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03DEZ2021
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Jetzt sind es noch drei Wochen bis Heiligabend. Ich muss noch ziemlich viele Geschenke besorgen, und das macht mir Stress. Wenn ich dann so gar keine Lust auf diese Geschenke-Sucherei habe, denke ich an eine Szene, die ich im Herbst erlebt habe. Da hat jemand was verschenkt, das war einfach perfekt. Dieses Geschenk ist für mich so was wie der Prototyp von Schenken überhaupt. Wenn ich daran denke, weiß ich wieder, warum Schenken ja eigentlich so schön sein kann. Es war so:

An einem goldenen Oktoberwochenende war ich bei Verwandten in Bayern. Wir haben dort den runden Geburtstag meines Onkels gefeiert – und gleichzeitig, dass wir uns alle nach langer Zeit wiedersehen konnten.

Ich war erst ein bisschen skeptisch, wie das werden sollte: wir sind eine große Familie – ein Treffen mit so vielen Leuten, die von überall herkommen. Aber das Wetter war herrlich, und wir konnten fast immer draußen sein.

Und jetzt kommt die Sache mit diesem Geschenk. Das hat Onkel Günther gemacht. Er hat für die Geburtstagsparty am Abend heimlich eine Musikkapelle organisiert. Acht Musiker sind mit ihren Instrumenten in den Garten gekommen und haben richtig Stimmung gemacht. Das Geburtstagskind war begeistert. Die Musiker waren richtige Profis. Auch diejenigen, die sonst Blasmusik eher nicht so mögen, sind voll dabei gewesen und haben irgendwann mitgetanzt.

Während alle fröhlich feiern, suche ich mit den Augen meinen Onkel Günther und entdecke ihn: Er steht abseits von der Menge und strahlt. So, wie nur jemand strahlen kann, der weiß, dass er dem anderen gerade eine Riesenfreude gemacht hat und sich deswegen jetzt mindestens genauso mitfreut. 

Wenn ein Geschenk so gut passt, ist das toll. Das gelingt natürlich nicht immer so. Aber wenn jemand ein bisschen Leichtigkeit in einer ganz schön schwierigen Zeit verschenken kann, ist das so viel. Und genau daran erinnere ich mich selbst, wenn ich rumsuche und nicht weiß, was ich verschenken soll.

Vielleicht kann eine große Kiste selbstgemachter Kekse für die ganze Runde schöner sein als die Kleinigkeit für jeden, die mir so viel Kopfzerbrechen macht. Oder eine nette Aktion zusammen, die einfach Spaß macht. So was kann ich ja auch verschenken.

Egal wie perfekt meine Geschenkideen am Ende sind, hoffentlich kann ich mich mitfreuen und vor allem, meinen Lieben die Freude gönnen.

Das ist mein Geheimrezept fürs Schenken dieses Jahr: was Leichtes schenken, nicht so viel grübeln und vertrauen, dass dann die anderen annehmen können, was ich mir ausgedacht habe. Und es muss ja nicht gleich eine ganze Blaskapelle sein, aber vielleicht einfach ein Zeichen, dass ich an den oder die andere im Herzen gedacht habe.

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02DEZ2021
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Ich habe fast zwanzig Jahre in Ostdeutschland gelebt. Am Anfang habe ich mich dort auf seltsame Art fremd gefühlt, weil vieles so anders war, obwohl wir ja alle die gleiche Sprache sprechen. Und so richtig ‚fassen‘ konnte ich dieses ‚Andere‘ auch nicht.

Zuerst wollte ich das nicht so richtig wahrhaben. Wenn mir was seltsam vorgekommen ist, hab ich das oft beschwichtigt oder weggeschaut. Zum Beispiel bei der Wut, die mir manchmal von Leuten entgegengekommen ist, einfach weil ich Wessi war.

Aber dann habe ich eine Handvoll Leute so richtig kennengelernt, und da ist mir klargeworden: diese Menschen haben so heftige Geschichten hinter sich. Was ich da gehört habe, hat mich manchmal beschämt und manchmal auch einfach zum Staunen gebracht. 

