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31JUL2022
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Hunger - ist wahrscheinlich das mächtigste Gefühl der Welt. Bei uns herrscht kein Mangel, und deshalb vergessen wir das leicht. Aber wenn die Grundlage zum Leben fehlt, wenn es keine Nahrung gibt, dann übernimmt der Hunger die Kontrolle, und zwar über alles: über jede unserer Entscheidung, jeden Gedanken und jeden Schritt. Und der Gedanke macht mir Angst: Wer weiß, zu was ich selbst fähig wäre, im Kampf ums tägliche Brot…

Unser täglich Brot gib uns heute – so hat Jesus selbst gebetet, und so hat er es seinen Anhängern sicher nicht zufällig mit auf den Weg gegeben. Wir Christen beten so bis zum heutigen Tag im Vater unser. Es geht Jesus um Nahrung für den Körper, aber auch um Nahrung für die Seele. Denn ja, auch die Seele kann hungern: nach Gerechtigkeit, nach Frieden, Geborgenheit, Glück: Vater, Dein Wille geschehe. Wie im Himmel, so auf Erden – bitten wir im Vater unser.

Ich denke, Jesus wollte verhindern, dass wir Menschen seelisch verhungern. Und das erklärt vielleicht auch die ungeheure Anziehungskraft, die er auf seine Mitmenschen hatte. Manchmal waren es ja tausende, die zusammengekommen sind, um ihm zuzuhören. Ihre Arbeit, ihren Broterwerb haben sie dafür einfach liegen lassen. Sie haben einen leeren Magen riskiert - so groß war der Hunger der Seele nach Liebe und Zuwendung. Nach einem guten Wort, nach Vergebung, nach Gott, der wie ein Vater ist und sich um jeden einzelnen von ihnen sorgt.

5000 sollen es einmal gewesen sein, erzählt die Bibel. Und am Ende eines langen Tages wussten die zwölf Jünger von Jesus nicht, womit sie die vielen Leute versorgen sollten. Da war nur ein Junge mit seinem persönlichem Proviant: zwei Fischen und fünf Leibern Brot. Was konnten sie damit schon anfangen?

Jesus wusste ganz genau, was damit anzufangen war. Auf sein Geheiß hin hat sich die Menschenmenge niedergelassen, die Jünger haben angefangen, Fische und Brot zu verteilen – und alle wurden satt.

Wie das möglich war? Das lässt die Geschichte offen. Das Wunderbare an ihr ist: Wer zu Jesus kommt, der wird satt werden – und zwar am Leib und an der Seele!

Jesus bringt Gott, den Vater, nahe zu den Menschen. Vater, gib du uns unser Brot – damit der Hunger uns nicht beherrscht und uns dazu bringt, anderen ihr Leben wegzunehmen. Und Vater: Dein Wille geschehe: Frieden auf Erden, Gerechtigkeit und Respekt vor allen Menschen. Wenn Du für uns sorgst, dann wird unsere Seele gesund.

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12JUN2022
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Manchmal trifft einen irgendeine Erkenntnis ganz unerwartet - wie der Blitz aus heiterem Himmel. Ich, für mich, nenne das einen „Aha“-Moment - einen Augenblick, in dem man ganz klar sieht. Und das nicht einfach mit dem Kopf, sondern mit der Seele.

Ich hatte vor kurzem so einen Moment bei einem Spaziergang. Ich bin die Strecke schon oft gelaufen. Aber an diesem Morgen hat mich die Schönheit der Gegend bis in die Seele hinein berührt. Im Laufe der Zeit haben ich schon die unterschiedlichsten Beispiele für solche Aha-Momente erzählt bekommen. Das reicht von der Überraschung, wie köstlich frische Erdbeeren schmecken bis hin zu dem Moment, in dem jemand aufs eigene Leben zurückblickt, und plötzlich ergibt alles einen Sinn.

Kopf und Verstand wissen natürlich, wie Erdbeeren schmecken. Und die meisten kennen den eigenen Lebensweg ganz gut. Aber da ist eben noch mehr - da ist manchmal auch noch dieser Blitzschlag der Erkenntnis, der bis in die Seele hinein trifft.

Und - und das finde ich besonders bemerkenswert - diese Art Erkenntnis trifft mich von außen. Ich kann sie mir nicht erarbeiten. Ich kann ihr nur begegnen: Der Schönheit der Natur beim Spazierengehen, einem köstlichen Geschmack, der Liebe zu mir selbst oder der Liebe zu einem anderen Menschen. Da entsteht eine Beziehung, und jemand berührt meine Seele.

