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28NOV2021
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Anne-Christine Langenbach Foto: Roger Schäfer

… und Anne-Christine Langenbach. Wann fühlen Sie sich richtig lebendig? Ich spür das, wenn ich was tue oder erlebe, was ich echt liebe. Obwohl, auch wenn was weh tut, spür ich das Leben, als Sehnsucht. Anne-Christine Langenbach liebt Musik und, hofft sehr, dass ihr Adventskonzert heute stattfinden kann.

Wir freuen uns natürlich am allermeisten auf die Besucher, die kommen. Wir freuen uns aber noch mehr, dass wir endlich wieder auftreten können. Und musizieren können. Gemeinsam dieses Erlebnis haben. Und dann natürlich: die Freude sehen bei den Zuhörern.

 

Dabei ist Chorsingen mit Abstand schwierig. Vor allem auch für Kinder und Jugendliche. Aber die Sehnsucht, wieder zu singen, ist größer. Und sie glaubt, die schlummert in allen.

Singen ist ja auch ein körperliches Wohlgefühl. Es macht einen glücklich. Man muss sich nur einmal überwinden und richtig laut lossingen. Und es geht einem sofort besser.

So begeistert hat sie vor 20 Jahren die Singschule an der Peterskirche in Weinheim gegründet. Eine Erfolgsstory. Mit dem „Klassik Echo“ wurden sie ausgezeichnet. In die 7 Chöre ihrer Singschule kommen jede Woche 150 Kinder und Jugendliche. 

Zunächst macht Kindern singen einfach großen Spaß. Fast allen Kindern. Man muss also nicht viel tun, um sie zum Singen zu bringen. Und sie lernen hier, einfach auch sehr, auf die anderen zu hören, und dass das Ziel, nur in der Gemeinschaft zu erreichen ist.

In der Gemeinschaft können die Einzelnen richtig wachsen. Immer wieder hat Anne Christine Langenbach das erlebt. 

Wie sich gerade ganz schüchterne, zurückhaltende Kinder entwickeln und bei unserem jährlichen Musical plötzlich -nach fünf Jahren - dastehen und ne Hauptrolle singen.

Es geht ihr nicht um Auslese der Besten, sondern um Community. Mir ist das sehr sympathisch. Auch Jungs im Stimmbruch sollen dabeibleiben können. 

‚Toll, endlich kommst Du in den Stimmbruch‘. Der wird von mir quasi auf Händen durch den Stimmbruch getragen. Ich schreibe auch extra Stimmen, damit er auf den wenigen Tönen, die er singen kann, dabei sein kann.

Bei uns ist jedes Kind willkommen. Wir haben auch immer wieder „Brummer“ dabei. Es kann jedes Kind, jeder Mensch kann singen lernen, mancher braucht halt ein bisschen länger.  

Man spürt das Credo, das Anne Christine Langenbach - ja - verkörpert: ‚Singen ist Leben‘. Gut, wenn Menschen das in der Kirche erleben können. Und eine Kirche, die lebendig ist. 

Beteiligung auch am Geschehen im Gottesdienst. Das ist das, was die Kinder reizt. Und dann finden sie es auch wichtig und toll. Und dann kommen auch die Eltern. Und es macht ja auch die Gottesdienste wirklich um vieles reicher.

So etwas ist doch eine win-win Situation. Menschen können sich echt er-leben und Gemeinde wird lebendig. Ohne Druck. 

Was wir machen, ist den Kindern über die geistlichen Lieder einfach die Glaubensinhalte ja auch nahe zu bringen. Was die Kinder und Jugendlichen hinterher damit für sich selber machen, das ist natürlich dann ihre Sache.  

Für Anne-Christine Langenbach gehört singen zum Advent, unbedingt. Und sie hat auch Tipps, wie man wieder damit anfangen könnte. In ein paar Minuten erzähle ich, wie.

 

Singen im Advent: hoffen auf Erlösung

 

Anne -Christine Langenbach ist Kirchenmusikdirektorin in Weinheim, aus Leidenschaft. Vor 20 Jahren hat sie die Singschule an der Peterskirche gegründet für Kinder und Jugendliche. Singen ist für sie Leben. Gerade auch in der Adventszeit und auf Weihnachten hin.

Wenn die Kirche voll ist und die Gemeinde singt richtig aus voller Seele mit und das ist in der Regel bei ‚Tochter Zion‘ oder später auch an Weihnachten, wenn alle ‚O Du fröhliche‘ singen, dann bin ich glücklich.  

Aber gibt es da nicht ein Problem? Kirchenmusik klingt ja oft – vorsichtig gesagt - etwas älter. Erreicht man damit noch Ohren und Herzen von Kindern und Jugendlichen? Sie erlebt: ja durchaus. 

Bei den Jugendlichen ist die TOP1 immer der Quempas, eine Renaissancestück. Aber was es gibt, sind tolle neue Arrangements, poppige oder jazzige. Und das kommt natürlich grad bei den Jugendlichen an.  

Angesagt ist zB. die Gruppe Pentatonix, wie groovend die alte Lieder singen. Und es gibt auch gute neue Lieder. Die beides ausdrücken: Dass das Leben Angst macht und diese Sehnsucht, dass es sich wenden soll zum Guten, für uns und dass es sich wenden kann. In einem Lied heißt es zB.

‚An dunklen kalten Tagen, beschleicht uns banges Fragen, was wird wohl morgen sein? Gott kommt und schafft die Wende.‘
Warten auf etwas, was uns erlöst. Ich glaube, das ist etwas ganz Besonderes, gerade in diesem Jahr. Und diese Hoffnung, dass dieses Nachdenken oder überhaupt das Singen und die Musik uns wieder näherbringt, trotz aller Abstände, im Räumlichen, aber auch der Abstände, die im Kopf entstanden sind.
 