Da ist zum Beispiel Mareike, die Lehrerin. In den 90er-Jahren, direkt nach der Wende, hat es für sie keinen gültigen Lehrplan gegeben und keine passenden Schulbücher mehr. Sie und ihre Kollegen haben sich in Windeseile in die neue Welt eingearbeitet, weil sie ihre Schüler gut aufs Abitur vorbereiten wollten. Eine Welt, die sie selbst noch nicht kannten.

Und Sascha, Mareikes Mann. Er hat eine Firma gegründet, obwohl er keine Ahnung von Kapitalismus hatte – und ist erst mal unter die Räder gekommen.

Meine Nachbarn: dreimal haben sie ihr Arbeitsleben komplett umgekrempelt. Jedes Mal wieder arbeitslos. Jedes Mal von vorn angefangen.

Als ich ihre persönlichen Geschichten gesehen habe, hat das gleich etwas von dieser Fremdheit genommen. Die Menschen sind mir in ihren Geschichten näher gerückt. Und auch wenn mir diese Geschichten fremd waren, ich habe gemerkt: es hilft mir, wenn ich erst mal akzeptiere, dass es so ist. Und mich für das interessiere, was mir da so fremd ist.

So ein Gefühl von: ‚Ich verstehe dich nicht‘ und dass ich mich dem anderen fremd fühle, das gibt es ja öfter. Obwohl Menschen sich eigentlich nahe sein könnten, weil sie miteinander oder nebeneinander leben. Ich denke da zum Beispiel an die Oma, die ihren Enkel nicht mehr versteht. Weil seine Welt eine ganz andere ist als ihre. Oder ich denke an die Muslima im Haus gegenüber, die ich morgens auf dem Weg zur Arbeit immer sehe. Auch wir sind einander fremd, obwohl wir in derselben Straße leben.

Jede und jeder hat seine spezielle Geschichte, die ihn oder sie prägt. Und wenn ich jemanden auch noch so oft sehe, solange ich seine Geschichte des Lebens nicht kenne, weiß ich nicht, was dahinter steckt. Wenn ich das erst einmal sehe und auch akzeptieren kann, wird der Weg frei, die anderen richtig kennenzulernen. Und im besten Fall dabei auch die eine oder andere Freundschaft zu finden.

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01DEZ2021
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Ich stehe im Bastelgeschäft, und die Verkäuferin erklärt mir: „Nee, solche Kerzen hatten wir nie.“ Jetzt bin ich genervt, denn wie jedes Jahr suche ich spätestens Anfang Dezember nach diesen blauen Kerzen mit den silbernen Sternen, die bei uns auf den Adventskranz gehören. Dieses Jahr sind wir umgezogen, und die Geschäfte hier haben solche Kerzen einfach nicht.

Ich könnte sagen: „Egal, dann kommen dieses Jahr eben andere Kerzen auf den Kranz“. Aber das geht nicht. Im Advent sind mir solche Kleinigkeiten wichtig. Weil sie mich an früher erinnern. Aber dass im Advent so vieles so traditionell sein soll, das macht diese Zeit auch anstrengend. Manchmal ist es vom ersten Advent bis Weihnachten ein einziger Wettlauf.

Letztes Jahr war das extrem, sogar an Heiligabend noch. Da waren mein Mann, meine Tochter und ich durchgetaktet bis zum Schluss. Unsere Tochter Lina hat dann bemerkt, dass da irgendwas nicht stimmen kann. Sie hat ironisch gesagt: „Für das Wunder von Weihnachten haben wir erst so gegen 23 Uhr nach der Christmette Zeit. Hoffentlich hält es sich daran“.

Linas Bemerkung hat gesessen. Und sie hat recht. Ich weiß doch eigentlich, was an Weihnachten für mich im Zentrum steht. Nämlich das, was an Weihnachten damals passiert ist. Eben das Weihnachtswunder. Dass da ein Baby unter den widrigsten Umständen auf die Welt gekommen ist. Und dass das etwas mit Gott zu tun hat. Weil Gott mich in diesem Baby anspricht. Und nicht nur in diesem einen Baby, sondern immer, wenn ich einen Menschen wirklich sehe. Und ich dann entdecke, dass da ein Gotteskind vor mir ist. Das ist Weihnachten, dass ich Gott ein bisschen greifen kann. 

