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Generationengerechtigkeit

Im April vor einem Jahr haben Klimaschützer einen großen Erfolg vor dem Bundesverfassungsgericht gefeiert. Es sind vor allem junge Leute gewesen, die Beschwerde dagegen eingelegt haben, dass die Aufgabe der Emissionsminderung in ihre Zukunft vertagt wird. Jetzt wird CO2 verbraucht, wirksam dagegen angehen soll aber erst die nächste Generation. Das ist ungerecht.

Dem hat das BVG stattgegeben und Nachbesserungen am Klimaschutzgesetz verlangt. Bis zum Jahr 2030 darf nur noch eine begrenzte Menge CO2 verbraucht werden, sonst bleibt den Menschen morgen kein Spielraum mehr. Das ist doch logisch, oder? Und doch musste es von mutigen jungen Leuten vor Gericht eingeklagt werden.

Die Erfahrung, dass Kinder an falschen Entscheidungen und der Lebensweise ihrer Eltern schwer tragen, ist uralt. Sie ist im ersten Teil der Bibel sogar Sprichwort geworden:

Die Väter haben saure Trauben gegessen, den Kindern aber sind die Zähne stumpf geworden. (Hes 18,2)

Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten dieses bittere Sprichwort bedacht.

Unsere Generation hat immer weiter fossile Energien ins Wirtschaftswachstum gesteckt. Von diesen sauren Trauben konnten wir die Finger nicht lassen. Unseren Kindern werden die Zähne stumpf.

Sie werden mit Überschwemmungen, Waldbränden, Artensterben und Flüchtlingswellen leben müssen.   

In der Bibel erhebt der Prophet Hesekiel Einspruch: Dass die einen ausbaden, was die anderen angerichtet haben, ist nicht akzeptabel! Nach Gottes Willen soll jeder Mensch selbst verantwortlich sein für sein Tun und auch die Folgen dafür tragen. Das bedeutet, dass Eltern ihr Leben und Handeln prüfen, es wenn nötig ändern, und wenn sie Schaden verursacht haben, sich in einem umfassenden Sinn ehrlich um Entschädigung bemühen.

Aber auch ihre Kinder sind gefordert: sie müssen entscheiden, wie sie mit dem Erbe ihrer Vorfahren umgehen. Denn auch sie selbst werden Eltern, die keine sauren Trauben essen wollen, die ihren Kindern den Appetit am Leben verderben.

Ich glaube, dass so ein verhängnisvoller Generationenzusammenhang nur gemeinsam unterbrochen werden kann. Deshalb hoffe ich sehr, dass Eltern und Kinder an einem Tisch bleiben. Wir brauchen einander dringend, um Ideen zu entwickeln, was jeder und jede jetzt konkret tun kann, um in den Augen der Enkel zu bestehen.

Jeder ist für sein Tun und Handeln verantwortlich und auch haftbar. Manchmal braucht es dazu eine wirksame Erinnerung, sei es aus der Bibel oder vom Bundesverfassungsgericht.

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Heute ist Himmelfahrt, ein arbeitsfreier Tag für viele. Manche machen ein verlängertes Wochenende daraus, ich auch. Die Tage sind wunderbar lang. Auch uns Christen treibt es aus dem Häuschen, und viele von uns feiern den Himmelfahrts-Gottesdienst unter freiem Himmel, gerne mit den Katholiken zusammen. Im Glaubensbekenntnis heißt es so: Jesus Christus ist auferstanden von den Toten und aufgefahren in den Himmel. Aller Erdenschwere endgültig enthoben, lebt und regiert er im Himmel.

Lange Tage unter offenem Himmel – da scheint es erstmal merkwürdig, dass im Mittelpunkt vieler Gottesdienste ein Traum im Mittelpunkt steht, ein Alptraum noch dazu. Es ist finstere Nacht, als der Prophet Daniel wehrlos von gewaltigen, geflügelten Raubtieren träumt: Von monströsen Viechern, die aus dem aufgewühlten Meer steigen. Das schlimmste Ungeheuer hat eiserne Zähne, und zermalmt alles, was um es ist, und was übriggeblieben ist, trampelt es nieder.

