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13AUG2021
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Vor Kurzem habe ich in unserer Zeitung einen Artikel über eine junge Frau gelesen, der mich nachdenklich werden ließ. Die Frau hat berichtet, dass sie sich nach der Frühgeburt ihres Kindes sehr allein gefühlt hat. Kaum jemand hätte sich bei ihr gemeldet. Ihre Freunde, ja selbst ihre Familie wusste nicht so recht mit der Situation umzugehen. Gratuliert man? Aber was ist, wenn das Kind nicht durchkommen sollte? Welche Reaktion ist die richtige?

Wie geht man überhaupt damit um, wenn das Leben eines lieben Menschen in Gefahr gerät? Wenn ein vertrauter Mensch, ein Familienmitglied oder eine Kollegin eine Krebsdiagnose erhalten hat? Mit einem aufmunterndem: „Wird schon wieder!“? Wir wissen doch, dass es leider nicht immer wird. Und dann passiert etwas, was ich schade finde: Wir sagen vorsichtshalber gar nichts. Klar, wir denken an den betroffenen Klassenkameraden, die Nachbarin oder den Kollegen, machen uns Sorgen. Wir sprechen darüber am Gartenzaun oder in der Pause, sogar ganz intensiv, aber uns fehlen die Worte und manchmal auch der Mut für einen kurzen Besuch, einen Anruf oder eine Karte. Dabei ist das so wohltuend für beide Seiten.

Wenn Sie in so eine Lage geraten, dann möchte ich  Ihnen Mut machen: Wagen Sie es einfach! Ich bin mir aus meiner Erfahrung als Seelsorgerin gewiss, dass der Betroffene und auch seine Angehörigen sich freuen werden. Ein kleines Zeichen des Mitgefühls, ein Blumengruß, eine Aufmunterung, ein Signal, das sagt: „Ich denke an dich.“  Und wenn es einfach eine Postkarte ist, auf die man diese vier Worte schreibt.  Ich schreibe dann noch dazu „und bete für dich!“ Manchmal setzte ich mich darum auch ganz bewusst in unsere Kirche und zünde eine Kerze an, ich nehme mir Zeit für die Menschen, an die ich denke und vertraue sie Gott an: Die, die erkrankt sind, die, die eine große Sorge mit sich tragen und auch die Menschen aus ihrer Umgebung, die mit ihnen zusammen auf dem Weg sind. Denn für diese ist die Situation auch nicht leicht und sie sind oft nicht mit im Blick.  Und für alle, die so sehr auf einen Gruß von jemanden warten: Ich bin mir sicher, es denkt jemand an Sie.

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12AUG2021
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Heute Nacht ist die Sternschnuppennacht des Jahres. Jedes Jahr um den 12. August herum ist das so. Sollte der Himmel nachher bei Ihnen klar sein, dann ist  die Chance ausgesprochen groß, dass Sie eine Sternschnuppe oder auch gleich mehrere entdecken. Lassen Sie sich das nicht entgehen, ganz besonders für Kinder ist es ein Erlebnis!

Unsere Familie hat sich in den vergangenen Jahren  einfach mitten in der Natur mit warmer Kleidung auf eine Decke gelegt. Ein Liegestuhl hat sich auch schon bewährt. Unsere Augen haben ein wenig gebraucht bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt haben und dann haben wir gestaunt – zunächst auch, ohne eine einzige Sternschnuppe zu entdecken. Ein klarer Sommersternenhimmel ist einfach wunderschön. Und je länger man draußen ist, umso mehr Sterne sieht man. Wenn man Glück hat, sogar die Milchstraße. 