Wenn ich jetzt im Advent einigen Stress in Kauf nehme, damit alles so ist, wie es eben sein soll, dann hat das damit zu tun. Die blauen Kerzen mit den silbernen Sternen und die vielen anderen kleinen Traditionen sollen das Fest ja schön machen, sie sind Zeichen für dieses Weihnachtswunder. Sie machen es aber nicht aus. Jedenfalls nicht allein. Und dass ich Gott treffen kann, das ist nicht auf den 24. Dezember terminiert.

Das kann auch passieren, wenn ich überhaupt nicht damit rechne. Zum Beispiel in einem Lächeln in der vollbesetzten Bahn. Oder in einem Gespräch mit einem Kollegen, in dem ich erfahre, wie es ihm wirklich geht.

Hoffentlich verpasse ich es nicht, wenn von Weihnachten schon heute etwas aufblitzt. Das kann auch dort sein, wo nicht alles so ist, wie es schon immer war. Womöglich kann ich etwas von Gott im Menschen sehen, womöglich auch schon heute.

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30NOV2021
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Ein Adventskalender, nicht mit Schokolade oder Spielsachen. Sondern mit selbstgemalten Bildern von Jugendlichen. So einen Adventskalender gibt es an der Schule, an der ich arbeite. Seit gestern hängt er in der Aula, und nach und nach kommen mehr Bilder an die Wand. Alle passen zu einem gleichen adventlichen Thema. Dieses Jahr ist dieses Thema ein ganzes Lied. Es stammt vom Dichter Jochen Klepper und heißt „Die Nacht ist vorgedrungen“. Und das Bild, das heute zum 1. Türchen gehört, ist auf den ersten Blick gar nicht adventlich. Auf einer großen Leinwand ist ein Mensch zu sehen, der schreit. Helle und dunkle Farben stehen im Kontrast nebeneinander. Dieses Bild ist mir unter die Haut gegangen, weil es von einem ganz anderen Advent erzählt. Und genau deswegen passt es zu diesem Lied von Jochen Klepper.

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern.“ Wenn die Nacht „vorgedrungen“ ist, dann ist es kurz vor der Morgendämmerung. Dann liegen viele dunkle Stunden hinter mir, Stunden, in denen ich vielleicht voller Angst war oder mir Sorgen gemacht habe.

Jochen Klepper hat das Lied 1937 geschrieben. Er war Mitglied der SPD und Johanna, seine Frau, war Jüdin. Die beiden werden gedemütigt und ausgegrenzt. Als klar ist, dass es für Kleppers Frau und seine Tochter keine Chance mehr gibt, der Deportation zu entkommen, wählen alle drei den Freitod. Bis dahin muss Jochen Klepper mit sich und Gott gerungen haben. Er muss verzweifelt gewesen sein. Und genau in dieser schlimmen Situation schreibt er seine Zeilen: „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern“. Jochen Klepper kann in seiner tiefen Dunkelheit schon etwas Helles erkennen: „So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch Deine Angst und Pein“.

Ich bin dankbar, dass ich nicht in so einer heftigen Lage bin, wie Jochen Klepper damals war. Dennoch lässt mich das, was er schreibt, auch hoffen. Auf diesen Morgenstern. Er ist für mich ein Bild für die Hoffnung auf Gott. Gerade dann, wenn ich Angst um jemanden habe, zum Beispiel um eine kranke Freundin. Da tut es gut zu hören, dass da, wo alles dunkel scheint, einer ist, der mich auffängt. Dass ich da nicht allein bin. Und meine Freundin auch nicht. Das kann sich anfühlen wie ein erstes Licht am frühen Morgen.

Darin steckt für mich Kraft, und auch das ist für mich Advent.

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29NOV2021
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Ich bin kein Morgenmensch. Als Morgenmuffel würde ich mich jetzt auch nicht bezeichnen, aber ich brauche einfach meine erste halbe Stunde, bis ich so richtig wach bin. Gerade jetzt, wenn es morgens noch so dunkel ist.

