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02OKT2021
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Hoffnung in Dosen. Wenn es das gäbe, könnte man damit bestimmt richtig viel Geld machen. Abgefüllte Hoffnung in Konservendosen oder so kleinen Fläschchen. Das ist eine Marktlücke. Ich würde die kaufen, wenn ich mal wieder so ein richtiges Hoffnungsdefizit habe.

Ich weiß, es gibt Kalender mit guten Sprüchen oder irgendwelche Ratgeber zum Positiven Denken. Ich kann auch schauen, dass ich Menschen um mich herum finde, die hoffnungsvoll sind und mir guttun. Aber Hoffnung selbst, kann ich mir nicht übers Internet bestellen oder als Dienstleistung irgendwo abholen. Die gibt’s nur indirekt und so nebenbei.

Ich brauche das nämlich, dass ich hoffen kann. Zum Beispiel, dass wir das mit dem Klima doch noch irgendwie gebacken bekommen, auch wenn es im Moment nicht rosig aussieht. Oder wenn ein lieber Mensch stirbt; dann vertraue ich darauf, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Manchmal habe ich diesen zuversichtlichen Blick nach vorne, dann wieder nicht. Oft kommt mein eigener Kopf dazwischen und sagt „mach dir mal nicht zu viele Hoffnungen…“ Aber wenn sie doch wieder da ist, die Hoffnung, ist das so, wie wenn ich aus heiterem Himmel ein Geschenk bekomme, Gott weiß woher.

Es gibt dafür kein Rezept. Aber ich kann für die Hoffnung Platz schaffen und sie freundlich begrüßen, wenn sie wiederkommt. Manchmal tut es schon ein Lächeln oder eine Umarmung, und da ist sie wieder, die kleine Dosis Hoffnung, die mir hilft positiv zu bleiben.

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01OKT2021
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Es gibt Menschen, die haben eine ganz besondere Gabe. Auf Englisch nennt man diese Gabe „the gift of not fitting in“. Also die Gabe oder sogar das Geschenk, in eine Gruppe nicht richtig rein zu passen. Ich denke an den Kollegen, der völlig anders tickt als alle anderen in unserem Team. Oder an jemanden in meiner Familie, der ausschert, weil ihm ganz andere Dinge wichtig sind, als dem Rest der Family. Und das bietet Sprengstoff. Leute mit so einer Gabe ecken an, und womöglich wird das von ihnen selbst nicht als Geschenk wahrgenommen, sondern als Last. Klar, das ist ja auch anstrengend, wenn ich immer anders bin als andere.

Dabei ist es so gut, dass gerade solche Leute mitmischen, wo auch immer. Mein Kollege zum Beispiel hat schon so oft gefragt, warum wir als Team manche Sachen so machen und nicht anders. Ohne ihn hätte ich das nie hinterfragt. Das nervt vielleicht im ersten Moment, aber letzten Endes hilft es, dass sich das ganze Team weiterentwickelt. Natürlich gibt es da auch Grenzen, ich kann nicht jeden Tag alles wieder neu in Frage stellen. Und auch mein Kollege mit dem „gift of not fitting in“ – also mit dem Geschenk, dass er in unser Team mit seiner Arbeitsweise nicht so richtig passt – muss akzeptieren, dass die anderen Leute im Team eben anders ticken als er. Und trotzdem: ich bin überzeugt, grade weil jemand nicht Mainstream ist, kann er besonders gut andere aufrütteln, und was in Gang bringen, was vorher gefehlt hat.

Was ich dafür tun kann? Zum Beispiel genau den Leuten Mut machen, dass sie ihr „gift of not fitting in“ auch einbringen. Und ich kann schauen, dass der Gesprächsfaden nicht abreißt und wir miteinander in Kontakt bleiben. Dann kann mich das, was mir auf den ersten Blick gar nicht reinpasst, doch noch einen großen Schritt weiterbringen.

