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01OKT2021
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Ich bin mit meiner Freundin in den Bergen unterwegs. Wie jedes Jahr. Wir wandern einen Berg hinauf, dabei träller ich ein altes Lied aus meiner Jugendzeit. Darin geht es um eine Frau, die sich frisch verliebt hat. Meine Lieblingszeile ist die, in der sie singt „Mit dir steht die Zeit still – du bist was ich will“. Die singe ich deshalb immer wieder besonders laut.

Nach langer Wanderung kommen wir auf dem Gipfel an und genießen schweigend den traumhaften Ausblick. Dann sagt mir meine Freundin: „Übrigens: Niemand hält für dich die Zeit still. Das musst du schon selbst für dich tun. Wie jetzt: Alles sind wir selbst hoch gelaufen. Und hier oben steht nun die Zeit für uns still“ Dazu macht sie eine bedeutungsschwere Geste, indem sie mir den Ausblick präsentiert.
Ich muss erst mal lachen, denn unsere Rollen sind seit Jahren unter uns geklärt: Ich bin gerne romantisch, während sie abgeklärt und cool daherkommt.

Ich finde aber, sie hat recht: Ich muss auch selbst dafür sorgen, dass die Zeit still steht.

Mich um mich selbst kümmern. Mal einen Tag ganz für mich reservieren, ein gutes Buch lesen oder eben eine Wanderung auf einen Berg unternehmen – es ist total wichtig, mir Zeit nur für mich zu nehmen. Und diese Zeit mit mir selbst kann auch niemand anderes für mich übernehmen. Da muss ich schon selbst ran. Als Christin muss ich dabei an das Gebot denken, das uns Jesus aufgegeben hat und sogar als das wichtigste Gebot unter allen bezeichnet: „Du sollst deinen Nächsten lieben … wie dich selbst.“ Damit sagt Jesus: Aufrichtig lieben bedeutet, erst einmal bei sich selbst anzufangen.  Sich selbst zu lieben!

Das ist gar nicht so einfach. Mir fällt es leichter, meinen Mann lieb zu haben oder meine Kinder; mir fällt es auch leichter, zu sagen, was mir an meiner besten Freundin gefällt, als zu sagen, was ich an mir besonders gut finde. Aber um meine Familie oder meine Freundin richtig lieben zu können, muss ich erst einmal lernen, mich selbst zu lieben; bevor ich mit Anderen gut unterwegs sein kann, muss ich erst einmal mit mir selbst klarkommen. Und auch mal für mich selbst die Zeit anhalten.

In diesem Moment, als ich mit meiner Freundin auf dem Berg stehe und den abenteuerlichen Ausblick genieße, da spüre ich, wie großartig es ist, wenn die Zeit still steht: Mit mir allein, mit meiner Freundin an der Seite. Und fast unbemerkt: auch mit Gott.

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30SEP2021
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Wohnmobile sind jetzt voll in Mode. Diesen Sommer habe ich so viele Camper und VW-Busse wie noch nie auf den Straßen gesehen. Das Verreisen mit dem mobilen Bett im Kofferraum ist ziemlich beliebt geworden. Seit Corona sind die Verkaufszahlen von Campern um 50 Prozent gestiegen. Und das nicht ohne Grund: Mehr denn je träumen die Leute, die sich so ein Wohnmobil zulegen, vom unabhängigen Reisen. Ein Freund, der seit Jahren schon mit seinem Bus im Urlaub unterwegs ist, sagt mir: „Das gibt mir das Gefühl ganz frei zu sein. Egal wo ich hin will, der Bus fährt mich dort hin. Egal ob lang geplante Urlaubsroute oder spontaner Roadtrip. Mit dem Bus ist das alles möglich und ich fühle mich frei.“

Klar, nach eineinhalb Jahren Corona mit immer wiederkehrenden Einschränkungen ist die Sehnsucht nach Freiheit groß. Und da scheint so ein Urlaub mit dem Bus genau das richtige. Das verstehe ich gut. Aber nicht jeder von uns kann sich einen Bus leisten und hat auch die Zeit, einfach mal loszufahren. Und trotzdem haben wir alle das Bedürfnis, uns frei zu fühlen. Deshalb: Was stillt meine Sehnsucht nach Freiheit? Auch dann, wenn ich mir keinen Camper leisten kann oder will?

