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14NOV2021
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Der Mann auf dem Foto trägt deutlich die Züge meines Vaters. Ich habe ihn nie kennengelernt. Mein Vater auch nicht. Denn sein Vater – mein Großvater - ist im März 1945 von einer Granate getroffen worden. Von einer Granate, wie er sie selbst zig Mal zuvor abgefeuert hat. Als er starb, war mein Vater gerade einmal drei Wochen alt.

Ich weiß nur wenig von ihm. Er hat gut malen können. Als Graveurmeister hat er in einer Färbefabrik Stoffmuster in Rollen graviert. Ein nachdenklicher Mensch soll er gewesen sein. Eigentlich wollte er Pfarrer werden, aber zum Studium hat das Geld nicht gereicht. Vielleicht bringt ihn mir dieser Berufswunsch besonders nahe. Ich konnte mir diesen Wunsch erfüllen.

Vor ein paar Jahren haben wir uns auf Spurensuche begeben. Wir sind in das niederschlesische Dorf Niwnice gefahren. Wir haben gehofft, irgendeine Spur, vielleicht irgendwo den Namen meines Großvaters zu finden.

Eine Studentin aus Krakau hat zu dieser Zeit in Heidelberg studiert. Sie war Stipendiatin der Gerta-Scharffenorth-Stiftung. Auch die Spuren von Gerta Scharffenorth führen nach Schlesien. Sie ist nach Kriegsende in den Westen geflohen.  Aber zuvor hat sie als Arbeiterin auf dem ehemals eigenen Gutshof in Schlesien gelebt. Der polnische Verwalter des Gutes hatte den Krieg im Konzentrationslager überlebt. Die Begegnung zwischen diesen beiden Menschen hat den Samen für ihr lebenslanges Engagement für Versöhnung zwischen Deutschen und Polen gelegt. Schon sehr früh war sie davon überzeugt: „Es muss noch andere Geschichten geben, die Deutsche und Polen miteinander teilen.“ Solche Geschichten werden noch heute fortgeschrieben, wenn Studierende aus Krakau für ein Jahr nach Heidelberg kommen.

Dank dieser Studentin haben wir nämlich erfahren, dass es in der Nähe von Breslau den Friedenspark gibt. Das ist ein Soldatenfriedhof, auf dem seit 2002 16.000 Kriegstote begraben sind. Unzählige Namen sind inzwischen auf Stelen zu lesen. In einem Buch im Dokumentationszentrum haben wir schließlich den Namen meines Großvaters gefunden. Das war ein berührender Moment. Wir haben uns registrieren lassen, damit wir eine Nachricht bekommen, wenn auch sein Name auf eine Stele geschrieben wird.

Wochen später haben wir die Nachricht erhalten, dass sein Name nicht auf einer Stele erscheinen wird. Begründung: Er trug zu viel Verantwortung für die Gräuel, die in Niwnice passiert sind.

Heute am Volkstrauertag denken wir an die Toten der Kriege. Zu diesem Gedenken gehören auch Trauer und Schuld. Wir denken an so viele zerstörte Häuser und an zerstörte Leben. In der Bibel ist von der Sehnsucht zu lesen, dass die zerstörten Häuser und die zerstörten Lebensgeschichten nicht das Ende sind. Paulus schreibt in seinem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth: „Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“  Unter dem Blickwinkel der Ewigkeit ähneln unsere irdischen Häuser windschiefen Hütten. Wacklig und zugig. Manchmal sind die Lebenshäuser auch ramponiert von Schuld, die Menschen auf sich laden.

 

Der Blick auf die abgebrochenen Lebenshäuser ist nicht leicht. Ich musste meinen Vater ziemlich überreden, dass wir diese Reise nach Polen machen. Es war ein Risiko. Was wir finden würden, würde den Schmerz über den nie anwesenden Vater vielleicht erst so richtig spürbar machen. Und auch die Scham, über das, was er im Krieg getan hat.  Und doch braucht es das, dass wir auf die abgebrochenen Häuser sehen, unseren Schmerz und den der anderen aushalten. Dass wir die Trümmerhäuser vom Kriegsende in Pforzheim, Coventry und Warschau sehen. Aber auch die Häuserschluchten in Kabul und im Jemen und die zertrümmerten Lebensgeschichten. Wenn ich den Blick darauf wage, können alte Wunden heilen. Dann kann ich meinen Schmerz und die Scham an Gott abgeben. Neues kann entstehen, weil das Alte seine untergründige Macht verloren hat.