Am nächsten Morgen schreibt Daniel seinen Alptraum auf. Er nimmt ihn ernst. In den bedrohlichen Tiergestalten erkennt er die Brutalität der Mächtigen in seinem Land wieder.

Auch mich verfolgen Nachrichten und Bilder des Tages bis in die Nacht. Der Krieg, der entsetzliche Folgen hat für Abermillionen Menschen auf dieser Erde; die Pandemie, die fast abgehakt scheint, die brüchige Stimme der Expertin, die dem naiv fragenden Reporter den jüngsten Weltklimabericht erläutert. Schreckliche Monster unserer Zeit.

Dann sehne ich mich nach Frieden und Zukunft und Gerechtigkeit.

Auch Daniel sehnt sich nach Frieden. Und in der nächsten Nacht träumt er von einem göttlichen Gerichtshof, in dem das furchtbare Tier angeklagt, verurteilt und schließlich hingerichtet wird. Seine Macht ist zerstört. Und im Traum sieht er einen Menschen, der aus den Wolken des Himmels kommt, und dem Gott alle Macht überträgt. Dieser Herrscher wird seine Macht dafür einsetzen, dass alle Menschen dieser Erde in Frieden leben.

Das ist auch meine verzweifelte Hoffnung, wenn ich morgens den neuen Tag beginne und Radio höre. Tod und Zerstörung werden sich nie durchsetzen, nicht im Himmel und nicht auf Erden. Alle Großreiche sind über kurz oder lang untergegangen. An Himmelfahrt gehe ich deshalb hinaus ins Freie, unter den weiten Himmel. Der Tag erinnert daran, dass Jesus Christus alle Gewalt im Himmel und auf Erden in seinen Händen hält, und niemand sonst. Das klingt naiv, ja. Hoffnung ist vielleicht immer etwas naiv. Ich weiß, dass der Ausgang der dramatischen Lage, in der unsere Welt sich befindet, beängstigend offen ist. Gleichzeitig liebe ich das sanfte Bild von Jesu Himmelfahrt. Es ist eine Widerrede gegen Zerstörung und Gewalt. Himmelfahrt ist ein Zeichen der Hoffnung, und das hilft mir bei der Entscheidung, wo ich selbst mich verorten will.

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20FEB2022
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Die Schöpfungsgeschichte erzähle ich gern im Religionsunterricht in der zweiten Klasse, die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Gott spricht – und es geschieht. Gott spricht und schafft so eine wunderbar geordnete Welt, indem er Licht und Finsternis trennt, Wasser und Land, Himmel und Erde.

Ein Schüler traut der Sache nicht so recht. „Gott spricht und es geschieht?“. Er lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und fragt: „Und warum hört man dann heute nichts mehr von ihm?“

Das ist jetzt ein paar Jahre her, und ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe. Seine scharfe Frage aber wirkt in mir nach bis heute, denn er hat ja recht: Gottes Wort kann man nicht hören wie aus dem Radio. Auch die Bibel laut vorzulesen bewirkt nicht unmittelbar viel – jedenfalls nichts so Spektakuläres wie in der Schöpfungsgeschichte. Wie kann man Gottes Wort heute hören?

In der Bibel steht ein Satz dazu, der meinem Schüler wahrscheinlich gefallen hätte. Heute ist er in den evangelischen Gottesdiensten zu hören. Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert (Hebr 4,12-13). Gottes Wort ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert, wahrlich kein Kinderspielzeug.

Gottes Wort ist natürlich nicht gewalttätig wie ein echtes Schwert, und doch geht es durch und durch, bis ans Herz eines Menschen. Hier, am offenen Herzen hat Gott ein Wort mitzureden.

Mein Herz klopft schneller, wenn mir etwas durch und durch geht. Wenn mir durch ein Wort, eine Geste, nicht selten durch ein Kunstwerk oder eben auch durch eine skeptische Schülerfrage Entscheidendes über das Leben aufgeht. Ich spüre mein Herz schlagen, ich fühle einen Druck im Magen, wenn ich begreife, dass Gott etwas von mir erwartet: Meine Stimme gegen Gewalt. Meinen Einsatz für Menschen, die schwächer sind, als ich. Gott lässt sich hören, wenn etwas in mir Gefühle auslöst und mich konsequenter handeln lässt.

