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28NOV2021
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Das Lied erzählt die Geschichte eines Aufbruchs:

Musik

Die junge Maria macht sich auf den Weg zu ihrer älteren Cousine Elisabeth. Sie sucht das Gespräch von Frau zu Frau. Denn sie ist schwanger und unverhofft in diese anderen Umstände geraten. Ihr Leben, das vor kurzem noch ganz klar vor ihr lag, gleicht plötzlich einem dichten Gestrüpp, in dem sie sich nur verfangen kann. Von überall her drohen Verletzungen. 

Musik

Das Lied nimmt mich mit auf den Weg in die beginnende Adventszeit. Es klingt so, wie ich mir meine Wege im Advent gern vorstelle: Ruhig und zielgerichtet. Bewusst einen Schritt vor den andern setzend, mit viel Zeit, um dem nachzuspüren, was Raum braucht und sich entfalten möchte. Was will wachsen? Was reift heran? Ich überlasse mich der alten Melodie.

Musik

In dem Augenblick, in dem Maria sich ganz auf das Kind unter ihrem Herzen besinnt, verändert sich die abgestorbene Landschaft um sie herum. Als ob von dem kleinen Keim in ihrem Bauch eine große Grünkraft ausginge, die sich durch sie hindurch auf die ganze Welt überträgt. So wie in einer biblischen Vision: „Die Wüste und das dürre Land werden fröhlich sein. Die Steppe wird jubeln und blühen wie eine Lilie.“  

Musik

In der kommenden Adventszeit möchte ich Maria auf diesem Weg folgen.
Der Christuskraft vertrauen, die Rosen aus Dornen aufblühen lässt und totes Holz zu neuem Leben erweckt. So wie die Dichterin Hilde Domin es sagt: „Wer sich anstecken lässt vom Leitstern der Sehnsucht, wer den ersten Schritt in die Zukunft wagt, dem ist gesagt: Fürchte dich nicht! Es blüht hinter uns her!“

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21NOV2021
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Zurzeit träume ich viel. Manchmal setzen sich die Katastrophenbilder aus den Nachrichten oder Szenen aus einem Fernseh-Krimi in meinen Träumen fort. Mit mir in der Hauptrolle! Dann bin ich froh, wenn ich aufwache, und die Schrecken wieder abschütteln kann. Ganz anders bei schönen Träumen. Im Schwebezustand zwischen Traum und Tag denke ich: Noch nicht aufwachen! Weiterträumen! Es ist gerade so schön! 

Der Prophet Jesaja hatte auch Träume. Seine schönsten sind in der Bibel aufgeschrieben, und einer davon wird heute, am Ewigkeitssonntag in vielen evangelischen Gottesdiensten vorgelesen. Jesaja träumt von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Wie durch einen vorsichtig geöffneten Türspalt lässt er uns einen Blick in Gottes Ewigkeit werfen. Ich lausche seinen Worten und sehe die Welt vor mir wie in einem wunderschönen Traum: Auf den ersten Blick hat sich kaum etwas verändert: Heimatliche Landschaft. Dieselben Hügel und Häuser, dieselben Straßen und Wege. Aber etwas ist anders. Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife: Ein unbeschreiblicher Friede liegt über allem. Und er breitet sich bis tief in mein Innerstes aus. Ich sehe: Die Menschen wohnen in ihren Häusern und gehen ihrer Arbeit nach wie jeden Tag, aber jegliche Hetze ist aus ihren Gesichtern und ihren Bewegungen verschwunden. Es ist, als stehe die Zeit still. Kinder spielen und toben auf den Plätzen, von keiner Gefahr bedroht, meine Katze küsst ganz zärtlich einen Buntspecht. Kein Gekreisch, kein Gezeter, kein Gemecker. Dann entdecke ich: Alle Zäune sind weg, von den Gärten und an den Grenzen. Jeder Mensch kann gehen, wohin er will, niemand hält einen auf. Aber es will auch gar niemand mehr weg aus dem Land, in dem er geboren wurde, denn überall herrscht Frieden. Kein Krieg, kein Elend, keine Not weit und breit. Das Land wird bebaut und bringt Früchte. Alle haben genug.

