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14MRZ2021
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In diesen Tagen vor Ostern sät der Mesner Weizen in der Kirche, in die ich oft am Sonntag gehe. Anderswo nennt man den Mesner Küster oder Kirchendiener. Er sät den Weizen in ein großes Kreuz, sicher um die 3 Meter lang. Das begießt und pflegt er dann und an Ostern wird das Kreuz in der Kirche auf die Altarstufen gelegt. Dann ist ein wunderbarer Teppich aus frischem Grün gewachsen. Alle, die das sehen, freuen sich darüber. Bloß die Körner – die sind verschwunden.

Diesen Brauch gibt es seit vielen Jahren in unserer Kirche. Er erinnert an Jesus, der von sich selbst gesagt hat: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12, 24).

Die Bibel erzählt mit diesen Worten, wie Jesus sein eigenes Schicksal beschrieben hat. Er würde zum Tode verurteilt werden und Sterben, das hat er klar gesehen. Vielen hat damals nämlich nicht gepasst, was er gesagt hat und wie er mit den Menschen umgegangen ist. Dass Gott alle liebt und will, dass alle gut leben können. Selbst die, die durch ihre Lebensverhältnisse oder ihre eigene Schuld ins Abseits geraten sind. Frauen und Kinder sind bei Gott genauso viel wert wie die Männer. Jesus hat das gesagt und danach gehandelt. Damals war das eine gefährliche Neuigkeit. Arme und Kranke sind nicht etwa von Gott bestraft, sondern Gott will, dass sie leben. Jesus hat gezeigt, dass es dazu nötig ist, sich gerade auch um die Menschen am Rand der Gesellschaft zu kümmern. Dass es nötig ist, zu teilen, was da ist, damit es für alle reicht. Menschen haben gemerkt, wie das Leben besser wird, wenn man sich auf Jesus einlässt. Aber die damals Mächtigen in Religion und Staat konnten diese Konkurrenz nicht dulden. Also haben sie ihn hinrichten lassen.

Aber damit war nicht alles zu Ende. Jesus und seine Predigt vom menschenfreundlichen Gott nicht. Und auch das Leben selbst war nicht zu Ende. Jesus lebt, haben seine Freundinnen nach ein paar Tagen erfahren. Und sie waren überzeugt: wenn wir leben, wie er es uns gezeigt hat, dann wird das Leben gut. Das haben die ersten Christinnen und Christen erlebt.

Das Weizenkorn ist gestorben, aber es bringt viel Frucht. Da wächst etwas – bis heute. Nicht überall und zu jeder Zeit gleich. Aber es gibt viele Orte, an denen Christen gut miteinander leben und anderen Leben ermöglichen.
„Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es viel Frucht“. Jedes Jahr kann man das in der Kirche im Stuttgarter Westen sehen. Mit dem großen Kreuz, auf dem der Weizen wächst, erinnert der Mesner an Jesus und sein Schicksal. Und er erinnert mich auch: Manchmal ist es nötig, auf eigene Möglichkeiten zu verzichten und für andere zu sorgen. Manchmal kann nur so das Leben wachsen.

Manchmal ist es nötig, sich selber und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, damit anderes wachsen kann.
Ich glaube auch heute nehmen sich viele Menschen zurück, damit andere leben können. Allerdings geschieht das oft eher Verborgenen: Ich denke an den Ehepartner, der seiner Frau eine Niere spendet. Nur so kann sie wieder einigermaßen gut leben.

Ich kenne Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und viel Freizeit für andere hergeben: Fußballtrainer und Mitarbeiterinnen beim Seniorennachmittag, Menschen, die im Krankenhaus dafür sorgen, dass andere sich zurecht finden, junge Leute, die Hausaufgabenbetreuung machen, sogar jetzt, in der Pandemie.