Für Kirchenmusiker wie Anne-Christine Langenbach ist in der Adventszeit richtig volles Programm, Hektik. Wie bei vielen. Aber sie erlebt den Advent auch sehr erfüllend. Z.B. wenn sie mit Kindern und Jugendlichen singend unterwegs sein kann. 

Man braucht nur mit ein paar Kindern in ein Altenheim zu gehen. Da strahlen die Menschen. Wenn die dann ein Advents- oder Weihnachtslied singen, dann ist eine so tolle Stimmung, Und da geh ich natürlich auch ganz erfüllt von nach Hause. Wenn ich dann noch ne schöne Kerze mir anzünde, dann ist Advent.

Schöne Erfahrung, oder? Adventshektik kann wohltuend werden, wenn man anderen dabei etwas gönnt. Was ihr sehr am Herzen liegt: Gönn es Dir, selber zu singen. Am ehesten geht es vielleicht, zusammen mit Kindern. 

Also sich ein Kind suchen oder zwei und lossingen. Es gibt unheimlich viele Aufnahmen im Internet. Wir selber haben mit der Singschule letztes Jahr Advents- und Weihnachtslieder eingesungen. Natürlich gibt es jede Menge CDs. Am besten, was einlegen, laut stellen und mit einstimmen.  

Also: keine Zurückhaltung und keine Sorge vor ein paar falschen Tönen. Anne- Christine Langenbach wünscht sich und uns für den Advent.

Gesundheit und Mut zum Singen. Und dass uns das gelingt, dass wir so viel Gesundheit haben, dass die Kirchen offen bleiben dürfen für Gottesdienste, dass die Chöre an Weihnachten singen dürfen.

 

Die Singschule – in Aktion und aufgezeichnet:

https://www.youtube.com/watch?v=Ih-n0PTqn2k

https://www.youtube.com/watch?v=HK06B8vUCqc

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34376
24OKT2021
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Sarah Köhler Foto: Michael Blaser

Mensch macht Erde (kaputt?)

Heidelberg Hauptbahnhof, da arbeitet sie. Allerdings mit Zügen hat die junge Theologin wenig zu tun. Sie ist die Referentin der Ökumenischen Arbeitsstelle Anthropozän. Und fragt: wie übersteht die Erde dieses neue Zeitalter, in das der Mensch sie gebracht hat? Was ist Anthropozän?

Eine Gegenwartsdiagnose aus der Naturwissenschaft, die besagt, dass der Mensch als Art die erste Art ist, die wirklich Einfluss im globalen Ausmaß nimmt auf erdsystemische Prozesse.

Die Klimakrise ist ein Zeichen für das Anthropozän. Und es treibt sie um, was Kirche und Theologie dazu beigetragen haben. Und sie hofft, dass sie auch eine positive Rolle spielen bei der Bewältigung der Aufgaben. Und zwar jetzt!

Wir sind am Aufwachen und wir wissen, wenn die Geschichte der Welt enden würde, endet auch der Lebensraum, in der sich die Geschichte mit Gott ereignet. Theologisch würden wir eben sagen, der „Erdling“ ist auf die Erde angewiesen.

„Erdling“: ein schönes altes Wort, dass der Mensch mit der Erde verbunden ist. Eine zweite können wir nicht schaffen.
Ja, es passiert schon Gutes in Sachen Klimakrise. Auch in den Kirchen. Aber es muss oberste Priorität bekommen.

Wenn Kipp-Punkte erreicht sind, dann leben wir als Menschheit in völlig veränderten Lebensgrundlagen, und dann sind Prozesse eingeleitet, die uns vermutlich entgleiten.


Was treibt Sarah Köhler an? Sie verblüfft mich: nicht Katastrophenangst, auch nicht der Glaube, dass sie die Erde retten könnte. Sie motiviert ein positives Bild: Die Erde kann werden wie ein großes Konzert.

Musiker üben sich noch ein und es klingt schief und schräg, und wir haben schon eine Vorstellung dessen, wie dieses Konzert sein wird. Ich glaube an die Menschheit, ich glaube an die Schaffenskraft und die Schöpferkraft und all das, was wir kulturell geleistet haben. Wir haben viele Instrumente da, um eine Welt zu einem Konzert zu spielen, wo alle Menschen zumindest eine Grundsicherung haben und wo ökologische Systeme in ihrer Regeneration bedacht werden. Und wir müssen das noch orchestrieren.

Sarah Köhler macht klar: Damit das Zusammenleben nachhaltig und gerecht werden kann, dafür müssen viele Grundlagen des Erdsystems neu gestimmt werden. Einzeln ist man überfordert.

Das größte individuelle Einflussinstrument ist demokratische Teilhabe. Wir brauchen Gesetze, die neu justiert werden, wir brauchen Wirtschaftsstrukturen, wir brauchen moralische Parameter. Die müssen systemisch verankert werden, damit es nicht zur Dauerüberforderung des Individuums kommt.

Das finde ich prima, wie sie scheinbar Gegensätzliches zusammenbringt: Politisch Druck machen und an die Menschheit glauben. Die Gefahren für die Erde laut benennen und Hoffnungsbilder entwerfen.