Leider nur ein Traum - ein uralter Menschheitstraum. Ich weiß, dass ich aufwachen und der Realität ins Auge sehen muss. Aber Jesajas Traum öffnet wirklich einen kleinen Spalt breit die Tür zu einer neuen Welt. Hier ist Gottes Plan für einen neuen Himmel und eine neue Erde, und dahin sind wir unterwegs. Einen Spalt weit steht die Tür schon offen, und eines Tages, am Ende meines Lebens, werde ich ganz hindurchgehen und dieses Land der Ewigkeit betreten. Bis es so weit ist, geben die Bilder mir Kraft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

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17NOV2021
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Die erste Predigt, die Jesus gehalten hat, war kurz. Sehr kurz. Kürzer als jedes Wort zum Tag. Sie bestand nur aus vier Sätzen: Die Zeit ist erfüllt! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! Tut Buße! Glaubt an das Evangelium! Zwei Ansagen, zwei Aufforderungen. Genial einfach.

500 Jahre später hat Martin Luther schon 95 Sätze gebraucht, um alles zu sagen, was ihm für seine Zeit wichtig war. Aber sein erster Satz knüpft direkt an diese Kurzpredigt Jesu an. Er heißt: „Wenn Jesus Christus spricht: „Tut Buße“ hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“

Heute ist Buß- und Bettag. Wie viele Sätze braucht es wohl, um zu beschreiben, was Buße für uns heute bedeutet? Wozu fordert Jesus auf, wenn er sagt: Tut Buße? Und was meint Luther damit, dass das ganze Leben Buße sein soll?

Ich habe in eine der neueren Bibelübersetzungen geschaut. Dort wird die Viersatzpredigt von Jesus so wiedergegeben: Die von Gott bestimmte Zeit ist da. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nah. Ändert euer Leben! Und glaubt dieser guten Nachricht.

Heute ist also „Ändert euer Leben“ und betet-Tag. Spontan muss ich denken: In meinem Leben hat sich gerade so viel verändert. Ich bin umgezogen, habe einen neuen Job, ich sehne mich gerade viel mehr nach Alltag und Beständigkeit, nach verlässlichen Routinen, als nach Veränderung. Auch aus Politik und Gesellschaft wird täglich der Ruf an mich herangetragen, mein Leben zu ändern: Mein Konsumverhalten, meinen Energieverbrauch, meine Ernährung. 

Und jetzt stößt auch noch die Kirche in dieses Horn. Nicht nur am „Ändere dein Leben und bete“- Tag, nein, das ganze Leben soll umgekrempelt werden.

Aber es gibt einen kleinen feinen Unterschied: Im Hintergrund der Forderungen aus Politik und Gesellschaft hängt eine große tickende Uhr. Die zeigt ständig auf fünf vor zwölf. Manchmal auch auf fünf nach zwölf. Im Hintergrund der Aufforderung Jesu steht eine ganz andere Zeitansage, nämlich: „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Sein Reich kommt jetzt den Menschen nah. Glaubt dieser guten Nachricht.“ Das will ich tun. Denn es ist nicht egal, aus welcher Motivation ich mein Leben ändern soll. Ob aus Angst vor dem Untergang oder im Vertrauen darauf, dass Gott der Welt ein Ziel gesetzt hat.

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16NOV2021
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„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Diesen Satz habe ich zum ersten Mal aus dem Mund meiner Großmutter gehört. Ich war sprachlos, denn das sch-Wort zu benutzen, war mir strengstens verboten. Und dann kam auch noch der Teufel vor! Es musste sich um eine ungeheuerliche Sache handeln, wenn meine Oma so drastische Ausdrücke benutzen durfte. Sie gehörte zu der Generation von Frauen, die im Krieg alles verloren haben. Aus dem Nichts alles wieder aufbauen mussten. Und sie hatte ein sehr feines Gespür dafür, wenn es im Leben nicht gerecht zuging. Wenn diejenigen, die sowieso schon genug oder viel zu viel hatten, immer noch eins obendrauf bekamen. Und andere sich abrackerten, ohne je auf einen grünen Zweig zu kommen.   