Ich fühle mich frei, wenn ich mir erlaube auch mal Nein zu sagen. Egal ob beruflich oder privat: Wenn ich mich eigentlich verpflichtet fühle, etwas zu tun, aber genau weiß, dass es besser ist, Nein zu sagen.

Ich fühle mich frei, wenn ich in meiner Wohnung ausmiste. Mich von altem Ballast verabschiede und Platz schaffe für Neues.

Und ich fühle mich frei, wenn ich spüre, dass ich Menschen in meinem Leben habe, die mich lieben. Vor allem in Zeiten, in denen sich alles eng und unfrei anfühlt; wenn ich viel zu viel zu tun habe oder auch coronabedingt kaum mehr was möglich war, dann sind da Menschen um mich herum, die mich lieben, die da sind, ganz egal, was passiert. Die Freundin, die sofort ihre Sachen packt und zu mir fährt, wenn es mir schlecht geht. Eine andere, die für mich ein Gebet spricht, wenn ich gerade keines über die Lippen bringe. Und so fühlt es sich auch mit Gott an: Egal was passiert, er hat mich lieb. Komme was wolle. Das lässt mich Sorgen leichter abschütteln, die mich sonst einengen. Kein Kurztrip oder Urlaub schafft das: Wenn ich geliebt werde, fühle ich mich leicht, bin ich frei - wie sonst nie.

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29SEP2021
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Zwei Wochen sind wir schon wieder im neuen Schuljahr unterwegs. Beim Blick in meinen Kalender stelle ich fest, wie schnell dieses Jahr zu Ende gehen wird. Nur noch fünf Wochen bis zu den Herbstferien. Neun Wochen bis zum Advent und drei Monate bis Weihnachten.

Dabei fällt mir auf, wie viel ich noch vorbereiten muss. In den Herbstferien möchte ich mit meiner Familie verreisen; dann steht auch schon der Geburtstag meiner Tochter an, den sie natürlich mit ihren Freundinnen feiern möchte; die Adventszeit wollen wir als Familie gemeinsam gestaltenund dann all die Weihnachtsvorbereitungen...

Grundsätzlich plane ich gern langfristig– so kann ich in meinem Job viel Stress vermeiden und mich vor allem im Familienleben gut für unerwartete Turbulenzen wappnen. Seit ich Mutter bin, brauche ich einfach etwas Sicherheit in meinem Alltag.

Doch dann denke ich mir: Vielleicht verpasse ich bei all der Planerei auch ab und zu, was gerade, in diesem Moment, um mich herum passiert. In einer Zeitschrift lese ich: „Genaugenommen leben sehr wenige Menschen in der Gegenwart, die meisten bereiten sich gerade vor, demnächst zu leben.“ Ich muss zugeben: Das trifft auch auf mich zu. Ich plane meine Woche oft so dicht, dass ich eigentlich nur vom einen zum anderen hetze, statt mir wirklich Zeit für den Moment zu nehmen. Oft erwische ich mich dann dabei, vor dem Ballettsaal meiner Tochter zu stehen, und schon das Abendessen zu planen oder den nächsten Tag mit meinem Mann organisatorisch durchzugehen, statt meiner Tochter beim Sport zuzusehen. Oder die ständige Sorge, was wohl mit unseren Schulklassen passiert in dieser Coronazeit, anstatt zu genießen, als Lehrerin gerade in Präsenz unterrichten zu können.

