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19SEP2021
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Pfarrer Egbert Schlotmann Fotonachweis: Manuela Pfann

… und mit Egbert Schlotmann. Den Mann im kurzen, karierten Hemd mit braungebrannten Armen treffe ich zwischen Sandstrand und Fischbrötchenbude. Dort, wo andere Urlaub machen, ist sein Arbeitsplatz. Seit fünf Jahren ist Egbert Schlotmann Pfarrer auf der Nordseeinsel Wangerooge. Auf dem Vorplatz der Kirche stehen weiße Strandkörbe und im Altarraum finde ich Fischernetze, große Steine und angeschwemmtes Holz. So habe ich mir Kirche im Urlaub tatsächlich vorgestellt. Aber nicht nur was ich sehe, hat mit einer klassischen Kirchengemeinde, wie ich sie kenne, wenig zu tun. Pfarrer auf einer Urlauberinsel zu sein ist ganz anders:

Wir haben jede Woche neue Leute. Ich kenne viele Leute gar nicht. Die kleine Gemeinde, wir sind hier nur 250 Katholiken, die ist natürlich davon geprägt, dass gerade so in der Hochsaison ganz viele Menschen kommen. Jeder Tag ist wirklich ganz anders, weil es wirklich sowas wie Ebbe und Flut gibt. Auch bei den Menschen, die kommen und gehen mit ihren unterschiedlichen Ideen mit ihren unterschiedlichen Wirklichkeiten.

Und es sind Viele, die da kommen und gehen: In den Sommermonaten sind jeden Tag rund 8.000 Gäste auf der Insel bei gerade einmal 1.300 Einwohnern. Wer von ihnen bei den Angeboten der Urlauberseelsorge auftaucht, das weiß Egbert Schlotman im Voraus nie. Wie kann Seelsorge unter diesen Umständen funktionieren, frage ich ihn:

Also ich muss gucken, dass ich Gottesdienste so plane, dass die wirklich ganz frei gestaltet werden, dass wir Angebote machen, die so frei gestaltet sind, dass da auch wirklich Jung und Alt kommen können und Menschen kommen können, von denen wir vielleicht vorher nicht wussten, dass sie da sind.

Und deshalb heißt Kirche auf Wangerooge auch: Flaschenpost basteln für Kinder, Sonnenaufgang fotografieren, Nachtwanderung für Jugendliche. Spaziergang auf dem Seelenpfad durch die Dünen oder Impulse für eine gelingende Partnerschaft. Gottesdienste gibt es natürlich auch. In der Kirche, aber auch regelmäßig am Strand oder an besonderen Orten, wie am kleinen Flughafen oder am Inselbahnhof. Diese Angebotsfülle ist für Egbert Schlotmann alleine nicht zu stemmen. Und das will er auch gar nicht. Kirche sein ist für ihn Teamarbeit. Deshalb ziehen während der Schulferien Ehrenamtliche aus ganz Deutschland ins Bildungshaus der Gemeinde ein und gestalten gemeinsam das Programm. Das Ziel dabei:

Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, in Begegnung, Beziehung zu bringen. Wir haben hier unterschiedliche Generationen, wo wir wirklich noch einmal Kirche im Kleinen stattfinden lassen können. Im Kleinen stattfinden lassen können heißt natürlich auch, es ist nicht nur ein Macher da, es sind viele, viele Engagierte dabei, die ihre Talente, ihre Begabung einbringen.

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Egbert Schlotmann ist katholischer Pfarrer. Um seinen Arbeitsort beneide wahrscheinlich nicht nur ich ihn. Der 58-jährige ist Seelsorger auf der Nordseeinsel Wangerooge. Für die rund 1.300 Insulaner ist er ebenso ansprechbar wie für die jährlich zehntausenden Urlauber. Am Strand genau so wie in der Kirche. Und es sind viele Gespräche, die er übers Jahr mit den Urlaubern führt. Oft über ganz existenzielle Themen.

Urlaubsseelsorge ist einfach die Chance, dass Menschen frei sind, ohne dass die Arbeit hinter ihnen steckt, ohne dass da irgendwie ein Muss dahintersteckt. Sie können wirklich ganz frei hier sein. Und manche kommen gerade auch in der Urlaubszeit mit ihren eigenen Fragen nochmal stärker in Verbindung. Das erlebe ich bei vielen Einzelgesprächen, dass gerade so Fragen, wie Sinn des Lebens, Frage nach, was mache ich aus meinem Leben? Wie gehe ich weiter? All diese Fragen tauchen noch mal verstärkt im Urlaub auf.