Gestern in der Kirche habe ich einen Satz aus der Bibel gehört, der passt genau dazu. Der Satz heißt: „Es ist jetzt Zeit, vom Schlaf aufzustehen!“. Das hört sich nach einem Weckruf an, so nach: „Reib dir den Schlaf aus den Augen, sei wach. Es geht los.“ Gleichzeitig steckt da für mich noch was anderes drin: In dem Moment, kurz nachdem ich wach geworden bin, bin ich noch so ganz unbeeinflusst. Egal, was am Tag passiert, frühmorgens kann ich noch am besten zu mir selbst kommen. Diese paar Minuten ganz am Anfang vom Tag sind für mich besonders. Da bin ich auf andere Art wach, irgendwie auch wach für Gott. Und das kann ich nutzen für das, was mir wichtig ist. Zum Beispiel für ein paar bewusste Momente der Stille oder für ein kurzes Gebet. 

Wenn die Nacht sehr kurz war und ich morgens einfach nur gerädert bin, schaffe ich das nicht immer. Aber wenn es mir gelingt, ist das umso schöner. Auch wenn ich in dieser Zeit alleine mit mir und Gott bin, kann ich da eine besondere Verbundenheit mit anderen fühlen.   

Ich denke heute Morgen zum Beispiel an meine Kollegin, die mit so viel Liebe ihre alte Mutter pflegt. Und mir fällt ein, wie mir meine Freundin so tatkräftig geholfen hat, als ich in einer schwierigen Situation keinen Ausweg gesehen habe. Ich sehe alte Freunde vor mir, die nach wochenlangem Streit und Funkstille wieder miteinander sprechen. Und langsam münden meine Gedanken in ein Gebet.

Wenn ich dann Frühstück richte, geht es oft schnell und ich bin wieder voll im Tagesgeschäft. An manchen Tagen bleibt aber etwas von diesen ersten bewussten Momenten am Morgen. Da begleiten mich diese Wachheit und Verbundenheit durch den Tag. Manchmal kann ich dann offener für das sein, was um mich rum passiert. Ich höre dann, wie müde die Stimme meiner Schwägerin am Telefon klingt oder ich beobachte, wie sich ein kleiner Junge begeistert über die Weihnachtsbeleuchtung in der Straße freuen kann. Dann bin ich auch mitten am Tag noch hellwach.

Ich wünsche auch Ihnen heute viele besonders wache Momente!

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24APR2021
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Es ist ein regnerischer Apriltag, und ich komme vom Joggen aus dem Wald. Mein Auto habe ich am Rand eines Waldwegs geparkt, wie viele andere auch. Ich schließe es gerade auf, als ich bemerke, wie ein Auto neben mir im Schlamm festhängt. Verzweifelt versucht der Fahrer loszufahren, aber die Räder drehen durch. Die Reifen sind schon ganz braun vom Schlamm. Ich habe schon öfter geholfen, Autos anzuschieben, und ich weiß: ich schaffe das auch diesmal. Also gehe ich hin und stemme mich mit voller Kraft gegen das Auto. Der Fahrer gibt Gas, das Auto bewegt sich vorwärts – ich habe es geschafft. Nur verliere ich dabei den Halt, weil das Auto weg ist, und liege langgestreckt im Matsch, verdreckt und hilflos. Richtig peinlich ist das. Die starke Helferin liegt auf der Nase.

Als ich versuche im rutschigen Matsch aufzustehen, streckt mir eine fremde Frau ihre Hand entgegen und zieht mich hoch. Jetzt merke ich: die starke Helferin in mir kann Hilfe ganz gut brauchen. Und ich überlege: Wäre nicht schon vorhin beim Anschieben Hilfe gut gewesen? Ich habe mich gar nicht umgesehen, ob noch jemand da ist.

Später im trockenen Wohnzimmer zu Hause fallen mir noch mehr Situationen ein, in denen ich unbedingt alles alleine schaffen wollte. Zum Beispiel als ich neulich Freunde in ihrer neuen Wohnung besucht habe. Ich war zum ersten Mal dort und habe ewig nach der Straße gesucht, anstatt gleich jemanden nach dem Weg zu fragen.

