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03SEP2021
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„Am Abend dieses Tages…“ So beginnt in der Bibel eine Erzählung über eine besondere Bootsfahrt, die Jesus mit seinen Jüngern unternimmt.

Die Geschichte passt zur Lage der Kirche im Moment. Denn ich habe das Gefühl, dass es auch dort „Abend“ geworden ist. Die gute Nachricht von Gottes  Liebe und Nähe ist irgendwie verdunkelt – durch Skandale, scharfe Debatten, aber auch weil so viele frustriert sind. Und wenn es um die Zukunft der Kirche geht, höre ich meist düstere Prognosen. Es scheint Abend geworden zu sein in meiner Kirche.

In der Bibel heißt es, dass Jesus mit seinen Jüngern abends in ein Boot steigt und kaum sind sie unterwegs, kommt ein heftiger Wirbelsturm auf. Schnell macht sich Panik breit.

Und ich? Ehrlich gesagt: als Christin, die mit im Boot namens Kirche sitzt, kenne ich diesen Sturm nur gut.

Die Verbrechen des Missbrauchs, die tiefen Gräben und Kämpfe innerhalb der Kirche, berechtigte Vorwürfe von außen, aber auch Hass und Häme – all das drängt auf mich ein. Der Untergang der Kirche scheint unausweichlich zu sein. Und wie die Jünger, befürchte auch ich, dass wir untergehen.

In der biblischen Geschichte bringt Jesus den Sturm mit nur drei Worten zum Schweigen. Jesus sagt: „Schweig, sei still.“ Und augenblicklich kehrt völlige Ruhe ein.

Doch wenn es um die Stürme heute geht, z.B. den Missbrauch, dann ist Schweigen ja gerade nicht die Lösung. Im Gegenteil: Das Schweigen muss gebrochen werden. Die Opfer müssen zu Gehör kommen. So laut es nur geht. Also tobt der Sturm weiter.

Und mitten im Sturm überlege ich: Soll ich das sinkende Schiff vielleicht lieber verlassen? Wenn ich das Schiff Kirche nicht retten kann, dann doch wenigstens mich selbst.

Aber dann hätten Verbrechen, wie die des Missbrauchs, mich dazu gebracht, dass ich von Bord gehe. Und stattdessen diejenigen das Steuer übernehmen, die mit an dem schuld sind, was alles passiert ist. Ich finde: Genau umgekehrt muss es sein! Jetzt erst recht! Damit die Missbrauchstäter nicht das letzte Wort haben.

Jetzt erst recht bleibe ich in der Kirche und werfe mich mit ganzer Kraft in den Sturm, liebe und tue Gutes, so gut ich kann. Und ich sitze nicht allein im Boot. An jeder Seite wird entschlossen gerudert. Da sind so viele engagierte Christinnen und Christen, die dem Sturm trotzen. Mit ihnen kann aus dem Wirbelsturm ein Wind werden, der die Segel der Kirche neu mit Liebe füllt. Sodass das ganze Schiff eine neue und gute Richtung einschlägt.

Ich bleibe dabei, mitten im Sturm.

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02SEP2021
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„Die Simpsons“ – das ist eine meiner absoluten Lieblingsserien. Die Familie Simpson, das sind Vater Homer, Mutter Marge und die Kinder Bart, Lisa und Maggie. Die Geschichten über die gelbe Familie laufen schon seit über 30 Jahren im Fernsehen und zwar weltweit.

Eine der 700 Folgen erzählt diese Geschichte: Vater Homer verdient den Lebensunterhalt für seine Frau und seine beiden Kinder in einem Kraftwerk. Auch wenn diese Arbeit gutes Geld bringt – Homer hasst seinen langweiligen Job. Sein Traum ist es, irgendwann auf einer Bowling-Bahn zu arbeiten.

Endlich ist es soweit: Homer kann seinen Arbeitsplatz wechseln und arbeitet auf der Bowlingbahn. 