Ich denke an Menschen, die sich für Ihre Arbeit einsetzen. Vieles haben sie zurückgestellt, die Familie ist oft zu kurz gekommen, sie selber erst recht. Aber vielen konnten sie helfen. Aber der Betrieb ist voran gekommen, Arbeitsplätze für andere sind entstanden. Ich weiß: Inzwischen haben viele kein Verständnis dafür, wenn einer Familie und eigenes Leben hintan stellt. Burnout, warnen sie. Und mahnen zur Selbstsorge, die wichtiger sei als alles andere. Wahrscheinlich ist das auch nicht immer nötig, dass einer oder eine sich aufopfert und es gäbe oft auch andere Wege. Aber trotzdem: Wie gut, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich für andere und für unsere Welt einzusetzen.

Ich denke auch an die Politiker und Politikerinnen, die sich heute zur Wahl stellen. Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein, gerade in diesen Monaten nicht. Mit manchem bin ich nicht einverstanden, was sie entscheiden. Aber was sie mit viel Engagement tun, soll unsere Welt besser machen. Ich finde es nicht fair, ihnen das abzusprechen – auch wenn es natürlich auch andere Beispiele gibt.

Unsere Welt kann nur besser werden, wenn Menschen füreinander da sind und nicht zuerst und vor allem an sich selber denken. Natürlich soll jeder Nahrung haben und Kleider und ein Dach über dem Kopf. Aber vielleicht kann ich es ja damit genug sein zu lassen. Vielleicht könnte in der Welt dann mehr Leben wachsen. Grün und hoffnungsvoll, wie der Weizen, der jetzt bald zu keimen anfängt.

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14MRZ2021
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In diesen Tagen vor Ostern sät der Mesner Weizen. Der Mesner in der Kirche, in die ich oft am Sonntag gehe. Anderswo heißt das Küster oder Kirchendiener. Er sät den Weizen in ein großes Kreuz, sicher um die 3 Meter hoch. Das begießt und pflegt er dann und an Ostern wird das Kreuz in der Kirche auf die Altarstufen gelegt. Dann ist ein wunderbarer Teppich aus frischem Grün gewachsen. Alle, die das sehen, freuen sich darüber. Bloß die Körner – die sind verschwunden.

Diesen Brauch gibt es seit vielen Jahren in unserer Kirche. Er erinnert an Jesus, der von sich selbst gesagt hat: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht“ (Joh 12, 24). Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten über diese Sätze aus dem Johannesevangelium gepredigt.

Da wird erzählt, wie Jesus sein eigenes Schicksal beschrieben hat. Er würde zum Tode verurteilt werden und Sterben, das hat er klar gesehen. Vielen hat damals nicht gepasst, was er gesagt und wie er mit den Menschen umgegangen ist. Dass Gott alle liebt und will, dass alle gut leben können. Selbst die, die durch ihre Lebensverhältnisse oder ihre eigene Schuld ins Abseits geraten sind. Dass es dazu nötig ist, sich gerade auch um die Menschen am Rand der Gesellschaft zu kümmern. Dass es nötig ist, zu teilen, was da ist, damit es für alle reicht. Jesus hat das immer wieder gesagt und gezeigt und Menschen haben gemerkt, wie das Leben besser wird, wenn man sich auf ihn einlässt. Aber die damals Mächtigen in Religion und Staat konnten diese Konkurrenz nicht dulden. Also haben sie ihn hinrichten lassen.

Aber damit war nicht alles zu Ende. Jesus und seine Predigt vom menschenfreundlichen Gott nicht. Und auch das Leben selbst war nicht zu Ende. Jesus lebt, haben seine Freundinnen nach ein paar Tagen erfahren. Und sie waren überzeugt: wenn wir leben, wie er es uns gezeigt hat, dann wird das Leben gut. Dann ist Gott bei uns. Das Weizenkorn ist gestorben, aber es bringt viel Frucht. Da wächst etwas – bis heute. Nicht überall und zu jeder Zeit gleich. Aber immer wieder neu.

