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24SEP2021
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Ich habe immer eine Wahl. Übermorgen ist es so weit. Ein neuer Bundestag wird gewählt. Und damit eine neue Regierung. Unser Land bekommt eine neue Kanzlerin oder einen neuen Kanzler. Nicht umsonst reden viele von einer entscheidenden Wahl. Es wird sich etwas ändern. Mindestens an der Spitze wird es nachher anders sein als vorher. Ob es grundsätzlich eine andere Politik geben wird, das entscheiden wir, die Wählerinnen und Wähler.
Was für ein Privileg.

Gerade war in den Nachrichten zu hören, dass die belarusische Politikerin Maria Kolesnikowa zu 11 Jahren Haft verurteilt wurde. Weil sie freie Wahlen wollte. Und dass fair ausgezählt wird. Mit offenem Ausgang. Doch sie wurde verhaftet. Mich hat das Bild beeindruckt, wie sie da in dem gläsernen Käfig stand. Lächelnd. Und mit ihren Händen formte sie ein Herz.

Schade, dass in unserem Land so viele Menschen nicht wählen. Es ist ein Geschenk, in einer Demokratie leben zu dürfen. Wir haben die Wahl und werden nicht verhaftet. Manchmal sagen enttäuschte Menschen: Mich fragt ja keiner. Doch, jetzt sind sie gefragt. Jeder von uns. Natürlich hat jeder nur eine von 60.000.000 Stimmen. Aber die Summe macht es, dass jede Stimme zählt und wichtig ist.

Das Geschenk, in einer Demokratie leben zu dürfen, führt in die Verantwortung. Gemeinsam sind wir verantwortlich für das Leben in unserem Staat. Deshalb nutze ich mein Wahlrecht.

Auch das Volk Israel hatte einmal die Wahl. Gott selbst hatte sie vor die Entscheidung gestellt: Wollt ihr mir vertrauen oder dem Gott der Nachbarn? Sie haben sich für ihn entschieden. Aber die wichtigere Wahl hat Gott getroffen. Er hat gewählt und sich für die Menschen entschieden. Er hat gesagt: „Für euch trage ich Verantwortung. Damit ihr lebt und eine Zukunft habt.“

Für Beides bin ich dankbar. Für Gottes Wahl und dafür, dass ich wählen kann. Ich habe meinen Stimmzettel schon abgegeben. Ich möchte Verantwortung übernehmen. Und jetzt hoffe ich, dass viele andere es heute auch noch tun.

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23SEP2021
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Was für eine komische Zeit. Seit anderthalb Jahren leben wir, wie wir uns das nie vorstellen konnten. Fast habe ich mich daran gewöhnt, eine Maske zu tragen, wenn ich anderen Menschen nahe komme. Aber grundsätzlich achte ich lieber auf Abstand. Um kein Risiko einzugehen. Um nicht infiziert zu werden. Um niemanden anzustecken.

In den Gottesdiensten erlebe ich die Einschränkungen sehr deutlich. Es ist ein komisches Bild, wenn ich von der Kanzel in die Gemeinde hineinschaue, wie sie da so isoliert sitzen, jede und jeder für sich, Paare und Familien zusammen. Und alle mit einem Mund-Nase-Schutz. Ein wenig besser ist es geworden, immerhin dürfen wir wieder gemeinsam singen, wenn auch mit Maske. Aber es macht Hoffnung, dass es irgendwann wieder ohne Einschränkungen geht.

Im vergangenen Jahr habe ich nur ganz wenige Taufen gefeiert. Nicht, weil keine Kinder zur Welt gekommen wären. Sondern weil ein so besonderer Gottesdienst nicht möglich war und eine anschließende Familienfeier auch nicht.

Jetzt ist vieles leichter und einfacher. Und es wirkt, als ginge ein Seufzer durch die Reihen: Endlich! Wir wollen, dass unser Kind getauft wird. Wir hätten ja gern schon viel eher darum gebeten, aber es wirkte alles so bedrückend. Jetzt wollen wir aber nicht mehr warten.

Und nun kommen sie, eine Familie nach der anderen. Seit die Sommerferien vorüber sind, vergeht kaum ein Sonntag ohne Taufe. Dankbare und fröhliche Eltern kommen in die Kirche.