Die Insel selbst ist für den Seelsorger bei seiner Arbeit nicht nur traumhafte Kulisse. Für ihn sind manche Orte auf der Insel ein Geschenk, weil sie auf ihre Weise zu spirituellen Orten geworden sind:

Ein Ort ist natürlich der Leuchtturm, mitten auf der Insel, der ja nicht mehr den Sinn hat, den er früher hatte. Er bekommt jetzt den Sinn, dass da Paare sind, die sich ihr Ja-Wort geben, also gleichgeschlechtliche Paare und andere Paare, die sagen, wir wollen unser Ja-Wort hier gegeben. Und ich als Kirche werde manchmal dann darauf angesprochen: „Gibst Du uns hier den Segen?“ Und das mache ich dann gerne auch, dass ich dort den Segen gebe. Und das finde ich etwas ganz Zentrales und das ist für mich ein spiritueller Ort.

An diesem Ort spürt Egbert Schlotmann ganz besonders das Dilemma, in dem seine Kirche sich befindet. Aus Rom kommt nach wie vor ein klares „Nein“ bei Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare oder für Menschen, die ein zweites Mal heiraten. Viele Urlauber sagen ihm auch ganz direkt, dass es für sie schwierig ist mit der Kirche.

Von Vielen weiß ich, dass die daheim derzeit wirklich wenig Kontakt haben, weil Kirche ja auch nicht mehr so unbedingt den guten Ruf hat. Also Kirche ist vielleicht nicht mehr unbedingt das Wort, aber Spiritualität ist weiterhin das Wort. Es wird ganz stark getrennt zwischen Kirche und dem, was der einzelne Mensch an Sehnsüchten hat.  

Und das ist es, wie Kirche in seinen Augen für die Menschen da sein könnte. Auf Wangerooge und anderswo:

„Dem Leben Orientierung und der Sehnsucht Raum geben“ ist ja unser Wort hier von der Gemeinde her seit einigen Jahren und das finde ich ganz entscheidend. Was brauche ich, was benötige ich, um wirklich dieses Leben auch meistern zu können?

 

https://www.st-willehad.de/urlauberseelsorge

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08AUG2021
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Annette Schavan Foto: Laurence Chaperon

… und mit Annette Schavan. Vier Jahre lang hat die Theologin in der Herzkammer der katholischen Welt gelebt; sie war als Botschafterin beim Vatikan in Rom. Mittlerweile ist die Politikerin im Ruhestand und lebt in ihrer Wahlheimat Ulm. Dort treffen wir uns, mit Blick auf den Kirchturm des Ulmer Münsters. Ich möchte mit Annette Schavan darüber sprechen, wie sie die Zukunft der Kirche sieht. Bei so vielen skandalösen Nachrichten aus der katholischen Welt und immer weniger Menschen, die noch Mitglied in der Kirche sind. Sie muss es doch wissen, denke ich. Sie weiß, worauf es ankommt, und sie kennt die Gedanken von Papst Franziskus.

Und Annette Schavan ist tatsächlich zuversichtlich; aber: Von nichts kommt nichts. Sie verlangt eine andere Haltung, Schluss mit der Resignation, anstatt dessen sollen wir neugierig sein auf die Zukunft.

Wir reden vom Christentum wie von einer großen Idee der Vergangenheit, die nun peu à peu sich dem Ende zuneigt. Dem setz ich entgegen: Nein, diese Zeit hat genauso Zeichen der Geistesgegenwart, Zeichen der Gegenwart Gottes. Und das, finde ich, ist eine Grundhaltung, die wir brauchen. Nicht immer zu nörgeln über die Zeit, sondern zu sagen: Diese Welt zeigt uns auch, was unsere Berufung ist, was uns mehr interessieren muss.

 

Was uns zu interessieren hat, liegt eigentlich auf der Hand. Annette Schavan nennt nur zwei Stichworte: Menschenwürde und unser Umgang mit den Ressourcen. Das eigentliche Problem dabei: 

 

Was wir über unsere Werte sagen, passt schon lange nicht mehr zu dem, was wir tun.

 

Und deshalb ist für sie noch ein anderes Stichwort wichtig. Es braucht einen Perspektivwechsel. Das kann zum Beispiel bedeuten, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Genau darauf hat Annette Schavan sich selbst ganz konkret eingelassen. Sie hat in einem Jahr mitgeholfen beim festlichen Weihnachtsessen für Flüchtlinge.

 

Es waren Familien darunter, die erst vor kurzem in Rom angekommen sind. Das war Begegnung an der Peripherie, und sie hat mich tief bewegt. Es ist eine ungewöhnliche Weihnachtserfahrung gewesen und ich habe verstanden, was der Papst meint mit der Kraft der Peripherie. Ja, nicht immer in den Kathedralen, nicht immer in den Zentren, sondern da, wo das verletzte Leben, wo das ausgeschlossene Leben, wo die gefahrvolle Wirklichkeit ist - da bekomme ich ein Gespür für das, was uns bewegen muss, was uns beschäftigen kann.