Doch das Glück währt nicht lange. Nach nur wenigen Wochen im Traumjob wird seine Frau Marge nochmal schwanger, mit der kleinen Maggie. Jetzt bleibt Homer nichts anderes übrig, er muss seinen Traumjob wieder kündigen und zurück ins Kraftwerk. Nur dort verdient er genug, um die wachsende Familie zu ernähren.

Sein fieser Chef macht ihm die Rückkehr schwer. Er lässt Homer erst um seinen Job betteln und dann auch noch ein großes Schild an seinem Arbeitsplatz anbringen. Auf dem steht auf Englisch: „Don´t forget, you´re here forever“ – „Vergiss nicht, du bist für immer hier“. Homer ist deprimierter als jemals zuvor.

Nach einigen Monaten kommt Maggie zur Welt. Und (es geschieht etwas Wunderbares:) Homer verliebt sich auf den ersten Blick in seine kleine Tochter.

Dann ist Szenenwechsel. Man sieht Homer, wie er einige Jahre später an seinem Arbeitsplatz sitzt. Das Schild mit dem fiesen Spruch ist noch da, aber etwas hat sich verändert: Es ist fast völlig zugeklebt mit Kinderfotos der kleinen Maggie. Homer hat sie so angeordnet, dass nur noch ein paar Buchstaben zu lesen sind. Jetzt steht dort: „Do it for her“ –  „Tu es für sie“.

Aus seiner schwierigen Lage kann Homer nur schwer heraus. Aber er schafft etwas Besonderes. Er nimmt seine Lage an und verwandelt sie in etwas Positives. Das gelingt ihm, weil er seine Tochter liebt.

Ich glaube, wenn ich weiß, warum und vor allem für wen ich etwas tue, dann kann ich nicht nur vieles ertragen, sondern die Dinge vielleicht auch in einem neuen Licht sehen. Genau wie Homer Simpson.

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01SEP2021
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„Für dich ist ja alles einfach, du glaubst an Gott.“

Das sagt Thomas und zwinkert mir dabei schelmisch zu. Thomas hat normalerweise wenig mit Kirche und Glauben zu tun. Seit einer halben Stunde sind wir heiß am Diskutieren. Als er mich fragt, warum ich für die Kirche arbeite, antworte ich ihm: „Ich arbeite für dir Kirche, weil ich darauf vertraue, dass Gott mich dorthin stellt, wo er mich braucht.“

„Ach…“, seufzt Thomas und dann kommt eben sein Satz: „für dich ist ja alles so einfach, du glaubst an Gott.“

Klar, Thomas will mich aufziehen, aber er meint es auch ernst.

Wir reden weiter und ich erzähle ihm, dass für mich nicht alles einfach ist, nur weil ich glaube. Im Gegenteil: Ich kämpfe so oft mit Gott.

In der Bibel, im Alten Testament, wird die Geschichte von Jakob erzählt. Wie er mit Gott in einen Kampf gerät. Jakob will in der Nacht einen Fluss überqueren und trifft dabei auf Gott, erkennt ihn aber nicht. Die beiden fangen an miteinander zu ringen und kämpfen die ganze Nacht. Erst als es wieder hell wird und die Morgenröte schon am Himmel steht will sich Gott schließlich losreißen. Aber Jakob merkt: dieser Kampf ist entscheidend. Er sagt zu Gott: „Nein, ich lasse dich nicht los, bevor du mich nicht segnest.“ Dann segnet Gott Jakob. Und jetzt erkennt Jakob, dass es Gott ist, mit dem er da in der Dunkelheit gerungen hat.

Auch ich ringe und kämpfe mit Gott, wenn es um mich herum dunkel wird: Wenn das Vertrauen, dass ich in eine Person gesetzt habe, enttäuscht wird. Wenn ein geliebter Mensch stirbt. Oder wenn eine gute Freundin mit ihren Depressionen kämpft und ich ihr nicht helfen kann.

