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19AUG2022
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Wir haben uns gefühlt wie Gott in Frankreich! Köstliche Speisen, die wie Kunstwerke auf dem Teller angerichtet waren. Und zu jedem Gang ein kleines Schlückchen Wein.

Mein Sohn und ich haben uns etwas gegönnt. Wir haben Geburtstag gefeiert, er ist 18 geworden und ich 50. Und zu diesem Anlass haben wir uns einen Abend im Sterne-Restaurant gewünscht und uns selbst geschenkt.

Wir haben einen Abend für alle Sinne erlebt und waren überrascht: klassisches Gemüse oder Obst, ein Stück Fleisch oder ein Stück Käse sind uns in ganz neuer Form begegnet und haben uns eine Geschmacksvariante offenbart, die wir so noch nicht gekannt haben. Der Rohmilchkäse zum Beispiel war eine Eiskugel, eine fein gehobelte Birne hat ihn garniert. Oder der Steinpilz: er war als Schaum aufgeschlagen und die rote Paprika gab‘s als Mousse zum Rindfleisch.

Ich könnte noch weiter schwärmen – aber mir geht es noch um etwas ganz Anderes. Was wir an diesem Abend erlebt haben, das haben sich zwei Schulköche zur Aufgabe gemacht: Die beiden möchten, dass ihre Schüler erleben, wie die Natur tatsächlich schmeckt. Ohne Zusatz- oder Konservierungsstoffe. Die beiden wissen, wie das gelingen kann; denn sie sind Profi-Köche und haben in Sterne-Restaurants gearbeitet.

Jetzt kochen sie in der Mensa, jeden Tag mehrere hundert Portionen. Die beiden verwenden frisches Gemüse und Zutaten aus der Region. Und sie versuchen die Kinder mit ganz neuen Geschmackserlebnissen für ein gesundes Essen zu begeistern. Da gibt es neben Kaiserschmarrn und Kartoffelsalat auch mal Kichererbsensuppe oder Gemüsefrikadellen mit geröstetem Sesam. Weil sie sagen: Der Geschmackssinn wird schon ganz früh ausgebildet. Die Kinder und Lehrer sind begeistert!

Es ist klar, dass solch ein Sternekoch-Essen nicht eins zu eins in jeder Familie umgesetzt werden kann. Aber trotzdem ist es für mich eine Anregung. Nicht zuletzt deshalb, weil aktuelle Studien zeigen: Eine gute Ernährung für Kinder ist so wichtig – denn während der Corona-Zeit sind fast eine Fünftel der Kinder in Deutschland dicker geworden[1]. Jeder fünfte Jugendliche ist sowieso schon zu dick.

Ein gutes Essen zuzubereiten, das macht Mühe. Und kostet Zeit. Während der Corona-Pandemie hatte ich die Zeit auf einmal. Für mich war diese Phase sehr lehrreich. Mit den Kindern habe ich gemeinsam versucht aus dem Gemüse, das gerade Saison hatte, etwas zu machen. Da kam dann ein Kartoffel-Kohlrabi-Gratin heraus oder ein Kokosmilch-Reis mit frischen Mangos. Wir haben tatsächlich eine neue Esskultur entwickelt, viel weniger Maultaschen und Fertiggerichte warm gemacht. So viel gemeinsame Zeit am Tisch wie in den letzten beiden Jahren haben wir zuvor noch nie verbracht. Unsere kleine Mahlgemeinschaft hat das gestärkt. Und es war jedes Mal ein bisschen wie eine Verabredung mit Gott in Frankreich.

Ausgezeichnet in der Schulverpflegung - YouTube
https://www.youtube.com/watch?v=4K_CsgPBuZ8

Schulkantinen: „Weißt du, was eine Ananas ist?“ - „Nein“ - WELT
https://www.welt.de/iconist/article137034783/Weisst-du-was-eine-Ananas-ist-Nein.html

Sterneköche in der Schulmensa | Galileo Lunch Break - YouTube
https://www.youtube.com/watch?v=RayRc3tkSBo

 

[1]Mehr übergewichtige Kinder in Deutschland - SWR Wissen
 https://www.swr.de/wissen/corona-pandemie-mehr-uebergewichtige-kinder-100.html

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18AUG2022
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Ich wollte noch nicht nach Hause fahren. Damals vor gut zehn Jahren. Und bin da gestanden, zwischen den gepackten Koffern und Rucksäcken, zwischen der Kiste mit Sandspielzeug und dem Kinderwagen. Drei Wochen Urlaub an der Nordsee waren vorbei; es war der letzte Tag, kurz vor der Abfahrt.

Unsere drei Kinder waren noch sehr klein. Sie sind damals ständig krank gewesen, immer einer nach dem anderen. Ich war dauerhaft müde, dazu einfach unzufrieden. Weil ich viel lieber gearbeitet hätte und einfach keine große Freude daran hatte, auch das dritte Kind zur musikalischen Früherziehung zu schleppen und die x-te Krabbelgruppe zu besuchen.

Kurzum: Ich war am Rande der Kräfte und habe zu diesem Zeitpunkt keine Perspektive gesehen, wie sich die Situation ändern könnte. In diesem Zustand bin ich damals nach Borkum gefahren, auf eine Freizeit, die von der evangelischen Kirche organisiert wurde.