Auf unserer Reise nach Niwnice habe ich beides erlebt. Der Spaziergang durch den Wald, in dem irgendwo mein Großvater ums Leben gekommen ist, hat mich traurig gemacht. Nachdenklich und schweigend waren wir unterwegs. Und doch ist es tröstlich, den Ort jetzt zu kennen. Und zu erleben, dass die Menschen in den Dörfern uns freundlich begegnet sind. Obwohl ihre Eltern und Großeltern durch Menschen wie meinen Großvater Schlimmes erlebt haben.

Zur Trauer gehört auch die Frage nach der Schuld. Sie ist schwer erträglich. Auch Paulus kann das nur seufzend ertragen. Dass wir beschwert sind in unserer irdischen Hütte. Die einen von der Schuld, die sie auf sich geladen haben. Die anderen von dem, was andere ihnen angetan haben. Der Abschnitt aus dem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth endet mit der Aussicht auf das Gericht Gottes. „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ – heißt es da. Christinnen und Christen glauben, dass Gott selbst das zurechtbringt, was Unrecht war und ist. Dass er das Recht aufrichtet und sich der zerstörten Lebensgeschichten erbarmt. Um der Menschen willen, deren Lebensgeschichten zerstört wurden. Und um der Menschen willen, die einen neuen Anfang brauchen. Recht und Barmherzigkeit gehen Hand in Hand. Das hilft mir, auch die schuldbeladenen Seiten meines Großvaters zu sehen – und trotzdem um ihn und die Toten der Kriege zu trauern.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen tröstlichen Sonntag und eine gesegnete Woche.

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15AUG2021
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Fast auf den Tag genau vor 60 Jahren gab es für die Menschen in Berlin an einem Sonntagmorgen ein böses Erwachen. Am 13. August 1961, in den frühen Morgenstunden wurde quer durch Berlin die Mauer gebaut. 28 Jahre lang zementierte sie die Teilung der Welt in Ost und West.

Besonders eingebrannt haben sich die Bilder aus der Bernauer Straße. Hier lief die Grenze entlang der Häuserfront. Die Bewohner der Straße wurden aus dem Schlaf gerissen, ihre Fenster Richtung Westberlin einfach zugemauert. Mich berühren die Bilder von den Menschen, die sich im letzten Moment aus den Fenstern an Leintüchern abgeseilt haben.

In der Bernauer Straße stand auch die Versöhnungskirche. Der Großteil ihrer Gemeinde lebte im Westteil der Stadt. Doch von einem Tag auf den anderen war den Menschen der Weg versperrt. Zugemauert im wahrsten Sinn des Wortes. Ihre eigene Kirche stand zum Greifen nah – und war doch so weit entfernt als würde sie auf einem anderen Kontinent stehen. Wenigstens die Gemeindeglieder aus dem Osten konnten noch drei Wochen lang Gottesdienst feiern.

Dann wurde die Versöhnungskirche auch von der anderen Seite zugemauert. Auch der Pfarrer mit seiner Familie musste das Pfarrhaus verlassen. Doch kurz vorher ist Jörg Hildebrandt, der Sohn des Pfarrers noch einmal auf den Turm geklettert, hoch zur Uhr über den Glocken. Er hat die Zeiger angehalten und hat sie auf 5 vor 12 gestellt.

Es ist 5 vor 12, so die Botschaft der großen Kirchturmuhr, weit sichtbar für alle Menschen in Ost und West.  „Es gibt keine Zeit mehr zu verlieren.“ – „Vergesst uns nicht.“

Das DDR-Regime meinte, der christliche Glaube habe ausgedient. Er liege im Sterben, und sie bräuchten nur noch die Kirchentüren zuzumauern und ihn endgültig begraben. Aber so leicht ging das nicht – das haben die Machthaber schnell gemerkt. Irgendwann haben sie die Zeiger wieder verstellt. Von 5 vor 12 auf 12 Uhr.

