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15MAI2022
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Ich kann ihm das einfach nicht verzeihen. Es war ein blöder, eigentlich unnötiger Streit mit einem Freund. Aber seine Worte haben mich getroffen. Und gerade weil wir befreundet sind, sitzt das tief. Ich finde, er sollte sich auf jeden Fall bei mir entschuldigen.

Aber was, wenn er das nicht tut? War es das dann mit unserer Freundschaft? Soll ich mich vielleicht doch mal bei ihm melden? Mich sogar selber entschuldigen? Denn mit etwas Abstand, Ruhe und wenn ich ehrlich mit mir bin, weiß ich eigentlich: Auch ich habe schlimme Dinge gesagt. Wahrscheinlich habe ich ihn auch verletzt. Aber es fällt mir trotzdem schwer, auf ihn zuzugehen.

Einer müsste den ersten Schritt machen. Wer wagt das? Die Bibel kenn eine Antwort: Gott.

Vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorwirft. Wie Gott euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben. (Kol 3,13)

Das schreibt der Apostel Paulus in einem Brief in der Bibel über den heute in den evangelischen Kirchen gepredigt wird.

Gott macht den ersten Schritt. Er hat uns schon vergeben, schreibt Paulus. Gott wartet, er erwartet nicht, dass wir Menschen auf ihn zukommen, er tut es selbst.

Für Paulus ist klar: Gottes Vergebung hat Konsequenzen! Wir Menschen sollen auch vergeben. Das fordert heraus, denn Vergebung kann man nicht erzwingen, sie nicht befehlen. Aber ich glaube, wenn ich erkenne, dass mir vergeben wurde, verändert mich das. Gott ist auf mich zugegangen. Das hilft mir meine eigenen Fehler einzugestehen und anderen zu verzeihen. Weil Gott mir vergibt, kann ich anderen vergeben. So wirkt Gottes Vergebung. Und so schaffe ich es hoffentlich auch, auf meinen Freund zuzugehen.  

Denn mir gelingt das nicht immer sofort. Manchmal da sonne ich mich nach einem Streit geradezu in Selbstgerechtigkeit. Ich bin wütend und möchte nicht verzeihen. Das fühlt sich zwar nicht unbedingt gut an, aber immerhin: ich hatte recht und habe das wenigstens gesagt. So eine Haltung kann ja auch befriedigen. Aber meist nur für eine kurze Zeit. Auf Dauer macht es mich nicht glücklich, Recht zu behalten, koste es, was es wolle. Und ich stelle immer wieder fest: Wenn es gelingt, einen Streit beizulegen, mich zu entschuldigen und zu verzeihen und ich das auch zurückbekomme fühlt sich das viel besser an. Eine Freundschaft kann wieder aufblühen. Deshalb finde ich Vergebung so wertvoll; sie ermöglicht Lebensfreude und Lebensfreunde.

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20APR2022
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Jesus ist auferstanden, er hat den Tod besiegt. So hört man es an Ostern in den Kirchen. Die Osterbotschaft sagt: Das Leben siegt über den Tod… Ostern ist für mich deshalb auch ein Friedensfest. Denn im Frieden kann sich Leben entfalten und gedeihen.

Ich war immer davon überzeugt: Er ist eine gemeinsame Aufgabe die österliche Friedensbotschaft zum Strahlen zu bringen. Alle können und müssen zum Frieden beitragen.

Aber wenn ich gerade in die Ukraine schaue wird mir klar:
Es braucht nur einen, der ausschert und schon ist es vorbei mit dem Frieden. Einer befiehlt den Krieg und schon regieren Gewalt und Tod. Die Bilder der Leichen, die Nachrichten über Hinrichtung und Folter schockieren mich. Ich würde gerne etwas tun, aber ich fühl mich machtlos. Muss ich das alles einfach hinnehmen, weil ich es eben doch nicht ändern kann?

In der Bibel wird die Friedensvision des Propheten Jesaja beschrieben. Da heißt es:
Denn es wird kein Volk mehr das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen (Jes 2,4).

