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21DEZ2019
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Wenn die Enkelkinder meine Stimme hören, sind sie immer ganz aufgedreht. Leider können wir uns selten sehen, die meiste Zeit können wir nur am Computer miteinander skypen. „Oma-Oma-Oma“ ruft die Kleine dann und winkt mir über den Bildschirm zu und strahlt - und der Große rennt und holt die Spielsachen, die er gebaut hat, und die ich unbedingt bewundern muss. Ach, das sind schöne Momente, und auch betrübliche. Wie gerne würde ich die Kinder in die Arme nehmen. Wie gerne wäre ich näher bei ihnen. Sie fehlen mir. Aber wir sind wenigstens über den Bildschirm in Kontakt. Dann freue ich mich und sie freuen sich, und ein schönes warmes Gefühl zwischen uns fließt hin und her.

An diese schönen Momente denke ich bei den Bibelworten, die heute in der katholischen Kirche gelesen werden. Da heißt es im Buch des Propheten Zefanja: Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich über dich und jubelt über dich, er schweigt in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag. (Zef 3,17)

Und ich stelle mir das einmal genauso vor wie mit den Kindern – ich stelle mir vor, soweit ich mir das vorstellen kann: wie Gott sich freut und seine Menschen anschaut und die Arme ausbreitet. Wie die Liebe zwischen ihnen hin und her fließt. Gott freut sich über die Menschen, er jubelt und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag – sagt der Prophet. Gott interessiert sich für die Menschen und möchte jeden in seine Arme schließen. Jeden einzelnen! Das ist eine riesige Zusage! Es ist kaum zu fassen, so groß ist das. Es ist ja auch kaum zu fassen, dass Gott sich über mich freut. Ich weiß doch selbst, wie wenig vollkommen ich bin. Aber bei Zefanja sieht es so aus, als spiele das keine Rolle. Für Gott ist das nicht wichtig. Er scheint keine perfekten Menschen zu suchen, sondern liebt einfach jeden und jede, so wie er oder sie sind.

Wenn ich es genau überlege: bei meinen Enkelkindern geht es mir ja auch so. Sie dürfen sein, wie sie sind. Ich habe sie lieb! Wie viel mehr ist das bei Gott – der uns kennt und genau deshalb liebhat. Ja, das Wort gilt für jeden: Gott freut sich und jubelt über dich…wie man frohlockt an einem Festtag!

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20DEZ2019
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An Gott glauben, das ist für manche ganz normal. Für mich ist es so wichtig wie atmen und essen. Es gehört dazu, ich kann gar nicht anders. Andere sehen das anders. Sie glauben nicht an Gott und finden das ganz normal. Sie vermissen nichts. Und das sagen sie auch laut. Bin ich froh, in einem Land leben zu dürfen, in dem Glauben Privatsache ist! Niemand kann hier mit Gewalt gezwungen werden, einen anderen Glauben anzunehmen oder überhaupt glauben zu müssen. Das Grundgesetz ist da eindeutig und klar.

Der englische Schriftsteller Julian Barnes hat ein erstaunliches Wort zum Glauben geschrieben: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Das ist ein starkes Wort. Und irgendwie schwierig. Wenn er nicht glaubt, kann er doch gar nichts vermissen. Oder was vermisst er? Vielleicht würde er gerne glauben, kann es aber nicht? Weil er eine leise Idee davon hat, dass Glauben hilfreich sein könnte?  Weil ein glaubender Mensch bei Gott ein Ohr für seine Klagen und Fragen findet? Vielleicht ist es doch nicht so egal, ob ein Mensch an Gott glaubt oder nicht? Ich weiß es nicht wirklich, kann nur das beschreiben, was ich höre, sehe, selbst erlebe. Und da sehe ich oft einen Unterschied zwischen Menschen, die an Gott glauben, und denen, die nicht glauben. Der Unterschied hat mit Hoffnung zu tun. Glauben bedeutet, zu hoffen, dass das Leben sich lohnt. Dass Gott dem Leben Sinn gibt. Ich höre oft den Satz: „Ohne meinen Glauben hätte ich diese Situation gar nicht bestehen können.“ Dann beschreiben sie mir, dass sie sich getragen fühlen.  Auch wenn es gerade mal nicht so gut läuft. Auch wenn die Nachrichten bedrückend sind. Durch den Glauben können irdische Dinge an Wichtigkeit verlieren. Dadurch wird manches leichter.  

