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15SEP2021
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Sintflutartig hat es Ende Juli in Rheinlandpfalz und in Nordrheinwestfalen geregnet. Fast 200 Menschen sind gestorben. Viele haben alles verloren. Was mich bis heute bewegt, ist die große Anteilnahme und Hilfsbereitschaft unter den Menschen. Wie mutig viele geholfen haben. Zum Beispiel der Inhaber einer Tiefbaufirma.

Damals droht in der Nähe von Euskirchen eine Talsperre durchzubrechen. Der Ablauf ist verstopft, und die Staumauer kann dem Wasserdruck kaum mehr standhalten. In dieser Situation setzt sich der Mann in seinen Bagger und fährt los.

Was er später den Medien dazu sagt: „Der Herrgott hat mich genau an diese Stelle gestellt. Da habe ich mir meinen Rosenkranz geschnappt, habe mich gesegnet und bin losgefahren. Ich habe darauf vertraut, dass der Damm hält!“

Der Mann hat sich selbst gesegnet. Mit dem Segen, den Gott den Menschen schon in der Bibel geschenkt hat. Und Gottes Segen ist zum Weitergeben gedacht. Genau so hat es der Baggerfahrer gemacht.

Es ist allen klar gewesen, dass der Wasserdruck auf die übervolle Talsperre gesenkt werden musste. Was sie aber auch alle gewusst haben: Wer auch immer auf der Rückseite des Damms in sechs Meter Tiefe den Abfluss von Schutt und Geröll befreit, wird sich in Lebensgefahr begeben. Aber der Damm hat gehalten. Und nach vielen Stunden schwerer Baggerarbeit war der Abfluss freigeräumt. Der Wasserdruck der Talsperre konnte wieder reguliert werden. Was für ein Segen!

Nicht jeder hätte das eigene Leben aufs Spiel gesetzt. Aber der Tiefbauer hat es gemacht. Er hat auf Gott vertraut, sich selbst gesegnet und ist losgefahren. Durch seine furchtlose Aktion ist er für Hunderte von Menschen in der Region zum Segen geworden. So wie Gott in biblischer Zeit zu Abraham gesagt hat: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (Genesis 12,3) 

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14SEP2021
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Abends im Fitnessstudio vor einem Yogakurs. Eine kleine Gruppe spricht über die Einschränkungen von Corona. Eine klagt über ihren Verdienstausfall.
Ein zweiter schimpft über die vermeintliche Willkür der Pandemie-Maßnahmen.
Und alle streiten über die Impfungen.

„Stop!“, ruft schließlich die Trainerin. „Wir werden das Problem hier und heute nicht lösen. Aber wenn wir Masken tragen, Abstand halten und gegenseitig Rücksicht nehmen, dann schaffen wir das gemeinsam!“ Die Streithälse beruhigen sich und der Kurs kann beginnen.

Ich bin beeindruckt von den klaren Worten der Trainerin und denke: Genau darum geht’s: um gegenseitige Rücksichtnahme. Wir müssen uns gegenseitig respektieren und aufeinander achten in der Pandemie. Auch und gerade, wenn wir verschiedener Meinung sind.

Jesus hat es so gesagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Diese Aufforderung hat nichts mit romantischen Liebesgefühlen zu tun. Es geht darum, solidarisch zu sein und aufeinander achtzugeben. Gerade in Krisenzeiten. Jesus hat es als das höchste Gebot bezeichnet, um ein friedliches Zusammenleben zu sichern.

Was es für mich heißt: Ich möchte meine Meinung sagen können und mich möglichst sicher auf der Straße, beim Einkaufen und an öffentlichen Orten bewegen. Aber ich achte ebenso darauf, dass andere das auch tun können. Gerade wenn sie krank oder aus anderen Gründen gefährdet sind. Rücksichtnehmen ist keine Einbahnstraße.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieses Gebot hat von seiner Gültigkeit nichts verloren. Schon gar nicht in Zeiten der Pandemie.

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13SEP2021
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Ich habe diesen Sommer einige Wettkämpfe der Olympischen Spiele in Tokio verfolgt. Viele sportliche Leistungen haben mich beeindruckt. Aber hängen geblieben sind andere Geschichten. Es waren Momente, in denen sich Athleten getraut haben über Leistungsdruck, Überforderung und Depressionen zu sprechen.

