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05SEP2021
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In vielen evangelischen Gottesdiensten ging es vor kurzem um zwei Brüder: Kain und Abel. In der Bibel wird erzählt, dass die beiden zu den ersten Menschen der Welt gehören. Und Kain begeht den ersten Mord der Welt: Er erschlägt seinen eigenen Bruder, Abel, weil er neidisch auf ihn ist. Abel war erfolgreicher im Leben und im Beruf. Und das konnte Kain nicht ertragen. Aber gleich ein Mord? Ein derartiger Gewaltausbruch - nur weil er neidisch gewesen ist?

Ich höre diese uralte Erzählung aus der Bibel und habe Kain vor Augen: Ob er geahnt hat, dass so viel Gewalt in ihm steckt? Vielleicht ist sich Kain in diesem Moment selbst völlig fremd geworden. Ein Schauer läuft mir über den Rücken denn mir wird klar: Es geht hier gar nicht um die Ursache für den Mord. Es geht nicht um zwei bestimmte Brüder und ihr persönliches Schicksal. Es geht um uns Menschen. Darum, zu was Menschen fähig sind. Wir können einander Schaden zufügen. Bis hin zu Mord - wir können uns selbst völlig fremd werden.

Kain und Abel begegnen mir nicht nur in der Bibel. Sie begegnen mir, wenn ich höre, dass Eltern ihr Kind geschlagen haben. Das ist nicht zu entschuldigen! Aber ob diese Eltern jemals geahnt hätten, dass sie dazu fähig sind? Kain und Abel begegnen mir auch in den Bildern aus Afghanistan, wenn ich den Fernseher einschalte: Ich sehe fanatische Kämpfer. Ihre Verbrechen sind nicht zu entschuldigen. Aber ob sie selbst geahnt haben, dass es so weit kommen würde? Oder sind auch sie sich fremd geworden? Eine eindeutige Antwort darauf scheint es nicht zu geben.

Wie gesagt: Mir läuft ein Schauer über den Rücken denn ich fürchte: Kain und Abel begegnen mir auch, wenn ich in den Spiegel blicke. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass ich jemals einem anderen Menschen etwas antun würde. Aber konnte Kain sich das vorstellen? Konnten sich die Eltern das vorstellen, bevor sie ihr Kind geschlagen haben? Oder die Kämpfer in den Kriegsgebieten dieser Welt, bevor sie das erste Mal auf Menschen geschossen haben?

Die Verbrechen von Gewalttätern sind nicht zu entschuldigen. Und trotzdem bin ich mit meinem Urteil vorsichtiger geworden. Ich kenne mich selbst als friedliebenden Menschen - und dafür bin ich dankbar. Aber wer weiß, was alles in mir lauert, und was mir selbst völlig fremd ist. Ich bin sehr dankbar dafür, denn Kain und Abel erzählen davon, dass wir uns nie sicher sein können.

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11AUG2021
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Wenn ein Kind vom Fahrrad fällt und sich verletzt, warum hilft es da eigentlich, wenn die Mama pustet? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? In Wirklichkeit bewirkt das Pusten bei einem aufgeschürften Knie gar nichts. Und Kinder sind ja auch nicht dumm. Die merken genau, dass es immer noch weh tut. Und trotzdem: Wenn sich die kleine Abenteurer wieder einmal das Knie oder den Ellenbogen aufschürfen, dann wollen die meisten, dass die Mama wieder pustet. Heile, heile Segen…

Es ist eben die Mama oder auch der Papa, der pustet. Auf die ist Verlass! Der Sturz vom Rad hat alles durcheinander gebracht, und alles tut weh - aber Mama und Papa sind trotzdem da, egal was passiert. Das Knie tut noch weh aber das Kind weiß genau: alles wird wieder gut. Heile heile Segen!

Vielleicht haben ihr Vater oder Ihre Mutter früher auch gepustet, wenn Sie hingefallen sind. Meine haben es gemacht. Und ich gestehe - ich vermisse das manchmal: diese Sicherheit, auch wenn was weh tut. So wie die Eltern trösten konnten, konnte das sonst niemand.

Eine bestimmte Stelle aus der Bibel berührt mich deshalb sehr: Gott spricht hier, und er sagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Diese Bibelstelle berührt meine Sehnsucht nach Sicherheit. Früher bin ich vom Fahrrad gefallen, heute bringen ganz andere Sachen mein Leben durcheinander. Und in dem ganzen Durcheinander vermisse ich den Platz, an dem sich alles wieder ordnet - so wie früher bei Mama und Papa, wenn sie gepustet haben. Heile heile Segen.