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30SEP2021
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Ich treffe meine Freundin Kasch endlich mal wieder. Wir bringen uns auf den neuesten Stand, was im letzten Jahr bei uns so los war und was wir in der nächsten Zeit vorhaben. Als ich Kasch davon erzähle, was ich für die Zukunft alles geplant habe, meint sie dazu ganz gelassen: „Ich kenn einen Spruch, den hat meine Oma immer gesagt. Der heißt: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen.“

Im ersten Moment denke ich: Na toll, dass Gott da was zum Lachen hat. Wahrscheinlich weiß Gott, was bei meinem Plan alles schiefgehen kann. Aber was soll ich sonst machen? Ich brauche diese Perspektive, diesen Blick nach vorn. Kasch sagt aber: „Weißt du, ich glaube Gott lacht nicht aus Schadenfreude, sondern weil er für jeden Menschen richtig große Pläne hat.“ Das hört sich gleich ganz anders an. Ich mache Kaschs Gedankenexperiment mal mit und stelle mir die Szene so vor: Ich erzähle Gott von meinem Plan für das kommende Jahr, und dann nimmt Gott diesen Plan und legt ihn neben die vielen Pläne, die er für mich bereitliegen hat. Jetzt sieht mein Plan ziemlich mickrig aus, im Vergleich zu denen von Gott. Die sind viel abgefahrener als mein eigener. Deshalb lacht Gott, weil er mir Dinge zutraut, die ich selbst für unmöglich halte. Zum Beispiel, dass ich nochmal ganz neu anfange, auch mit Leuten, mit denen ich es voll verbockt habe. Oder dass ich die gute Idee, die ich mit meinem Kumpel habe, endlich umsetze, und was richtig Großes wuppe. Wenn ich mir das so vorstelle, sehe ich viel mehr Möglichkeiten in mir und in anderen.

Beim nächsten wasserdichten Plan, den ich schmiede, stell ich mir also Gott vor, wie er so laut loslachen muss, nach dem Motto: „Wenn du wüsstest…“  

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29SEP2021
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Manchmal lohnt es sich, an was dran zu bleiben, auch wenn man das Gefühl hat, jetzt ist eigentlich Schluss. Vielleicht kommt ja doch noch etwas.

Eine gute Freundin erzählt mir eine Story, die sie mit ihren Eltern erlebt hat, und ich habe den Eindruck, sie hat ihre Geschichte fertig erzählt. Ich will grade ansetzen und meinen Senf dazu geben, da legt sie nochmal los, und jetzt kommt erst, worum es ihr eigentlich geht. Sie sagt mir, warum ihr die Geschichte so wichtig ist und was da noch so alles mitschwingt in ihrer Familie. Und das war wichtig, weil ich erst jetzt kapiere, aha, die Geschichte hat eine tiefere Bedeutung für sie. Darum geht es ihr.

Ich kenne das auch selbst, dass ich eine Story erzähle und die ist nur die Startrampe für das, was mich wirklich beschäftigt. Wenn ich dann loslege, steht zuerst mal die Geschichte im Mittelpunkt. Die ist leichter zu erzählen, als das, was in mir drin los ist. Dann sind Leute Gold wert, die gut zuhören können. Die Freundin von mir zum Beispiel, die kann das richtig gut. Sie hält sich mit ihren eigenen Gedanken und Ratschlägen erst mal zurück und sie bleibt dabei bis zum Schluss. Und damit hilft sie mir, dass ich das auch ausspreche, was in mir drin so los ist. Manchmal wird mir erst, wenn ich das jemandem erzähle, klar: Aha, so geht’s mir also grade. Nach so einem Gespräch habe ich dann immer ein richtig gutes Gefühl.