„Wenn das Weizenkorn stirbt, bringt es viel Frucht“. Jedes Jahr kann man das in unserer Kirche sehen. Mit dem großen Kreuz, auf dem der Weizen wächst, erinnert der Mesner an Jesus und sein Schicksal. Und er erinnert mich auch: Manchmal ist es nötig, auf eigene Möglichkeiten zu verzichten und für andere zu sorgen. Manchmal kann nur so das Leben wachsen.

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28FEB2021
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Der Weinberg Gottes ist in einem schlechten Zustand. Vor langer Zeit hat der Prophet Jesaja ein Lied davon gesungen. Vielleicht irgendwo auf dem Marktplatz oder bei einem Fest – wie heute ein Kabarettist, stelle ich mir vor. Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten über sein Lied gepredigt (Jes 5, 1-7).

Der Weinberg Gottes, das war damals ein bekanntes Bild für Gottes Volk. Ich würde heute sagen: Für seine Menschen überall auf der Welt. Jesaja beschreibt zuerst, wie gut es den Menschen geht: Sie haben alles, was man für ein gutes Leben braucht. Aber: Trotzdem gibt es im Land überall Egoismus und Ungerechtigkeit. Die Leute, denen Jesaja damals vorgesungen hat, die wussten, woran er dachte. Immer wieder hat er angeprangert, wie die Wohlhabenden auf Kosten der Armen leben und wie die Starken alles für sich beanspruchen und für die anderen nichts bleibt.

Ich überlege mir, wovon so ein Prophet heute bei uns singen würde. Ich denke an die Verteilungskämpfe um die Impfstoffe, ich denke an die wohlhabenden Länder, in denen mit Klimaanlagen und fossilen Brennstoffen und Flugreisen die Umwelt vergiftet wird. Ich denke an die vielen, die fliehen müssen vor Gewalt und Hunger und nirgends finden sie Aufnahme. Ich denke an die hasserfüllten Gesichter auch in unserem Land, die schreien: „Weg mit denen, die nicht hierher passen!“

Jesaja damals hat eine Katastrophe kommen sehen. Das Land wird verwüstet werden, hat er angekündigt. Ihr werdet euch nicht retten können, wenn ihr so weitermacht. Jesaja hat das die Strafe Gottes genannt.

Ich würde heute vielleicht eher sagen: Das kommt davon. Das ist die Konsequenz eures zerstörerischen Tuns. Davor wird uns Gott nicht retten, wenn wir Menschen nicht unser Verhalten ändern. Jesajas Lied damals endete verzweifelt: „Gott wartet auf Gerechtigkeit. Doch hört nur, wie der Rechtlose schreit!“ (Jes 5,7)

Mir läuft es kalt über den Rücken, wenn ich das heute höre. Aber dann denke ich: Jesus hat eine andere Geschichte erzählt. Er hat erzählt, wie Gott einem unfruchtbaren Feigenbaum noch einmal eine Chance gibt (Lk 13, 6-9). Ich hoffe, wir können die Chance nutzen.

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20FEB2021
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Wie gut, dass man immer noch Neues lernt, sogar wenn man schon im Rentenalter ist. Wenn man noch nicht so richtig weiß, wie es weitergehen soll, wenn man unsicher ist und ein bisschen ängstlich, dann braucht man manchmal einen Anstoß. Etwas Neues, das einem gute Laune macht und wieder Schwung gibt und Mut.

Ich habe neulich einen Walzer kennen gelernt, gespielt im Stil der französischen Musette. Eine sehr schlichte Melodie, ich habe sie einmal gehört und noch tagelang ging sie mir nicht aus dem Kopf.

