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14MAI2021
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„Alltag ist nur durch Wunder erträglich“ – sagt das Kalenderblatt. Ein Zitat von Max Frisch. Aber Wunder passieren ausgesprochen selten. Eines davon durfte mein Sohn erleben. Mathias hatte einen Auftrag für ein Fotoshooting in Kempten. In einem Park in Kempten machte er verschiedene Aufnahmen von einem Freund, der professionelle Porträts für seinen Beruf brauchte. Fotos mit Bergen im Hintergrund, Fotos auf der Wiese und Fotos unterwegs – das ganze Programm.

In der Nähe saßen ein Mann und eine Frau auf einer Parkbank und beobachteten die beiden. Die ältere Frau stand auf und kam auf Mathias zu: „Darf ich Sie mal was fragen?“ „Natürlich!“

„Sie haben so viel Freude am Fotografieren. Ich habe noch die komplette analoge Fotoausrüstung von meinem verstorbenen Mann zuhause und ich möchte sie nicht einfach irgendjemandem geben. Hätten Sie Spaß daran?“

Mathias war sehr überrascht und sagte nach kurzem Zögern zu. So verabredeten sich die beiden für eine Stunde später wieder im Park, ohne Namen oder Handynummern ausgetauscht zu haben.

Das Treffen klappte: eine Stunde später war die Dame wieder da mit einer großen alten Fototasche. Und mit einer Ausrüstung, die das Herz unseres Sohnes höherschlagen ließ: eine hochwertige Analogkamera, 5 Objektive, Blitz, Stativ, ein Buch mit Anleitungen und die Rechnungen von 1979. „Damit Sie sehen, dass das nicht geklaut ist“, sagte sie lächelnd.

Mathias war überwältigt, dass ihm auf der Straße diese komplette, immer noch wertvolle Ausrüstung geschenkt wurde. Nun wurden doch Adressen getauscht.

Vom ersten Film wurden die Bilder zu der Dame nach Kempten geschickt, mit einem handgeschriebenen Brief. Die Antwort war ebenfalls ein handgeschriebener Brief. Da heißt es unter anderem: „der 7. November 2020 im Park wird uns noch lange in guter Erinnerung bleiben, Sie kamen, ließen sich im Gras nieder und holten Ihre Kamera aus der Tasche, um Aufnahmen zu schießen. Gott hat mich da berührt und ermutigt, Sie anzusprechen. Das Ergebnis dieser Begegnung ist „Freude pur“ auf beiden Seiten. Ihnen wünsche ich weiterhin viel Spaß und Freude mit der Kamera.“

Inzwischen werden Briefe zwischen Kempten und dem Rheinland hin und her geschickt, handgeschrieben, dazu jedes Mal einige analog entwickelte Fotos.

„Gott hat mich da berührt und ermutigt…“ in einer alltäglichen, nicht erwarteten Situation. In der Bibel heißt solch ein Moment „Kairos“ – den entscheidenden Moment wahrnehmen und ergreifen, mutig, ohne langes Zögern.

Das hat die Dame in diesem Augenblick getan. Und dieser Moment war ein kleines Wunder.

„Alltag ist nur durch Wunder erträglich.“ Manchmal hat der Kalenderspruch doch seine Berechtigung.

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12MAI2021
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Es war Anfang März diesen Jahres. Lockdown. Alle Geschäfte geschlossen. Ich komme an der Buchhandlung vorbei und entdecke: sie ist geöffnet! Voll Freude gehe ich in die fast leere Buchhandlung und komme mit dem Besitzer ins Gespräch. „Ich denke, dass nur die Supermärkte und die Baumärkte offen haben dürfen.“ „Ja, aber wir dürfen auch, vielleicht weil wir er-bauliches verkaufen!“

Ein Baumarkt für die Seele – was für ein schönes Bild. Erbauliches – dieser Ausdruck ist uns fast abhanden gekommen. Und seine Umschreibungen, die das Wörterbuch anbietet auch: andächtig, besinnlich stimmend, das Gemüt erhebend.

Aber ist es nicht genau das, was uns fehlt, wenn nur die Lebensmitteläden und die Baumärkte geöffnet haben? Alles, was schön ist, alles was uns gut tut, was uns anregt, was uns froh macht.

Bücher gehören dazu und damit die Welten, die sie mir erschließen. Die Weiten, in die sie mich entführen. Die Reisen, auf die sie mich mitnehmen.

