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20NOV2021
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Morgen ist Ewigkeitssonntag. Das ist der Tag, an dem in evangelischen Kirchen an die Verstorbenen des vergangenen Jahres gedacht wird. Ihre Namen werden im Gottesdienst laut vorgelesen und eine Kerze für sie angezündet. Die können die Hinterbliebenen nach dem Gottesdienst mitnehmen und auf die Gräber stellen.

Ich finde dieses Gedenken wichtig. Es tut mir gut, selbst, wenn ich im vergangenen Jahr niemanden aus meinem engeren Umfeld verlorenen habe. Aber dieser Tag holt den Tod ein Stück weit ins Leben. Und ich finde, da gehört er hin. Nichts verbindet uns Menschen so sehr miteinander wie die Tatsache, dass wir alle sterben müssen. Und zwar ganz unabhängig davon, wie wir unser Leben gelebt haben.

Der reichste Mensch der Welt wird eines Tages genauso sterben, wie die Frau, die für einen Niedriglohn in einer Zweigstelle seines Imperiums geputzt hat. Der berühmteste Popstar wird eines Tages sterben, genauso wie die unbekannte Musiklehrerin in der deutschen Kleinstadt. Die Richterin wird genauso sterben wie der Verurteilte. Es ist gut, dass der Ewigkeitssonntag das so sichtbar macht. Denn es zeigt: im Kern sind wir Menschen alle gleich: sterblich und verletzlich. Und deshalb sollten wir behutsam und zärtlich miteinander umgehen. Das Leben schützen, wo wir es schützen können. Aber auch den Tod als unabänderlich annehmen. Und gerade deshalb das Leben genießen.

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19NOV2021
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„Ach, dafür bin ich zu alt!“ Das sagt meine Freundin. Sie ist Anfang vierzig und hat das Gefühl, nicht an der Stelle im Leben zu sein, an der sie sein möchte. Aber wenn wir anfangen zu überlegen, was sich ändern könnte, sagt sie immer wieder: „Dafür bin ich zu alt!“

Ich kenne das gut. Mit 19 Jahren bin ich nicht um die Welt gereist, weil ich dachte, danach sei ich zu alt zum Studieren. Mit Mitte zwanzig wollte ich eine Ausbildung anfangen, aber fühlte mich zu alt zwischen all den Neunzehnjährigen. Mit dreißig hatte ich das Gefühl, nicht mehr in die Disco zu können, weil ich – ja genau - zu alt dafür sei. Als ich Vierzig war, bin ich ernsthaft krank geworden. Da habe ich mich dann plötzlich zu jung gefühlt – zu jung zum Sterben. Denn ich habe gemerkt: wenn ich jetzt sterben würde, dann würde ich mich vor allem darüber ärgern, was ich alles nicht getan habe. Auch, weil ich mich zu alt dafür gefühlt habe.

In der Bibel wird von einigen Menschen berichtet, die auch Skrupel in Bezug auf Ihr Alter hatten. Manche haben sich zu alt gefühlt: Abraham und Sarah zum Beispiel, denen im hohen Alter noch Nachwuchs angekündigt wurde. Andere fühlten sich zu jung, so wie der Prophet Jeremia, als er von Gott zum Boten auserwählt wurde. Sie alle haben erfahren: das Alter spielt fast nie die entscheidende Rolle. Für Gott zählt viel mehr, was Du kannst, woran Du Freude hast und was Du ersehnst. Nicht wie alt Du bist. Meiner Freundin sage ich: Ob Du zu alt bist, das ist die falsche Frage. Und ich frage sie: Wonach sehnst Du Dich, worin liegen Deine Begabungen und was macht Dir Freude? Das sind die Fragen, die weiterführen. Und dann wird vielleicht deutlich, wie sich das Leben ändern kann, damit es gut ist. So gut, dass Du ganz am Ende zufrieden sein kannst, weil Du die Möglichkeiten, die sich Dir geboten haben, genutzt hast. 

