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03NOV2021
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Sitzen zwei Männer in einer Bar irgendwo in der Wildnis von Alaska. Der eine ist religiös, der andere Atheist. Die beiden diskutieren über die Existenz Gottes. Sagt der Atheist: „Pass auf. Letzten Monat bin ich weit weg vom Camp in einen fürchterlichen Schneesturm geraten, ich hab mich total verirrt, vierzig Grad unter null, und da hab ich geschrieen: „Gott, wenn es dich gibt, dann hilf mir jetzt!, ich stecke in diesem Schneesturm fest und sterbe, wenn du mir nicht hilfst!“

Der religiöse Mann schaut den Atheisten ganz verdutzt an: „Na, dann musst du jetzt doch an ihn glauben“, sagt er. „Schließlich sitzt du quicklebendig hier neben mir“.
Der Atheist verdreht die Augen: „Quatsch, Mann, da sind bloß zufällig ein paar Eskimos vorbeigekommen und haben mir den Weg zurück ins Camp gezeigt“.

Ein und dieselbe Erfahrung kann für zwei verschiedene Menschen einen unterschiedlichen Sinn haben. Es ist eine Frage der Deutung.

Das hat der amerikanische Schriftsteller und Philosoph David Foster Wallace in einer inzwischen berühmt gewordenen Rede erörtert.

In dieser Rede zeigt er eindrücklich auf, wie sehr unsere „Standardeinstellung“, das, was wir erleben immer wieder bestätigt. Wie wenig offen wir sind für eine unvoreingenommene Sicht auf die Welt. Erst recht für „das Wahre und Wesentliche, das hinter den Dingen liegt und sich uns nicht immer gleich und offensichtlich erschließt“.

Das gilt, wie die kurze Geschichte vom Anfang zeigt, auch in der Frage des Glaubens. Eine Erfahrung, zwei ganz verschiedene Deutungen. Für welche würden Sie sich entscheiden?

Ich für mich kann sagen, dass es durchaus Dinge gibt, die ich Gott und nicht dem Zufall zuschreibe. So wie der religiöse Mann. Ich kenne aber auch die Erfahrung, dass Gott mein Gebet nicht erhört hat.

Ich glaube, dass Gott, manches Mal, so meine „Standardeinstellung“ und religiöse Selbstgewissheit aufbricht. Das ist nicht immer einfach. Und schmerzt. Aber dennoch glaube ich weiter an ihn. Weil es für mich Sinn macht, dass nicht alles einfach bloßer Zufall ist, sondern dass da einer ist, der seine Hand im Spiel hat. Und es außerdem mir völlig überlässt, wie ich es deute.

Für welche Deutung Sie sich auch entscheiden mögen. Ich wünsche Ihnen in jedem Fall zur rechten Zeit ein paar Eskimos am rechten Ort!

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02NOV2021
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„Grüß Gott!“ Ganz überrascht war ich, als mich neulich beim Wandern ein Mann so gegrüßt hat.
Mit der Familie wandern wir gern am Haardtrand des Pfälzer Waldes. Im steten Wechsel zwischen Wald und Weinbergen, mit vielen schönen Ausblicken auf die Rheinebene in ihrer ganzen Weite, umgeben von der bunten Farbenpracht der Blätter von Wald und Reben, die im Herbst Landschaft und Seele zum Leuchten bringt.

Wir sind nicht die einzigen Wanderer, die da unterwegs sind. Und wie es sich gehört, begrüßt man einander mit einem „Hallo“ oder „Guten Taq“ oder einfach einem leichten Kopfnicken. Aber dann kam dieser Wanderer mit seinem fröhlichen „Grüß Gott!“ und hat mich ins Nachdenken gebracht.

Mir ist aufgefallen, wie lange ich das schon nicht mehr gehört habe. In meiner Kindheit ist es ein gängiger Gruß gewesen. Jedenfalls in Süddeutschland. Beim sonntäglichen Wandern auf der Schwäbischen Alb oder im Allgäu und auch im Alltag, wenn man sich beim Einkaufen auf der Straße begegnet ist.