Meinen Kindern passiert so etwas nicht: Die beiden leben voll im Hier und Jetzt. Sind immer offen für das, was gerade kommt. Klar, die haben auch kaum Verantwortung, müssen nicht an morgen denken. Aber trotzdem bewundere ich sie dafür, dass sie jederzeit ein Auge für das haben, was im Moment passiert: Sie sehen den Käfer am Wegrand. Wenn wir beim Einkaufen sind, hören sie so lange wie möglich dem Straßenmusiker zu. Und sehen sofort, wenn ihnen unbekannte Kinder einen Ball zurollen, um sie zum Mitspielen einzuladen. Die beiden sind jederzeit offen für solche Momente. Momente, die nicht geplant werden können; die alles um einen herum vergessen lassen, aber gerade deshalb so spannend und schön sind.

Auch wenn ich gerne plane, möchte ich mir Zeit nehmen für die ungeplanten Dinge. Das ist gar nicht so einfach, aber Gott sei Dank darf ich von meinen Kindern lernen.

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28SEP2021
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Auf meinem Schreibtisch liegt ein großer Pflasterstein. An ihm klebt etwas Zement, er ist nicht wirklich schön. Und weil ich ihn nicht mal als Briefbeschwerer benutze, wirkt er so, als würde er einfach nur im Weg liegen.

Aber das soll er auch: Er soll mir im Weg sein. Denn er erinnert mich an eine ganz besondere Zeit in meinem Leben: An meine Straßenexerzitien in Duisburg, als ich auf der Suche nach Gott war.

Genau darum geht es nämlich bei Straßenexerzitien. Gott zu suchen – und zwar nicht in einem Kloster oder in der Natur, sondern mitten in der Stadt, auf der Straße. Damals war ich eine Woche lang nur mit einer Trinkflasche bepackt auf den Straßen Duisburgs unterwegs. Und das tagelang ziemlich verzweifelt. Denn so richtig geklappt hat das erst mal nicht mit Gott und mir. Obwohl ich ihn fleißig gesucht habe: In Straßenbahnen, an Imbissbuden, in Gesprächen mit Fremden auf der Parkbank, in Kirchen...in so vielen Ecken der Stadt. Ich dachte, das muss doch klappen, ich als Stadtmensch, mitten in der Stadt, mitten unter Leuten...Ich war sauer, dass ich mir so viel Zeit nehme für Gott. Er sich aber scheinbar nicht für mich.

Bis ich am letzten Tag auf einem verlassenen Fabrikgelände stehe und auf eine Wand starre. Auf diese Wand haben ganz viele Menschen Gebete geschrieben.  Ganz unterschiedliche. Einige sind traurig, ja verzweifelt. Andere hoffnungsvoll und dankbar. Ich hatte das Bedürfnis, zwischen all die Gebete auch meins zu schreiben. Mein Gebet lautete: Wo bist du Gott? Und da war er – der Moment, in dem ich spüren durfte: Gott ist da. Mitten unter all diesen Gebeten, da ist Gott. Ganz nah bei mir.

Als Erinnerung daran habe ich mir damals einen Pflasterstein von diesem Ort mitgenommen. Und der steht mir jeden Tag auf meinem Schreibtisch im Weg. Als Erinnerung daran, dass es sich lohnt, Gott zu suchen. Und dass er sogar dann da ist, wenn ich die Suche schon längst aufgegeben habe.

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27SEP2021
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Beim Einkaufen in der Fußgängerzone treffe ich eine Bekannte – wir unterhalten uns ganz angeregt, bis sie einer anderen Frau missbilligend hinterherschaut und zu mir sagt: „Guck mal, die traut sich aber was...ich würde bei solchen Beinen ja keine Radlerhose anziehen…“

Ich bin erst mal perplex und bringe nur ein verunsichertes Lachen raus – hat meine Bekannte das grad wirklich gesagt? Meint sie das echt ernst? Ich sage ihr, dass das ganz schön krasses Bodyshaming ist – sich über den Körper einer anderen Person so fies zu äußern.