Und noch etwas ist mir wichtig: Mit Gott kann ich auch streiten. Kann ihn verantwortlich machen. Er hält meine Fragen und meine Klagen aus. Und ich kann ihm auch sagen, dass ich manchmal an ihm zweifle. Mir gibt das enorme Kraft. Und deshalb möchte ich Gott in meinem Leben nicht vermissen!

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19DEZ2019
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Also ich freue mich auf Weihnachten! Und bin, wie jedes Jahr, wieder nicht ganz fertig mit den Vorbereitungen. In diesen letzten Adventstagen fällt mir immer noch was ein: Was sollte ich noch einkaufen? Ist an alles gedacht? Und wo werde ich die Gottesdienste besuchen? So werde ich doch noch ein wenig aufgeregt. Aber ein bisschen Aufregung gehört für mich zu jedem Fest. Ich nenne das „Vorfreude“.

Allerdings beschreiben viele diese letzten Adventstage bis zum Heiligen Abend und den Weihnachtstagen eher als mega-stressig. „Ich wollte, der ganze Spuk wäre schon vorbei“ habe ich nicht nur einmal gehört. „Der ganze Spuk“ – dieses Wort tut mir fast weh. Für mich ist das ganz anders, ich erlebe Advent und Weihnachten als einen Weg in die Tiefe: Weil Gott die Welt retten möchte, wird Jesus als Mensch geboren. Damit wir Menschen von Jesus lernen, friedlicher und menschlicher zu werden. „Wo die Güte und die Liebe wohnt, da ist Gott“ formuliert dies ein altes Lied. Deshalb feiern die Christen Weihnachten, und deshalb haben sich in unseren Breiten eine Menge Rituale entwickelt, um Güte und Liebe zu erfahren: Geschenke machen, miteinander etwas Besonderes essen, sich besuchen. Diese Rituale gehören zu den Traditionen, denen sich viele Menschen kaum entziehen können. Den einen gefällt das, andere leiden darunter. Denn viele der Traditionen rund um Weihnachten sind aufgeladen mit Sehnsucht. Oft ist es die Sehnsucht nach einem heilen Familienleben, wie es möglicherweise früher einmal war, oder endlich werden sollte. Aber Traditionen allein können diese Sehnsucht nicht stillen. Und so gibt es in manchen Familien doch eher Frust, Streit und Enttäuschungen -  ausgerechnet an Weihnachten.

Deshalb habe ich in diesen letzten Tagen vor Weihnachten tatsächlich einen Weihnachtswunsch: ganz persönlich wünsche ich mir und meinen Lieben, dass wir Gott nicht aus den Augen verlieren, dass wir Maß halten bei allem. Dass wir so gut es geht in Güte und Liebe zusammen sein können. Das wünsche ich auch allen anderen Menschen. Ob mit oder ohne Gott: in Güte und Liebe zusammen sein, das ist das Beste, was geschehen kann! Ich weiß, das bleibt für manche ein Traum. Und doch wünsche ich es allen!

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06JUL2019
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Glauben ist in! Wer das nicht glaubt, muss nur mal in den Buchhandlungen gucken. Die Regale mit spirituellen Büchern sind voll. Denn Spirituelles ist hochaktuell.