Obwohl Jesaja mit Krieg konfrontiert war, war er überzeugt: eine Welt ohne Krieg ist möglich. Nämlich dann, wenn man den Krieg verlernt. Das heißt Krieg verschwindet nicht einfach so, aber Frieden kann gelernt und eingeübt werden. Und ich glaube, das ist trotz allem, trotz dem Gefühl eigener Machtlosigkeit der einzige Weg: Die Hoffnung auf Frieden nicht aufzugeben und immer wieder neu voneinander zu lernen friedlich zusammenzuleben; einander den Frieden vorleben und die Menschen in Kriegsgebieten, die sich für Frieden einsetzen, unterstützen. Solange bis eben auch der Letzte den Krieg verlernt hat oder zumindest nichts mehr zu sagen hat.

Nach dem 2. Weltkrieg haben Menschen und auch Staaten in Europa wieder gelernt friedlich miteinander zu leben. Sie haben abgerüstet, auch verbal, es wurde gesprochen und nicht geschossen. Viele Menschen haben andere Länder bereist und sich gegenseitig kennengelernt. So haben zumindest sehr viele Menschen in Europa Frieden gelernt.

Natürlich wird gerade deutlich: Das kann schnell vorbei sein, wenn einer nicht mitmacht. Aber ich finde gerade deshalb muss man sich intensiv um den Frieden kümmern. Ich, wir alle können den Krieg in der Ukraine nicht einfach schnell beenden. Aber ich glaube, so lange sich Menschen für Frieden einsetzen und im Frieden zusammenleben, besteht Hoffnung darauf, dass es auch anderswo Frieden wird. Dass auch dort am Ende das Leben über den Tod siegt.

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19APR2022
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Was bleibt von Ostern? Die Feiertage sind vorbei, der Alltag geht heute bei Vielen wieder los. In ein paar Wochen ist Ostern Vergangenheit. Was bleibt da noch? Eigentlich ist das klar: Jesus bleibt. Er lebt, er ist auferstanden. Er ist bei uns, auch über die Feiertage hinweg. Das ist die Osterbotschaft. Nur – wo ist Jesus eigentlich?

In der Bibel wir berichtet, dass Jesu Grab drei Tage nach seinem Tod leer aufgefunden wurde. Sein Leichnam blieb verschwunden. Nach ein paar Tagen ist er wieder aufgetaucht und alles schien wie früher: Seine Freunde haben mit ihm gesprochen und gegessen. Aber trotzdem war vieles anders. Jesus hat sich verändert.

Seine Freunde haben ihn auch nicht sofort erkannt, sondern erst an bestimmten Handlungen. Sein Auftreten und Aussehen war offensichtlich doch irgendwie anders als zu seinen „Lebzeiten“.

Dass jemand von den Toten aufersteht, quasi in seinen Körper zurückkehrt und selbstständig aus seinem Grab herausgeht, das fand ich schon immer eine schwierige Vorstellung, selbst bei Jesus, der Gottes Sohn genannt wird. Kann das wirklich so passiert sein? Viele können das glauben, andere nicht. Aber vielleicht ist das auch gar nicht die entscheidende Frage.

Mir hat für das Verständnis der Auferstehung die Interpretation des Theologen Rudolf Bultmann geholfen. Er war weniger an der Frage interessiert, ob die Auferstehungserzählungen historisch nachweisbare Fakten wiedergeben. Bultmann hat die Auferstehung so interpretiert, dass Jesus in seinen überlieferten Worten und Taten, in den Erzählungen über ihn und in der Verkündigung gegenwärtig ist. Jesus lebt in seiner Botschaft, könnte man kurz zusammenfassen. Er ist da, obwohl er nicht als Mensch auf dieser Welt geblieben ist. Das war für Bultmann das Entscheidende.

Von Ostern bleibt also all das, wofür Jesus steht: Die Hoffnung, die er den Menschen gegeben hat. Die Hoffnung auf ein gutes friedliches, sinnerfülltes Leben. Es bleibt Jesu Botschaft einer gerechten Gesellschaft, in der die, die es wirklich brauchen, bevorzugt werden. Und es bleibt auch der Glaube, dass es nach dem Tod weitergeht. Denn auch davon hat Jesus erzählt. Dass der Tod nicht das Ende ist; es geht weiter, aber anders.

