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02MAI2021
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Janine Knoop-Bauer trifft: Dr. Kerstin Söderblom, Hochschulpfarrerin der esg Mainz

Ich treffe die promovierte Theologin und Seelsorgerin via zoom. Seit etwas über einem Jahr ist sie Pfarrerin der Studierendengemeinde in Mainz – sie kennt die Arbeit bisher nur unter Pandemiebedingungen. Was sind Ihre Aufgaben habe ich sie gefragt.

Also zunächst einmal ganz banal: Ich … als Pfarrerin, bin da für alle Belange. Als Seelsorgerin habe ich ein Ohr, höre zu, gerade jetzt in Krisenzeiten. Das, was die Studierenden mitbringen, sei es am Telefon, sei es in der Videokonferenz, sei es im Gespräch analog - was wir im letzten Jahr immer, wenn es ging, auch gemacht haben oder auf unseren berühmten Seelsorge Spaziergängen. … mit einem Studenten oder einer Studentin. Also ein Seelsorge - ein Beratungsspaziergang, der sich als sehr, sehr hilfreich und kostbar gezeigt hat.

Kreativ sein und Kontakt ermöglichen – trotz Abstandsgebot. In Mainz ist die Studierendengemeinde mittendrin. Mit Wohnheim und sogar einer eigenen Kirche. Ganz ähnlich wie eine „normale“ Kirchengemeinde und doch eben nicht für alle Altersgruppen:

Sondern für Studierende, die 20 bis 30 Jahre alt sind und entsprechend zielgruppenspezifisch mit deren Sprache, deren Musik, deren Themen. … Wir missionieren nicht. Wir bekehren nicht, sondern wir hören zu und checken, was die jungen Leute wollen. Und das setzen wir gemeinsam um. 9,12

Das, was die jungen Leute wollen hat sich im vergangenen Jahr geändert. Weil ganz grundlegende studentische Erfahrungen gar nicht möglich sind. Viele Studierende sind wegen der Pandemie wieder nach Hause gezogen – in ihr altes Kinderzimmer. Auch weil Verdienstmöglichkeiten weggefallen sind und die Mieten einfach zu teuer. Für die jungen Leute ist das bitter.

Wir haben es mit Studierenden zu tun im dritten Semester, die noch nie eine Uni von innen gesehen haben, die nicht wissen, wie die Uni-Räume aussehen, die ihre Professoren nur aus einer Kachel kennen. Wenn man hier in Mainz über den Campus geht, das ist gruselig. Das ist irgendwie so wie aus so einer Dystopie nach irgendwelchen Einschlägen oder sonst irgendetwas. Also da ist wenig los und 20 bis 30-Jährige - man muss kein Psychologe/Psychologin sein, um zu wissen, dass das in der Persönlichkeitsentwicklung die Jahre sind, wo die sich ausprobieren müssen, wo die Peer-Group entscheidend ist, wo die lernen müssen, Partnerschaften zu leben, Sexualität ausprobieren, wer bin ich? Und wenn ja, wie viele? Welche Identität ist meine? Gehört Religion zu mir oder nicht? Was ist meine Weltanschauung, des müssen die mit den jungen Leuten unter sich erstmal aushandeln.

Der Glaube als Kraft-Ressource

Kerstin Söderblom ist Hochschulpfarrerin in Mainz. Zu Ihr und Ihrem Kollegen kommen Studierende aller Fachrichtungen. Sie beobachten mit Sorge, dass seit Beginn der Pandemie immer mehr Studierende Beratungsbedarf haben. Sie hat den Eindruck: Die Studierenden werden nun schon seit über einem Jahr immer wieder dazu angehalten Rücksicht zu nehmen. Das tun sie auch gerne meint Sie, aber zu einem hohen Preis.

Ein Jahr später sehe ich als Seelsorgerin und Beraterin, dass das auf ihre Kosten geht. … die spezifischen Belange von 20-Jährigen, die eine ganz, ganz entscheidende Entwicklungsphase in ihrer Persönlichkeitsentwicklung haben, die ist irgendwo zwischen allen Stühlen hinten runtergefallen. Und diese Leute, die nicht gehört werden, die nicht ernst genommen werden und die mit ihren Sorgen - und ich sage es jetzt mal scharf: mindestens depressiven Verstimmung an vielen Orten und völliger Isolation, … die damit alleingelassen werden.

Die Studierenden sind froh über das analoge Angebot der Kirche.