Es braucht Erzählungen, Geschichten, wofür wir die Sicherheit des Jetzt aufgeben und was es abzuwenden gilt. Und das in eine Sprache zu bringen, die eben nicht diese Resignation auslöst.

paradising

Sarah Köhler ist Theologin, Anfang 30. Wie viele – und wie ich finde, besonders Frauen – hat sie kapiert: Der Mensch hat die Erde in ein neues Zeitalter gebracht, ins Anthropozän. Und an Abgründe. Aber sie glaubt, dass die Menschheit Gutes schaffen kann. Mit Kollegen zusammen hat sie dafür ein neues Wort: paradising.

Wer Klarheit darüber will und Gewissheit, wofür wir was aufgeben oder umgestalten oder umbauen müssen, der darf nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie er davon spricht. „Paradisieren“ ist ein verbaler Begriff, er triggert einen Aktivismus, ein Eingreifen und Nominalismus triggert Zustände. Wir wollen verbaler formulieren, damit es aktiviert.

„Paradisieren“ bedeutet nach vorne schauen. Aktiv Zukunft gestalten. Positive Phantasie. Und es steckt ein Paradigmenwechsel drin, wie wir uns als Menschen sehen: Wie können wir als Menschen gut werden für Menschen und die Erde?

Es geht nicht nur darum, einen Zustand in Bewahrung zu halten, sondern ökologisch zu wirken und sozial zu wirken.
Eine arbeitende Gemeinschaft, die sich im Miteinander darum kümmert, dass es sowohl den Mitmenschen gut geht und die unsere Lebenswelt komplett ernst nimmt.

Ich verstehe sie so: „lebe aktiv und bewusst, kümmere Dich um die Erde, um Mitgeschöpfe, um Menschen.“ Und wie kann ich konkret „paradisieren“? Vier Felder nennt sie. Z.B. „Paradiese schützen“:

Ökologische Systeme, wie sie teilweise stabil oder unberührt noch vorhanden sind, unberührt zu lassen.
‚Paradiese schaffen‘: Wir gestalten ganz konkret Gesellschaft und Gesellschaftsformen, die nicht nur menschliche Gesellschaften denken, sondern Mensch-Natur-Gesellschaften.
Dann ‘Paradiese sind schon da‘. Wahrnehmen, wo wir Inseln geschaffen haben.

Und das vierte: „Paradiese entstehen“. Also sie zulassen und darin lernen. Sarah Köhler macht deutlich. „Paradisieren“ braucht uns aktiv. Zurück, vors Anthropozän, geht nicht. Entscheidend ist, was wir mit unserer Macht machen. Und wo bleibt da Gott?

Der ist und bleibt der Regisseur unserer Erde, unseres Schaffens. Ich für mich als Theologin habe entschieden, mich nicht mit seinem Regisseursein zu beschäftigen, sondern mit unserer Rolle, die wir zu spielen haben in der Welt.

Noch was findet sie gut an paradising: „Paradies“ - das aktiviert auch Menschen, die nicht religiös sind. Allerdings, es gibt auch falsche Paradiese: wenn man sie nur für sich haben will. Oder welche baut, die andere kaputt machen.

Diese Vorstellung einer wunderschönen Welt, in der es mir gut geht, in der Naturraum funktioniert. Die ist allgegenwärtig. Das ist eine Sehnsucht, die ganz viele Menschen teilen.

Ich hoffe, Sarah Köhler hinterlässt bei mir diese nachhaltige Wirkung: Wir können Paradiese aktiv fördern. Für alle Geschöpfe, das Ganze.

Paradising: mehr Infos dazu finden Sie hier

zu Dr. Sarah Köhler und die Arbeitsstelle Anthropozän gibt es weitere Infos hier

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34126
12SEP2021
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Wolf-Dieter Steinmann trifft Sarah Banhardt. Theologin und Historikerin. Sie forscht über den langen Weg zur Gleichstellung für Pfarrerinnen und was heute noch fehlt.

Pfarrerinnen - gleichgestellt erst seit 50 Jahren

„Spannend, das Thema ihrer Doktorarbeit“, hab ich anfangs gedacht. Was sie mir dann erzählt hat, hat mich auch beschämt. Männer haben es den Frauen schwer gemacht, Pfarrerin zu werden. Sarah Banhardt, selbst junge Theologin und Historikerin, forscht über die ersten Theologinnen in Baden.

Im Archiv bin ich dann auf Doris Faulhaber gestoßen. Da habe ich gedacht: ‚das ist ne spannende Frau, die hat ein spannendes Leben gehabt. Und es gibt gar nicht so viel darüber, wie man erzählen könnte.‘

Gut, dass Sarah Banhardt von Doris Faulhaber erzählt. Ich habe diese vor 40 Jahren selber kennengelernt. Damals war sie 75. Den Traum, den sie schon als junge 20 Frau hatte, hatte man ihr nicht ermöglicht.

‚Du wirst schon sehen, wenn ich fertig bin, läuft das, also ich kann bestimmt Pfarrerin werden.‘ Und ich glaube, dass sie wirklich als junge Frau das gedacht hat. Und letzten Endes muss man sagen: Als die Gleichstellung kam, war sie schon im Ruhestand.

Man glaubt es kaum: Erst vor gut 100 Jahren durfte die erste Frau Examen in Theologie machen. Spannend finde ich: Zuerst haben Einzelne was bewegt, indem sie Grenzen verschoben haben. Zum Ziel, der Gleichstellung von Pfarrerinnen, wurde es ein langer Hürdenlauf, erzählt Sarah Banhardt. Mit Rückschlägen, z.B. nach 1945.