Dann bete ich zu Gott und schlage mit meinen Vorwürfen wütend um mich. Aber ich lasse Gott nicht los. Gerade dann ist er besonders nahe. Weil ich ihn brauche, gerade jetzt. Und nach dem Kämpfen, am Ende der Nacht, kann ich ihn klarer sehen als zuvor.

Ob es mir gelingt, Gott mein Leben lang festzuhalten? Das weiß ich nicht. Aber ich hoffe es. Und ich hoffe, dass am Ende Gottes Segen steht. Ein Segen, der wie eine Hoffnung ist, die immer heller wird. Wenn Trauer zu Trost wird oder wenn ich wieder vertrauen kann und sei es nur ein bisschen. Das kann der Anfang von einem strahlenden Morgen sein. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen.

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31AUG2021
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Ich bin keine Superheldin.

Unter meinen Alltagskleidern ist kein Superwomankostüm mit rotem Cape versteckt. Ich kann nicht akrobatisch von Hochhaus zu Hochhaus springen und ich bekämpfe keine Bösewichte. Und vor allen Dingen bin ich verletzlich.

Superhelden aber sind unverwundbar.

Das dachte ich jedenfalls. Bis ich vor kurzem ein paar klassische Superhelden-Filme angeschaut habe.

Und da habe ich etwas gelernt: Superhelden haben Schwächen.

Der Superheld Batman zum Beispiel fürchtet die Fledermäuse und Superman hat Angst vor dem sogenannten Kryptonit - einem gefährlich strahlenden Mineral von seinem Heimatplaneten. Alle Superhelden haben etwas, was sie verletzbar macht. Und weil das so ist, haben sie Angst.

Wenn Superhelden also echte Schwächen und sogar Ängste haben – was macht sie denn dann überhaupt zu Superhelden?

Vielleicht bin ich dann ja irgendwie doch eine Superheldin. Denn Schwächen und Ängste habe ich jede Menge. Zum Beispiel streite ich nicht gerne. Konflikte sind sozusagen mein „Kryptonit“.

Gleichzeitig will ich für das, woran ich glaube und was ich für richtig halte, einstehen. Wenn um mich herum etwas passiert oder gesagt wird, das meinen Überzeugungen widerspricht, kann ich das nicht einfach so hinnehmen.  Zum Beispiel wenn etwas ungerecht ist. Dann muss ich etwas dagegen tun. Das Problem dabei ist, dass es dann leicht zu Streit kommen kann. Und grade vor offenen Konflikten habe ich ja eigentlich Angst. Es wäre aber nicht ok, deswegen meinen Mund zu halten, mich einfach weg zu ducken. Also muss ich tapfer sein.

Beim Wort „tapfer“ habe ich bisher immer an unverwundbare und furchtlose Superhelden gedacht. Aber ich glaube, tapfer zu sein, bedeutet mehr: nämlich etwas anzugehen, obwohl man Angst hat, z.B. vorm Streiten.

Auch wenn ich weiß, dass ich mir dabei eine Verletzung zuziehen kann. Gemeine Bemerkungen, die mich treffen; das Gefühl, abgelehnt zu werden oder die Enttäuschung, wenn ich einfach nicht gehört werde. Davor kann ich schon mal Angst haben. Aber meine Ängste müssen auch gar nicht weg, sie gehören zu mir. Und sie gehören sogar ganz wesentlich zum Tapfer-Sein dazu. Ich achte behutsam auf meine Grenzen, aber wenn ich merke, jetzt muss ich für eine Herzenssache kämpfen, dann gehe ich mutig voran. Dann bin ich tapfer, weil ich Angst habe. Ich glaube, das macht eine Superheldin wirklich aus.

Der Apostel Paulus sagt im Neuen Testament: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“.

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30AUG2021
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Ich liebe es zu reisen. 

Die ganz großen Reisepläne mussten zwar auch in diesem Sommer noch in der Schublade bleiben, aber Wandern in den Bergen, die Füße in kühle Seen baumeln lassen und durch verschlafene Küstenstädtchen flanieren – das war diesen August wieder möglich.