Ich stehe selbst morgens oft vorm Spiegel und frage mich: Kann ich das wirklich anziehen? Bin ich dafür zu dick? Falle ich damit zu sehr auf? Und dabei merke ich, dass das meistens die Stimmen Anderer sind, die mich so verunsichern. Deshalb entscheide ich mich am liebsten ganz nach meinem Bauchgefühl – für die Klamotte, die mir gefällt und in der ich mich wohl fühle. Auch auf die Gefahr hin, dass es Anderen nicht gefällt.

Ich finde, wir dürfen unseren Körper selbstbewusst durchs Leben tragen. Mein Körper ist ein Geschenk Gottes, er ist einzigartig und damit auch ganz anders als jeder andere Körper auf dieser Welt. Und auch mein Charakter, meine Persönlichkeit gibt es so nicht noch einmal. Ich als Gesamtpaket Mensch – mit meinem Körper und meiner Persönlichkeit – bin einzigartig; und diesem einzigartigen Gesamtpaket dürfen wir ruhig etwas mehr Beachtung schenken, wenn wir es in Kleidung verpacken. Denn Klamotten und Mode sind was Wunderbares, um unseren Typ zu unterstreichen und unsere Individualität zu betonen. Und dabei brauchen wir nicht Verstecken spielen oder fremden Erwartungen folgen.

Natürlich sind Geschmäcker unterschiedlich und nicht alles gefällt mir, was ich in der Fußgängerzone entdecke. Das muss es auch gar nicht. Dazu sind wir ja viel zu unterschiedlich. Aber eines haben wir gemein: Dass unser Körper wertvoll ist und deshalb Respekt verdient hat. Sowohl, wenn wir uns anziehen, als auch, wenn wir über ihn sprechen.

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25JUN2021
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In meinem Bekanntenkreis gibt es gerade viele Veränderungen und neue Aufbrüche: Ein befreundetes Paar hat sich entschlossen, nach vielen Jahren der Beziehung getrennte Wege zu gehen. Eine Freundin startet eine Therapie, weil sie an großen Selbstzweifeln leidet. Und ein Freund kündigt seinen Job, um sich beruflich völlig neu zu orientieren.

Alle haben gemeinsam, dass sie sich für einen neuen Lebensweg entschieden haben. Vermutlich hat die Coronazeit diese Entscheidungen beschleunigt – immerhin hatten wir alle in den letzten Monaten ungewohnt viel Zeit, um uns Gedanken über unser Leben zu machen. Aber letztlich war etwas anderes der Auslöser: Dass sie alle mit etwas in ihrem Leben nicht mehr glücklich waren.

Manch einer könnte sagen, das seien Luxusprobleme: den gut bezahlten Job zu kündigen oder aus Selbstzweifeln heraus eine Therapie zu starten. Doch ich sehe das anders. Ich finde es mutig, dass meine Freundinnen sich ihren Lebensfragen stellen und dann auch etwas ändern, wenn es sie nicht mehr glücklich macht.

Und ich? Ist mein Job noch der richtige für mich? Bin ich glücklich in meiner Ehe? Bin ich glücklich mit mir selbst? Und lebe ich noch gerne an dem Ort, den ich Zuhause nenne? Ich finde es wichtig, mir diese Fragen regelmäßig zu stellen und auch den Mut zu fassen und mich wenn nötig weiter zu fragen: Woran liegt meine Unzufriedenheit? Und was kann ich verändern, damit ich wieder glücklicher bin? Wie klein oder groß auch diese Veränderungen sein mögen. Ich weiß: Es kann sehr anstrengend sein, sie dann umzusetzen. Denn zu jedem neuen Weg gehört die Ungewissheit, ob es wirklich der richtige Weg für mich ist und ob es gut ausgeht. Wenn ich darüber verunsichert bin, hoffe ich auf Gott. Dass ich ihm vertrauen kann, dass er mich den neuen Weg nicht alleine gehen lässt. Dass er mir die richtigen Menschen zur Seite stellt. Menschen, die für mich da sind, wenn ich es nicht alleine schaffe. Das schenkt mir Hoffnung und lässt mich daran glauben, dass es gut wird.