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18NOV2021
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Things take time. Take time! Dinge brauchen Zeit – nimm Dir Zeit. Den Satz habe ich in einem Magazin gelesen. Er stammt von der Australischen Sängerin Courtney Barnett. Eine Binsenweisheit? Es gibt auch eine biblische Variante dieses Satzes, die ist 3000 Jahre alt. „Alles hat seine Zeit und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ heißt es dort. Auch schon 1000mal gehört. Und trotzdem, als ich diesen Satz jetzt wieder gelesen habe, habe ich mich getröstet gefühlt. Denn oft hetze ich durch den Alltag. Und ich glaube, das geht nicht nur mir so. Viele sprechen von der Rushhour des Lebens und meinen damit die Zeit zwischen 30 und 50. 20 Jahre Hetze.

Im Ernst? Wie wohltuend ist da die einfache Feststellung: Dinge brauchen ihre Zeit. Nimm sie Dir! Ich glaube, man kann das üben, so durch das Leben zu gehen. Und der Herbst ist gar keine schlechte Zeit dafür. Da ist die Welt sowieso irgendwie entschleunigt. Wenn es draußen kalt ist und regnerisch. Und es so früh dunkel wird. Den Dingen die Zeit geben, die sie brauchen. Zum Beispiel einen Hefekuchen backen. Oder in Ruhe die neue Serie schauen. Ganz ohne Vorspulen, um schneller fertig zu werden. Einen Text schreiben, der Hand und Fuß hat. Einen Auftrag erfüllen und auf die zündende Idee warten können. Wenn ich den Dingen die Zeit einräume, die sie brauchen, dann spüre ich schnell: ich bekomme etwas zurück. Ich bin ruhiger und kann mehr bei der Sache sein. Und am Ende bin ich meistens zufriedener mit dem Ergebnis. Dinge brauchen ihre Zeit – vielleicht ist es an der Zeit, sie ihnen einzuräumen.

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17NOV2021
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Unsere Katze war krank. Natürlich sind wir mit ihr zum Tierarzt, aber die Ärztin war erst mal ratlos. Und wir haben uns Sorgen gemacht. Seit sieben Jahren leben wir nun schon mit diesem Tier zusammen. Sie tröstet die Kinder, wenn die stummes Einverständnis mehr brauchen als gute Worte. Sie beruhigt uns Eltern, wenn wir abends müde auf dem Sofa sitzen. Und sie unterbricht immer wieder den Alltagstrott – wenn sie sich zum Beispiel quer auf die Tastatur des Laptops legt, weil sie unbedingt gestreichelt werden will. Das nervt gewaltig und ist doch auch sehr heilsam!

Es tut gut, sein Leben mit einem Tier zu teilen – egal ob Katze, Hund oder Wüstenspringmaus. Es ist erwiesen, dass das Streicheln von Fell den Blutdruck senkt. Die Gemeinschaft mit einem Tier hilft auch gegen Einsamkeit. Und ich kenne kaum ein schöneres Gefühl, als von der unbändigen Freude eines Hundes begrüßt zu werden, wenn man nach Hause kommt. Ich kann daher verstehen, dass viele Menschen sich in der Pandemie ein Tier angeschafft haben. Aber zu all den schönen Seiten gehört auch eine Menge Verantwortung. Und auch Bangen und Sorgen, wenn ein geliebtes Tier krank wird. Das gehört zum Zusammenleben dazu.

In der Bibel steht sogar, dass wir dazu verpflichtet sind, uns um die Tiere zu kümmern. Als Teil der Schöpfungsgemeinschaft ist das unsere Aufgabe. Aber die beschränkt sich nicht auf Haustiere. Dazu gehören auch Insekten und Vögel, Rinder und Schweine, Wattwürmer und Orang-Utans. Und da gibt es allerhand Gründe, sich Sorgen zu machen. Denn vielen Tieren auf der Erde geht es nicht gut. Sei es, weil sie als bloße Fleischlieferanten gesehen werden, oder, weil ihr Lebensraum bedroht ist. Wenn ein Bruchteil der Liebe zu unseren Haustieren dazu genutzt werden würde, diesen Tieren zu helfen – es wäre schon viel gewonnen. Unsere Katze ist übrigens wieder gesund geworden. Und ich wünsche mir sehr, dass es für die vielen bedrohten Tierarten auf unserem Planeten auch ein HappyEnd geben wird.