Wohin die Reise geht, spielt für mich gar keine große Rolle. Reisen macht mich einfach glücklich. Ich glaube, das liegt vor allen Dingen daran, dass ich auf jeder Reise erstaunt über die Welt bin – darüber wie schön sie ist. Ich kann dann stundenlang auf Berggipfeln sitzen und den Ausblick bewundern. Die ganze Welt erscheint mir dann wie ein einziges Wunder. Manchmal verliere ich mich ganz darin.

Das haben Menschen schon immer so erlebt. Und Augustinus, ein Heiliger aus dem 5. Jahrhundert, hat seine Gedanken dazu aufgeschrieben. In seiner Biographie, den sogenannten „Confessiones“, heißt es: „Da gehen die Menschen hin und bestaunen die Gipfel der Berge, die ungeheuren Wogen des Meeres, das gewaltige Strömen der Flüsse, die Größe des Ozeans und die Kreisbahnen der Sterne, aber sie vergessen dabei sich selbst.“

Soweit Augustinus. Ich verstehe seine Worte so: Wenn man auf Reisen die Welt bewundert, kann es passieren, dass man dabei das größte Wunder aus den Augen verliert: sich selbst. All das, was ich denken und fühlen kann, meine Erinnerungen und Empfindungen – das nennt Augustinus den „unendlichen Innenraum“ und der stellt für Augustinus jeden Berggipfel in den Schatten. Alles, zu was wir Menschen fähig sind. Wir versöhnen, packen an, hören zu, träumen und spielen mit Gedanken, haben Mitleid oder finden Auswege. Und noch etwas:

Meine Urlaube und Reisen, sie gehen vorbei. Doch in meinem Innern bleiben sie lebendig. Ich muss nur die Augen schließen, dann kann ich das Meer riechen – fast so, als wäre ich wieder da. Dort, in den bunten Bildern meiner Erinnerungen und Gefühle, finde ich Ruhe und Kraft.

Der heilige Augustinus packt mir damit eine große Weisheit in den Reise-Koffer: So bewundernswert die Welt ist, sollen wir Menschen auch beim Reisen nicht vergessen, dass wir selbst auch bewundernswert sind.  

Denn eine erstaunliche Welt ist das eine. Aber wie muss erst das Wesen beschaffen sein, dass diese erstaunliche Welt bestaunen kann?

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22JAN2021
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Es gibt einen Satz von Jesus, der fordert mich heraus: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin!“

Ich denke daran, wie mich vor kurzem auf der Arbeit jemand am Telefon richtig zur Schnecke gemacht hat. Ich hatte gar nichts falsch gemacht, war ruhig und freundlich. Trotzdem musste ich mir am Telefon einiges anhören. Ich habe mich dabei ungerecht behandelt gefühlt und ohnmächtig.
Und so jemandem, soll ich keinen Widerstand leisten, sondern auch noch die andere Wange hinhalten? Sorry, aber ich bin doch kein Fußabtreter.

Dass man sich alles gefallen lassen muss, das hat Jesus mit diesem Satz glaube ich auch nicht gemeint. Sondern: Zurückschlagen hilft mir in so einer Situation nicht weiter. Wenn ich am Telefon zurückkeife, dann verwickle ich mich vermutlich nicht nur in einen handfesten Streit, sondern ich lasse mich auch auf das üble Spiel meines Gesprächpartners ein.