Ich als Christin glaube, dass Gott mir in solchen Momenten begegnet, und dass er meine Seele berührt. Die Kraft, die die Welt trägt und mich darin, diese Kraft Gottes und ich haben eine Beziehung zueinander. Eine Erkenntnis, die mich von außen trifft, mir geschenkt wird und meine Seele berührt.

Ich denke, darum geht es gerade am heutigen Sonntag. Wir Christen feiern Trinitatis, das Fest der Dreifaltigkeit Gottes. Es geht darum, dass Gott uns Menschen auf sehr unterschiedliche Weise begegnet: Manchmal spüre ich diese Begegnung, sie trifft mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und dann berührt Gott meine Seele.

Allerdings: was, wenn nicht? Was, wenn mich der Blitzschlag der Erkenntnis allein zurücklässt. Wenn ich z.B. erkenne, wo ich versagt habe. Wenn der Aha-Moment mich mit dem Gefühl zurücklässt, dass ich alleine dastehe? Wo ist dann Gott?

 

Die Kirchen feiern Trinitatis - das Fest der Dreifaltigkeit Gottes. Auf dreifache Weise sucht Gott die Begegnung mit uns. Die Begegnung kann sich anfühlen wie ein Aha-Moment. Mir steht mein Leben klar vor Augen, Gott ist da und alles bekommt einen Sinn. Oder eben auch nicht. Mancher Erkenntnismoment hat nichts Schönes an sich. Und dann fühlt es sich an, als wäre Gott nicht da. Als wäre ich ganz allein.

Auch von solchen Aha-Momenten haben mir Menschen erzählt. Da trifft jemanden urplötzlich die Erkenntnis, dass er ein gestecktes Ziel niemals erreichen kann, dass er sich etwas vorgemacht hat. Da hilft es auch wenig, dass der Kopf schon lange weiß, wo die Probleme liegen. Der Blitzschlag der Erkenntnis trifft bis in die Seele hinein.

Wenn der Blitz der Erkenntnis einschlägt, ist das eine zweischneidige Sache. Einmal berührt mich etwas und ich fühle mich verbunden: mit der Natur, mit einem geliebten Menschen oder auch mit mir selbst. Und auf der anderen Seite macht mich eine plötzliche Erkenntnis hilflos, macht mich Einsam.

Wo ist Gott geblieben, frage ich dann? Wie kann es sein, dass ich alleine dastehe, und dem Leben gar nicht gewachsen bin. Wenn ich so frage und rufe - dann komme ich vielleicht ins Beten: Gott, wo bist du? Ich rufe nach ihm und erinnere ihn an sein Versprechen, mich nicht allein zu lassen, sondern mir zu begegnen. Das ist sein Versprechen an mich - seit ich getauft bin.

Manchmal fühlt sich das Leben an, als würde ich ganz alleine dastehen. Wenn ich dann wenigstens nach Gott rufe, spüre ich ihn aber vielleicht wieder ein wenig an meiner Seite. Denn ich brauche ihn.

Als Geschöpf Gottes brauche ich meinen Schöpfer. Ich brauche Jesus, einen Menschen, den Gott an meine Seite gestellt hat, der das Leben kennt. Jesus weiß, wie es sich ist, sich völlig verlassen zu fühlen. Und er betet mit mir gemeinsam. Und ich brauche Gottes Heiligen Geist. In der Taufe habe ich ihn geschenkt bekommen, er begleitet mich durchs Leben. Sein Versprechen gilt, dass Gott mir immer wieder begegnet, und ich mich verbunden fühle. Aber wenn nicht, dann betet der Geist für mich. Er findet die richtigen Worte, gerade wenn ich mich verlassen fühle und keine Worte mehr habe.

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12JUN2022
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Manchmal trifft einen irgendeine Erkenntnis ganz unerwartet - wie der Blitz aus heiterem Himmel. Ich, für mich, nenne das einen „Aha“-Moment - einen Augenblick, in dem man ganz klar sieht. Und das nicht einfach mit dem Kopf, sondern mit der Seele.