Auch ich glaube, wenn wir über Jesus sprechen und die Wirkung seiner Botschaft erleben, dann wird er lebendig. Dann lebt er bei uns. Nicht nur an den Osterfeiertagen, sondern ein Leben lang.

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12MRZ2022
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Endlich Wochenende! Ich freu mich drauf. Zwei Tage lang Zeit für mich, Freunde und Familie. Die Arbeit hat erst mal Pause. Ich widme mich dem Müßiggang – schlafe aus, gehe Tennis spielen und besuche einen Freund, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Ich mache einfach, worauf ich Lust habe. Dafür habe ich unter der Woche wenig Zeit. Da bin ich wahrscheinlich nicht der Einzige. Wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umschaue, scheint mir das Leben vieler Menschen doch ziemlich durchgetaktet. Hohe berufliche Belastung, dann vielleicht noch Kinder oder Eltern versorgen und auch die Ansprüche an die Freizeitgestaltung sind oft hoch. Da ist Zeit ein rares Gut. Ich arbeite gern und finde es toll, eine Familie zu haben. Was ich aber nicht so leiden kann, ist Stress. Und dabei spielt das Verhältnis von Arbeit und Freizeit eine wichtige Rolle.         

Andererseits: Ich lebe in Schwaben. Da gilt Fleiß als Tugend, nicht der Müßiggang. Und außerdem ist Faulheit bzw. Trägheit in der Tradition der Kirche eine Todsünde. Was nichts anders heißt, wie: Der Faule verlässt durch sein Nichtstun die Gemeinschaft mit Gott. Gott liebt nur die Fleißigen.

In den vergangenen Jahren gab es in Island ein Projekt, bei dem ein Teil der Bevölkerung bei gleichbleibender Bezahlung zeitlich weniger gearbeitet hat. Das Ergebnis kurz zusammengefasst: gleiche Produktivität, aber gesteigertes Wohlbefinden. Die Menschen haben sich offensichtlich besser gefühlt: mehr Zeit, weniger Stress. Ich finde, man sollte über solch neue Konzepte auch bei uns ernsthaft nachdenken. Und ich glaube, auch Gott hätte da nichts dagegen. Er selbst ruht sich nach der Erschaffung der Welt aus. Zugegeben, es wird nur von einem einzigen Tag berichtet. Aber immerhin wird dieser Tag gesegnet. Herausgestellt aus dem Alltag der restlichen sechs Tage. Und allgemein bewertet die Bibel Ruhe an vielen Stellen positiv. Jesus nimmt sich immer wieder Zeit für sich, zieht sich zurück, betet und schläft. Das wird ausdrücklich erwähnt. Und es wird auch oft davon berichtet, dass er ausgiebig isst, trinkt und mit seinen Freunden feiert. Nein, ich kann wirklich nicht erkennen, dass die Bibel Müßiggang grundsätzlich verurteilt. Vielmehr versucht sie, Menschen zu einem guten Leben zu verhelfen. Und dazu gehört für mich heutzutage auch angemessen viel Freizeit.

Ich freu mich drauf. Endlich Wochenende! Und vielleicht sage und höre ich in Zukunft noch öfter: Endlich ein gutes und entspanntes Leben – die ganze Woche lang.