Sie freuen sich, dass ihr Kind beschenkt wird mit der Liebe und der Zusage Gottes, da zu sein. Sie haben sich danach gesehnt und fühlten sich gebremst. Jetzt endlich hat die Freude eine Möglichkeit gefunden. Und sie wird genutzt. Wie schön.

Ich freue mich für die Kinder. Ich freue mich mit den Familien. Und ich sehe, wie Gottes Wege mit seinen Menschen weitergehen. Eine Krise kann uns verunsichern. Sie kann uns einschränken und ausbremsenAber sie verhindert die Zukunft nicht. Gott sei Dank!

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14AUG2020
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Alexander ist ein aufgeweckter Junge.

Begeisterter Fußballspieler und freundlicher Schüler.

Mit seinen 11 Jahren ist er auffällig reif.

Vielleicht liegt das an seinen besonderen Lebensumständen. Seine Eltern sind vom Balkan nach Deutschland gekommen.

Weil der Vater gewalttätig ist, hat sich die Mutter von ihm getrennt. Um ihren Sohn kümmert sie sich vorbildlich.

Die Beiden lieben einander sehr, leben aber in ständiger Angst vor dem Ehemann und Vater.

Und eines Nachts geschieht es.

Er kommt in die Wohnung und tötet seine Ehefrau.

Der Junge hat alles mitbekommen.

Der freundliche Polizist Carlos Benede begleitet ihn in der nächsten Zeit.

Der Junge sagt auf eigenen Wunsch im Prozess gegen seinen Vater aus, der ihm das Liebste im Leben genommen hat. Nie will er ihn wiedersehen.

Aber er hat keinen Menschen mehr, er muss ins Heim. So richtig gut geht es ihm dort nicht.

Eines Tages bittet der Heimleiter den Polizisten, ins Heim zu kommen. Er teilt ihm mit, Alexander habe den Wunsch geäußert, einen Vater zu haben, der so sei wie der Polizist.

Ob er ihn nicht als Pflegesohn aufnehmen wolle.

Der Polizist, unverheiratet und alleinlebend, nimmt den Jungen zu sich und kümmert sich um ihn.

Eines Tages klingelt das Telefon, der Junge geht ran.

Als er aufgelegt hat, spricht der Polizist ihn an:

„Du hast Dich mit meinem Nachnamen ‚Benede‘ gemeldet.“

„Ja“, sagt der Junge, „ich möchte so heißen wie Du.“

„Das geht aber doch nur, wenn ich dich adoptiere.“

„Das will ich“, sagt Alexander. „Du sollst mein Vater sein.“

Jemand, der für mich da ist, der mir zuhört, der mich begleitet.

Schutz und Geborgenheit für das Leben. 

Als die Jünger Jesus fragen, wie sie denn beten können, bringt er ihnen ein Gebet bei. Es ist das bekannteste Gebet auf dieser Erde geworden, Christen in aller Welt beten es: Vater unser.

Es nimmt unsere Sehnsucht auf, dass wir jemanden haben, mit dem wir reden können, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und er hört zu. So, wie Alexander es sich gewünscht und gefunden hat. Jesus Christus zeigt uns den Vater für uns alle.

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13AUG2020
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Manchmal braucht es ganz unangenehme Erlebnisse, damit wir aufmerksam werden. Zum Beispiel auf Menschen in der Krankenpflege. Sie sind mit dem, was sie tun, immer wichtig. Aber wir merken es kaum. Wir halten ihre Arbeit für selbstverständlich. Aber sie ist es nicht.

Sie ist besonders und sie ist unverzichtbar.

Die weltweite Krise hat uns mit der Pandemie einen Berufszweig ganz neu vor Augen geführt: die Krankenpflege. Plötzlich ist der Dienst wahrgenommen und geschätzt worden. Auf einmal haben Menschen auf Balkonen und Straßen und für sie geklatscht und gesungen.

Sie haben eine Wertschätzung erlebt, die sie so noch nicht erfahren hatten.

Am heutigen 13. August jährt sich der Todestag von Florence Nightingale zum 90. Mal.

Vor mehr als 150 Jahren hat sie erstmals Hygienestandards in der Krankenpflege eingeführt. Sie hat auch für ein allgemeines Gesundheitssystem gekämpft.

Als Kind ist sie in Großbritannien aufgewachsen.