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16NOV2021
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Die Kontrolle verlieren. Das ist für viele ein unangenehmes Gefühl. Es fühlt sich einfach besser an, Herrin der Lage zu sein. Zu wissen, was kommt und das im besten Fall auch noch steuern zu können. So kenne ich das von mir. Und ich kenne auch die Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Nun habe ich den schönen Satz gelesen: you can´t loose, what you never had – also: Du kannst nicht verlieren, was Du nie besessen hast.

Die Regisseurin und Aktivistin Lena Dunham hat das geschrieben. Sie ist in den vergangenen Jahren oft krank gewesen. Sie leidet an einer chronischen Entzündung, die sehr schmerzhaft ist. Sie musste die Erfahrung machen: ich habe keine Kontrolle mehr über mein Leben. Die Krankheit hat mich voll im Griff. Und immer wieder musste Sie Pläne aufgeben und sich neu orientieren. Und ich glaube, auch ohne eine solche ernsthafte Erkrankung hat die Pandemie den meisten vor Augen geführt, wie wenig Kontrolle wir über unser Leben? haben. Aber muss uns das Angst machen? „Du kannst nicht verlieren, was Du nie hattest!“ sagt Lena Dunham.  „Der Mensch denkt und Gott lenkt!“ so formuliert es die Bibel. Wenn man so auf das Leben blickt, dann muss man keine Angst haben. Als Christin vertraue ich darauf, auch wenn ich die Kontrolle nicht habe, da ist einer, der hat das Ganze im Blick. Und selbst im größten Chaos kann ich mich darauf verlassen: er steht an meiner Seite und leitet mich durch das Durcheinander. You cant´t loose what you never had – aber du kannst Dich darauf verlassen, da ist einer und der meint es gut mit Dir.

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15NOV2021
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Bei uns im Garten leben viele Elstern. Jetzt im November  fallen sie in den kahlen Bäumen besonders auf. Und ihr lautes Gemecker ist weithin zu hören. Sie sind nicht besonders beliebt, diese schwarz-weißen Rabenvögel. Hier bei uns galten sie lange als Unheilboten und Hexentiere. Und die diebische Elster ist immer noch sprichwörtlich. Ich kann mich erinnern: in meiner Kindheit hat der Nachbar sogar versucht, sie mit einem Luftgewehr aus seinem Garten fern zu halten.

 Und weil ich es ganz gut finde zu wissen, mit wem ich den Garten teile, habe ich mal ein bisschen nachgelesen. Und dabei gemerkt: Die Elster ist viel besser als ihr Ruf. Die Tiere binden sich zum Beispiel ein Leben lang an einen Partner. Erst wenn ein Tier stirbt, endet diese Verbindung. Und nachts, vor allem im Winter, gründen sie Schlafgemeinschaften. Da treffen sich bis zu 100 Elstern, Singles und Paare.  Sie suchen sich abgelegene, sichere Orte und kuscheln sich aneinander, um die kalten Winternächte zu überstehen. Das finde ich sehr anrührend. Und irgendwie auch vorbildhaft. Wenn ich daran denke, wie viele Menschen in Deutschland auf der Straße leben. Jetzt, wo es bald Winter wird. Frieren und sich alleine durchschlagen müssen. Ich bin froh, dass es Initiativen gibt, die sich um die kümmern, die nachts vom Erfrieren bedroht sind. Es ist gut, dass es Nachtasyle und sichere Schlafplätze gibt. Aber es bleibt ein Unding, dass es das in unserem reichen Land überhaupt geben muss. Sogar die Elstern bekommen das besser hin als wir.

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14NOV2021
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Heute ist Volkstrauertag. Heute wird bundesweit an die Opfer von Kriegen und Gewalt erinnert. Dazu gibt es auch eine Gedenkfeier im Bundestag. Zum ersten Mal wurde der Tag 1952 begangen. Da war der zweite Weltkrieg erst wenige Jahre vorüber. Damals war die Trauer um die im Krieg Getöteten noch schmerzlich in fast jeder Familie zu spüren. Viele Menschen wurden noch vermisst oder waren in Gefangenenlagern.

