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16OKT2021
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„Gott sieht „elles“ außer Dallas“. Der Satz ist mir aus meiner Kindheit hängengeblieben. Es geht dabei um die Fernsehserie Dallas, in der J.R. Ewing seine intriganten Spielchen treibt. Dallas war sehr erfolgreich. Allerdings haben viele die Serie auch ganz und gar abgelehnt. Aus diesem Umfeld stammt der Satz: „Gott sieht alles außer Dallas“. Er meint: Die Serie ist so schlecht, dass Gott sie nicht sehen will. Er ist zwar allwissend und sieht alles. Aber wegen Dallas beschränkt er sich in seiner Göttlichkeit, um es nicht sehen zu müssen.

Ich habe die Serie nie angeschaut, halte mich also mit einem Urteil zurück, aber ich finde folgenden Gedanken gut: Gott schaut sich nicht alles an. Das beruhigt mich, denn die Vorstellung eines Gottes, der alles von mir weiß und alles sieht, was ich tue, ist für mich schon immer bedrohlich gewesen. Denn wenn das so ist, dann gibt es für mich keine Privatsphäre, nichts Intimes mehr. Alles bleibt unverborgen und ich habe keine Geheimnisse. Und das will ich nicht. Ich weiß, dass es für viele Menschen etwas Befreiendes hat, wenn man sich aus seinem Glauben heraus vor Gott ganz zeigen kann. Aber ich will das nicht. Ich will nicht, dass irgendjemand alles über mich weiß. Der Gedanke bedrängt mich vielmehr. Ich brauche meinen geschützten Raum.

Der alberne Satz über die Fernsehserie Dallas gibt mir eine Idee, die mir da raushilft. Mag sein, dass Gott in unserer Vorstellung alles weiß und alles sieht. Aber vielleicht interessiert er sich nicht für alles. Vielleicht verzichtet er nicht nur freiwillig auf die Fernsehserie Dallas, sondern will auch vieles, was in meinem Kopf und in meinem Leben stattfindet, gar nicht wissen. Wenn ich mich an ihn wende, dann hört er mir zu, wenn mich etwas wirklich bedrängt, das nimmt er ernst. Aber viele meiner Gedanken und Gefühle, die ja oft nur Momentaufnahmen sind, Launen meines Wesens, die berühren ihn nicht. Auch nicht alles, was ich sage oder tue. Er nimmt mich in einem positiven Sinne nicht so wichtig. Denn manchmal nehme ich mich selbst bestimmt etwas zu  wichtig. Weil er mich von außen als Ganzes sehen kann und weiß, wie ich ticke. Er hat einen Überblick über mich. Da muss er nicht alle Launen ernst nehmen.

Natürlich gibt es Dinge, da wünsche ich mir, dass er mehr hinschauen würde. Aber: Die haben nicht unbedingt etwas mit mir zu tun.

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15OKT2021
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Viele Menschen möchten sich nicht gegen Covid 19 impfen lassen. Aus verschiedenen Gründen, auf die ich gar nicht eingehen möchte. Interessant finde ich die Diskussion, die daraus entsteht. Häufig und nachdrücklich wird von Impfgegnern darauf hingewiesen, dass bei uns eine Zwei- Klassen- Gesellschaft entsteht: Wer der 3- G-Regel gerecht wird, darf an allen Angeboten des öffentlichen Lebens teilhaben, die anderen nicht. Wer sich nicht impfen lässt, nimmt sein Recht wahr, auf eine Impfung zu verzichten. Aber er wird, so der Vorwurf, immer mehr an den Rand gedrängt und gehört immer weniger dazu.

Das ist eine ganz wichtige Diskussion - dort wo sie an der Sache orientiert und respektvoll geführt wird.  Ich möchte dabei allerdings über das Thema Impfen hinausgehen und grundsätzlicher fragen: Wer kann denn überhaupt am öffentlichen Leben teilnehmen? Wer ist in der Lage die -wie es oft heißt -„wiedergewonnene Normalität“ zu genießen? Was muss man mitbringen, um dazuzugehören?

Nicht jeder hat das Privileg „normal“ zu sein. Ich könnte viele Umstände nennen, wegen derer Menschen nicht dazugehören. Ein Beispiel sticht derzeit aber besonders hervor.

