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27JAN2021
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Ich weiß, sich erinnern ist nicht immer nur schön und „leicht“. Aber heute, am 27. Januar des Jahres 1945, kamen Soldaten der Roten Armee in Polen in das Vernichtungslager Auschwitz. Sie fanden noch etwa 7.000 überlebende Häftlinge in schlimmstem Zustand und schrecklichsten Verhältnissen. Allein in diesem Konzentrationslager wurden bis zu diesem Tag mehr als 1,1 Millionen Menschen von den Nationalsozialisten ermordet.

Auschwitz ist das Symbol des systematisch-industriellen Massenmordes an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten. Wie auch all derer, die das gleiche Schicksal erfuhren. Aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung, ihrer Lebensweise: z.B. Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gefangene, Kranke, Behinderte.

Darum wurde der Tag der Befreiung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt. „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“ Mit diesen Worten hat ihn der damalige Bundespräsident Roman Herzog 1996 eingeführt.

Erinnern, mahnen, wachsam sein. Ich meine, das ist immer noch das Gebot der Stunde. Auch heute in unserer Zeit. Vielleicht mehr denn je. Weil es wieder zunehmend Menschen gibt, die unverhohlen ihre rassistischen Parolen rufen und völkische Ideologien verbreiten. Die den Holocaust leugnen und andere zu Menschen zweiter Klasse erklären.

Der christliche Glaube sagt etwas dezidiert anderes. Er sieht in jedem Menschen Gottes Ebenbild. Das haben wir Christen gelernt. Das heißt: jedem Menschen ist etwas göttliches eigen. Darum ist seine Würde unantastbar. Alle Menschen sind zu ehren und zu achten, weil sie Gottes Ebenbild sind. Als Menschen mit schwarzer, gelber, roter oder weißer Hautfarbe. Als Mann und als Frau.

Damit in Zusammenhang steht ein Zweites: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das heißt: Die Liebe, Achtung und Würde, die ich mir selbst angedeihen lasse und wünsche, steht eben auch dem anderen zu.

Als Christ fühle ich mich durch meinen Glauben verpflichtet dies weiterzugeben. Nicht nur heute. Jeden Tag. Im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und in der Verpflichtung gegenüber der heutigen Generation. Im steten Erinnern, mahnen, wachsam sein.

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26JAN2021
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Jedes Mal, wenn ich im Altarraum der Gedächtniskirche in Speyer sitze, sehe ich es vor mir: Dieses kleine, aber markante Stück Unvollkommenheit. Ein kleiner Mosaikstein, der aus der Reihe fällt. Er ist Teil eines Bodenmosaiks aus Weintrauben und Reben, das den Altarraum in einem großen Band umspannt. Alle anderen Steine sind perfekt zusammengefügt. Einzig an dieser Stelle fällt einer aus dem Rahmen, ist falsch verlegt.

Am Anfang, nachdem ich es bemerkt habe, hat mich das sehr gestört. Ein Makel und Zeichen der Unvollkommenheit in einem ansonsten vollkommenen Bild. Das Bild mit den Reben und Weintrauben im Altarraum ist theologisch mit Bedacht gewählt. Es umrankt den Ort, an dem das Abendmahl gefeiert wird.

Jeder, der sich seiner Unvollkommenheit bewusst ist, der um die Unzulänglichkeit seines Redens, seines Tuns und Denkens weiß, ist eingeladen daran teilzunehmen. Um im Bild zu bleiben: Auch wer aus der Reihe gefallen ist, darf getrost hierher kommen. In bewusster Gemeinschaft vor Gott mit all den anderen, die ebenfalls mit ihm und ihr hier stehen. Im Kreis um den Altar. Und das Ziel ist nicht doch noch vollkommen perfekt, makel- und tadellos zu werden. Sondern zu erleben: ich bin angenommen. Mit meiner Unvollkommenheit. Ohne Wenn und Aber. Und daraus erwächst mir neue Kraft.

Ich erinnere mich an eine eigene Erfahrung. Ich kam zum Abendmahl mit Vorwürfen im Kopf: mir war bewusst, ein paar Tage zuvor hätte ich den Mund aufmachen sollen. Aufstehen. Nicht schweigen. Beim Abendmahl einige Zeit später habe ich dann gespürt: ich kann mein Fehlverhalten Gott anvertrauen. Und bin dennoch angenommen. Das hat mich entlastet und mir Kraft gegeben. So dass ich später, bei anderer Gelegenheit, meinen Mund aufgemacht habe.