„Grüß Gott!“... . Das bedeutet „möge dir Gott freundlich begegnen“ oder „möge Gott dich segnen“. Das ist doch ein guter Wunsch. Unabhängig davon, ob der andere an Gott glaubt oder nicht. Dass ich demjenigen, dem ich begegne, wünsche, dass Gott seine Hand über ihn halten möge. Dass er oder sie Gutes erfahren möge.

Zum Beispiel beim Wandern durch den Pfälzer Wald. Gerade jetzt im Herbst, wo manche Wege gefährlich feucht und glitschig sind, vielleicht sogar schon gefroren. Oder der Nebel den Blick verschleiert, so dass man Mühe hat, nicht vom Weg abzukommen und sich zu verirren. Da kann man ein „Grüß Gott“ durchaus gebrauchen.

Erst recht aber im weiteren Sinn. Beim Wandern durch das Leben. Im wiederkehrenden Wechsel von Höhen und Tiefen. Dass Schritt und Tritt gelingen, von Kindheit und Jugend an bis ins Alter hinein. Gesegnet sein mit guten und gelingenden Wegen, stimmigen Stationen, bergenden Unterkünften und treuen Weggefährten.

Gesegnet sein mit Ruhe und Gelassenheit, wenn ein Weg anders verläuft, als man es sich erhofft und gewünscht hat. Zufrieden sein können mit dem, was ist - und an dem nicht verzweifeln, was nicht ist.

Die Fülle des Lebens spüren können beim Anblick so vieler bunter Lebensblätter, die den Weg säumen und ihn so zum Leuchten bringen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, von Wanderer zu Wanderer, ein herzliches „Grüß Gott!“ nicht nur für den heutigen Tag!

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25SEP2021
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„Mahlzeit!“ ruft mir eine Frau zu. Es ist kurz vor halb zwölf, ich stehe am Eingang unseres Gemeindehauses und die ersten Gäste kommen, um im großen Saal ein Mittagessen einzunehmen.

Ich kenne sie gut. Sie kommt schon seit Jahren. Früher hat sie in einem Handwerksberuf gearbeitet. War fest angestellt. Aber dann kam eines zum anderen. Eine schwere Krebserkrankung. Körperliche Langzeitfolgen. Der Verlust der Arbeitsstelle. Eine bleibende Arbeitsunfähigkeit. Die viel zu geringe Erwerbsminderungsrente. So dass sie auch ihre Eigentumswohnung nicht mehr halten konnte. Seitdem lebt sie von Hartz-IV. Und sie weiß, da wird sie nie mehr herauskommen.

„MahlZeit“ heißt auch das Sozialprojekt, das hier im Martin-Luther-King-Haus an der Gedächtniskirche in Speyer für Menschen, die bedürftig sind, an vier Tagen in der Woche ein warmes Essen anbietet: Menschen, die in der Armutsklemme stecken. Mit Hartz IV-Bezug, Rentner, Alleinstehende mit zu geringem Einkommen, Obdachlose. Alle bekommen eine vollständige Mahlzeit mit Vorspeise, Salat, Hauptspeise und Nachtisch. Für 1 Euro. Aus Wertschätzung für das Essen wie der Bedürftigen gleichermaßen.

Das ist auch der Frau wichtig. Dass sie nicht als Almosenempfängerin und Mensch 2. Klasse behandelt wird. Diese Erfahrung macht sie oft genug. Aber hier bei der Kirche sei das zum Glück anders. Dafür ist sie dankbar.

Für Menschen wie sie ist die „MahlZeit“ wichtig. Nicht nur wegen des Essens. Sondern besonders auch wegen der Begegnung mit anderen. Der Gemeinschaft, die man erfährt. Das tut gut. Sie weiß, sie ist mit ihrem Schicksal nicht allein. So wie auch der Rentner mit der nicht ausreichenden Rente. Für ihn wie für viele andere ist die Begegnung „Therapie“ gegen die Einsamkeit. Anderen gibt der „MahlZeit“-Termin eine feste Struktur für den Tag.