Heute ist mein Schüler ein junger Erwachsener, und ich würde ihn auf der Straße nicht erkennen. Aber gerne würde ich ihm endlich antworten: Das, was Dein Herz unmittelbar berührt, dich tiefenscharf Licht und Finsternis in dieser komplexen Welt unterscheiden lehrt, ist Gottes Wort. Bleibe offen dafür, denn dann kannst Du ihn gar nicht überhören.

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22AUG2021
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Ich habe zwei Jahre in der Slowakei gelebt. Slowakisch habe ich dabei nicht flüssig sprechen gelernt, aber um durch den Alltag zu kommen, hat es gereicht. Heute bedaure ich das, gleichzeitig ist es mir damals aber gut gegangen in meinem Nichtverstehen. Ich fuhr Bus und Bahn eingehüllt in Gespräche, die ich nicht verstand. Dabei habe ich mich durchaus verbunden gefühlt mit den Menschen um mich herum.

Ich muss nicht alles verstehen und tue es zuhause ja auch nicht. Auch hier sprechen wir in verschiedenen Sprachen, verwenden verschiedene Gesten und lachen aus verschiedenen Gründen.

Aber das gute Gefühl in mir schwindet, anderen Menschen nahe und füreinander erreichbar zu sein. Es verstört mich, wie ungehemmt Leute verunglimpft werden. Menschen verstummen, weil es keinen Zweck zu haben scheint, miteinander zu reden. Erreichen wir einander noch?

Heute wird in den evangelischen Kirchen eine Wundergeschichte aus der Bibel erzählt (Mk 7, 31-37), die mich da hoffnungsvoll stimmt.

Menschen bringen einen Mann zu Jesus, der taub ist. Er hört nicht, rufen sie. Er spricht so undeutlich, dass wir ihn nicht verstehen! Hilf ihm. Jesus nimmt den Mann beiseite. Schon diese vertrauliche Geste berührt mich. Jesus wendet sich seinem Patienten zu. Er behandelt ihn in kleinen Schritten ohne Worte. Er legt ihm erst die Finger in die Ohren und berührt dann die Zunge. Dann atmet Jesus mit einem tiefen Seufzer den ganzen Kummer des gehörlosen Mannes aus, der mit niemandem sprechen kann. Und dann sagt Jesus in seiner Muttersprache Effata!, „Tu dich auf!“

Und das Wunder geschieht: Der Mann kann hören, was andere sagen und sich selbst verständlich mitteilen. Zum ersten Mal hören seine Leute ihn deutlich sprechen, und auch ihnen gehen die Ohren darüber auf.

Der Mann hat Vertrauen gefasst und Nähe und Berührung zugelassen. Das möchte ich mir auch vornehmen, spürbare Nähe zuzulassen, nicht immer, aber manchmal, damit Berührung möglich ist. Und tief durchatmen, seufzen. Ich möchte weniger Worte machen, bis sich das eine zauberhafte einstellt, das Verstehen eröffnet.

Ich war zwei Jahre in der Slowakei, habe viel gesehen und manches gedeutet. Verstanden habe ich erst spät. Dafür musste ich näherkommen, berührt und ins Vertrauen gezogen werden. Und das Wunder hat sich eingestellt: Obwohl wir so verschieden leben, verstehen wir uns dennoch wunderbar.

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16MAI2021
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Mein verordnetes Homeoffice ist eine recht einsame Schreibtischarbeit. Manchmal komme ich nicht recht voran. Alles staut sich in meinem Kopf und widersetzt sich störrisch meiner Mühe. Wenn ich so feststecke, dann unterbreche ich. Ich gehe raus vor die Tür, auch wenn´s regnet. Bewegung! Und tatsächlich, kaum gehe ich ein paar Schritte, kommen auch die Gedanken wieder in Fluss. Der Stau löst sich.

Einen Stau auflösen – in der Bibel ist das die Wirkung vom Geist Gottes! Die Geistkraft fließt - wie ein Strom, der das Land fruchtbar macht.
Jesus selbst hat diesen Vergleich gezogen, als er an einem großen Erntedankfest teilgenommen hat. In einer feierlichen Prozession wurde Quellwasser in den Tempel heraufgetragen und am Altar ausgeschüttet. Die Menschen haben so Gott für die Ernte gedankt und um Wasser gebeten, um Regen von oben und um Quellwasser aus der Tiefe.