Dass es wieder Konzerte und Veranstaltungen gibt, wird oft als Zeichen dafür gesehen, dass der Alltag wieder normal wird. Auch Urlaub ist so ein Zeichen, oder der Besuch im Wirtshaus. Und um daran teilzunehmen, muss man die 3 G Regel einhalten. Dabei wird aber ein G vergessen, das schon lange vor der Pandemie Voraussetzung dafür war dazuzugehören. Dieses G ist das Geld. Wer kein Geld hat, der kann sich kein Konzert, kein Restaurant, keinen Urlaub leisten. Mit oder ohne Impfung. Der oder die lebt sein Leben am Rand, muss sich durchboxen. Arbeitet sich kaputt, ohne dass was übrigbleibt. Die Pandemie hat das alles noch verschlimmert.

Ich vermute, die Zahl der Ungeimpften wird sinken - die der Armen aber wird steigen. Auch wegen Corona und seiner Folgen. Um das Nichtimpfen wird viel Aufhebens gemacht, Impfkritiker bekommen viel Aufmerksamkeit. Ich wünsche mir diese Aufmerksamkeit für die, die schon immer weitgehend ausgeschlossen waren. Und noch mehr wünsche ich mir bessere Umstände für all diese Frauen und Männer. Nicht nur für die, die kein Geld haben. Wir alle wissen, dass es noch viel mehr Gruppen gibt, die nicht wirklich dazugehören. Das ist schon seit Tausenden von Jahren so und scheint ganz normal. Und deshalb wäre es vielleicht gut, nicht die alte Normalität 1 zu 1 wiederzugewinnen, sondern sich eine neue, zu schaffen: ohne Barrieren.

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01SEP2021
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Ich stimme Greta Thunberg nicht zu.

Sie will, dass wir in Panik geraten. Das hat sie 2019 zum Abschluss der UN Klimakonferenz gesagt. Da muss ich ihr widersprechen. Wenn ich ihren Einsatz auch sonst sehr schätze und sie durchaus bewundere. Aber in diesem Punkt liegt sie falsch. Ich hoffe, das Gegenteil wird der Fall sein. Ich hoffe wir werden nicht in Panik geraten. Nicht weil es keinen Grund dafür gäbe. Ich denke die Lage ist ernst, genauso dramatisch wie es Greta Thunberg und ihre Bewegung beschreibt. Aber Panik ist die falsche Reaktion darauf. Gerade in Krisenzeiten finde ich es wichtig, ja unabdingbar, einen kühlen Kopf zu bewahren. Gezielt zu handeln, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen. Panik ist ein schlechter Ratgeber.

Vor allem, weil die Klimakrise nicht durch Impfung oder Abstandhalten besiegt werden kann. Was ja schon schwer genug ist. Sie ist langwieriger, sie ist umfassender. Wir können uns ihr nicht entziehen. Wenn wir den Klimawandel ausbremsen wollen, dann wird sich unser Leben tiefgreifend verändern. Dann werden viele Selbstverständlichkeiten verloren gehen. Dann wird unser Alltag ganz anders aussehen müssen und aussehen.

Und Panik können wir dafür nicht gebrauchen. Panik schränkt unser Denken und Handeln ein und wir verlieren den Überblick. Das kann niemand ernsthaft wollen.

Menschen ertrinken, Häuser werden weggespült, Felder und Wälder verdorren. Es stürmt, dass man denkt: die Hölle bricht los. Mich hat besonders die Nachricht erschreckt, dass ein Tornado in Tschechien gewütet hat. Das sind Nachrichten, die kamen bisher immer vom anderen Ende der Welt. Jetzt gehen sie uns an. Wenn wir auch so vieles schon so lange über das Klima wissen. Es zu spüren ist noch einmal was anderes. Das ist alles erschreckend. Das macht Angst und Panik.