Darum ist das „Z“ in der „MahlZeit“ groß geschrieben. Weil beides gleich wichtig ist: Das Mahl und die Zeit. Beim Essen miteinander ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen, zu erfahren, anderen geht es auch so. Einen Raum, einen Ort, eine Zeit haben. Miteinander und Füreinander. Auch mit den über 30 Ehrenamtlichen, die sich hier engagieren.

Sozialprojekte wie dieses können die Armut nicht beseitigen. Aber Not lindern. Und Leib und Seele stärken. Wenigstens einmal am Tag.

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24SEP2021
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Für mich gibt es nichts Schöneres, als mit anderen zusammen zu essen und zu trinken. Andere zu einem schönen Essen einzuladen. Sie zu bewirten. Oder selbst eingeladen zu werden. Gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und miteinander ein mehrgängiges Menü einzunehmen mit einer guten Suppe, leckerem Hauptgang, feinem Dessert und einem guten Tropfen Pfälzer Wein. Das schafft Gemeinschaft. Und tut nicht nur dem Leib, sondern auch der Seele gut.

In vielen Familien wird immer weniger gemeinsam gegessen. Ein Junge hat mir erzählt, dass sie zu Hause in der Familie eigentlich kaum zusammen essen. Manchmal am Wochenende. Aber auch das eher selten. Ansonsten isst jeder für sich allein, macht sich eine Pizza warm oder holt sich was aus dem Kühlschrank. Ich muss gestehen, auch bei uns zu Hause gibt es manchmal solche Tage.

Essen ist, in aller Regel, doch mehr als reine Nahrungsaufnahme. Wenn ich für mich allein esse, fällt etwas ganz Wesentliches buchstäblich unter den Tisch: die stärkende Erfahrung von Gemeinschaft.

Sie ist spürbar in den Gesprächen, die sich ergeben. Da kommt vieles auf den Tisch. Mal geht es vielleicht nur ums Wetter, mal um Politik, mal um eine Sorge, die auf der Seele liegt. Menschen, die allein leben, können das nicht. Und viele leiden darunter.

Dass in der Verbindung von Essen und Gemeinschaft eine besondere Kraft liegt, die weit über die bloße Nahrungsaufnahme hinausgeht, wusste auch Jesus. Darum hat er oft und gerne mit anderen zusammen gegessen. Und alle dazu eingeladen. Besonders die Alleinstehenden und Ausgegrenzten.

Ja, er nahm es sich sogar heraus, sich selbst einzuladen. Zum Beispiel bei dem Zöllner Zacharias. Der hatte zwar ein großes Haus, aber nie Besuch, weil keiner ihn leiden konnte. Ich muss heute in deinem Hause einkehren, hat Jesus zu ihm gesagt. Und ihn so beim gemeinsamen Mahl aus seiner sozialen Isolation herausgeholt.

Miteinander essen und trinken, bei einer gemeinsamen Mahlzeit, darauf möchte ich besonders achten. Gerade im Alltag unter der Woche. Um erleben zu können, wie gut es tut, wenn ich dabei Zeit und Leben mit anderen teile, für einen Moment aus meinem Alltag herausgeholt werde, erfahre, was mein Gegenüber gerade beschäftigt und was ihm wichtig ist. Gleich morgen fange ich damit an und lade Jemanden ein! Ich weiß auch schon wen.

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23SEP2021
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Mahlzeit! schallt es durch die Firmenflure und Werkshallen. Es ist kurz vor zwölf. Mittagspause. Mahlzeit ist ein kurzes Wort. Und dennoch bezeichnend. Bringt es doch zwei Dinge zusammen. Das Mahl und die Zeit: Dass es etwas zu Essen gibt und nun die Zeit dafür gekommen ist.