Ich hatte vor kurzem so einen Moment bei einem Spaziergang. Ich bin die Strecke schon oft gelaufen. Aber an diesem Morgen hat mich die Schönheit der Gegend bis in die Seele hinein berührt. Im Laufe der Zeit haben ich schon die unterschiedlichsten Beispiele für solche Aha-Momente erzählt bekommen. Das reicht von der Überraschung, wie köstlich frische Erdbeeren schmecken bis hin zu dem Moment, in dem jemand aufs eigene Leben zurückblickt, und plötzlich ergibt alles einen Sinn.

Kopf und Verstand wissen natürlich, wie Erdbeeren schmecken. Und die meisten kennen den eigenen Lebensweg ganz gut. Aber da ist eben noch mehr - da ist manchmal auch noch dieser Blitzschlag der Erkenntnis, der bis in die Seele hinein trifft.

Und - und das finde ich besonders bemerkenswert - diese Art Erkenntnis trifft mich von außen. Ich kann sie mir nicht erarbeiten. Ich kann ihr nur begegnen: Der Schönheit der Natur beim Spazierengehen, einem köstlichen Geschmack, der Liebe zu mir selbst oder der Liebe zu einem anderen Menschen. Da entsteht eine Beziehung, und jemand berührt meine Seele.

Ich als Christin glaube, dass Gott mir in solchen Momenten begegnet, und dass er meine Seele berührt. Die Kraft, die die Welt trägt und mich darin, diese Kraft Gottes und ich haben eine Beziehung zueinander. Eine Erkenntnis, die mich von außen trifft, mir geschenkt wird und meine Seele berührt.

Ich denke, darum geht es gerade am heutigen Sonntag. Wir Christen feiern Trinitatis, das Fest der Dreifaltigkeit Gottes. Es geht darum, dass Gott uns Menschen auf sehr unterschiedliche Weise begegnet: In der Natur und Schöpfung, im Zusammenleben mit anderen oder auch, wenn ich danach frage, was mich in meinem Leben geleitet hat. Manchmal spüre ich diese Begegnung, sie trifft mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Und dann berührt Gott meine Seele.

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06JUN2022
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Mechthilde Raff-Eming Foto: privat

Krieg in der Ukraine. Auf den ersten Schock folgte auch in dem kleinen Ort Hausen an der Zaber ein Gefühl von Hilflosigkeit. Dann das erste Friedensgebet in der Kirche: nichts Großes, zehn, zwölf Leute kamen zusammen. Aber - so erzählt Pfarrerin Mechthilde Raff-Ehming - zu beten macht etwas mit den Menschen:

Wenn man betet, dann passiert das ganz schnell, dass man von der Ohnmacht herausfindet und auch offen wird fürs Tun. …Man beschäftigt sich nicht nur mit sich selber - sondern man kommt so aus dem Verwoben-Sein mit sich kommt man raus.

Und man kommt ins Gespräch, und sei nur für eine Viertelstunde nach dem eigentlichen Friedensgebet. Gebet als ein erster Impuls. Der nächste Impuls war ein Postkartenaktion der Schulkinder im Reli-Unterricht, um Geld zu sammeln. Dann war da der Sohn eines Freundes: Mit Bussen hat er Fahrten an die polnische Grenze organisiert, um geflüchteten Ukrainern zu einer Bleibe zu verhelfen.

Und dann kam zufällig zur gleichen Zeit ne Anfrage von einem Gastwirt, dessen Elternhaus frei geworden ist. Der gesagt hat: Ich bau das jetzt nicht um, ich stell‘ das zur Verfügung. … Und ungeführ 12 Leute haben an einem Wochenende dieses Haus hergerichtet, so dass wir dann Gäste empfangen konnten.

Durch einen Aufruf in der Kirchengemeinde und im kommunalen Amtsblatt -sind mittlerweile 30 Ehrenamtliche über eine Social-Media-Platform vernetzt. Mehrere ukrainische Familien - meist Frauen mit Kindern - wohnen jetzt in dem Haus und vier weiteren Wohnungen - und über die Plattform wird organisiert, was gerade nötig ist. Da ist zum Beispiel zu lesen

Hat jemand noch eine Bratpfanne? Und dann, meistens vier, fünf Minuten später kommt: Ja, da ist noch eine. Und drei Minuten später: Dort kann man sie abholen.