Mit 17 hat Florence Nightingale ein religiöses Erweckungserlebnis gehabt. Sie schreibtin ihr Tagebuch, dass Gott zu ihr gesprochen und sie in seinen Dienst gerufen habe. Sie interessiert sich für Mathematik, liest philosophische Schriften und beschäftigt sich mit dem Gesundheitswesen. Mit Mitte 20 entschließt sie sich endgültig, ihr Leben der Krankenpflege zu widmen.

Sie macht in Kaiserswerth - heute ein Stadtteil von Düsseldorf - einen Schnellkurs in Krankenpflege.

1854 wird sie zum Einsatz in den Krimkrieg entsandt, in den Großbritannien verwickelt ist. Das war ein entscheidender Punkt in ihrem Leben, denn dort habe Florence haarsträubende Zustände gesehen. So hätten Chirurgen nach Operationen nicht ihre Kittel gewechselt. Nightingalehat die katastrophalen Umstände aber als Chance begriffen: Hier konnte sie die Prinzipien umsetzen, an die sie geglaubt hat: Sauberkeit und Hygiene in der Krankenpflege.

Florence hat nichts von Bakterien gewusst. Sie hat gesehen, was funktioniert. Später hat sie die erste Berufsschule für Krankenschwestern am St. Thomas Hospital in London eröffnet.

Sie hat die Grundlage dafür gelegt, wovon viele Menschen heute profitieren.

Dass Menschen gut ausgebildet sind. Und dass sie sich mit ihrem Wissen und ihrem Engagement für andere einsetzen, für die Schwächsten, die Kranken und Sterbenden.

Es ist zu hoffen, dass diese Begeisterung bleibt und sich auch zeigt, in der Wertschätzung, in der Achtung und Fürsorge.

Damit sie auch angemessen bezahlt werden und nicht unangemessen arbeiten müssen.

Das könnte das Gute in der großen Krise sein, dankbar zu sein für die Menschen, die für uns da sind.

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27SEP2019
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Eine ganze Familie, Eltern und Kinder, wollen getauft und Christen werden. Das gibt es. Ich habe neulich so eine Familie getroffen. Ich war bei der Gartenarbeit vor dem Haus an der Straße.

Eine junge Frau hat mich angesprochen, mit sehr gebrochenem Deutsch. Ich habe das Wort ‚Taufe‘ verstanden, aber meine Rückfrage konnte sie nicht beantworten. Sie nahm ihr Handy, wählte und reichte es mir. Ihre Schwester konnte in gutem Deutsch nachfragen, ob ich der Pfarrer wäre und taufen würde.

Ich habe sie zu einem Gespräch eingeladen. Und dann kam die junge Frau mit ihrem Ehemann und den drei Söhnen. Die Schwester kam als Dolmetscherin mit.

Sie seien kurdische Jesiden und wollten alle getauft werden. Sie seien vor sechs Jahren aus dem Irak geflohen, weil es für alle Menschen dort schwierig ist zu leben, wenn man kein Muslim ist. In schwierigen Zeiten in ihrer Heimat haben sie Christen als freundliche Menschen erlebt. Die haben sich um Familien gekümmert, wo der Vater nicht mehr da war. Sie haben ihnen zu essen und zu trinken gebracht. Das hat der Familie imponiert, die ich kennen gelernt habe.

Nun treffen wir uns regelmäßig und ich erzähle von unserem christlichen Glauben. Manche Geschichten kennen sie schon. Im Irak hatten Christen ihnen Filme über das Leben Jesu geschenkt. Sie haben gesehen, wie Jesus Kranke gesund gemacht hat, wie er sich um die gekümmert hat, die leiden mussten.

Mir tut es gut, dass ich auf Gott hoffen kann. Ich hoffe, dass die geflüchtete Familie spürt, wie das hilft, mit den Sorgen und Ängsten des Lebens fertig zu werden. Vielleicht lassen sie sich dann wirklich taufen und bringen auch ihre Kinder mit in unsere Gemeinde.

Heute ist der Tag des Flüchtlings im Rahmen der interkulturellen Woche. Ich weiß, ich kann die große politische Frage der Migration nicht lösen, ich weiß um die Probleme auf dem Mittelmeer und dass viele Angst haben vor den Fremden, die zu uns kommen.