Ein junger Mann hat mir erzählt, seit er im Homeoffice arbeitet, vergisst er oft, rechtzeitig eine Pause zu machen. Besonders mittags zum Essen. In der Firma war das gar kein Thema. Da ist man zum Essen in die Kantine, hat sich gegenseitig abgeholt. Außerdem war es schön, gemeinsam mit anderen an einem Tisch zu sitzen, zu essen und sich dabei zu unterhalten, über unliebsame Kunden oder das letzte Spiel des FCK. Jetzt hat er das ewig gleiche Käsebrot und den Kaffeebecher neben dem PC geparkt und isst irgendwann zwischendurch. Niemand ruft Mahlzeit!

Mahlzeit kommt von „gesegnete Mahlzeit“ und ist eigentlich nichts anderes als das kürzeste Tischgebet der Welt. Ein Segenswunsch für das Essen, das auf dem Tisch steht, für die Zeit, die damit verbunden ist und für die Menschen, die es einnehmen. Im Wörterbuch der Brüder Grimm lese ich, dass die Verkürzung auf ein einziges Wort schon im 19. Jhdt. durchaus üblich war.

Auf komprimierte Weise wird damit etwas zum Ausdruck gebracht, das über den Wunsch eines „Guten Appetits“ weit hinausreicht: Dass auf diesem Essen, dieser Mahlzeit ein Segen liegt.

Im Nachdenken darüber stelle ich fest, dass vieles mit diesem Segen verbunden ist. Zunächst ganz einfach der Dank, dass dieses Essen möglich ist. Dass es Schnitzel mit Pommes gibt, Grünkernbratlinge, Salat, Tortellini in Tomatensoße. Und Rezepte in allen Variationen: gebraten, gedünstet, gesotten oder überbacken. Dass die Zeit für das Essen eine ungemein kostbare Zeit ist. Die mir wieder Kraft gibt. Für Leib und Seele. Besonders in Gesellschaft mit anderen. Wenn ich das Mahl und die Zeit mit anderen teilen kann. Auch in der Fürbitte für jene, die Hunger leiden, einsam sind.

So entfaltet sich in der Kürze des Wortes die ganze Fülle des Segens: im gemeinsamen Essen, im Miteinander und den Gesprächen, im Reden und Hören, Mitteilen und Wahrnehmen, im Teilen von Lebenszeit, in der heilsamen Unterbrechung der Arbeit, das bringt dieses eine Wort zum Ausdruck, das ich Ihnen für Ihr Mittagessen heute wünsche: Mahlzeit!

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16JUN2021
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Man kann ihn nicht sehen. Mindestens nicht direkt. Er ist und bleibt unsichtbar. Aber zu spüren, das ist der Wind. Manchmal kann er einen richtig packen, schütteln und rütteln, dass es einen sogar umwerfen kann.

Und dann gibt es aber auch Momente, da ist Wind ganz sanft und sacht und weich. Ein leichter Hauch nur. Gerade noch zu spüren. Zärtlich und anschmiegsam umschmeichelt er Haut und Haar. Auch wenn der Wind nicht zu sehen ist. So kann er doch bewirken, dass man ihn hört. Im Sausen und Brausen. Im Pfeifen und Singen. Und auch in einem leisen Säuseln in aller Stille.

Oft genug hört und spürt man ihn auch nicht. Er ist da. Irgendwie. Irgendwo. In der Luft. Zwischen Himmel und Erde.

So ist es auch mit dem Atem Gottes. Oder anders gesagt. Mit dem Heiligen Geist. Man kann ihn nicht sehen. Aber spüren. Und Leben bringt er auch. Kraft und Energie und Frische.

Man kann diesen Geist spüren. Wenn Menschen ganz ergriffen sind. Voller Begeisterung für ein Projekt in ihrer Gemeinde oder ihrem Verein. Wer ihnen begegnet, kann es sehen und hören und fühlen. Da ist einer voller Motivation und Tatendrang. Will etwas anpacken, umsetzen, erreichen von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit aller Kraft.