Und mir fällt auch meine letzte große Geburtstagsfeier ein. Die hätte ich entspannter erlebt, wenn ich zugelassen hätte, dass meine Gäste etwas fürs Büfett mitbringen. So bin ich stundenlang vorher in der Küche gestanden, nur um alles selber zu machen. Manchmal verhindert mein eigener Stolz, dass ich Hilfe annehme. Ich mag dann alleine stark sein und will meinen Erfolg mit niemandem teilen. Ich habe aber auch schon erlebt: Wenn ich etwas gemeinsam mit anderen schaffe, fühlt es sich besser an.

Vielleicht hätten wir ja da am Waldrand zu dritt oder zu viert das Auto einfacher aus dem Matsch bekommen. Und wir hätten alle viel besser das Gleichgewicht halten können. Und dann wäre keiner im Matsch gelandet.

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23APR2021
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Ich stehe fröhlich vor meiner Wohnungstür und plaudere mit meinen Nachbarn. Wir kennen uns seit Jahren und ich fühle mich wohl im Haus. Ich als Wessi unter lauter Ossis.

Das ist eine Szene, die ich vor einigen Jahren in Leipzig erlebt habe, wo ich eine Zeit lang gelebt habe.

An dem Tag damals war Isabell dabei, eine Freundin meiner Nachbarn. Während wir so gemütlich beieinanderstehen und reden, mustert sie mich immer wieder und fragt plötzlich: „Wo kommst du her?“ Perplex antworte ich: „Aus Leipzig. Ich wohne hier.“ Isabell bohrt nach: „Nein, wo kommst du eigentlich her?“. „Ich wohne hier, in diesem Haus.“, antworte ich. Isabell ist noch nicht zufrieden. Sie fragt nochmal scharf nach, und ich bin mittlerweile genervt.Schließlich erkläre ich ihr genau, wie lang ich wo gewohnt habe. Endlich gibt sie sich zufrieden.

Soweit die Szene vor acht Jahren in Leipzig. Wie Isabell mich damals gefragt hat: „Wo kommst du eigentlich her?“ – das hat wehgetan. Weil es geklungen hat wie: ‚Du gehörst nicht dazu. Du bist keine von uns. Du bist eine Fremde. Eine Wessi.‘ Und das, obwohl ich zu dem Zeitpunkt seit Jahren dort war, dort Freunde gefunden hatte. Für mich war klar: Ich gehöre dazu.

Hätte mich Isabell anders gefragt, wäre das für mich kein Problem gewesen. Zum Beispiel (so) in der Art von: „Mich interessiert dein Dialekt – wo bist Du denn aufgewachsen?“ – oder: „Ich kenne Deine Nachbarn schon so lang und dich sehe zum ersten Mal – wo hast Du denn vorher gelebt?“, dann hätte ich gerne von mir erzählt. 

Wenn mich heute jemand so abschätzig oder misstrauisch fragt wie damals Isabell, sage ich ehrlich, was bei mir gerade los ist. Dass ich nicht verstehe, warum ausgerechnet die Frage „Wo kommst du her?“ gleich am Anfang so wichtig ist. Ich frage zurück: „Können wir uns nicht erstmal kennenlernen? Lass uns darüber reden, was wir mögen und was nicht oder irgendwie voneinander erfahren, wer wir eigentlich sind, du und ich.“

Ich bin überzeugt: wer so offen miteinander redet, der lernt sich schnell kennen, und er zeigt Interesse am Anderen. Weil er ihn oder sie nicht in irgendeine Schublade steckt, nur weil er von irgendwo herkommt, sondern weil er den Anderen spüren lässt: du bist mir wichtig. Wenn ich das raushören kann, dann wird auch die Frage: „Wo kommst du eigentlich her?“ – nur noch zu einer Nebensache.  

