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16JAN2021
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Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen...

Konstantin Wecker hat ein Lied gegen die Gleichgültigkeit geschrieben. Es geht so:

Liebes Leben, fang mich ein,

halt mich an die Erde

kann doch, was ich bin nur sein,

wenn ich es auch werde.

 

Gib mir Tränen, gib mir Mut

Und von allem mehr.

Mach mich böse oder gut,

nur nie ungefähr

 

Böse oder gut. Das ist für mich keine echte Alternative. Da ist für mich klar, was ich möchte. Gut sein. Aber dieses „nur nie ungefähr…“ Daran bleib ich hängen. Das erinnert mich an meinen Vater. Wie er nicht nur einmal gesagt hat: „Ist mir egal gibt´s nicht – egal ist 88 - das kannst du drehen und wenden, wie du willst und es bleibt sich gleich.“

Er hat mich ermutigt, zu sagen, was ich denke, eine eigene Meinung zu haben, auch wenn das nicht die seine war. Und beiden Eltern war es wichtig, dass wir Kinder lernen uns zu entscheiden.

Trotzdem habe ich bis heute so meine Mühe damit. Und es nervt mich, wenn ich mich so wischi waschi erlebe. So will ich nicht sein, nicht kalt – nicht warm, eine, die sich mit „vielleicht…vielleicht auch nicht“ vor Entscheidungen drückt.

Meistens geht es mir besser, wenn ich mich klar für etwas entschieden habe. Und sei es der rote oder blaue Pullover am Morgen.

Dieses „Nicht- ungefähr –sein“ heißt für mich auch: Mir eine eigene Meinung bilden, Stellung beziehen und Profil zeigen auch wenn ich dadurch angreifbar werde und verwundbar. Das braucht Mut und kostet manchmal Tränen.

Von Jesus gibt es dazu eine klare Ansage. Er will, dass die, die ihm folgen, nicht wischi waschi sind.  „Euer Ja sei ein Ja und Euer Nein ein Nein“, fordert er auf. Und an anderer Stelle ermutigt er dazu „Salz der Erde“ zu sein. Salz hat Geschmack. Es schmeckt eindeutig salzig – nicht fad.

Salz sein das bedeutet für mich: Aufmerksam wahrnehmen was um mich herum geschieht. Mir ein Herz fassen, eingreifen, wo etwas Unrechtes geschieht. Den Mund aufmachen.

Dazu braucht es diesen Mut, den auch Konstantin Wecker sich wünscht. Und die Tränen, über die man vielleicht stolpern mag. (Wie kann man sich Tränen wünschen?) Für mich haben Tränen viel mit echtem Gefühl zu tun, damit berührbar zu bleiben und eben nicht gefühllos zu werden oder gar gleichgütig.

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15JAN2021
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Mein Großonkel und ich hatten zu Beginn des neuen Jahres immer ein schönes Ritual: Wir haben Geburtstage und andere wichtige Gedenktage vom alten in den neuen Kalender übertragen. Das hat oft Stunden gedauert, denn mit den Namen waren Erlebnisse verbunden, an die er sich erinnert hat. Und ich habe die Geschichten aus seiner Ministrantenzeit und wie er als junger Mann in die Welt gezogen ist und schließlich sein eigenes Geschäft aufgebaut hat, gern gehört. Manchmal gab es dabei auch traurige Momente, wenn einer von den lieben Freunden oder Verwandten im Lauf des vergangenen Jahres verstorben war. Dessen Name wurde dann mit einem Kreuz markiert und auch der Sterbetag festgehalten.

Inzwischen habe ich diese Tradition für mich übernommen. In einer ruhigen Stunde im Januar übertrage auch ich den Kalender.

Klar könnte ich mir auch einen immerwährenden Geburtstagskalender zulegen.

Das würde die Sache erleichtern und verkürzen. Aber es würde mir auch etwas Kostbares nehmen. Dieses Innehalten, ist mir wichtig, zu schauen, wer gehört alles zu meinem Leben, wer hat einen Platz in meinem Herzen, wer kommt neu dazu, von wem musste ich mich verabschieden.

In den letzten Jahren sind bei uns in der Groß-Familie einige Kinder geboren worden, das ist schön und tröstlich, zumal wir auf der anderen Seite auch mehr und mehr Tote zu beklagen haben. Auch die gehören weiter zu meinem Leben. Aber anders.