Mittlerweile wäre die Flut an Textnachrichten für jeden einzelnen viel zu groß, und die Ehrenamtlichen haben sich spezialisiert: Es gibt jetzt ein Beschaffungsteam, ein Team „Rathaus“ zur Unterstützung bei Behördengängen. Andere bieten Sprachkurse an oder auch Unterstützung bei der Jobsuche.
Diese Art von Hilfe hat noch einen anderen Effekt, wie der Ortspfarrerin aufgefallen ist. Es ändert sich nämlich etwas in der Haltung der Menschen, die helfen wollen:

Das ist mir auch in der Corona-Zeit aufgefallen. Da haben alle immer nur noch geschimpft und geklagt und wie schrecklich alles ist… und es ging mir so auf den Wecker. … Wenn man dann hilft - das ist wirklich interessant - dann werden die Leute auch dankbarer. … Die, die helfen, werden dankbarer für das, was sie selber schon eigentlich haben, was sie weitergeben können.

Nicht mehr um sich selbst kreisen - das macht den Blick weiter für die wirklich wichtigen Dinge. Das setzt Energie frei, etwas zu tun! Und es ist auch - nach Meinung von Mechthilde Raff-Eming - das, was eine christliche Lebenshaltung ausmacht.

Also: Ein paar fangen was an, und es läuft richtig gut, und es macht Spaß. - Es macht wirklich Spaß etwas zu tun und wieder aus dieser Ohnmachtshaltung und diesem Jammerzeug herauszukommen. schön.

Helfen nicht als Last - sondern zur eigenen Freude. Kein alltäglicher Gedanke - wahrscheinlich nicht einmal innerhalb der Kirche. Aber die Seelsorgerin ist überzeugt:

Ich glaube, es ist eine - natürliches, würde ich sogar sagen, christliches Anliegen, dass man das leben will. Und außerdem ist das bereichernd, ist das glücklich machend.

Im Gespräch mit Pfarrerin Raff-Eming springt der Funke auf mich über: Mich von Gott befreien lassen vom Kreisen um mich selbst. Die Lust spüren, die entstehen kann, wenn man mit anderen etwas auf die Beine stellt: Helfen und dankbar werden.

In Hausen ist die Kirchengemeinde Teil eines Netzwerkes, dass die Kirche mit dem Sportverein zusammen bringt, mit der Kommune, mitGeschäftsleuten und Privatpersonen - und ob die sonst kirchlich sind oder nicht, das ist nicht so wichtig. Niemand stülpt dem anderen etwas über. Vielleicht entsteht gerade deshalb etwas, ganz im Sinne christlicher Nächstenliebe.
Es geht darum, Geflüchteten eine Chance zu geben, ihr eigenes Leben zurückzugewinnen. Aber das bleibt schwer. Und wer kann schon sagen, was in einem Kind vor sich geht, dass wochenlang im Bombenhagel gelebt hat?

Eine Familie zum Beispiel - also lauter Frauen, die sind vier Wochen im Keller gewesen. Und am Anfang hat das Mädchen, zum Beispiel, sich noch schnell unter den Schultisch versteckt, wenn ein lautes Motorengeräusch war. … Und da merke ich: die Kinder sind leichter geworden, fröhlicher.

Kindern ein klein wenig Freiheit zurückgeben - das wurde möglich, weil Menschen sich vor Ort engagieren - und zwar so viel sie können und so viel ihnen selber gut tut.

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05JUN2022
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Es ist Pfingsten - ein Fest, das irgendwie in der Schwebe bleibt, finde ich. Für uns Christen dreht es sich um den Heiligen Geist: Gottes Geist, der irgendwie etwas in uns bewirken und unserem Leben die Richtung vorgeben will. Wie genau, das ist schwer zu greifen und bleibt in der Schwebe - Für einen Geist gehört sich das wohl so.

Heute ist auch ein Tag im Frühsommer. Es sind Schulferien! Viele Leute haben frei - und das zusammen verleiht dem Tag ebenfalls etwas Schwebendes und Leichtes, finde ich: Die Stimmung ist gelöst und freundlich. Und ich denke, wie schön die Welt doch sein kann.

Und gleichzeitig ist sie so schrecklich. Es ist mir fast unmöglich das wenigstens für einen Moment zu vergessen. Wozu sind wir Menschen bloß fähig? Und warum? Diese Frage treibt mich unwahrscheinlich um, und ich finde einfach keine klare Antwort. Sie bleibt in der Schwebe und ist einfach nicht zu greifen: Was macht den einen Menschen zum Gewalttäter und ein anderer bleibt friedlich? Sind es die Umstände? Der Ort, an dem jemand lebt? Die Nachrichten, die laufen? Liegt es womöglich in den Genen? Oder haben Menschen doch so etwas wie einen freien Willen und können eben doch selbst entscheiden?