Gewundert hätte sich meine Großmutter darüber, dass ihre Lebensweisheit schon in der Bibel steht. Und dass Jesus, den sie im Leben fest auf ihrer Seite wusste, diesen fiesen Teufel sogar noch bestätigt. Denn einmal schließt er eine Erzählung mit den Worten: „Wer etwas hat, dem wird noch viel mehr gegeben, er bekommt mehr als genug.“

Der amerikanische Soziologe Robert Merton hat diesen Zusammenhang untersucht und herausgefunden: Es stimmt! Wer schon etwas hat, der bekommt immer noch etwas dazu. Das gilt nicht nur für Investmentbanker. Auch im Bildungsbereich lässt es sich nachweisen: Bekannte Wissenschaftler werden häufiger zitiert als unbekannte. Und es fängt schon in der Schule an: Leistungsstarke Schülerinnen profitieren viel stärker vom Unterricht als Leistungsschwache. Robert Merton hat dieses Prinzip den Matthäus-Effekt genannt, weil der Satz im Matthäusevangelium steht. Diesen Effekt zu leugnen, wäre kurzsichtig. Auch Jesus hat die Augen vor der Realität nicht verschlossen.  Und nur, was ich sehe, kann ich auch ändern.

Denn ich möchte diesem fatalen Zusammenhang etwas entgegensetzen. Das nenne ich mal den Lukas-Effekt. Denn im Lukasevangelium sagt Jesus: „Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel verlangt. Und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr gefordert.“ Und so nehme ich es nicht einfach als gegeben hin, dass Erfolg zu Erfolg führt, sondern frage danach, welche Verpflichtungen sich daraus ergeben. Ein paar Jahre lang bin ich zum Beispiel einmal in der Woche als Lesepatin in eine Grundschule gegangen. Dort habe ich mit Kindern, denen das schwergefallen ist, das Lesen geübt. Zusammen haben wir uns gefreut, wenn aus Buchstaben Sätze geworden sind und Wörter plötzlich Sinn ergeben haben. Und vielleicht haben wir sogar hie und da dem Teufel ein Schnippchen geschlagen, wenn er sich mal wieder auf einen der großen Haufen setzen wollte. 

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15NOV2021
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Immer häufiger kommt es in letzter Zeit vor, dass ich in einem Lokal vom Kellner einfach geduzt werde. „Was kann ich Dir bringen?“, fragt er freundlich und ganz ohne Spott. Manchmal freut mich das. Dann bilde ich mir ein, einen besonders jugendlichen Eindruck erweckt zu haben. Manchmal irritiert es mich aber auch. Dann möchte ich zurückfragen: „Kennen wir uns? Oder woher kommt es, dass Sie mich einfach mit Du ansprechen?“ Klar ist: Der Umgangston in der Gesellschaft wird immer lockerer.

Für die Frage, wer wem das Du antragen darf, gibt es genaue Regeln: Der Ältere dem Jüngeren. Die Ranghöhere der in der Hierarchie unter ihr Stehenden. In meinen ersten Berufsjahren habe ich meine älteren Kollegen selbstverständlich gesiezt. Und keiner von diesen Pfarrherren ist je auf die Idee gekommen, mir das Du anzubieten. Heute ist es selbstverständlich, sich im Kreis von Kolleginnen und Kollegen von der ersten Begegnung an zu duzen. Ich finde das schön, denn es unterstreicht den Gedanken einer gemeinsam verantworteten Aufgabe. So wie in anderen Parteien und Verbänden das Duzverhältnis zum Programm gehört.

Wollen wir uns duzen? In manchen Ländern stellen sich solche Fragen erst gar nicht. Im Englischen oder Dänischen wird nicht zwischen Du und Sie unterschieden.