Wenn ich die Geburtstage übertrage, merke ich, dass ich mit dem einen oder anderen noch ganz frisch Erlebnisse im vergangenen Jahr verbinde. Bei manchen herrscht aber auch schon seit längerer Zeit Funkstille.

Ob ich sie dennoch in den neuen Kalender übernehmen soll. Mich mal wieder melden? Oder ist die gemeinsame Zeit einfach vorbei?

Irgendwie habe ich eine gewisse Scheu davor, sie auszumustern. Vielleicht, weil sie einfach zu meinem Leben dazugehören, auch wenn der Kontakt eingeschlafen ist oder die Beziehung auf Sparflamme lebt. Das liegt ja oft auch an mir selbst oder der Tatsache, dass ich nicht alle Beziehungen gleich intensiv hegen und pflegen kann.

Wenn ich an meine Beziehung zu Gott denke, dann bedeutet es mir viel, dass er so etwas wie einen immerwährenden Kalender zu haben scheint. Dass bei ihm niemand herausfällt und er mir zusagt: „Ich habe dich in meine Hand eingeschrieben, du gehörst zu mir“. Das macht mich dankbar. Und es bestärkt mich darin, niemand, der mir je etwas bedeutet hat, aus dem Kalender geschweige denn meinem Leben zu streichen.

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14JAN2021
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„Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben, wie wir sind“.

Dieses Zitat stammt von Albert Schweitzer, dessen Geburtstag sich heute jährt.  Im ersten Moment frage ich mich, was hindert mich eigentlich daran beherzt herzlich zu sein? Warum fehlt mir dazu manchmal der Mut?

Ist es die Scheu, aufdringlich oder gar übergriffig zu wirken? Grenzen nicht einzuhalten? Vielleicht.

Dann entdecke ich aber in der Aussage Schweitzers auch ein riesen Potential: Wir könnten es schaffen, die Welt emotional aufzuwärmen, wenn wir uns trauen herzlicher zu sein. Ein Herz füreinander zu haben ist schließlich schon in uns angelegt.

Und es gibt ja auch jede Menge herzensguter Initiativen in der Gesellschaft.

Eine davon finde ich in diesen Tagen besonders bemerkenswert.  Die der Kältebusse des Deutschen Roten Kreuzes. In Stuttgart und anderen größeren Städten engagieren sich Ehrenamtliche Nacht für Nacht und versorgen Obdachlose mit warmem Tee, Decken und Schlafsäcken. Sie tun damit etwas gegen die reale äußere Kälte und bewahren Menschen vor dem Erfrieren. Das allein ist an sich schon wunderbar.

Aber wie sie das tun, hat mich besonders berührt und beeindruckt. Es gab dazu eine Reportage im Fernsehen. Ich habe den jungen Mann, der tagsüber als Wirtschaftsingenieur arbeitet, noch deutlich vor Augen. Wie er sich bückt und einem Obdachlosen liebevoll zuwendet. Auf Augenhöhe! Da wird nicht nur mechanisch ausgeteilt und eine Liste abgearbeitet. Da ist Zeit für ein kurzes Gespräch, die Frage, „wie geht´s, was täte Ihnen jetzt gut?“

Selbst „durch den Fernseher“ wurde für mich Herzenswärme spürbar. Etwas, das nicht nur von außen, sondern auch von innen wärmt. Und offensichtlich nicht nur den, der da nachts auf der Straße friert, sondern auch die, die sich da zuwenden und mich als Zuschauerin.

Mich ermutigt diese Initiative. Ich nehme mir vor, mir nicht länger selbst im Weg zu stehen. Sondern, das was ich an Herzenswärme habe, zu verschenken. Sei es durch ein Lächeln, einen Anruf bei jemand, der alleine lebt oder einer warmen Suppe für die kranke Nachbarin.

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13JAN2021
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In letzter Zeit treibt mich vermehrt die Frage um, was geschehen müsste, dass ich am Ende meines Lebens sagen könnte: “Es war gut.

Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass es auch für andere ein Segen war.“

Vielleicht ist es ganz natürlich sich mit Mitte/Ende 50 intensiver damit zu beschäftigen, weil offensichtlich und spürbar ist, dass das Leben begrenzt ist.

Was kann ich also selbst dazu beisteuern, dass ich es gut sein lassen kann, wenn’s dann soweit ist?

Beim libanesischen Priester und Dichter Simon Yussuf Assaf fand ich eine schlichte Antwort, die mich sehr berührt hat. Er schreibt:

 

 

Es hieß: Wirf deine Netze aus!