Gott sagt: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Das hoffe ich. Und darum bitte ich Gott, wenn sich das Leben anfühlt, als wäre ich hingefallen und alles tut weh. Guter Gott, tröste mich, wie mich meine Mutter und mein Vater trösten. Sei für mich da. Heile mich, segne mich. Das hast du mir versprochen.

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10AUG2021
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Ich hatte in letzter Zeit mit Sorgen zu kämpfen. Ich habe Freunden davon erzählt und die waren auch sofort zu Stelle, und zwar mit vielen guten Ratschlägen: Ich müsse mein Problem anders anpacken, dann würde es sich schon lösen. Oder: ich müsste die Sache von einer anderen Seite aus betrachten, meine Lage hätte ja auch Vorteile.

Meine Freunde wollten mir helfen - eigentlich schön. Trotzdem habe ich mich in dem Moment total allein gelassen gefühlt. Alle hatten sie sich auf meine Probleme gestürzt. Aber - was war mit mir? Mit meinem inneren Zustand, meinem Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit? Mir war einfach die Kraft ausgegangen für Problemlösungen. Und Problemlösungen prasselten jetzt auf mich ein, jede Menge: „Tu dies, mach das. Alles kein Problem….“ Ich bekam lauter gute Vorschläge. Alles richtig. Und trotzdem ist alles an mir vorbei gerauscht. Ich hätte so gerne von meinen Freunden gehört: „Ich verstehe Dich.“ oder „Du Arme, du tust mir leid“. Ich glaube, ich hätte einfach etwas Mitleid gebraucht.

Mitleid hat heutzutage eher einen schlechten Ruf. Und es kann tatsächlich völlig unangemessen sein. Wer z.B. nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, der braucht sicher keine mitleidigen Blicke. Was er braucht sind Menschen an seiner Seite, die ihn verstehen. Die sich mit freuen, wenn die Heilung Fortschritte macht. Und die den Frust und die Verzweiflung mit aushalten, wenn alles zu viel wird.

In der Bibel heißt es einmal: Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. Hier geht es um tiefste Verbundenheit. Lasst euch gegenseitig nicht allein mit euren Gefühlen: freut euch mit und leidet mit.

Als ich keine Kraft mehr hatte um nach Lösungen zu suchen, da hätte ich gerne solches Mitleid bekommen. Es wäre schön gewesen zu hören: Ich verstehe Dich. Ich sehe, in welcher Lage du steckst und dass du keine Kraft mehr hast - du bist nicht allein. Da ist jemand, der leidet mit. Und morgen schon lachen wir vielleicht wieder miteinander. Und dann kommt vielleicht auch die Kraft zurück, die ich brauche, um meine Probleme anzupacken.

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09AUG2021
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Neulich bin ich abends spazieren gegangen. Ich hatte Sorgen. In meinem Kopf tanzten die Gedanken, und meine Umgebung habe ich gar nicht richtig wahrgenommen. Eigentlich habe ich nur vor mich hin gestarrt. Aber plötzlich lag ein Stück vom Himmel direkt vor mir auf dem Boden. So sah es zumindest aus. Eine Pfütze hatte sich auf dem Feldweg gebildet. Spiegelglatt lag sie vor mir. Und sie hat perfekt ein Stück Himmel widergespiegelt: Weiß-graue Wolken, noch leicht rötlich gefärbt von der Sonne, ein paar blaue Stellen hier und da… Merkwürdig, plötzlich in den Himmel zu blicken, obwohl ich doch auf den Boden gestarrt hatte.

Ich bin verblüfft stehen geblieben, und ein Satz aus dem Vater unser ist mir durch den Kopf geschossen: „Wie im Himmel, so auf Erden“. Wie im Himmel, so auf Erden - eine Gebet, eine Bitte an Gott, es möge doch alles gut werden. Frieden auf der Erde, kein Leid, keine Krankheiten - so, wie in der himmlischen Welt Gottes.