Ein Student, der zu mir kommt und mir erzählt acht Stunden plus vor dem digitalen Schirm. Ich verliere irgendwie meine Zeitstruktur. Ich verliere meinen Lebensrhythmus, und ich verliere ein Gefühl dafür: ist jetzt eigentlich morgens, mittags, abends … und ich muss das einfach mal erzählen.

Oft geht es in den Gesprächen darum den Alltag zu bewältigen, erzählt sie – mit der Einsamkeit klarzukommen. Manchmal helfen da schon ganz einfache Ideen und Tipps

Wann stehe ich auf? Wann mache ich Bewegung? Wann ist auch mal frische Luft dran? Wann mache ich was und wie und kochen auch nicht bitte nur Pizza. Aber eben daneben auch die Frage: Wie kommt Spiritualität zurück in mein Leben? Ich vermisse es, aber ich kriege es also überhaupt nicht mehr gebacken, weil ihr die Sprache fehlt, weil mir eigentlich alles fehlt.

Sprache finden für das, was schwer ist. Aber auch Sprache finden für das was hilft. Quellen finden, aus denen man Kraft schöpfen kann. Dass Glauben und Verstehen können zusammengehören, dafür steht kerstin Söderblom ein. Auch als rolemodel mit den Erfahrungen, die sie persönlich mitbringt.

Meine Rolle ist tatsächlich so etwas wie eine Glaubenszeugin zu sein. Also eine, die glaubt und trotzdem mit festen Füßen auf dem Boden steht, ihren Verstand, nicht ausschaltet, sondern akademisch und wissenschaftlich gebildet ist, eine Promotion geschrieben hat und sich sehr gut auch im Wissenschaftsdiskurs auskennt. Und dass sich das nicht widerspricht. Und das, was ich tue, ist Angebote machen. Ich versuche tatsächlich, biblische Geschichten mit Lebensgeschichten in den Dialog zu bringen, in Schwingung zu bringen und mit Studierenden zusammen zu schauen: Was haben denn biblische Geschichten heute noch mit unserem Alltag zu tun?Und so kommen wir ins Gespräch. So kann eine biblische Geschichte auch zu einer Hoffnungsgeschichte für Lebensgeschichten heute werden.

 

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05APR2021
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Dr. Thorsten Latzel ekir.de/Dominik Asbach

Janine Knoop-Bauer trifft Dr. Thorsten Latzel, Präses der evangelischen Kirche im Rheinland

Hoffnung ist nicht naiv

Seit zwei Wochen ist er offiziell der leitende Geistliche, genannt: Präses der evangelischen Kirche im Rheinland. Über 2 Millionen Mitglieder gehören dazu. Eine große Aufgabe. Thorsten Latzel steht am Anfang. Aber da steht er gerne.

Es ist ja ganz interessant, dass die Bibel mit den Worten anfängt: „am Anfang“. Gott ist eigentlich ein Anfänger. Jemand, der einen neuen Anfang setzt, immer wieder im Leben von uns, von uns Menschen. (…) Unser Leben ist wunderschön und manchmal schwierig. Und es ist endlich. Alle Dinge in meinem Leben haben ihre eigene Zeit. Und es ist Teil meines Glaubens, dass ich das Zeitliche segnen kann, also Sachen ihre eigene Zeit lassen kann und mich wieder auf Neues einlassen.

Ein Neubeginn ist auch Ostern. An Ostern feiern wir, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Neues Leben entsteht gegen alle Wahrscheinlichkeit. Torsten Latzel versteht das so:

Auferstehung heißt, dass Gott sich an die Seite dieses Menschen Jesus von Nazareth stellt, der Liebe lebte, mit Sündern aß, Kinder segnete, Kranke heilte und für diesen Einsatz, für eine unbedingte Liebe und Annahme des anderen starb. (…) Und in dem Moment, als er am Kreuz stirbt mit dem Schrei der Gottverlassenheit: „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ genau da ist Gott gegenwärtig gewesen. Und das ist der Grund unserer Hoffnung, dass wir auch in Momenten, in denen wir von Gottesliebe oder Gegenwart oft nicht spüren können, trotzdem die Hoffnung haben, dass Gott bei uns ist.

Viele sind in diesen Tagen erschöpft. Jetzt an Ostern spüre ich besonders: Mir fehlen andere Menschen – mir fehlt Kontakt und unbeschwertes Zusammensein. Für Thorsten Latzel ist das genau die Situation von Ostern. Da passiert etwas mit den Menschen, die selbst nicht mehr mit dem Guten rechnen:

Hoffnung ist da etwas Anderes als Optimismus. Hoffnung ist nicht naiv und sagt einfach es wird schon alles besser werden oder gut werden, sondern Hoffnung hält an einer anderen Perspektive, auf unsere Wirklichkeit fest, auch wenn wir die selber manchmal gar nicht wahrnehmen, begründen oder herleiten können.