Beim Gedanken, jetzt von dort wieder abreisen zu müssen, war mir zum Heulen zu Mute. Denn es würde ja genauso zuhause weitergehen. Und dann stand Andrea bereit, eine der Team-Leiterinnen der Freizeit. Sie hat angeboten, uns einen Reisesegen mit auf den Weg nach Hause zu geben. Ich habe zunächst gezögert. Ich hatte keine Erfahrung mit einem persönlichen Segen. Und überhaupt: Was sollte ich mit einem Segen anfangen? Und dann bin ich doch zu ihr gegangen, habe Koffer und Kinder stehen lassen. Andrea muss die Fragen und den Frust in meinem Gesicht gesehen haben. Sie hat mich gebeten, ein wenig von dem Leben zu erzählen, das zuhause auf mich wartet. Und dann hat sie ihre Hände auf meinen Kopf gelegt. An ihre Worte kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich habe auch gar nicht mehr richtig zugehört. Weil ich überwältigt war; von einem Gefühl, das ich bis dahin nicht gekannt habe. Die Berührung durch Andreas Hände hat sich ausgebreitet; wie warmer Honig, vom Kopf bis in die Zehenspitzen.

Wir sind nach Hause gefahren und ich hatte tatsächlich das Gefühl, ich gehe nicht alleine zurück. Bis heute kann ich diesen Augenblick nicht in klare Worte fassen, ich kann auch nicht richtig beschreiben, was Segen ist. Die Theologin Annette Jantzen kann es besser. Sie sagt: „Segen ist die ungeordnete, wilde Gegenwart Gottes.“ Das gefällt mir gut und kommt dem, was ich empfinde, ziemlich nahe: Der Segen hat in mir etwas in Bewegung gebracht. Was genau und wie das geschehen ist, das ist für mich nicht greifbar; es bleibt tatsächlich ungeordnet. Ein Reisesegen vermag den Alltag zuhause nicht zu ändern. Aber dieser Segen hat mir geholfen, dem Leben und seinen Herausforderungen anders, gestärkt entgegenzutreten. Gottes Gegenwart hat sich in meinen Haaren verfangen. So stelle ich mir das immer vor. Wenn mir heute der Wind manchmal die Haare zerzaust, ist die Erinnerung daran wieder da. Wild und ungeordnet.

Annette Jantzen, „Gotteswort, weiblich – Wie heute zu Gott sprechen?“, Kapitel "Segen", S. 117 ff., Verlag Herder

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17AUG2022
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Ich liebe Erdbeeren! Fast bei jedem Einkauf im Hofladen habe ich mir in diesem Jahr eine Schale mitgenommen. Meine Lieblingssorte sind die Erdbeeren mit Namen Lambada. Die sind klein und sehr süß. In diesem Jahr war das Wetter perfekt, es gab und gibt unglaublich viele Erdbeeren.

Zu viele für den Markt in Deutschland. Ich war entsetzt darüber als ich gelesen habe, dass zahlreiche Obstbauern ganze Felder mit guten und reifen Erdbeeren vernichtet haben. Sie haben sie hektarweise einfach untergepflügt. Weil sie keine andere Wahl hatten. Die Supermarkt-Regale sind voll mit Erdbeerschalen aus Südeuropa, die oft nur ein Bruchteil der heimischen Erdbeeren kosten.

Wie ist es dazu gekommen? Zwei Dinge sind dafür verantwortlich. Erstens: Erdbeerbauern, beispielsweise aus Spanien, bieten den Supermärkten ihre Früchte sehr günstig an, weil sie unter ganz anderen Bedingungen anbauen und ernten können. Sie müssen ihren Arbeitern weder einen Mindestlohn bezahlen, noch so streng auf den Umwelt- und Pflanzenschutz achten wie deutsche Erzeuger. Zweitens: Viele Menschen müssen jetzt mehr sparen. Sie kaufen nur die wichtigsten Nahrungsmittel ein oder sie kaufen günstige Angebote. Teure Erdbeeren stehen oft nicht auf dem Einkaufszettel.

Die Folge ist: Heimische Obstbauern müssen ihre Schale für etwa 4 Euro verkaufen, um ein bisschen etwas zu verdienen. Das geht nur direkt auf dem Markt oder im Hofladen, den Supermärkten sind diese Früchte zu teuer, die nehmen sie meist gar nicht.

Aber muss man deswegen das gute Obst einfach vernichten? Das ist Lebensmittelverschwendung! So ist mein erster Gedanke gewesen. Warum das Obst nicht wenigstens verschenken oder die Erdbeeren zum selber pflücken anbieten? Ich habe mich dann erkundigt und mir ist klar geworden: So einfach ist das nicht. Den Bauern blutet das Herz, wenn sie die Früchte ihrer Arbeit, im doppelten Wortsinn, zerstören müssen. Aber da geht es nicht um ein kleines Feld, sondern um viele Hektar – bis die von Privatleuten abgeerntet wären, vergehen viele Tage. Zu viele, denn die reifen Früchte faulen schnell und schädliche Pilzsporen würden dann von einem zum nächsten Feld getragen werden.