Ich finde, das hat sogar etwas göttliches, wenn ein Mensch einem anderen aufmerksam zuhört und dadurch zeigt: Ich bin da und du interessierst mich. Das tut richtig gut. So stelle ich mir auch Gott vor: als eine gute Zuhörerin, die einfach da ist und mir signalisiert: „Deine Geschichte interessiert mich. Erzähle bitte weiter!“

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28SEP2021
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„Less luggage, more comfort – weniger Gepäck, mehr Komfort“ Das ist ein Motto von Minimalismus-Experten, also von Leuten, die darauf schwören, dass es sinnvoll ist möglichst wenig zu besitzen. Ich bin überzeugt, dieses Motto stimmt. Als ich das letzte Mal umgezogen bin, habe ich zwei Kisten voll Zeug zum Verschenken auf die Straße gestellt. So Krimskrams, der schon jahrelang im Regal rumliegt, den ich aber nie brauche. In null Komma nichts waren die zwei Kisten leer und ich war erfüllt von dem guten Gefühl, das man hat, wenn man etwas hinter sich gelassen hat. „Less luggage, more comfort“

Und dieses Gefühl kenne ich nicht nur, wenn ich Sachen loswerde, sondern auch wenn ich irgendetwas anderes hinter mir lassen kann, was mir nicht guttut. Übertriebene Selbstzweifel zum Beispiel, die nehmen manchmal in meinem Kopf ziemlich viel Raum ein. Und wenn ich ständig überlege, ob ich das schaffe und ob es überhaupt gut genug ist, so wie ich es mache, dann macht mich das unsicher und schluckt richtig Energie.

Oder die elends-lange Liste in mir drin mit all den Dingen, von denen ich meine, dass ich sie leisten muss. Das kann alles auch ganz schön Druck machen. Solche Sachen aus meinem Hirn auszumisten ist viel schwieriger als so alten Krimskrams aus meiner Wohnung.

Wenn ich diesen Kopf-Ballast losbekomme, dann ist das wie eine Befreiung. Ich fühle mich danach leichter und flexibler. Den neuen Freiraum kann ich für das verwenden, was mir wirklich wichtig ist.

Und für mich hat das auch was mit Gott zu tun. Ich glaube nämlich, dass Gott die Menschen so gewollt hat: frei, unbeschwert und entschieden.

Mich von Sachen trennen und ab und zu auch mal von einer übertriebenen Erwartung an mich selbst – zwei gute Möglichkeiten um leichter durchs Leben zu gehen.

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27SEP2021
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Gäste sind ein Segen, das ist mir im letzten harten Lockdown klargeworden. Das war nämlich eine der Sachen, die mir am meisten gefehlt haben: Gäste zu haben bei uns am Küchentisch. Zum Essen, zum Spielen oder auf einen Kaffee.

In der Bibel ist Jesus auch häufig bei Leuten zu Gast. Bei Zachäus hat sich Jesus sogar selbst eingeladen. Vielleicht hat er gedacht: der braucht das jetzt besonders, dass ich ihn mal besuche. Zachäus ist überall ziemlich unbeliebt. Aber Jesus sucht sich gerade ihn aus. Die beiden reden lange. Wie das Gespräch der beiden verlaufen ist, weiß niemand, aber Zachäus hat danach sein Leben verändert. Und zwar zum Guten hin.

Dieses Bild gefällt mir. Gäste bringen meistens neue Ideen und interessante Perspektiven mit. Dadurch kann sich was bei mir verändern. Auch wenn wir mal anderer Meinung sind, dann werde ich herausgefordert, mich auf eine neue Sichtweise einzulassen. Und wenn wir gemeinsam am Tisch sitzen und uns Geschichten erzählen, diskutieren und lachen, dann ist da Leben in der Bude. Und darin kann ich so ein Stück von Gott entdecken. Mit Gott verbinde ich auch Leben und Veränderung.

Ich bin überzeugt, dass mit jedem Gast, den ich habe, auch Gott bei mir daheim vorbeischneit. Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: So schön es auch ist Gäste zu haben, ich kann sie nicht am Küchenstuhl festbinden, so dass sie für immer bleiben. Genauso geht es mir auch mit Gott. Ich kann aber immer wieder neu einladen „Komm doch vorbei! Würde mich freuen!“.