Der Walzer steht im Gesangbuch, genauer gesagt, in dem Ergänzungsbüchlein mit neuen Liedern. Und der Text ist ebenfalls ganz einfach: „Gottes Segen behüte dich nun, Gottes Frieden in all deinem Tun. Geh gesegnet, getröstet, gestärkt und geliebt, in der Freude, die Gott dir heut gibt.“ (Neue Lieder, Ergänzung zum Evangelischen Gesangbuch in Baden und Württemberg, Nr 146).

Man kann das Lied auch im Internet finden, gesungen von Frauen, begleitet von Akkordeon und Gitarre. Tänzerisch, ein bisschen pariserisch. Man sieht die Champs Elysees und den Triumphbogen beinahe vor sich und riecht den Frühling.

Mich hat das Lied sehr angerührt und bewegt. Gottes Segen für alles, was nun kommt. Damit kann man gut in die Zukunft gehen, finde ich. Gottes Frieden in all deinem Tun. Die Unruhe hört hoffentlich auf. Die Sorge, ob auch alles klappt. Die Angst, ich könnte etwas Wichtiges vergessen. Stattdessen Ruhe. Aber das ist keine bleierne Schwere, auch keine Bequemlichkeit, die nichts mehr erwartet und sich zu nichts mehr aufraffen kann. Diese Ruhe im Walzertakt, die bringt einen in Schwung. Fröhlich und unbeschwert. Wer unruhig ist und unsicher, der bleibt stehen und wagt keinen Schritt mehr. Wer ängstlich ist, dem zittern die Hände, die Gedanken sehen immer nur Schwierigkeiten und finden keinen Ausweg. Dieses Lied singt von Segen und Frieden im Walzertakt. Gelassen und ausgeglichen und trotzdem schwungvoll und heiter und lebensfroh. Wie schön, wenn man so durchs Leben gehen kann.

Geh! Heißt es in dem Lied. Bleib nicht stehen. Schau nicht zurück. Schon gar nicht mit Bedauern. Das Leben ist ein Tanz. Wie ein Walzer. Den kann man nicht allein tanzen. Man braucht jemanden, an dem man sich halten kann. Beim Walzer geben sich Menschen gegenseitig Halt. Sonst kann man sich nicht drehen. Solche Menschen, an denen man sich halten und mit denen man tanzen kann – die sind ein Segen. Die helfen zum Leben.

„Freude, die Gott dir heut gibt“ heißt es am Schluss dieses Walzer-Liedes. Man kann das nicht für alle Zukunft versprechen. Aber jeden Tag neu. Wie schön!

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19FEB2021
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Vorräte anzulegen ist altmodisch, scheint mir. Bei meinen Eltern gab es noch Einmachgläser mit Erbsen, Möhren, Bohnen, in der Speisekammer, daneben Tüten mit Mehl und Zucker. Und im Keller Kartoffeln und Äpfel. Später hatten wir eine Gefriertruhe. „Man weiß nie, was kommt“, haben meine Eltern gesagt. Sie hatten schlimme Zeiten erlebt. Heute haben die meisten Wohnungen gar keine Speisekammer mehr. Man kann ja alles jederzeit kaufen.

Die Industrie macht es übrigens genauso. Viele Firmen haben keine Lager mehr, die Lager für die benötigten Einzelteile sind in den LKWs auf der Autobahn. Wenn die wegen Glatteis nicht fahren können, gibt es Lieferengpässe und die Produktion gerät ins Stocken.

Vorräte anzulegen ist sinnvoll. Die Bibel erzählt, dass schon Josef in Ägypten vorausschauend Vorräte anlegen ließ. In 7 Jahren mit guter Ernte für die 7 mageren Jahre, die dann kamen.

Vorräte anzulegen wäre auch im übertragenen Sinn sinnvoll. Ohne innerliche Vorräte wird es schnell kalt und einsam, wenn von außen nichts nachkommt. Der Fernsehmoderator Harald Lesch schreibt: „Wenn wir mit unseren Kindern nicht so umgehen, dass sie innere Energiereserven bilden können, werden sie auf eine stete Zufuhr von außen angewiesen sein. Wer sich keine inneren, wer sich keine spirituellen Vorräte anlegt, kann in einer Krise schnell leer und hohl dastehen.“ (Harald Lesch, Unberechenbar, Verlag Herder 2020).