Ich hoffe aber, dass die Panik uns nicht beherrschen wird. Ich hoffe, wir werden besonnen der großen Krise begegnen. Ruhig auf sie reagieren. Solidarisch und gemeinsam. Ohne Panik. Sondern mit Ruhe. Ruhe, auch wenn die Zeit knapp ist. Diese Ruhe nenne ich auch Gottvertrauen. Nicht in dem Sinn, dass der liebe Gott uns alle retten wird, dass er das CO2 aus der Atmosphäre saugt oder ähnliches. Ich erwarte keine Wunder. Nein, ich glaube, dass wir die Kraft haben das Ruder noch herumzureißen. Weil das Leben auf diesem Planeten, weil unser Leben hier, (von ihm) gewollt ist

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31AUG2021
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Ganz oft höre ich es, dieses: „Alles gut.“ So viele Leute verwenden es. Meistens bei irgendwelchen Kleinigkeiten. Wenn ich jemanden unabsichtlich angerempelt habe und mich dann entschuldige; wenn ich einen Termin verschieben muss, weil ich meinen Kalender nicht richtig gelesen habe. Dann lautet ganz oft die Antwort: Alles gut.

Ich weiß, dass das nur eine Floskel ist, eine nette noch dazu - Im Grunde sagt mein Gegenüber damit ja nur: „Macht nichts.“ Trotzdem störe ich mich daran. Ich mag es nicht, das „Alles gut“.

Weil es nicht stimmt. Es ist nicht alles gut. Es wäre schön, wenn alles gut wäre, aber es ist nicht alles gut. Es war noch nie alles gut und es wird auch niemals alles gut sein. „Alles gut“ spiegelt unsere Lebenswirklichkeit, unser Menschsein, das Weltgeschehen einfach nicht wider. Auch wenn ich mich wohlfühle, ich glücklich bin und in einem Moment keine Beschwerden habe, dann ist nicht alles gut. Niemand ist in der Lage eine Aussage über das zu treffen, was wir „Alles“ nennen.

Das mag vielleicht etwas spitzfindig klingen, aber ich halte es für wichtig. Wir überprüfen unsere Sprache derzeit ohnehin kritisch. Wir bemühen uns alle Geschlechter auch in der Sprache abzubilden. Wir prüfen die Geschichte von Wörtern und Redewendungen. Da bietet es sich an nachzuschauen, was sich noch so in unsere Alltagssprache eingeschlichen hat und das „Alles gut“ in Frage zu stellen. Vor allem als Christ. Denn die christliche Religion hat viele starke Aussagen. „Alles gut“ gehört aber nicht dazu. Ganz im Gegenteil. Es geht im Christentum nicht darum die Wirklichkeit zu beschönigen. Da wird das Leid nicht ausgeblendet. Da ist der Schmerz sichtbar. Und sogar unmittelbar mit Gott verbunden, der am Kreuz erniedrigt wird und stirbt. Der eben nicht „Alles gut“ macht, sondern, wie man sagt „Das Kreuz auf sich nimmt“. Mit dem Schlechten lebt, sich ihm stellt. Stirbt.

Das „Alles gut“ ist im christlichen Glauben ins Jenseits verschoben, auf das, was nach unserer irdischen Existenz kommt. Darauf hoffen wir. Daran glauben wir. Bis dahin ist jedoch nicht alles gut. Und natürlich auch nicht alles schlecht.

So ist unser Leben. In diesem Spannungsfeld wachsen und reifen wir, freuen wir uns und leiden wir. Und es ist durchaus hilfreich zu lernen mehr die schönen und guten Dinge zu sehen und auf sie zu achten. Dabei aber das Gegenteil nicht zu vergessen.

Ich hoffe, dass auch meine Kirche sich das zu Herzen nimmt. Und ihren Beitrag zum Leid in der Welt nicht mehr verdrängt und vertuscht. Sondern das Kreuz auf sich nimmt und sich der Verantwortung stellt. Damit sicher nicht alles gut, aber vieles ein bisschen besser werden kann.

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30AUG2021
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Manchmal will ich alleine sein. Dann ziehe ich mich zurück. Bin nur bei mir. Das ist schön, weil ich es so möchte.

Wenn ich mich aber einsam fühle, ist das etwas anderes. Dann will ich das nicht selbst. Dann bin ich gezwungen nur bei mir zu sein, obwohl ich gerne jemanden bei mir hätte. Das ist nicht schön.

Und es gibt noch ein Drittes, das ist, wenn ich verlassen bin. Wenn jemand aus meinem Leben verschwunden ist. Weil sie oder er gestorben ist oder weil ich einfach nicht mehr gewollt bin. Das tut richtig weh. Und kann das Leben ins Wanken bringen.