Genau das wünsche ich auch den Menschen um mich herum, die gerade neue Wege einschlagen: Dass sie spüren, dass sie nicht alleine sind und immer jemand da ist für sie, wenn sie unsicher werden, ob das wirklich der richtige Weg ist. Und darauf vertrauen, dass es gut wird.

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24JUN2021
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So weit ich auch zurückdenke: Mein Vater hat schon immer die Angewohnheit, in jeder noch so ernsthaften und angespannten Situation zu lachen. Ich rege mich als Jugendliche abends am Esstisch über meinen unfairen Englischlehrer auf – und mein Vater lacht. Meine Brüder und ich streiten uns auf der Rückbank des Autos um die Sitzplätze – und mein Vater lacht. Und auch heute noch, wenn ich mich über etwas ärgere, reagiert mein Vater erst einmal mit einem Lachen.

Vor allem als Jugendliche hat mich das enorm aufgeregt. Ich will schließlich, dass mein Vater mich mit meinem ganzen Frust und Ärger ernst nimmt und nicht einfach darüber hinweglacht.

Die Therapeutin Heike Melzer empfiehlt, Konflikte mit Humor zu lösen. Sie meint, dass Streitthemen, die immer wieder aufkommen, nicht jedes Mal bis zum bitteren Ende durchdiskutiert werden müssen. Manchmal ist es für Menschen wichtig, aus dieser Spirale von Wut und Ärger raus zukommen – und das klappt besonders gut mit Humor. Aber wie soll es mir zum Lachen zu Mute sein, wenn ich mich gerade furchtbar ärgere? Melzer schlägt vor, dass man in solchen Situationen einfach mal den Ort wechselt und z.B. auf dem Klo weiterdiskutiert. Sie nennt es einen Programmwechsel: Weil es einfach lächerlich ist, sich über Kleinkram aufzuregen, wenn man dabei direkt neben der Toilettenschüssel steht. Wenn also der Ärger und die Wut so festgefahren sind, dann kann es gut tun, mit so einem skurrilen und albernen Programmwechsel alles aufzulockern.

Natürlich ist es wichtig, Gefühle wie Wut und Ärger ernst zu nehmen und nicht darüber weg zu lachen. Aber genauso wichtig ist es, auch zu merken, wenn man sich selbst zu ernst nimmt. Vor allem wenn es dabei um Kleinigkeiten geht. Die Wut darüber macht noch viel mehr kaputt. Als ich mich das nächste Mal über einen Streit mit einer Freundin aufrege, stelle ich mich neben die Toilette und merke: Irgendwie ist es albern, mich darüber zu ärgern; viel besser ist es, mit ihr darüber in Ruhe zu sprechen. Vielleicht schaffen wir es dann sogar, dass wir uns Zeit für die schönen Dinge nehmen und gemeinsam lachen.

Mein Vater hat mich oft genug mit seinem Lachen zur Weißglut gebracht, aber er hat mir damit auch eine der wichtigsten Lektionen für mein Leben mitgegeben: Mich selbst nicht immer nur ernst zu nehmen.

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23JUN2021
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Und schon wieder passiert es mir: Ich stehe in der Bahn und entdecke neben mir einen Mann ohne Atemschutzmaske. Um uns herum verunsicherte Blicke, alle drehen sich weg. Mich stört es, wenn sich jemand nicht an die Maskenpflicht hält. Ich zögere kurz, überlege, ob ich ihn ansprechen soll. Aber irgendwie ist mir heute nicht danach. Ich habe Sorge, dann in eine Diskussion verwickelt zu werden. Deshalb drehe auch ich mich weg und verlasse das Bahnabteil.