Seitdem weiß ich: Das Abendmahl kann ungeheuren Trost spenden. Und gibt Kraft zu neuem Leben. Brot und Wein stehen dafür. So wie Jesus gesagt hat: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der wird viel Frucht bringen.

Dass ich unvollkommen bin, stört nicht. Ich bin angenommen und eingeladen, mich Gott anzuvertrauen. Und Kraft zu neuem Leben zu schöpfen. Ein tröstlicher Gedanke wie ich finde.

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25JAN2021
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„Frieden schaffen ohne Waffen.“ Ich habe dieses Motto noch gut in Erinnerung. Unter dieser Überschrift haben heute, am 25. Januar 1982, der ev. Pfarrer Rainer Eppelmann und der Chemiker Robert Havemann ihre Aufforderung zur Abrüstung an die Regierung der damaligen DDR veröffentlicht, den „Berliner Appell“.

Er beginnt mit dem Satz: „Es kann in Europa nur noch einen Krieg geben, den Atomkrieg. Die in Ost und West angehäuften Waffen werden uns nicht schützen, sondern vernichten.“

Die Sorge, dass Mitteleuropa mit der Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen zu einem nuklearen Schlachtfeld werden könnte, hat viele Menschen damals umgetrieben. In Ost- und Westdeutschland.

Darum stand auch ich stand im Oktober 1983 als friedensbewegter 17-jähriger auf der B10 zwischen Bad-Cannstatt und Esslingen. Zusammen mit vielen anderen Menschen in der riesigen Menschenkette zwischen Stuttgart und Ulm. Hand in Hand miteinander verbunden unter dem Motto „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Heute, nach 39 Jahren, kann man sagen: Die damalige Stationierung der Mittelstreckenraketen hat nicht dazu geführt, dass sich Europa im Atomkrieg selbst vernichtet hat. Gott sei Dank.

Sie hat aber auch nicht dazu geführt, dass es keine Kriege mehr gibt. Im Gegenteil. In unzähligen Regionen und Ländern dieser Erde herrscht Krieg.

Zumal sich eines seit 1982 geändert hat: Die Stationierung von Atomraketen diente dem Ziel, sie nie zum Einsatz kommen zu lassen. Heutige Waffensysteme zielen dagegen gerade auf ihre Anwendung zur lokalen Kriegsführung ab.

Und noch etwas hat sich leider geändert, wie ich finde: Der Ruf nach Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele ist wieder lauter zu hören. In den USA und auch in Europa. Von Politikern. Von Menschen auf der Straße.

Demgegenüber steht der Ruf nach Frieden des Propheten Micha in der Bibel. Er hat eine Vision, die mich schon damals angesprochen hat: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Mit anderen Worten: „Frieden schaffen ohne Waffen“. Ich meine, dieser Appell hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Denn Friede beginnt mit der Gesinnung.

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21NOV2020
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Die Hoffnung ist ein Licht, das die Dunkelheit durchbricht. Manchmal stark und kräftig, wie ein Strahl in der Nacht. Ein anderes Mal nur wie ein ferner Schein, flackernd, schwach und klein, und dennoch da. In jedem Fall etwas, an dem man sich orientieren kann. Auf das man zugehen kann. Weil es einem Kraft gibt, Mut und Zuversicht.

Manche Menschen sehnen sich vielleicht gerade in diesen Novembertagen nach solch einem Licht, das ihre dunklen Tage durchbricht. Wenn sie das Grab eines lieben Menschen besuchen, der verstorben ist. Sich daran erinnern, was ihn oder sie ausgemacht hat: das verschmitzte Lächeln, das besondere Geschick, das ruhige Gemüt. Und auch die Verbundenheit über Höhen und Tiefen eines gemeinsamen Lebens hinweg. Nun ist der Platz am Tisch zu Hause leer. Und die Trauer da.

Morgen ist Totensonntag oder Ewigkeitssonntag, wie er auch genannt wird. Dann werden in vielen evangelischen Kirchen die Namen der in diesem Jahr Verstorbenen im Gottesdienst verlesen und für jeden und jede von ihnen eine Kerze angezündet.