Schon die Menschen in der Bibel haben über den Sternenhimmel gestaunt. Bei Propheten Jesaja heißt es: „Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat. Seht ihr dort das Heer der Sterne? Gott lässt sie aufmarschieren in voller Zahl. Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei.“ (Jes 40, 26 ff) Jesaja staunt über Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Auch wenn wir heute die Entstehung der Erde naturwissenschaftlich herleiten können, möchte ich mir und meinen Kindern dieses Staunen über die Schöpfung bewahren. Denn die ganze Schöpfung ist mehr als die Summe von allem, was wir erklären und berechnen können.  Und auch, wenn wir heute eine Menge verstehen, haben wir das Ganze damit noch lange nicht in der Hand. Darum habe ich enormen Respekt und Achtung vor Gottes Schöpfung: Vor dem Sternenhimmel, der Weite des Meeres, der Schönheit der Pflanzen, ja, vor jedem Tier und Menschenkind. Wir alle sind gehalten in Gottes Hand. „Boar!“ haben unsere Kinder gerufen, als sie in den vergangenen Jahren die ersten Sternschnuppen gesehen haben und kriegten sich gar nicht mehr ein. „Das ist ja so, als ob Gott uns einen Gruß schickt!“ Ja, warum nicht? Vielleicht grüßt er ja auch Sie und uns heute Nacht.

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11AUG2021
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„Hast du gut geschlafen?“ – vielleicht fragt Sie das morgens manchmal auch ein lieber Mensch. „Ja, gut!“ – lautet zumindest die erwartete  Standardantwort. Wer sagt schon: „Oh, heute richtig mies, ich lag die ganze Nacht wach!“ Ich habe für mich festgestellt, dass ich vor allem dann schlecht geschlafen und nachts wach gelegen habe, wenn ich meine Sorgen vom Tag nicht vor dem Zubettgehen richtig sortiert und abgelegt habe. 

Mir tut es darum gut, wenn ich den Fragen, Problemen und Sorgen tagsüber schon bewusst Aufmerksamkeit schenke, anstatt sie unbewusst mit durch den Tag – und dann auch noch durch die Nacht – zu schleppen. Sorgen und Probleme gehören nun einmal zum Leben dazu und werden nicht weniger, wenn ich sie verdränge oder zur Seite schiebe. Darum frage ich gerne, bevor ich das Büro verlasse: „Ist noch etwas offen geblieben, was zu klären ist?“ Und wenn noch etwas offen ist, dann wird es entweder schnell geklärt oder wird auf einem Zettel notiert und dann, wenn es dran ist, sorgfältig betrachtet.

Auch in der Familie machen wir das so. Am Abendbrottisch reden wir gern darüber, was uns der Tag an großen und kleinen Dingen gebracht hat. Da gab es einen Streit in der Schule, da ging es am Nachmittag mit den Freunden wild her. So kann jeder einmal seine Luft ablassen – und manchmal lachen wir bei näherer Betrachtung auch darüber, was war. Da wurde aus einer Mücke ein Elefant, den wir gemeinsam wieder zu einer Mücke machen konnten. Und manchmal gehe ich den Tag auch ganz bewusst mit mir alleine noch einmal durch, weil ich meine Familie auch nicht unnötig belasten möchte.

Dabei werfe ich manche Dinge auch Gott vor die Füße. Vielleicht kann er ja einmal einen Blick darauf werfen, wo etwas für mich festgefahren scheint. Im Grunde folge ich damit sogar einer Einladung der Bibel. Dort steht nämlich: „Werft all eure Sorge auf Gott, denn er kümmert sich um euch.“ (1. Petr. 5,7) Oder ich spreche mit Gott und rufe ihm zu: „Hör‘ mal. Das ist jetzt einfach eine Nummer zu groß für mich. Aber Dir, Dir traue ich zu, dass du da etwas bewegen kannst.“  Und mit diesem Gefühl schläft es sich gleich ganz anders - und ich bin gespannt, was für Perspektiven mir der neue Tag auf das, was so groß und unlösbar schien, dann schenken wird. 

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10AUG2021
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„Zeit für Ruhe, Zeit für Stille. Atem holen, die Stille hören“ mit diesem kleinen Liedruf habe ich in den vergangenen Jahren gerne meinen Religionsunterricht begonnen. Denn wenn ich in das Klassenzimmer gekommen bin,  hat da meistens noch ordentlich Trubel geherrscht: Die Jungen und Mädchen sind im Zimmer herumgelaufen, der eine trinkt noch schnell etwas,  die andere malt versonnen in ihrem Heft herum. Warum sollte es heute anders sein als früher?  „Zeit für Ruhe. Zeit für Stille. Atem hol‘n, die Stille hören.“ Nach ein paar Unterrichtsstunden waren selbst die größten Chaoten dabei und haben mitgesungen. Und dann folgte die Stille. Zu Anfang ein paar Sekunden, mehr nicht, eine kleine Zäsur im Schulalltag – und es war sofort klar: Jetzt geht es um etwas anderes als um Mathe oder Deutsch, um etwas, was vielleicht in der Stille zu finden ist, nämlich um Gott.