Auch meine Kinder und ich haben erst lernen müssen, der billigen Versuchung im Supermarkt zu widerstehen. Wir packen die 1-Euro-11-Erdbeeren nicht mehr in den Einkaufswagen und gehen beim Hofladen vorbei. Gleichzeitig habe ich die Kinder darum gebeten, einen kleinen Teil zu den teureren Erdbeeren beizutragen; indem sie nicht bei jedem Einkauf um ein Päckchen Gummibärchen oder ein Wassereis betteln.

Ich denke es ist möglich, auch mit weniger Geld ab und zu heimisches Obst zu kaufen. Klar ist aber auch, die Situation ist komplex und zeigt, wie alles zusammenhängt: Obstanbau in Südeuropa, die guten einheimischen Erdbeeren, osteuropäische Erntehelfer und der deutsche Mindestlohn.

Wichtig in jedem Fall ist, sich die Zusammenhänge klarzumachen. Und sich dann bewusst zu entscheiden. Meine Entscheidung ist gefallen: für Lambada und Mindestlohn.

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16AUG2022
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Ich bleibe in diesem Sommer zuhause. Ich fahre nicht in den Urlaub. Ganz bewusst und mit Absicht. So gerne ich verreise und so gerne ich das Meer sehen würde – es ist mir in diesem Jahr einfach zuviel. Ich möchte nicht planen, ich möchte nicht packen; ich möchte nicht wieder bis kurz vor der Abfahrt am Schreibtisch sitzen und ja nichts vergessen, was noch zu erledigen ist. Ich möchte das Haus nicht aufräumen und alle Wäsche vor der Abfahrt wegwaschen, ich möchte keine fünf Personen unter einen Hut bringen müssen und ich möchte nicht organisieren, dass der Briefkasten geleert und die Hasen gefüttert werden, solang wir nicht da sind.

Ich möchte einfach nur hier sein. In Ruhe hier zuhause. Die Corona-Zeit war für uns als Familie keine schlimme Zeit – aber ich fand, sie war und ist anstrengend. Weil Termine abgesagt und neu geplant werden mussten, weil es immer wieder neu galt, Arbeit und Kinderbetreuung zu organisieren. Weil auch wir uns infiziert haben, krank gewesen sind und Pläne über den Haufen geworfen haben. Alles war am Ende gut machbar – aber ich bin ein bisschen erschöpft.

Deswegen lasse ich die Kinder auf Reisen gehen und bleibe in diesem Jahr zuhause. Mein Bedürfnis nach Ruhe und Pause ist damit erfüllt; aber meine Sehnsucht nach einem Tapetenwechsel, wie man so schön sagt, ist geblieben: Denn es tut schon gut, eine andere Landschaft zu sehen. Eine fremde Küche kennenzulernen. Oder Menschen zu begegnen, die anders leben. Das sind die Dinge, die eine Reise für mich so wertvoll machen.

Für diesen Sommer habe ich eine gute Alternative gefunden: Denn auch zuhause ist es möglich, zwischendurch in eine andere Welt einzutauchen. Ich habe deshalb meinen Sommer zu einem Film- und Kino-Sommer erklärt. Wann immer möglich und mir ein Film gefällt, gehe ich ins Open-Air-Kino und freue mich über die Schönheit der Welt zuhause unter freiem Himmel. Mein Film-Urlaub hat mich bisher unter anderem nach Frankreich geführt. Ins 18. Jahrhundert. Ich habe einen Feinschmecker-Koch erlebt. Er hat auf der grünen Wiese mit weiß gedeckten Tischen das erste Restaurant für alle Bürger eröffnet. Ein anderer Film spielte im England vor hundert Jahren. Dabei habe ich das Leben von Adligen auf einem alten Landsitz beobachtet. Und meiner Sehnsucht nach dem Meer habe ich bei tollen Bildern von der Nordseeküste Raum gegeben. Und bin dort Menschen begegnet, die ihren ganz eigenen Rhythmus zwischen den Gezeiten leben.

So fühle ich mich in diesem Sommer, dankbar für Ruhe und Frieden. Und dafür, dass ich meinen Rhythmus leben kann. Und der heißt in diesem Sommer: einfach nur hier sein.

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15AUG2022
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Seit heute hängt wieder ein Kräuterstrauß in meiner Küche. Kopfüber an der Decke. Damit er trocknet und lange hält. Dass dieser Strauß da hängt, hat mit dem heutigen Tag zu tun, mit Mariä Himmelfahrt: Jedes Jahr am 15. August gibt es in der katholischen Kirche den Brauch der Kräuterweihe. Unterschiedliche Kräuter werden zu Sträußen gebunden und dann im Gottesdienst gesegnet. Diese Kräuterweihe geht auf eine Legende zurück: Als die Jünger von Jesus das Grab seiner Mutter Maria geöffnet hatten, haben sie dort, anstatt ihres Leichnams, Blüten und Kräuter gefunden.