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11MRZ2022
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„Tausende Taufen ungültig!“ Diese Nachricht aus den USA hat vor einigen Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Ein Priester hatte dort bei Taufhandlungen statt „Ich taufe dich“ zum Täufling „Wir taufen dich“ gesagt. Wir statt ich – das hatte schwerwiegende Konsequenzen. Denn wie ein leitender Geistlicher dort mitteilte, seien damit nicht nur die Taufen, sondern zum Beispiel auch die Hochzeiten der früheren Täuflinge ungültig. Wer nicht getauft ist, kann auch nicht kirchlich heiraten, so das Argument. Nun ja, mir scheint das doch etwas übertrieben zu sein. Nicht wir als Gemeinde oder Kirche sind Urheber der Taufe, sondern Gott, er wirkt in ihr. In der Taufe wird ausgedrückt, dass Gott den Menschen beschützt und ihm eine unverletzliche Würde verliehen hat. Es geht also ums große Ganze. Genau deshalb denke ich auch nicht, dass es dabei auf ein einzelnes Wort ankommt und mag es noch so wichtig erscheinen. Natürlich leben Rituale von einer allgemein gültigen Form. Und in einer Institution wie der Kirche kann nicht jeder machen, was er will. Aber Gott, wie er in der Bibel beschrieben wird, interessiert sich für Grundsätzliches. Er zieht mit seinem Volk durch die Geschichte, rettet, führt, streitet und versöhnt sich. Dabei hat er immer das Wohl der Menschen im Blick. Bei Jesus geht es um die großen Fragen des Lebens: Wie ist es mit Tod und Auferstehung? Wie können wir gut zusammenleben? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich dieser Gott von einer – nebenbei bemerkt völlig unabsichtlichen – Wortverwechslung aufhalten lässt. Oder Gott sich sonderlich von menschlichen Vorschriften oder Formalitäten beeindrucken ließe. Deshalb würde ich mit derartigen „Verstößen“ eher entspannt umgehen.

Und ich finde das eigentlich auch für meinen Alltag hilfreich: Dass ich das große Ganze meines Lebens im Blick behalte und mich nicht im Kleinklein verliere. Dass ich schaue, dass ich grundsätzlich zufrieden bin und mich meinen Mitmenschen gegenüber korrekt verhalte. Dann kann ich auch entspannt mit Fehlern von anderen umgehen. Und auch nicht alles, was ich tue, sage oder verbocke, hat gleich riesige Auswirkungen; vieles lässt sich schnell wieder reparieren oder klarstellen. Natürlich gibt es Abstufungen. Manchmal muss ich auch ganz präzise sein. Manches im Leben ist sehr wichtig. Eine Taufe gehört da für mich unbedingt dazu. Weil sie so eine schöne, lebenszugewandte Bedeutung hat. Aber auch wenn ich bei Wichtigem mal einen Fehler mache, vertraue ich darauf: Gott kann das schon wieder hinbiegen. Er lässt sich durch mich nicht aufhalten.

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10MRZ2022
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219a. Wohl kaum ein Paragraf im Strafgesetzbuch wurde in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit heftiger diskutiert. Der Paragraf regelt das Werbeverbot für Abtreibungen. Er untersagt es Ärztinnen und Ärzten umfangreich über Abtreibungen zu informieren, zum Beispiel auf ihrer Homepage. Denn als Werbung gilt unter anderem schon, wenn Ärzte über unterschiedliche Methoden informieren, die sich zur Abtreibung anbieten. Nun soll der Paragraf weg, so steht es im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Politikerinnen oder Kirchenvertreter haben ihre Sorgen geäußert. Befürchtet wird unter anderem, dass sich ohne den Paragraphen mehr Frauen für eine Abtreibung entscheiden. Wohlgemerkt geht es beim Paragraf 2019a erst mal um Informationen, nicht um die Abtreibung selbst. Deshalb teile ich diese Sorgen auch nicht.