 

Warum die ehemalige Bundesministerin sich sicher ist, dass Kirche und Theologie für eine ganze Gesellschaft notwendig und bereichernd sind, darüber spreche ich mit ihr im zweiten Teil der Begegnungen.

 

 

Teil 2

 

Annette Schavan ist Politikerin im Ruhestand, aber noch längst keine Theologin im Ruhestand. Während viele vom Niedergang der Kirchen sprechen, ist sie vom Gegenteil überzeugt: Die Kirche hat eine Zukunft!

Es gibt keinen Grund, so eine Tristesse zu verbreiten. So eine Traurigkeit, dass Einfluss verloren gegangen ist. Es ist ein Kairos, ein günstiger Moment für die Theologie. Der Papst hat gesagt, Theologie ist ein kulturelles Laboratorium. Kann also beitragen dazu, kritisch zu befragen: Wo müssen wir neue Wege gehen? Wir haben Erfahrungen, Grenzerfahrungen gemacht. Und wenn jetzt, nach dieser Zeit der Pandemie, es nicht Aufbruch auch in der Christenheit gibt, Aufbruch in den Kirchen gibt - ja wann soll es ihn dann geben?

 

Beim Stichwort Aufbruch denke ich an die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre. Die kenne ich nur vom Hörensagen. Annette Schavan erzählt mir davon. Welche Stellung Theologieprofessoren zu dieser Zeit in der Gesellschaft hatten, das beeindruckt mich:

 

Damals gingen Mediziner, Juristen, auch Politiker zu solchen Professoren und haben ihren Rat gesucht. Haben versucht, ihre Themen mit Ihnen zu besprechen. Und das glaube ich muss wieder so ein Anspruch sein, dass wir uns nicht auf uns zurückziehen und sagen, es ist genug, wenn wir irgendwie zurechtkommen, sondern: gibt es für uns eine Sprache, eine Überzeugungskraft in die Gesellschaft hinein, in die junge Generation hinein.

 

Das heißt, für mich: Kirche lebt dann, wenn Menschen ihr zuhören, weil es sie betrifft.

Das Interessante für die Menschen ist nicht das, was der Kirche fehlt, sondern ob die Kirchen mit ihrem Schatz - und ihr größter Schatz ist die Botschaft, was denn sonst, nicht die Kirchensteuermittel, was sie mit dieser Botschaft will.

 

Aber was genau meint Annette Schavan mit „dieser Botschaft“? Was steckt da drin, dass sie zum Schatz für Menschen werden kann?

 

Ich finde eine der größten Botschaften für die Christen stehen: Der Gott, an den wir glauben, ist Mensch geworden und er leidet mit uns. Er ist ein mit-leidender Gott. Er ist nicht der Gott, der auf Knopfdruck unsere Probleme löst. Aber es ist eine starke Solidarität, eine starke Empathie, ein starkes Mitleiden, das uns zugesagt ist und zu dem Glauben der Christen gehört, dass du nie alleine bist, dass, wie schwierig die Situation auch ist, wie sehr dich Menschen ablehnen, es einen gibt, der immer zu dir steht.

 

Dass ich mich auf diese Botschaft verlassen kann, tut mir gut. Trotzdem denke ich: Diese Zusage darf nicht nur von der Kanzel herunter gepredigt werden, sie muss gelebt werden; sonst bleibt der Schatz verborgen - da bin ich mit Annette Schavan einig.

Die Kirche der Zukunft gibt Menschen die Chance, Erfahrungen zu machen. Nicht Belehrung und Akademisierung oder auf der anderen Seite Banalisierung, auch das gibt es ja längst, sondern Erfahrungen machen, die einen Zugang zu diesem Schatz ermöglichen. Erfahrungen zu machen, was Leben nach der Osterfreude bedeutet.

 

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Annette Schavan „geistesgegenwärtig sein – Anspruch des Christentums“, Patmos

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23JUL2021
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Wann endet eigentlich die Nacht? Und wann beginnt der Tag?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Es ist Tag, wenn es hell wird, wenn die Sonne aufgeht. Und dann ist die Nacht zu ende.

Ich frage mich das, weil ich darüber staune, dass jeder Mensch anders tickt. Jeder hat seinen eigenen Tag-Nacht-Rhythmus. Mein Körper beispielsweise verlangt immer noch nach Schlaf, wenn es längst hell ist. Für meine Freundin hingegen endet die Nacht jeden Morgen kurz vor fünf Uhr – dann wacht sie auf, egal ob im Sommer oder Winter. Das macht eine eindeutige Antwort schwierig. Und noch etwas beschäftigt mich: Jeder hat seine ganz eigene Erfahrung mit der Nacht.