Ich verstehe: Manche Dinge kann man sich nicht selber sagen. Da muss jemand von außen kommen - mit den richtigen Worten zur rechten Zeit. Und genau das ist eine Aufgabe der Kirche. Dafür will er als Präses der evangelischen Kirche im Rheinland einstehen: Für eine Kirche, die auf die Menschen zugeht. Natürlich kann er das nicht alleine.

Es braucht (…) die Menschen, die sagen ja, ich kümmere mich nicht nur um mich selbst, sondern mir ist es nicht egal, wie es anderen Menschen geht, und bringe mich der ein und denke über den Horizont, den Tellerrand meines eigenen Lebens hinaus.

Eine Kirche die hört und zu den Menschen geht

Thorsten Latzel ist Theologe und vertritt als Präses der evangelischen Kirche im Rheinland über 2 Millionen Gläubige. Als ehemaliger Leiter der evangelischen Akademie in Frankfurt ist er mit den aktuellen gesellschaftlichen Fragen vertraut. Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist, habe ich gelernt. Wie kann Kirche für die Menschen heute da sein? Was brauchen sie von der Kirche?

 (…)Also man verhält sich ja nicht zu der Kirche, sondern dazu, wie der letzte Gottesdienst gewesen ist oder (…) wie der Konfirmandenunterricht gewesen ist und da sorgsam zu pflegen,den Kontakt zu jeder einzelnen Person neu danach befragen: Wie können wir als Institution sie in ihrem Leben stärken, dass sie fröhlich getrost leben können? Dass sie Halt haben in den schönen wie schwierigen Zeiten ihres Lebens, dass sie ihren Glauben leben können? Was können wir als Institution dazu beitragen?

Kirche ist also zuerst eine hörende Kirche, eine, die auf die Menschen zugeht und nicht wartet, dass die Menschen kommen. So verstehe ich Thorsten Latzel. Daraus ergibt sich ein sehr klarer Auftrag der Kirche. Und Werte, wie wir in unserer Gesellschaft miteinander leben.
Es ist wichtig, dass wir in dem anderen immer Christus und damit Gott begegnen. (…) Das hat politische Folgen an vielen Stellen, dass wir wirklich sagen konkret: wie gestalten wir unsere Gesellschaft nach Corona, dass wir die Lasten fair aufteilen, dass wir dafür sorgen, dass die Schere von Arm und Reich nicht weiter auseinandergeht, dass wir mit unserer Schöpfung, die uns anvertraut ist, so umgehen, dass wir selber nicht Herren dieser Schöpfung sind, sondern wirklich verantwortlich. Wir sind Gast auf einen schönen Stern, wie Thielecke ein Theologe, einmal gesagt hat.

Ich stelle es mir nicht leicht vor, eine so große Institution wie die Kirche mit all ihren bürokratischen Prozessen in diesem Sinne zu gestalten. Aber Thorsten Latzel hofft darauf, dass junge Menschen sich einbringen, dass so eine Art Graswurzelbewegung entsteht in den Städten und Kommunen. Und dieser Bewegung bieten die Kirchen Raum und Rückhalt. Das ist für Thorsten Latzel kein einfacher Weg. Aber einer, den er gerne und zuversichtlich geht.

Was mir persönlich Hoffnung gibt, ist der Glaube, dass Gott mein Leben hält und ich viele Punkte in meinem Leben wirklich in seine Hand geben kann. Beten ist da für mich eine wirklich gute Auszeit, um den Blick zu weiten, (…) Ruhe zu finden, gerade wenn viel los ist und das gibt mir eine Freiheit immer wieder anders mit mir selbst und meinen Fehlern meinen Grenzen umgehen zu können. (…) Es gibt dieses Lied von Paul Gerhardt: „Der Wolken, Luft und Winden gibt, Weg gelaufen und Bahn David auch Wege finden, da mein Fuß gehen kann.“ Da sind die Alten wirklich weise gewesen im Umgang mit dem eigenen Leben.