Es gibt keine klare Antwort darauf - und das finde ich beängstigend. Was macht uns Menschen aus? Das bleibt in der Schwebe.

Ich denke, diese Schwebe ist auch in einem Text aus der Bibel zu spüren, der heute in vielen Gottesdiensten zu hören ist. Der Apostel Paulus fragt: Was treibt uns Menschen an? Was für Kräfte sind das, die darüber entscheiden, ob wir Gutes tun - oder eben nicht?

Paulus sagt: Zuallererst sind wir Menschen Mensch aus Fleisch und Blut - mit allem, was wir mitbringen und was uns geprägt hat. Wir Menschen aus Fleisch und Blut meinen es meistens gut. Aber wir können eben auch nicht heraus aus unserer Haut - aus unserem Fleisch und Blut. Wir haben immer unsere eignen Interessen im Blick. So sehr wir uns also bemühen, wir werden uns selbst immer mehr lieben als unseren nächsten Mitmenschen.

Zum zweiten - und davon ist Paulus fest überzeugt - sind wir aber auch Kinder Gottes. Kinder seines Geistes. Und Gottes Geist ist - Liebe, Gerechtigkeit und Friede. Ganz egal also, wo ich herkomme oder was mich geprägt hat: Wenn ich versuche, mich auf Gottes Geist einzulassen, werde ich ein Stück weit frei von meinen eigenen Interessen. Ich kann heraus aus meiner Haut. Wenn Gottes Geist mir hilft, kann ich es wenigstens versuchen.

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18APR2022
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Am frühen Ostermorgen kommt Maria von Magdala auf den Friedhof, auf dem Jesus begraben liegt. In einem Felsengrab - so erzählt es die Bibel im Johannes-Evangelium. In der Geschichte ist sie die erste, die davon erfährt, dass Ostern ist, und dass Jesus von den Toten auferstanden ist.

Das ist ja eigentlich nicht zu glauben. Ein unfassbares Wunder, bei dem es spektakulär zugehen müsste, mit Blitz, Donner oder irgendetwas in der Art. Aber so ist es nicht. Wie also wird es Ostern, für Maria? Was macht den Moment aus, an dem sie spürt, dass der Tod in seiner Sinnlosigkeit besiegt ist?

Maria ist an diesem Morgen am Tiefpunkt. Jesus, der Mann, bei dem sie sich geborgen gefühlt hatte, der sie gesehen hatte - und was sie als Mensch ausmacht - der war gestorben. Ja, er war ermordet worden, völlig sinnlos. Geblieben ist ihr nichts - außer ihrer Trauer.

Aber sogar die wird ihr jetzt, an diesem Morgen auf dem Friedhof genommen. Denn sie findet das Felsengrab geöffnet und leer. Nicht einmal ein Grab, an dem sie sich ihrem Freund und Herren noch ein wenig verbunden fühlen kann, ist ihr geblieben. Ihr bleibt nicht einmal ein Ort für ihre Tränen.

Da begegnet ihr ein Mann - aber er kann ihr nicht helfen. Seine Worte erreichen sie nicht. Ein weiterer Mann spricht sie an - anscheinend der Gärtner des Friedhofs. In der biblischen Erzählung ist dieser Mann Jesus selbst. Aber - Maria erkennt ihn nicht. Sie will von dem vermeintlichen Gärtner nur wissen, wo sie den Leichnam ihres Freundes finden kann. Und obwohl genau der vor ihr steht, ist von Ostern nichts zu spüren. Ob Jesus nun begraben oder schon auferstanden ist - für Maria ist er gestorben.

Doch dann kommt der Moment, an dem es Ostern wird. Ganz ohne Spektakel, Blitz, Donner oder Special Effects. Es ist der Moment, an dem Jesus seine Jüngerin mit ihrem Namen anspricht: Maria.

Maria hört ihren Namen. Spürt, dass da einer ist, der sie meint, der sie kennt: sie, Maria, mit allem, was sie ausmacht. Mit einem Mal ist sie nicht mehr allein. Denn Jesus kennt sie und sie weiß: Bei Gott habe ich einen Platz.