Was könnten solche Vorräte sein, die man schon Kindern mitgeben kann? Geschichten vor allem, finde ich. Zum Beispiel die Geschichte von Josef und den 7 fetten und den sieben mageren Jahren. Oder die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern, wo sich ein Kind traut, das Offensichtliche zu sagen und damit den verblendeten erwachsenen die Augen öffnet. Die Geschichte von den tapferen Hebammen zum Beispiel, die sich mutig und schlau dem mörderischen Befehl des Königs entgegensetzen und viele Leben retten. Die wird auch in der Bibel erzählt. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, der das Glück sucht, aber leider auf Irrwege gerät und ins Unglück gerät, und der einen neuen Anfang findet, als er sich zurücktraut zu seinem Vater. Jesus hat erzählt: so ein Vater ist auch Gott. Er macht Menschen einen neuen Anfang möglich.

Wer solche Geschichten kennt, der hat einen Vorrat für schlechte Zeiten, meine ich.

Harald Lesch schreibt: „Haben wir Mut, Vorräte anzulegen und anderen dabei zu helfen, Reserven zu bilden.“

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18FEB2021
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Das Internet gehört niemandem. Als Tim Berners-Lee es vor gut 30 Jahren erfunden hat, hat er darauf verzichtet, sich seine Erfindung patentieren zu lassen. Damit hat er drauf verzichtet, ein sehr reicher Mann zu werden. Deshalb kann jetzt jeder, der einen Computer besitzt und sich besser auskennt als ich, eine Website erstellen und veröffentlichen, was er möchte. Und jeder und jede kann im Internet so ziemlich alles finden, was er oder sie sucht.

Schüler auf der ganzen Welt können für ihre Hausaufgaben recherchieren, jetzt in der Pandemie kann man Homeschooling machen und Homeoffice. Ich kann Kochrezepte finden oder Gymnastikkurse machen.

Das alles ist möglich, weil Tim Berners-Lee damals darauf verzichtet hat, durch Patente reich zu werden. Er wollte nicht, dass große Firmen Gebühren dafür verlangen oder bestimmte Infos nur bei der einen Firma, andere bei einer anderen zu finden sind.

Das Internet hat Schattenseiten, das ist wahr. Aber: Es macht doch auch vieles leichter. Ich frage mich: Müssten nicht auch andere Dinge, die das Leben einfacher machen, manchmal sogar Leben retten, frei zugänglich sein? Indien und Südafrika haben beantragt, dass der Schutz geistigen Eigentums auf alle Covid-19-relevanten Medikamente und Geräte für die Dauer der Pandemie ausgesetzt wird. Damit auch in den Staaten Afrikas, Asiens und Südamerikas z.B. Impfstoffe erschwinglich werden. Für Aids-Medikamente hat das in den 90er Jahren nach vielem hin und her auch geklappt. Über 100 Staaten unterstützen diese Forderung, die EU, die USA, Kanada und die Schweiz sind dagegen.

Aber könnte und sollte unser Staat nicht darauf hinarbeiten, dass die Pharmafirmen in diesem Fall auf ihre Patente verzichten? Schließlich haben unsere Steuergelder maßgeblich geholfen, sie so schnell zu entwickeln. Die EU hat gerade die bittere Erfahrung gemacht, dass ein Wettrennen beim Ankauf von Impfstoffen nicht funktioniert. Eine Aufhebung der Patentrechte könnte helfen, dass schnell mehr Impfstoffe hergestellt werden können. Für alle.