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28MRZ2021
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Enttäuschte Erwartungen, darum geht es an diesem Sonntag in den evangelischen Kirchen. Wie gehen wir damit um? In diesem Jahr haben viele mit enttäuschten Erwartungen umgehen müssen und müssen es noch. Jubilaren, die ihre runden Geburtstage ganz ohne Gäste verbracht haben. Brautpaare, die Ihre Hochzeiten absagen mussten, Theatermenschen ohne Publikum, Gastronomen ohne Gäste.

An Palmsonntag erinnern sich Christen und Christinnen daran, wie Jesus nach Jerusalem kommt. Damals haben die Leute dort große Erwartungen an diesen jungen Mann aus Nazareth. Er hat mit allerhand Wundern von sich reden gemacht. Und nichts weniger erhoffen sich die Menschen in Jerusalem nun auch für sich. Deshalb stehen sie am Straßenrand und jubeln ihm zu. Endlich einer, der für sie kämpfen wird. Der die Militärdiktatur der Römer beendet und das Volk befreit. Aber sie werden enttäuscht. Denn der, der da kommt ist ganz anders, als sie das erwarten. Er ruft nicht zu den Waffen. Jesus ergibt sich widerstandslos. Er nimmt das Urteil an, das über ihn gefällt wird und wird hingerichtet.

Wie sollen sie damit umgehen? Alle Erwartungen begraben? Der Predigttext, der heute in den meisten evangelischen Kirchen ausgelegt wird sagt: Im Gegenteil! Seht auf den Mann aus Nazareth, steht da, denn er zeigt, was es heißt: das Leben vertrauensvoll in Gottes Hand zu geben. Auch und gerade dann, wenn das Leben schwer ist, wenn es vielleicht sogar zu Ende geht.

Jesus legt seine Erwartungen in Gottes Hand. Auch die Erwartungen, die bitter enttäuscht werden. Denn bis zuletzt hat Jesu gehofft, nicht sterben zu müssen. Diese Hoffnung ist zwar bitter enttäuscht worden, aber damit war sein Leben, seine Mission, seine Geschichte eben nicht zu Ende. Im Gegenteil. Sie fing erst richtig an.

Und so ging es auch den Menschen damals in Jerusalem. Sie haben auf die Befreiung von den Römern gehofft. Was sie erfahren haben ist, dass sie einer von der Macht des Todes befreit hat.

Sie haben erlebt: wo man nicht mehr mit dem Leben rechnet, genau da wird Leben sichtbar. Wer das einmal erlebt hat, der setzt hinter alle Enttäuschung erst einmal ein Fragezeichen. Wie soll ich mit dieser Enttäuschung umgehen, die ich grade erlebe? Ist es wirklich das Ende? Oder fängt damit vielleicht etwas Neues an – etwas Unerwartetes? Vielleicht!

Für mich ist diese Geschichte die Durchhalte-Parole, die ich gerade dringend brauche. Sie sagt mir: auch wenn wir nicht alles nachholen können, was gerade nicht möglich ist: Mein Leben wird trotzdem gehalten. Sie sagt mir: Da hat einer seine Enttäuschung in Gottes Hand gelegt. Und sagt: Ich bin bei euch mit euren zerbrochenen Träumen. Gebt nicht auf! Denn am Ende wird das Leben siegen. Und bis es soweit ist, bleibt beieinander in der Krise, richtet euch gegenseitig auf, schenkt einander Mut. Traut euch weiterhin, Großes zu erwarten. Ostern kommt. Nicht nur vielleicht. Ganz bestimmt! 

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20MRZ2021
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So viele Tote, sagt mein Sohn bestürzt, als er die neue Statistik der Corona Toten in den Radionachrichten hört. Er ist zwölf. Den Tod hat er schon kennengelernt, als sein Opa vor zwei Jahren gestorben ist. Aber vorstellen kann er sich das trotzdem nicht. Hinter jeder Zahl ein Mensch. Und dessen Freunde und Familie, die nun traurig sind. Wie lernen Kinder mit dem Tod zu leben? Gerade in diesen Zeiten, in denen so oft davon die Rede ist?

Ich glaube, wir brauchen Geschichten. Geschichten, die uns zeigen, wie das Leben ist. Und das gilt vor allem auch für Kinder. Sie merken schnell, was ihnen dabei hilft, das mit dem Tod besser zu verstehen. Deshalb wundert es mich nicht, wie begeistert meine Söhne von Harry Potter sind. Die Geschichte des Waisenjungen aus der Welt der Zauberer ist ohne den Tod nicht denkbar. Denn Harrys Eltern sterben, um ihn zu retten. Über viele hundert Seiten und sieben Jahre Schule lernt Harry, worin die Kraft dieses Opfers seiner Eltern liegt. Dass es ihre Liebe ist, die ihn seither schützt. Dabei erfährt er auch, wie Menschen sinnlos sterben. Und er erkennt, dass endloses Leben nicht erstrebenswert ist, wenn man ein Mensch bleiben will.

