem Weg räumen, uns wieder versöhnen und zu tragfähigen Kompromissen kommen. Weil jeder spürt, dass der andere ihn sieht und achtet. Ich glaube, dass dies ein Grundbedürfnis von uns Menschen ist.

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20JUN2021
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Singt dem Herrn, alle Völker der Erde

Tag für Tag verkündet sein Heil

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde

Tag für Tag verkündet sein Heil

 

 

Singt, als wär' es zum ersten Mal

Singt in allen Sprachen und Tönen

Singt und ruft seinen Namen aus

 

 

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde…

 

Werdet nicht müde, von ihm zu sprechen

Von seiner verborgenen Gegenwart

In allem, was lebt und geschieht

 

 

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde

 

 

Lasst Gott groß sein und betet ihn an

Er ist mehr als Wort und Gedanken

Sagt es allen: Er ist der Herr!

 

 

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde

 

 

Aufnahme; Jugendchor der kath.Gemeinde St.Peter und Paul,  Gerlingen

Leitung Cornelia Karle; Piano, Moritz Müller

 

 

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde

Tag für Tag verkündet sein Heil

 

Singt, als wär' es zum ersten Mal

Singt in allen Sprachen und Tönen

Singt und ruft seinen Namen aus.

 

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde

Tag für Tag verkündet sein Heil

 

Mit diesem Lied verbinde ich viele Erinnerungen, etwa an Kirchentage und Jugendgottesdienste, die für mich als Jugendliche ein tolles Gemeinschaftserlebnis waren. Endlich kam Schwung in die Kirche. Endlich gab es neue Lieder, die meinem Lebensgefühl entsprachen. Aber nicht alle waren davon begeistert. Manche haben sich am Einzug von Popsound und Schlagzeug in der Messe gestört, und es ist zum Teil erbittert darüber gestritten worden, ob diese Art Musik für den Gottesdienst passt.

Allerdings heißt es schon im 96. Psalm, von dem der heutige Liedtext unverkennbar inspiriert ist:

Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande!

Der Psalmdichter ist davon überzeugt, dass Glauben immer auch neue Ausdrucksformen braucht. Denn er lebt von dem, was wir jetzt und heute erfahren. Sonst wird er museal. Seine Sprachen und Töne sollten so vielgestaltig und bunt wie die Menschen sein. Mal enthusiastisch, mal kritisch. Mal europäisch geprägt, mal afrikanisch.

Das bedeutet nicht, die Tradition über Bord zu werfen. Glaube braucht auch die „alten Lieder“, um in Verbindung mit den Erfahrungen früherer Generationen zu bleiben. Das ist durchaus eine Herausforderung, in der die Kirche zur Zeit große Spannungen erlebt, denn es geht dabei ja nicht nur um Lieder sondern grundsätzlich darum, wie Glaube heute gelebt und verkündet wird.

Das Lied von heute morgen steht inzwischen im normalen Gesangbuch  für den Gottesdienst. Doch viele der einstigen Jugendlichen haben sich enttäuscht abgewendet, weil sich ihre Hoffnung auf eine lebendige Kirche nicht erfüllt hat. Und die Coronapandemie hat diese lähmende Leere noch verstärkt.

 

Werdet nicht müde, von ihm zu sprechen

Von seiner verborgenen Gegenwart

In allem, was lebt und geschieht

 

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde,

Tag für Tag verkündet sein Heil

 

Die jungen Sängerinnen aus der kath. Gemeinde in Gerlingen haben trotz großer Einschränkungen nicht aufgegeben. Ihr Chor war das einzige, was ihnen an Hobbies noch blieb. Und sie haben auch gespürt, wie wichtig ihr Singen für die Gemeinde war. Besonders an den Festen. Da waren sie richtig gefordert, weil sie nur in kleinen Gruppen auftreten durften. Das Lied von heute morgen haben sie dabei oft und gern gesungen.

Es berührt mich, diese jungen Menschen zu hören. Sie tragen die Hoffnung weiter, dass wir Gott und auch heute noch entdecken können. Ihre Stimme ist wichtig. Und auch die von vielen anderen, die hoffentlich bald wieder mitsingen können. Denn wir brauchen die vielen Sprachen und Töne, vertraute und fremde, von Menschen aus verschiedenen Milieus und Kulturen. Nur so können wir  Gottes Größe  erahnen.

 

Lasst Gott groß sein und betet ihn an

Er ist mehr als Wort und Gedanken

Sagt es allen: Er ist der Herr!

 

Singt dem Herrn, alle Völker der Erde

Tag für Tag verkündet sein Heil.