Genau das hatte ich mir in dem Moment gewünscht: Ein Leben ohne niederdrückende Sorgen. Und das schien unerreichbar weit weg. So weit entfernt wie der Himmel und die Wolken von dem Feldweg, auf dem ich stand. Aber gerade hier lag ja nun dieses Stück Himmel direkt vor meinen FüßenDas hat mich aus meinen trüben Gedanken herausgerissen. Ich habe nach oben geschaut in die Weite -das hat gut getan. Und dann wieder auf das Spiegelbild im Wasser - das kleine Stück Himmel auf Erden.

Als ich an dem Abend nach Hause gekommen bin, ging es mir besser. „Wie im Himmel, so auf Erden“ - Irgendwie hat Gott mein Gebet erhört, dachte ich. Meine Sorgen hat er nicht verschwinden lassen, aber dafür bin ich über das Stückchen Himmel in der Pfütze gestolpert. Ich aufgehört, vor mich hinzustarren und um mich selbst zu kreisen. Stattdessen habe ich zum Telefon gegriffen und eine gute Freundin angerufen. Sie hat mir zugehört und hat mich getröstet. Und dann haben wir zusammen noch viel gelacht. Trotz aller Sorgen war das für mich ein Stück Himmel auf Erden.

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07AUG2021
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Morgen ist Israelsonntag - evangelische Christen nehmen ihr Verhältnis zum Judentum in den Blick. Viel zu lange dieses Verhältnis in Schieflage geraten und die Kirche dachte, sie sei dem jüdischen Glauben überlegen. Inzwischen hat die Kirche zum Glück die Perspektive gewechselt: Endlich geht es nicht mehr darum, wer recht hat und den „richtigeren“ Glauben - Christen oder Juden. Es geht endlich darum, was am jeweiligen Glauben das Wichtigste ist.

In dieser Frage sind sich Christen und Juden einig, wie eine Geschichte aus der Bibel erzählt. Ein Schriftgelehrter, also ein leidenschaftlicher jüdischer Wahrheitssucher, kommt zu Jesus von Nazareth mit der Frage aller Fragen: Was ist das Wichtigste im Leben? Woran muss man sich halten, wenn man gerecht sein und sein Leben so anpacken will, dass es vor Gott Bestand hat? Jesus antwortet ohne Zögern mit zwei Geboten aus der jüdischen Bibel, dem Alten Testament: Liebe Gott mit Leib und Seele - und: Liebe deinen Mitmenschen so, wie du dich selbst liebst.

Zwei Gebote aus der jüdischen Bibel. Eigentlich sind sie eins: Und darum nennt man es das Doppelgebot der Liebe. Und der jüdische Schriftgelehrte in der Bibel ist sofort ganz begeistert: Wie recht du hast, Jesus! Platzt es aus ihm heraus. Gott lieben und seien Mitmenschen wie sich selbst - da steckt alles drin! Alle Gebote, alle heiligen Schriften alle Gottesdienste und alle Rituale. Das ist das Wichtigste im Leben.

Morgen, am Israel-Sonntag, ist in vielen evangelischen Kirchen von diesem begeisterten jüdischen Schriftgelehrten zu hören. Er und Jesus sind sich einig: Das wichtigste im Leben ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen.

Da steckt der Perspektivenwechsel drin, der uns Christen so gut getan hat: Das Doppelgebot der Liebe ist nichts, was wir besitzen.. Es ist ein Gebot, eine Aufforderung, ja - eine Herausforderung! Gott lieben - und nicht meinen, ich sei der Herr der Welt. Und deshalb meinen Mitmenschen so lieben, wie mich selbst - und nicht meinen, ich sei etwas Besseres. Entweder, diese Wahrheit packt mich - oder sie ist nichts wahres. Wer meint, er hätte dieses Gebot in der Tasche, der macht es kaputt. Wie gut, dass wir Christen da unsere Perspektive gewechselt haben. Gottes Gebote sind eine Herausforderung. Sie schicken einen auf den Weg, egal ob Juden oder Christen.

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06AUG2021
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Übermorgen ist Israelsonntag. In vielen evangelischen Gottesdiensten nehmen Christen ihr Verhältnis zum jüdischen Glauben in den Blick. Die Gottesdienste erinnern auch daran, wie das jüdische Volk vor fast 2000 Jahren seine Heimat verloren hat und Jerusalem völlig zerstört wurde. Seither haben Juden noch viele Male ihre Heimat verloren. Im christlich geprägten Abendland hatten sie es schwer - und haben es bis heute.