Eine Bekannte erzählt mir zum Beispiel von den Nächten mit ihrem kranken Mann, da kehren sich die Zeiten um. Sie sagt, dass der Übergang von der Nacht in den Tag erst geschafft ist, wenn er einschläft. Solange es dunkel ist, ist ihr Mann unruhig, spricht unentwegt und steht ständig auf. Erst gegen Morgen beginnt für ihn die Nacht.

Die jüdische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs hat die Nacht zum zweiten Tag gemacht. Erst wenn der helle Tag vorbei ist, hat sie begonnen zu schreiben. Erst dann sind jene Bilder aus ihrem Inneren aufgetaucht, die sie brauchte, um zu erzählen. 

Bei Jesu Tod und Auferstehung überlagern und überschneiden sich Tag und Nacht gar: Als Jesus am Kreuz stirbt, verfinstert sich der Himmel, so steht es in der Bibel. Da beginnt die Nacht also mitten am Tag. Genau andersherum erzählen es die Zeilen in einem alten Osterlied: "Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages“. Die Nacht und die Dunkelheit enden mit der Auferstehung.

Das zeigt mir: Tag- und Nachtzeiten lassen sich nicht mit äußeren Merkmalen einfangen.

Eine jüdische Geschichte definiert das Ende der Nacht auf eine ganz andere und sehr schöne Weise: Der Rabbi, also der Lehrer, fragt seine Schüler: „Wie bestimmt man die Stunde, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?“ Die Schüler denken zunächst an das, was sie sehen, an den Unterschied zwischen hell und dunkel. Ihr Lehrer aber hat eine andere Antwort. Der Rabbi sagt: „Es ist dann (Tag), wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blickst und deine Schwester oder deinen Bruder erkennst. Doch bis dahin ist die Nacht noch bei uns.“

Diese Erklärung gefällt mir sehr gut. Denn sie macht deutlich: Das natürliche Licht ist nicht entscheidend. Sondern es ist das Licht der Nächstenliebe, das unsere Nacht erhellt und sie beenden kann.

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22JUL2021
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Maria Magdalena. Sie ist die Erste, der Jesus nach seinem Tod begegnet ist. Sie hat die Botschaft in Umlauf gebracht: Jesus ist auferstanden, er lebt! Heute ist der Namenstag von Maria Magdalena.

Was mich an der Erzählung über die Begegnung der beiden am Ostermorgen am meisten fasziniert: Maria Magdalena erkennt Jesus an seiner Stimme. Sie erkennt ihn nicht, als sie ihn sieht. Erst, als er sie anspricht. Als er sie beim Namen ruft. Maria Magdalena ist in jenem Augenblick wie vom Blitz getroffen als sie versteht: „Er meint tatsächlich mich!“ Das hat sie gespürt. So wie sie es immer gespürt hat, wenn Jesus mit ihr gesprochen hat.

So wie es alle gespürt haben, denen er begegnet ist. Kinder, Männer, Frauen.

Das ist eine Spezialität von Jesus. Genau den Menschen zu meinen, dem er jetzt, in diesem Moment gegenübersteht. Das wird deutlich an der Art und Weise, wie Jesus auf Menschen zugeht. Er fragt sie: „Was soll ich Dir tun?“ Er will etwas erfahren darüber, wie es ihnen geht, über ihre Lebenssituation. Er hört ihnen zu, wenn sie Antwort geben. Er blickt sie an. Und er signalisiert ihnen: Du, mit genau dieser einzigartigen Lebensgeschichte, Dich sehe ich und so nehme ich Dich.

Maria Magdalena war für Jesus eine Gefährtin auf Augenhöhe. Das war etwas Besonderes in dieser von Männern beherrschten Zeit; denn damals hatten Frauen und Kinder nichts zu sagen. Mit Maria Magdalena wurde eine Frau Zeugin dafür, dass Jesus auferstanden ist. Und das in einer Gesellschaft, die das Zeugnis von Frauen nicht ernst genommen hat. Das ist für mich kein Zufall. Sondern Jesus hat ganz bewusst vorgelebt, dass es in Gottes Reich auf der Erde gleichberechtigt zwischen Frauen und Männern zugehen muss. Schon jetzt.

Umso unglaublicher finde ich deshalb, was Kirchenmänner in den folgenden Jahrhunderten aus Maria Magdalena gemacht haben: Es hat ihnen nicht gepasst, dass es eine Frau auf Augenhöhe mit Jesus gab. Weil sie damit ein Störfaktor im System der Männer war. Deshalb hat man ihr ein „Schmuddel-Image“ verpasst. Sie wurde zur Prostituierten gemacht, zur erotisch angehauchten Sünderin. Heute ist längst nachgewiesen, dass das so nicht stimmt. Mehr noch: Papst Franziskus hat die Rolle Maria Magdalenas erkannt und gestärkt: Er hat sie vor fünf Jahren zur „Apostelin der Apostel“ gemacht und hat ihren Namenstag zum Festtag erhoben.