Ich tat es

Und mit Schätzen beladen zog ich sie zurück.

 

Es hieß: Säe deine Saat aus!

Ich tat es.

Nach einer Zeit des Wartens

Ging die Saat auf und brachte reiche Frucht

Es hieß: Teile deinen Besitz!

Ich tat es.

Eine Tafel vereinte Freunde und Fremde,

Reiche und Arme

Und ich fand mich beschenkt.

 

Es hieß: Hör auf deine innere Stimme!

Ich lauschte

Und entdeckte eine leise Melodie,

die der Lärm der Welt übertönt hatte.

 

Es hieß: Öffne dein Herz!

Ich trug meine Festungsmauern ab

und entfernte meine Maske.

Da wurde die Welt mein Haus

Und die Menschheit meine Familie. (aus: Simon Yussuf Assaf, Melodien des Lebens, S.67)

 

Ich glaube, im Grunde sind es eben diese ganz einfachen „Dinge“, die das Leben kostbar machen. Nicht nur für einen selbst. Zeit, mit Menschen verbringen, die man mag, gut bei sich selbst sein, Aufgaben haben, die Freude machen und herausfordern. Auch wenn sie einem nicht immer leichtfallen. Und sich ein „Erfolg“ nicht unmittelbar einstellt -  geschweige denn messen lässt. Es lohnt sich, es zu versuchen.

Und so möchte ich mich zu Beginn des neuen Jahres an den Sätzen von Assaf wie an Leitplanken orientieren. Ich nehme mir vor, „meine Netze auszuwerfen“ Menschen zu versammeln, die ein Netzwerk bilden.

Einbringen, was in mir steckt, es nicht horten. Teilen, was ich bin und habe, und Menschen um meinen Tisch versammeln,  

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12JAN2021
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Zuversichtlich bleiben, nicht trübsinnig werden. Das ist momentan auch für mich eine echte Herausforderung.

Zum Glück gibt es die Natur. Sie tröstet ohne Worte und schenkt Zeichen, die erstaunlich sind. Kahle Bäume, die bereits Knospen haben, Schneeglöckchen, die sich durch den gefrorenen Boden kämpfen. In einer Zeit, in der es gar nicht danach aussieht besteht die Natur darauf, dass es wieder Frühling wird.

Von einem dieser Hoffnungszeichen erzähle ich Ihnen heute Morgen:

Ich hatte mir vor ein paar Wochen einen Zweig vom Kirschbaum in eine Vase gestellt, der hat dann schön geblüht. Doch anstatt ihn - nachdem er verblüht war - zu entsorgen, hab` ich ihn auf der Fensterbank im Gästezimmer zunächst vergessen.

Und das war gut so. Denn als ich ihn nach zwei Wochen endlich wegwerfen wollte, hatte dieser Zweig kleine Wurzeln getrieben und nicht nur das.

 Da ragt aus einem der ausgetrockneten Ästchen ein grüner Trieb mit frischen Blättern in die Höhe. Fast wie ein erhobener Zeigefinger streckt sich dieses grüne Etwas aus dem graubraunen Zweig.

„Da staunst Du, was?“ – und ich staune nicht schlecht, was für die Natur möglich ist. In einer Vase mit kaum Wasser bewirken Licht und Wärme ein kleines Wunder. Dieser grüne Trieb und die kleinen Wurzeln sind für mich ein Hoffnungszeichen.  Es muntert mich auf. Und es ermutigt mich, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Die Hoffnungszeichen zu sehen, die die Natur schenkt und nicht nur sie. Wieviel Positives erlebe ich im Corona-Alltag!

 Die Nachbarin, die mir ein Stück Kuchen vor die Tür stellt. Musiker, die vor dem Krankenhaus ein Ständchen spielen. Jugendliche, die am Abend ein Kerzenmeer vor einem Pflegeheim aufstellen, um zu signalisieren, wir denken an Euch.

Diese Zeichen machen mich zuversichtlich. Und sie ermutigen mich, selbst kleine Hoffnungszeichen zu setzen. Ein gutes Wort für jemand, der nicht damit rechnet, eine freundliche Geste, oder einen Brief an jemand zu schreiben, der allein oder krank ist.