Aber ich kann den Menschen zuhören, die zu mir kommen. Ich kann ihnen von dem erzählen, was mir wichtig ist und woran ich glaube. Vielleicht können wir lernen, als Brüder und Schwestern zu leben. Weil Jesus unser Bruder ist.

 

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26SEP2019
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Haben Sie schon einmal einen Engel gesehen? Oder erlebt, dass er Sie beschützt hat? Ich schon. In einem kleinen Dorf bin ich aufgewachsen. Mit einer Grundschule in einer alten Villa.

Zur Pause gingen wir auf einen abschüssigen Vorgarten: ein kreisförmiger Schotterweg um eine Grasfläche. Nach unten begrenzt durch eine niedrige Hecke. Dann ging es steil bergab zu einer Mauer, 2 Meter tiefer war die Hauptstraße.
Wir haben auf dem Schotterweg Fangen gespielt. Und plötzlich bekam ich einen Schubs, fiel über die Hecke und die Mauer und bin kopfüber auf die Straße gestürzt.

Ich stand auf, ging den Weg zur Villa zurück in den Klassenraum, um weiter am Unterricht teilzunehmen. Bloß eine Beule auf dem Kopf. Nein, ich habe keinen Engel gesehen oder gehört. Aber dass ich beschützt wurde, das glaube ich. Ich kann es mir nicht anders erklären.

Wir wissen es nicht, können sie nicht hören oder sehen, es lässt sich nicht beweisen, dass es Engel gibt. Manchmal bemerken wir sie vielleicht auch einfach nicht. Weil sie aussehen wie die nette Nachbarin. Oder wie der aufmerksame Autofahrer, der noch rechtzeitig gebremst hat.

Viele Menschen haben eine Sehnsucht danach, beschützt zu werden.
Wie gut, wenn jemand auf uns aufpasst und auf unsere Kinder. Kaum ein Bibelvers wird häufiger zur Taufe eines Kindes gewählt, als: ‚Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen‘. Mich wundert das nicht.

Denn sie bestätigen damit, was ich als Kind erlebt habe. Damals habe ich nicht an einen Schutzengel gedacht. Aber ich war mir sicher, dass Gott auf mich aufgepasst hat. Denn es hätte so viel passieren können. Ich hätte mir Knochen brechen können. Es hätte gerade ein Auto kommen können. Das alles ist nicht geschehen. Heute glaube ich, dass Gott mir seinen Engel gesendet hat, der mich bewahrt hat.

Am kommenden Sonntag, 29. September, ist in der Kirche der Gedenktag der Engel. Für Martin Luther war das ein hohes Fest, so wichtig wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Er glaubte daran, dass Gott den Menschen Engel sendet, um sie zu schützen. Ich glaube das auch.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29475

Was für ein wunderschöner Tag. Als ich meinen runden Geburtstag Anfang September gefeiert habe, hatten wir traumhaftes Wetter. Strahlend blauer Himmel. Ein richtiger Sommertag. Passend zu der Idee, mit den weit gereisten Gästen aus Norddeutschland, das Weinland Baden zu erleben. Eine geführte Wanderung durch die Weinberge im Kraichgau. Mit Verkostung und Imbiss. Die zwei jungen Damen, die uns begleiteten, führten uns in die Arbeit im Weinanbau ein. Sie taten das mit viel innerer Beteiligung; sie waren und sind begeistert von dem, was sie tun. 

Trotz aller technischen Möglichkeiten ist viel menschliche Arbeit nötig. Trotz aller chemischen und biologischen Hilfsmittel bleibt es sehr unsicher, wie im Herbst der Ertrag sein wird. Wir haben keinen Einfluss auf das Wetter, auf die Sonnenstunden, auf Regen, auf Wind. Es bleibt spannend und jedes Jahr ist anders. Die Menge unterscheidet sich und auch der Geschmack. Wir konnten erkennen, welche Spuren die Trockenheit dieses Jahr an den Weinstöcken hinterlassen hat. Wir hörten von dem mühsamen Einsatz, für Feuchtigkeit zu sorgen. 

Wir kosteten von den Trauben und probierten Wein und Sekt. Und hatten einen ganz neuen Zugang zu dem Genuss bekommen. Wir schätzten den Wein in einer größeren Weise als zuvor. Es war eine Form von Dankbarkeit, die schätzen lernt, dass das Gute nicht einfach da ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir guten Wein trinken dürfen. Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns vergleichsweise so gut geht. Ganz überwiegend haben wir, was wir zum Leben brauchen. Und meist sogar mehr als das. 