Da kann die Gottesbeziehung helfen. Wenn der Glaube so stark ist, dass er wirklichen Halt gibt. Wenn Gott ein Geländer durch die Zeit ist. Wenn die Gottesbeziehung vor der Einsamkeit bewahrt und die Verlassenheit auflöst. Aber das ist dann schon ein starker Glaube, der nicht selbstverständlich ist.

Häufiger stellen die Einsamkeit und noch mehr die Verlassenheit auch den Glauben in Frage. Denn was bringt mir Gott, wenn mich niemand umarmt, niemand anlächelt, niemand nach mir fragt. Wenn die Person, die immer da war, auf die ich mich bezogen habe, weg ist? Da klingt das göttliche Versprechen: „Ich bin da“ wie eine seichte Trostformel. Eine Vertröstung. Ein Marketingkniff der Religion, um mich bei der Stange zu halten. Indem sie einfach behauptet: Du bist nicht verlassen. Obwohl ich es bin.

Ich weiß was Einsamkeit und auch was Verlassenheit ist; und ich kenne den Zweifel an meinem Glauben. Denn der ist nicht so stark, dass ich mich allezeit getragen fühle. Aber er ist stark genug, dass ich mich immer wieder mit ihm und mit Gott auseinandersetze. Ihn befrage.

Und wenn es um das Verlassensein geht, ist da dieser Ruf Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der bedeutet mir viel. Der bringt mich weiter. Obwohl es ja überhaupt keine Lösung ist. Ich weiß ja trotzdem nicht was ich tun kann, damit es mir besser geht. Eigentlich beschreibt er nur, was ich gerade selber erlebe. Doch das hilft mir schon. Dass dieser Gott selbst die Verlassenheit kennt, das ist für mich so, als würde er mir die Hand reichen. Es macht ihn für mich berührbar und glaubwürdig. Das löst meine Verlassenheit nicht auf, das bringt mir keinen Menschen zurück. Aber es versetzt mich in einen Zustand, einen gefestigten Zustand, aus dem heraus ich weitermachen kann. Und darum geht es meiner Ansicht nach. Aufstehen und weitergehen.

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29MAI2021
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Wenn ich als Kind aus dem Auto meiner Eltern ausgestiegen bin, hat mein Vater oder meine Mutter immer gefragt: „Hast Du das Knöpfle gedrückt“? Damit haben sie gemeint, ob ich die Tür auch verriegelt habe.  Damals gab’s noch keine Zentralverriegelung. Das „Knöpfledrücken“ ist für mich in meiner Kindheit eine wichtige Tätigkeit und auch eine bedeutsame Redewendung gewesen. Etwas später, in meiner Jugend, ist für mich Musik wichtig geworden. Und wenn jemand eine Kassette gehabt hat, die ich auch haben wollte, habe ich gefragt, ob sie oder er sie mir „überspulen“ kann.  Also die Lieder von der originalen Kassette auf eine Leerkassette übertragen. „Überspulen“ - So spricht heute keiner mehr.

Das sind nur zwei Beispiele. Es gibt noch viel mehr Worte und Redewendungen, die nicht mehr vorkommen. Die ihre Bedeutung verloren haben. Die Tätigkeiten oder Dinge beschreiben, die es einfach nicht mehr gibt.

Natürlich gibt es auch Begriffe, die zurecht nicht mehr benutzt werden. Bei denen es besser ist, dass sie vergessen sind. Ich nenne sie jetzt nicht, dann bleiben sie vergessen.

Heute gehen wir selbstverständlich mit Worten um, von denen ich mir vor gar nicht allzu langer Zeit nicht habe vorstellen können, dass sie wichtig für mich werden. Überall spricht man von Inzidenzzahlen. Von Homeschooling. Von Lockerungen und Maßnahmen. Von Verimpfung.

Zugegeben, ich bin es müde, das eine oder andere davon zu hören. Aber es hilft nichts. Jede Zeit hat ihre Wörter. Hoffen wir, dass bald eine Zeit kommt, die uns wieder neue, aber bessere Wörter bringen wird.

Und vielleicht erfahren dann auch ein paar Begriffe und Sätze eine Renaissance. Ich fände es gut, wenn bald der Satz: „Lass dich umarmen“, in aller Munde ist. Oder der: „ich komm kurz vorbei“. Oder: „Sag allen Bescheid, wir treffen uns im Biergarten“...