„Sei stille in dem Herrn und warte auf ihn“ heißt es darum auch in der Bibel. Ein Wort, das mir gefällt. Mitten im Trubel einfach einmal still zu werden. Alles andere stehen zu lassen und  Gott im eigenen Leben Raum zu geben. Zu warten, dass er kommt. Manchmal tue ich das ganz bewusst im größten Chaos. Dann, wenn sich alles um mich herum zu drehen scheint. Wenn der Anruf kommt, dass noch ein Kollege krank geworden ist. Wenn eins meiner Kinder am Mittagstisch mitteilt, dass es Morgen  einen Kuchen mit zur Schule bringen soll –  und sich dazu neben dem Telefon  eine Liste mit den Bitten um Rückruf von fünf Menschen findet…. Wie soll das alles nur gehen? Wie werde ich nur dem allem  gerecht? Eines ist gewiss: Bestimmt nicht, wenn ich dann zu rotieren anfange.

Hin und wieder ist das, was das Leben mir an Aufgaben zuträgt, auf den ersten Blick einfach eine Nummer zu groß. Aber ich bin nicht allein auf dieser Welt. Und darum die Pause - genau dann, wenn das Chaos am größten scheint und alle auf eine Antwort warten. Die Pause muss gar nicht lange sein. Ich bin „stille in dem Herrn “ und spüre: Ich bin nicht allein. Da ist Gott und da gibt es Arbeitskolleginnen, die einspringen können - und es gibt Backmischungen. Und schon sortieren sich die Dinge und es findet sich alles Stück für Stück. „Zeit für Ruhe, Zeit für Stille. Atem holen, die Stille hören“ – vielleicht ist das auch etwas für Sie. Meine Schülerinnen und Schüler haben es geliebt. Angefangen haben wir mit ein paar Sekunden Stille. Am Ende des Schuljahres kamen wir auf 3 Minuten.

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09AUG2021
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Vor 76 Jahren wurde eine Atombombe über der japanischen Stadt Hiroschima abgeworfen. Vielleicht haben Sie am Wochenende davon gehört. Jahr für Jahr findet dort nun eine Gedenkzeremonie statt. Überlebende, die damals kleine Kinder gewesen sind, nehmen noch heute daran teil. Das bewegt mich ungeheuerlich. Wussten Sie, dass drei Tage später, also heute vor 76 Jahren, eine weitere Atombombe über der Stadt Nagasaki abgeworfen wurde? Schon als Schülerin habe ich mich gefragt, wieso noch eine zweite Stadt zerstört werden musste. Durch Luftaufnahmen war doch klar, dass Hiroschima beinah komplett zerstört gewesen ist und dabei enorm viele Menschen sofort gestorben sind. Die Geschichtsschreibung gibt als Antwort: Der japanische Kaiser hatte nach dem ersten Abwurf nicht sofort kapituliert, darum folgte ein zweiter Abwurf. Die eine Seite wollte nicht nachgeben, die andere eine förmliche Aufgabe erzwingen. Es ging allein um Macht.

10 Jahre nach dem Atombombenabwurf wurde in Nagasaki ein Friedenspark errichtet. Der ganze Park ist darauf ausgerichtet, dieses schreckliche Ereignis zu bewältigen. Im Park stehen eine buddhistische Statue, eine katholische Kathedrale und ein Atombomben-Museum. Außerdem gibt es in dem Park eine Sammlung von Skulpturen, die aus der ganzen Welt stammen. Sie alle sind ein Zeichen dafür, dass solch eine menschengemachte Katastrophe nie wieder geschehen darf. Weder in Nagasaki noch an einem anderen Ort dieser Welt. Nichts rechtfertigt den Einsatz einer so schrecklichen und zerstörerischen Waffe.