Es gibt aber auch das andere Phänomen: Eine Kollegin von mir hat ein paar Jahre auf einer Auslandspfarrstelle in Amsterdam gearbeitet. Es hat gar nicht lange gedauert hat, bis sie sich recht flüssig in der Landessprache verständigen konnte. Irgendwann hat sie sogar auf Niederländisch geträumt. Nur das Beten ist ihr auch nach vielen Jahren immer noch schwergefallen. Denn im Niederländischen wird Gott gesiezt. Das hängt mit der reformierten Tradition zusammen, die ganz besonders Gottes Größe und Erhabenheit betont und dann auch in der Anrede Ehrfurcht und Respekt erkennen lässt. Dieses „Sie“ war für sie so ungewohnt, dass es ihr bis zum Schluss nicht über die Lippen gekommen ist.

Das ginge mir genauso. Nie käme ich auf die Idee, Gott mit Sie anzusprechen. Dabei habe ich kein kumpelhaftes Verhältnis zu ihm. Ja, ich würde ihn noch nicht einmal als meinen Freund bezeichnen, wie andere das tun. Er ist mir nicht immer vertraut. Manchmal sogar fremd. Aber das Vertrauen, das ich ihm entgegenbringe, verträgt kein „Sie“. Und ich hoffe sehr, dass Gott mit mir auch per Du ist.

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13NOV2021
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„Es ist ein Hodgkin“, schreibt mir meine Freundin. Ich habe das Wort noch nie zuvor gehört, argwöhne aber schon, dass es nichts Gutes verheißt. Eine Suche im Internet bestätigt meine Befürchtungen. Ich lese quer, stolpere über Wörter wie Krebs, bösartig, Lymphom und Riesenzellen.

Vor wenigen Wochen haben wir noch zusammen auf der Terrasse gesessen und Pläne geschmiedet, über unsere jeweiligen Projekte gesprochen. Sie ist immer so voller Ideen. Da hatte sie schon die Schwellung im Brustbereich, das konnte aber noch alle möglichen Ursachen haben. Wir haben uns die harmloseren Möglichkeiten groß geredet. Aber jetzt hat das Ding einen Namen. Und ist gefährlich.

Was soll ich bloß tun? Es ist leider nicht das erste Mal, dass mich solche Nachrichten erreichen. Ich fühle mich dann immer so machtlos. Und ein bisschen beschämt, weil ich nicht selbst betroffen bin. Alles, was ich sagen oder tun könnte, kommt mir hilflos vor.

Meine Freundin weiß, dass ich für sie bete. Aber mit welchen Worten? Dass sie gesund wird? Dass der Hodgkin aus ihrem Körper und der Krebs aus ihrem Leben verschwindet? Oder dass sie mit allem, was jetzt auf sie zukommt, gut zurechtkommt? Das kommt mir wie eine Kapitulation vor. Ein Plan B für Gott, falls er es sich anders überlegt. Als treue Beterin weiß ich ja, dass er nicht alle unsere Wünsche erfüllt.

Irgendwann stelle ich fest, dass diese ganzen Vorüberlegungen schon ein Gebet sind. Ich ringe noch damit, was ich sagen soll - und vertraue Gott schon alles an, was in mir ist. Und so wird es auch in der Bibel beschrieben: „Hoffet auf Gott allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus. Gott ist unsere Zuversicht.“ Gott mein Herz ausschütten. Das ist, was ich im Moment unter Beten verstehe. Einfach alles aussprechen, was mich umtreibt. Kein inneres Programm verfolgen.

Schließlich habe ich dann noch eine dicke weiße Stumpenkerze gekauft und sie beklebt. Das mache ich gern. Mit den Händen etwas tun, wenn im Kopf das Denken aussetzt oder sich im Kreis dreht. Aus Wachsplättchen habe ich ihren Namen ausgeschnitten. Und ganz viele Hoffnungssymbole. Bunt sieh die Kerze jetzt aus. So wie die Kerzen, die wir Kindern zu ihrer Taufe überreichen. Damit sie wissen, dass Gott ihren Namen kennt. Und dass nichts und niemand sie aus seiner Hand reißen kann.