Anscheinend sucht das menschliche Herz etwas, an das es glauben kann. Etwas, was größer ist als der Mensch selbst. Eine Welt, die sich vor allem um Ansehen, Geld und immer neue Erlebnisse dreht, ist nicht genug. Und das spüren auch heute viele Menschen. Für diese Sehnsucht waren allerdings über Jahrhunderte die großen Religionen zuständig. Aber das scheint vorbei zu sein. Die beiden christlichen Kirchen hierzulande verlieren schon lange immer mehr Mitglieder. Auf Seiten der Kirchen haben vor allem Macht und Missbrauch massiven Schaden angerichtet. Die große frohe Botschaft ist dabei nicht selten unter die Räder gekommen. Die Kirche, die doch den Menschen von Gottes heilender Kraft künden soll, hat viel von ihrer Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Eine Frau, die gerne Mitglied der katholischen Kirche ist, sagte dazu sehr unglücklich: Wir haben doch so viel zu bieten mit unserem Glauben. Warum hören das nur noch wenige?

Ja, das ist eine berechtigte Frage. Ich habe darauf keine einfache Antwort. Ich bin ja genauso betrübt darüber, dass die frohe Botschaft Gottes so wenig attraktiv geworden ist. Und überlege: Was hat Jesus gemacht – wie hat er seine Nachfolger gefunden? Er hat den Zuhörern von der Hoffnung gesprochen, die von Gott ausgeht. Deshalb halte ich mich an das Bibel-Wort: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die Euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).

Darauf kommt es an. Ob ich etwas davon sagen kann, wie sich mein Leben durch den Glauben verändert. Ob ich durch meinen Glauben zuversichtlicher bin. Und mutiger. Ob ich dem Leben mehr trauen kann. Davon sollten Christen erzählen – das sollten andere bei uns erfahren. So sage ich es dieser Frau und ermutige sie: „Sprechen sie von Ihrem Glauben. Sprechen Sie davon, wie der Glaube ihr Leben bereichert. Und was er Ihnen gibt.“

Dann können andere für sich entscheiden, ob sie das hören möchten. Ob sie es vielleicht sogar kennenlernen möchten. Und ob die frohe Botschaft Gottes auch für sie wichtig sein könnte.

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05JUL2019
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Oh je! Das neue Baby in der Familie weint verzweifelt. Der Hunger ist so groß! Und die Mama scheint Lichtjahre entfernt – jedenfalls für ein kleines hungriges Baby. Aber jetzt: Mit einem letzten Aufschluchzen schmiegt es sich an die Brust seiner Mutter und darf endlich trinken. Alles ist wieder gut! Aber jeder weiß: das hält nicht lange. Dann ist das Baby wieder hungrig. Und alles geht von vorne los.

Gerührt sehe ich zu. Ach, diese winzigen Kinder! Bei uns Erwachsenen ist es allerdings nicht viel anders. Vernünftige Menschen schreien nur nicht so laut. Wir werden hungrig und satt und wieder hungrig. Und jeder weiß: nicht nur der Magen, auch die menschliche Seele hungert und dürstet: nach mehr, nach Liebe, nach Anerkennung, nach Sinn. Wir Menschen tragen unendlich viele Wünsche in uns. Glaubende verstehen dies als Sehnsucht nach Gott. Das Irdische ist oft sehr schön – aber es sättigt nicht genug. Erst bei Gott findet die Seele Ruhe. „Meine Seele dürstet nach Gott wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser“, so sagt es der Psalm 143.

Entscheidend ist, ob ich mich der Frage stelle: Was brauche ich wirklich? Was erfüllt mich? Es ist ja kein Geheimnis: da wird uns viel angeboten und vorgeschwärmt, was erfüllend sein soll. Eine neue Beziehung, Reisen, immer noch mehr gutes Essen – alles schön und gut, aber nichts davon stillt den tiefen Hunger nach Sinn in meinem Leben. Persönlich finde ich diesen Sinn in meinem Glauben an Gott, und vor allem in der Beziehung zu Gott. Darin werde ich von Gott genährt. Ich hoffe und glaube, dass er mich im Blick hat, mich liebt und begleitet.   

Einen Haken gibt es aber doch: Auch die Gottesbeziehung ist nichts, was man ein für allemal erreichen kann. Manchmal kann ich Gott lieben mit heißem Herzen und ihm ganz nah zu sein, zu anderen Zeiten suche ich ihn scheinbar vergeblich. Da heißt es dranbleiben und üben: Bibel lesen, Beten, Gottesdienste besuchen. Am besten zusammen mit anderen, die auf einem ähnlichen Weg sind. Die auch mit Gott leben wollen. Gemeinsam geht es besonders gut. Denn der Hunger nach Leben hat eine gemeinsame Richtung. Das verbindet! Und nährt auch.