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11APR2021
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Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr!
Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur er!
Er, der nie begonnen, er, der immer war,
ewig ist und waltet, sein wird immer dar.

Eine Frau sagt zu mir : Wenn ich das „Heilig“ von Schubert höre, fühle ich mich wie „ummantelt“. Das ist ein schönes Bild für diesen schlichten und zugleich so berührenden Chorsatz. Er gehört zur „Deutschen Messe“ von Franz Schubert aus dem Jahr1826. Johann Phillip Neumann hat sie in Auftrag gegeben und die Texte verfasst.  Eben nicht auf Latein wie damals üblich, sondern in der Sprache der einfachen glaubenden Leute. Neumann folgt auch nicht streng den liturgischen Vorgaben, sondern er versucht, ein religiöses Gefühl auszudrücken, mit dem sich die  Menschen identifizieren konnten. Das macht wohl die Popularität der Schubert-Messe bis heute aus.

Der Heilig-Ruf kommt im Ablauf der katholischen Messe an einer zentralen Stelle - unmittelbar vor der sog. „Wandlung“ von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. So hat Jesus es beim letzten Mahl mit seinen Jüngern gedeutet. Bildlich gesprochen öffnet sich in diesem Moment der Himmel und die Gläubigen preisen zusammen mit den Engeln und den Heiligen Gottes Herrlichkeit.

Heilig, heilig heilig, Gott Herr aller Mächte und Gewalten. Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit. Hosanna in der Höhe

Die Worte gehen auf den Propheten Jesaja zurück. In einer Vision hat er Gott gesehen: als gewaltigen himmlischen Herrscher, umgeben von den Scharen seiner Engel. Eine Erfahrung, die ihn zutiefst erschreckt hat: „Weh mir, ich bin verloren. Denn (…) meine Augen haben den Herrn der Heere gesehen.“

Auch Schubert weiß um die Macht und Größe Gottes.  Aber der Gott, den er mit Tönen beschreibt, überwältigt nicht. Schuberts „Heilig“ beginnt ruhig und kreist nur um wenige Töne. Andächtig und staunend nähert die (singende) Gemeinde sich Gott. Dem Großen, Erhabenen, Heiligen. Doch seine Heiligkeit grenzt nicht ab, sondern sie lässt Nähe zu. Es ist, als ob Gott in das Innerste seines Herzens schauen lässt. Dann öffnet sich der Klang, die Melodie steigt nach oben. „Er, der nie begonnen, er der immer war“ Gottes Ewigkeit ist wie die Hintergrundstrahlung des Alls. Seine Liebe durchdringt alles, was ist.  Wer daran glaubt, dessen wird Herz weit und voll Vertrauen. Schuberts Lied ist einfach zu singen – auch mehrstimmig.  Es braucht keine komplizierte Theologie, um Gott näher zu kommen. Nur die Bereitschaft, das eigene Herz zu öffnen.

 

Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr!
Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur er!
Er, der nie begonnen, er, der immer war,
ewig ist und waltet, sein wird immer dar.

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03APR2021
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Nach der Dramatik von Karfreitag ist der Karsamstag für mich immer ein eigentümlich leerer Tag. Nichts passiert. Die Zeit steht still, fast so als könnte sie gar nicht mehr weitergehen. Jesus ist gestorben. Er ist mit seiner Botschaft gescheitert, dass Gott den Menschen nahe sein will. Seine Liebe war vergeblich...Das rührt auch an meine eigenen Erfahrungen, wo alles Wollen und Hoffen vergeblich scheint.

Es gibt eine äußere Zeit: die Stunden und Tage, die unaufhaltsam aufeinander folgen, so wie sich die Zeiger der Uhren immer weiterdrehen. Und es gibt eine innerlich erlebte Zeit. Sie kann nur weitergehen, wenn es ein Ziel gibt, für das es sich zu leben lohnt. Oder zumindest die Hoffnung, dass nicht alles vergeblich ist. Wenn diese Hoffnung erschüttert oder gar zerstört ist, dann bleibt nur noch die Bereitschaft, auszuharren – eine  Zeit des Karsamstags durchzumachen, bis vielleicht eine neue Zeit anbricht. Diese Erfahrung beschreibt die Dichterin Nelly Sachs in einem ihrer Gedichte:

Hängend am Strauch der Verzweiflung

Und doch auswartend

Bis die Sage des Blühens

In ihre Wahrsagung tritt -

Zauberkundig

Plötzlich der Weißdorn ist außer sich

Vom Tod in das Leben geraten.