Viel besser ist es, dem Rat von Jesus zu folgen, denn das heißt: ich lasse den Angriff einfach ins Leere laufen. Ich kann dem Herrn am Telefon zum Beispiel ganz ruhig, aber bestimmt sagen, dass mir auffällt, wie unfreundlich er mit mir spricht und ich nicht bereit bin, mich in diesem Ton weiter zu unterhalten. Ich leiste dann keinen Widerstand, sondern überlasse diesen Menschen seiner eigenen Wut. Wenn ich ruhig und gelassen bleibe, dann lasse ich das Problem beim Anderen. Da, wo es herkommt. Die andere Wange hinzuhalten heißt ja auch: Ich soll nicht einfach davonlaufen, sondern mich der Person stellen und dem Konflikt die Stirn bieten. Ich bleibe da, schlage nicht zurück und zeige meinem Gegenüber, was da grade zwischen uns passiert. Sage ihm damit: „Schau mal, wer da vor dir steht und was du gerade mit ihm machst.“

Wenn ich wieder in so eine Situation wie am Telefon gerate, dann kann ich an diesen Satz von Jesus denken. Und ich kann bitten: „Jesus, gib mir die Balance, die mir jetzt fehlt. Steh mir zur Seite und schenke mir die Geduld, die ich brauche. Hilf mir, mein Gegenüber durch meine friedliche Reaktion zu erreichen. Was ich aber nicht schaffe, das gebe ich ab an dich, Gott. Denn was mir schwerfällt, das fällt dir leicht.“

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21JAN2021
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Als Kind habe ich immer wieder mal Ärger bekommen: mit meinen Eltern, mit meinen Lehrern oder mit meiner großen Schwester. Der meiste Ärger war gleich wieder Schnee von gestern. Aber als ich sieben Jahre alt war, da habe ich ein richtiges Donnerwetter erlebt.

Meine beste Freundin und ich waren mit den Fahrrädern unterwegs. Wir wollten echte Entdeckerinnen sein und sind deshalb tief in den Wald gefahren. Beim Spielen haben wir völlig die Zeit vergessen und nicht gemerkt, wie es langsam schon dunkel geworden ist. Zu Hause habe ich dann einen Riesen-Ärger bekommen. Meine Eltern wussten nämlich nicht, wo ich den ganzen Tag über abgeblieben war und haben mich und meine Freundin überall im Dorf gesucht. Mein geliebtes Fahrrad wurde für zwei Wochen weggesperrt.

Damals als Kind fand ich das einfach nur unfair. Heute verstehe ich meine Eltern. Und dieses Erlebnis aus meiner Kindheit zeigt mir etwas Wichtiges, nämlich: was es eigentlich heißt, jemanden zu lieben. Zu lieben heißt eben nicht, den anderen einfach nur gut zu finden, so wie er ist. Sondern: Sich wirklich das Beste für den anderen zu wünschen und ihn ernst zu nehmen in dem, was er macht.

Wenn mein Verlobter zum Beispiel tagelang bis spät nachts arbeitet, obwohl er erschöpft und müde ist, dann gibt’s Ärger, und zwar von mir. Und wenn meine Oma, die nicht mehr ganz sicher auf den Beinen ist, versucht, auch noch die steile Haustreppe zu putzen, dann bekommt sie was von mir zu hören.

Weil ich den Menschen, die ich liebe, nur das Beste wünsche, kann es mir unmöglich egal sein, wenn sie etwas tun, was schlecht oder gefährlich für sie ist. Ich liebe sie ja trotz ihrer Fehler, und nicht weil sie Fehler machen.

Und weil ich meinen Verlobten und meine Oma wirklich liebe, wünsche ich mir, dass die beiden das Richtige tun – das, was wirklich gut für sie ist. Also zum Beispiel sich genügend Erholung und Ruhe gönnen. Oder sich beim Treppenputzen nicht in Gefahr bringen, sondern sich helfen lassen.
So gesehen, ist Ärger manchmal ein echter Liebesbeweis.

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20JAN2021
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Im neuen Jahr fällt es mir gar nicht so leicht, wieder im Arbeitsalltag anzukommen. Wegen Corona ist immer noch alles anders. Die ersten Konferenzen unseres Teams finden in Videokonferenzen statt. Meine Schulklassen schicken mir ihre Hausaufgaben per Mail. Überall fehlt es an persönlichem Kontakt. Trotzdem geht die Arbeit weiter. Und obwohl erst Urlaub war, bin ich schon wieder richtig angestrengt. Vermutlich, weil ich die Aufgaben der kommenden Wochen alle auf einmal sehe. Wie einen riesigen Berg, der sich vor mir auftürmt.