Über 20 Jahre lang stand die Versöhnungskirche auf dem Todesstreifen. Zugemauert wie ein Grab. Aber so leicht war sie nicht tot zu kriegen. Ihr hoher Turm ragte über die Mauer und noch wichtiger: er ragte in den Himmel. „Kirchtürme sind Finger Gottes“ – hat der Schriftsteller Marcel Proust einmal gesagt.

Ein Kirchturm als sichtbarer Fingerzeig Gottes, der die Absurdität der Berliner Mauer deutlich machte. Für die Regierung der DDR war das ein Dorn im Auge und wurde irgendwann unerträglich. 1985 ließen sie die Kirche sprengen.

Gegen die Macht von Mauern hilft manchmal schon der Blick auf Türme, die über die Mauern hinausragen. Nach dem Bau der Berliner Mauer vor genau 60 Jahren war das der Blick auf den Turm der Versöhnungskirche mit den gestoppten Zeigern – auf 5 vor 12.

Das Regime der DDR meinte, der christliche Glaube habe ausgedient. Der Magdeburger Bischof sprach davon, dass der Sozialismus der Kirche wohl nur noch ein „Sterbezimmer“ zugedacht hatte. Aber, so hat er angefügt: „Das sollten wir nicht tragisch nehmen, sondern in dieses uns zugedachte Sterbezimmer die Frischluft der Auferstehung blasen.“

Von der Frischluft der Auferstehung spricht auch Paulus im Brief an die Gemeinde in Ephesus. Er erinnert die Gemeinde an das, was sie trägt. „Gott ist reich an Barmherzigkeit. Mit seiner ganzen Liebe hat er uns geliebt und uns zusammen mit Christus lebendig gemacht...“, schreibt Paulus. Und er macht auch unsere Hoffnung lebendig – so wie die Hoffnung des Pfarrersohnes von der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße. Sein Kirchturm war für ihn das Zeichen der lebendigen Hoffnung! Es gibt noch etwas anderes als die Trennung!

Das spricht mich an. Gottes Liebe setzt Zeichen in meinem Leben. Für alle Zukunft soll sichtbar sein, dass ich zum Leben bestimmt bin – egal, welche Mauern andere um mich errichten. Die Frischluft der Auferstehung bläst durch mein Leben.

Heute steht auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Bernauer Straße in Berlin wieder eine kleine Kirche, die Kapelle der Versöhnung. In ihr läuten die geretteten Glocken der Versöhnungskirche. Sie ist durchlässig gebaut, aus Holz und mit Durchblick nach draußen – auf den Streifen, auf dem längst niemand mehr um sein Leben fürchten muss.

Heute feiern sie dort wieder Gottesdienste – Menschen aus Ost und West und Besucherinnen und Besucher aus aller Welt. Sie erinnern an die Toten der Mauer und an die Toten vor den Toren Europas. Gegen die Macht der Mauer öffnen sie den Horizont für die Frischluft der Auferstehung.

Mich richtet das heute morgen auf. Dass Gott in mein Leben immer wieder frischen Wind bläst. Ein sichtbares und spürbares Zeichen gegen alles und alle, die mich einmauern und zum Schweigen bringen wollen. Der Geist der Freiheit, der auch die Mauer zum Einsturz gebracht hat, die sie vor 60 Jahren in Berlin errichtet haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen belebenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

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16MAI2021
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„Ihr müsst ja ein dehydriertes Land sein! Total vertrocknet und ausgedörrt.“ Immer wenn ich in den letzten Jahren meinen Freund Mike aus Chicago getroffen habe, haben wir über seinen ersten Eindruck aus Deutschland gelacht. Ein vertrocknetes Land. Das hat er nicht etwa über die Wälder und den Klimawandel gesagt. Sondern es war sein Eindruck nach ein paar Tagen in Heidelberg mit viel Zeit in Cafés und Restaurants. Der Kaffee wird in kleinen Tassen serviert und ein Glas Wasser muss man extra bestellen. In Amerika und vielen anderen Ländern ist das völlig anders. Da bekommt man als erstes ein großes Glas Wasser, noch bevor man überhaupt was bestellt hat. Für umme.

Durst stillen. Nichts ist grundlegender. Nach dem ersten Atemzug trinkt ein Neugeborenes. Und am Ende, wenn das Leben weicht und es fast nichts mehr braucht, benetzt man die Lippen der Sterbenden mit Wasser. Wenn ich so richtig Durst habe, dann kann ich nichts Anderes denken und fühlen. Die Sehnsucht nach etwas zu trinken steigt ins Unermessliche.