Warum können die Pharmaunternehmen nicht so großzügig sein, wie es Tim Berners-Lee seinerzeit war, der auf das Patent fürs Internet verzichtet hat. Er hätte ein superreicher Mann werden können. Jetzt ist er Professor in Oxford und scheint ziemlich zufrieden. Und: er hat die Welt ein bisschen gerechter gemacht.

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17FEB2021
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Aschermittwoch. Die Fastenzeit fängt an. Du liebe Zeit, sagen sie jetzt vielleicht. Es reicht. Ich verzichte doch schon auf so viel. Was denn noch?

Ich gebe zu, ich habe dieses Jahr, auch keine Lust, auch noch auf Schokolade zu verzichten, auf Fernsehen oder das Bier am Feierabend.

Deshalb finde ich die Idee gut, die 7-Wochen-ohne in diesem Jahr hat. 7-Wochen-ohne: die Fastenaktion der evangelischen Kirche. In diesem Jahr heißt das Motto: 7-Wochen-ohne Blockaden. Es geht um Regeln und Verordnungen. Wir brauchen sie, gerade in dieser Zeit der Pandemie. Aber sie können einen richtiggehend blockieren und lähmen. Nichts geht mehr vor lauter Regeln. Jedenfalls dann, wenn man immer bloß jammernd darauf schaut, was nun alles nicht geht und verboten ist.

„Spielraum!“ heißt die Fastenaktion, „sieben Wochen ohne Blockaden“. Ein Kalender erinnert bis Ostern jeden Tag daran, dass jede Regel Spielräume hat. Nicht, indem man die Lücken findet und die Regel trickreich umgeht. Das ist nicht gemeint. Aber man kann nachdenken und phantasiereich herausfinden, was dennoch geht.

Ich habe den 7-Wochen-ohne Blockaden Kalender schon angeschaut. Am meisten hat mich die Woche beeindruckt, in der es um Rollenblockaden geht. Also darum, wie mich die Rolle blockiert, die ich spiele. Oder spielen will. Wenn andere sagen: „Das gehört sich nicht für eine Pfarrerin“. Oder „Dafür bist du doch zu alt“. Oder: „in unserer Familie hat es das noch nie gegeben“. Solche Rollenzuschreibungen blockieren einen. Die Bibel erzählt das von einem Mann namens Jeremia. Der sollte – im Auftrag Gottes – seinen Landsleuten unangenehme Dinge sagen. Da war er wie blockiert. „Ich bin zu jung“ hat er gesagt. „Sie werden nicht auf mich hören“.

Klar, wer hört schon auf einen jungen Mann oder eine junge Frau, die die eigene Tochter sein könnte oder der Sohn. „Wissen alles besser, die jungen Leute!“ Zugegeben: So denke ich auch manchmal. Jeremia damals hat gewusst, wie die Leute ticken. Das hat ihn blockiert. Er wollte die Aufgabe nicht übernehmen. Da hat Gott ihn wissen lassen. „Fürchte dich nicht vor ihnen. Ich bin bei dir.“

Lass dich nicht blockieren von dem, was nicht geht oder sich nicht gehört. Überleg, was möglich ist. Es geht mehr, als du denkst. Mich hat das beflügelt und meine Fantasie in Gang gebracht.

Wenn Sie solche Ideen und Anstöße auch brauchen können. Den 7-Wochen-ohne-Kalender gibt es noch im Buchhandel oder im Internet.

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16FEB2021
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„Wenn Gott die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Jubel sein.“ (Ps 126, 1-2)

Das ist der Anfang des 126. Psalms. Psalmen sind die Gebete in der Bibel. Das klingt ein bisschen wie ein biblischer Kommentar zum heutigen Fasnachtsdienstag. Irgendwann, wenn die Schrecken der Pandemie vorbei sind, dann werden wir wieder jubeln und lachen. Bis dahin aber bleibt nur jammern und klagen. Nichts geht so leicht und locker wie früher. Alle machen sich Sorgen um die Zukunft. Wer weiß, was noch kommt und wann das endlich aufhört.