Nelly Sachs hat als Jüdin den Holocaust miterlebt: Sie weiß, wasVerzweiflung ist. Sie kennt die Erfahrung, dass es kein Morgen mehr gibt, dass die Seele in den kahlen stacheligen Ästen der Trauer und der Verzweiflung festhängt. Hier auszuharren kostet Kraft. Doch gerade in dieser winterlichen Leere bahnt sich eine Verwandlung an:  Der Weißdorn gerät außer sich– sagt Nelly Sachs, wie in einer Ekstase. Aus scheinbar toten Zweigen brechen quasi über Nacht zarte weiße Blüten hervor….

Ich brauche solche inneren Hoffnungsbilder, um die leeren, trostlosen Zeiten aushalten zu können. Ich brauche die Botschaft des anbrechenden Frühlings. Und ich brauche Menschen, die mir erzählen, dass Ostern wahr ist, dass das Leben stärker ist als der Tod, dass nach einer dunklen Zeit eine neue Zeit beginnen kann. Nelly Sachs ist eine von ihnen.

Hängend am Strauch der Verzweiflung…

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01APR2021
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In dieser Woche – der Karwoche – steht der Tod Jesu am Kreuz im Zentrum.  Jesus hat sein Leben hingegeben, um die Menschen zu erlösen. Das Kreuz ist daher das christliche Symbol. Ein Zeichen des Heils. Aber manchmal tue ich mich schwer damit. Wenn ich auf das Kreuz schaue und den gekreuzigten, gemarterten Jesus sehe, frage ich mich: Geht Erlösung nur durch Leiden und Tod?

Vor vielen Jahren bin ich auf ein Kreuz gestoßen, das mir eine andere Sichtweise eröffnet hat. Es zeigt nicht den Leib des gekreuzigten Jesus, sondern fünf biblische Szenen. In der Mitte sieht man Jesus, wie er beim letzten Abendmahl Brot und Wein spendet. Heute, am Gründonnerstag, erinnern die Christen sich daran „Nehmt und esst – das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Trinkt aus dem Becher, das ist mein Blut zur Vergebung der Sünden.“ Jesus weist mit diesen zeichenhaften Worten auf seinen baldigen Tod hin. Und er deutet sein Sterben. Er ist bereit, sein Leben für die Menschen hinzugeben. Aber diese Hingabe zeigt sich für mich nicht nur in seinem Tod, sondern in seinem ganzen Leben. Darauf weisen die anderen Szenen auf besagtem Kreuz hin. Auf einem ist die Hochzeit zu Kana zu sehen. Jesus war offen für die Menschen, er hat ihnen zugehört, ihre Freude geteilt und ihre Leiden ernst genommen. Ein anderes Bild zeigt ihn, wie er im Tempel mit den Schriftgelehrten diskutiert. Jesus hat das Gespräch gesucht und auch die Auseinandersetzung nicht gescheut. Und die beiden übrigen Bilder zeigen ihn als Auferstandenen mit Maria Magdalena und bei der Aussendung der Apostel.  Alles gehört zur Erlösung dazu. Jesu Leben, sein Tod und seine Auferstehung.

Das Kreuz hängt über unserem Esstisch, wo unsere Familie immer wieder zusammen kommt, um satt zu werden. Dazu braucht es nicht nur Spaghetti und Rindsrouladen, sondern auch Gemeinschaft: miteinander reden, lachen und fröhlich sein... wie bei der Hochzeit zu Kana. Manchmal geht es am Tisch auch laut zu, wenn wir heftig diskutieren  – wie es Jesus mit den Schriftgelehrten getan hat. Und hin und wieder gibt es besondere Momente, wo wir spüren, was uns in der Tiefe verbindet. So wie es Maria Magdalena mit Jesus erlebt hat….

Jesus lädt uns ein, dass wir das Brot des Miteinander teilen. Doch manchmal macht jeder nur sein Ding und der Hunger nach echtem Miteinander bleibt ungestillt. Dann finde ich es tröstlich, auf Jesus zu schauen. Er teilt auch dann sein Brot mit uns, und wir können seine Liebe zu uns schmecken.

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16FEB2021
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Hexen und wilde Männer – normalerweise bestimmen sie in diesen Tagen vielerorts das Straßenbild. Ihre geschnitzten Holzmasken sehen ganz schön furchterregend aus, und es macht ihren Trägern sichtlich Spaß, die Schaulustigen zu erschrecken. Die Masken stammen aus einer Zeit, in der Menschen geglaubt haben, dass dunkle, dämonische Kräfte einen großen Einfluss auf ihr Leben hätten.