Noch etwas bewirkt mein Zweig mit dem frischen Grün und seinen zarten Wurzeln: Ich will nichts und niemand zu früh abschreiben. Ich möchte Dingen eine Chance geben, die zunächst wenig aussichtsreich erscheinen. Vielleicht pflanz ich den Zweig ja ein. Wäre doch gelacht, wenn daraus nicht ein Kirschbaum würde.

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11JAN2021
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Die Theologin Dorothee Sölle beschreibt den Menschen als Wesen, das warten kann. Es gehört zu unserer Natur, dass wir uns nach etwas sehnen, es aber nicht sofort haben können. Um nicht an unseren Visionen zu verzweifeln, sondern sie wach zu halten, warten wir.

Allerdings will dieses Warten Können gelernt sein. Sölle sagt: Das ist jedem klar, der kleine Kinder beobachtet. Sie haben große Mühe zu begreifen, dass „gleich“, „später“ oder „morgen“ nicht heißt: „Niemals“. Für sie gibt es nur hier und jetzt. Deshalb haben sie manchmal auch Angst, wenn die Mama oder der Papa aus dem Zimmer geht, dass das für immer sein könnte.

Warten Können will also gelernt und eingeübt sein. Eine Übung, die uns alle nun schon seit Monaten beschäftigt, die bisweilen nervt und ungeduldig macht. Vor allem, weil eben niemand so genau sagen kann, wann der Spuk vorüber sein wird.

Für mich hat Warten Können viel mit Geduld zu tun. Ich muss aushalten, was ich momentan nicht ändern kann. Ruhe bewahren und dennoch tun, was mir möglich ist. Warten können hat für mich deshalb nichts mit „die Hände in den Schoß legen“ zu tun. Es ist mitunter echte Arbeit.

Oder wie Sölle sagt: „Alle Lebenden warten, das bedeutet nicht einfach ein Fortdauern in der Zeit, das über die Gegenwart hinausreicht. Ein Mensch kommt nicht so vom Heute ins Morgen wie ein Stein! Sich zur Zukunft verhaltend sorgt er, fürchtet er sich und er hofft.“ (aus Dorothee Sölle, Wortschätze, Stuttgart 2009)

Vor allem der letzte Satz beschäftigt mich: sich zur Zukunft verhaltend, sorgt er – fürchtet er sich – und er hofft.“  Alle drei sind für mich Fähigkeiten: sich sorgen im Sinne von sich kümmern, sich fürchten und hoffen können: Kraftquellen, die mir helfen durch schwierige Zeiten zu kommen.

Ich vertraue fest darauf, dass jeder seinen Teil dazu gibt, dass das Virus besiegt wird.  

Und ich bin nach wie vor dankbar, in einem Land leben zu dürfen, in dem so viele sich um das Wohl der älteren Menschen und Schwachen kümmern.

Dass wir auch unsere Ängste ernstnehmen. Das was uns Sorgen macht, nicht herunterspielen, sondern einander mit Respekt begegnen. Das wünsche ich mir.

Und dass wir miteinander eine Kultur des „Warten Könnens“ einüben, in der die Zuversicht die Oberhand behält.  

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10JAN2021
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Immer wenn Martin Luther von Glaubenszweifeln geplagt wurde, soll er auf seinen Tisch geschrieben haben: „Ich bin getauft“. Es scheint ihm geholfen zu haben, sich daran zu erinnern und es schwarz auf weiß vor sich zu haben.

Heute wird in den christlichen Kirchen an die Taufe Jesu im Jordan erinnert. Die Bibel berichtet: Wie mit einem Paukenschlag kommtdie Stimme Gottes aus den Wolken: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen“.

Das ist die Zusage, die über dem Leben Jesu steht. Und ich meine, nicht nur über seinem.

Ich glaube, dass diese Zusage Gottes über jedem Menschenleben steht.

„Du bist mein geliebter Sohn – Du bist meine geliebte Tochter.“

Wozu braucht es dann überhaupt noch die Taufe?

In ihr wird Gottes Ja zum Menschen sichtbar gemacht. Sie ist ein Sakrament, ein heiliges Zeichen. Der Theologe Emil Brunner hat dafür ein schönes Bild. Er sagt: Zu Taufen ist, wie wenn man ein Blatt Papier mit einem Wasserzeichen ins Licht hält. In dem Moment, in dem das Licht durch das Papier scheint, wird das Wasserzeichen sichtbar.

Gottes Ja zu uns Menschen entsteht nicht erst bei der Taufe. Es ist jedem Menschen eingeprägt, wie das Wasserzeichen dem Papier.