Die Prognosen sind unsicher. Vielleicht Ende des Sommers, heißt es. Aber wenn es neue Mutationen gibt? Wer weiß.
Was hilft da so eine Aussicht: „wenn Gott die Gefangenen erlösen wird“? Erlösen wird. In irgendeiner Zukunft also.

Manchmal hilft es aber, genauer hinzuschauen. Dabei habe ich gesehen: nur meine Lutherbibel formuliert hier in der Zukunftsform. In der hebräischen Ursprache konnte man Vergangenheit und Zukunft nur nach dem Sinn unterscheiden. Und Luther, umgeben von den Schrecken des Mittelalters, hat beim Übersetzen gemeint: so eine paradiesischen Jubel, den kann es nur in der Zukunft geben. Später haben andere anders übersetzt. Sie haben verstanden: Der da gebetet hat, der hat zurück geschaut. Zurückgeschaut auf die Vergangenheit, in der Gott sein Volk aus der Gefangenschaft befreit hat. Das hat zu den wichtigsten Erfahrungen der Menschen in jener biblischen Zeit gehört. Gott hat uns erlöst und befreit! Daran erinnert sich der Psalmbeter: „Als Gott unser Schicksal zum Guten gewendet hat“ hat er geetet.

Der Mensch, der betet erinnert sich. Und dann bittet er für die Zukunft: „Gott, wende auch jetzt unser Schicksal zum Guten!“ Die Erinnerung an die Vergangenheit hat im Mut gemacht, für die Gegenwart zu beten. Gott hat schon oft geholfen – er wird uns auch jetzt nicht im Stich lassen.

Wenn ich recht überlege: ich habe auch schon oft erlebt, wie Gott geholfen hat. Mir selbst, in meiner Familie, auch in unserem Land. Und auch jetzt in der Pandemie sieht es ja so aus, als ob es Licht gibt am Ende des Tunnels.

Ich glaube, dieser ausgefallene Fasnachtsdienstag ist ein guter Tag zum Beten: „Gott, wende unser Schicksal zum Guten!“

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15FEB2021
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Saalfasnacht, Straßenfasnet, Umzüge: in diesem Jahr fällt das alles aus. Im Radio allerdings, im Fernsehen und im Internet, da kann man Schunkellieder hören und Maskierte sehen – sich gute Laune machen lassen, wenn man ein Fasnachtsfan ist. Gut, dass es wenigstens das gibt.

Manche allerdings werden die Fasnacht kaum vermissen, weil sie auch sonst eher genervt waren von den tollen Tagen. Gerade auch manche Christen haben nicht viel am Hut mit dem Karneval. Im Mittelalter vertraten die Kirchen sogar die Meinung lachen sei unchristlich. Schließlich habe Jesus auch nie gelacht. In dem mittelalterlichen Klosterroman „Der Name der Rose“ kann man lesen: “Lachen tötet die Furcht, und wenn es keine Furcht gibt, wird es keinen Glauben mehr geben". Lachen kann die Mächtigen vom Thron stürzen, das stimmt wohl.

Aber hat denn Jesus wirklich nicht gelacht? Es ist wahr, nirgends in der Bibel steht: „da lachte Jesus“. Aber gleich am Anfang seines Wirkens war er auf einer Hochzeit eingeladen. Ob er da wirklich nicht mit den anderen fröhlich war und gelacht hat? Sein erstes Wunder soll gewesen sein, dass er auf dieser Hochzeit für ausreichend Wein gesorgt hat. Es lag ihm offensichtlich daran, dass die Menschen fröhlich sein konnten.