Wenn ich erlebe, dass wir nicht alles im Griff haben; wenn ich ahne, dass es in meinem Leben auch ganz anders sein könnte, dann macht es mich dankbar. 

Dankbar dafür, dass ich mit freundlichen Menschen meinen Geburtstag feiern darf. Dankbar für das schöne Wetter an dem Tag. Dankbar für die freundlichen Damen bei unserer Wanderung durch die Weinberge. Dankbar dafür, dass wir auch in diesem Jahr guten Wein trinken dürfen. Gott sei Dank dafür. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27274

Da sitzen sie mir gegenüber, die beiden jungen Menschen, weil sie heiraten wollen. Sie sind zum Traugespräch gekommen und ich fragen sie ganz direkt: warum wollt ihr das? Warum wollt ihr überhaupt heiraten? 

Wenige Wochen vorher hatte ich erst eine Sendung von Alex Burckhardt gesehen, mit dem Thema: Wie schafft ihr das, zu heiraten? 

Es spricht doch so viel dagegen und so wenig dafür. Die Begeisterung vom Anfang verfliegt bald in den Anforderungen des täglichen Lebens. Die Scheidungsrate ist hoch, Scheidungen sind kompliziert und teuer. Warum soll man sich festlegen und binden? Niemand weiß, was kommen wird und ob wir unsere Entscheidung nicht irgendwann bereuen. Warum also vor dem Staat und in der Kirche ein Gelübde ablegen? Es gibt genügend moderne Kritik sowohl an der einen wie an der anderen Institution. Man kann doch so zusammenleben, mit wem man möchte. 

Alex Burckhardt fragt seine Freunde, die heiraten, warum sie das tun. Sie erzählen ihm etwas von Sicherheit, von Steuerersparnis, von einem rauschenden Fest. Sie kennen seine Vorbehalte und antworten: Ja, aber ... Das entscheidende Argument zu heiraten, sei das ‚aber‘. Also gegen alle Vernunft, gegen Erfahrung und Statistik: ‚aber …‘ 

 Und dann sitzen sie mir gegenüber, die beiden jungen Menschen, weil sie heiraten wollen. Ich frage sie also: warum wollt ihr das? Sie schauen einander an, lächeln und sagen, einer nach der anderen: ‚Weil wir einander lieben‘ 

Wir wollen miteinander leben, wir wollen füreinander da sein, wir wollen Verantwortung füreinander übernehmen, wir wollen miteinander alt werden. Und ich spüre: der Boden von Vernunft und sachlichen Argumenten ist damit verlassen. 

Das sind keine Kinder mehr, sie sind 30 Jahre alt; die entscheiden bewusst. Sie wissen ganz genau, dass sie nicht wissen, was aus ihrem gemeinsamen Leben noch wird. Was auf sie zukommt, womit sie umgehen müssen. Aber was es auch sein wird – sie wollen es gemeinsam. Und sie wollen es mit dem Segen Gottes. Darauf freuen sie sich. Das schenkt ihnen Mut. Das lässt sie vertrauen. 

Schön zu sehen, wie Menschen unvernünftig sind. Aber voller Liebe und voller Vertrauen. Ich freue mich auf ihre Trauung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27273

Heute Abend geht es wieder los. Nach der Sommerpause startet die Fußball-Bundesliga in eine neue Saison. Viele Menschen wie ich freuen sich darüber, haben vielleicht schon lange darauf gewartet. Ihr Leben bekommt mit jedem Wochenende nun wieder einen Höhepunkt.

Die Vorfreude auf spannende Spiele macht sich breit; ich freue mich, wenn meine Lieblingsmannschaft gewinnt; ich bin enttäuscht, wenn sie verliert. So ist das seit vielen Jahren bei mir.

In der Sommerpause aber ist etwas passiert. Nichts, was grundsätzlich neu gewesen wäre. Aber etwas, was bisherige Grenzen deutlich verschoben hat. Ein brasilianischer Spieler ist von Barcelona nach Paris gewechselt. An sich nichts Aufregendes. Solche Wechsel kommen in jeder Pause vor. Aber der Preis ist neu. Er verschlägt mir die Sprache: 220 Millionen Euro.