Ich kann als Mann natürlich nicht nachempfinden, wie es ist, ungewollt schwanger zu sein, über eine Abtreibung nachzudenken. Aber ich bin mir trotzdem ziemlich sicher: Keine Frau macht das mal einfach so. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau einen Flyer in einer Arztpraxis sieht und sich denkt: Ach ja, Abtreibung, stimmt, gute Idee eigentlich. Oder sich beim Durchlesen unterschiedlicher Abbruch-Methoden ganz plötzlich ein Sinneswandel vollzieht. Ich denke, wer sich überhaupt mit Abtreibung beschäftigt, ist verzweifelt und in Not. Da benötigt es Unterstützung und keine Informationsbarrieren.  In der Bibel wird oft darüber berichtet, dass Jesus Menschen in Not geholfen hat – gerade auch Frauen, die zu seiner Zeit wenig Rechte hatten. Er hat ihnen weitergeholfen, sie beraten, ihnen zu Anerkennung verholfen. Er war für sie da. Er hat Verzweifelten Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Hilfe in der Not – dafür steht Jesus. Und ich finde, darum sollten wir uns auch bemühen. Für mich gehört dazu, dass sich verzweifelte Frauen umfassend und ohne Scham über Abtreibung informieren können, möglichst niedrigschwellig, zum Beispiel durch leicht auffindbare schriftliche Informationen. Vielleicht hilft das der ein oder anderen auch, sich jemandem anzuvertrauen. Denn das ist sicher auch wichtig: Die Lage mit jemandem besprechen. Deshalb sollten auch professionelle und vertrauenswürdige Ansprechpartnerinnen leicht zu finden sein. Natürlich ist es damit nicht getan. Die Informationsfreiheit ist nur ein Aspekt in einer komplexen Debatte um Abtreibung. Aber ich glaube, dass ein vernünftiges Informationsangebot unterstützend wirken kann. Das ist Hilfe in der Not, wie Jesus sie vorgelebt hat. Deshalb finde ich es gut, dass der Paragraf 219a abgeschafft werden soll.

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06MRZ2022
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Wir sind Christen auf Bewährung! Das habe ich neulich gelesen und konnte erst mal nichts damit anfangen. Bei Bewährung denke ich zuerst mal an Strafgefangene. Aber darum ging es natürlich nicht. Gemeint war, dass sich der christliche Glaube auch im Tun eines Menschen ausdrückt. Heißt: Christen müssen sich durch ihr Handeln bewähren.

Aber wie kann das aussehen? Wofür sollte man sich einsetzen? Davon schreibt Paulus in einem Brief in der Bibel, über den heute in den evangelischen Kirchen gepredigt wird. Als Beispiele nennt Paulus den Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit, und eine Haltung von Liebe und Freundlichkeit. (2. Korinther 6,1ff).

Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe: Diese Begriffe sind also Wegweiser, sie zeigen, woran sich christlicher Glaube orientieren soll.

Mit Schrecken erinnere ich mich noch daran, wie Donald Trump sich selbst vor einer Kirche inszenierte, die Bibel in der Hand. Gleichzeitig ist er berüchtigt für seine Fake-News. Auch der brasilianische Präsident Bolsonaro spricht gerne über seinen Glauben an Jesus. Das hindert ihn ich nicht daran, Teile der Bevölkerung, die ihm nicht passen, mit aggressiven Parolen anzugreifen. Oder Wladimir Putin: Seit Jahren sucht er demonstrativ die Nähe zur Kirche und lässt sich gerne mit Geistlichen fotografieren. Ich will damit nicht sagen, dass all diese Männer gleich schlimm sind. Aber alle bezeichnen sich selbst als Christen. Und ich sehe und höre von diesen Männern kaum Wahrheit und Freundlichkeit. Sie sähen Hass und keine Liebe.  

Ihre Handlungen und Haltung haben nichts Christliches. Bestenfalls haben sie nicht verstanden, worum es beim christlichen Glauben geht. Wahrscheinlich sind es aber auch einfach Heuchler, die das Christentum für eigene Zwecke missbrauchen. Und das zeigt mir ganz deutlich: Es reicht nicht, sich Christ zu nennen. Glaube, woran man glaubt und wie er sich in Wort und Tat ausdrückt – das muss zusammenpassen. Glaube muss sich bewähren.

Er soll zu Wahrheit und Gerechtigkeit, Liebe und Freundlichkeit führen. Perfekt wird das wahrscheinlich niemandem gelingen. Die christliche Bewährung ist also eher ein fortwährendes Üben und Bemühen darum. Das klingt jetzt womöglich anstrengend und mühevoll. Finde ich es manchmal auch. Aber wenn es mir gelingt, freundlich, liebevoll und gerecht zu sein, dann tut mir das gut. Und meine Gegenüber, denke ich, auch. Dann profitieren alle. Die Mühe hat sich gelohnt und mein Glaube hat sich bewährt.

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06FEB2022
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Dir vertraue ich blind. Das sag ich nur zu jemandem, auf den ich mich voll verlassen kann. Dem ich auch in heiklen Situationen ohne schlechtes Gefühl vertraue.