Eine Frau, deren Mann gestorben war, hat mir einmal gesagt, wie gut ihr das getan habe. Das Licht der Kerze für ihren Mann. Das gemeinsame Erinnern. Auch hineingenommen zu sein in die Gemeinschaft der Trauernden. Das habe ihr viel Trost gegeben. Und auch Worte, die dann gelesen wurden – aus der Bibel. Die Stelle wusste sie nicht mehr, aber den Inhalt. Wir haben dann herausgefunden, dass es Worte aus der Offenbarung des Johannes waren. Da wird beschrieben, wie es einmal sein kann: Dass Gott alle Tränen von den Augen abwischen wird. Und dass es keinen Tod und keinen Schmerz und kein Leid und keine Trauer mehr geben wird. Denn was einmal war, ist für immer vorbei (Offbg 21,4).Die Frau meinte, der Gedanke, dass der Abschied von ihrem Mann vielleicht nicht für immer sei, habe ihr Hoffnung gegeben. Auch die Vorstellung, in der Ewigkeit nicht mehr dem Dunkel von Leid und Schmerz ausgesetzt sein zu müssen. Und wenn es da tatsächlich ein Wiedersehen gäbe, mit ihm, und auch all den anderen Lieben, von denen sie bereits hat Abschied nehmen müssen, das wäre schön. Selbst wenn da auch die wären, die man nicht hat leiden können.

Das Gespräch mit dieser Frau hat mich berührt. Denn ich teile diese Hoffnung. Auf ein Wiedersehen, wie auch immer. Auf ein Ende von Tränen und Trauer. Dass das Dunkel nicht bleibt.

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20NOV2020
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Mensch, was ein Zufall! Mit diesem Ausruf beschreiben Menschen oft eine Situation oder eine Begegnung, in der etwas geschehen ist, was so nicht vorhersehbar war meist in einem glückenden Sinn.

Ich kann mich zum Beispiel gut an eine Begebenheit erinnern, die ich als Student erlebt habe. Weil ich noch kein eigenes Auto hatte, bin ich während meines Studiums oft getrampt. Einmal landete ich mitten in der Nacht zwischen Bern und Basel auf einem unbeleuchteten kleinen verlassenen Nebenparkplatz. Da war mir ganz schön mulmig. Aber ich hatte Glück. Zufälligerweise kam ein Geschäftsmann mit seiner großen Limousine. Und nahm mich tatsächlich mit. Ich weiß noch, wie froh und dankbar ich da war.

Zufall oder nicht? Die Antwort hängt ganz davon ab, wie man es sieht. Ich meine, das Wort „Zufall“ kann ein Geschehen beschreiben und vielleicht auch erklären. Aber einen Sinn geben kann es ihm nicht. Darum fällt es mir persönlich schwer, alles dem Zufall zuzuschreiben. Letztlich wäre dann mein ganzes Leben nichts anderes als eine Ansammlung oder Aneinanderreihung von Zufälligkeiten. Und damit ohne Sinn.

Daher glaube ich viel eher, dass es Situationen im Leben gibt, die auf Gott schließen lassen. Albert Schweitzer, der Theologe, Arzt und Musiker, hat das so zum Ausdruck gebracht: „Der Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.“

Das ist doch ein interessanter Gedanke: Dass Gott manchmal unter einem Decknamen arbeitet. Mir auf unbekannte und manchmal vielleicht auch ungekannte Weise in den verschiedensten Situationen meines Lebens begegnet. Und er sich mir nicht aufdrängen will, bleibt er inkognito. Er lässt mir die freie Wahl, ob ich ihn hinter einem Geschehen vermuten will oder nicht. Das gefällt mir. Dass Gott mir diese Freiheit lässt. Dass er mir mit solchen „Zufällen“ einen Deutungshorizont eröffnet in meinem Fragen nach dem warum und wieso. Manchmal ist das auch schwer. Bei schlechten Erfahrungen im Leben. Da ist es kaum auszuhalten, wenn Gott sich nicht zeigt.

Im Zweifelsfall halte ich mich dann an den Rat von Martin Luther: „Auf das Gute schauen“, das Gott einem zufallen lässt. Wie damals den Auto-Fahrer in der Nacht auf dem Parkplatz zwischen Bern und Basel.

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19NOV2020
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Alles hat seine Zeit. Auch der November. Den ich eigentlich nicht so gerne mag. Weil er kalt und nass ist, dunkel und ungemütlich.

Da wird einem die Vergänglichkeit des Lebens regelrecht vor Augen geführt. Wenn es so etwas wie eine Jahreszeit für Trauer gibt, dann ist es der November. Viele gehen in diesen Tagen auf den Friedhof, richten das Grab eines lieben Verstorbenen und erinnern sich an die Zeit und Zeiten, die man gemeinsam verbracht hat. Auch wenn es weh tut.