Ein Leben in Frieden ist etwas unendlich Kostbares, finde ich. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Es ist ein Geschenk, dass wir in unserem Land in Frieden leben und es liegt an einem jeden von uns, dass es weiter so bleibt. „Suche Frieden und jage ihm nach!“ heißt es in einem Psalmwort. (Ps. 34,15) „Dem Frieden nachzujagen“ gefällt mir. Ihn nicht als selbstverständlich anzusehen. Dazu möchte ich meinen Teil beitragen: Zu Hause, in der Familie, in meiner Umgebung, in unserem Miteinander vor Ort. Denn bei aller unterschiedlichen Sicht auf die Welt – bei aller Meinungsverschiedenheit und Streit, schulden wir der kommenden Generation, dass wir unsere Schöpfung vor hausgemachten Katastrophen bewahren und uns für ein Miteinander aller Menschen einsetzen. 

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21MAI2021
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Das lange Pfingstwochenende steht vor der Tür und ich freue mich darauf. Mit Pfingsten ist das ja so eine Sache, denn viele können mit diesem Fest gar nichts anfangen. Dabei ist es ein christliches Hauptfest, das uns in unserem Land sogar noch einen freien Tag dazu beschert. Darum lohnt sich zum Einstieg in dieses Wochenende vielleicht ein Blick auf dieses Fest: An Pfingsten feien wir in unseren Kirchen den Heiligen Geist. Dieser „Heilige Geist“ ist schwer zu fassen und zu beschreiben. Für mich ist er so etwas wie die Wirkkraft Gottes im Hier und Jetzt. Aber woran merke ich eigentlich, dass Gottes Geist wirkt? Eine schwierige Frage. Ich glaube inzwischen, dass ich manchmal einfach langsamer als Gott bin und erst im Rückblick erkenne, an welchen Stellen er mir seinen Geist geschickt hat: Da gab es zum Beispiel Momente in meinem Leben, da war ich mit meinen Kräften einfach am Ende und wusste nicht recht weiter. Genau da habe ich, wenn ich zurückblicke, Unterstützung von Menschen erhalten, die ich bis dahin gar nicht selber im Blick gehabt habe. Menschen, die mir offensichtlich der Himmel geschickt hat.

Auch haben sich für mich beruflich wie privat immer wieder einmal neue, unerwartete Türen aufgetan. Wenn ich darüber nachdenke und mir das so vor Augen halte, erkenne ich Gottes Spuren in meinem Leben.

Aus dieser Erfahrung heraus suche ich inzwischen auch ganz bewusst einmal Gottes Nähe, um seinen frischen Geist durch meine festgefahrenen Gedanken wehen zu lassen. Ich finde, das tut mir gut. Dazu suche ich mir dann einen schönen Ort. Das kann eine Kirche sein, aber auch ein schöner Platz draußen in Gottes Schöpfung. Ich lasse meine Gedanken treiben, lasse einfach ein wenig los von dem, was mich gefangen genommen hat. Auf eigene Weise kommt mir Gott dabei manchmal nahe. Vielleicht mögen Sie sich an diesem langen Wochenende auch einmal auf die Suche nach Gottes Geist begeben oder Sie lassen sich einfach von ihm finden.  Viel Freude dabei – und ein gesegnetes Pfingstfest!

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20MAI2021
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Ich singe ausgesprochen gerne. Und wenn mir eines in den vergangenen Monaten gefehlt hat, dann das Singen im Gottesdienst. Wenn alle gemeinsam ihre Stimme in der Kirche erklingen lassen, spüre ich nämlich so etwas wie die Grundstimmung der Besucher – ohne dass es weiterer Worte bedarf.

Sie kennen das vielleicht: Wenn der Frühling mit aller Macht in die Lande zieht, die Sonne schon auf dem Weg zur Kirche strahlt, na, dann hat man dies dem Lied  „Geh aus mein Herz und suche Freud“ auch angehört. Das Herz der Sängerinnen und Sänger war mit der Musik unterwegs –  und das Kirchenschiff klangerfüllt.  Oder umgekehrt: Eine Gemeinde kann auch vornehm schweigen, wenn sie sich durch den Text und die Melodie eines von der Pfarrerin ausgesuchten Liedes ganz und gar nicht angesprochen gefühlt hat.