Musik gehört dazu, live, nicht gestreamt und nicht aus der Konserve, sondern live mit allen Nebengeräuschen, die uns manchmal ärgern: husten, rascheln, flüstern. Oder auch Musik zum laut mitsingen und feiern!

Und auch Religion gehört für mich dazu. Jede Religion. Sie nimmt uns heraus aus dem Alltag und sie baut mich auf. Ihre Worte des Trostes und der Zuversicht tun mir gut und sie geben mir Kraft. Diese Worte kann ich zum Beispiel in der Bibel finden.

Aber was ich dazu noch brauche, ist die Gemeinschaft, ist der Austausch mit anderen. Gemeinsam über Ideen sprechen, gemeinsam singen und Gottesdienst feiern. Das alles ist nur sehr eingeschränkt möglich.

Aber all das braucht die Seele, wie der Handwerker den Baumarkt.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt!“ heißt es in der Bibel.

Nur Lebensmittel und Baumarkt reichen nicht: Begegnungen, Gespräche, Umarmungen halten mich am Leben.

Ich sehne mich nach den Zeiten, wo es wieder mehr Er-bauliches geben wird. Es dauert wohl noch, bis das wieder unbeschwert möglich ist. Solange müssen wir noch durchhalten und einander schützen.

Aber der Tag kommt. Denn: der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

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11MAI2021
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Diesen Spruch kenne ich aus Kindertagen. Gemeint ist damit: das will ich nicht haben! Dem stimme ich nicht zu!

„Das kommt mir nicht in die Tüte“ geht vielleicht zurück auf die Zeit der Tante-Emma Läden, als die Einkäufe noch in der Papiertüte verstaut wurden.

Dann kam die Zeit der Selbstbedienungsläden und damit der Plastiktüten – Tüten bekamen ein schlechtes Image.

Aber wenn es vom letzten Jahr außer den Masken ein Bild gibt, das sich mir eingeprägt hat, dann ist es das Bild der gefüllten Tüte.

Da gab es die ersten Tüten für die Kommunionkinder: liebevoll zusammengestellt mit den Unterlagen zur Erstkommunion, einer Bastelanleitung, einer Kerze zum Selbstgestalten, einer Spielanregung.

Die Erzieherinnen in den Kindergärten haben Tüten gepackt mit Spielen, Ausmalbildern und einer Ermutigung für die Eltern.

Zu Karneval gab es Überraschungstüten, die die Karnevalsvereine ihren Mitgliedern vor die Tür gestellt haben.

Eine Idee, die mich besonders berührt hat, ist eine Tüte anstelle des  Beerdigungskaffees. Da wir uns ja nicht mehr nach der Beerdigung treffen dürfen, um einander zu trösten und Erinnerungen auszutauschen, gab es auf einer Beerdigung für jeden Besucher Trauerkaffee to go: ein Bild des Verstorbenen, ein Gebet, ein Stück Kuchen, ein Päckchen löslichen Kaffee. Auch das hält die Verbindung miteinander lebendig!

Und die Tüten zu Ostern: die haben wir in diesem Jahr zum zweiten Mal gepackt. Es gibt immer noch viele Menschen, die nicht in die Kirche gehen können und so haben sie eine Ostertüte bekommen: Ein Osterlicht, eine Osterkarte und  einen Palmzweig.

Unser Leben in Tüten!

Und im letzten Jahr haben wir so vieles, was uns wichtig ist, in Tüten gepackt.

Und jede Tüte wurde mit viel Liebe und Aufwand gepackt. Das macht sie wertvoll. Jede Tüte, die vor die Tür gestellt oder abgegeben wird, macht deutlich:  da denkt jemand an mich, da hat sich jemand Zeit genommen, auch wenn er mich nicht besuchen darf. Und die Beschenkten spüren: Da verbindet uns das gleiche Anliegen, das gleiche Fest.

Die Wirkung dieser Tüten ist nicht zu unterschätzen: durch sie sind wir in Verbindung geblieben, in der Schule, in der Nachbarschaft, im Verein, auch in der Kirche.

Und wenn Jesus eine Tüte gepackt hätte als Proviant für seine Jünger, was hätte er wohl reingepackt?