Den eigenen Namen hören, eine Heimat haben, die nichts zerstören kann. Das ist Ostern, meine ich. Denn in dem Moment, an dem Gott selbst meinen Namen ausspricht weiß ich: Ich bin niemals allein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35237
16APR2022
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Samstag - der Tag zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen Tod und Leben. Ein merkwürdiger Tag: irgendwie ist alles in der Schwebe.

Wenn Gott am Kreuz stirbt, ist er dann überhaupt noch da? Ist Frieden noch möglich? Und kommt Gott morgen, an Ostern wieder? Kehrt die Hoffnung zurück?

Samstag, zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen Tod und Leben, ist irgendwie alles in der Schwebe. Zu diesem Tag passt vielleicht ein Gebet, dass früher Franz von Assisi zugeschrieben worden ist. Ich finde, es verändert den Blick auf die Dinge, auf Tod und Leben, Trauer und Hoffnung.

O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe übe, wo man sich hasst;
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt;
dass ich verbinde, da wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich ein Licht entzünde, wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass du mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich andere tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich andere verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich andere liebe.

Denn wer da hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35228
15APR2022
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Karfreitag - Jesus stirbt am Kreuz. Die Gottesdienste heute erinnern daran. Und wir Christen versuchen, Jesus auf seinem unendlich schweren Weg zu begleiten.

Ein Satz der Erzählung macht mir dabei ganz besonders Mühe. Jesus soll ihn gesagt haben in dem Moment, als ihn die Soldaten ans Kreuz schlagen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Wie kann er das sagen? Wieso klagt er nicht über das Unrecht, das ihm angetan wird? Oder wieso sagt er seinen Peinigern nicht, dass sie Unrecht tun?

Dass Jesus um Vergebung bittet für die Soldaten - das geht noch. Wenigstens halbwegs. Aber dass sie nicht wissen, was sie tun? Kann das wirklich sein? Von einem Sohn Gottes wissen sie wahrscheinlich wirklich nichts. Aber dass sie wehrlose Menschen quälen? Das wissen sie doch!

Gerade in diesen Tagen klingt der Satz von Jesus fast unerträglich. Und es gibt ja nicht nur die Gewalt des Krieges. Auch im „normalen“ Alltag geschehen Morde, werden Frauen von ihren Partnern geschlagen, quält ein Mensch den anderen. Wie also umgehen mit den Worten von Jesus. Vergib, denn sie wissen nicht, was sie tun?

Wenn wir Christen heute beim Kreuz stehen, dann gehen wir nicht einfach an der Seite von Jesus mit. Nein, dann stehen wir ja auch bei den Soldaten. Und das sind ganz normale Menschen - nicht anders als Sie oder ich, nicht anders als Soldaten von heute, oder andere Gewalttäter und -täterinnen. Heute, an Karfreitag wird mir klar, dass es nicht einfach nur darum geht, Jesus auf seinem Schreckensweg zu begleiten. Es geht auch darum, mir selbst zu begegnen. Meinen menschlichen Eigenheiten - und auch den Abgründen in meinem eigenen Wesen. Bin ich zu Gewalt fähig? Sind wir alle dazu fähig? Wissen wir immer, was wir anrichten?

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das Gebet von Jesus lässt mich erschauern. Wozu wäre ich selbst fähig? Und womit habe ich anderen bereits geschadet - obwohl ich vielleicht dachte, nichts Unrechtes zu tun?

Der Satz von Jesus, in dem Moment, wie er ans Kreuz geschlagen wird, wird mir weiterhin besondere Mühe machen. Aber nicht, weil ich selbst nicht vergeben könnte - das habe ich jetzt begriffen. Sondern weil ich begreife, wozu wir Menschen fähig sind - und vielleicht auch ich selbst. So schwer die Worte also zu ertragen sind, die Jesus da sagt, so sehr brauche ich sie auch für mein eigenes Leben: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35236
15APR2022
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Hat Gott die Welt verlassen? Hat er die Kriegsgebiete auf unserem Planeten verlassen? Den Menschen in der Not den Rücken gekehrt? Hat Gott den Mann verlassen, der vom Arzt die Diagnose „Krebs“ bekommt? Oder die Frau, die beim Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist?