Der Kräuterbüschel in meiner Küche besteht aus sieben Kräutern. So viele müssen es mindestens sein. Sie stehen symbolisch für die sieben Schöpfungstage. Salbei ist mit dabei, eine Rose und eine Getreideähre. Der katholische Frauenbund hat die Kräutersträuße gebunden. Das ist Tradition hier am Ort. Die Frauen stehen am Abend vor Mariä Himmelfahrt vor der Kirche, mit einem großen Waschkorb voll wunderbar duftender und bunter Sträuße. Sie haben damit meine Vorstellung vom Frauenbund bestätigt: überwiegend ältere Frauen, die fromme Bräuche und Traditionen pflegen und Maria verehren. Für mich war das vor vielen Jahren die erste Begegnung mit dem Frauenbund.

Vor zwei Jahren bin ich Mitglied in diesem Verband geworden. Weil ich von den Frauen so viel gelernt habe und von ihrem Engagement begeistert bin. Ich habe erfahren, dass Frauen eine große Tradition in der Urkirche haben. Sie haben Jesus unterstützt und haben Führungsrollen in den ersten Gemeinden übernommen. Es gab Frauen unter den Aposteln und die erste Christin in Europa ist eine Frau gewesen. In der Bibel ist von alldem aber nur wenig zu lesen.

Der Frauenbund setzt sich seit vielen Jahrzehnten dafür eine, dass Männer und Frauen gleichberechtigt Verantwortung in der Kirche und in der Gesellschaft übernehmen. Ich finde das richtig und wichtig. Denn alle sind mit derselben Würde ausgestattet. So hat Jesus das schon zu seiner Zeit gesehen: Er ist mit Frauen ganz normal umgegangen, er hat sie ernst genommen und ihnen oft bewusst einen besonderen Platz gegeben. Mir fällt da vor allem Maria Magdalena ein. Von ihr wird berichtet, dass sie ihm nach der Auferstehung als erste begegnet ist. Ich finde: das ist doch der beste Beweis und die beste Voraussetzung für eine geschlechtergerechte Kirche.

Mein Kräuterstrauß zu Mariä Himmelfahrt ist für mich daher längst kein frommes Symbol mehr. Dieser volkstümliche Brauch erinnert mich vielmehr daran, dass wir Frauen selbstbewusst sein können und selbstverständlich einen Platz in der Kirche haben. Dieser schöne und wohlriechende Büschel an meiner Decke, das ist für mich der Duft der starken Frauen - in der Urkirche und heute.

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17JUL2022
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Doris Köhncke Foto: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft Doris Köhncke. Sie ist die Leiterin des Fraueninformationszentrums in Stuttgart und kümmert sich um Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind.

Wenn Menschen an andere verkauft werden wie ein Stück Vieh, dann spricht man von „Menschenhandel“. Das ist eine Straftat und trotzdem werden jeden Tag tausende Menschen auf der ganzen Welt wie Ware gehandelt. Weil damit viel Geld verdient werden kann. Mit Doris Köhncke spreche ich über dieses Thema. Genauer gesagt: über Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind und dann zur Prostitution gezwungen werden. Die Theologin leitet das FIZ, das Fraueninformationszentrum in Stuttgart, und betreut solche Frauen.

Also Menschenhandel bedeutet, dass jemandem…. was versprochen wird und dabei aber getäuscht wird. Zum Beispiel: Toller Job, Verdienst oder auch die große Liebe. … Dann stellt sich raus: es stimmt aber nicht, es wird ganz was Anderes verlangt, der Job ist nicht Kellnern, sondern der Job ist Prostitution.

Wer sich aus so einer Situation befreien kann und im FIZ ankommt, hat Glück. Doris Köhncke und zwölf Beraterinnen helfen den Frauen dabei, neu anzufangen. Ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Wer sind diese Frauen, welche Geschichten erzählen sie, möchte ich wissen. Und warum geraten sie in die Fänge von Menschenhändlern?

Menschenhandel funktioniert immer über ein Arm-Reich-Gefälle. Ich brauche Menschen, die arm sind oder die in Not sind oder bedroht sind oder in einer schwierigen Lebenssituation und deswegen nicht weiterwissen.

Wie eine junge Frau aus Rumänien, an die sich Doris Köhncke erinnert:

Die kam aus einem Dorf, da wussten alle, dass der eine Nachbar in Deutschland ist, da viel Geld verdient; der kam da immer mit einem dicken Mercedes nach Hause gefahren und alle wussten, der hat da ein Restaurant und er hat ihr angeboten, sie kann da bei ihm arbeiten. Sie hat kurz überlegt und alle haben bestätigt, na klar, das wussten alle.

Mach das, haben sie gesagt. Weil alle davon ausgegangen sind: Der Nachbar hat tatsächlich ein Restaurant. Die junge Frau hatte keine Möglichkeit herauszufinden, was wirklich in Deutschland auf sie warten sollte. Nämlich Zwangsprostitution. Frauen aus Ost-Europa sind „typische“ Opfer von Menschhandel, aber auch Frauen aus Afrika:

Der westafrikanische oder nigerianische Menschenhandel ist leider sehr groß, das ist ein Geschäftsmodell, das boomt.

Und zwar auch deshalb, weil viele Frauen weg möchten. Sie fliehen vor Zwangsverheiratung oder Genitalverstümmelung. Diese Situation nutzen Menschenhändler aus: Sie bringen die Frauen nach Italien oder Spanien - und zwingen sie dort zur Prostitution. Wer sich daraus dann befreien kann, versucht nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz zu kommen, möglichst weit weg, denn:

Gerade beim westafrikanischen Menschenhandel werden die Frauen Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte bedroht und gesucht, wenn nicht sie selber, dann ihre Angehörigen.