Als er das sah, hat Jesus gerufen: Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt (…), von dem werden Ströme lebendigen Wassers fließen. (Joh 7,37f.)

Was für ein seltsames, sinnliches und gar nicht wirklich vorstellbares Bild von einem, aus dem „Ströme lebendigen Wassers“ fließen! Dieses Bild von Jesus wird heute in den evangelischen Gottesdiensten betrachtet. Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. Ja, ich habe Durst.

Jeden Sonntag lese ich laut den Psalm, das Evangelium und den Predigttext, egal ob ich zum Gottesdienst gehe oder nicht. Für mich ist das wichtig. Ich brauche das. Lebendiges Wasser! Es ist nicht viel, ein kleines Rinnsal, aber es nährt zuverlässig mein karges Land.

Immer löst es etwas in mir aus. Mal bin ich überrascht und getröstet, mal auch befremdet und überfordert. Heute zugegeben eher Letzteres. Wie soll das gehen?

„Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke.“ Alle Welt dürstet. Es brennt an allen Ecken und Enden. Die Erde ist erschöpft. Meine Gedanken erstarren wieder.

Wie gut da dieses seltsame Bild heute! Jesus verspricht einen unerschöpflichen Fluss des Geistes Gottes, der von ihm ausgeht. Menschen tragen ihn weiter und vermehren ihn sogar. Ein unendlicher Flow. Unverfügbar. Er löst das Starre, setzt in Bewegung, bringt in Beziehung und auf ganz neue Gedanken. Das spüre ich und darauf hoffe ich.

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04APR2021
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Jad Vaschem

Vor Jahren war ich in Jad Vaschem in Jerusalem. Das ist die internationale Gedenk- und Dokumentationsstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert. In dem zugehörigen Museum stand ich vor einem großen Schubladenschrank.
In jeder Lade wurde die Geschichte eines Menschen dokumentiert, der seiner Vernichtung entkommen ist. Kleine Habseligkeiten und knappe Texte erzählten von einem engen Versteck, einem doppelten Boden, einem abenteuerlichen Fluchtweg, auch von verborgenen Helfern und wunderbaren Zufällen. Jede Lade stand für das Wunder, dass ein Mensch mit letzter Kraft entkommen ist und die sichere Seite erreicht hat.

Die Rettung am Schilfmeer

Heute, an Ostersonntag, wird in den evangelischen Kirchen ein biblischer Abschnitt in den Mittelpunkt gestellt, der die Rettung Israels in größter Not erzählt (2. Mose 14). Ist das eine Ostergeschichte? Ostern feiern wir doch die Auferstehung von Jesus Christus!

In der Predigt wird aber zunächst daran erinnert, wie die Israeliten auf ihrer Flucht aus der ägyptischen Sklaverei in eine Sackgasse geraten sind. Mit dem Meer vor Augen und den Verfolgern im Rücken gab es kein Vor und kein Zurück. Die Menschen sind verzweifelt. Da hat Mose in der Kraft Gottes das Meer geteilt, so heißt es, und das Volk sicher und sogar trockenen Fußes auf die andere Seite gebracht. Die Verzweifelten waren gerettet.

Ja, ich finde, das ist eine Ostergeschichte. Gott rettet aus dem sicheren Tod, weil er zu seinem Wort steht. Zur Erinnerung daran feiern die Juden bis heute das Pessachfest. Und die christlichen Kirchen stimmen heute mit ein. Ich finde es wichtig, die Erinnerung an das Schilfmeerwunder immer wieder aufzufrischen, denn die Gefahr ist vorbei, aber nicht vorüber. Nach den Ägyptern kamen neue Schreckensherrschaften, erst die Assyrer und dann die Babylonier, und viele, viele weitere. Auch heute verzweifeln Menschen unter der Übermacht furchtbarer Schrecken und sehen keinen Ausweg. Ihre Not berührt Gott.