Noch besser wäre, wenn man sagen könnte: „Die Zahl der weltweit Hungernden ist auf 0 zurückgegangen.“ Oder: „Der letzte Krieg wurde gestern beendet“. Oder: „wir haben aus unseren Fehlern gelernt“.

Wenn dann noch ein paar zeitlose Sätze wie: „Kann ich dir helfen“, „Ich bin für Dich da“ oder „Ich liebe dich“ dazukommen, dann geht es unweigerlich wieder bergauf.

Welche Worte auch immer ihnen wichtig sind. Dass sie sie heute und allezeit oft hören wünscht Ihnen von Herzen

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28MAI2021
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Vor ein paar Tagen bin ich an einem Schild vorbeigelaufen, auf dem es um die Renaturierung der Jagst ging. Die Jagst ist der Fluss, der durch meine Heimatstadt Ellwangen fließt. Renaturierung – ich finde, das ist ein tolles Wort. Zurück zur Natur, so könnte man es übersetzen. Oder etwas weiter begriffen: Zurück in den Urzustand. Das wiederherstellen, was einmal gewesen ist.

Bei Flüssen wie der Jagst geht es darum, die einmal angelegten Begradigungen zurückzubauen, die ursprüngliche Pflanzenwelt wieder anzusiedeln, damit Tierarten, die auf solche Landschaften angewiesen sind, ihren Lebensraum haben. Ziel ist es, möglichst nahe an den ursprünglichen Zustand heranzukommen. Dazu muss man vor allem dafür sorgen, dass das Wasser wieder langsamer fließt.

Ich habe mich gefragt, ob uns Menschen, ob mir selbst nicht auch so eine Renaturierung gut tun würde. Gerade jetzt, wo wir alle guter Hoffnung sind, dass wir uns bald wieder freier bewegen dürfen.

Letztes Jahr, als es mit den ersten Lockdown-Schritten losgegangen ist, habe ich manchmal den Eindruck gehabt, als würde etwas in dieser Richtung entstehen. Oft war von Menschen zu lesen, die es als Chance gesehen haben, mehr zuhause zu sein, mehr Zeit fürs Privatleben zu haben. Viele wollten die verordnete Pause nutzen, sich Ruhe gönnen, alles noch einmal überdenken. Sich um Dinge kümmern, die liegen geblieben waren. Ich bin einigen Menschen begegnet, die dankbar dafür waren, aus dem Alltag gerissen zu werden. Die gewonnene Zeit hat man genützt, um zu prüfen, worauf es wirklich ankommt.

Solche Töne sind inzwischen wieder selten geworden. Eigentlich sind sie verstummt. Alles dauert ja länger als erwartet. All die Maßnahmen, scheint mir, werden überwiegend als lästige Pflicht empfunden. Und wenn ich die Nachrichten schaue, bekomme ich den Eindruck, als würden wir nur noch mit den Füßen scharren, um endlich wieder loslegen zu können.

Um die Geschwindigkeit eines Flusses zu verringern, wird sein Flussbett verbreitert. Es werden Flussschleifen und Inseln angelegt. Außerdem häufig Kiesbänke. Dann kann das Wasser gemächlich fließen, Tiere und Pflanzen machen sich breit, die Hochwassergefahr ist gering.

Ich will versuchen, wenn es keine „Coronaregeln“ mehr gibt kein künstlich begradigter schneller Fluss zu sein, um möglichst schnell voran zu kommen. Ich hoffe, es gelingt mir wieder mehr zu mäandern, langsam zu fließen, dann sehe ich auch das, was um mich herum geschieht. Hie und da will ich auf einer Insel haltmachen und rasten.

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27MAI2021
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Der Legende nach waren es Mönche aus Maulbronn, die die Maultasche erfunden haben. Weil in der Fastenzeit, vor allem am Karfreitag kein Fleisch gegessen werden durfte, haben sie es einfach in einer Teigtasche versteckt. Damit es der liebe Gott nicht sieht. Deshalb heißen sie im Schwäbischen auch: „Herrgottsbscheißerle.“

Man kann sich jetzt fragen, was das wohl für Mönche gewesen sind, die versucht haben, ihren Gott zu hintergehen. Streng betrachtet haben sie ja die Regeln ihrer eigenen Kirche gebrochen. Man könnte sie Sünder oder Frevler nennen.