Eine andere ist voller Achtsamkeit. Tief berührt. Weil sie die Menschen, denen sie begegnet, ganz neu wahrnimmt. Sie hört mit wachen Ohren, sieht mit weiten Augen, wie sie leben, oder eben gerade nicht leben. Und nimmt sich ihrer an. Erfüllt von Mitgefühl und Barmherzigkeit.

Die Bibel sagt: Gottes Atem, der Heilige Geist, macht so etwas möglich. Die Pfingstgeschichte erzählt davon. Und viele andere Geschichten auch. Barrieren entfallen. Menschen verstehen einander und verbinden sich miteinander über Kontinente hinweg. Obwohl sie ihre Sprachen vielleicht nicht beherrschen.

Zweifelnde gewinnen Vertrauen, Schwache werden stark, Traurige fröhlich. Lebensmut kehrt in sie zurück. Vielleicht weil ihnen jemand begegnet ist, der sie im richtigen Moment angeschaut oder angesprochen hat.

Manchmal bleibt diese Kraft des Geistes auch aus. Oder lässt auf sich warten. Erzwingen kann man ihn nicht. Aber sich von ihm erfassen lassen, dann, wenn er kommt. Das kann man. Denn zu jedem kann er kommen. Auch da, wo man ihn nicht vermutet. Er weht, wo er will! Wie der Wind. Unsichtbar. Und dennoch spürbar.

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15JUN2021
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Wenn es meine Zeit erlaubt, höre ich gerne Geistliche Musik. Schon als Jugendlicher habe ich gerne im Kirchenchor gesungen oder Kirchenkonzerte besucht. Und das ist so geblieben. Bis heute. Mich fasziniert die besondere Aussagekraft, die durch die kompositorische Verbindung von Wort und Klang, von Theologie und Musik entstehen kann. Wie z.B. in den großen Oratorien von Johann Sebastian Bach.

Seine Musik bringt die Erzählungen der Evangelien im wahrsten Sinne des Wortes zum Klingen. Ich denke an den Choral „Brich an o schönes Morgenlicht“ im Weihnachtsoratorium, der die Erscheinung des Engels bei den Hirten mitten in der Nacht akustisch hörbar zum Leuchten bringt. Oder die Arie des Tenors, in der die Freude und die drängende Eile der Hirten förmlich zu hören sind. Man „sieht“ sie quasi musikalisch zum Kind in der Krippe laufen.

Nun hat nicht jeder einen solchen Zugang zu geistlicher Musik. Besonders der klassisch-historischen. Manchem sind deren Texte, musikalische Formen und Mittel fremd. Geistliche Musik ist jedoch weitaus vielfältiger, bietet ein breites Spektrum in vielen Genres und Musikrichtungen.

In jedem Fall finde ich: Geistliche Musik vermag es, mir Geschehnisse und Aussagen des Glaubens in Form einer Melodie oder eines bestimmten Klanges glaubhaft ins Ohr zu legen. So dass ich empfinden und sagen kann. Ja, genau so ist es. Ich kann das Wunder der Schöpfung in John Rutters „For the Beauty of the Earth“ hören. Oder das Leuchten des ewigen Lichts. Wie in Lux Aeterna von György Ligeti.

Manchmal provoziert mich das auch. Fordert mich heraus, bringt mich zum Nachdenken. Weil ich mit etwas Neuem, Ungewohnten, Widerständigen konfrontiert bin, das ich so noch nie gehört habe. Aufgrund der Komposition. Oder auch der Interpretation.

In diesem Sinn setzt geistliche Musik immer wieder einen wichtigen und belebenden Kontrapunkt im Alltag meines Lebens. Auch indem sie so manchen Wohlfühlklang in Frage stellt. Harmonien, auf die ich mich stütze, als nur scheinbar tragfähig entlarvt.