Manchmal habe ich solchen Durst auch, wenn es nicht um das Glas Wasser geht. In diesen Wochen spüre ich den Durst nach Leben besonders. Draußen explodiert das saftige Grün. Alles ist auf Aufbruch gepolt. Aber Corona macht mein Leben trocken. Viele erfrischende und belebende Begegnungen und Umarmungen fallen weg. Von feuchtfröhlichen Runden im Biergarten ganz zu schweigen. Meine Kehle ist trocken – und meine Seele auch. Ich habe Durst.

Die Bibel erzählt davon, dass Jesus diesen Durst kennt und die Durstigen ruft. Es war die Zeit des Laubhüttenfests in Jerusalem. Dem Fest, an dem Jüdinnen und Juden Gott für die Ernte des Jahres danken und ihn um Regen für die kommende Zeit bitten. Die Stadt war übervoll. Die Jünger haben Jesus zum großen Auftritt gedrängt. Aber er hat abgelehnt. Später ist er dann doch hoch zum Tempel gegangen. Im allgemeinen Gewusel der großen Feierlichkeiten ist er aufgetreten und hat die heiligen Schriften ausgelegt. Er stand zwar nicht auf der großen Bühne. Aber die, die ihn gehört haben, waren verwundert, woher er das alles weiß und kann. Doch Jesus will sich nicht mit Weisheit schmücken. Er baut nicht allein auf seine Klugheit, es geht ihm nicht darum, selber groß rauszukommen: Er redet aus einer Quelle, die von Gott selbst am Sprudeln gehalten wird.

Jesus schöpft aus einer Quelle, die von Gott selbst am Sprudeln gehalten wird. An den ersten Tagen des Festes hat er sich noch im Hintergrund gehalten. Aber am letzten Tag des Festes ergreift er in aller Öffentlichkeit das Wort. Seine Stimme hallt laut über das Festgetümmel.

Und Jesus stellt mit seinen Worten allen ein großes „Wasserglas“ hin. „Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken“, sagt er. Die vertrockneten Seelen und die dürr gewordenen Herzen werden neu erfrischt. Jesus redet vom lebendigen Wasser, das meinen Durst nach Leben stillt.

Solche Erfrischung kann ich mir nicht selbst geben. Ein Wasserglas, ein offenes Herz, eine Hand, die mir jemand reicht – das lässt mich das Leben wieder spüren. Auch in diesen Tagen. Wenn nach Monaten der Isolation unverhofft Freunde auf einen Kaffee auf den Balkon kommen. Wenn ich im Briefkasten einen Gruß finde. Dann spüre ich auch in mir wieder Hoffnung und dass der Glaube über das hinaussieht, was mein Leben hier und heute einschränkt.

Jesus hat auch davon geredet, dass die mit Wasser Erfrischten selbst zur Quelle für andere werden. Ich brauche die anderen Menschen, die mir den Himmel öffnen. Das Kindergebet, das ich in der Gebetsmauer in unserer Kirche finde. Mit Kinderschrift steht da: „Hallo, lieber Gott, hier ist Salome. Heute will ich Dir was Schönes erzählen!“ Da muss ich lächeln. Die fröhlichen Kindergartenkinder, deren ansteckendes Lachen auch in Zeiten von Notbetreuung nicht zu überhören ist. Dann weht plötzlich ein anderer Wind durch meine Seele.

Das Wasser und der Geist Gottes gehören zusammen. In der Bibel wird er manchmal als Wind bezeichnet. Und er ist auch das lebendige Wasser. Ich muss an den letzten Sommer an der Nordsee denken. Nirgends ist die Weite des Himmels und das Zusammenspiel von frischem Wasser und Wind so spürbar. In der Wucht des Windes, der Weite des weißen Sandes und im Tosen der Wellen kann ich mich selbst vergessen.

Das frische, lebendige Wasser muss ich nicht extra bestellen. Es wird mir einfach hingestellt. Es nährt mich vom ersten bis zum letzten Atemzug – und darüber hinaus.
Ich wünsche ihnen einen erfrischenden Sonntag und eine gesegnete Woche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33154