Blindes Vertrauen – das hatte offensichtlich auch Petrus. Über ihn wird heute in den evangelischen Kirchen gepredigt. Er war mit seinen Freunden auf einem Schiff unterwegs, es hat gestürmt, der Wind hat ihnen ins Gesicht geblasen, die Wellen haben sich aufgetürmt. Da sieht Petrus in der Ferne Jesus. Er kommt zu ihnen - übers Wasser gelaufen! Und dann sagt Jesus auch noch zu Petrus:

Komm her zu mir! Und der macht das tatsächlich! Petrus steigt aus dem Boot und geht auf dem Wasser auf Jesus zu. (Mt 14,29)

Blindes Vertrauen! Petrus fasst Mut, wagt das Unbekannte und läuft übers Wasser. Eine unglaubliche Geschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn muss man nicht verblendet sein, um das zu glauben? Ich denke nicht. Denn es geht in der Geschichte nicht darum, physikalische Gesetze infrage zu stellen. Sondern ich glaube, es geht um das tiefe Vertrauen zwischen Petrus und Jesus. Ein Vertrauen, mit dem Petrus mehr schafft, als er sich vielleicht selbst zugetraut hat. Auch weil er gespürt hat: Jesus vertraut auch mir; er glaubt an mich.    

So ein Vertrauen fällt nicht einfach vom Himmel. Petrus und Jesus haben sich gekannt, sind gemeinsam herumgereist. Und Petrus nannte Jesus Gottes Sohn. Er war überzeugt und hat erlebt: Mit ihm hab ich Gott an meiner Seite, da kann ich vieles schaffen.

Ich vertraue auch auf Gott, obwohl ich heute nicht mehr mit Jesus herumziehen kann. Aber ich erlebe Gottesnähe anders, zum Beispiel vermittelt durch die Erzählungen der Bibel, durch Erfahrungen, die Menschen vor mir gemacht haben und in Beziehung zu anderen.

Und ich glaube, das ist auch beim Vertrauen zu anderen Menschen wichtig: Dass es eine solide Vertrauensbasis gibt. Sonst wird Vertrauen zu Naivität.

Ich vertraue einem Freund blind, weil er mir schon oft gezeigt, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Und weil er mir was zutraut – mich aber auch warnt, wenn ich zu viel will. Das ist in dem Sinne gar kein blindes Vertrauen, sondern es basiert auf Erfahrungen. Es ist ein realistisches Vertrauen, weil es gute Gründe hat. Und dieses verwurzelte, begründete Vertrauen in Gott und in andere Menschen ermutigt mich und hilft mir dabei vieles zu schaffen ohne unterzugehen.

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06JAN2022
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Klaus-Peter Lüdtke

Malte Jericke trifft Klaus-Peter Lüdke, Pfarrer und Autor

Teil 1 Fragen und Akzeptanz

Er ist Pfarrer und Vater. Und er hat ein Buch geschrieben: Jesus liebt trans. Wie kam es dazu?

Das war ein sehr aufregendes Buch nach einem sehr aufregenden Sommer. Unser Junge 13 Jahre alt, hat sich geoutet, öffentlich und vorher auch uns.

Der Sohn von Pfarrer Klaus-Peter Lüdke ist transident. Er wurde im für sich falschen Körper geboren – als Mädchen. Das fühlte sich schon seit seiner Kindheit komisch an. In Worte fassen konnte er es nicht. Als er auf das Thema Transidentität gestoßen ist, hat er festgestellt: Ja, das bin ich.

Und weil wir öffentliche Personen waren im Dorf und er auch bekannt war noch im zugewiesenen Geburtsgeschlecht, also nicht als Junge, da haben wir dann angefangen, den Menschen zu erzählen und zu erklären, was passiert ist.

Dass das Kind des Pfarrers transident ist, ist in der Kirchengemeinde und im Dorf natürlich Thema. Lüdke ist Pfarrer in Altensteig im Schwarzwald. Für viele Menschen dort spielen die Bibel und die christlichen Traditionen noch eine große Rolle. Viele gelten als eher konservativ. Der Pfarrer hat in diese Zeit viel geredet, sich auch Vorbehalte angehört und diskutiert. Hat er und seine Familie viele negative Erfahrungen machen müssen?