Ich weiß es nicht. Aber vielleicht ein gutes Wort, eine Ermutigung für jeden Tag, eine Pause zum Atemholen, eine Prise Gottvertrauen und viele kreative Ideen um mit lieben Menschen in Kontakt zu bleiben.

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10MAI2021
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Am Wochenende war ich zusammen mit meinem Mann und unserem Sohn in Luxembourg.  Dort wohnt meine Schwiegermutter. Sie ist nun 87 Jahre alt und im letzten Jahr gestürzt. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt hat sie nun einen guten Platz in einem Pflegeheim.

Fast 60 Jahre wohnten meine Schwiegereltern im eigenen Haus! Aber nun muss dieses Haus geräumt werden, das Haus, das meine Schwiegermutter so unfreiwillig und unerwartet verlassen musste. Alles liegt noch da wie am Tag des Sturzes.

Diesen Samstag wollten wir nun räumen. Mein Mann sollte den großen Werkzeugkeller seines Vaters auflösen mit der Unterstützung von unserem Sohn und unserem Neffen.

Die drei verschwanden im Keller und reisten in die Vergangenheit: unzählige Werkzeuge gab es wegzupacken, aber für die Jugend auch zu entdecken. Viele angefangene Werkstücke lagen noch da – der Schwiegervater hatte das ganze Haus mit Holzarbeiten ausgestattet. An diesem Tag haben die Enkel mehr über den längst verstorbenen Großvater erfahren als all die Jahre zuvor. Und neben der vielen Arbeit, die das Wegräumen mit sich brachte, wuchs in ihnen der Respekt und die Achtung vor seiner Arbeit, aber auch vor der Art und Weise, wie der Großvater das Haus eingerichtet hatte. Man spürte immer noch die ganze Liebe und Energie, die er da reingesteckt hatte.

Ich fing an, einen der vielen Schränke auszuräumen. Viel zu viel von allem: Schränke voller Tortenhauben, Tortendeckchen und  Geschenkpapieren – Vorräte für die nächsten 20 Jahre. Und das alles musste jetzt irgendwie versorgt werden.

Aber beim Wegräumen dieser vielen Sachen spürte ich plötzlich ganz deutlich die Sorge und die Liebe, die meine Schwiegermutter mit all diesen Sachen verbunden hatte. Als wir noch mit den Kindern zu Besuch kamen, bekam jeder von uns seinen Lieblingskuchen gebacken. Das war viel zu viel, wir konnten das nie aufessen und nahmen immer noch zwei Kuchen mit nach Hause. Das war ihre Art, für uns zu sorgen und uns ihre Liebe zu zeigen.

Und Geschenke waren ihre Sprache der Liebe. Sie brachte gerne von überall etwas für uns mit und sie kam immer mit liebevoll verpackten Geschenken zu uns zu Besuch. Die unzähligen Geschenkpapiere und Geschenkbändchen erzählen immer noch davon.

Nun müssen wir all das wegräumen.

Die Schränke werden leer, das Haus wird allmählich leer.

Aber was sich füllt ist die Schatzkiste unserer dankbaren Erinnerungen.

Jedes einzelne Stück, das wir in die Hand nehmen, erzählt vom Leben der Schwiegereltern. Einiges wird weiter genutzt, als Erinnerung mitgenommen. Anderes wird weggegeben.

Als wir am Abend heimfahren, sind es nicht nur der Staub und die müden Knochen, die wir mit nach Hause nehmen. Es sind die vielen Erinnerungen, die meinen Mann und später uns alle geprägt haben und die ein Teil unseres Lebens sind und uns nun froh und dankbar machen.

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10JUL2020
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Wie war der Tag Liebling?“ fragen sich die Komikerin Anke Engelke und der Moderator Kristian Thees regelmäßig gegenseitig in einer Radiosendung.

Ich mag diese Frage.

„Wie war der Tag“, das frage ich mich auch manchmal selbst, wenn ich von der Arbeit nach Hause fahre oder wenn ich einige ruhige Minuten am Abend habe.

Dabei geht es mir weniger um die erledigten oder unerledigten Dinge des Tages, sondern es geht mir um die Begegnungen, dich hatte. Und es geht mir um die Gefühle, die mich im Laufe des Tages bewegt haben.

Wenn ich den Tag dann in Gedanken durchgehe, spüre ich auf einmal, wie froh ich war, eine Kollegin, die ich lange nicht mehr gesehen habe, wiederzusehen.