Auch privat ist manches komplizierter. Mein Verlobter und ich planen unsere Hochzeit. Der Trautermin in der Kirche und die Feier-Location stehen schon lange fest. Mein Brautkleid ist gekauft. Letztes Jahr waren wir noch zuversichtlich, dass wir im Frühling ein schönes Fest feiern können. Aber jetzt fragen wir uns, ob unsere Hochzeit überhaupt stattfinden kann.

Wenn ich all das vor mir sehe, denke ich: Wie klärt sich das wohl alles und wie soll ich das bloß alles bewältigen? Obwohl das neue Jahr grade erst Fahrt aufnimmt, bin ich schon so erschlagen, dass ich gar nicht erst loslegen will.

Mir fällt die Geschichte von Beppo, dem Straßenkehrer ein. Sie stammt von Michael Ende und steht im Kinderbuch „Momo“. Da erzählt der alte Beppo seiner Freundin Momo ein Geheimnis. Er erklärt ihr, wie er bei seiner Arbeit zufrieden sein kann, ob- wohl die Aufgaben nie leichter und weniger werden. Beppo sagt zu Momo: „Der Fehler beim Straßenkehren ist, an die ganze Straße zu denken, die vor dir liegt. Dann glaubst du, so eine lange Straße kann ich niemals schaffen.“ Und dann erklärt Beppo seinen Trick: Denke immer nur an den nächsten Schritt. Auf einmal merkst du, dass du Schritt für Schritt die ganze Straße geschafft hast. Ohne, dass du dabei aus der Puste gekommen bist.

Für mich hat Beppo damit ein Geheimnis gelüftet: Nicht nur, wie man große Aufgaben bewältigen kann, sondern auch, dass alles, auch die großen und schwierigen Dinge immer mit einem ganz kleinen Anfang beginnen und aus vielen kleinen Schritten bestehen. Das „Prinzip Beppo“ hilft mir nicht nur jetzt im neuen Jahr, sondern immer dann, wenn ich eine große Herausforderung vor mir habe. Denn wie groß die Herausforderung auch ist und wie ungewiss die Zukunft, die vor mir liegt: In kleinen Schritten kann ich Großes schaffen.

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19JAN2021
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Ein junges Mädchen namens Agnes wartet aufgeregt auf ihr Bewerbungsgespräch. Im Wartebereich neben ihr sitzt ein Mann. Als er bemerkt, wie nervös Agnes ist, gibt er ihr einen verrückten Tipp: „Sagen Sie Ihrem Chef beim Gespräch einfach er sei schön. Das wirkt wahre Wunder. Und es ist auch kein unehrliches Kompliment, denn wenn man jemandem sagt, dass er schön ist, macht ihn das schön.“

Gleich darauf ist es soweit. Agnes sitzt in ihrem Bewerbungsgespräch und nimmt all ihren Mut zusammen. Sie schaut dem Mann, der vielleicht ihr Chef wird, in die Augen und sagt mutig: „Sie sind schön!“ Der ist total perplex. Denn eigentlich hält ihn jeder für einen fiesen Kerl. Aber ab dem Moment, in dem er von Agnes hört, dass er schön ist, fängt er an sich zu verändern. Er wird immer liebenswürdiger und ist zu allen nett und freundlich.

Diese Geschichte erzählt das Theaterstück „Der Apoll von Bellac“. Und im Mittelpunkt steht dieses Zauberrezept: Wenn ich jemandem sage, dass er schön ist, macht ihn das schön. Aus diesem Gedanken hat sich sogar eine Methode in der Psychotherapie entwickelt, die sogenannte Bellac-Technik.