Seit 1700 Jahren gibt es nachweislich jüdisches Leben bei uns. Schon so lange sind Juden Teil der Kultur und Gesellschaft. Aber warum konnten Juden hier keine Heimat und kein sicheres Leben finden? Warum wurden sie verfolgt, vertrieben, sogar getötet?

Man hat den jüdischen Menschen immer wieder vorgeworfen, sie seien selbst schuld daran, hätten sich vom Rest der Bevölkerung abgegrenzt, ihr eigenes Ding gemacht und würden sich für etwas Besseres halten. Mich erschreckt, dass mir diese Meinung immer noch begegnet. Das ist zynisch.

Jüdinnen und Juden haben sich nicht ausgegrenzt - sie wurden ausgegrenzt. Sie durften viele Berufe nicht lernen, ihre Kinder nicht genau so ausbilden, wie andere. Sie durften lange kein eigenes Land besitzen. - Das alles hätten sie gerne gewollt. Von wegen, sie hätten sich selber ausgegrenzt.

Und selbst wenn! Selbst wenn jemand anders lebt als der Durchschnittsmensch. Das ist doch keine Rechtfertigung, um irgendjemanden zu piesacken oder sogar ans Leben zu gehen. Eine Gemeinschaft wie die der Juden muss doch ein Recht haben auf ihre eigenen Traditionen und ihre eigenen Sichtweisen. Damit haben sie sich nicht ausgegrenzt. Das war nur der willkommene Vorwand, um sie auszugrenzen.

Aber warum ist das so? Diese Frage bleibt für mich offen. Und es hört ja nicht auf. Mich erschreckt, dass ich immer noch höre, Juden seien an allem Schuld. Sie würden sich abgrenzen und für etwas besseres halten. Warum ist das so? Wieso hat das nicht endlich ein Ende und jüdische Bürgerinnen und Bürger haben endlich ein sicheres zu Hause – als Deutsche die sie sind?

Eine offene Frage. Das Jubiläum 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland ist ein guter Anlass, der Frage auf der Spur zu bleiben. Hoffentlich gibt es eine Antwort. Und hoffentlich hilft die, damit Jüdinnen und Juden ein zu Hause finden. Und zwar genau da, wo und wie sie es wollen.

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05AUG2021
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Sommerferien! Jedes Jahr treffen sich in dieser Zeit auch Menschen in den Sommerlagern der Organisation „Aktion Sühnezeichen, Friedensdienste“. Es sind junge Leute, die schon einmal für eine Weile ins Ausland gegangen sind, um bei Projekten für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste mitzuarbeiten. Sie tauschen sich aus über ihre Einsätze, und solche Einsätze gibt es schon seit über 60 Jahren: Es wurden Synagogen gebaut und Schulen instandgesetzt, Wasserleitungen erneuert oder Treffen organisiert - immer bei Menschen und in Ländern, in denen deutsche Soldaten im zweiten Weltkrieg gewütet haben. Polen zum Beispiel, Griechenland, Norwegen. Auch nach Israel, wohin so viele Juden fliehen mussten, machen sich jedes Jahr junge Leute auf.

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ist eine Organisation der evangelischen Kirche. Es geht ihr darum, Zeichen zu setzen, denn sie war mit schuld an den Verbrechen des Krieges. Ein Zeichen der Reue. Aber auch ein Zeichen, dass es beim Bedauern nicht bleiben darf. Das wäre viel zu wenig. Aktion Sühnezeichen sorgt dafür, dass sich die früheren Feinde begegnen und neu kennen lernen. Der Krieg ist lange vorbei, aber seine Folgen wirken nach. Sinnlos sind Menschen gestorben, die Groß- und die Urgroßeltern der Menschen heute. Kaum eine Familie ist nicht getroffen. Die Verletzungen sind noch da. Sie sind da - und wir haben es in der Hand, was wir daraus machen. Aktion Sühnezeichen Friedensdienste macht daraus Begegnungen! Die Menschen sollen sich kennen lernen, sich schätzen lernen. Die Vergangenheit haben sie im Blick genauso, wie die Zukunft.

Ich wünsche allen, die sich in den Sommerlagern treffen, eine gute Zeit. Schön, dass sie Ihren Urlaub so nutzen. Hier tauschen sich die engagierten jungen Leute aus, geben Erfahrungen weiter. Sie stecken neu junge Menschen an, auch einmal bei einer Aktion mitzumachen. Und was könnte inspirierender sein als die Suche nach einem gemeinsamen und friedlichen Weg von Menschen, deren Eltern und Großeltern einmal Feinde gewesen sind?