Sie kann aber auch manchem Stress, Aufgeregtheiten und Unzulänglichkeiten Einhalt gebieten. Harmonie verströmen, wo ich Dissonanzen ausgesetzt bin. Mir eine fröhliche Melodie ins Herz legen, die den Tag über in mir weiterklingt. Ich glaube, ich sollte mir heute unbedingt eine Zeit dafür gönnen.

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14JUN2021
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„So, jetzt sind wir da. Du gehst jetzt in die Türe hier auf der rechten Seite und ich gehe in die Türe auf der linken Seite. Und nachher, wenn Du wieder herauskommst, treffen wir uns genau hier wieder!“ Mit diesen Worten und einer behutsamen Geste hat ein Verwandter seine Frau zur Gästetoilette des Restaurants geführt, in dem wir uns zu einer Familienfeier getroffen hatten.

Eigentlich ein ganz unbedeutender und alltäglicher Vorgang. Aber mein Verwandter war nicht sicher, ob seine Frau den Weg wirklich allein gefunden und dann auch die richtige Türe gewählt hätte. Denn sie litt unter stark zunehmender Demenz.

So wie viele andere Menschen auch. Auf der Homepage der Deutschen Alzheimer Gesellschaft lese ich, dass in Deutschland heute ca. 1,6 Mio Menschen mit Demenzerkrankungen leben. Etwa zwei Drittel davon werden zu Hause von Angehörigen betreut und gepflegt.

Für die Angehörigen ist das eine ungeheure Herausforderung. Tag und Nacht. Immerzu darauf achten, dass nichts verlegt wird, die Herdplatte nicht anbleibt, ja keine Kerze brennt oder die Haustüre offen steht. Dabei ist verbale Kommunikation kaum möglich. Sogar der eigene Partner wird nicht mehr erkannt. Das übersteigt oft alle Kräfte.

Auch die der Betroffenen. Was muss das für ein Gefühl sein. Im Angesicht der Krankheit. Angst, Wut, Sprachlosigkeit, Scham, Hoffnungslosigkeit. Nicht mehr seiner selbst gewiss zu sein. Zu spüren wie das Vergessen zunehmend um sich greift. Und man einen Weg gehen muss, den man nicht gehen wollte. Ein stilles Leiden und Erdulden. In vielen Familien.

Mich hat beeindruckt, wie mein Verwandter mit seiner Frau und der Situation umgegangen ist. Ganz ruhig, verständnisvoll und mit großer Aufmerksamkeit, ihre Würde achtend. Ich weiß, er hat das so gemacht, nicht nur aufgrund seiner Persönlichkeit, sondern weil er auch fest davon überzeugt ist, dass seine Frau bei aller Veränderung ein achtenswerter und liebenswerter Mensch ist. Und bleibt. Gottes Geschöpf. Ihm anvertraut. In guter und in schwerer Zeit.

Dabei gibt ihm sein Glaube Halt. Nicht weil er den Alltag leichter macht. Aber weil er ihm Kraft gibt ihn zu bestehen. Es war zu spüren, dass er sich und seine Frau gehalten fühlte, als wir an diesem Tag das Lied „Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein“ gesungen haben:

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21APR2021
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Wann haben Sie das letzte Mal geträumt? Von einem erfüllteren Leben vielleicht? Einer geglückten Partnerschaft? Dem Glück, endlich ein Ziel erreicht zu haben? Nicht selten sind es Träume, die Menschen dazu bringen, ihr Leben so zu gestalten und zu verändern, dass sie wahr werden. Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum, heißt es. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn ein Traum, ein Lebenstraum gar, zerbricht. Manchmal geschieht das, weil andere mit diesem Traum überhaupt nicht einverstanden sind. Und ihn in ihrer Boshaftigkeit verhindern.

Wenn dann einer am Ende trotzdem sagen kann: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen“ (1.Mose 50,20), ist das eine mehr als außergewöhnliche Geschichte. Bei Josef war das so. Und darum, glaube ich, steht seine Geschichte auch in der Bibel.