Die Frage bleibt allerdings: Kann ich das glauben. Kann ich das Geschenk annehmen, dass Gott ja zu mir sagt? Und bin ich bereit, dieses Wasserzeichen durch mein Leben sichtbar zu machen. Also: Von innen zu leuchten, so dass andere es sehen und spüren und glauben? Denn mich mit Wasser taufen zu lassen reicht nicht.  

Es braucht neben dem Wasser und der Zusage Gottes auch mein „Ja“.

Ja, ich glaube und ich vertraue fest darauf, dass ich Gottes geliebte Tochter bin.

Und ich bleibe das für immer. Bei allem, was gerade ungewiss ist, daran will ich mich festmachen.

Auch wenn mich Zweifel plagen – nicht zuletzt die an mir selbst.

Ich bin getauft. Das kann mir keiner nehmen. Was für ein Geschenk.

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29AUG2020
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“ Löwenmut vor Königsthronen“ das war die Devise einer Freundin, der Theologin Gabriele Miller. Sie ist vor 10 Jahren gestorben und heute hätte sie Geburtstag. Ihre unerschrockene Haltung Autoritäten gegenüber, hab‘ ich bewundert.

Darin war sie den biblischen Prophetinnen und Propheten ähnlich, die auch unverblümt gesagt haben, was Sache ist und Unrecht benannt haben – auch an oberster Stelle.

Dazu gehört Mut und Rückgrat. Beides hatte Gabriele Miller. Sie war eine der ersten Frauen, die in Tübingen katholische Theologie studiert haben. Nicht ganz selbstverständlich in den 50er Jahren. Besonders die biblischen Geschichten hatten es ihr angetan. Sie gegen den Strich zu bürsten und zu schauen, was sie heute zu sagen haben. Und mit ihrem Gott zu ringen, war eine ihrer großen Leidenschaften. Damit hat sie später ihre Studentinnen und Studenten angesteckt -  so auch mich. Dafür bin ich ihr dankbar und für so manche gelebte Unterrichtseinheit in „Löwenmut vor Königsthronen“.

Aber was meint denn dieser „Löwenmut vor Königsthronen“ – zumal in einer Zeit in der es zumindest bei uns keinen König mehr gibt… und es auch nicht um das laute Gebrüll eines Raubtiers geht.

Mich ermutigt dieser Satz dazu, beherzt zu sein, und nicht duckmäuserisch. Den Mund aufzumachen, wo jemand unfair behandelt oder gemobbt wird.  Und das nicht nur hinter vorgehaltener Hand mit Kollegen zu besprechen, sondern auch dem Chef gegenüber klar zu äußern.

Löwenmut vor Königsthronen bedeutet für mich auch, aufrecht um Hilfe bitten zu können. Zu sagen, wo es was braucht, und sei es Geld für ein Projekt, damit sich etwas zum Guten wendet. Zu spüren, dass ich mich dadurch nicht klein mache, sondern einer größeren Sache diene.

Löwenmut heißt für mich auch, mutig den aufrechten Gang zu gehen und dabei jedem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, respektvoll und ehrlich.

Für mich als Frau in der katholischen Kirche heißt das, gleichzeitig widerständig und loyal zu sein. Und das auch zu bleiben. Loyal dem gegenüber, was ich meine von der Botschaft Jesu verstanden zu haben und widerständig, überall da wo ich meine, dass sein Auftrag verletzt wird.

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27AUG2020
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„Hülle und Fülle“ das ist der Titel einer Ausstellung. Ich hab sie in Schwäbisch Gmünd besucht, in einem Hospiz, das dort gerade eingerichtet wird.  Die Künstlerin Astrid Eichin hat aus unterschiedlichsten Materialien lauter Mäntel gestaltet. Mäntel in Anlehnung an den Gedanken der Hospizidee und der Palliativ- Medizin, die beide lindern wollen, schützen, umhüllen wie ein Mantel - und gleichzeitig so viel Leben wie möglich vor dem Sterben ermöglichen.

Einen dieser Mäntel sehe ich immer wieder vor mir: Er ist aus hellem, groben Bauernleinen gewoben. In der Mitte dieses Mantels ist ein Herz aus Blattgold aufgedruckt. Herz wie Mantel sind in der Mitte längs geteilt. Goldene Schnüre verbinden die beiden Hälften und gehen über sie hinaus.