Für sie organisiert das FIZ deshalb zuerst einmal eine sichere Unterkunft und versucht sie dann zu begleiten. Zum Beispiel bei Anhörungen, wenn es darum geht, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen oder Asyl zu beantragen. 

Die Theologin Doris Köhncke leitet das Fraueninformationszentrum FIZ in Stuttgart. Dort wird Frauen geholfen, die Opfer geworden sind von Menschenhandel. Immer neue Fälle, jedes Jahr werden es mehr; das scheint wie ein Fass ohne Boden zu sein. Verlässt einen da nicht manchmal die Hoffnung, dass sich diese Situation jemals ändert?

Natürlich braucht es eine gewisse Ausdauer da dranzubleiben und es ist manchmal auch frustrierend. Aber letztlich ist dann die Arbeit und die Begleitung der einzelnen Frau was unendlich Wertvolles. Und wenn man Eine unterstützen kann, dass sie es schafft, ist das eine grandiose Erfahrung zu sehen, wie sich jemand wieder entwickelt und wieder zu einem selbstbestimmten Leben zurückfindet.

Der Weg dorthin ist für die betroffenen Frauen hart, der Ausstieg aus der Prostitution enorm schwer. Und wenn es eine Frau geschafft hat, dann warten neue Hürden. Über die ärgert sich Doris Köhncke sehr. Und sie erzählt mir ein Beispiel:

Ich hab jetzt grad wieder eine Frau aus Kamerun, sie war auch Opfer von Menschenhandel, die will Krankenschwester werden. Hat die Ausbildung angefangen, wurde schwanger. Jetzt ist das Kind zwei und sie will jetzt unbedingt weitermachen.

Aber die Frau ist alleinerziehend und braucht eine Kinderbetreuung während der Schichten in der Nacht und am Wochenende. Sie kann das aber nicht finanzieren.

Wir brauchen Krankenschwestern en masse, und da hat man eine, die will das machen und man macht‘s ihr unendlich schwer.

Doris Köhncke ist seit gut zehn Jahren im FIZ. Sie hat viele starke Frauen kennengelernt, wie diese Schwestern-Schülerin. Die sind ganz und gar nicht „nur“ Opfer, sagt sie.

Also ich finde es immer hoch beeindruckend zu erleben, dass die Frauen einerseits oft unendliche Geschichten erlebt haben, Leid und Gewalt und negative Dinge und es trotzdem aber schaffen, an ihre Ressourcen anzudocken. Und dann merkt man, was da da ist. An Kraft, an Lebenserfahrung, an Hoffnung, an Mut.

Ihr Resümee und ihr Blick auf die ausgebeuteten Frauen überrascht mich, so habe ich das noch nie gesehen:

Eigentlich sind die Betroffenen von Menschenhandel ja diejenigen Frauen, die sich was trauen. Weil sie haben ja gewagt, ins Ausland zu gehen. Die, die Opfer sind, sind die, die was ändern wollten. Ich weiß eine, die wollt so gerne in die Schule gehen. Und dann durfte sie nicht mehr und ihre Familie hatte kein Geld mehr …

… und das war die Masche, mit der man sie gekriegt hat. Statt Schulbesuch in Europa ist sie dann allerdings in der Zwangsprostitution gelandet. Doch sie ist daran nicht zerbrochen.

Die will was vom Leben, die will was erreichen und die will sich einsetzen. Dann ging das zwar schief, sie wurde ausgenutzt, aber wenn sie daraus dann frei ist, dann sind das schon Frauen, die kämpfen weiter; für sich, für ihre Kinder, für ihre Träume, für was auch immer.

Fraueninformationszentrum – FIZ | VIJ (vij-wuerttemberg.de)

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12JUN2022
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Dr. Dorothee Steiof Foto: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft die Ärztin und Theologin Dorothee Steiof

Ich bin im Süden von Stuttgart. Auf dem Platz vor mir steht die Kirche St. Maria mit ihren zwei großen Türmen. Hinter mir ist ein neues, schickes Einkaufszentrum und - die Paulinenbrücke. Treffpunkt für Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, zum Teil ohne Wohnsitz oder mit Suchtproblemen. Und mittendrin treffe ich Dorothee Steiof. Sie ist bei der Arbeit. Und dabei tut sie - nichts. Das ist ungewöhnlich, aber beabsichtigt. Sie ist einfach da und schaut und wartet erst mal ab. Das ist tatsächlich ihr Auftrag. Nur da sein. Und das ist gar nicht so einfach:

Weil wir wollen immer was tun und ich will gebraucht werden, das ist so tief in unserer DNA drin und ich kann mich gut erinnern: Am Anfang, als ich die Tätigkeit begonnen habe und ich einfach da war und ich dachte, was tue ich hier, wie kann ich denn hier sitzen und ich mach gar nichts. Diese Erfahrung auch im Nicht-Tun wirken zu können, das ist was ganz anderes wie nichts zu tun.