Ich spüre, wie ärgerlich ich bin, weil ich meine Vorbereitungen für das Seminarnicht zu Ende bringen konnte.Verärgert bin ich auch über die Absage einer Fortbildung. Beim Nachdenken darüber spüre ich dann, dass unter dem Ärger eine große Enttäuschung liegt. Ich hatte mich so darauf gefreut. Und ich denke noch mal an den lustigen Moment, als wir mit mehreren im Büro standen – auf Abstand selbstverständlich – und von Herzen über einen Witz gelacht haben. Diese Gemeinschaftserfahrung tut gut nach der langen Zeit der Heimarbeit. Fast alle Gefühle kommen im Laufe eines Tages vor, die Freude, die Traurigkeit, die Angst und die Wut.

Dieser Rückblick hilft mir umzuschalten von der Arbeit auf zuhause. Dann kann ich auch mit den Ereignissen des Tages abschließen und aufgeräumt nach Hause kommen. Manchmal erzähle ich auch meinem Mann dann, wie mein Tag war, und auch mit ihm geht nicht nur um die Fakten, sondern auch um meine Gefühle. Unsere Frage heißt dann: Wie war dein Tag, Liebling? Was hat dich heute bewegt?

Später, wenn ich noch mal mit Jesus ins Gespräch komme, erzähle ich auch ihm von meinen angenehmen und unangenehmen Gefühlen. Ich vertraue sie ihm an, weil ich weiß, dass auch Jesus die ganze menschliche Gefühlspalette kennt: Jesus hat Mitleid mit einem Stummen.

Jesus wird zornig im Tempel über die Geschäfte, die dort getätigt werden.

Jesus ist traurig und weint, als sein Freund Lazarus gestorben war.

Und Jesus hat Angst vor dem, was ihn nach seiner Gefangennahme erwartet. Alles was mich als Mensch bewegt, ist auch Jesus vertraut.

So kann ich mich ihm mit allen meinen Gefühlen, mit allem, was mich belastet und allem, was mich freut anvertrauen und weiß: er kennt das auch!

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09JUL2020
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Es ist eine meiner Lieblingsgeschichten aus der Bibel. Jesus ist unterwegs mit seinen Jüngern, mit seinen Anhängern. Das war sicherlich ein ganzer Pulk von Leuten, vielleicht so ähnlich wie wenn heute Promis unterwegs sind.

Dann wird Jesus aufgehalten von einem Mann, der in der Stadt bekannt ist: vom Synagogenvorsteher. Er spricht Jesus an. Seine Tochter liegt im Sterben. Die ganze Gruppe kommt ins Stocken. Jesus wendet sich ihm zu. Er hört ihm zu und doch spürt er gleichzeitig noch etwas anderes: jemand hat ihn an seinem Gewand berührt.

Er fragt in die Menge, wer ihn berührt habe, aber niemand bekennt sich dazu. Petrus sagt: „Meister, da sind so viele, wie willst Du herausfinden, wer Dich da berührt hat?“ Aber Jesus lässt nicht locker: „Ich fühlte, wie eine Kraft von mir ausströmte.“ Erst dann meldet sich eine Frau zu Wort und sagt: „Ich war das, ich habe dich berührt und meine jahrelange Krankheit ist geheilt.“ Sie erzählt Jesus alles, was sie bewegt und Jesus nimmt sich inmitten der ganzen Menge, inmitten der Aufregung und auch trotz der Bitte des Synagogenvorstehers die Zeit, der Frau zuzuhören.

Für mich ist das eine wunderbare Geschichte, die so deutlich macht, dass Gott jede und jeden von uns im Blick hat.

Wenn ich manchmal denke: „na ja, Gott hat wahrscheinlich anderes zu tun, als sich meiner Alltagssorgen anzunehmen“, dann erzählt mir diese Erzählung aus der Bibel, dass Gott nicht die Menge der Menschen sieht, sondern jede und jeden von uns.

Die kranke Frau, sie berührt Jesu Gewand in der Hoffnung, dass sie dadurch geheilt wird.

Die Frau wird geheilt, aber nicht durch einen Berührungszauber, ein Berührungswunder, sondern dadurch, dass Jesus ihre Berührung spürt, sich umdreht und ihr so von Angesicht zu Angesicht begegnet.