Die Männer waren im Krieg und die Frauen haben häufig nicht nur eine Pfarrstelle versehen, sondern gleich mehrere. Und nach dem Krieg war einfach Schluss. Und ich glaube, das war für die Frauen ein herber Rückschlag und ne große Verletzung, dass man jahrelang geackert und geschuftet hat und die Hoffnung hatte, jetzt haben sie endlich ihrer Kirche bewiesen, dass sie diese Aufgabe erfüllen können und dann war einfach zack, vorbei.

Doris Faulhaber und ihre Kolleginnen blieben beharrlich. Ein starkes Argument, dass Männer und Frauen gleich sind, haben sie in der Bibel gefunden.

‚Da ist nicht Mann noch Frau.‘ Für die evangelischen Theologinnen schon ein starkes Argument. Zu sagen. „Schaut doch mal, ihr argumentiert immer mit biblischen Texten: ‚wir sind dem Mann untertan.‘ Aber da steht auch, ‚weil Christus für uns am Kreuz gestorben ist, ist das egal.‘“

Was hat noch geholfen, durchzuhalten? Sarah Banhardt hat beim Forschen zweierlei gefunden: Die Theologinnen damals sind aus ihrer Vereinzelung heraus und sie waren überzeugt von ihrer Berufung:

Wir glauben, dass für unsere Kirche das wichtig und richtig ist, wenn Frauen Pfarrerinnen werden und deswegen setzen wir uns als Gruppe dafür ein.

Manches erinnert mich an katholische Frauen heute in ihrer Kirche. Darum habe ich gefragt: Kann es diesen heute was mitgeben, was evangelische Frauen erfahren haben?

Beharrlichkeit und auch dass man die Hoffnung nicht aufgeben muss. In so einer ein Stück weit aussichtslosen Situation, weiter dafür zu kämpfen. So ein bisschen die Hoffnung, auch in der katholischen Kirche kann Veränderung kommen.

1971 war es dann so weit: Eine Schülerin von Doris Faulhaber, Hilde Bitz, wurde als erste Pfarrerin gewählt, in einer Mannheimer Gemeinde. Und die beiden Frauen haben 40 Jahre gemeinsam gelebt.

Sie waren irgendwie ne Lebensgemeinschaft. Auf einem Weg unterwegs mit einem gemeinsamen Ziel durchaus: Nämlich das gleichgestellte Pfarramt für Frauen. Und sie waren auch eine Arbeitsgemeinschaft. Aber eben kein Paar.

50 Jahre sind Pfarrerin und Pfarrer gleichgestellt. Aber da ist noch Luft nach oben, findet Sarah Banhardt.

Nach 50 Jahren – Luft nach oben

Sarah Banhardt ist Theologin und Historikerin. Durch ihre Doktorarbeit ist sie Frauen nahegekommen, die vor 100 Jahren nicht mehr akzeptieren wollten, dass Frauen in der Kirche Menschen zweiter Klasse sein sollten. Was empfindet sie für Theologinnen wie Doris Faulhaber, Elsbeth Oberbeck oder Hilde Bitz?

Viel Dankbarkeit, sehr viel Respekt vor dieser Überzeugung, vor diesem Durchhaltevermögen, vor diesem Mut, der eigenen Berufung auch gegen alle äußeren Widerstände zu folgen.

Erst seit 50 Jahre sind Pfarrerin und Pfarrer in evangelischen Kirchen gleichgestellt. Noch nicht in allen, schon gar nicht weltweit. Sie ist sicher: Frauen haben das Pfarreramt verändert, auch für Männer.

Wie kann ich Pfarrerin sein und habe Kinder und wie kann ich da ne gute Balance finden?‘ Und dann tatsächlich auch die Frage für die Kirchen: ‚Wie ist das mit einer teilzeitarbeitenden Pfarrerin?‘ Und ich glaube, da haben Frauen schon noch mal – auch für die Männer, die heute Eltern werden – viel erreicht. Nämlich, dass es auch in Ordnung ist, wenn ich als Mann einige Zeit nicht arbeite, weil ich Kinder habe.

Alles gut? Nein. Junge Pfarrerinnen hören manchmal: ‚Der Herr Pfarrer hat es früher aber anders gemacht.‘ Müssen sich also an Vorgängern messen lassen und werden nicht als sie selbst geschätzt. Oder fühlen sich taxiert und kritisiert, wenn sie im Talar als Frau sichtbar werden.

Wenn Männer mich als Mädchen bezeichnen. Wenn nach dem Gottesdienst kommentiert wird, was für Ohrringe ich getragen hab. Oder wenn ich darauf hingewiesen werde, dass der Lippenstift doch abgelenkt hätte oder dass ich andere Schuhe anziehen müsste.“

Wenn Frauen immer noch grundsätzliche Ablehnung erleben, das geht Sarah Banhardt an die Nieren. Mir auch.

Und was ich wirklich schlimm finde, dass es noch viele gibt, die wirklich Anfeindungen erleben, dass sie Briefe bekommen, wo ihnen Bibelstellen aufgelistet werden, in denen ja steht, dass sie gar nicht Pfarrerin sein können.

Überraschend findet sie, dass jüngere Pfarrerinnen öfter äußern, dass sie kritisiert werden. Mehr als Pfarrerinnen der ersten Generationen. Vielleicht weil Frauen damals Pfarrerin anders waren als heute?

Ich glaube auch, dass Frauen sich da mehr auch in das Amt hineingelebt haben und heute Frauen bewusster auch sagen: ‚Ich bin in diesem Amt auch Frau.‘

Trotzdem findet sie die Bilanz für Frauen in der evangelischen Landeskirche in Baden ganz gut. Und bei den anderen im Südwesten ist es ähnlich. Bis hinein in die mittlere Führungsebene.