Das ist doch ein wunderbarer Beginn des Christentums! Maria Magdalena und Jesus. Gemeinsam unterwegs, Seite an Seite. Sie haben sich sehr geschätzt und fühlten sich einander tief verbunden. Sie kümmerten sich umeinander und blieben sich nahe, bis zum Tod. Und darüber hinaus. Der Anfang des Christentums könnte uns keine bessere Perspektive eröffnen!

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21JUL2021
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Nur noch wenige Tage, dann sitze ich im Zug. Dann beginnt für mich ein besonderer Sommer. Ich werde auf der Nordsee-Insel Wangerooge arbeiten. Dort werde ich jeden Tag um 7.00 Uhr aufstehen. Eigentlich gar nicht meine Zeit im Urlaub. Und trotzdem freue ich mich sehr auf diese Wochen: weil ich mit Gott im Urlaub bin. So würde ich meinen Einsatz auf der Insel beschreiben. In einem Team aus ganz Deutschland und zusammen mit dem Inselpfarrer kümmern wir uns um Einheimische und Touristen. Wir machen Urlauberseelsorge.

Mir gefällt diese Art von Kirche. Eine Gemeinschaft auf Zeit zu sein, die anderen etwas Gutes tut. In diesen vierzehn Tagen, ohne Plan für die Zukunft.

Ich habe das vor vielen Jahren als junge Erwachsene erlebt. Als ich Kinder und Jugendliche in den Sommer-Zeltlagern unserer Kirchengemeinde betreut habe. Die meisten hatte ich noch nie in unserer Gemeinde getroffen. Das spielte aber überhaupt keine Rolle. Wichtig war die Begegnung in dieser einen Woche im Jahr. Wir haben zusammen gegessen und am Lagerfeuer gesungen, wir haben Hochwasser und Gewitter überstanden, wir haben gebetet und Lagergottesdienst unter freiem Himmel gefeiert. Wir waren wie eine große Familie, die für ein paar Tage gemeinsam unterwegs war – ohne zu wissen, was daraus wird und ob wir uns je wiedersehen.

Die französische Mystikerin Madeleine Delbrêl hat das einmal in ganz wunderbaren Worten beschrieben: „Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen, ohne Erwartung von Müdigkeit, ohne Plan von Gott, ohne Bescheid zu wissen über ihn, ohne Enthusiasmus, ohne Bibliothek – Brecht auf ohne Landkarte – und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist, und nicht erst am Ziel.“

Auch ich habe noch keinen genauen Plan. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Ich weiß nur: Ich bin einfach erst einmal da. So wie ich bin, mit den Talenten, die ich habe. Ich werde mich anbieten als Begleiterin beim Strandspaziergang zum Sonnenaufgang. Ich werde mich an den Tisch in der Teestube setzen. Ich werde Block und Stift auspacken und einladen, gemeinsam Gedanken aufzuschreiben.

Das ist nicht nur in dieser Corona-Zeit wichtig. Ich glaube, dass das ein Schlüssel für unsere Kirche sein wird: eine offene Tür zu haben, gerne mit anderen unterwegs zu sein, Fremde anzusprechen und ihre Geschichte zu hören. Einfach gastfreundlich zu sein – egal ob auf der Straße oder am Strand.

Ich freue mich, wenn ich in diesem Sommer in den Fußspuren Jesu gehen darf. Und ich bin neugierig: auf Begegnungen mit Menschen, die ich nicht kenne. Auf die Schöpfung und die Kräfte von Wasser und Wind. Ohne Absicht und ohne Ziel. Aber doch mit der Ahnung, dass Gott im Gepäck mit dabei ist.

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20JUL2021
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Es ist Anfang Mai 1945, Kriegsende in Deutschland. Auch in einem kleinen Dorf in Bayern. Am Straßenrand steht ein Bub, noch keine fünf Jahre alt. Er winkt den Menschen zu, die aus vorbei rollenden Panzern ihre Köpfe herausstrecken. Es sind amerikanische Soldaten. Und damit ist für die 300 Einwohner klar: Es ist tatsächlich Frieden. Plötzlich reißt der kleine Junge vor Staunen den Mund auf: Aus einigen Panzern winken ihm schwarze Menschen zurück, mit schwarzer Haut und schwarzen Haaren. Sie lachen, er sieht ihre weißen Zähne – und sie werfen ihm Kaugummis zu. Beides hat er in seinem Leben noch nicht gesehen: einen Menschen mit dunkler Hautfarbe und einen Kaugummi.