Dadurch, dass wir das Gespräch gesucht haben und wirklich versucht haben, alle Vorbehalte auch mal zu hören und darüber ins Gespräch zu kommen, nachzudenken, noch mal ins Gespräch zu gehen, haben wir sehr wenig schroffe Ablehnung aus unserem Umfeld erlebt.

Und wie sich herausstellt: für viele Menschen, mit denen Lüdke gesprochen hat, ist queeres Leben doch auch gar nichts Ungewöhnliches. Sie haben dann zum Beispiel von ihrer Großtante erzählt, bei der das doch auch schon so gewesen sei.

Ich fand es dann sehr schön, dass die Menschen, wo ich es gar nicht erwartet hatte, dass da sehr viel Liebe, dann auch rüberkam und auch sehr viel Verständnis und „ja das kennen wir schon“

Und trotzdem: Es gibt es auch Fragen und manchen fällt es schwer zu akzeptieren, wie Klaus-Peter Lüdke mit dem Thema Transidentität umgeht – gerade im kirchlichen Milieu. Für manche passen queeres Leben und die Bibel nicht zusammen.

Und auch für Pfarrer Lüdke stand manche Glaubensgewissheit plötzlich infrage. Aber er möchte beides: die biblische Tradition bejahen und sein Kind akzeptieren, so wie es ist. Deshalb hat er sich auf Suche begeben, ob und was die Bibel über queeres Leben erzählt.

Teil 2 Josef – ein Mädchen!?

Klaus Peter Lüdke ist Pfarrer und Vater eines transidenten Jungen. Es hat ihn umgetrieben, wie queeres Leben zusammenpasst mit dem christlichen Glauben. Und er hat in der Bibel einiges dazu gefunden. Zum Beispiel in der Josefsgeschichte. Josef, der Sohn von Jakob, dem Stammvater des Volkes Israel, bekommt von seinem Vater ein wunderschönes Kleidungsstück geschenkt – ein Kleid.

Beim näheren Hinschauen und beim Lesen auch des hebräischen Textes fiel mir auf, dass Josef nicht nur einen Kleid trug, sondern ein – Im Hebräischen heißt es ein „Ketônet passîm“ – Das ist ein Ärmelkleid übersetzt und an einer anderen Stelle – (also nicht nur im ersten Buch Mose im zweiten Buch Samuel nämlich) – da wird dieses Kleid noch mal erklärt, und da heißt es von diesem Ärmelkleid, damit kleideten sich des Königs Töchter. Königstöchter sind Prinzessinnen. Trägt Joseph also ein Prinzessinnenkleid, das ihm sein Vater selbst angefertigt hat.

Josef, ein Junge, Sohn eines großen Patriarchen, trägt ein Prinzessinnenkleid. Pfarrer Lüdke deutet das so: Josef war transident, er erlebte sich selbst als Mädchen.
Mich hat das erstmal erstaunt, ja irritiert. Ich hab schon viel in und über die Josfesgeschichte gelesen. Dass sich Josef als Mädchen erlebt hat – diese Deutung war mir neu. Aber was Pfarrer Lüdke wichtig ist: Man kann die Bibel aus unterschiedlichen Perspektiven lesen. Seine transidente Lesart sieht er nicht als Ersatz traditioneller Deutungen, sondern als Ergänzung. Wie er das erklärt hat mich überzeugt:

Ich bin ein Mann. Ich lese die Bibel oft auch aus der Perspektive eines Mannes. Aber eine Frau hat einen anderen Zugang nochmal zur Bibel und entdeckt dabei auch Zugänge zu diesen alten Texten, die schon in diesen Texten selber standen. Ich weiß jetzt heute um Transidentität und kann dann auch Transidentität in der Bibel wiederentdecken, die anderen historisch-kritisch lesenden verborgen bleiben, weil sie jetzt diese Brille Transidentität nicht haben. 