Jesus wendet sich um und Jesus blickt die Frau an. Jesus schenkt ihr von seiner Kraft – dadurch wird ihre Krankheit geheilt.

Es gibt viele Geschichten, wo Jesus sich den Kleinen, den Unbedeutenden zuwendet, ganz persönlich von Angesicht zu Angesicht. Es gibtdie Geschichte von dem verlorenen Schaf oder die Geschichte des Zöllners Zachäus, der zu klein war, um Jesus zu sehen und deshalb auf einen Baum klettert. Dort in den Ästen entdeckt Jesus ihn, spürt seine Sehnsucht ebenso wie die Sehnsucht der kranken Frau.

Und er wendet sich ihnen zu: der kranken Frau, dem verlorenen Schaf, dem unbeliebten Zöllner und - wie ich glaube – auch mir.

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08JUL2020
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In den letzten Wochen habe ich wieder ein Buch hervorgeholt, dass mich seit fast 40 Jahren begleitet. Ich habe es zur Verabschiedung an meiner ersten Stelle als Gemeindereferentin geschenkt bekommen.

Es hat den schönen Titel „mach aus mir einen Regenbogen“. Dom Helder Camara hat in diesem Buch die Gedanken seiner nächtlichen Meditationen aufgeschrieben. Er war bis 1985 Erzbischof von Recife und Olinda in Brasilien und ein Streiter dafür, dass die Kirche zu den Armen gehen muss. „Theologie der Befreiung“ ist ein Wort, das viele mit Dom Helder verbinden.

Ich durfte ihn einmal in seiner Heimat im Gottesdienst erleben.

Der Werktagsgottesdienst wurde in einer kleinen Kirche gefeiert. Sehr schlicht und sehr einfach war dieser Gottesdienst. Mich hat sehr beeindruckt, dass meine Freundin und ich als offensichtlich Fremde sofort angesprochen wurden, mitzutun: ob wir die Lesung übernehmen würden? Wir haben uns leider nicht getraut, den Leuten unser schlechtes portugiesisch zuzumuten. Aber die Überraschung und Freude, in dieser Gemeinde wahrgenommen zu werden, klingen bis heute noch in mir nach.

Immer mal wieder blättere ich in diesem Buch. Obwohl ich viele der Gedanken auswendig kenne, sprechen sie mich immer wieder aufs Neue an. Einen  Gedanken möchte ich Ihnen heute mit in den Abend geben:

Dom Helder Camara schreibt: „Die Menschen belasten dich?                                                                                   Trag sie nicht auf den Schultern. Schliess sie in dein Herz.“        

Mir hilft dieser Gedanke immer wieder alle meine Sorgen um den einen oder anderen in der Familie, im Freundeskreis, in der Gemeinde loszulassen. Ich denke an die Frau, der ich heute begegnet bin. Sie hat erst vor kurzem ihrem Mann verloren und fühlt sich sehr einsam. Und ich denke an die Erzieherinnen in unseren Kindergärten, deren Arbeit aktuell sehr anstrengend ist.Ich nehme alle diese Menschen heraus aus meinem sorgenvollen Gedanken und schließe sie in mein Herz. - Mein Herz und was darin ist, das überlasse ich Gott. Mein Herz mit meinen Sorgen lege ich Gott ans Herz. Er wird sich um alle sorgen.

Helder Camara weiß auch um die Sorgen, um die Gedanken, die uns gerne abends beschäftigen und am Einschlafen hindern. Er findet ein, wie ich finde, schönes Bild dafür, wie wir damit umgehen können. Er sagt:

„Lass deine Sorgen an der Schwelle des Schlafes zurück, lasse alle Bedenken zurück, alle Bitterkeit, allen Kummer, damit du dich beim Aufwachen nicht so müde wiederfindest, als hättest du in den Kleidern geschlafen, die Schuhe an den Füßen, den Hut auf dem Kopf.“

Wenn Sie heute Abend ins Bett gehen, legen Sie bewusst den Hut, die Schuhe und ihre Kleider ab.  In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Abend!