Dieses Miteinander beim Singen und der damit verbundene Austausch, der ganz ohne Worte geschieht, fehlt mir! Ich hoffe darum, dass wir bald wieder in unseren Kirchen zusammen singen können. Die Liedtexte und Melodien vermitteln auf eigene Weise die frohe Botschaft. Sie laden uns ein, Gott zu loben und sie schenken uns Trost und Hoffnung. Das Kirchenlied „Befiehl du Deine Wege“ hat sich mir so in den vergangenen Monaten noch einmal neu erschlossen als ich es zu Hause alleine gesungen habe. Es schenkt mir Gottvertrauen und singt mir zu „Gott ist da, was auch immer passiert!“

Vielleicht gibt es auch für Sie ein Kirchenlied, dass Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist. Die Evangelische Kirche plant zur Zeit, ein neues Gesangbuch auf den Weg zu bringen. Sie fragt darum: Was sind Ihre fünf Lieblingslieder?

Mir gefällt diese Frage und darum will ich mir - bis wieder anfangen zu singen - Zeit nehmen, das Gesangbuch weiter durchzublättern. Und sei es, um mir genau zu überlegen, welches die ersten Lieder sein könnten, die wir dann gemeinsam laut singen.

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19MAI2021
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Einmal im Mittelpunkt zu stehen, ist etwas ganz Besonders im Leben. Erinnern Sie sich noch an Ihre Konfirmation, Erstkommunion oder Firmung? Wie Sie zur Festmusik aufgeregt in die Kirche eingezogen sind, die propenvoll gewesen ist? Alle waren sie da! Die Eltern und Geschwister, die Großeltern und sogar der entfernte Onkel hatte sich zum Fest aufgemacht. An solch einen Tag erinnern sich viele ein Leben lang.

Kein Wunder, dass das darum, wenn wir in unseren Kirchen Jubelkonfirmationen feiern, regelmäßig herrliche Geschichten wieder ans Licht kommen. Z.B. wie die Hose vom nagelneuen Festanzug auf einmal wie vom Erdboden verschwunden gewesen ist und erst abends wieder auftauchte. Oder wie viel Angst jemand vor der damals üblichen Prüfung im Gottesdienst gehabt hat und die beste Freundin ihm als er dran war durch einen Hustenanfall aus der Patsche geholfen hat.

Heute gibt es solche Prüfungen gar nicht mehr. Die Jugendlichen gestalten eigene Gottesdienste. Sie suchen die Lieder aus und schreiben sogar die Gebete und die Predigt selbst. Dabei nehmen die Jugendlichen durchaus die vertrauten Bilder vom guten Hirten, der uns durch unser Leben begleitet, auf. Sie formulieren anders, vielleicht ungewohnt: „Gott ist mein Navigationssystem. Er hält mich auf Kurs“ oder „Bei Gott gibt es keinen Netzausfall. Er ist immer für mich da“  Ungewohnt oder nicht: Solche Sätze gefallen mir, weil sie zeigen, dass die Botschaft bei den jungen Menschen angekommen ist. Stures Auswendiglernen -das ist lange vorbei. Ziel des Konfirmandenunterrichts ist heute, über den eigenen Glauben ins Gespräch zu kommen und miteinander zu erleben: Gott ist für uns da und begleitet uns auf unseren Wegen – auch jetzt.

Das ist eine wichtige Erfahrung, gerade in diesen Zeiten, finde ich. Durch die Pandemie sind die Konfirmationen dieses Jahr ganz anders und vor allen Dingen sehr viel kleiner. Das ist schade. Allen Jugendlichen, die in diesen Wochen ihren Festtag hatten oder noch haben werden, möchte ich darum heute Abend Gottes Segen für ihren Lebensweg wünschen. Stellvertretend für viele andere, die sehr gerne mit Euch und Euren Familien gefeiert hätten.  