Die zwei Hälften sind getrennt und doch bleiben sie verbunden.

So wie Menschen, die gestorben sind gehen, und doch immer etwas von Ihnen bleibt. Sie hinterlassen unauslöschliche Spuren. Nicht nur eine Hülle sondern auch die Fülle eines ganzen Lebens.  Dafür stehen auch die Fingerabdrücke, die die Künstlerin auf beiden Hälften aufgebracht hat.

„Herzensgut“ hat sie diesen Mantel genannt. Das hat mich zunächst irritiert. Denn mit dem Eigenschaftswort „herzensgut“ verbinde ich erstmal Charakterzüge eines Menschen wie fürsorglich, gütig, großzügig. …

Irritiert hat mich dann, dass Astrid Eichin dieses Wort „Herzensgut“ großgeschrieben hat. Und das bestimmt nicht zufällig. Denn so hat es noch eine weitere, sogar doppelte Bedeutung: und zwar als das Gut des Herzens, das was darin geborgen ist wie ein Schatz für immer. Und das Gute, das aus dem Herzen kommt. Das, was auch nicht genommen werden kann. Weder dem, der stirbt, noch dem der zurückbleibt. Eben die Fülle eines gemeinsamen Lebens.

So wie die goldenen Schnüre auf dem Mantel die Verbindung auf der Herzensebene abbilden, so bleiben Menschen über den Tod hinaus miteinander verbunden.

Für mich hat dieser Mantel etwas sehr Tröstliches. Besonders wenn ich an eine kürzlich verstorbene Tante denke, die heute Geburtstag hätte, mit der ich eng verbunden war und bin. Sie war das, was ich mit herzensgut verbinde. Eine, die buchstäblich ihr letztes Hemd verschenkt hätte. Ein Mensch, bei dem es mir warm ums Herz wird, der fehlt und bleibt. Als Herzensgut…

*www.astrid-j-eichin.de

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26AUG2020
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Ende Juli bin ich mit einer Freundin an Kocher und Jagst entlang geradelt. Es war herrlich. Gut warm. Sommer satt. Etwas früh für diese Zeit im Jahr sind wir an vielen bereits abgemähten Getreidefeldern vorbeigekommen. Das drückt bei mir immer etwas auf die Stimmung. Diese kahlen Stoppelfelder zeigen eindeutig, dass die längste Zeit Sommer war. Das macht mich wehmütig. Zum einen, weil ich den Sommer liebe und ihn ungern gehen sehe. Zum anderen weil ich mich frage, wie viele Sommer ich wohl noch erleben darf?

Bei allem was mich dabei wehmütig stimmt, bin ich dankbar für einen Gedanken von Viktor Frankl, dem Wiener Arzt und Psychotherapeut. Bei ihm habe ich gelesen: „Manche Menschen sehen nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit und nicht die vollen Scheunen der Vergangenheit.“  

Da hat er wohl recht!  Höchste Zeit für einen Blickwechsel. Wo abgeerntete Stoppelfelder sind, da gibt es auch eine Ernte. Die vollen Scheunen der Vergangenheit sehen, das heißt, mir bewusstwerden, dass ich eine Art Schatzkammer habe, in dem mein ganzes Leben geborgen ist. In der die Schätze lagern, all das, was von mir gelebt wurde. Wenn ich darauf schaue, erkenne ich, was mein Leben bislang ausgemacht hat. Womit es gefüllt ist. Wieviel wunderbaren Menschen ich begegnet bin, was ich Schönes erlebt habe, wieviel Schweres ich auch durchgestanden habe. Nichts, von dem was ich erlebt habe geht verloren. Ich kann es bergen, schützen und immer wieder herholen. Das macht mich sehr dankbar.

Und es lässt mich zuversichtlicher auf die abgemähten Stoppelfelder schauen. Was konkret für mein Leben heißt: Ich schaue dieses Jahr auf 30 Berufsjahre zurück. In diesen drei Jahrzehnten habe ich manches beackert, einiges geerntet, so manche Brache ausgehalten und auch Unkraut gejätet. Jetzt liegen - so ich gesund bleibe noch 10 Berufsjahre vor mir. Auch eine Art Acker, der jedes Jahr neu bestellt werden will. Darauf freue ich mich. Und ich will gern weiter pflügen, ackern und vor allem aussäen, was in mir steckt und mir geschenkt ist.

Was daraus wird, liegt nicht nur in meiner Hand – Gott sei Dank.

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