Der Bub von damals ist heute fast 80 Jahre alt und ist mein Vater. Er hat uns diese Geschichte immer und immer wieder erzählt. Und jedes Mal haben wir es in seiner Stimme gehört, wie fasziniert er von dieser Begegnung war. Das hat ihn geprägt. Und es hat uns Kinder geprägt. Wir sind aufgewachsen mit einer Faszination für das Neue und Fremde; und für Menschen, die nicht, wie wir, weiß waren.

In späteren Jahren haben mein Vater und ich oft zusammen Sport im Fernsehen angeschaut. Ich erinnere mich noch gut an dunkelhäutige Sprinter aus den USA oder Jamaika bei der Olympiade. Wenn sie mit ihrer ganz besonderen Eleganz durch das Stadion gelaufen sind, hat mein Vater nur gesagt: Black is beautiful. Schwarz ist schön.

Diese Woche beginnen in Tokio die olympischen Spiele. Ich werde mit meinen Kindern sicher viele Stunden vor dem Fernseher verbringen und mitfiebern und staunen. Wie stark manche Athleten sind, zum Beispiel beim Kugelstoßen. Oder wie anmutig manche Turnerinnen auf dem Schwebebalken unterwegs sind. Ich muss dabei nichts mehr kommentieren oder einordnen; für meine Kinder ist es heute selbstverständlich und normal, Mädchen und Jungs mit dunkler Hautfarbe im Freundeskreis zu haben. Es ist sogar mehr als das: Mein Sohn hat zu Beginn seiner Schulzeit einen Jungen kennengelernt; dessen Eltern stammen aus Sri Lanka und alle haben dunkelbraune Haut und schwarze Haare. Eines Mittags kam mein damals Siebenjähriger nach Hause und hat etwas sehr Schönes gesagt; und ich habe nochmals dieselbe Faszination wie bei meinem Vater gespürt: „Mama, ich habe meinen ersten schwarzen Freund“. Wie stolz er da war.

Das wünsche ich allen Eltern und Großeltern. Dass ihre Kinder und Enkel offen sind und fasziniert bleiben für unterschiedliche Begegnungen. Es liegt in ihrer Hand, das Fundament dafür zu legen.

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19JUL2021
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Menschen, die sich mit der Zukunft beschäftigen, die faszinieren mich: Ein Architekt will Häuserfassaden in einem ganzen Stadtviertel bepflanzen, weil es dem Klima hilft. Leute planen ein altes Industriegebäude so umzubauen, dass sie darin gemeinsam gut alt werden können. Ich bin begeistert, wenn ich höre, dass Ärzte mit Hilfe von neuer Technik Krankheiten schneller und sicherer erkennen können.

Diese Zukunftsgeschichten tun mir gut. Sie motivieren mich, das Leben um mich herum mitzugestalten. Ich glaube, dass wir mehr Visionen oder zumindest Perspektiven brauchen, nicht nur für eine Zeit nach Corona. Jeder für sich, aber auch wir als ganze Gesellschaft. Weil Visionen der Anfang von allem sind, ein Anfang, um etwas zu verändern. Und weil Visionen Gemeinschaft stiften.

Denn die Idee davon, dass tatsächlich etwas Neues möglich ist, setzt Energie frei. Zwei Beispiele gefallen mir gerade besonders: Fridays for future – die Klima-Bewegung der jungen Generation. Das Bild einer Erde vor Augen, die keinen Hunger kennt und deren Eisberge nicht schmelzen. Das hat Hunderttausende auf der ganzen Welt aufgerüttelt. Diese Vision hat die einen dazu gebracht, zu protestieren und die anderen, darüber nachzudenken, wie jeder selbst nachhaltig leben kann. Auch die katholische Reformbewegung Maria 2.0 ist ein solches Beispiel: Die gemeinsame Vision einer Kirche, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, gibt vielen Menschen, vor allem Frauen, Energie und Hoffnung. Sie haben mit Protesten und Aktionen erreicht, dass Priester und Bischöfe sich mittlerweile mit dem Thema intensiv auseinandersetzen. 

Die Bibel weiß, wie entscheidend eine gemeinsame Vision ist; deswegen ist sie voll von Hoffnungsbildern. In der Geschichte des Volkes Israel hat eines einen besonderen Platz: Nur mit der Kraft der Vision ist den Israeliten damals der Weg fort aus der Sklaverei in Ägypten gelungen. Mose hatte ihnen vom gelobten Land erzählt, in dem Milch und Honig fließen. Mit diesen Bildern im Kopf haben sie fast Unmenschliches geschafft; sie sind 40 Jahre unterwegs gewesen.