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22APR2021
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Erleichtert schließe ich die Spülmaschine und drücke den Startknopf. Die Gäste sind längst weg, mein Mann und ich räumen auf. Es war eine fröhliche Abendgesellschaft mit Freunden, wie sie im letzten Sommer zwischendurch mal möglich war. Mein Mann Michael verschwindet ins Esszimmer. „Ich schiebe die Tischplatte mal wieder zusammen.“ „Lass doch!“, rufe ich ihm nach, „ich möchte das noch ein bisschen so lassen!“. „Echt jetzt?“, entgegnet er, „der Tisch ist viel zu groß so, und das Tischtuch total verkleckert. Komm, dann ist alles vor dem Frühstück weg!“

„Dann ist alles weg“: Der Tisch ohne Tischdecke und wieder klein zusammengeschoben, keine Spur mehr von unseren Gästen. Genau das ist mein Problem damit. Unsere Gespräche, wie wir gelacht und debattiert haben: das ist gefühlt noch alles da, und ich möchte die Nähe unserer Freunde noch ein wenig genießen.

Ich sage: „Es ist so rabiat, wenn wir jetzt alle Spuren beseitigen. Ich möchte ins Bett gehen mit dem Gefühl, sie wären noch um uns, auch wenn sie schon zuhause sind.“ „Aha“, meint mein Mann. Also lege ich noch eins drauf und sage ihm: „Weißt du, in den Trümmern unserer Party sind unsere Freunde mir gefühlt nahe.“

Jetzt lenkt mein Mann ein, eher aus Rücksicht. Für ihn ist das verrückt, für mich steckt da was drin, was mir viel bedeutet. Wenn ich etwas Schönes erlebe, will ich davon möglichst lange was haben, auch in mir drin. Deswegen will ich eben ein paar Reste eines gemütlichen Abends bis zum nächsten Morgen stehen lassen. Oder ich nehme Menükarten von Geburtstagsfeiern mit nach Hause und stelle sie irgendwo auf. Oder ich zünde die Kerze aus dem Ostergottesdienst zuhause so lange nochmal an, bis sie ganz runtergebrannt ist. Die Menükarte oder die Osterkerze sind für mich wie Zeugen von einer Zeit, in der ich auftanken konnte.

Am nächsten Morgen frühstücke ich mit meinem Mann am viel zu großen Tisch, die Kaffeetassen zwischen den Rotweinflecken. Am Tischende steht auch noch eine Weinflasche, in der nur noch ein kleiner Rest drin ist. Mein Mann streicht sich gedankenverloren sein Honigbrötchen. Dann sagt er unvermittelt: „Unsere Freunde sind dir jetzt also immer noch gefühlt nahe, auch wenn sie längst zuhause sind?“. „So etwa“ entgegne ich.

Er mustert die Rotweinflasche und schenkt sich den letzten Schluck in sein leeres Wasserglas. „Okay“, meint er und trinkt bedächtig aus. „Und jetzt sind sie gegangen – bis wir sie wieder einladen.“ Ich muss grinsen und sage: „Gefühlt genauso“. Und schraube das Honigglas zu.

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21APR2021
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Mein Kollege steht an meiner Bürotür und zwinkert mir zu. „Mach mal ne Pause!“ Ich sitze am übervollen Schreibtisch und muss lauter dringende Sachen erledigen. Ich murmle: „Ich kann jetzt nicht“, und arbeite weiter.

„Mach mal ne Pause“. Es gibt Momente, da nervt mich dieser Satz, und ich will ihn einfach nicht hören. Wenn ich richtig viel zu tun habe und die Termine sich überschlagen, dann habe keinen Kopf dafür, mal eben alles liegen zu lassen.

Aber ich fürchte, der Satz nervt mich auch, weil ich merke, dass mein Kollege Recht hat. Eine Pause wäre längst überfällig. Stattdessen arbeite ich mal wieder durch, und am Schluss habe ich bis zum Feierabend gar keine Pause gemacht. In solchen Momenten dämmert mir: wenn ich so weitermache, gönne ich mir die nächste Pause in der Rente. Wenn überhaupt.