Welcher Mensch sollte so viel Geld wert sein? Was ist überhaupt ein Mensch wert? Kann man eine Zahl sagen? Und warum ist ein Mensch mehr wert als ein anderer? Weil er sich gut vermarkten lässt?
Weil er jünger ist? Weil er mehr Tore schießt? Weil er erfolgreich ist?

Bemisst sich der Wert eines Menschen danach, was er leistet? Dann sind nur die Erfolgreichen wertvoll. Und die anderen? Die Kinder? Die Ungeborenen? Die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz oder keine Arbeit finden? Die Erwachsenen, die ihre Arbeit verlieren? Die krank geworden sind, alt, schwach, gebrechlich, dement? Was sind sie wert?

Am Ende steht hinter all diesen Fragen, wer das überhaupt entscheidet und nach welchen Maßstäben.

Gott sagt, dass er seine Menschen, alle Menschen, so wert achtet, dass er ihnen seine frohe Botschaft schenkt. Ich darf leben, so, wie er mich geschaffen hat, mit dem, was ich kann und auch mit dem, was ich nicht kann. Und er schenkt mir – und allen seinen Menschen – die Aussicht und die Hoffnung auf das ewige Leben.

Ich freue mich auf die beginnende Fußballsaison; ich befürchte, dass 220 Millionen Ablösesumme nicht die letzte Zahl ist. Aber ich freue mich, dass Gott darüber bestimmt, was ich wert bin. Denn er lässt mich leben. Niemand sonst.

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Sommertage machen durstig. Wenn es wirklich ein sonniger Tag gewesen ist und wenn ich am Abend meine Arbeit ruhen lassen darf, dann habe ich Durst. Ich freue mich auf ein kaltes Bier. Es schmeckt mir gut und es tut mir gut. Als lutherischer Pfarrer erinnere mich gern an so manchen Spruch von Martin Luther dazu. So hat er z.B. gesagt „Ein Schluck Wasser oder Bier vertreibt den Durst, ein Stück Brot den Hunger, Christus vertreibt den Tod.“

Als Martin Luther und seine Katharina von Bora am 13. Juni 1532 heirateten, durften sie selbst Bier brauen. Sie erhielten zur Hochzeit nicht nur ein Fass Einbeckisch Bier, sondern es wurde ihnen das Nutzungsrecht für das frühere Augustinerkloster in Wittenberg geschenkt. Damit waren sie Hausbesitzer. Und nur wer ein Haus besaß, der durfte auch Bier brauen.  Bürger haben für den eigenen Bedarf gebraut, durften Bier aber auch verkaufen. Und so hat seine Frau Käthe Bier brauen dürfen.

Das hat er selbst gern genossen und sich darüber gefreut. Denn weil sie Bier verkaufte, unterstützte sie den Haushalt der Familie. Bier zu genießen hat Martin Luther auch als Beispiel dafür benutzt, dass er gern seine Arbeit tut, aber vor allem Gott vertraut, dass der etwas Gutes aus seiner Arbeit entstehen lässt.

„Ich predige das Evangelium. Dann sitze ich hier in der Wirtsstube und trinke mein gutes Wittenbergisch Bier und das Reich Gottes kommt von ganz alleine.“
Allerdings musste er in seinen Predigten und Tischreden auch immer wieder mahnen, wenn die einfältigen Leute mit dem Bier nicht umgehen konnten.
„Bier macht die Menschen toll und töricht, sodass sie sich hauen, stechen und ermorden. Das ist aber nicht die Schuld des Bieres, wenn du ein Bierschlauch und Trunkenbold bist.“

Ich genieße am Abend mein Bier, nachdem ich meine Arbeit getan habe; ich feiere gern Geburtstage oder Hochzeiten und trinke auch dort gern. Aber nie über den Durst. Sondern dankbar und verantwortungsvoll. Schön, dass wir nicht nur Wasser trinken, sondern dass Gott uns auch Gutes schmecken lässt und uns die Freude am Genuss gönnt.
Besonders das Bier am Sommerabend erinnert mich daran. Und an ein weiteres Wort von Martin Luther: „Man kann Gott nicht allein mit Arbeit dienen, sondern auch mit Feiern und Ruhen.“

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