„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das schreit Jesus heraus, als er – völlig unschuldig – am Kreuz hingerichtet wird. Heute, an Karfreitag, erinnern wir Christen daran. Jesus ruft mit Worten aus einem alten biblischen Gebet: Gott, wo bist Du? Wie kannst du das hier zulassen? Warum bist du nicht auf meiner Seite – wo ich doch immer auf deiner Seite gewesen bin?

Heute, an Karfreitag, dreht sich alles um diese Fragen und diese Not. Wir versammeln uns beim Kreuz und fragen genau das: Wie kann Gott das zulassen?

Antworten gibt es viele – und gleichzeitig keine. Einerseits lässt uns der Glaube hoffen, dass Jesus den Tod und das Leiden überwinden wird, dass die Schrecken ein Ende haben werden, dass es Ostern wird und dass das Leben siegt. Andererseits ist der Schmerz über so viel Leid manchmal übermächtig. Es erscheint mir einfach unmöglich, dass das irgendeinen Sinn haben soll. Wie sollte es einen Gott geben, wenn er solche Schrecken zulässt? In solchen Momenten ist Gott - in mir - gestorben.

Heute ist Gott gestorben. An Karfreitag am Kreuz. Und ich spüre in mir die Frage: Wie ist das nur möglich? Dieses Jahr finde ich keine Antwort darauf. Ich spüre sie einfach nicht wenn ich Jeus rufen höre: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Ich brauche aber Antworten. Also rufe ich weiter, frage ich weiter: Hast du ich verlassen? Hast du deine Welt verlassen? Ich rufe und gebe die Hoffnung eben doch nicht ganz auf, dass ich irgendwann eine Antwort bekomme.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35227
14APR2022
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Ein Mädchen fragt in der Kinderkirche: „Warum sind die Freunde von Jesus denn eingeschlafen? Hatten die keine Angst?“ Ein guter Einwand – zumindest aus der Sicht eines Kindes: Wenn man Angst hat, dann kann man nicht schlafen – dann hat man Angst!“

Die Geschichte, um die es in der Kinderkirche gegangen war, gehört zum heutigen Gründonnerstag. Sie erzählt von Jesus, der tatsächlich große Angst hat. Abends hat er mit seinen engsten Freunden noch das Abendmahl gefeiert. Jetzt verbringt er mit ihnen die Nacht in einem Garten. Und Jesus kann nicht schlafen, denn er weiß: seine Verhaftung steht unmittelbar bevor. Noch in dieser Nacht werden ihn seine Gegner holen, werden ihn quälen und ihm das Leben nehmen. Jesus betet. Und er bittet seine Freunde, mit ihm zu beten, mit ihm wach zu bleiben und gemeinsam diese fürchterlichen Stunden durchzustehen. Aber seine Freunde schlafen ein.

„Wie können die Freunde von Jesus da schlafen?“ Hat das Mädchen aus der Kinderkirche gefragt, „Haben die keine Angst?“ Ein logischer Einwand aus der Sicht eines Kindes. Aber ich vermute, dass sich das ändert, wenn wir erwachsen werden. Ich könnte mir vorstellen, dass die Freunde von Jesus eingeschlafen sind, gerade weil sie Angst haben. Todesangst, wie Jesus. Dazu die Unsicherheit, was da eigentlich auf sie zukommt, was aus ihnen werden soll – und aus ihrem Freund und Anführer Jesus. Weglaufen können sie nicht. Also flüchten sie sich in den Schlaf: Schlafen, Träumen, von der Umgebung und der Angst einfach nichts mehr mitkriegen.

Die Flucht in den Schlaf – sie erinnert mich an das Gefühl von Hilflosigkeit, dass viele Menschen in den letzten Wochen und Monaten verspürt haben. Von vielen habe ich gehört, dass sie lieber keine Nachrichten mehr hören, die Zeitung zulassen, weil man an den Katastrophen dieser Welt eh nichts ändern kann. Wegschauen, sich wegträumen, von der Angst einfach nichts mehr mitkriegen – anders ist es manchmal kaum auszuhalten.

Jesus hat die Angst aushalten müssen. Er konnte nicht schlafen. Und er hätte die Unterstützung und die Gemeinschaft seiner Freunde dringend gebraucht. Sie hätten Jesus nicht retten können, auch, wenn sie wach geblieben wären. Trotzdem finde ich, hätten sie die Augen vor seiner Not nicht verschließen sollen. Sie hätten ihn nicht alleine lassen sollen in seiner Angst.

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