 

Aus dem Buch: Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, mitternächtliche Meditationen, Pendo Verlag, Zürich 1981

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07JUL2020
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Wenn unsere Gäste von unserem stillen Örtchen zurückkommen, dann haben sie oft ein Schmunzeln im Gesicht. „Das stimmt ja, was da steht“ heißt es dann oft. Dort hängt eine Karte mit dem Spruch: „Die Blumen machen den Garten, nicht der Zaun.“

Ich kann das nur bestätigen. Das Arbeiten zuhause in der Corona- Zeit hat mir viel Zeit im Garten geschenkt. Ich konnte meine Arbeit vor einem großen Wintergarten – Fenster erledigen und weit über meinen Garten auf die Felder bis hin zum nächsten Ort schauen.

Das ist ein Luxus. Nicht jeder hat einen Garten. Aber die Natur war und ist in dieser Zeit für viele eine wichtige Hilfe.

Diese viele Zeit mit Blick in den Garten oder bei Spaziergängen hat mich alle Veränderungen in der Natur aufmerksamer als sonst erleben lassen.

Und immer wieder habe ich gespürt, wie sehr die Natur mit unserem Glauben und den Geschichten aus der Bibel verbunden ist. Wenn ich die Veränderungen in der Natur wahrnehme, fallen mir ganz viele biblische Erzählungen ein.

Als erstes springen mir die bunten Blumen in den Blick, eine Pracht: Prärie-Kerzen in rot und gelb, weiße und lachsfarbene Rosen, der duftende Lavendel und viele mehr.

Jesus sagt: „Was sorgt ihr Euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen… Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht so gekleidet wie eine von ihnen.“

In unserem Dach hat sich eine Spatzen - Großfamilie eingenistet. Oft ärgern sie mich mit ihrem Dreck und mit ihrer Lautstärke, aber ich freue mich auch an ihren kecken Rufen, an ihrem eifrigen Nestbau, daran, wie sie auf der Dachrinne sitzen und Ausschau halten nach den anderen.Die Spatzen erzählen mir von der Lebensfreude und vom Vertrauen, dass sie all das bekommen, was sie brauchen.

Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Verkauft man nicht fünf Spatzen für zwei Pfennige? Und doch ist nicht einer von ihnen vor Gott vergessen. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“

Mich erinnern diese Worte daran, wie begrenzt wir nur für uns selbst sorgen können. Die Spatzensorgen für den heutigen Tag, unermüdlich und liebevoll. Jeden Tag wir ein neuer Grashalm dem Nest zugefügt, und neues Futter für die Jungen mitgebracht.

Die Spatzen sind mir gute Lehrmeister im Gottvertrauen: mich darauf einlassen, dass meine Planungen nun kurzfristiger und flexibler sein müssen. Nicht ein ganzes Kopfkino voller Sorgen pflegen, sondern im hier und jetzt bleiben. Meinen Grashalm für heute mitbringen: ein aufgeschobenes Telefonat erledigen, mir Zeit nehmen für den Blick in die Natur. „Fürchtet euch nicht“, sagt Jesus.

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06JUL2020
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Es gibt solche Tage, da funktioniert einfach gar nichts. Am Samstag hatte die Freundin unseres Sohnes einen solchen Tag. Beide waren bei uns zum Wochenendbesuch. Lilly hatte sich darauf gefreut, sich am Nachmittag mit einer Freundin zu treffen. Die Freundin sagte ihr ab, der Weg war ihr zu weit. Einerseits verständlich, aber Lilly war sichtlich enttäuscht. Dann hat hoffentlich eine ihrer Schwestern Zeit für sie! Aber auch da gab es nur Absagen.

Nun war Lilly richtig unzufrieden. In der Hoffnung, sie ein wenig in Bewegung zu bringen, bat ich sie, ein paar kleine Einkäufe in unserem Dorfladen zu machen – die berühmten vergessenen Kleinigkeiten. Und statt mit dem Auto zu fahren, könnte sie doch zu Fuß gehen.

Lilly ging recht mürrisch los zum Dorfladen. Aber sie kam strahlend zurück: “ Weißt Du, was mir passiert ist? Ich gehe da so die Straße entlang und da lag in einem Vorgarten ein 50 Euro-Schein. Einfach so! Da bin ich zur Haustür gegangen und habe geklingelt – ich hatte so Herzklopfen. Eine Frau hat mir aufgemacht und mich erst mal skeptisch angeschaut. Ich habe sie dann auf den 50 Euro – Schein in ihrem Garten hingewiesen. War die froh! Der sei wohl ihrem Sohn aus der Tasche gefallen.“

Auf dem Rückweg kam Lilly wieder an diesem Haus vorbei. Vor dem Haus standen Leute und sprachen Lilly an: „Haben Sie den 50 Euro- Schein gefunden?“ „ Ja!“ Da lag doch tatsächlich an der Stelle, an der vorher der Geldschein gelegen hatte ein Päckchen mit Danke-Pralinen und einem 10 Euro Schein. Und nun konnten die Besitzer Lilly sogar noch persönlich Dankeschön sagen.