Wenn mir die Worte fehlen zum Beten, dann zünde ich jetzt diese Kerze an. Damit Gott ihren Namen liest. Und weiß, was zu tun ist.

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12NOV2021
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Eine der schönsten Geschichten, die Jesus erzählt hat, handelt von einem Mann mit zwei erwachsenen Söhnen. Die beiden sind grundverschieden, wie das oft bei Geschwistern der Fall ist, auch wenn sie im gleichen Haushalt aufgewachsen sind und dieselbe Erziehung genossen haben. In dieser Geschichte ist der ältere Bruder ein bodenständiger, tüchtiger, angepasster Typ. Der jüngere dagegen ist eher abenteuerlustig und vielleicht sogar ein Draufgänger. Mit Macht zieht es ihn von zuhause weg. Er traut sich sogar, beim Vater um die vorgezogene Auszahlung seines Erbes zu bitten. Und dieser Vater gibt ihm ohne weiteren Kommentar, was ihm von Rechts wegen zusteht.

Wenn das jüngste Kind aus dem Haus geht, ist das für Eltern immer ein besonderer Einschnitt. Das Nest ist plötzlich leer, das man jahrzehntelang gehegt und gepflegt hat. Irgendwie ist es kalt im Haus. Auch mein jüngster Sohn ist vor wenigen Wochen ausgezogen.  Ich sage mir: Das ist der Lauf der Welt, ja mehr noch: Genau dafür hast du die Kinder doch großgezogen, dass sie in die Welt hinausziehen und ihr eigenes Leben leben. Danach habe ich mich sogar jahrzehntelang gesehnt. Dass die Kinder endlich aus dem Haus sind. Dass ich selbst wieder mehr Freizeit und mehr Freiheiten habe. Stattdessen sehe ich mich nun neben dem Vater aus der Geschichte auf der Straße stehen mit der Frage: Wann kommen sie wieder?

Am Wochenende? An Weihnachten? In den Ferien? Und was habe ich ihnen mitgegeben auf ihren Weg, dass sie nun zurechtkommen? Der junge Mann aus der Geschichte hat ja viel mitbekommen. Sein ganzes Erbe. Aber er ist eben auch leichtsinnig. Und hat vielleicht einfach Pech. Jedenfalls landet er in der Gosse. Er ist völlig am Ende, und sieh nur noch eine Möglichkeit: Zurück nach Hause. Arbeiten, seine Fehler wieder gut machen.

O je, muss ich denken, hoffentlich geht es keinem meiner Kinder so. Dann aber sehe ich ein, dass ich jetzt gar nichts tun kann. Vielleicht auch einmal gar nichts tun soll. Es liegt nicht in meiner Hand, und das fällt mir schwer. Ich werde mich erst noch daran gewöhnen müssen. Sie gehen jetzt ihre eigenen Wege. Für mich soll es im Moment genügen zu wissen: Wenn sie kommen, werde ich da sein. Wenn sie vor der Tür stehen, werde ich sie öffnen. Und ob sie es wollen oder nicht, werde ich sie in den Arm nehmen. So wie der Vater in der Geschichte. Er macht seinem Sohn keinerlei Vorhaltungen, als er abgerissen vor ihm steht. Er nimmt ihn einfach in den Arm. Vielleicht ist das im Augenblick genug.  

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11NOV2021
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Heute ist Martinstag. Sankt Martin hat es geschafft. Er ist ein Heiliger geworden, den nun wirklich jedes Kind kennt. Heute laufen sie wieder mit ihren bunten Laternen durch die Straßen und singen und spielen seine Geschichte. Wie Martin durch Schnee und Wind reitet, hoch zu Ross. Wie er vor den Toren der Stadt einen armen Mann sitzen sieht, der nur Lumpen anhat. Wie er mit seinem Schwert den roten Soldatenmantel in zwei Teile teilt und eine Hälfte dem frierenden Bettler gibt. Wie der aufspringt und ihm danken will, Sankt Martin aber schon über alle Berge ist.