Ein bisschen über 40% der Pfarrstellen werden von Frauen besetzt und auch tatsächlich mehr als 40% der Dekanate werden von Frauen geleitet. Das finde ich, ist schon ganz gut. Ich finde schon schade, dass in Leitungspositionen, je höher die Position ist, desto weniger Frauen werden es. Es gibt schon noch ein bisschen Luft nach oben.

Was muss besser werden? Auf jeden Fall die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dann hat sie noch 2 Forderungen und eine besondere Hoffnung für die badische Landeskirche 2021.

Die Sexismuserfahrungen, die Frauen machen, müssen aufhören. Dass Kirche auch Frauen den Rücken stärkt. Und sagt: Wir stehen wirklich unverbrüchlich hinter der Frauenordination. Und wenn dann eine Landesbischöfin gewählt würde, 50 Jahre nach der Amtseinführung von Hilde Bitz, wäre das ein schönes Ergebnis.

Ausführlich hören können Sie das Gespräch zwischen Sarah Banhardt und Wolf-Dieter Steinmann als Podcast auf Spotify:
https://open.spotify.com/episode/2TqqIASsOYujE2RU1Pyqu2?si=79BUmI0tTiiisL8vIs_yWA

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31JUL2021
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So eine Covid19-Erkrankung ruft einem in Erinnerung, wie schön es ist, wenn man gut atmen kann. Und darum möchte ich heute eine Liebeserklärung an den Atem abgeben. Alle Lebenskraft kommt aus ihm. Ich könnte nicht mit Ihnen sprechen, wenn mir der Atem knapp würde.

Und wahrscheinlich gibt es keine tiefere Angst in uns, als keine Luft zu bekommen. Das Leben beginnt mit dem Atem und es endet, wenn es aufhört, in uns zu atmen.

Für die Bibel ist klar, welche große Kraft damit in uns ist.
27Mensch und Tier halten Ausschau nach dir, Gott, damit du ihnen Essen gibst zur richtigen Zeit.
Nimmst du ihnen den Lebensatem, dann sterben sie und werden zu Staub.
30Schickst du deinen Lebensatem aus, dann wird wieder neues Leben geboren. (Psalm 104)

Und was ist das für eine Erleichterung und Freude bei der Geburt eines Kindes, wenn es atmet. Selbständig und regelmäßig. Und zum Glück ist es für die meisten von uns dann ganz selbstverständlich, dass es ein Leben lang weiter so in uns atmet.

Darin liegt auch eine Kraft, mein Leben immer wieder neu zu ordnen.
Wenn ich sehr aufgeregt bin, hilft es, wenn ich mich aufs Atmen konzentriere. Wenn ich meine Gedanken wegführe von dem, was die Aufregung entfacht und mich auf das Elementare besinne. Einen ruhigeren Rhythmus suchen, bewusst ausatmen, damit dann neue Lebenskraft in mich einströmen kann.

Oder wenn uns das Leben in Panik versetzt und viel zu vieles wie eine übergroße Welle über uns hereinbricht. Da kann es passieren, dass uns vor lauter Angst der Atem stockt. Und wenn es mir dann zuflüstert, ‚vergiss das Atmen nicht.‘ Und ich tue es. Das kann sein wie eine Erlösung, wie wieder zu leben beginnen.

Ganz oft passiert es, dass ich dabei anfangen zu beten. Und beides, Lebenskraft schöpfen und mich an Gott zu wenden, das lässt mich „aufatmen“. Körperlich und seelisch. Weil ich spüre und mich wieder erinnere, ich bin im Leben nicht auf mich allein gestellt. Ich bin ein Kind Gottes. Und ER ist nah.

Jetzt habe ich über den Atem geredet, als wäre er irgendwie nur für mich allein da. Aber was für mich gilt, gilt für jedes atmende Lebewesen. Insofern gilt auch, gib den anderen ihren Platz, gönne ihnen die Luft zum Atmen, die sie brauchen. Vielleicht ist das der Anfang von Frieden.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass Gottes Atem uns immer wieder neu belebt, Kraft gibt, aufrecht zu leben. Tapfer, zuversichtlich und aufmerksam für alles Leben, was genauso leben will wie wir.

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30JUL2021
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Wenn man wie ich zur Generation der Großeltern gehört, muss man sich auch fragen: Was hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln? Ich glaube, nicht nur Gutes. Wir vererben vieles. Auch die Klimakrise. Manchmal schäme ich mich dafür:
Z. B. wenn ich Kinder auf dem Spielplatz sehe. Sie spielen so frei und ahnen nichts von dem Rucksack, den wir ihnen schon aufgehängt haben. Eigentlich ist das eine große Ungerechtigkeit.

Und wenn ein Enkel fragt: „Wo bist Du gewesen, Opa, dass die Welt so werden konnte wie sie ist? Was kann ich sagen? Dabei bin ich gewesen. Mal zuschauend, mal profitierend, manchmal habe ich auch gewarnt. Aber im Ganzen muss ich zugeben: Ich bin Teil dieser Ungerechtigkeit, ich war nicht laut genug für Euer Recht als Kinder und Enkel.

Nicht so laut und wirksam wie die Frau in einem Gleichnis, das Jesus erzählt hat. Ich war oft auch bequem und habe mich zurückgelehnt wie der Mann in Jesus Story.

Erstaunlich, dass Jesus in seiner so durch und durch männlichen Welt eine Frau zum Vorbild setzt. Sie ist Witwe, kämpferisch, laut, vehement für ihr Recht und das ihrer Kinder. Und genau das, dass sie so viel Power hat, das macht sie zum Vorbild. Nur so schafft sie es, Gerechtigkeit zu erringen für ihre Kinder und sich.