Mir ist aufgefallen, dass Jesus genau das Gleiche tut. Und zwar mit einem stadtbekannten Fiesling in Jericho namens Zachäus. Zachäus betrügt die Menschen und bereichert sich, wo er kann. Niemand kann ihn leiden. Aber als er Jesus trifft, sagt der sagt zu ihm: „Noch heute will ich bei dir zu Gast sein!“ Und ab dem Moment macht Zachäus eine echte Kehrtwende durch: Er beschließt, sein Geld von nun an mit Menschen zu teilen, die es brauchen.

Ich glaube, so wie der unbeliebte Chef durch das Kompliment von Agnes, so konnte Zachäus sich so radikal verändern, weil Jesus bei ihm zu Hause war. Damit hat Jesus ihm gezeigt, dass er schön ist – obwohl er sich so hässlich verhalten hat. Jesus hat in Zachäus nicht nur gesehen, wer er ist, sondern auch, wer er sein kann. Und so ist seine beste Seite erst zum Vorschein kommen.
Was mir dadurch klar geworden ist: Ich kann auf negative Menschen negativ reagieren und sie so vielleicht weiter in ihren fiesen Rollen bestärken. Oder ich kann dem Beispiel von Agnes und Jesus folgen und einfach mal probieren, nett und freundlich zu ihnen zu sein. Wenn ich selbst meine Haltung gegenüber anderen Menschen verändere, haben sie die Chance, sich auch zu verändern.

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18JAN2021
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Als kleines Kind hatte ich oft Angst im Dunkeln. Wenn ich nachts im Bett gelegen bin, habe ich ängstlich in die dunklen Ecken meines Kinderzimmers gestarrt. Oft sah es dann so aus, als würde sich da etwas in der Dunkelheit bewegen. Obwohl ich noch so klein war, hatte ich dann große Sorgen: Lauert da vielleicht ein böses Monster neben meinem Kleiderschrank?

Nachts wach liegen, das kenne ich heute noch. Nur halten mich heute nicht mehr die Monster in den dunklen Zimmerecken vom Schlafen ab, sondern die Sorgen und Ängste in meinem Kopf. Ich denke an ein Paar, Freunde von mir, das sich schon lange ein Kind wünscht. Kurz vor Weihnachten wurden ihre Hoffnungen auf eine Schwangerschaft wieder bitter enttäuscht. Ich habe meine Freunde schon länger nicht mehr getroffen und grade jetzt wäre ich gerne mehr für sie da. Aber im Moment ist das schwierig. Wie kann ich ihnen helfen? Ob ich es morgen schaffe, sie anzurufen?
So liege ich wach im Bett und wälze meine Sorgen.

Als kleines Kind bin ich mit meinen Ängsten fertig geworden, indem ich schnell das Licht angemacht habe oder meine Mutter das Nachtlicht eingeschaltet hat. Dann habe ich sofort gesehen: mein Kinderzimmer ist monsterfrei. Aber wie vertreibe ich heute die Sorgen aus meinen Gedanken? Wie mache ich in den dunklen Ecken in meinem Kopf das Licht an?
Ich kann meine Sorgen und Ängste nicht einfach ausknipsen. Aber ich kann nach einer anderen Lichtquelle suchen. Und das ist für mich: Gott.

Wenn ich nachts wach im Bett liege und nicht einschlafen kann, dann fange ich an zu beten. Ich spreche Gott direkt an und erzähle ihm von meinen Ängsten, vertraue ihm meine Sorgen an. Je länger ich bete, umso deutlicher kann ich hören, was Gott mir sagt, wenn um mich herum nur noch Nacht ist. Ich denke an seinen Zuspruch aus der Bibel:
„Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir; hab keine Angst, denn ich bin dein Gott. Ich helfe dir, ich mache dich stark. Ich halte dich mit meiner rechten Hand (Jes 41, 10).“ Ich fühle mich getröstet, wie früher als Kind. Und in meinem Kopf wird es etwas heller. Gott ist für mich, auch als erwachsene Frau, so etwas wie ein kleines Nachtlicht.

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