Seit gut einem Jahr ist Dorothee Steiof rund um die Kirche St. Maria unterwegs. Im Rahmen eines Projektes[1] von Caritas, Diözese und Kirchengemeinde probiert die Ärztin und Theologin aus, was passiert: wenn sie einfach da ist, ohne Angebot, ohne Programm, nicht erkennbar als kirchliche Mitarbeiterin; nur ansprechbar. Und wenn sie gefragt wird, was sie da tut?

Dann sag ich meinen Namen, ich sag, ich bin da und ich interessiere mich für Menschen, so, das ist so vielleicht meine Formel.

Und was passiert dann, wie geht es weiter, möchte ich wissen?

Es muss nichts passieren. Es kann sein, ich sitz manchmal da und denke: Puh, heute hätte ich gar nicht kommen brauchen oder es entstehen sofort Zweifel. Und plötzlich bin ich in ganz intensive Gespräche involviert und jemand erzählt mir von der Beerdigung seiner Mutter und wir tauschen uns über die Weisen, wie Menschen beerdigt werden, über Menschen aus, die uns nahestehen und wie wir sie erinnern und welchen Stellenwert sie in unserem Leben haben.

In solchen Gesprächen gibt dann auch Dorothee Steiof etwas aus ihrem Leben preis. Dann entsteht plötzlich eine vertraute Atmosphäre. Wie kann das gelingen, dass man sich mitten auf der Straße so nahekommt?

Ich glaube der Raum entsteht über die Befreiung, nichts zu müssen, interessiert da sein und diese Offenheit und dieses Absichtslose. Und es entsteht für so einen Moment ein wechselseitig sich Würde schenken. Und solche Momente zumindest zu ermöglichen oder dafür offen zu sein, das ist so, was mich umtreibt, ja.

Dorothee Steiof ist Ärztin und Theologin und seit gut einem Jahr arbeitet sie regelmäßig auf der Straße, auf dem großen Platz vor der Kirche St. Maria in Stuttgart. Sie ist weder Sozialarbeiterin noch Quartiersmanagerin. Sie ist einfach da. Bietet sich als Person an. Ohne Absicht und ohne Programm. Sie ist ansprechbar für alle. Und sie beobachtet:

Ich finde, wir gehen oft von A nach B, wir haben ein klares Ziel vor Augen und auf einmal merkt man, wie sich Menschen im öffentlichen Raum aufhalten; wer den ganzen Tag wo sitzt, wer von einem Sitzplatz zum anderen wandert, wer mit wem spricht oder nicht spricht. Auf einmal rücken ganz andere Menschen in den Vordergrund.

Nach einem Jahr ist dieser Ort ist für sie nicht mehr nur der Platz, zwischen Pflastersteinen, Sandboden und Grünstreifen, auf dem die Bänke mit Graffiti vollgesprüht sind.

Die Gesellschaft und öffentliche Orte auch als spirituell gefüllte Orte wahrnehmen, das habe ich da gelernt. Es entsteht so eine tiefe Verbundenheit zu den unterschiedlichsten Menschen; und dass das eigentlich die Weise ist, wo ich auch Gottes Gegenwart erlebe.

Das kann bei einem Blickwechsel sein oder im kurzen Austausch mit jenem Mann im Rollstuhl, der regelmäßig da ist. Oder bei ganz anderen Gelegenheiten, ganz unerwartet: Dorothee Steiof erzählt mir zwei kleine Beispiele:

Es gibt einen Menschen, der jede Nacht auf einem Friedhof übernachtet und mir berichtet, dass er jeden Abend, bevor er schlafen geht, trotzdem danke sagt dafür, dass er diesen Tag leben durfte.

Bei einer anderen Begegnung ist es so,

dass wir darüber sprechen, was gibt uns wechselseitig Kraft in schwierigen Situationen und ein Mensch anfängt, einen Gebetstext zu singen, der ihm Kraft gibt und wir sitzen am Straßenrand miteinander. Ich bin oft die Lernende, es entstehen oft Situationen, da ist gar nicht mehr klar, wer verkündet jetzt wem? Derjenige kann was ausdrücken von dem, was das Evangelium sein kann, wie ich es nie ausdrücken könnte.

Auch wenn sie Harry trifft, erlebt sie das. Und den trifft sie eigentlich immer, wenn sie vor St. Maria unterwegs ist. Harry hat selbst viele Jahre auf der Straße gelebt, ohne Wohnung. Jetzt hilft er mit, Lebensmittel zu retten und verschenkt sie dann in „Harrys Bude“, direkt neben der Kirche. 200 Leute kommen da jeden Tag vorbei. Harry erzählt Dorothee Steiof: so wie Menschen ihm geholfen hätten, so will er jetzt anderen helfen.

Wenn man Menschen nicht primär nur als Bedürftige ansieht, dann gelingt ein Perspektivwechsel, sagt Dorothee Steiof. Und dann kann man erfahren, wie einzigartig jeder Mensch ist.

Durch diese Freiheit in der Begegnung, dadurch, dass nicht so ganz klar ist, wer wir füreinander sind, wir zwei Menschen, die sich da begegnen - wer ist Gast, wer ist Gastgeber? Das verschwimmt für einen Moment und dadurch passiert es oft, dass ich zur Beschenkten werde. Dafür Möglichkeitsräume zu eröffnen, dass solche Erzählungen passieren, und das auch weitergeben zu können, das wird aus meiner Sicht viel zu wenig in Kirche getan.