Ihr Gegenpol ist ein Mann, ein Richter. Eigentlich dazu da, dass es gerecht zugeht. Die Bibel charakterisiert ihn stattdessen so: „Er hatte keine Achtung vor Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht.“ Also auch nicht auf die Rechte einer Frau oder deren Kinder. Gerechtigkeit und Recht; sich dafür anzustrengen, nein. Ihn interessiert, dass er oben ist, und die Privilegien, die das bringt.
Aber die Frau lässt ihn nicht. Immer wieder wird sie vorstellig. Ausdauernd und immer eindringlicher kämpft sie. Bis er sich bequemt. „Am Ende verpasst sie mir sonst noch einen Schlag.“ Eine solche Beschämung würde ihn öffentlich unmöglich machen. Also hilft er ihr zu ihrem Recht. (Lukas 18,1ff)

Dieses Gleichnis geht mir nah: Ich weiß schon lange, wir leben ungerecht. Belastend für die Jungen. Aber ich war nie so eindringlich wie die Frau. Sie? Aber vielleicht können wir aus unserer Scham lernen und es besser machen. Keine bequemen Großeltern sein, sondern die Dickfelligkeit der Macht eindringlich bestürmen.

Noch etwas: Jesus hat diese Frau auch zum Vorbild dafür gesetzt, wie ich als Christ beten soll. Eindringlich Gott zu Hilfe rufen, dass er eintritt für seine Schöpfung. Dass alle Kinder und Enkel leben können. Unsere, die in Afrika, und die von Tieren und Pflanzen.

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29JUL2021
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An der Schwelle einer neuen Lebensphase zu stehen, das ist nicht ohne.
Was war gut, was nicht? Sind meine Hoffnungen und Wünsche in Erfüllung gegangen?

Mir ist beim Nachdenken ein Satz von Dietrich Bonhoeffer nahegekommen, dem evangelischen Theologen, der in den Widerstand gegangen ist: 1944, im März, hat er in einem Brief aus dem Gefängnis der Nazis geschrieben: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“ (Widerstand und Ergebung 19.3.1944)

Das finde ich ermutigend. Wenn jemand das aus dem Gefängnis sagen kann, dann vielleicht ich auch. Er hat ja unerfüllte Wünsche: frei zu sein, dass das Naziregime stürzt. Was hilft ihm trotzdem, zu sagen: „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche“?

Anscheinend hat ‚erfülltes Leben‘ für ihn damit zu tun, ob man sich darauf einlässt, was das Leben jetzt und hier ausmacht. Wenn man sich daraus wegwünscht, wird es schwerer, zu leben, was nötig und möglich ist.

Noch etwas: Bonhoeffer sagt erfülltes „Leben“, als ginge es um das große Ganze. Aber dabei schaut er zuerst auf Tag heute. Ich lese mal ein paar Sätze im Kontext:
„…In meiner jetzigen Umgebung (also im Gefängnis) finde ich fast nur Menschen, die sich an ihre Wünsche klammern und dadurch für andere Menschen nichts sind, sie hören nicht mehr und sind unfähig für Nächstenliebe. Ich denke,“ schreibt er weiter, „auch hier muss man leben, als gäbe es keine Wünsche und keine Zukunft, und ganz der sein  , der man ist.“

Wenn ich das übersetze, könnte das heißen:
„Erfüllend“ ist, wenn ich da bin, in dem was ich heute tue und erlebe. Bei den Menschen, denen ich heute begegne. Wenn ich eine Aufgabe habe: Dass ich sie erfülle, vielleicht sogar gern und gut. Insofern ist erfüllt leben etwas für jeden Tag. Nicht erst das große Fazit am Ende. Das kann entlasten. Weil ich das jeden Tag neu üben kann. Auch wenn gestern nicht so erfüllt war. Jetzt ist ein neuer Tag.

Noch etwas: Versucht Bonhoeffer, uns Wünsche abzugewöhnen? Nein. Wenige Sätze weiter hat er geschrieben: „Wunschlosigkeit ist Armut.“ Er hat große Wünsche, private und politische. Und hat gesagt: „Ich glaube mehr denn je, dass wir auch der Erfüllung unserer Wünsche entgegengehen und uns keineswegs der Resignation hinzugeben haben.“ Vielleicht ist erfüllt leben beides: Heute ganz da sein und wagemutig über den Tag hinaus wünschen. Auch Großes, das für mich unerfüllt bleiben wird.

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11JUL2021
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„We shall overcome“. Das heutige Lied war „der“ Protestsong der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren. „Wir werden überwinden“ wurde gesungen mit der Überzeugung, dass eine neue bessere Welt möglich ist: Ein Stück Reich Gottes.

Das ist lange her. Hat „we shall overcome“ seine Zeit gehabt und nun hört man es als schöne Erinnerung. Ohne Zukunft?

Nein! Man würde das Lied unterschätzen. Lieder können neu klingen. Weil ihre Verheißung noch nicht eingelöst ist. Bruce Springsteen, lange die weiße Rockstimme Amerikas, hat es neu gesungen, inwendiger.

 

Musik 1 we shall overcome  Str 1

 

Springsteens Rocksongs haben Power und sind laut. Darum verwundert es, ihn hier so leise zu hören. Wenn ich den Text richtig verstehe, liegt das nahe. „Darling, deep in my heart. I do believe.“ „Liebe, tief im Herzen glaube ich.“ Das ist neu. Ein Zwiegespräch in Liebe ist „we shall overcome“ textlich zuvor nicht gewesen. Es war eine Botschaft an viele. Mir gefällt diese Stimmlage bei Springsteen. Wir werden überwinden. Und Liebe möge dazu die Kraft geben. Und langen Atem. Den braucht es, hegt das Lied doch auch die Hoffnung auf Frieden.