An dunkle Mächte glaubt heute niemand mehr. Oder (vielleicht) doch? Es kommt mir so vor, dass sie heute in anderer Maskierung daher kommen – z.B. wenn manche an Verschwörungstheorien glauben. Also an die Vorstellung, dass geheime Mächte und Gruppierungen die Menschen durch Corona unter ihre Gewalt bringen wollen. Etwa indem man beim Impfen die Menschen manipuliert. Es gibt gar nicht wenige, die so etwas glauben und weiter verbreiten. So werden diese verrückten Theorien zu einer Art dunklen Macht, die Menschen in ihrem Denken und Handeln immer mehr bestimmt.
Heute, am Ende der Fasnacht werden traditionell die dunklen Mächte entzaubert - die alten und hoffentlich auch die neuen! Wir (können) sehen, wer hinter den Masken steckt und dadurch verlieren sie ihre Bedrohlichkeit. Auch fake news können entlarvt werden, wenn man bereit ist, sich mit sachlichen Informationen auseinander zu setzen. Verschwörungstheorien kennen jedoch nur eine einzige Erklärungsformel für alles, und diese verbreitet eine Grundstimmung von Misstrauen und Angst. Wenn ich keinem mehr traue, weil sich alles gegen mich verschworen hat, dann ist auch keine Diskussion mehr möglich. So entsteht ein regelrechter Sog, der innerlich immer enger und manchmal auch aggressiver macht.

Ich glaube, dass ich diesem Sog etwas entgegenstellen kann. Etwa indem ich mich darum bemühe, das Positive wahrzunehmen - wenn es Menschen gut mit mir meinen. Ihnen dafür danke zu sagen. Oder wenn ich darüber nachdenke, welche glückliche Fügungen und Zufälle es schon in meinem Leben gab. Für mich wird da eine gute Macht spürbar, die mein Vertrauen ins Leben wachsen lässt: Gott, der mir zusagt: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir. Das macht immun gegen die dunklen Mächte der Angst und des Misstrauens.

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15FEB2021
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Stell dir vor, es ist Fasnacht und keiner geht hin! Für echte Narren unvorstellbar – und trotzdem ist es so. Es gibt auch dieses Jahr keine großen Umzüge und kein närrisches Treiben mit Menschen, die sich verkleiden und maskieren ….

Viele vermissen das – ich auch! Denn es macht mir Spaß, in eine andere Rolle zu schlüpfen, mich nicht korrekt und angepasst zu benehmen, sondern auch mal über die Stränge zu schlagen. Die Seiten auszuleben, die ich mir normalerweise nicht zugestehe. Das ist leichter, wenn mich keiner erkennt und dazu hilft bekanntlich die Verkleidung und auch eine Maske. Aber nach einem Jahr mit Mund-Nasen-Bedeckung ist mir der Spaß an Masken (auch) ziemlich vergangen. Ich möchte endlich wieder den Menschen normal ins Gesicht schauen und selber frei und ungehindert atmen können, ohne dass immer gleich die Brille beschlägt.


Wir tragen die Masken, um uns und andere zu schützen. Beim Einkaufen und in der U-Bahn, in der Schule und beim Arzt. Für manche bedeutet das, dass sie den ganzen Tag eine Maske tragen müssen, was eine ziemliche Belastung ist. Hin und wieder fällt mir auf, dass dadurch auch – gezwungenermaßen – andere, ungelebte Seiten zum Vorschein kommen. Ich bemerke bei mir, dass ich durch die Maske mehr auf Rückzug gepolt werde, obwohl ich eigentlich sehr extrovertiert bin.


Und doch will ich mir meine Lebenslust nicht nehmen lassen. Schon gar nicht heute, am Rosenmontag. Ich habe mir eine Mund-Nasen-Bedeckung mit aufgedrucktem Schnurrbart besorgt. Ein bisschen Spaß und Humor muss schon sein. Das hilft auch schwierige Zeiten zu ertragen. Denn mit Humor schaffe ich mir ein wenig Distanz zu dem, was mich nervt, und relativiere zumindest für einen Moment, was mir unerträglich erscheint. Wer Humor hat, nimmt sich selbst nicht so wichtig und kann so die starren inneren Masken ablegen – auch wenn die äußere Maske noch eine Zeitlang bleiben muss. Humor: das ist der Fasching im Hosentaschenformat. Er lässt uns auch das Schwere leichtnehmen.