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04AUG2021
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Normalerweise gehe ich nicht so gerne auf die Kanzel hinauf, wenn ich in einem Gottesdienst predige. Die Kirche ist selten gerammelt voll, da können mich alle sehen, auch wenn ich unten bleibe. Sollte ich aber jemals einen Gottesdienst in dem kleine Dörfchen Vach im Frankenland halten, dann würde ich eine Ausnahme machen. Da würde ich zu gerne auf die Kanzel steigen, erhöht stehen, und zwar getragen vom Unterbau. Der Unterbau der Kanzel in Vach, die Säule sozusagen, auf der die Kanzel steht, ist nämlich eine überlebensgroße Figur: Es ist Mose aus der Bibel, aus dem Alten Testament. Mose, der das Volk der Israeliten durch die Wüste geführt hat, raus aus der Sklaverei, der sie in eine neue Heimat gebracht hat. Mose, der von Gott selbst die Tafeln mit den 10 Geboten erhalten hat. Und mir als Christin? Mir und meiner Kirche hat sie das Jüdische Volk weitergereicht.

Wir feiern dieses Jahr das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Schon so lange ist Das Judentum Teil unserer Identität, auch wenn hier und in ganz Europa jahrhundertelang das Christentum vorherrschend war. Kirchen sind es, die im Mittelpunkt der Dörfer und Städte stehen, und von ihren Kanzeln haben unzählige Geistliche gepredigt. Leider war es dann doch nicht immer die Botschaft von der Nächstenliebe, die zu hören war. Oft genug haben die beiden großen Kirchen in Deutschland den Mächtigen ihrer Zeit nach dem Mund geredet, oder sie haben ihre eigenen Interessen verfolgt. Sie haben auch gegen die Juden gepredigt und hat sich schuldig gemacht. Die Verantwortlichen hatten vergessen, auf welchem Grund und Boden sie stehen. Wie gut wäre es gewesen, sie hätten auf der Kanzel der Sankt Matthäus-Kirche in Vach gestanden. Wie gut, wenn sie einen Blick unter sich getan hätten. Auf den Unterbau, der doch das Fundament ist, das die Kanzel trägt mitsamt ihnen obendrauf. Da steht Mose, der Jude, dem Gott die zehn Gebote anvertraut hat. Gottes Gebote sind die Grundlage und der Boden, auf dem der Christliche Glaube steht, und sie haben ein Ziel: Gerechtigkeit und Freiheit für alle.

Wenn wir als Christen auf die Kanzel steigen, dann dürfen wir ruhig etwas erhöht stehen. Wir dürfen nur nicht vergessen, was den christlichen Glauben trägt: Gottes Gebote und sein Bund mit den Menschen. Dieser Bund beginnt mit Mose - da stehen wir nicht drüber. Sondern es ist der Boden, der uns hält.

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03AUG2021
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Eine Steinfigur am Freiburger Münster zeigt eine stolze Frau mit erhobenem Haupt. Sie trägt eine Krone und in den Händen ein Kreuz. Diese alte Figur stellt „die Kirche“ dar, die christliche Glaubensgemeinschaft. Ähnliche Figuren finden sich übrigens in Paris, Straßburg oder auch in Trier. Der „Kirche“ gegenüber steht eine andere Frauenfigur: eher gebeugt mit gesenktem Kopf. Ihre Krone liegt am Boden und sie trägt eine Binde um die Augen. Diese Frau ist die „Synagoge“, die Gemeinschaft der Juden.

Die mittelalterliche Darstellung zeigt, wie überlegen sich das Christentum jahrhundertelang gefühlt hat. Die Botschaft war klar: Wir Christen haben die ganze Wahrheit erkannt und den einzigen richtigen Glauben. Die Juden dagegen haben nur einen Teil der Wahrheit, für den Rest sind sie blind. Bitter und beschämend sind diese Darstellungen. Beschämend für das Christentum.

Wir feiern dieses Jahr das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. 1700 Jahre, in denen Menschen jüdischen Glaubens Teil der Gesellschaft und des religiösen Lebens gewesen sind - aber eben nicht auf Augenhöhe - leider. Dabei ist der jüdische Glaube das Fundament des Christentums. Große Teile der christlichen Bibel stammen vom älteren Judentum. Jesus selbst war gläubiger Jude, und zum Gebet ging er in die Synagoge, das jüdische Gotteshaus.
Ohne Synagoge würde es meine Kirche heute gar nicht geben.