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04JUL2019
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Eine falsche Bewegung, eine unglückliche Drehung, ein Sturz – und es war geschehen. Der Fuß war gebrochen. Das hatte gerade noch gefehlt. Und so kam es, dass ich vor einigen Wochen mit dem Gipsfuß auf dem Sofa liegen musste und mir selbst kaum helfen konnte. Das war echt ätzend. Wie gut, dass sich einige Familienmitglieder kümmern konnten. Sie haben mich soweit versorgt, dass ich notdürftig irgendwie zurechtkam. Aber eben wirklich nur notdürftig. Körperpflege und Essen zubereiten waren Kraftakte. Aber Einkaufen, aufräumen, Müll entsorgen – das ging alles gar nicht. Für fast alles musste ich jemanden um Hilfe bitten. Das war für mich gar nicht so einfach. Denn normalerweise bin ich eine sehr selbständige Frau. Ich sorge für mich selbst und regle mein Leben alleine. Nun musste ich lernen, andere um Hilfe zu bitten. Und ich musste lernen, mir helfen zu lassen.

Ich gebe zu: Ich fand es schwer, dermaßen hilflos zu sein. Meine Tochter hat mir aber ziemlich den Kopf gewaschen: Wenn ich mir nicht helfen lasse, und dann vielleicht doch nicht zurechtkomme, mache ich ihr mehr Arbeit. Und das geht gar nicht. Das kann sie nicht leisten.

Also habe ich geübt. Geübt, mir helfen zu lassen. Andere machen lassen. Die waren dabei erstaunlich fröhlich, wenn sie mir helfen konnten! Und - Überraschung: es gab eine ganze Reihe von schönen Erlebnissen, die ich dem Gipsfuß verdanke. Ab und zu kam ganz spontan jemand vorbei zu einer kleinen Unterhaltung. Einmal hat ein Taxifahrer erst mich zur Haustür begleitet und dann noch meine Mülltonnen auf die Straße gestellt. Freundinnen haben unseren Gesprächskreis kurzerhand einfach in meine Wohnung verlegt, damit ich dabei sein konnte. Und wie schön schien die Sonne beim ersten Kakao im Straßencafé vor der Arztpraxis.

Natürlich bin ich froh, dass diese ganze Episode überwiegend ausgestanden ist. Ich kann wieder gehen und für mich selbst sorgen. Die Schmerzen im Fuß aber erinnern mich an eine wichtige Erfahrung: dass ich dringend weiter üben muss, mir helfen zu lassen. Fürs Alter und all das, was es mir und anderen womöglich noch abverlangt.

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GUCKT EUCH MAL AN! , fordert die Postkarte auf, und ein großes hellblaues Auge guckt mich wirklich an. Oh, was ist das? Warum soll ich mich angucken? Es steht auf der Rückseite: „Guckt euch mal an – und findet euch gut!“

Das ist eine super Idee! Guckt euch mal an – und findet euch gut! Denn wer steht nicht mal vor dem Spiegel und findet sich gar nicht gut? Die Haare sitzen nicht, steht mir diese Farbe wirklich?, und ein paar Pfunde sind auch zu viel. Ab und zu kritisch mit sich umgehen ist normal. Aber es gibt leider viele, da ist das überhaupt nicht mehr normal, sondern ein richtiges Problem. Die sind nicht im Geringsten zufrieden mit ihrem Aussehen. Fühlen sich falsch, zu dick, zu dünn, zu blass oder zu dunkel. Vergleichen sich ständig. Und dann fangen sie an, ihren Körper zu optimieren, bis sie krank werden – und werden doch nicht zufrieden.