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26SEP2021
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Mein Freund Nico ist Neurowissenschaftler. Er sagt: „Heute ist zwar Wahl, aber eigentlich hast du gar keine Wahl.“ Klingt komisch, aber Nico kennt sich aus. Er forscht daran, was in unserem Hirn passiert, wenn wir Entscheidungen treffen. Er sagt: „Letztlich ist alles in unserem Gehirn nur Chemie, und die läuft nach bestimmten Regeln ab. Wie ich mich entscheide ist außerdem von so vielen Sachen beeinflusst, die ich gar nicht in der Hand habe. Zum Beispiel was ich schon ganz früh als Baby erlebt habe, oder ob ich heute Nacht gut geschlafen habe. Das alles beeinflusst, ob ich mich so oder so entscheide. Neurowissenschaftlich gesehen ist da kein Platz für freie Entscheidungen.“

Wie Nico das als Wissenschaftler sieht, leuchtet mir ein. Ich entscheide mich von morgens bis abends, und meistens geht das ganz schnell und intuitiv, ohne dass ich groß drüber nachdenke. So komme ich im Normalfall ganz gut durch den Tag. Und doch: Ich meine schon, dass ich mich frei entscheiden kann in vielen Situationen.

Es gibt ja Entscheidungen, da habe ich mehr Zeit zum Nachdenken, und die brauche ich auch, vor allem wenn es um wirklich Wichtiges geht. Ich brauche dann einen ruhigen Moment. Noch einmal Pro und Contra abwägen und dann den Entschluss fassen. Heute zum Beispiel denke ich nochmal nach: Welche Partei hat die besten Vorschläge, wie wir zu einer gerechteren Welt kommen, damit die Schere von arm und reich nicht noch weiter auseinandergeht? Oder welche Partei würden meine Kinder und Enkelkinder wählen? Und wenn mein Kopf sich alleine nicht entscheiden kann, versuch ich auf mein Herz zu hören, das hat meistens auch ein Gespür für das, was gut ist. Und dann heißt es zwei Kreuzchen machen, so wie ich denke, dass es richtig ist. Das ist meine Freiheit.

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Eine Freundin stellt mir eine seltsame Frage: „Wenn Gott für dich eine Taste auf dem Laptop wäre, welche Taste wäre das?“ Ein komischer Vergleich irgendwie. Gott ist für mich schließlich keine Taste, auf die ich draufdrücke und dann passiert was. Aber ok, wenn es um Gott geht, brauche ich oft Bilder und Vergleiche.

Die F1-Taste vielleicht? Gott als Hilfe, wenn ich nicht mehr weiterweiß… Oder das Fragezeichen? Weil ich viel mehr Fragen zu Gott habe als Antworten… Ich entscheide mich schließlich für die Leertaste. Erstmal weil die Leertaste ganz unten auf der Tastatur liegt, unter den ganzen Zahlen und Buchstaben drunter. Außerdem ist sie die größte Taste auf der Tastatur. Und das Leerzeichen sieht man im Text nicht – es ist immer zwischendrin.

Das passt alles irgendwie auch für Gott. Ich glaube nämlich, dass Gott „unter“ allem drunter liegt, wie die große Leertaste auf der Tastatur. Gott ist für mich die breite Basis von allem. Ich stelle mir vor, dass Gott bei allem, was ich erlebe, auch immer da ist, auch wenn ich das nicht direkt wahrnehme. Es gibt aber Momente, da habe ich das Gefühl, da ist Gott mit dabei, auch wenn ich nichts von ihm sehe. Da kann ich Spuren von ihm entdecken. Wenn sich Leute auf Augenhöhe und respektvoll begegnen zum Beispiel, oder wenn zwischen Menschen Wertschätzung und Freiheit in der Luft liegt. Dann ist da Gott irgendwo dazwischen.