 

Musik 2: Bruce Springsteen We shall overcome Str. 2

 

Zurück geht das Lied auf einen schwarzen Gospelsong vom Anfang des 20. Jahrhunderts. „We will overcome, one day.“ Die Hoffnung geht hier in die Zukunft, auf Gott.

1945 wurde das Lied in einem Streik politisch adaptiert. Und in diesem Geist: „Wir“ werden überwinden“: Rassismus, unsere Ängste, Unfrieden wurde es auch in den 1960ern gesungen.
In der Version von Bruce Springsteen klingt für mich wieder der Gospelton an. Ein bisschen so, wie er in seiner Autobiographie erzählt: Von dem Tag, als er nach Jahren in die Stadt seiner Kindheit zurückkam: „Als ich so im Schatten des Kirchturms stand und den alten Seelen meines Baumes und meiner Stadt nachspürte, fielen mir alte Gebetsworte wieder ein. (fade in) (0:47)

 

Musik 3 We shall overcome instr

 

Vater unser in Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser täglich Brot gibt uns heute. Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen…uns alle, für alle Zeiten. Amen.

 

Diese Worte umfassen für mich auch die uneingelösten Verheißungen des Liedes: „We shall live in peace“: Friede für Mensch und die ganze Schöpfung. Das ist doch das Beste, wofür man beten kann und da sein mit seiner Kraft.

 

Musik 4 we shall overcome 

 

 

Musik 1-4 “we shall overcome” track 10 aus CD 2 Bruce Springsteen, Live in Dublin  Sony Music  EAN  8 8697- 09582-2     LC 02523

Insgesamt 2:40 min

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33480
11JUL2021
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2021 sind bis jetzt mehr Kinder geboren worden als in den Jahren zuvor. Ich finde das schön. Und ich wünsche allen Mamas und Papas, dass sie sich immer wieder freuen können an ihren Kindern. Und dass die Nerven halten, wenn es arg anstrengend wird mit den Kindern.

Vermutlich fragen sich Eltern jetzt auch: Sollen wir unser Kind taufen lassen? Es ist ja wieder möglich. Oder greife ich damit zu stark ein in die Selbstbestimmung meines Kindes?

Ich finde nicht. Klar wird ein Kind durch die Taufe Kirchenmitglied. Aber diese Bindung ist keine Fessel. Sondern eine Verbindung. Und wir leben von und in Verbindungen. Ohne verkümmern wir.

Die Verbindungen, die man mit der Taufe bekommen kann, sind kostbar. Ein Geschenk des Himmels sollen sie sein für Täuflinge und alle Beteiligten.

Heute geht es in den evangelischen Kirchen um dieses Geschenk. Auf den Punkt gebracht wird es in einem menschenfreundlichen Wort von Jesus:

„Tauft Menschen. Ladet sie ein, meine Schülerinnen und Schüler zu werden. Werdet Menschenfreunde, wie ich es auch bin. Und seid gewiss. Ich bin bei Euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“

Ich verstehe, wenn Ihnen diese Worte etwas vollmundig vorkommen. Es ist nicht leicht, ganz davon überzeugt zu sein. Matthäus hat in der Bibel erzählt, das ging auch denen schon so, die diese Worte damals als Erste gehört haben. „Einige hatten Zweifel“, hat er festgehalten.

Man soll sich auf etwas verlassen, was man nicht sehen kann. Auf Gott. Dass ER da ist und einen begleitet. Und das Kind, das man taufen lässt. Dass ER es begleitet in alle Erfahrungen, auch Gefahren, die das Leben bringt.

Zwei Gedanken dazu: Ich finde, es ist auch gut, wenn man von diesem Vertrauen in Gott vielleicht nur ein Stück fassen kann. Ich glaube, kein Mensch vertraut zu 100 %. Dass Gott mich begleitet in allem, auch über den Tod hinaus, das kann auch wackeln oder nur noch glimmen. Aber besser man hält ein Stück Vertrauen fest. Als es aufzugeben.

Und noch etwas: Eine Taufe ist keine Versicherung. Sie macht ein Kind, das getauft wird, nicht unverletzlich.
Das kann man ja an Jesus sehen. Der war selbst verletzlich und er hatte ein offenes Herz für Menschen und deren Verletzbarkeit. Die Taufe soll uns Menschen nicht abhärten, sondern uns herzlich machen. Menschenfreundlicher. Für so einen Lebensweg gilt das Wort von Jesus: „Ich bin immer bei Euch, bis zum Ende der Welt.“ Ich finde, diese Verbindung kann man eingehen. Auch für Kinder.

Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen evangelische Kirche

 

Bibeltext:  Mt. 28,16-20

 

16Die elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte.17Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Aber einige hatten auch Zweifel.

18Jesus kam zu ihnen und sagte: »Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde.19Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! 20Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss:
Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

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03JUL2021
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„Einer wird den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen.“ Nein, es geht hier nicht um den in diesen Tagen so lauten Fußball. Hier spricht eine sehr leise Stimme des Lebens. Und zugleich geht es in diesem Satz um etwas viel Größeres als Fußball. Um den Erdball als Ganzes, der zum Spielball von furchtbar Spielenden geworden ist. Aber: „Einer wird den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen.“

So beginnt ein Gedicht von Nelly Sachs. Leise, bittend, trotz allem wieder hoffend, visionär. So höre ich diesen Anfang.