Auch in der Gegenwart liegt eine Chance. Und deshalb ist es jetzt gut zu fragen: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wie sieht eine Kirche der Zukunft aus? Wovon träumen wir? Damit das wahr werden kann, was der ehemalige brasilianische Erzbischof, Dom Helder Camara, einst gesagt hat. Er hat in den 60er und 70er Jahren für Menschenrechte und gegen die Armut in Brasilien gekämpft. Und wusste darum, dass es ein gutes Bild von der Zukunft braucht, damit viele sich anstecken lassen und anpacken: „Wenn einer alleine träumt, bleibt es ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, dann ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“

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28MAI2021
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Jeder von uns hat einen genetischen Zwilling. Irgendwo auf der Welt. Aber die Chance, ihn zu finden, die liegt bei etwa eins zu einer Million; das ist quasi ein 6er im Lotto. Genetischer Zwilling meint vereinfacht: Wir haben so viele übereinstimmende Gewebemerkmale, dass sie einander umarmen würden, wenn sich unsere Zellen treffen. Zellen von nicht-genetischen Zwillingen bekämpfen sich. Heute, am 28. Mai, ist „Welt-Blutkrebs-Tag“. Dieser Tag erinnert daran, dass es jedes Jahr für tausende Kinder und Erwachsene überlebenswichtig ist, ihren genetischen Zwilling zu finden. Zum Beispiel, weil sie an Leukämie erkrankt sind. Denn dann helfen meist nur neue und gesunde Stammzellen, die vom genetischen Zwilling gespendet werden. Nur ein kleiner Teil findet nämlich den passenden Spender in der eigenen Familie.

Ich finde das großartig. Irgendwo auf der Welt gibt es jemanden, mit dem ich so viel gemeinsam habe, dass ich ihm das Leben retten könnte.

So ging’s wahrscheinlich auch Matthias. Vor 15 Jahren hatte er sich typisieren lassen und stand von da an auf einer Liste als möglicher Spender. Zwei Jahre später kam tatsächlich der Anruf: Seine Stammzellen passten zu 99,9 % auf einen kranken jungen Mann in den USA. Letztes Jahr habe ich von dieser Geschichte in unserer Lokalzeitung gelesen – und Gänsehaut bekommen. Elf Jahre nach der Stammzell-Spende haben sich die beiden Männer zum ersten Mal getroffen, Matthias hat Craig in den USA besucht. Die Begegnung muss berührend gewesen sein. Die beiden Männer und deren Ehefrauen hatten das Gefühl, sie würden sich schon immer kennen. Wenn man dazu das Foto der beiden Männer betrachtet, kann man kaum glauben, dass die beiden nicht verwandt sind: Sie sind fast gleich alt, haben denselben Haarschnitt, tragen beide eine Brille und haben anscheinend sogar dieselbe Jacke, nur in einer anderen Farbe. Die Zwillingshaftigkeit bei Matthias und Craig ist nicht nur auf die Gene beschränkt.

Die Tatsache, dass immer wieder Menschen auf der ganzen Welt ihren genetischen Zwilling finden, das zeigt doch: Wir sind im Grunde genommen miteinander verwandt. Über Länder und Kontinente hinweg, auch wenn es keine gemeinsamen Wurzeln gibt, die man nachweisen kann.

Die Chance, als genetischer Zwilling gefragt zu sein, ist verschwindend gering; ich habe mich trotzdem in diesem Jahr selbst in der Datenbank für Stammzellspenden registrieren lassen. Das ist kein großer Aufwand, man macht einfach mit einem Wattestäbchen eine Speichelprobe und schickt sie ein. Diese Chance, für jemand anderen womöglich ein 6er im Lotto sein zu können, die sollte sich niemand entgehen lassen.

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27MAI2021
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Ich war nur ab und zu in einer Kirche in den letzten 12 Monaten. Aber wenn ich dort war, dann ist mir jedes Mal dasselbe passiert: Ich bin zum Weihwasserbecken gegangen, wollte meine Finger eintauchen und mich bekreuzigen. Doch es war leer. Klar, wegen der Pandemie darf ja gar kein Wasser im Becken sein. Ich bin selbst überrascht gewesen, dass dieses Ritual so präsent geblieben ist.

Das Weihwasser in der Kirche ist ein Erinnerungszeichen. Und zwar an die Taufe. Wer getauft wird, der ist mit diesem Wasser für das ewige Leben bestimmt. Daran soll uns das Weihwasser erinnern. In der Kirche, zuhause, an unseren Gräbern.

Für mich hat das fehlende Weihwasser noch eine andere Erinnerung geweckt: Die an meine Großtante. Sie wurde 99 Jahre alt und hat ihre letzten Lebensjahre bei uns im Haus verbracht. Für sie war das Weihwasser sehr wichtig. Sie hatte einen eigenen kleinen Weihwasserkessel und schaute, dass das Wasser nie ausging. Wenn wir bei ihr unten in der Wohnung gewesen sind, dann gab es für uns immer ein kleines Kreuzzeichen auf die Stirn. Von einer Reise in den Wallfahrtsort Lourdes in Frankreich habe ich ihr einmal Weihwasser mitgebracht. Für mich war es einfach klares Wasser, das ich in meine Trinkflaschen gefüllt habe. Aber für meine Tante war dieses Wasser ein kostbarer Schatz.