Vielleicht sind es aber auch ein paar vernünftige Männer gewesen. Die Maultasche ist in einer Zeit entstanden, in der es nicht wie bei uns immer alles gegeben hat. Eine Zeit, in der es wichtiger war, dass man etwas isst und nicht was man isst. Die Mönche haben wahrscheinlich selber nicht an Hunger gelitten. Aber sie haben über ihre Mauern hinausgeschaut und erkannt, dass es für die armen und hart arbeitenden Leute wichtiger ist sich zu ernähren, als strenge Fastenvorschriften zu befolgen. Und da ist die Maultasche eine elegante Lösung, finde ich. Wenn der Glaube dem Leben im Weg steht, ist es gut, flexibel zu sein und Kompromisse zu finden.

Das gilt erst recht, wenn es darum geht, wie die verschiedenen Religionen miteinander umgehen. Es ist nicht zu ertragen und nicht hinnehmbar, dass heute noch Menschen andere aus religiösen Motiven unterdrücken und ermorden - seien sie wirklich oder nur vorgeschoben. Dass Menschen sich so dermaßen versteifen und geistig erstarren, dass sie es nicht mehr schaffen über die eigenen Mauern hinauszublicken.

Da braucht es etwas von dieser Maultaschenmentalität: Die Fähigkeit, die eigene Überzeugung in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Das Eigene nicht über das Andere zu stellen. Sich selber nicht zu wichtig zu nehmen. Das wünsche ich mir von jeder Glaubensgemeinschaft und von jeder gläubigen Person. Nein, ich wünsche es mir nicht, ich verlange es. Von Männern und Frauen der christlichen, der muslimischen, der jüdischen, der buddhistischen, der hinduistischen Welt. Von Menschen, deren Glaube sich in diesen Bezeichnungen nicht wiederfindet. Von atheistisch oder agnostisch denkenden Menschen, von allen, die für sich eine klare Wahrheit gefunden haben.

Es ist nämlich so: Niemand hat die Wahrheit gepachtet. Wir glauben nur.

Und ich denke, es ist besser hie und da im Sinne der Maultasche mal den Herrgott ein bisschen zu „bescheißen“, als sich gegenseitig totzuschlagen.

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03FEB2021
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Früher war alles besser. Es kommt vor, dass ich in das Klagelied über die moderne Welt einstimme.

Mir ist Vieles zu hektisch, ich komme oft mit den vielen Reizen um mich herum nicht zurecht und lasse mich ab und an dazu verleiten zu sagen, dass alles immer schlimmer wird. Damit bin ich nicht alleine. Es gibt viele, die sich schwer tun Schritt zu halten. Sogar in der Popmusik ist daraus ein eigenes Genre entstanden. Der Heimatrock. Einer der bekanntesten Vertreter ist der Sänger Andreas Gabalier aus der Steiermark. Er singt viel über die Heimat und die gute alte Zeit. Beides ist für ihn Ausdruck einer besseren Welt. Und die gute alte Zeit hat für ihn oft etwas mit Glaube und Christentum zu tun. In seinem Lied „Kleine steile heile Welt“ singt er: „...in einem christlichen Land hängt ein Kreuz an der Wand …“ und später dann  „...Vater unser beten, Holzscheitel knien…“.

Hier protestiere ich.

Hier stelle ich fest: Diese gute alte Zeit gibt es nicht. Wenn ein Mann in krachledernen Hosen das Bedürfnis hat auf der Bühne von der Vergangenheit zu singen, kann er das meinetwegen tun. Aber wenn er sich dabei so etwas wie das „Holzscheitelknien“ zurückwünscht, muss ich mich als Katholik im Jahr 2021 dagegen verwahren. „Holzscheitelknien“ war eine Methode, um unartige Kinder zu bestrafen. Sie mussten dabei auf der spitzen Kante eines Holzscheites knien und beten. Das sollte Buße sein, ihnen Demut beibringen und sie erziehen. Wer sich das zurückwünscht hat etwas Grundlegendes nicht verstanden.