Wenn der Umzug zu Ende ist, gibt es meistens noch ein Feuer, Punsch und frisch gebackene Hefemännchen. Die werden natürlich gerecht geteilt wie einst der rote Mantel. 

Teilen ist eine gute Sache. Das wird niemand bestreiten. Nicht nur Mäntel und Hefeteilchen, auch Zeit und Geld. Mut und gute Ideen.

Am Haus der Begegnung in der Heidelberger Altstadt erinnert ein Kunstwerk an den Heiligen Martin. Es ist ein abstraktes Kunstwerk: Eine gebogene Lichtröhre deutet den Heiligenschein an, der Martin und seine Großzügigkeit in helles Licht taucht. Auf zwei Stangen hängen seine beiden roten Mantelhälften. Am besten gefällt mir aber der Schriftzug, der dem Ganzen seinen Namen gibt: Teilen macht ganz, steht da zu lesen.

Aber der rote Mantel wird doch nicht ganz, wenn er in zwei Hälften geteilt wird. Im Gegenteil. Er geht kaputt. Deshalb hat der Künstler, Harald Kröner, auch zwei zerrissene Mantel-Hälften ausgestellt. Zerrissen wie der Mantel ist auch unsere Gesellschaft, in der immer weniger Menschen immer mehr besitzen und immer mehr Menschen immer weniger. Teilen macht ganz? Das scheint ein Widerspruch zu sein. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander - bis einer kommt und mit ihr einen Mantel durchschneidet. So wie Martin. Seine einfache Geste zeigt, wie es anders gehen kann: Der Bettler, der nichts hatte, wird ein ganzer Mensch. In Würde eingehüllt. Er kann aufrecht stehen. Und gehen. Und Martin, der die eine Hälfte abgegeben hat, wird auch ganz. Ein ganzer Mensch, der nicht nur auf das seine sieht, sondern auf das, was dem andern nützt.

Es klingt so einfach, es geht auch ganz leicht: Brich mit den Hungrigen dein Brot. Sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus. Frag nicht, wie es sein kann, dass einer nichts hat. In unserem Land, in dem doch keiner verhungern muss. Öffne dein Herz und deine Hand. Teilen macht ganz. Auch dich.

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10NOV2021
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Ein wolkengrau verhangener Himmel. Keine Seltenheit in diesen Novembertagen. Aber dann kommt plötzlich die Sonne heraus und taucht die Welt in ihr goldenes Licht. Auf der anderen Seite des Himmels tröpfelt es noch aus ein paar übrig gebliebenen Wolken. Mit den Augen suche ich den Himmel ab und entdecke ihn: einen wunderschönen Regenbogen.

Wie der zustande kommt, das habe ich einmal im Physikunterricht gelernt: Trifft das weiße Sonnenlicht auf einen Regentropfen, wird es gebrochen und dabei in seine farbigen Bestandteile zerlegt. So viel Farben hat das Licht! Heute ist der Welttag der Wissenschaften. Viele unerklärliche Naturphänomene sind in den letzten Jahrhunderten von Naturwissenschaftlern entschlüsselt worden. 

Ehrlich gesagt denke ich aber selten an meinen Physikunterricht, wenn ich einen Regenbogen am Himmel sehe. Ich denke an die biblische Geschichte von Noah. Auf einem eigens dafür gebauten Schiff hat er mit seiner Familie und einem ganzen Zoo voller Tiere eine große Flutkatastrophe überlebt.  