Natürlich passiert in den Büchern auch allerhand anderes. Aber die besondere Stärke der Geschichte liegt darin, dass der Tod von Anfang an dazugehört.

Das literarische Vorbild für solche Geschichten bleibt die Lebensgeschichte von Jesus. Auch wenn das meinen zwölfjährigen Sohn gerade nicht so interessiert. Jesu Leben ist ohne den Tod nicht denkbar. In den christlichen Kirchen leben wir gerade auf diesen Tod hin. Die Passionszeit, die sieben Wochen vor Ostern, gipfeln in der Erinnerung an Jesu Hinrichtung am Karfreitag. Er stirbt. Und seit über 2000 Jahren lernen wir immer wieder neu, was dieses Opfer für uns bedeutet. Gott hat entschieden, Mensch zu bleiben bis zum Schluss. Er spart den Tod nicht aus. Und hilft den Menschen gerade so, mit dem Tod besser leben zu können. Dafür zeigt er den Menschen eine Macht, die stärker ist als der Tod: Die Liebe.

Auch das findet sich bei Harry Potter wieder: Am Ende ist die Liebe der stärkste Zauber von allen. Und das ist ein Ende, mit dem ich gut leben kann.

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19MRZ2021
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Täglich erlebe ich Situationen, in denen mein Mut gefragt ist.  Das fängt damit an, dass ich gelegentlich „Nein“ sagen müsste. Nein zu bestimmten Erwartungen an mich. Wenn ich eine Rolle erfüllen soll, die mir viel zu eng ist.

Zum Beispiel, wenn von mir ganz selbstverständlich erwartet wird, täglich zu kochen – nur weil ich zufällig die einzige Frau in der Familie bin. Als Frau gibt es viele solcher kleinen Mutproben. Gerade jetzt in der Pandemie sehe ich, wie Frauen plötzlich wieder längst überholte Rollen bedienen sollen. Aber auch für Männer ist das ähnlich, glaube ich. Zum Beispiel, wenn sie „Nein“ sagen müssten zu einem Meeting um 18.00 Uhr, weil sie lieber mit ihren Kindern zusammen Abendessen wollen.

Meistens ist es ja gar nicht Angst, die in solchen Situationen daran hindert, mutig zu sein. Eher die Gewohnheit oder die Bequemlichkeit. Was kann helfen, im Alltag ein bisschen mutiger zu sein? Vorbilder können das, meint die Bibel (Hebr. 12,1-3). Vorbilder - das sind die, die vor mir waren. Ich stelle sie mir in einer langen Reihe vor, die Frauen, die vor mir da waren. Hand in Hand. Sie stehen hinter mir. Und das gibt mir Rückhalt.

Denn schon zu biblischen Zeiten sind Frauen gegen Rollen aufgestanden, die ihnen zu eng waren. Da ist zum Beispiel Lydia – die erste europäische Christin. Sie ist selbstständige Tuchhändlerin gewesen in einer Zeit, in der eigentlich nur Männer geschäftsfähig waren. Als der Apostel Paulus zum ersten Mal nach Europa gekommen ist, hat sie entschieden, sich taufen zulassen. So ist sie zur ersten Christin geworden in Europa. Ihr Vorbild hilft mir darauf zu vertrauen: auch ich kann meinen eigenen Weg gehen. Auch wenn das erst Mal unbequem ist – für mich und auch für die anderen.

Mir hilft das um mutig zu sein und aus der engen Rolle herauszutreten, die an mich herangetragen wird. Und herauszufinden, wie ich leben will.

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18MRZ2021
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Wenn Du müde wirst, lerne Dich auszuruhen anstatt aufzugeben. Dieser Satz steht unter einem Bild des amerikanische Graffittikünstler Banksy. Ein kleines Mädchen hockt da im Schneidersitz auf dem Boden. Daneben sitzt ein kleiner blauer Vogel.