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22JUL2021
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Marlene Engelhorn hat zu viel Geld. Die Wienerin hat von ihrer Großmutter einen zweistelligen Millionenbetrag geerbt. Den will sie aber zum Großteil wieder loswerden. Sie möchte von ihrem Erbe 90% spenden oder verschenken. Sie sagt: „Das ist eine Frage der Fairness. Ich habe nichts getan für dieses Erbe. Das ist pures Glück im Geburtslotto und reiner Zufall.“

Ich finde das stark. Marlene Engelhorn macht darauf aufmerksam, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht und dass es pures Glück ist, ob man auf der einen oder auf der anderen Seite steht.

Da läuft mächtig was schief. Und auf Dauer ist das für unsere Gesellschaft gefährlich, wenn ein paar wenige so viel haben und so viele so wenig.

Deshalb feiere ich alles, was diese Hamstermentalität irgendwie aufbricht. Es gibt viele kleine Initiativen, die das im Blick haben und sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Nachbarschaftshilfen zum Beispiel. Da geben Leute etwas her, was andere gerade brauchen. Und sei es nur einen Akkuschrauber oder zwei Stunden Zeit zum Babysitten. Oder die Aktion „Iss eins, zahle zwei“ in einer Kneipe in Freiburg. Da kann ich ein Essen bestellen, aber zwei zahlen, und das können dann Leute kostenlos bestellen, die finanziell nicht so gut dastehen.

Klar, für die großen Ungerechtigkeiten ist immer noch die Politik zuständig bzw. ich selbst mit meinem Kreuz bei der Bundestagswahl. Selbst Marlene Engelhorns Aktion ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber jede noch so kleine Idee für mehr Gerechtigkeit ist es wert, dran zu bleiben. Damit sich die Schere wieder schließt: Denn das lohnt sich für alle.

 

Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126792517/millionenerbin-marlene-engelhorn-besteuert-mich-endlic

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33557
21JUL2021
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Doris Reisinger war Ordensschwester in einem katholischen Orden und dort hat sie sexualisierte Gewalt erleben müssen. Sie sagt: „Es gibt nicht nur sexuellen Missbrauch, sondern auch spirituellen Missbrauch.“ Ein Vorgesetzter in ihrem Orden hat ihr eingeredet, dass es Gottes Wille sei, dass er sie missbraucht. Doris Reisinger hat sich aus dem System, was sie so unterdrückt hat, freigekämpft und über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Sie meint, spiritueller Missbrauch passiert immer da, wo Menschen behaupten, dass das, was sie sagen, absolute Autorität hat, also sozusagen direkt von Gott kommt. Das kann innerhalb von Kirche sein, wie bei Doris Reisinger, aber auch in einer Beziehung zum Beispiel. Wenn einer immer unhinterfragt recht hat und der andere nie sagen kann, was er eigentlich meint und was er braucht. Irgendwann glaubt die Person wirklich, dass sie gar kein Recht hat, ihre Bedürfnisse zu äußern. Und dann wird es gefährlich, weil die eine Person immer mehr Macht über die andere gewinnt.

Die Geschichte von Doris Reisinger hat mir klargemacht: wenn jemand behauptet, sie oder er weiß haargenau, was Gott möchte, und was deshalb zu tun ist, dann stimmt etwas nicht. Dann wird Gott festgenagelt, festgelegt und dadurch klein gemacht. So als ob ich Gott quasi für mich allein pachten kann. Das kann nicht funktionieren.

Egal ob in der Kirche, in der Familie oder im Job: niemand besitzt die Wahrheit für sich allein und jeder Mensch hat seine eigene, begrenzte Sicht auf alles. Das ist typisch menschlich und wenn ich das begriffen hab und nicht vergesse, dann kann ich auch damit umgehen. Und dann ist das gut so.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33556