Die Zeit der Trauer ist eine wichtige, notwendige Zeit. Keine verlorene Zeit. Im Gegenteil. Sie ist stärkende Zeit für das weinende Herz. Weil sie dem Kummer Raum gibt. Und der Seele eine Türe öffnet ihn zu betreten. Damit sie loslassen kann, auch wenn sie halten will.

Sie ist Pflegezeit für die wunde Seele im Nachspüren vergangener Tage und Zeiten. Heilsamer Schutzraum zum Innehalten und Gewahrwerden. Im Blick auf das Gestern wie das Heute.

Ich finde, das ist ein tröstlicher Gedanke. Und er bringt mir den Monat November näher. Als eine notwendige, wichtige Zeit. Im Lauf der Jahreszeiten. Für mich. Gewissermaßen als besondere Jahreszeit im Laufe meines Lebens.

Ich merke, ich brauche den November. Als Zeit zum Erinnern und Nachsinnen über das, was in diesem Jahr alles gewesen ist. Eine herrliche Herbstwanderung im Schwarzwald. Die Hitze im Sommer. Der Corona-Lockdown im Frühjahr, überhaupt die veränderten Lebensbedingungen und -perspektiven durch die Pandemie. Der spürbar schmerzende Verlust von Nähe, Gemeinschaft und auch Unbekümmertheit. Stattdessen ein Leben auf Distanz, mit möglichst wenig Kontakten, in wacher Sorge, wie es wohl weitergeht. Auch für die Trauernden.

Dennoch bin ich getrost. Auch eine Pandemie wird einmal vorüber sein. Auf jeden Winter folgt ein Sommer. Denn alles hat seine Zeit. Die Bibel beschreibt diese Erfahrung so (Pred 3): Weinen und Lachen, geboren werden und sterben, suchen und verlieren, kommen und wieder gehen, alles hat seine Zeit.

Und alle Zeit steht in Gottes Hand. Besonders die Novemberzeit. Weil sie der Seele eine Türe öffnet. Und Raum gibt. Zum Innehalten und Gewahrwerden.

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12SEP2020
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Ich liebe den Begriff „Schlüsselkompetenz“. Weil er zwei Worte, die für sich genommen wenig miteinander zu tun haben, in einen neuen Zusammenhang bringt. Und die daraus resultierende Bedeutung ist durchaus wörtlich zu nehmen: es geht darum, Kenntnisse oder Fähigkeiten zu haben oder zu erlernen, die neue Türen ins Leben aufschließen.

Schlüsselkompetenzen prägen unser Bildungs- und Ausbildungswesen. Die Schüler sollen nicht nur Fachwissen erwerben. Sie sollen auch dazu befähigt werden, sich persönlich weiter zu entwickeln, verantwortlich handeln und sich sozial angemessen verhalten zu können. Man lernt schließlich für das Leben. Hat ein Lehrer oft zu mir gesagt.

Nun stellt sich mir manchmal im Leben die Frage nach Gott. Und ich frage mich, welche Schlüsselkompetenzen, Kenntnisse, Fähigkeiten können mir die Dimension des Glaubens erschließen? Gar die Tür zu Gottes Raum, mitten hinein ins Himmelreich, zu öffnen?

Jesus hat darauf eine überraschende Antwort, wie ich finde. Er sagt: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen (Mk 10,15). Es geht gar nicht darum, dass ich selbst diese Türe öffnen muss. Auch nicht um einen bestimmten Lehrplan, den es braucht. Und auch nicht um die Lehrer, die nötig wären, diesen zu vermitteln. Sondern darum, das Kind in mir wieder zu entdecken.

Jesus sieht offensichtlich bei Kindern Schlüsselkompetenzen für den Glauben, die wir Erwachsenen zu wenig oder gar nicht mehr haben, weil sie im Lauf des Lebens nicht weiter ausgebildet oder gar verloren gegangen sind.

Ich vermute, Jesus denkt dabei an genau jene Schlüsselkompetenzen, welche das Kindsein ausmachen: großes Vertrauen, Empathie und Mitgefühl, starke Neugier, Wachheit aller Sinne, auch klein und schwach sein, Freude an den kleinen Dingen, Offenheit und Vorurteilslosigkeit, Friedfertigkeit, Staunen über die Wunder dieser Welt. All das ist doch so wichtig in einer zunehmend rücksichtslosen und abgestumpften Welt.