Ausruhen statt Aufgeben. Für mich ist das ein Mantra geworden in der Pandemiezeit. Denn seit dem Lockdown ist das Leben für viele ganz schön anstrengend. Für mich besonders da, wo ich gerne planen würde. Planen gibt mir das Gefühl, meine Zukunft ein bisschen in der Hand zu haben. Aber planen geht gerade nicht auf längere Sicht. Jetzt muss ich jeden Tag auf mich zukommen lassen. Das ist für mich schwer auszuhalten und strengt mich an. Ausruhen könnte helfen, da hat Banksy recht. Aber so einfach ist das gar nicht. Wenn ich versuche zur Ruhe zu kommen geht mein Gedankenkarussell erst richtig los.  Und die Sorgen, was wohl morgen und übermorgen ist, werden nur größer.

Vielleicht hat Banksy deshalb neben das Kind auf dem Bild einen Vogel gemalt. Vielleicht kennt Banksy ja die Bibel. Da steht nämlich, die Vögel können uns zeigen, wie man seine Sorgen loswerden kann. „Seht Euch die Vögel des Himmels an, hat Jesus mal gesagt, sie säen nicht und ernten nicht, sammeln auch keine Vorräte in Scheunen. Und Gott ernährt sie doch. Sorgt euch deshalb nicht um Morgen. Es reicht, wenn jeder Tag seine eigene Belastung hat. (Mt 6,26a und 6,34)

Ich habe das einmal ausprobiert. Und ja, mir hilft es. Wenn mein Gedankenkarussell losgeht, stelle ich mich mit einer Tasse Kaffee ans Fenster und beobachte die Vögel. Die Amsel auf der Antenne des Nachbarhauses. Und die Meise im Baum vor dem Fenster. Und weil ich in der Stadt wohne auch die Tauben. Und ich merke wie mich das beruhigt: Der Kopf hat was zu tun und kreist nicht um all die unerledigten und unplanbaren Dinge. Die Augen ruhen aus vom Bildschirm und die Hände vom Tippen. Und ich entspanne, weil da draußen Leben ist und Anmut und Schönheit – ganz unbeeindruckt von meinen Sorgen.

Jesus hat schon recht, finde ich: es reicht wenn jeder Tag seine eigene Belastung hat. Was morgen ist, ist morgen. Ausruhen statt aufgeben. Vielleicht helfen Ihnen die Vögel auch dabei.

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17AUG2019
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Wie kann man sich selbst auf die Spur kommen! Der Buchautor, John Strelecky, hat eine Idee. Und die lockt einen in die Kindheit und zu den Heldinnen aus Kindertagen. Er rät:

Schreibe Deine (…) drei Lieblingskinderbücher auf – und erkläre, warum sie es sind. Das hilft zu erkennen, was für Dich wichtig ist, welche Eigenschaften Du bewunderst, wo es dich hinzieht und wer dir als leuchtendes Beispiel dient. Es gräbt tiefer. Du musst in Dir selber stöbern.

Aus: einfachsein, Heinrich Bauer Verlag KG Hamburg

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16AUG2019
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Da ist die Woche schon um, aber fertig ist man wieder einmal nicht geworden. Martin Luther meinte, beim Christsein ist es genauso. Da wird man auch nie fertig. Trotzdem hat er ganz hoffnungsvoll geschrieben – wie ein Gruß fürs Wochenende:

Wir sind´s noch nicht, wir werden`s aber. Es ist noch nicht getan, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, aber der Weg.

Aus: Für die freie Zeit. Worte Martin Luthers und bibl. Texte zum Nachdenken, Amt für den Gemeindedienst der Ev. Luth. Kirche in Bayern

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15AUG2019
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Schenken ist eine Kunst. Das wusste schon der Dichter Joachim Ringelnatz und hat gedichtet:

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gaben wiegen,
Sein dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass Dein Geschenk
Du selber bist.

Aus: Mal ehrlich. 7Wochen ohne Lügen, edition chrismon

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14AUG2019
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Martin Luther hat von der Freiheit eines Christenmenschen gesprochen. Worin diese Freiheit bestehen kann, hat die Ordensschwester Melanie Wolfers zusammengefasst. Sie ist auf fünf Freiheiten gekommen:

Die Freiheit, das zu sehen und zu hören, was im Moment wirklich da ist, anstatt was sein sollte, gewesen ist oder erst sein wird.
Die Freiheit, das auszusprechen, was ich wirklich fühle und denke, und nicht das was von mir erwartet wird.
Die Freiheit zu meinen Gefühlen zu stehen, und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
Die Freiheit um das zu bitten, was ich brauche, anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen, anstatt immer nur auf Nummer Sicherheit zu gehen und nichts Neues zu wagen.

Aus: Melanie Wolfers, Trau Dich, es ist Dein Leben. Die Kunst, mutig zu sein

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