„Body-shaming“ nennt das die junge Generation heute. Sich für seinen Körper schämen. Das tun leider viel zu viele. Vor allem Frauen. Der Körper wird immer mehr zum Feind, für den man sich schämt und der bekämpft werden muss. Mit fürchterlichen Folgen. Body-shaming geht aber auch anders herum: wenn andere für ihr Aussehen beschämt werden. Das ist unter den Jüngeren sehr weit verbreitet, vor allem im Internet. Was gut aussieht oder wie der Körper zu sein hat, bestimmen andere, teilweise nach völlig absurden Kriterien. Sie nehmen sich das Recht heraus, andere Personen nach ihrem Aussehen zu beurteilen, vor allem abzuurteilen. Als ob es nur das Aussehen wäre, das einen Menschen ausmacht. 

Body-shaming ist ein Problem! Ein großes Problem.

Und deshalb gefällt mir die Kampagne auf der Postkarte so gut. Da werden wir aufgefordert: Guckt euch mal an – und findet euch gut! Jawohl. Ich will es versuchen. Das ist doch ein super Motto für den ganzen Tag.

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„Sie ist eine Gute“, sagt der dick eingepackte Mann und drückt einer Frau mit roter Jacke einen Kuss ins Haar. Er ist deutlich gezeichnet von Jahrzehnten in Kälte und Armut, vom Alkohol. Die „Gute“ ist Ärztin und freut sich über diese Begrüßung. Gerade ist sie aus dem Arztmobil gestiegen. Viele der Obdachlosen auf dem Hamburger Kiez umringen sie.  Der Ton dort ist rau. Alles ist schmutzig und schäbig. Eine eigene Welt mit ganz eigenen Regeln. Das ganze Elend aber scheint die Ärztin nicht zu stören. Ruhig und bestimmt geht sie auf die einzelnen zu, spricht sie mit Namen an. Fragt nach Beschwerden und Schmerzen. Teilt Medikamente aus. Versucht es mit Empfehlungen: es wäre doch besser, ins Winternotquartier zu gehen. Die meisten schütteln den Kopf. Auf keinen Fall! Sie wollen hierbleiben. Aber für die Obdachlosen ist das Kiez, die Straße, sind die Lumpenlager ihre Heimat.

Das ist oft schwer zu verstehen, sagt die Ärztin, aber jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Entscheidung. Auch wenn die Entscheidung vielleicht unlogisch oder unsinnig zu sein scheint. Aber jeder Mensch hat auch ein Recht auf Hilfe. Und deshalb kommt sie jede Woche mit dem Arztmobil, bietet Hilfe an. Zusammen mit ihrem Team untersucht sie Kranke, verbindet Wunden und tröstet, gibt neue Strümpfe aus oder Tabletten. Sie weiß, dass das oft nur für kurze Zeit hilft. Weil mancher der Kranken eigentlich im Krankenhaus behandelt werden müsste. Wenn der das aber nicht will, dann lässt sie ihn ziehen. Sie respektiert alle. Und das ist wirklich erstaunlich: sie macht keine Vorwürfe, urteilt nicht, spricht nicht von oben herab, sondern bleibt ruhig, freundlich und zugewandt. „Es ist eine gute Arbeit“ sagt sie. „Ich sehe ja, dass das sinnvoll ist, was wir tun. Hier können wir den Ärmsten helfen mit ganz einfachen Mitteln. Und weil das jemand tun muss, tun wir es.“

In vielen Städten gibt es solche Ärztinnen und Ärzte mit ihren Teams, die sich für Obdachlose einsetzen. Ich habe größten Respekt vor allen, die das aus tiefster Überzeugung tun.