Ostern

Er tut Wunder, denn ohne Wunder geht ist nicht. Die Rettung der Israeliten am Schilfmeer und die Aufweckung von Jesus sind für mich solche Wunder. Niemand konnte mit ihnen rechnen. Sie sind die Ausnahme. Am Schilfmeer ist es gelungen, trockenen Fußes das Meer zu durchqueren. An Ostern ist es gelungen, das Grab aufzubrechen. Und jede Lade in Jad Vaschem bezeugt, wie es gelungen ist, den Mördern zu entrinnen. So schlägt Gott der Tyrannei ein Schnippchen, die keine Ausnahmen kennt. Wenn das einmal gelungen ist, wird es auch wieder gelingen. Das muss erinnert und groß gefeiert werden! Gepriesen sei die Ausnahme, der Spalt im Meer, die Habseligkeiten in den Schubladen in Jad Vaschem, gepriesen sei Gott, der aus dem Tod errettet!

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Die heiligen drei Könige sind einem Stern in der Nacht gefolgt, erzählt die Bibel. Heute, am Tag der Heiligen Drei Könige wird in den evangelischen Gottesdiensten über ein Wort aus der Bibel gesprochen. „Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt; und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“ (Jes 60, 1) Wer sagt das zu wem und warum?

Welches Licht ist gemeint? „Mache dich auf und werde licht“. Ich glaube nicht, dass der Stern der drei Weisen gemeint ist.  Das hat ein Prophet mit Namen Jesaja zu der Stadt Jerusalem gesagt, sehr eindringlich, fast beschwörend: Mache dich auf und werde licht. Steh auf, strahle!

Danach war es den Einwohnern Jerusalems damals bestimmt nicht zumute, denn die Stadt war zerstört, gedemütigt, gekränkt.

Damals Jerusalem, heute Beirut, das fast auf den Tag genau vor fünf Monaten (4. August 2020) durch eine gewaltige Explosion zerrissen wurde. Homs, Aleppo, Idlib, und viele, viele mehr, von Krieg und Korruption terrorisierte und zerstörte Städte.

Die Bewohner sind geflohen und zerstreut und von der Welt verlassen. Und da hinein damals diese Worte an das zerstörte Jerusalem:
Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über Dir, so verspricht es der Prophet Jesaja der geschändeten Stadt. Die Herrlichkeit Gottes geht auf über dir wie die Sonne!

Ich glaube, der Prophet redet von der Sonne der Gerechtigkeit Gottes. Gott setzt die zerstörte Stadt ins Licht und ins Recht, und wendet sich ihr liebevoll zu.

Jesaja verspricht dann weiter, dass die Völker kommen werden - und ich sehe die Heiligen drei Könige vor meinem inneren Auge in die zerstörten Städte ziehen. Die christliche Tradition hat in ihnen schon immer Vertreter aller Völker gesehen. Sie kommen, um zu heilen, zu trösten und wiederaufzubauen.

Ich sehe die Heiligen Drei Könige als Vertreter der Weltgemeinschaft ihre Schätze auftun.

Das ist ein Traum, den ich auch für geschändete Menschen träume. Dass sie nicht länger im Dunkeln stehen. Dass Gottes Licht sie zeigt, mit ihren Wunden. Und dass ihre Erscheinung die Völkergemeinschaft zwingt um Anerkennung und Genugtuung für sie zu streiten.

Die Herrlichkeit Gottes geht auf wie die Sonne über der zerstörten Stadt und über den verwundeten Menschen. Sie lenke unsere Blicke – wie die der Könige damals – und steuere unser Herz und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

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25DEZ2020
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Jesus wurde geboren, als Kaiser Augustus in Rom herrschte. Gestern, an Heiligabend haben wir das gefeiert, als Corona das Jahr 2020 bestimmte. Ich hoffe, Sie haben gestern trotzdem ein schönes und christliches Weihnachtsfest gefeiert, und waren in guter Verbindung mit Ihren Liebsten.

Die Bibel erzählt: Als Jesus in Bethlehem geboren wurde, war die Stadt überfüllt wegen der Volkszählung. Aber nur ganz wenige Menschen – nur die Hirten - haben bemerkt, dass Gott in dieser Nacht in diesem Kind auf die Welt gekommen ist. Nur die Hirten haben über die Solidarität Gottes mit ihnen, den Armen gejubelt.