Dabei weiß ich: Pausen sind wichtig. Mit einer guten Pausenstruktur bleibe ich im Gleichgewicht, und das ist gesünder als immer nur durchzuackern. Nach zwei Stunden ist eine Kaffeepause gut, und mittags brauche ich noch mehr Freiraum. Am besten mit einem guten Mittagessen irgendwo anders, auf jeden Fall nicht an meinem Schreibtisch. Und gut wäre, ich kriege es hin, wenigstens einen Tag in der Woche rechtzeitig nach Hause zu kommen, um noch Zeit zu haben für das, was mir auch wichtig ist: Zeit für Freunde und Familie oder Zeit für mich.

Natürlich gibt es Tage, die sind so voll, da kann ich nicht einfach aufstehen und Pause machen. Und ich kenne Menschen, die stecken gerade in so anstrengenden Lebensphasen, da ist Pause machen generell schwierig. Weil der Beruf so über die Maßen fordert oder weil in der Familie vieles besonders kräftezehrend ist. Zum Beispiel, wenn ich einen kranken Angehörigen pflege. In solchen Zeiten sind Ruhe und Erholung besonders schwer zu bekommen. Aber gerade da ist das so wichtig.

Wenn ich mit meinen Pausen mal wieder nachlässig bin, hilft es mir, wenn ich an diesen Kalenderspruch denke. Er heißt: „Wenn Du es eilig hast, gehe langsam“.

Ich darf mir Unterbrechungen gönnen, wenn ich sie brauche – und nicht erst, wenn ich dieses oder jenes erledigt habe. Das rechtzeitig zu spüren, ist manchmal schwer. Aber es lohnt sich, weil es mir vielleicht die Balance für den heutigen Tag bringt.

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20APR2021
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Meine Nichte Anna liebt „Shaun das Schaf“. Das ist eine Fernsehserie für Kinder mit lauter ulkigen Schafen. Immer, wenn wir uns sehen, schauen wir zusammen eine Folge.

Alle aus Shauns Schafherde sind ziemlich verrückt. Shaun selbst fährt zum Beispiel gerne Landrover. Timmy ist ein Lämmchen mit Schnuller und ein Naturtalent im Seiltanzen. Und das Schaf Shirley ist riesig und hat eine Figur wie ein prall aufgepusteter Ballon.

Die eigenartige Herde rund um Shaun macht immer ihr Ding. Und egal, welche Abenteuer sie tagsüber erleben, abends passiert immer das Gleiche: der Bauer ruft alle Schafe zusammen und dann kommt die ganze Rasselbande in den Stall und schläft aneinander gekuschelt ein.

In der Bibel gibt es auch ein paar Geschichten über Schafe. Die kommen mir in den Kopf, wenn ich mit Anna vor dem Fernseher sitze. Ganz so verrückt wie bei Shaun das Schaf sind sie nicht, aber eine Sache ist trotzdem gleich. Und die betrifft den Bauern, bzw. den Hirten. Der ist nämlich auch in der Bibel am Ende immer für die Schafe da, egal was vorher gelaufen ist. Manchmal denke ich: die Menschen sind auch so eine verrückte Herde, in der jeder Tag für Tag sein Ding macht.

Da gibt es so viele kreative Köpfe, aber auch Ulknudeln. Ich denke an die klugen Köpfe in der Wissenschaft, die in kürzester Zeit Unmögliches schaffen können. Und da gibt´s auch noch andere. Zum Beispiel die Busfahrerin. Sie macht spaßige Durchsagen und bringt die Leute im Bus zum Lachen. Die Frau mit ihrem Humor ist so wichtig!

Mir ist schon klar, dass in so einer Herde nicht nur Schafe sind, die es leicht haben. So eine Herde ist eben bunt.

Auch wenn die Zeiten gerade verrückt oder zum Verzweifeln sind, will ich trotzdem ab und zu mit Humor auf die Welt blicken. Bei Shaun das Schaf kommt abends immer der Bauer, und alles ist gut. In meinem Glauben hilft mir die Vorstellung, dass Gott wie ein Hirte für mich sein kann. Dass er mich und alle anderen Verrückten aus der Herde zu sich locken kann. 

Ich bin überzeugt: bei Gott kann jedes noch so durchgeknallte Schaf einen sicheren Platz finden.  

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