Im Zusammensein mit Kindern kann ich als Erwachsener von ihnen lernen. Beim gemeinsamen Spiel, beim Geschichten erzählen, wenn wir uns einander an der Hand halten, zusammen lachen, singen, spielen und tanzen.

Vielleicht macht sich dann sogar ein leises Gefühl von Gesegnetsein im Herzen breit. Verbunden mit dem Bewusstsein, wie schön es ist, im Glauben keinen Lehrplan haben zu müssen, sondern wie ein Kind einfach nur empfangen zu dürfen. Welch eine wundervolle Schlüsselkompetenz!

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11SEP2020
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Endlich habe ich es geschafft. Ich habe ein Wochenende ohne Handy gelebt. Es mir nicht nur vorgenommen und geplant. Sondern auch durchgezogen. Als kleine Fastenübung. Das Handy einfach einmal nicht mehr zur Hand nehmen.

Das ist schon ein eigenartiges Gefühl. Denn es gibt 1000 Dinge, die ich mit dem Handy erledige: z.B. Zeitung lesen, fotografieren, Musik hören, Videos schauen, Mails beantworten, Termine eintragen. All das bestimmt meinen Alltag, meine Zeit. Meine Lebenszeit!

Allerdings stelle ich fest: Nicht nur im Guten, sondern auch im Schlechten. Weil ich viel zu oft z.B. abends noch in meine Mails schaue, obwohl ich eigentlich Feierabend habe. Oder weil ich zwischendurch einen Zeitungsartikel lese, anstatt mich auf meine Arbeit am Schreibtisch zu konzentrieren.

Kurzum, zu oft schenke ich dem Handy meine Aufmerksamkeit und nicht dem, was gerade dran ist. Deswegen habe ich am Wochenende das Handy in die Schublade gelegt. Um Ruhe zu haben.

Ein großer Weisheitstext der Bibel bringt es auf den Punkt: Alles hat seine Zeit, geboren werden und sterben, bauen und zerstören, pflanzen und ausreißen, bauen und abbrechen, weinen und lachen, lieben und hassen, suchen und verlieren, […] alles hat seine Zeit (Pred 3,1 ff).

In kleinen lyrischen Sentenzen bringt er dichterisch zum Ausdruck, worum es geht. Um die Kunst, allem im Leben seine Zeit zu gewähren. Die Frage nach dem „wie lange“ ist dabei nicht der Rede wert. Wie leer kann ein ganzer Tag sein und wie erfüllt nur wenige Augenblicke. Bei einer Begegnung, beim Lesen eines schönen Gedichts, im Hören guter Musik. Eben ohne den kurzen Blick auf das Handy zwischendurch.

Auch das Schwierige im Leben hat und braucht seine Zeit: das Gefordertsein im Beruf. Die Sorge um die Kinder. Kranksein. Alleinsein. Streit haben. Aber über einer schweren Zeit des Leids, des Zweifels und der Not steht auch der Trost, dass dies einmal ein Ende haben wird. Alles hat seine Zeit.

Meine Handy-Auszeit hat mich zu grundlegenden Fragestellungen geführt: Wie verbringe ich meine Zeit? Was ist gefüllte, geschenkte, gesegnete Zeit in meinem Leben? Und wie viel Zeit nehme ich mir dafür?

In diesem Sinn hat es mir gut getan, dem Handy am Wochenende mal so richtig eine Auszeit zu verordnen. Das hat mir Zeit geschenkt. Für mich. Für meine Familie. Und ich habe es genossen, Herr meiner Zeit gewesen zu sein!

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10SEP2020
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Schlankmacher-Gen entdeckt. So lautet die Überschrift eines Zeitungsartikels, der davon berichtet, dass Wissenschaftler ein Gen identifiziert haben, das möglicherweise bestimmt, ob Menschen schlank sind oder nicht.

Ob ich Über- oder Untergewicht habe bestimmt also nicht nur die Art und Weise wie viel ich von was esse, sondern auch meine genetische Veranlagung. Mancher, der an der Krankheit Adipositas leidet, wird vermutlich voller Dankbarkeit auf die neuen Therapiemöglichkeiten blicken, die sich daraus ergeben.