Heute sind es immer weniger, die den zweiten Weltkrieg selbst miterlebt haben. Und trotzdem bleibt dieser Tag wichtig, auch wenn das Gedenken nun in eine andere Richtung geht. Denn es gibt weiterhin Krieg auf der Welt. Über 20 Kriege sind es derzeit. Wenn ich ehrlich bin: Ich könnte nicht einmal die Hälfte dieser Kriegsgebiete benennen. Das erschreckt mich. Denn da sterben Menschen, jeden Tag. Und andere leben in ständiger Angst und unter menschenverachtenden Bedingungen.

Ich bin dankbar, dass ich nicht am eigenen Leib erfahren musste, was es heißt, im Krieg zu leben. Und ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie das niemals erfahren müssen. Aber ich glaube, das ist nicht selbstverständlich. Es bleibt unsere Aufgabe, uns einzusetzen für den Frieden.

Angesichts der Situation weltweit ist das eine übergroße Aufgabe. Aber anfangen kann ich damit auch im Kleinen. Wenn ich meinen Kindern zuhöre, auch wenn ich im Stress bin. Wenn ich die Kollegin respektiere, obwohl sie Ansichten vertritt, die mir fremd sind. Wenn ich einen Streit ohne Gewalt löse, auch wenn ich die Macht hätte, die andern einfach auszuschalten, dann ist das ein Beitrag zum Frieden. Es fängt bei einzelnen Menschen an – denn letztlich sind es Politiker und Politikerinnen, die als Personen über Krieg und Frieden entscheiden. Also einzelne Menschen, so wie Sie und ich. Wäre es nicht wunderbar, wenn wir täglich miteinander den Frieden üben würden – nicht nur am Volkstrauertag. Bis alle Menschen vergessen haben, was es heißt, im Krieg zu leben.

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01NOV2021
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Manu Theobald

Janine Knoop-Bauer trifft Manu Theobald, Fotografin und Autorin

Stille als Widerstandskraft?

Heute an Allerheiligen beginnt eine stille Zeit im Kirchenjahr. Die Tage werden kürzer und so wie sich die Natur immer weiter in sich zurückzieht, spüre auch ich: Ich sehne mich nach Einkehr und Ruhe. So bin ich auf die Fotografin und Autorin aufmerksam geworden. Sie hat ein Buch über die Stille geschrieben. Darin porträtiert sie ganz unterschiedliche Menschen, die etwas über Ihre Erfahrungen mit Stille erzählen:

beginnend mit dem Astronauten, der einen Blick von oben auf die Welt wirft und kurz daran erinnert, was für ein wahnsinniges Wunder es ist, dass Leben auf diesem Planeten entstanden ist. Gefolgt von der Höhlenforscherin und Mikrobiologin, die dasselbe veranschaulicht, was für ein wahnsinniges Wunder ist, wie vom Einzeller der Mehrzeller bis zu unserer Menschheit eben entstand. Dann kommt die Hebamme, die uns … mit der Geburt in die Welt bringt, was alle Wesen auf dieser Welt eint. Und am Schluss endet das mit dem Sterbehelfer und Hospiz Begründer, der eben über Stille und den Tod spricht. Und alle anderen dazwischen wollen uns daran erinnern, dass wir eine Hommage an das Leben geben und dass Stille eine große Einladung ist, die uns hilft, dieses Leben zu feiern.

Für Manu Theobald ist klar:  Stille verbindet die Menschen: miteinander, aber auch mit etwas, das über jeden und jede einzelne hinausgeht:

Also die Stille ist auf jeden Fall eine Brücke, ein großer Verbinder in einen wesentlich größeren Raum.

Ich erlebe diese stille Verbindung zu einem größeren Raum im Gebet. Aus christlicher Sicht ist das eine Möglichkeit, sich Gott zu nähern. Manu Theobald möchte den Begriff jedoch weiter fassen. Für sie sind es allgemeine menschliche Fragen, die sich in der Stille klären können. Ganz unabhängig davon, zu welchem Glauben man sich bekennt oder ob man überhaupt glaubt:

Also wie kann ich der Unvorhersehbarkeit des Lebens aus einer inneren Stabilität heraus begegnen? Wie kann ich mit so viel Prägung und gesellschaftlichen Vorgaben zu einem selbstbestimmten Leben finden? Wie kann ich meine Sinne weiter befeuern und nicht verkümmern lassen?