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18MAI2021
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„Kannst Du eigentlich mal wütend sein?!“ hat mich vor Kurzem eine Freundin gefragt.  „Nicht so wirklich..“ war meine Antwort. Natürlich rege auch ich mich ab und zu auf und sage deutlich, was mich stört. Aber so richtig wütend sein, kann ich eigentlich nicht. Manchmal beneide ich die Menschen, die das können. Denen der Kragen platzt und die einmal so richtig alles, was in ihnen liegt, rauslassen. In der Bibel wird auch von  solchen Wutausbrüchen berichtet. Mose hat z.B. voller Zorn die beiden Tafeln mit den Zehn Geboten zerschmettert als er das Goldene Kalb erblickt hat, das sein Volk in seiner Abwesenheit zum Anbeten erschaffen hat. Da kann man ja auch wütend werden. Aber ist das die Lösung? Es muss ja auch irgendwie zusammen weitergehen.

Wenn ich merke, dass ich mich ärgere, versuche ich erst einmal zu verstehen, was mich ärgert. Da brauche ich oft ein bisschen Zeit und Abstand - und manchmal schmeiße ich meinen Ärger auch einfach Gott vor die Füße. Der hält das aus - und dann werden die Dinge nacheinander sortiert. Vielleicht hätte das Mose auch geholfen. In seiner Wut sieht er nur, dass das Volk Gott und ihm nicht vertraut hat. Darum war Mose enttäuscht. „Wie kann das sein? Gott ist für euch da, ich bin für euch da und wenn man euch mal einen kleinen Augenblick alleine lässt, habt ihr das sofort vergessen?“ Mose übersieht in seiner Wut, dass die Menschen Angst gehabt haben. Wie sollte es für sie ohne Anführer weitergehen? Er war ja nicht da.

Ich finde, wenn man es in einem Streit schafft, erst einmal einen Schritt zurückzutreten, um die Sicht des anderen zu verstehen, dann kann sich eine Menge bewegen. Für beide Seiten.  Dann kann aus Wut sogar etwas Fruchtbares werden, weil man miteinander erkennt, dass das eigene Herz für dieselbe Sache brennt.  

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17MAI2021
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Seit ein paar Wochen bin ich Mitglied in einer Facebook-Gruppe. Das ist so etwas wie ein Verein im Internet. Die Mitglieder tauschen sich dort über ein gemeinsames Thema aus. Die Gruppe, in der ich jetzt bin, heißt: „Wertheim kann schön sein“ – und  Wertheim ist mein Wohnort.

Ich finde hinter dieser Gruppe verbirgt sich etwas sehr Schönes. In ihr werden nämlich Fotos aus der Stadt gezeigt: Hier ein besonderer Blick auf eine Straßenecke, dort ein großartiger Schnappschuss eines Eisvögel am Flussufer – oder auch einmal ein Wanderweg, der sich in die Unendlichkeit auflöst. Täglich kommen neue Bilder mit kleinen Kommentaren, an welcher Stelle das Foto aufgenommen wurde und was sich dahinter z.B. aus der Stadtgeschichte verbirgt.

Diese Bilder tun mir gut. Sie laden mich ein, das Haus zu verlassen. Ja, sie machen mir Lust, nach draußen zu gehen und mich zu diesen Orten aufzumachen. Und noch etwas habe ich festgestellt: Diese Bilder bringen mich selbst dazu, meine direkte Umgebung mit anderen Augen zu betrachten: Ich entdecke besondere Inschriften an Häusergiebeln, freue mich am neu bepflanzten Blumenbeet an der Kreuzung und sehe doch tatsächlich mit eigenen Augen diesen Eisvogel in seiner unglaublichen Farbenpracht - und freue mich darüber. Ja, selbst Regenwetter wird interessant, weil sich dann so schöne Spiegelungen in den Pfützen ergeben.

„Suchet der Stadt Bestes!“ heißt es einmal beim Propheten Jeremia. „Meckert nicht nur über das, was euch das Leben gerade schwer macht.“ Vielleicht ist das das Geheimnis dieser Facebook-Gruppe: Bewusst das Gute und Schöne vor Ort zu suchen und zu teilen. Dazu gehört es, die eigenen Augen für die Umgebung offen zu halten und das scheinbar Vertraute für sich neu zu entdecken: Wie viel Liebe da doch hinter dem schönen Beet steckt, wie wunderbar es ist, dass seltene Vögel sich wieder ansiedeln.
„Suchet der Stadt Bestes!“ – ein Ruf aus alter Zeit, der uns auch heute gut tut.

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