Bei ihr habe ich immer gespürt: Weihwasser ist für sie dieses Tauferinnerungszeichen. Sie glaubte an das ewige Leben, auf das sie getauft wurde. Sie hatte nie Angst vor dem Tod. Mir scheint es heute so, als ob die Taufe, als ob dieses Vorzeichen, sie tatsächlich durch ihre beinahe hundert Lebensjahre getragen hat: Durch das Kaiserreich, durch zwei Weltkriege, durch Flucht und Vertreibung, durch Krankheit und Hungerszeiten. Weil sie immer das gute Ende vor Augen hatte.

Es muss nicht das Weihwasser sein. Aber wir brauchen Zeichen und Rituale; um uns festzuhalten und um uns zu erinnern. Das kann der tägliche Gute-Nacht-Kuss der Partner sein um zu zeigen: auch wenn wir heute keinen guten Tag hatten – wir bleiben einander verbunden. Oder das Frühstücksritual, das ich und meine Kinder während der Pandemie im Homeschooling neu entwickelt haben: Immer um 9.20 Uhr, normalerweise die Zeit der großen Pause, treffen wir uns in der Küche. Und unausgesprochen stärkt das unsere kleine Gemeinschaft in dieser besonderen Zeit.

Der Benediktinerpater Anselm Grün hat für solche Zeichenhandlungen eine Beschreibung gefunden, die mir gut gefällt: „Rituale sind Erinnerungszeichen. Sie bringen das, was ich vom Kopf her weiß, in mein Herz und in mein Inneres.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33219
26MAI2021
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Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.[1] So steht es im Buch Kohelet der Bibel. Aber: Ist das tatsächlich so? In der Corona-Zeit kommt es mir vor, als ob es nur für einen Teil dieser Lebenslagen wirklich Zeit gibt.

Mein Sohn hat gerade sein Abitur geschrieben. Das intensive Lernen hatte seine Zeit - das Feiern mit Freunden nicht. Ein 95-jähriger Mann hat seine gleichaltrige Frau durch Corona verloren. Er konnte nicht bei ihr sein: Der gemeinsame Weg hatte seine Zeit – das Abschiednehmen nicht. Das Busunternehmen im Nachbarort musste nach fast 100 Jahren Insolvenz anmelden: Das Arbeiten hatte seine Zeit – das Ernten des Lohnes nicht.

Wenn ich all diese Situationen einzeln betrachte, scheint mir: Durch die Pandemie ist unser Leben ins Ungleichgewicht geraten. Viele erleben momentan vor allem eine Zeit zu verzichten, eine Zeit auszuhalten, eine Zeit loszulassen. Wenn ich aber einen Schritt zurücktrete und aus der Vogelperspektive auf die Pandemie schaue - dann kann ich diese Bibelstelle auch anders lesen und verstehen; in einem größeren Zusammenhang. Dann erkenne ich: Die Zeit der Pandemie ist keine Ausnahme-Zeit. Es gab immer wieder Zeiten, in denen die Menschen geplagt waren und furchtbar gelitten haben. Und andere, in denen Menschen friedlich und ohne Not zusammengelebt haben. Das lehrt mich zu verstehen: Beide Zustände gehören zu einer guten Ordnung der Welt.

Dabei ist es nicht nur der schlichte Wechsel, der die Balance ausmacht. Die vermeintlichen Gegensätze ergänzen sich – und mehr noch: Das eine entsteht in seiner ganzen Fülle oft erst aus dem anderen. Deshalb ist es gut, wenn wir beides tun: Wir klagen über eine momentan schmerzhafte Situation und wehren uns zurecht gegen manche Zustände. Und gleichzeitig können wir an einer Zeit der Hoffnung mitarbeiten: In dem wir diejenigen unterstützen, die die Balance im eigenen Leben gerade nur schwer finden. Meinen Sohn kann ich stärken, indem wir über seine Lebensziele und Träume reden. Dem 95-jährigen steht gerade ein Nachbar zur Seite; der fährt ihn regelmäßig zum Friedhof und hört zu, wenn er von seinem Schmerz erzählt. Der Busunternehmer hat mit seiner Familie an Ideen getüftelt, um neue berufliche Wege einzuschlagen.

Das Leben kommt erst dort ins Gleichgewicht, wo alles seine Zeit hat. Manchmal passiert das nicht innerhalb eines Jahres. Sondern erst im Laufe eines ganzen Lebens.

 

[1] vgl. Kohelet 3

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33218