Ich lese die Geschichte und stelle mir vor wie es sein muss, nach endlos langen Tagen und Nächten auf einem schwankenden Schiff wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren! Was für ein Geruch, nach dem schrecklichen Mief der Arche wieder eine Lunge voll frischer Luft einzuatmen! Und was für ein Anblick, wenn hinter den dunklen Wolkengebirgen endlich wieder die Sonne hervorblinzelt. Und ja: Es entsteht ein Regenbogen. Und Gott sagt: Dieser Regenbogen ist ein Zeichen. Er ist mein Versprechen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das fällt mir immer als erstes ein, wenn ich einen Regenbogen am Himmel sehe. 

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Glaubenszuversicht sind für mich kein Widerspruch. Eher sind es zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen derselben Welt. Die Naturwissenschaft kann mir ganz nüchtern sagen, wie ein Regenbogen entsteht. Aber wenn ich sehe und spüre, wie wunderschön er ist, dann bin ich auf der Spur von ganz anderen Geheimnissen dieser Welt. Die Farben am Himmel strahlen mir Zuversicht entgegen. Von diesem Geheimnis rede ich, wenn ich sage: Ich glaube, dass mich Gott die Welt geschaffen hat und auch erhält. Denn daran erinnert mich der Regenbogen mit all seinen Spektralfarben. 

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09NOV2021
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Ich wollte es zuerst nicht glauben: Polen baut eine Mauer an der Grenze zu Belarus. Das Wort „Mauer“ nehmen die Verantwortlichen allerdings nicht in den Mund. Sie reden von einer „Barriere“ zum Schutz vor illegalen Einwanderern. Aber es ist eine Mauer, gebaut um Menschen einzusperren oder auszugrenzen! Das ruft Erinnerungen wach an einen Tag im Sommer vor 60 Jahren hier bei uns. Da wurde die Berliner Mauer gebaut: Stacheldrahtrollen, Menschen, die aus Fenstern springen, verzweifelt gegen Barrikaden anrennen. Verantwortlich damals: der Regierungschef der DDR, Walter Ulbricht. Aber auch er hat natürlich keine Mauer gebaut, sondern einen „antifaschistischen Schutzwall“. 28 Jahre lang hat die Mauer Berlin in zwei Hälften zerrissen und war das Symbol für die Teilung eines ganzen Landes. Dann kam der 9. November 1989. Heute vor 32 Jahren. Wie elektrisiert habe ich damals die Ereignisse vor dem Fernseher verfolgt. Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie sie zuerst überwunden und schließlich abgerissen wurde. 

Damals dachte ich tatsächlich, dass nun das Ende aller Mauern gekommen sei. Aber das war ein Trugschluss. Neue wurden gebaut: An der Grenze zwischen Mexiko und den USA. An der Grenze zwischen Israel und Palästina. Und nun in Polen und in Litauen. Ein Schutz soll sie sein und Probleme von uns fernhalten. Aber ein Problem aussperren heißt nicht, es lösen. Nichts ist gelöst. Stattdessen schotten wir uns ab und sperren andere aus.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ So steht es in der Bibel. Ich weiß nicht, ob Menschen in der DDR das glauben konnten. Ob es ihnen nicht sogar zynisch vorkam, wenn wieder ein Versuch gescheitert war, über oder unter dieser Mauer durch zu kommen. Fest steht aber, dass die Hoffnung auf das, was nach menschlichem Ermessen total unmöglich schien, nicht unterzukriegen war. Auch in vielen Kirchen wurde sie befeuert. Dort, wo Gott nicht für tot erklärt war. Und wo schließlich die Hoffnung immer größer wurde, dass es doch passieren könnte: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Wichtig ist mir, dass der Satz nicht heißt: „Mein Gott bringt alle Mauern zum Einstürzen“, und ich muss nur abwarten und kann gar nichts dazutun. Nein, da steckt Aktion drin: Ich kann Gott auf meine Seite ziehen, ihn packen und rufen: Auf, jetzt schaffen wir es! Mit dir kann ich über Mauern springen.“ Genauso ist es dann gekommen: Lachende, singende, tanzende Menschen, die sich in die Arme fallen. Vor der Mauer. Hinter der Mauer. Auf der Mauer. Und Gott? Ganz bestimmt mittenmang dabei.

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