Die anderen haben nichts mitbekommen. Und darum geht es auch heute in den evangelischen Gottesdiensten am Morgen danach. Wie kommt die gute Nachricht zu den Leuten? Wer freut sich über sie?
Heute kommt dabei ein Mann zu Wort, der lange vor Jesu Geburt lebte und nie Weihnachten gefeiert hat. Er hieß Jesaja und war ein Freund Gottes. Heute sagen wir: er war ein Prophet.

Es waren niederdrückende Zeiten damals. Jesaja hat die Horizonte abgesucht, ob Hilfe käme. Er hat sein Ohr auf die Erde gelegt und gelauscht, ob es ein anderes akustisches Signal gäbe als die bleierne Stille.

Im ersten Lockdown im Frühjahr haben auch viele Menschen ihre Sinneswahrnehmungen geschärft und ihre unmittelbare Umgebung neu wahrgenommen. Vielleicht Sie auch und vielleicht tun Sie es immer noch. 

Eines Tages empfängt Jesaja Geräusche, die er als Schritte erkennt, schnelle, leichtfüßige – ein Läufer nähert sich! Da kommt jemand, ein Bote. Jesaja singt: Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt und Gutes predigt!  Wie lieblich jener, der den schweren Weg über die Berge und durch alle feindlichen Linien hindurch genommen hat!

Der die erlösende Nachricht bringt: Dein Gott ist König. Er kommt zu Dir. Steh auf, die schwere Zeit ist vorbei. Was für eine Nachricht, die Jesaja da empfängt!

Alles ist anders, wenn es einem Freudenboten gelingt, durch das struppige, unwegsame Gelände hindurch die Botschaft von der Solidarität Gottes zuzustellen. Alles wird anders, wenn schlichte Worte und sprechende Zeichen der Nähe zu mir durchdringen:

Da ist jemand wieder gesund geworden, um den ich Angst hatte. Da ist so ein lieber Brief gekommen, ein Päckchen sogar. Da haben Kollegen im Advent eine Brassband gegründet und den Mitarbeitenden im Haus ein Ständchen gebracht. Das war schön!

Alles Musik in den Ohren derer, die dafür eine Antenne haben. Die Armen, die Sehnsüchtigen, die Kinder, und Sie hoffentlich auch.

Frohe Weihnachten Ihnen und aller Welt!

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01NOV2020
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„Wir hatten ja noch nicht einmal einen Löffel!“, hat mir eine Frau von ihrer Ankunft nach dem Krieg erzählt. Pommerland war abgebrannt. Sie fand sich wieder an einem Ort, der auf ihrer Lebenskarte vorher nicht verzeichnet war.

In einem Sammellager bekam sie einen Platz. Sie fand Arbeit in einer Näherei. Später hat sie geheiratet, ein Kind entbunden und mit ihrer Familie eine kleine Werkswohnung bezogen. An Szenen der Demütigung und Scham vor allem in der Anfangszeit konnte sie sich gut erinnern. Ob sie je ganz in der neuen Heimat angekommen ist, könnte ich nicht sagen.

Wenn sie heute in die Kirche geht, hört sie im Gottesdienst von dem Brief, den Jeremia, ein Prophet Gottes, seinen verschleppten Landsleuten hinterher geschrieben hat. Verstört, verängstigt, ohne Löffel saßen sie in der Fremde und hofften, etwas aus der Heimat zu hören. In der Predigt heute wird bedacht, was der Gottesmann vor Jahrhunderten ihnen geschrieben hat.

Ich wünschte, alle Menschen in Deutschland würden diesen Brief hören und sich dann miteinander austauschen und ihre Erfahrungen teilen!

Jeremia fordert in Gottes Namen seine Landsleute auf, sich nicht zu verschließen, sondern - im Gegenteil -  sich mutig und entschlossen auf das Leben im Exil einzulassen.

Baut Häuser, schreibt Jeremia. Das ist ein langfristiges Projekt. Erst Notunterkunft, dann Anschlussunterbringung, aber irgendwann eben doch die eigene Wohnung.

Pflanzt Gärten, schreibt Jeremia. Auch das ist leichter gesagt als getan. Welche Mühe, in einem fremden Land Arbeit zu finden und den Lebensunterhalt zu bestreiten!