Lillys Tag war gerettet. Sie kam freudestrahlend zurück und erzählte uns von ihrem Erlebnis. Besonders stolz war sie darauf, mutig an der Tür geklingelt zu haben. Und sie war froh, dass die Besitzer sich so dankbar zeigten. Nicht nur Lillys Tag war gerettet, auch der der anderen Familie.

Auch mich hat dieses Erlebnis froh und dankbar gemacht. Denn in einer Zeit, in der ich immer mehr: eine „ich zuerst“ Haltung erlebe, tut diese Erfahrung richtig gut. Nicht den eigenen Egoismus ausleben, sondern auch den anderen in den Blick nehmen und das tun, was richtig ist. Dazu gehören Mut und Haltung.

Auch mein Tag war gerettet.

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07FEB2020
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Tabea ist ein Mädchenname, der in den letzten Jahren an Beliebtheit zugenommen hat.Ich kenne einige Mädchen und junge Frauen in meinem Umfeld mit diesem Namen. Heute dürfen alle „Tabeas“ Namenstag feiern.

Aber wer war denn Tabea? Das ist eine recht unbekannte Geschichte. In der Bibel, im Neuen Testament, wird von einer Frau mit Namen Tabea erzählt. Sie war wohl eine Näherin, eine Berufsschneiderin.Und sie war sehr engagiert in der jungen Gemeinde. Sie unterstützte die Witwen der Gemeinde mit ihrer Nähkunst und wohl darüber hinaus mit viel herzlicher Zuwendung.Und sie wird eine „Jüngerin“ genannt, sie ist also jemand, der besonders aktiv in der Gemeinde den Glauben weitergibt.

Tabea ist für mich das Beispiel für die Frauen, die auch heute in unseren Gemeinden mitarbeiten. Da gibt es die, die den Laden am Laufen halten, indem Kaffee gekocht wird, die Älteren eingeladen werden, die Kirche mit Blumen  geschmückt wird und vieles mehr. Ohne sie wäre vieles an Gemeinsamkeit und Festen nicht möglich. Da gibt es aber auch ganz viele, die ihre beruflichen Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinde stellen. Das sind nicht nur die Männer in den Verwaltungsräten, die kompetent mit dem Geld der Pfarrei wirtschaften.

Das sind viele Frauen, die ihre Berufserfahrung anderen zur Verfügung stellen: im Kindergottesdienstkreis sind viele Lehrerinnen und  Erzieherinnen, die zusammen mit anderen dafür sorgen, dass die Kinder Sonntag für Sonntag auf ihre Art und Weise den Gottesdienst feiern können.

Das gibt es die, die sich in der Firmvorbereitung engagieren: Sozialarbeiterinnen, Krankenschwestern, Unternehmerinnen. Sie bieten Projekte für junge Menschen an und machen so deutlich, dass Glaube und Leben zusammengehören.

Da gibt es Frauen, die ihre beruflichen Kenntnisse nutzen, um Unterstützung für Waisenkinder oder Hilfen für Schulen in Afrika zu organisieren.

Die Tabeas in meiner Gemeinde heißen Sandra und Anke, Simone und Mara, Sarah und Anja. Und noch viele andere Namen fallen mir ein. Sie alle teilen das Schicksal von Tabea – es wird viel zu selten von Ihnen erzählt. Und manchmal haben sie nur einen Gruppennamen: der Kindergottesdienstkreis oder die Katechetinnen. Aber jede einzelne davon ist wie Tabea eine Jüngerin auf den Spuren Jesu und jede trägt ihren Teil dazu bei, dass die Frohe Botschaft weitererzählt wird. Wenn wir uns dann treffen, um neue Projekte zu überlegen, gemeinsam etwas vorzubereiten, dann ist manchmal die Freude an unserem Glauben, der gemeinsame Geist spürbar. Ich bin sehr dankbar, dass es in unserer Gemeinde – und in vielen anderen – auch heute solche Tabeas gibt.

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