Aber dann ärgere ich mich über mich selbst: Warum habe ich den Mann nicht einfach angesprochen? Wer weiß, warum er keine Maske trägt...

Solche Situationen passieren mir leider oft: Die Raucherin, die ihre Kippe einfach auf den Boden schnipst, statt sie in den Müll zu werfen. Oder der Kollege, der schlecht über eine gemeinsame Kollegin spricht. Das sind Situationen, in denen mein Bauchgefühl sofort Alarm schlägt und die Botschaft sendet: „Sprich es an!“ Und ich bleibe dann doch stumm sitzen und mache gar nichts. Weil ich Angst habe, dass es meinem Gegenüber nicht passt, was ich zu sagen habe. Und weil ich mich sorge, damit nicht gut anzukommen. Und am Ende bleibt dann das Gefühl, dass die Angst gegen mein Bedürfnis, etwas anzusprechen, gesiegt hat.

Audre Lorde bringt das auf den Punkt. Sie hat sich in den achtziger Jahren bei uns in der afroamerikanischen Bewegung engagiert – sie sagt: „Wenn wir sprechen, haben wir Angst, dass unsere Worte nicht gehört oder begrüßt werden. Aber wenn wir schweigen, haben wir immer noch Angst. Also ist es besser zu sprechen.“ Als schwarze Aktivistin und Feministin hat sie eine Ahnung davon, wenn sie so etwas sagt. Sie weiß, wie groß die Angst ist, etwas laut auszusprechen, was anderen nicht in den Kram passt. Genauso hat sie die Erfahrung gemacht, wie groß die Angst bleibt, wenn man nichts sagt und schweigt. Aber sie hat auch erlebt, wie befreiend es sein kann, die eigenen Anliegen auszusprechen. Denn das muss nicht unbedingt nur Stress bedeuten, sondern kann auch ziemlich erfolgreich sein. Auch wenn der Erfolg nur bedeutet, die eigene Angst überwunden zu haben.

Wenn mir das nächste Mal mein Bauchgefühl zuruft: „Sprich es an!“, dann traue ich mich. Weil ich dieser Angst vor Ärger gar nicht so viel Raum in meinem Leben geben will. Weil es sich meistens lohnt, mit meinen Mitmenschen ins Gespräch über etwas zu kommen. Vielleicht lässt sich damit nicht alles lösen, aber manchmal kann man mit einer freundlichen Nachfrage schon viel erreichen.

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22JUN2021
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Mein achtjähriger Neffe Bruno ist großer Harry Potter Fan. Er liest jeden Abend mit seinem Vater daraus. Über den Zauberschüler, der gemeinsam mit seinen Freundinnen und Freunden große Abenteuer erlebt und für das Gute kämpft.

Harry Potter ist nicht nur ein Held, sondern auch ein großes Vorbild für viele Kinder in Brunos Alter. Dabei wird er nicht gerade als Superheld geboren. Er verliert schon früh seine Eltern, sieht mit Brille und seinem blassen Gesicht eher schwächlich aus und läuft lieber davon, um Ärger aus dem Weg zu gehen. Bis er dann eines Tages an die Zauberschule kommt und zu einem mutigen Kämpfer für das Gute wird.

Nicht nur Bruno, sondern wir alle brauchen solche Vorbilder. Vorbilder, die dazu motivieren, uns für das Gute einzusetzen. Uns stark zu machen für jemanden oder etwas, das uns wichtig ist. Auch wenn wir uns klein und schwächlich fühlen. Wir brauchen Vorbilder, weil es so viel Hoffnung macht, wenn wir erfahren, dass es sich lohnt, sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Vorbilder verstecken sich nicht nur in Büchern und Abenteuergeschichten wie Harry Potter, sondern es gibt sie auch in unserem realen Leben. Dabei muss ich sofort an meine Kollegin denken, die das letzte halbe Jahr alles gegeben hat, um für ihre Schulklasse da zu sein. Sie hat den Kindern im Homeschooling Päckchen mit kleinen Aufmerksamkeiten nach Hause geschickt,und sich mit den Eltern beraten, wie sie diese Zeit gemeinsam am besten gestalten können. Und sie war besonders für die Kinder da, die sich zu Hause schwer tun mit all dem Lernstoff und der Einsamkeit.