 

Die Begegnung mit Dorothee Steiof vor der Kirche St. Maria gibt es auch als Audio-Slide-Show in Wort und Bild.

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https://www.caritas-im-lebensraum.de/beitraege/gott-in-der-stadt-entdecken-oder-was-macht-gott-in/1977475/

https://www.feinschwarz.net/was-macht-gott-in-der-stadt-erfahrungen-aus-einem-projekt-der-praesenzpastoral-im-sueden-von-stuttgart/

 

[1] Das Projekt wurde vom 1.2.21-31.1.22. von Bonifatiuswerk (https://www.bonifatiuswerk.de/de/) gefördert, seit dem 1.4.22 von der Diözese Rottenburg-Stuttgart

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27MAI2022
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Wir hatten eine wunderschöne Katze. Mit rotem, flauschigem Fell. Sie ist bei uns eingezogen als sie gerade erst ein paar Wochen alt war und hat mit uns Haus und Garten bewohnt. Irgendwann aber ist sie immer seltener nachhause gekommen. Freunde am anderen Ende des Dorfes haben uns regelmäßig angerufen und informiert, dass sie unsere Katze gesehen hätten, weit weg von zuhause. Immer wieder sind wir dann mit dem Katzenkorb ausgerückt, haben sie eingefangen und wieder nach Hause gebracht. Es ging nicht lange gut, meist nur ein paar Tage, dann war sie wieder weg.

Ein Jahr später waren auch wir weg. Unsere Familie hatte sich getrennt, Haus und Garten haben wir zurückgelassen. Und die Katze ließen wir ihrer Wege gehen.

Das alles liegt fast zehn Jahre zurück. Aus der Ursprungsfamilie sind zwei neue Patchwork-Familien entstanden, wir alle haben an neuen Orten ein Zuhause gefunden. Und jetzt, vor einigen Wochen, steht plötzlich eine schöne rote, flauschige Katze in unserem Garten. Nein, es ist nicht unser alter Kater. Es ist eine wunderschöne Katzendame. Noch wissen wir nicht genau, wohin sie gehört. Doch sie besucht uns mittlerweile jeden Tag und sucht sich ihre Schlafplätze; immer in unserer Nähe: auf meinem Schreibtisch, in einer Kiste im Wohnzimmer oder auf dem warmen Badfußboden. Jedes Mal, wenn ich zur Türe gehe und die Katze nach ihrem Schläfchen wieder hinauslasse, mischen sich Wehmut und Hoffnung: Kommt sie wieder? Fühlt sie sich wohl bei uns? Auch wenn ich weiß, sie ist wahrscheinlich nur eine Besuchskatze auf Zeit.

Mittlerweile und im Rückblick denke ich, unser alter Kater hat es damals vor uns gespürt. Er hat gemerkt, dass Veränderung in der Luft lag; dass er bei uns kein dauerhaftes Zuhause haben wird. Und deshalb ist er gegangen.

Die neue rote Katzendame ist zu einer Art Seismograf für mich geworden. Ein Gradmesser also der anzeigt: Wie gut ist es eigentlich bei uns zuhause? Sie erinnert mich jeden Tag daran, dass ich genügend aufpasse, wie es allen geht, die hier ein und aus gehen. Dazu gehört für mich, dass wir offen und ehrlich miteinander reden, auch wenn das manchmal weh tut. Dass ich gleichzeitig aber auch erkenne, wann es Zeit ist, zu schweigen, nicht mehr nachzubohren und jedem seinen Raum lasse, sich zurückzuziehen. Das Wichtigste aber ist: Ich will mich aufrichtig freuen über jeden Einzelnen in meiner Familie und ihn oder sie das auch spüren lassen; unabhängig von der 5 in Französisch oder der wieder einmal nicht ausgeräumten Fußballtasche mitten im Wohnzimmer. Ich glaube es ist dann gut, wenn alle jederzeit nachhause zurückkommen können. Nicht nur die rote Katze.

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25MAI2022
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Seit einigen Monaten kümmere ich mich um den ehemaligen Pfarrer meiner Heimatgemeinde. Ich kenne ihn schon sehr lange, er hat unsere Kinder getauft und uns viele Jahre begleitet. Mittlerweile ist er fast 90 Jahre alt. Er ist gebrechlich, hört schlecht und hat so Manches vergessen. Das ist nun mal so in diesem Alter. Was allerdings seine Beerdigung angeht, weiß er ganz genau was er will. Sein Grab hat er bereits reservieren lassen, in welcher Kirche das Requiem gefeiert wird, und an welchem Ort der Leichenschmaus stattfinden soll, steht fest. Auch wer in der Kirche die Orgel spielen soll, hat er notiert. Das Wichtigste aber ist für ihn etwas ganz Anderes. Jedes Mal, wenn ich bei ihm bin, wiederholt er diesen Wunsch: „Ich möchte nicht von einem Priester beerdigt werden. Ich möchte, dass eine Frau die Trauerfeier leitet. Weil die Frauen das so gut machen.“

Das macht seinen Wunsch und seinen letzten Willen so besonders: Der Mann ist eben kein gewöhnlicher Katholik, er ist selbst Priester. Und das seit über 60 Jahren. Er ist damals Priester geworden, um in der katholischen Kirche etwas zu verändern. Zeit seines Lebens hat er sich deshalb dafür eingesetzt, dass Frauen Priesterinnen werden dürfen und dass die Pflicht zum Zölibat abgeschafft wird. Er hat gegen kirchliche Sanktionen gepredigt und wer zu ihm kam, hat immer am Abendmahl teilnehmen dürfen, egal ob er evangelisch war oder zum zweiten Mal verheiratet. Seine Maxime war: Das eigene Gewissen zählt und nicht starre Vorschriften. Er hat sein Leben lang gestritten, Protestbriefe geschrieben und sich mit Bischöfen angelegt.