Kein Verständnis und keine Akzeptanz für ihre Schwester hatten Josefs ältere Brüder. Sie misshandeln Josef, demütigen sie sexuell und verkaufen sie schlussendlich als Sklavin. Für Lüdke hat das auch einen aktuellen Bezug.

Das ist ein Trauma, das vielleicht nicht in dieser Schärfe, aber in manchen Kulturräumen auch und auch in unserem Land manchmal doch leider auch queere Menschen durchleiden, dass sie ausgegrenzt werden, dass die gedemütigt werden, dass sie keine Akzeptanz finden.

Josef findet zum Glück einen Weg aus ihrem Trauma und der Gewaltspirale heraus. Als sie ihren Brüdern später wieder begegnet, zeigt sie ihnen den Schmerz, den sie ihr angetan haben. Ihre Verletzung kann heilen. Josef kann verzeihen und versöhnt sich mit ihrer Familie. Ein Ende, das Pfarrer Lüdke hoffnungsvoll stimmt.

Was kann es Schöneres geben, dass sie sich in die Arme fallen? Dass Vater und Tochter dann auch wieder zusammenkommen und dass sie ja das Leben feiern.[…]
Das ist eine schöne Umkehr von Ablehnung hin zu einer wunderschönen Akzeptanz danach
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05DEZ2021
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Ist doch alles nicht so schlimm, jetzt jammere doch mal nicht so rum! Das hab ich neulich einem Freund gesagt. Er hat sich über alles Mögliche beschwert. Ich fand das irgendwie übertrieben. Im Nachhinein hab ich es aber bereut, dass ich ihn so direkt abgewürgt habe. Klar, manchmal beschweren sich Menschen über jede Kleinigkeit. Aber es gibt auch Klagen, die Ausdruck echter Not sind. Da sollte ich einfach erstmal zuhören und nicht urteilen. Ihre Ängste und Sorgen klagt auch das Volk der Israeliten in der Bibel. Darüber wird heute in den Evangelischen Kirche gepredigt. Die Israeliten haben alles verloren: ihre Heimat, ihren Tempel, ihr religiöses Zuhause. Sie klagen Gott an:

„Wo sind deine brennende Liebe und deine Macht? Wo ist deine Barmherzigkeit – wir merken nichts davon.“ (Jesaja 63,15)

Die Israeliten haben sich auf Gottes Hilfe verlassen und wurden enttäuscht. Anscheinend hört er Ihnen nicht zu. Er hat seine Macht nicht gezeigt; er war nicht barmherzig. Da hat man allen Grund zur Klage. Und anscheinend tut es den Israeliten gut, zu klagen. Sie werden wieder zuversichtlicher. Denn es heißt weiter:

„Keiner hat jemals einen Gott wie dich gesehen. Du tust denen Gutes, die auf dich hoffen. (Jesaja 64,3)

Die Israeliten sind sich sicher: Gott hört ihnen zu. Er wird sie irgendwann wieder gut behandeln. Sie dürfen nur die Hoffnung nicht verlieren. Ja, klagen und hoffen – das gehört bestenfalls zusammen. Weil die Klage dann erträglicher wird. Aber beides seine Berechtigung behält. Dass sich zur Klage die Hoffnung gesellt – Das wünsche ich mir auch für all jene, die heute in Not sind: Männer und Frauen, die auf der Intensivstation um ihr Leben ringen. Angehörige, die um ihre Liebsten bangen. Pfleger, die unter einem ausbeuterischen System und der Unvernunft mancher Menschen leiden. Sicher, es ist manchmal fas unmöglich in all der Not, die Hoffnung nicht zu verlieren. Aber ich glaube, es hilft, die eigene Hoffnung zu zeigen und zu teilen. Heute zünden wir schon zwei Kerzen am Adventskranz an. Für mich sind das Lichter der Hoffnung. Ich zünde sie auch für diejenigen an, die so viel klagen oder Not sehen, dass ihnen die Hoffnung ausgeht. Denn es sind zwar kleine Flammen. Aber sie leuchten hell. Sie vermehren sich von Woche zu Woche. Das lässt mich hoffen.

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