Die Turnerin Simone Biles aus den USA ist eine von ihnen. Sie ist schon seit einigen Jahren ein weltweit gefeierter Superstar. Weit über zwanzig Medaillen hat die Vierundzwanzigjährige bereits gewonnen. Entsprechend hoch sind die Erwartungen vor Tokio gewesen. Zu hoch.

In den Qualifikationsrunden spürt Simone Biles, dass sie dem Druck nicht länger standhalten kann. Sie verliert das Gespür für Richtung und Balance in der Luft und merkt: Das Verletzungsrisiko ist zu groß. Sie kann nicht mehr. Da entscheidet sie sich für ihre Gesundheit und gegen den Wettkampf. Die Nachricht ist eine Sensation im Sportbetrieb. Man ist es nicht gewohnt, dass da eine so offen über Schwächen und innere Kämpfe spricht.

Bei Simone Biles Erfahrungen denke ich an den Propheten Elia im Alten Testament. Er ist ein Superstar unter den Propheten gewesen. Er hat in einem Wettkampf von Priestern teilgenommen und gegen mehr als vierhundert von ihnen gewonnen. Mit Gottes Hilfe. Aber dann hat sich das Blatt gedreht. Der gefeierte Star wird zum Verfolgten. Auf der Flucht durch die Wüste ist er einsam, müde und erschöpft. Er versteckt sich in einer Höhle. Und er gesteht sich ein: Ich kann nicht mehr! So wie Simone Biles es gesagt hat: Es ist zu viel. Ich kann nicht mehr.

Die Bibel erzählt: In dieser tiefen Krise sagt Gott zu Elia im Traum: Es ist okay schwach zu sein und nicht mehr zu können. Ruh Dich aus, iss und trink und nimm Dir die Zeit, die Du brauchst, und dann geh weiter! Denn deine Gesundheit ist wichtig.

Und genau das haben Simone Biles und andere bei den Olympischen Spielen in Tokio vorgelebt: Siegen ist wunderbar. Aber es geht nicht immer.
Wenn die Kraft nicht reicht, geht Gesundheit vor. Deshalb: Ruh dich aus, nimm dir die Zeit, die du brauchst, und pass gut auf dich auf!

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12SEP2021
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Als Studentin habe ich in einer Wohngemeinschaft in einer unsanierten Altbauwohnung gewohnt. Wenn in unserem Bad das Radio lief, konnte ich mir nicht gleichzeitig die Haare föhnen. Sonst flog die Sicherung raus. Das System war für so viel Stromverbrauch nicht gemacht.

In Zeiten der weltweiten Pandemie muss ich öfter an unseren alten Sicherungskasten denken. Ich finde: Die menschliche Psyche hat ein bisschen was von so einem Sicherungskasten. Auch sie ist beschränkt in dem, was sie verarbeiten kann.

Aber heutzutage prasseln die Informationen über Naturkatastrophen, Pandemien, kriegerische Auseinandersetzungen und menschliche Tragödien weltweit auf die Menschen ein. Die digitalen Medien liefern die Berichte von überall auf der Welt in Echtzeit. Ich merke, wie mein emotionaler Sicherungskasten immer schneller überlastet wird. Meine psychosoziale Hardware ist dafür nicht gemacht. 

Dennoch klingen Ansprüche in meinen Ohren: Wenn du nicht zeitgleich über die Flutkatastrophen und Feuerausbrüche in Europa, über die Taliban in Afghanistan und die Erdbeben in der Karibik informiert bist, bist du ignorant und herzlos. Aber wenn ich alles menschliche Leid an mich heranlasse, fühle ich mich erdrückt und überfordert.

Dann kommt mir der alte Sicherungskasten wieder in den Sinn. Was ich von ihm lerne: Ich kann nicht alles aufnehmen, und ich kann auch nicht überall dabei sein. Meine Aufnahmefähigkeit ist begrenzt. Das ist keine moralische Frage, sondern eine mathematische Tatsache. Sie macht mich demütig und schützt mich vor Größenwahn und Überforderung.

Auch Jesus ist in seiner Zeit von Dorf zu Dorf gegangen und hat nur so viele Menschen angehört, wie er an einem Tag vertragen konnte. Schritt für Schritt und Tag für Tag. So ist er mit seinen Leuten durch Galiläa gezogen. Und manchmal hat er sich auch ganz zurückgezogen und musste für sich alleine sein.

Diesen inneren Schutzraum möchte ich mir auch nehmen. Damit mein emotionaler Sicherungskasten noch eine Weile hält.

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