Wer zum Lachen anstiften kann, vertraut darauf, dass es schon irgendwie weitergehen wird – schlussendlich zum Guten. Von daher hat Humor durchaus eine spirituelle Dimension. Er ist der kleine Bruder der Hoffnung. Unverwüstlich wie das sprichwörtliche Unkraut, das nicht vergeht.

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03JAN2021
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Wie schön leuchtet der Morgenstern

voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn                           

die süße Wurzel Jess.

Du Sohn Davids auf Jakobs Stamm

Mein König und mein Bräutigam

Hast mir mein Herz besessen

Lieblich, freundlich, schön und herrlich

Groß und ehrlich

Reich von Gaben

Hoch und sehr prächtig erhaben.

 

Zwingt die Saiten in Cithara und laßt die süße Musika

Ganz freudenreich erschallen.

Dass ich möge mit Jesulein dem wunderschönen Bräutgam mein

In steter Liebe wallen.

Singet, springet, jubilieret, triumphieret

Dankt dem Herren

Groß ist der König der Ehren. 

 

 

Wie schön leuchtet der Morgenstern

voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn

die süße Wurzel Jesse

 

„Wie schön leuchtet der Morgenstern“ , der Vorbote des kommenden Tages. Das Lied von heute morgen nimmt uns geradewegs in den anbrechenden Tag hinein. Doch das Lied besingt einen ganz besonderen Morgenstern: 

Es greift damit einen Bibelvers aus der Offenbarung des Johannes auf, wo es heißt: Ich, Jesus, bin die Wurzel und der Stamm Davids, der strahlende Morgenstern.

Für mich ein starkes Bild der Hoffnung: Jesus als Morgenstern, der das Ende der Nacht ankündet. Die Nacht steht für das, was  uns bedrückt und Angst macht: Und davon gibt es zur Zeit ja mehr als genug. Das gilt auch für die Entstehungszeit des Liedes. Philipp Nicolai hat es Ende des 16. Jhd. geschrieben, als er Pastor in Unna war. Damals wütete die Pest. Zeitweise gab es dort täglich 20 bis 30 Beerdigungen.  Eigentlich konnte man nur verzweifeln.  Doch Nicolai richtet mit dem Lied den Blick nicht auf das Dunkle sondern auf das Licht. Die biblische Verheißung, dass das Elend und die Not, die er und seine Zeitgenossen erleiden müssen, nicht das letzte Wort haben werden. Gott wird alle Tränen abwischen, heißt es im letzten Buch der Bibel. Und in einem himmlischen Hochzeitsmahl wird Jesus sich am Ende der Zeiten mit den Menschen verbinden wie ein Bräutigam mit seiner Braut.

Darum geht es in dem Lied. Überschwänglich wird Jesus mit einer Fülle von biblischen Bildern in einer innigen Zwiesprache direkt angesprochen

 

Du Sohn Davids auf Jakobs Stamm

Mein König und mein Bräutigam

Hast mir mein Herz besessen

 

Ich mag dieses Lied, obwohl mir seine barocke Bildersprache fremd ist. Und ich tue mich auch mit dieser Art von Glauben nicht leicht, die alle Hoffnung auf das Jenseits richtet. Aber das Bild vom himmlischen Hochzeitsmahl fasziniert mich trotzdem. Innige Liebe, Begegnung, Essen und Trinken, Freude, Musik und Tanz. Es ist das, wonach ich mich sehe. Das irdische und das himmlische Glück liegen für mich da sehr nahe beieinander. Gerade jetzt, wo ich schon so lange kein Fest mehr gefeiert habe, tut es meiner Seele gut, diesem Lied zu lauschen. Philipp Nicolai verdanken wir ja nicht nur den Text sondern auch die wunderbare Melodie dieses Liedes. Sie ist in ihrer fröhlichen Beschwingtheit ein Vorgeschmack auf die himmlische Hochzeit und hilft mir, auch in diesen schwierigen Zeiten nicht zu verzagen.

 

Zwingt die Saiten in Cithara

und laßt die süße Musika

Ganz freudenreich erschallen…..

Dass ich möge mit Jesulein

dem wunderschönen Bräutgam mein

In steter Liebe wallen.

Singet, springet, jubilieret, triumphieret

Dankt dem Herren

Groß ist der König der Ehren. 

 

Musik  aus:

Wie schön leuchtet der Morgenstern.

Liedsätze zu Weihnachten von Praetorius und Crüger Weihnachten aus dem Berliner Dom Praetorius, Michael; Crüger, Johann; ... Herfurtner, Hanna; Noack, Daniel Jin-Kyu; Kobow, Jan; Staatsund Domchor Berlin; Lautten Compagney; Jirka, Kai-Uwe

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