Die steinernen Frauenfiguren in Freiburg oder in Trier sind Zeugen: die Kirche hat sich jahrhundertelang überlegen gefühlt anstatt der Synagoge auf Augenhöhe zu begegnen. Die hatte und hat ihren eigenen Weg mit Gott. Und nur, weil es ein anderer ist als der der Kirche, ist es ja nicht der falsche. Ich denke, so allmählich begreifen wir das.

In der US-amerikanischen Stadt Philadelphia findet man die beiden Frauenfiguren, Kirche und Synagoge wieder und zwar an der Universität. Hier stehen sie sich nicht gegenüber. Sie sitzen entspannt beieinander, beide mit gekröntem Haupt, und die Augen offen, füreinander und ihre Umgebung. Nein, diese beiden Frauen begegnen sich auf Augenhöhe. Sie studieren gemeinsam die Schriften der christlichen und der jüdischen Bibel. Sie tauschen sich aus, erfahren etwas über die jeweils andere. Ich hoffe, die beiden sind jetzt wirklich gemeinsam auf dem Weg. Jede auf ihre Weise.

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02AUG2021
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„Jung und jüdisch in Baden-Württemberg“. Vor kurzem habe ich einen Film gesehen mit diesem Titel: „Zwei junge Frauen und ein junger Mann erzählen darin. Sie sind jüdische Deutsche, und sie können eines nicht mehr hören: Nazi-Deutschland, Konzentrationslager und Judenhass. Genauer gesagt, sie wollen damit nicht immer in Verbindung gebracht werden. Hanna ist Studentin in Tübingen, regt sich in den Film richtig auf und sagt: „Wir haben es satt, reduziert zu werden auf Antisemitismus, Holocaust und Nahostkonflikt. Wir sind nicht diese Schwarz-Weiß-Bilder.“ meint sie. „Wir sind vielfältig.“

Anlass für den vierzigminütigen Film ist ein Jubiläum: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Gerade finden dazu viele Veranstaltungen statt - auch in Kirchengemeinden. 1700 Jahre - So lange schon leben Juden in Deutschland. Ist alles, was uns dazu einfällt, Antisemitismus, Holocaust und der Nahost-Konflikt? Dass das den jungen Leuten nicht gefällt, leuchtet ein. Ihr Leben ist so viel vielfältiger. Hanna, Eva und Sami erzählen vom Jewish Vision Song-Contest - das ist DAS Musik-Event in Europa, bei dem junge Jüdinnen und Juden auftreten. Die drei haben genau die gleichen Sorgen wie andere junge Leute auch. Sie erzählen aber auch wie es ist, der einzige Jude in der Klasse zu sein oder die einzige Jüdin im Uni-Kurs. Ich höre das und wünschte mir, dass das alles ganz selbstverständlich wäre. Stattdessen meint Eva, es sei fast wie ein Coming-outing sobald herauskommt, dass sie Jüdin ist. Eben war sie noch eine ganz normale junge Studentin - und im nächsten Moment ist sie für die anderen fremd. Jüdin? Sei sie dann überhaupt eine richtige Deutsche? Ob sie Angst hätte vor Neo-Nazis? Und sind ihre Großeltern im KZ umgekommen? Wird sie dann gefragt.

Jung und jüdisch in Baden-Württemberg. Der Film ist im Internet leicht zu finden. Ich fand ihn sehr informativ und unterhaltsam. Und ich habe verstanden, wo das Problem liegt: Junge jüdische Leute müssen ihrer Umgebung ihr Leben erklären - ob sie wollen oder nicht. Und wenn sie es wagen, ist es gefährlich. Gerade jetzt werden jüdische Menschen immer häufiger angegriffen - nur weil sie da sind. Es ist unbegreiflich. Eva, Sami und Hanna zeigen, dass sie einfach junge Leute sind, die dazu gehören. Ihr Optimismus hat mir gut getan. Sie zeigen sich als Jüdinnen und Juden. Ganz normal. Sie sorgen dafür, dass man sie kennen lernen kann. Es gibt keine Ausreden mehr für Vorurteile und Hass.

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