Gründet Familien, schreibt Jeremia. Das finde ich besonders berührend. Das gebeutelte Leben weiterreichen an Kinder. Und mit ihnen dem fremden Land Zukunft gönnen. Mit Kindern wachsen so viele Möglichkeiten!

Schließlich: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie, schreibt Jeremia. Legt bei Gott ein gutes Wort für sie ein.  Auf diese Weise sollen sich seine Landsleute mit dem neuen Lebensort verbinden und neues Vertrauen fassen, auch wenn schmerzhafte Erfahrungen sie dahin geführt haben. Jetzt stelle ich mir morgens  im Bus auf dem Weg zur Arbeit vor, wie viele von den Vertriebenen, Exilanten, Geflüchteten und Zuwanderern für unsere Stadt beten, in der sie mit mir leben. Und was sie an diesem Tag für die Stadt tun. In der Tat, beides ist gut für die Stadt.

Jeremia hat recht, glaube ich: Auch in der Fremde lässt Gott mit sich reden, weil er nicht zurückgeblieben ist. Er ist mitgegangen. Ihm ist die Fremde nicht fremd. Manchmal denke ich sogar, sie ist sein Element.

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06SEP2020
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Es ist immer gut, zu wissen, wo man herkommt. Das erdet. Bei einflussreichen Politikern fragen wir nach der Lebensgeschichte und meinen damit: was ist das eigentlich für ein Mensch? Oder: Worin gründet der unglaubliche Erfolg des börsennotierten Unternehmens? Und dann staunen wir, was aus der Idee und dem Mut eines findigen Studenten geworden ist. Auch mit dem Christentum hat es klein angefangen, ehe es zu einer Weltreligion aufgestiegen ist.

Die Begebenheit, über die heute in den evangelischen Kirchen nachgedacht wird (Apg. 6,1-7), führt in die ersten Anfänge zurück.

Am Anfang, als die christliche Gemeinde in Jerusalem regelrecht Wachstumsschübe erlebt hat, stand anscheinend ein Konflikt. Was ist passiert? Es wird erzählt, dass bei der täglichen Versorgung Bedürftiger einige übersehen wurden. Übersehen wurden hinterbliebene, alleinstehende Frauen, Witwen. Verschärfend kam aber noch hinzu, dass besonders Witwen einer Volksgruppe übersehen wurden, die Zugewanderten. War das Zufall? Oder liegt dem ein Muster zugrunde, das vielleicht unbewusst, aber im Alltag eben doch hochwirksam und sehr kränkend ist – und zwar bis heute?

Ein Murren erhebt sich. Mitten im äußeren Erfolg hatte wahrscheinlich erst niemand Lust auf diese Töne. Da ist die Versuchung groß, das Murren zu überhören, so wie bis heute bestimmte Menschen übersehen werden. Aber die Gemeindeleitung damals hat sich Gott sei Dank anders entschieden. Sie hat das Murren gehört und anerkannt, dass sich etwas ändern muss.

Deshalb wurde eine Gemeindeversammlung einberufen. Vielleicht konnten da auch die Witwen ihre Sicht der Dinge erzählen und erleben, dass ihnen zugehört wird.

Dort zeichnet sich ab, dass die Gemeinde für ihre gewachsene Größe eine arbeitsteilige Organisationsform braucht. Eine strukturelle Lösung muss her - und sie wird auch gefunden: Durch Wahl wird ein Team aus sieben Personen eingesetzt. Sie kommen aus der Gruppe der Benachteiligten und werden also von allen akzeptiert werden. Ihnen wird die soziale Arbeit übertragen. Damit ist die Situation wirksam verändert und befriedet.

Zur Geschichte des Christentums gehört diese bewältigte Krise am Anfang. Menschen haben dabei die Erfahrung gemacht, dass sie zusammen etwas bewegen und Schaden abwenden können. Ich finde: Das gilt bis heute. Christen können in Gottes Namen hinsehen und zuhören, brauchen Konflikte nicht zu scheuen, können Prozesse anstoßen, die das Leben wirksam verbessern.
Es ist immer gut zu wissen, wo man herkommt.

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