Gleichzeitig hat er in seiner eigenen Gemeinde schon sehr bald dafür gesorgt, dass es anders läuft: Frauen waren für ihn weit mehr als Kuchenbäckerinnen oder Köchinnen beim Gemeindefest. Schon vor vielen Jahrzehnten sind sie in seiner Kirche am Altar gestanden und haben Wortgottesdienste geleitet und gepredigt. Frauen im Altarraum haben deshalb mein Bild von Kirche geprägt. Ihn selbst habe ich oft erlebt, wie er als ganz gewöhnliches Gemeindemitglied am Sonntag in der Kirchenbank gesessen ist. Und begeistert war, mit wieviel „Herzblut und Kompetenz“ Frauen Gottesdienst feiern, so hat er es formuliert.

Sein letzter Wunsch und Wille ist deshalb jetzt logisch und konsequent. Aber er ist noch mehr: Es ist entscheidend, dass solche Konsequenzen aus den eigenen Reihen der katholischen Kirche kommen, denn nur so ist es überhaupt möglich, ein Zeichen zu setzen. Denn nur dann kann die Männer-Kirche aufgebrochen werden.

„Ich möchte, dass eine Frau mich beerdigt.“ Auch wenn ich den Priester schon lange kenne und mir seine Gedanken vertraut sind, hat mich dieser letzte Wunsch sehr berührt, als Frau und als Katholikin. Ich habe ihm versprochen, dass es genau so kommen wird.

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24MAI2022
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Bei solchen Bildern bekomme ich Gänsehaut: Hunderte Einwohner der ukrainischen Stadt Cherson stellen sich russischen Militärfahrzeugen entgegen. Sie rufen: „Dreht um, fahrt nach Hause“. Die Frauen und Männer haben dabei die ukrainische Flagge um ihre Schulter gelegt. Und sie tragen keine Waffen. Die Militärfahrzeuge legen den Rückwärtsgang ein und verlassen die Stadt.

Was die Bürger von Cherson in dieser Situation getan haben, wird als „ziviler Widerstand“ bezeichnet. Widerstand ohne Waffen und ohne Gewalt. Von diesen Bildern geht eine große Kraft aus. Sie machen Mut und Hoffnung. Dass es einen anderen Weg gibt, sich gegen die russische Invasion zu wehren. Nach solchen Bildern muss ich in der Presse und im Internet allerdings regelrecht suchen. Andere Bilder hingegen drängen sich mir auf, jeden Tag, auf allen Kanälen: Bilder, die brennende Panzer und Häuser zeigen und Städte, von denen nur noch Schutt und Trümmer übriggeblieben sind. Es sind schreckliche Bilder, die die Nachrichten beherrschen.

Wir sind uns schon im Kleinen, in unserer Familie, nicht einig, was richtig ist: Sollen Menschen ihr Land mit Waffen verteidigen oder ist es besser, ohne Gewalt Widerstand zu leisten? Welches ist der bessere Weg zum Frieden? Es gibt gute Argumente für den einen Weg und gute für den anderen. Mir ist klar, es gibt keine einfache und schon gar keine eindeutige Lösung. Trotzdem halte ich es für ganz und gar nicht naiv zu glauben, dass Gewalt auf lange Sicht keinen Frieden möglich macht. Forschungen bestätigen das: Gewaltfreie Bewegungen waren in den letzten 100 Jahren doppelt so erfolgreich wie solche, die Waffen eingesetzt haben[1]. Damit das gelingt, braucht es allerdings eine ganze Menge: Es müssen Viele mitmachen, der Gegner muss gleichzeitig geschwächt werden, mit Sanktionen zum Beispiel. Oder weil Teile des Gegners nach und nach kooperieren. In jedem Fall braucht auch gewaltfreier Widerstand eine Strategie und einen Plan.

Und es braucht Bilder und Geschichten, die von diesem Widerstand ohne Waffen erzählen: vom jungen russischen Soldaten zum Beispiel, der übergelaufen ist und mit Tee und Kuchen von den Ukrainern empfangen wird. Von den Bürgern, die Straßenschilder austauschen, um Angreifer zu verwirren. Von den vielen hundert Menschen, die die Zufahrtsstraße zu einem ukrainischen Atomkraftwerk blockieren. Diese Form des Widerstands muss sichtbar werden! Weil er Mut macht und weil er an kleinen Beispielen zeigt: Widerstand heißt nicht automatisch Gewalt und Zerstörung.

[1] Why Civil Resistance Works | Erica Chenoweth

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35444