Die katholische Kirche ist noch lange nicht durch die Durststrecke, in der sie sich gerade befindet hindurch. Aber vieles ist angesprochen und in Bewegung. Diese Kirche hat einen furchtbaren Missbrauchsskandal zu verantworten, dessen Aufarbeitung noch zu wünschen übrig lässt. In ihrem Namen werden zum Teil bis heute Frauen ausgesperrt, Homosexuelle und andere Menschen, die nicht ins Bild passen ausgegrenzt. Dies alles sind Erbstücke aus der sogenannten „guten alten Zeit“. Genauso wie das Holzscheitelknien. Und wer sich das zurückwünscht, auch unter dem scheinbar harmlosen Deckmäntelchen der Popmusik, der riskiert, dass Kirche und Gesellschaft wieder hinter all diese Dinge zurückfallen. Der nimmt in Kauf, dass all die Prozesse, die ohnehin viel zu langsam in Gang gekommen sind im Sande verlaufen. Der streut Salz in all die aufgerissenen Wunden, die erst begonnen haben zu heilen. Es war früher eben nicht alles besser. Wir bemühen uns es besser zu machen.

In dieser Hinsicht würde es sich lohnen mal ein Lied über die Chancen der guten neuen Zeit zu singen. Gerne auch in krachledernen Hosen.

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02FEB2021
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Eines Tages ist Frau Bauer auf unsere Station gekommen. Ich war damals als Krankenpfleger für sie zuständig. Sie hatte ein Leben im Glauben geführt. Hatte sich zeitlebens in ihrer Gemeinde engagiert, sich um die Menschen gekümmert, ist ein Vorbild gewesen. Eben so jemand, den alle Gemeinschaften brauchen. Dann ist sie krank geworden. Und sehr schnell ist klar geworden, dass sie bald sterben würde. Und sie ist stinksauer auf Gott gewesen.

Wir hatten einen guten Draht zueinander und haben sehr viel gesprochen. Wenn ich aber auf Gott oder den Glauben gekommen bin, hat sie immer wieder gesagt: „Bleib mir weg mit Gott.“ Ihre Verwandten wollten für sie noch eine Krankensalbung. Aber sie hat abgeblockt. „Das brauch ich nicht“, ist ihre einzige Antwort gewesen. Sie ist dann ohne kirchliche Begleitung gestorben. Das hat ihre Familie recht mitgenommen. Neben dem Verlust hat sie belastet, dass Frau Bauer sich von Gott abgekehrt hatte.

Aber hat sie das wirklich? Ist das nicht zu schwarz – weiß gedacht? Wenn ich sauer bin oder gekränkt von jemandem und Abstand brauche, heißt das gleich, dass ich überhaupt nichts mehr mit ihm zu tun haben will? Ich kann und will Frau Bauers Gottesbeziehung nicht auf ihre letzten Tage reduzieren. Ihr Leben ist doch viel länger, ihre Gottesbeziehung viel mehr gewesen. Es ist doch in allen Beziehungen so, dass wir uns mal näher, mal ferner sind. Es ist in Ordnung auch mal sauer aufeinander zu sein. Und es ist auch in Ordnung mal sauer auf Gott zu sein. Manchmal ist das Leben eben: beschissen. Und in Frau Bauers Situation ganz besonders. Eigentlich hat sie ziemlich gesund reagiert. Und sie hatte ja ihr Leben lang eine intensive Beziehung zu Gott, sie wird schon gewusst haben wie stabil diese ist. Sie hat nicht nach dem „Warum“ für ihre Krankheit gefragt, nicht darüber gegrübelt, womit sie das verdient hat. Sie war einfach nur sauer darüber, dass es so ist wie es ist. Dass sie todkrank ist.

Ich glaube, sie hat es richtig gemacht. Ich glaube, dass es Situationen gibt, in denen darf man auf Gott schimpfen. Da tut es gut zu fluchen. Dabei wird er nicht gleich abgelehnt. Im Gegenteil, es ist Ausdruck eines wirklichen Ringens und Bemühens.

Ich stelle mir vor, dass sie da dann im Himmel angekommen ist und der ganzen versammelten Gemeinschaft der Heiligen so richtig die Meinung gegeigt hat.

Und der Herrgott hat die Arme ausgebreitet und gesagt: Ein ehrlicher Mensch. Herzlich willkommen!

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