Die unterschiedlichen Menschen in Theobalds Buch haben diese Fragen auf verschiedene Weise für sich beantwortet. Was sie alle miteinander verbindet ist, dass die Stille ihnen dabei geholfen hat. Und noch etwas haben die Porträtierten gemein:

Menschen … die vor allen Dingen eint, dass sie große Widrigkeiten in ihrem Leben überwunden haben und damit uns wahnsinnig beispielgebende Vorbilder sind, auch in ihren Geschichten, an denen sie uns teilhaben lassen. Wie sie rangegangen sind, wie sie Ängste überwunden haben, wie sie Berufsziele verwirklicht haben, obwohl Fakten erstmal dagegen sprechen, wenn eine Frau, die  …  ihr Gehör verloren hat, Musikerin werden möchte oder ein Mann, der ohne Augenlicht zur Welt kommt, eben Extremkletterer werden möchte und sie es aber trotzdem hinbekommen haben.

Stille als Lebenskraft

Manu Theobald ist Fotografin und Autorin. In ihrem neuesten Buch hat sie verschiedene Menschen porträtiert, die erzählen, was Stille für sie bedeutet. Was mich beim Lesen besonders erstaunt hat: Alle verbinden  Stille mit Lebendigkeit und Vitalität. Manu Theobald unterstreicht diesen Eindruck:

In der letztendlichen Konsequenz ist das Gegenteil von Stille tatsächlich der Tod, weil mit der Stille fängt ein bewussteres Leben an und damit auch ein sicherlich reichhaltigeres Leben. … Im Alltag, könnte man sagen, gibt es viele Gegenstücke zu Stille, die natürlich mit Lärm zu definieren sind. Oder auch Bewegungsstarre. … vielleicht auch Grobheit, Unbewusstheit, all das, was eigentlich verhindert, das Lebenzu huldigen.

Darum geht es Manu Theobald – dem Leben zu huldigen und es zu feiern.

eine Hommage an das Innehalten und Lauschen. Eine Einladung, sich mit allen Sinnen für das Wunder Leben zu öffnen.

Und dabei zu neu zu spüren, wie alles Lebendige miteinander verbunden ist. Als Theologin würde ich sagen: einzuüben, sich als Geschöpf zu verstehen. Manu Theobald kann das am Besten in der Natur:

weil die Natur uns natürlich sofort vergegenwärtigt, dass wir Teil eines größeren Konzept sind. Und das ist jedem Menschen klar, wenn er in den Sternenhimmel guckt, dass die Dimensionen sehr groß sind und die Relationen auch. Und oftmals relativiert das auch tatsächlich die Probleme oder das Um-sich-selbst-Kreisen… Und tatsächlich ist es in der Natur so, dass man sehr schnell Beobachter wird, anderer und selbstvergessener wird. Und das schätze ich sehr daran, dass es sofort so ein Shiftwechsel gibt.

Neben der Natur sind für mich auch Kirchen solche Orte der Unterbrechung. Wo ich zur Ruhe kommen kann – und es durch die äußere Stille auch still wird in mir. In der Stille spüre ich, wie ich wieder in Kontakt komme mit mir selbst. Meistens hilft mir das im Alltagstrubel besser zu bestehen. Manu Theobald wünscht sich, dass immer mehr Menschen, die Stille für sich entdecken.

ich würde mich freuen, wenn viele Menschen versuchen, Stille in ihren Tag einzubauen, indem sie immer wieder innehalten und anfangen, eine Art geistige Hygiene zu kultivieren. Indem man mitbekommt, was denke ich überhaupt, was passiert gerade eben überhaupt, was gibt es zu tun und damit vielleicht etwas in ihrem Leben kultivieren, was sie mit einer körperlichen Hygiene selbst längst als selbstverständlich empfinden.