Das Schlankmacher-Gen ist nur eine der neueren Entdeckungen in der Genforschung seit der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts vor fast 20 Jahren. Für viele Krankheiten wie z.B. Diabetes, Bluthochdruck, Krebs eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten der Diagnose und Therapie. Die Manipulation von Erbgut mittels einer Genschere ist in der Grundlagenforschung inzwischen ein technisches Standardverfahren.

Damit stellt sich die fundamentale ethische Frage, wann der Mensch damit seine Grenzen überschreitet. Aus christlicher Sicht: wann der Mensch in Gottes Schöpfung eingreift und dessen Rolle einzunehmen versucht. Eine Antwort darauf steht a priori nicht fest. Dennoch ist es eine elementar wichtige Kontrollfrage, die immer wieder gestellt werden muss. Grundsätzlich und von Fall zu Fall.

In diesem Sinne ist der Mensch in einer einzigartigen Verantwortungsposition. Mit all seinem Tun. Und auch mit all seinem Lassen. Denn beides birgt die Dimension der Grenzüberschreitung in sich. Das eine Mal im Unterlassen, das andere Mal im Übertreiben einer gentechnischen Möglichkeit.

In der Bewertung dieser Frage sind für mich folgende Grundaussagen des christlichen Glaubens wichtig: Der Mensch ist Teil der Schöpfung. Und in ihr ist jedes Leben einmalig und unverwechselbar, zu bewahren und zu schützen. Ob schlank oder dick, gesund oder krank, ob mit Handicap oder ohne. Weil jeder Mensch von Gott angenommen ist.

So kann ein gentechnologisches Verfahren ein Segen sein, wenn es einem Menschen hilft, gesund zu bleiben oder es wieder zu werden. Und es kann auch ein Segen sein, wenn Jemand entdeckt, dass er vielleicht nicht perfekt, aber dennoch angenommen ist. Und dann ist es egal, wie dick oder dünn einer ist.

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20JUN2020
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Es gibt vermutlich kein Leben, das gänzlich frei von Ängsten bleibt. Als Kind schon nicht: Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mich als kleiner Junge fürchtete, in den Keller zu gehen. Weil da alles so dunkel und schwarz und unheimlich war. Und wie gut es dann tat, die Hand des Vaters oder der Mutter zu spüren. Und auch die guten Worte zu hören, mit denen sie mir meine Angst nahmen.

Aber auch das Leben der Erwachsenen kennt genügend Situationen und Erfahrungen, die geprägt sind von Dunkelheit, von Sorgen, gar von Furcht.

Selbst wenn es nicht immer ausgesprochen wird: Es ist zu lesen im Gesicht eines Menschen, der unter dem Druck einer hohen Verantwortung für viele Angestellte und Mitarbeitende in einer Firma steht. Zu sehen an den fahrigen Händen, die nach Halt suchen, wenn einer seine wirtschaftliche Existenz zu verlieren droht. Und zu spüren in der Niedergeschlagenheit eines Menschen, der vor Trauer nicht aus noch ein weiß und kein Morgen mehr sieht.

So ging es auch den Frauen nach dem Tod Jesu. Im Angesicht des leeren Grabes und der Angst, dass nun auch noch der Leichnam verschwunden ist, wer weiß warum und von wem. Und dann hören sie die Worte des Engels: Fürchtet euch nicht! Jesus lebt, Gott hat alles zum Guten gewendet.

Fürchte dich nicht! Immer wieder sagt Gott es Menschen zu, um sie in ihrer Angst zu begleiten. Siebzig Mal (!) steht dieser Zuspruch in der Bibel. In vielen Mutmach- und Trostgeschichten.

Zum Beispiel in der Geschichte von Jakob, der voller Angst vor dem Zorn seines Bruders Esau fliehen muss, nachdem er sich das alleinige Erbrecht von ihm erschlichen hatte. Und in der Tat: Gott wendet sein Schicksal zum Guten. Am Ende kann er sich sogar mit Esau versöhnen.

Jakob und viele andere, so erzählt die Bibel, haben die Erfahrung gemacht: Gott hat sie in ihrer Angst und Sorge nicht allein gelassen. Sondern ist ihnen beigestanden. Immer wieder. Schmerz, Not, Tod und Leid sind damit nicht aus der Welt geschafft. Aber da ist eine Hand, die stützt und hält und führt. Sie ist zu spüren in all den Menschen, die sich ihrer angenommen haben. Die ihnen geholfen haben, sie getröstet und gestärkt haben, ihnen Mut zugesprochen und gesagt haben: Fürchte dich nicht!

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