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Heute in genau neun Monaten ist Weihnachten. Aber wer denkt denn heute an Weihnachten, mitten im Frühling, mitten in der Fastenzeit? Wie absurd. Es geht doch auf Ostern zu! Aber – eine Schwangerschaft dauert eben neun Monate, und darum geht es. Heute wird in der katholischen Kirche die „Verkündigung des Herrn“ gefeiert. Das bedeutet: Wie eine junge Frau namens Maria erfährt, dass sie auf wundersame Weise schwanger werden und ein Kind zur Welt bringen soll. Ein Engel verkündigt ihr diese Botschaft. Denn es handelt sich um ein besonderes Kind. Dieses Kind wird als Erwachsener eine große Rolle spielen. Es ist der Heiland der Welt, Gottes Sohn Jesus. Wie soll denn das alles zustande kommen, fragt die junge Frau bange? Der Engel beruhigt sie. „Fürchte dich nicht. Gott hat dich ausgewählt. Er ist mit dir. Du wirst die Kraft des Heiligen Geistes erfahren“. Und tatsächlich, neun Monate später kommt das Kind zur Welt. Und mit seiner Geburt, die an Weihnachten gefeiert wird, beginnt eine große Geschichte, die die Christen bis heute bewegt: Die Geschichte des Jesus von Nazaret. Große Geschichten aber werden gerne von Anfang an erzählt. Und deshalb gibt es neun Monate zuvor dieses Fest der Verkündigung. Die große Geschichte des Jesus von Nazaret beginnt mit seiner Empfängnis und der darauffolgenden Schwangerschaft.

Niemand weiß, wann und wie es sich wirklich zugetragen hat. Es bleibt ein Geheimnis. Doch der Evangelist Lukas, der diese Geschichte erzählt, findet für diesen besonderen Anfang wunderbare Bilder: Einen mächtigen Engel, eine überraschte junge Frau, eine geheimnisvolle Situation. Und das wunderbare Bild von der jungen Frau und dem Engel hilft, dieses Geheimnis besser zu verstehen: Gott will den Menschen einen Retter schicken, der vom Himmel kommt und doch Mensch ist wie sie, von Anfang an. Dieser Retter ist so menschlich, dass er wie alle anderen Menschen auch Eltern braucht, vor allem eine Mutter, die ihn zur Welt bringt.

Deshalb beginnt die Geschichte des Jesus von Nazaret mit einer überraschten jungen Frau. Und mit ihrem Ja zu Gottes Plan - ohne zu zögern.

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Guten Morgen zum ersten Werktag im neuen Jahr!

Alles ist noch frisch und unverbraucht. Das neue Jahr steht vor uns wie eine große Wundertüte. Was ist da wohl drin? Diese Frage beantworten nicht wir.  Eine andere Frage kann ich sehr wohl beantworten:  Was möchte ich selbst für dieses Jahr und für das Leben tun? Da gibt’s natürlich viel Privates, für die Gesundheit, für die Familie. Keine Frage, das sind wichtige Aufgaben. Aber das wäre zu wenig. Ich lebe ja nicht nur das private Leben, sondern ich lebe in einem Ort, einem Staat, einem Land, und auf dieser Erde. Was immer ich tue, hat Auswirkungen auf andere. Für mich als Christin gibt es ein Thema von großer Bedeutung: mich interessieren und einsetzen, und zwar menschlich, ökologisch, politisch!

Das alles hat Jesus vorgemacht. Er hat seinen Anhängern deutliche Aufträge gegeben. Er war dabei nicht zimperlich, sondern deutlich: Ihr sollt Gott, den Nächsten und euch selbst  lieben, das zuerst. Und deshalb sollt ihr Frieden schaffen – Euch um Arme kümmern – für Gerechtigkeit sorgen.  Wer Christ ist, soll und muss mitarbeiten an einer besseren Welt. Weil Gott alle liebt. Egal woher sie kommen und wie sie leben. Deshalb setzen sich viele aus ihrer christlichen Haltung heraus direkt für Flüchtlinge ein. Oder für Obdachlose. Oder für andere, die Hilfe brauchen. Oder sie werden politisch aktiv und versuchen, Einfluss zu nehmen. Für die Demokratie, für Menschenrechte.

Die Welt, die Natur und die Menschen – alles und alle brauchen Leute, die Partei für sie ergreifen. Es sind natürlich nicht nur Christen, die dies tun. Aber Christen haben dazu einen deutlichen Auftrag von Jesus selbst: Es ist Gottes Welt. Helft mit, dass sie eine menschliche Welt wird und bleibt.

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