Wenn heute an Allerheiligen die stille Zeit im Kirchenjahr beginnt, will ich gerne versuchen, diese Art geistiger Hygiene für mich zu kultivieren. Damit die Stille auch bei mir ankommt.

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17OKT2021
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Wenn ich mir die Hobbys mancher Menschen ansehe dann denke ich manchmal: Halten die sich eigentlich für unverwundbar? Marathon-Laufen, Free-Climbing in senkrechten Felswänden oder mit dem Fahrrad die steilsten Strecken meistern - ohne E-Bike, versteht sich. Ich kann das schon verstehen:  Wenn der Körper gesund ist dann kann es total befriedigend sein bis an die Grenzen zu gehen und darüber hinaus. Nicht nur in der Freizeit oder im Extremsport, sondern auch im Alltag. Eine 60 Stunden Woche – kein Problem. Die kranke Mutter pflegen trotz Halbtagsjob und kleinen Kindern – machbar. Aber es ist trügerisch sich unverwundbar zu fühlen.

Darum geht es heute in vielen evangelischen Gottesdiensten. Ein Prediger aus alttestamentarischer Zeit erinnert die Menschen daran, dass das Leben endlich und verletzlich ist. (Prediger 12, 1-7) Er sagt: solange die Menschen jung sind fühlen sie sich oft so, als ob sie ewig leben würden. Aber unweigerlich kommen Zeiten, in denen die Kraft nachlässt. Manche spüren das Alter, andere werden in jungen Jahren krank und müssen sich deshalb schon früher damit auseinandersetzen. Aber für alle Menschen gilt: Niemand lebt ewig und eines Tages müssen wir sterben. Das ist kein angenehmer Gedanke. Und viele schieben ihn bei Seite: Warum daran denken, wenn man sich gerade unverwundbar fühlt? Der Prediger erinnert daran: es ist auch eine große Chance, über die eigene Verletzlichkeit nachzudenken. Für ihn gilt deshalb: wichtig im Leben ist vor allem Gott nicht zu vergessen. Denk an Gott, sagt er. Denk daran, dass Du geschaffen wurdest. Denk daran, dass Dein Leben einen Anfangspunkt hat und einen Endpunkt – und beides, Anfang und Ende bei Gott liegen. Wer sich das bewusst macht, der kann sich davor schützen seine Kraft achtlos zu verschwenden: Denke an deine Grenzen. Was hast Du davon, wenn du dich völlig auspowerst und am Abend keine Kraft mehr für deine Freunde hast? Was ist wirklich wichtig und wann sollte ich es auch einmal ruhiger angehen lassen? Vielleicht hilft es auch dabei widerständiger zu werden. Ist es z.B. wirklich nötig dauerhaft 60 Stunden in der Woche zu arbeiten. Vielleicht versteht die Chefin ja doch, dass gesunde und ausgeruhte Mitarbeiter langfristig viel leistungsfähiger sind? Und die Dreifachbelastung, die viele Familien stemmen, wenn sie sich um Kinder, Eltern und Job kümmern.

Vielleicht hilft ein deutliches: Das geht so nicht! dabei Lösungen zu finden, wie die Last auf mehreren Schultern verteilt werden kann. Natürlich -  es gibt Situationen im Leben, bei denen man an seine Grenzen gehen muss. Aber gerade dann, wenn ich mich unverwundbar fühle, tut es gut sich zu erinnern: Mein Leben hat einen Anfang und ein Ende. Und es ist meine Aufgabe die Zeit dazwischen achtsam zu leben. Darum: Denk an Gott. Und nutze Deine Kraft klug.

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09OKT2021
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Wo ist Gott? Eine alte Frage, die noch immer aktuell ist. Der Mystiker Meister Eckhart meinte schon vor 750 Jahren: man muss gar nicht weit gehen um Gott zu finden. Er schreibt

„Du brauchst Gott weder hier noch dort zu suchen; Er ist nicht ferner als vor der Tür des Herzens. Da steht er und wartet, ob sich jemand findet, der ihm auftue und ihn einlasse.“

Meister Eckhart, zitiert nach: Wurzeln und Visionen. Auf den Spuren einer lebendigen Kirche

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