Allerdings: Jesus hat sich den Armen zugewendet, den Kranken und den Traurigen. Das war und ist eine eher trostlose Sache. Warum sind Glück und Leid so ungleich verteilt in der Welt? Jesus wollte sich damit anscheinend nicht abfinden. Bei seiner Geburt war von der großen Freude die Rede. Die sollten auch die spüren, die nichts zu lachen hatten. Gott will, dass auch sie sich freuen können. Und lachen. Das hat Jesus ihnen gezeigt.

Andererseits: Jesus konnte längst nicht alle helfen zu seiner Zeit. Und bis heute gibt es Kranke und Arme und Traurige. Was Jesus damals getan hat, das waren Zeichen. Zeichen dafür, wie Gott die Welt haben will. Keiner soll hungern, niemand unter die Räder kommen, weil Menschen teilen, was da ist. Kranke sollen heil werden und leben können. Traurige sollen Trost finden.

Ich finde, das ist ein Auftrag für uns Christen bis heute. Wir sollen und können trösten und teilen, was wir haben – und andere mit Lachen anstecken. Und eines Tages wird für alle wahr werden, was Jesus mit seinen Zeichen angekündigt hat. Gott wird dafür sorgen. Dann wird alles elend vorbei sein - und wir werden lachen.

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14FEB2021
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Valentinstag. Für viele ist das, alle Jahre wieder, der Festtag der Jungverliebten und manchmal auch der Altverliebten. Für manche ist es ein Ärgernis. Geschäftemacherei sagen sie, von Floristen und Pralinenherstellern.

Aber ist es die Liebe nicht wert, gefeiert zu werden, mehr als einmal im Jahr? Von denen, die lieben und geliebt werden, von denen, die sich schwer tun mit der Liebe und es gern besser können würden und erst recht von denen, die sich nach Liebe sehnen?

Gott ist die Liebe, sagen wir Christen. Und wir feiern mit viel Aufwand Weihnachten als Fest der Liebe. Weil da Jesus zur Welt gekommen ist, als Zeichen der Liebe Gottes zu seinen Menschen. Mit dem, was er gesagt und getan hat, hat Jesus gezeigt, wie gut es tut, von Gott geliebt zu werden. Da werden Traurige getröstet. Kranke werden heil und finden Freude am Leben. Die im Schatten standen, stehen im Licht. Und damit möglichst viele das erleben können, hat Jesus gesagt: „Genauso, wie ich euch geliebt habe, sollt ihr einander liebhaben“ (Joh 13, 34).

Wo Menschen einander lieben, da muss keiner im Schatten stehen bleiben. Kinder, die geliebt werden, können fröhlich wachsen, auch wenn ihr Kinderzimmer nicht überquillt von Spielsachen. Erwachsenen müssen nicht überall die ersten und besten sein, wenn sie geliebt werden. Wo Menschen weitergeben, dass Gott die Liebe ist, da können sie mit anderen teilen und wenn nötig, eigene Bedürfnisse ein Stück weit zurücknehmen, damit alle genug zum Leben haben.

Es gibt viele Weisen, einander Liebe zu zeigen. Manche Großmütter beten vielleicht für ihre Enkel und mit ihnen, Großväter bauen mit ihnen ein Baumhaus. Mütter trösten, wenn etwas schief gegangen ist, Väter helfen, wenn Kinder sich schwach und klein fühlen. Manchmal alles auch genau umgekehrt.

Partner, die lieben, zeigen einander. Ich finde dich schön. Du bist begehrenswert. Danke, dass du für mich da bist. Ich fühle mich stark und gut, wenn du bei mir bist.

Und wenn die Liebe sich verändert hat und vielleicht weniger stürmisch, aber dafür womöglich achtsamer und stärker geworden ist? Dann können sie einander zeigen: Gut, dass du da bist. Ich bin froh, dass du mir zuhörst. Ich freue mich über das, was du tust. Wenn du Hilfe brauchst – ich bin da. Das tut gut. Gott ist die Liebe. Und er will, dass wir einander lieben. Ich finde, das ist einen Feiertag wert.

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