Ich denke aber auch an meinen Neffen Bruno, der größer und stärker ist als die meisten Gleichaltrigen, aber sich immer um die Kleineren und Schwächeren kümmert, anstatt mit seiner Kraft seinen Willen durchzusetzen.

Das sind die Heldinnen und Helden in meiner Welt. Menschen, die mich motivieren, mich für eine bessere Welt einzusetzen. Die gar nicht dazu verpflichtet sind, etwas Gutes zu tun, aber an die Idee einer besseren Welt glauben und deshalb viel Energie und Zeit investieren, um das Gute wirklich werden zu lassen.

Niemand von uns wird als große Heldin oder Held geboren. Es gehört etwas dazu, wieder und wieder all meinen Mut zusammenzunehmen und mich für das Gute einzusetzen. Mein Neffe Bruno motiviert mich: Selbst zu einer Heldin für Andere zu werden.

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21JUN2021
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Heute ist dem Kalender nach Sommerstart. Heute beginnt die Jahreszeit, nach der sich so viele von uns gesehnt haben. Wie immer startet der Sommer mit dem längsten Tag des Jahres: Kein Tag im Jahr zählt so viele hellen Stunden wie der heute. Und diesen Tag, diesen Sommer haben wir uns wirklich verdient.

Nach all den letzten Monaten im Lockdown. Wir mussten auf vieles verzichten: Auf Hobbies, auf Treffen mit Familie und Bekannten, auf Reisen, auf Schule und Kindergarten und auf so vieles mehr. Und jetzt ist er endlich da: Der Sommer, in dem wieder einiges möglich ist.

Ich freue mich sehr auf diese Zeit, nehme aber auch einen wichtigen Gedanken mit. Ich habe ihn in einem Zitat von Albert Camus entdeckt:

„Mitten im tiefsten Winter wurde mir bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“

Ja, die vergangenen Monate waren auch für mich anstrengend. Gleichzeitig habe ich verstanden, dass mein Leben wahnsinnig wertvoll und reich ist. Ich habe in all dem Coronafrust großes Glück mit meinem Leben; denn mir ist so bewusst wie lange schon nicht mehr geworden, wer und was mir wichtig ist und was mein Leben wertvoll macht. Allein, wenn ich an meine Freundin denke, die immer ein offenes Ohr hat, egal wie oft ich über banale Dinge jammere. Oder an meinen Mann, dem es nie zu viel wird, auch wenn ich mal nicht mehr kann. Und auch meine Beziehung zu Gott. Oft, wenn ich zornig oder verzweifelt war, habe ich das bei ihm abgeladen. Das hat wirklich gut getan, weil ich fühle, dass er mir zuhört. Das alles sind Gründe, warum ich froh bin mit meinem Leben, auch in diesem Jahr 2021.
Weil auch in kalten Tagen mich diese Liebe umgibt – die Liebe Gottes und die Liebe meiner Mitmenschen. Die mir einfach so geschenkt wird, mitten in mein Leben rein.

Ich bin mir sicher: Ich werde in diesem Sommer auftanken. Ich werde die Treffen mit meinen Freundinnen und Freunden aufsaugen wie ein durstiger Schwamm. Werde unsere Ausflüge genießen und den Geschmack von Normalität und Alltag auskosten. Und das Schöne ist: Egal, wie schnell dieser Sommer vorübergeht, … ich werde es mit der Hoffnung tun, … dass der Sommer in mir … auch im kommenden Winter un-be-sieg-bar bleibt.

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