Nelly Sachs war eine deutsche Dichterin jüdischen Glaubens. Aus dem Exil in Schweden hat sie versucht, ihre Stimme, die Stimme der Gedichte wieder hören zu lassen. Wie sie finde ich: Es wäre ein furchtbarer Verlust, wenn sie nicht mehr gehört würde: Die Stimme von Poesie und Gedichten. Diese zarten Gewebe aus Worten, die nicht auftrumpfen, sondern leise um unsere Aufmerksamkeit bitten. Gedichte, für die man Zeit braucht, weil sie nicht laut mit der Verständnistür ins Haus fallen. Einem Gedicht muss man sich öffnen: seinen Geist und sein Herz, sein Leben.

„Einer wird den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen.“ Wenn ich mich diesem Satz öffne, öffne ich mich auch G_TT. ER ist der Eine. Nahezu unglaublich, dass eine jüdische Stimme wenige Jahre nach der Shoah so sprechen konnte. Andere konnten das nicht mehr. Manche hielten Nelly Sachs darum schon damals für „aus der Zeit gefallen, altmodisch“. Ich glaube eher, Stimmen wie ihre dürfen nicht verstummen.

Denn ich frage: Ist diese Diagnose aus der Zeit gefallen, dass die Mächtigen furchtbar mit dem Erdball spielen? Und ich gehöre ja auch zu denen, die ihm mitspielen. Oder ist es aus der Zeit gefallen, wenn sie Hoffnung in ihrem Gedicht auf Frieden setzt:
„Hier ist Amen zu sagen
diese Krönung der Worte
die ins Verborgene zieht

und Frieden
du großes Augenlid das alle Unruhe
verschließt mit deinem himmlischen Wimpernkranz.
Du leiseste aller Geburten.“

Nelly Sachs bittet mich mit der leisen Stimme der Dichterin, Amen zu sagen zum Frieden. Also JA. Anstatt furchtbar mitzuspielen.

Ja, vielleicht können Sie und ich ja auch einer oder eine sein, die den furchtbar Spielenden den Ball aus der Hand nehmen. Zumindest hier und da. Und damit G_TT etwas zur Hand gehen. Es wird wohl nicht morgen gelingen, der Erde Frieden zu gönnen. Aber aufhören, selbst furchtbar zu spielen, das müsste gehen. Und stattdessen der Erde Frieden zu gönnen. Ich glaube, darum dürfen Stimmen wie diese von Nelly Sachs nicht verstummen.

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02JUL2021
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„Am Ende zählen die starken Geschichten.“ Dieses kluge Wort hat Steven Spielberg gesagt. Der Regisseur von ET und „Schindlers Liste“. „Am Ende zählen die starken Geschichten.“

Sein Vertrauen in die Lebenskraft von Geschichten kommt - so glaube ich – auch aus Spielbergs jüdischen Wurzeln.

Das Judentum und seine Religion leben aus erzähltem Leben und gelebtem Glauben. Allen voran die Geschichte von der Befreiung aus der Sklaverei mit Mose als Leader. Oder auch die großen Familiengeschichten von Abraham, Isaak und Jakob.

Wer stattdessen das Judentum als „Verbots- und Staatsreligion“ konnotiert, der hat entweder keine Ahnung oder schlimmer: Er hantiert mit antisemitischen und antijüdischen Ressentiments. Vor kurzem hat ein deutsches Wirtschaftsinstitut das getan in einer großen Zeitungsanzeige: Darauf Annalena Baerbock; dargestellt wie der biblische Mose mit zwei Gesetzestafeln in Händen.

Am Ende zählen die starken Geschichten. Die guten, hoffe ich. Ich möchte darum eine kleine, starke Geschichte aus der Hebräischen Bibel in Erinnerung rufen. Die von Jona. Jona wusste, was er tun sollte. Was not-wendig wäre. Er wusste sogar, dieser Ruf des Lebens ist von G_TT und eigentlich unhintergehbar.

Jona sollte den Menschen in Ninive, der Metropole seiner Zeit, deutlich sagen, dass sie ihre Lebensart ins Chaos führen wird.

Aber Jona hat den Ruf des Lebens bewusst ignoriert. Er ist geflohen, hat versucht, Gott zu hintergehen.

Die Novelle in der Bibel erzählt dann aber zuversichtlich weiter. Sie „glaubt“: auf Dauer ist es keine Möglichkeit, dem Gewissen auszuweichen. Wenn man es gehört hat. Sie und ich wissen vermutlich, wir Menschen sind trotzdem dazu in der Lage, Fluchtwege zu leben. Uns Lebenslügen zu basteln, die es erlauben, das Richtige zu meiden. Wider besseres Wissen.

Vermutlich brauchen wir darum starke Geschichten. Die erinnern. Den Ruf des Lebens zu hintergehen, ist eigentlich eine unmögliche Möglichkeit. Eine die krank machen kann. Oder schuldig.

Am Ende zählen die starken Geschichten. Weil sie helfen können - mit Gottes Hilfe - umzukehren auf gute Wege.

Jona, so erzählt die Geschichte aus der Hebräischen Bibel, ist nach Ninive gegangen. Und hat dort erlebt, dass sogar eine ganze Gesellschaft verbesserlich ist. Die Menschen haben gehört, was er sagen musste, sie haben die Zeichen der Zeit erkannt und sich geändert.

Viele Geschichten der Hebräischen Bibel halten uns Menschen für verbesserlich. Und der Gott, von dem sie erzählen, glaubt an uns.

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