Sie beginnt damit, dass Josef als Junge davon träumt, vielleicht aus pubertärer Überheblichkeit, über allen seinen Brüdern zu stehen. Und weil er Vaters Liebling war, haben die Brüder ihn in eine Grube geworfen und nach Ägypten als Sklaven verkauft. Seinen Traum zerbrochen. Ihn einfach aus dem Weg geschafft.

Aber Gott gedachte es gut zu machen. Auf lange Sicht. In der Lebensgeschichte von Joseph kann man das hören. Obwohl ihm weiter von anderen böse mitgespielt wird, wendet sich sein Schicksal immer wieder zum Guten. Träume spielen dabei eine zentrale Rolle. Und weil Josef sie deuten kann, steigt er schließlich sogar zum Ratgeber des Pharao auf. Ist einer der mächtigsten Männer im Land. Irgendwie ist sein Kindheitstraum doch wahr geworden. Weil Gott es gut zu machen gedachte.

Was für eine Hoffnungsgeschichte! Sie beantwortet mir zwar nicht die Frage, warum Menschen Böses tun und Träume zerbrechen. Aber sie gibt mir Hoffnung. Weil sie an Josef zeigt, dass Gott nicht unbeteiligt bleibt. Dass er Menschen dann nicht einfach ihrem Schicksal überlässt.

Im Gegenteil. Dass er jenen, die am Ende sind, neue Wege ermöglicht. Dass Türen sich öffnen zu neuer Freiheit. Dass andere da sind, die weiterhelfen. Dass Träume nicht umsonst sind.

Kurzum, dass Gott seine Hand mit im Spiel hat und zum Guten wendet, was böse war. Und am Ende einer sagen kann, nie im Traum hätte ich mir vorstellen können, dass sich mein Leben so wenden würde. Es war wie es war. Ich habe es nicht vergessen. Aber es gut geworden. Trotz allem. Gott sei Dank!

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20APR2021
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Da ist ganz schön viel aufgebrochen. In einer Familie gibt es Riesenstreit. Die beiden Söhne streiten um das Erbe. Der eine hintergeht den anderen um die Gunst des Vaters. Die Mutter tut für ihren Liebling das ihre und unterstützt ihm. Der Vater hält sich heraus und an der Tradition fest. Und wird ebenfalls hintergangen. Die Situation eskaliert. Der Erbschleicher hat gewonnen. Der ältere Bruder das Nachsehen und einen Riesenzorn. Der Erbschleicher muss fliehen.

So etwas kommt vor. Leider. Und steht in der Bibel. Es ist die Geschichte von Jakob und seiner Familie. Eine Familiengeschichte, wie sie das Leben schrieb. Über heftige Konflikte zwischen zwei Brüdern, Eltern und Kindern, Vater und Mutter. Über Konventionen, Traditionen und das Aufbegehren dagegen.

Da ist nicht von Menschen die Rede, die alles richtig machen. Im Gegenteil. Dieses Bild wird in dieser Geschichte gründlich aufgebrochen. Da wird von Menschen erzählt, die Fehler machen, sich mit und in ihnen verstricken und so auf Abwege und Umwege geraten. Wie im richtigen Leben eben. Auch heute.

Da stellt sich unweigerlich die Frage: Wie steht Gott zu Menschen, die in solchen Situationen sind? Genau das ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte von Jakob und Esau. Sie erzählt, dass Gott genau dann, wenn alles aufbricht, abbricht, sogar zerbricht, dass Gott dann da ist. Sich nicht entzieht. Sondern mitgeht. Gott verspricht Jakob, dass er mit ihm ist, wohin er auch geht. Und er hält Wort.

Das ist für mich die große Entdeckung in dieser Geschichte. Dass Gott sich Menschen, die etwas falsch gemacht haben, die gestrauchelt sind, nicht entzieht. Sondern im Gegenteil, ihnen aufhilft, neue Wege zeigt, zur Seite bleibt.

So auch am Ende der Geschichte. Jakob bricht noch einmal auf. Um sich mit seinem Bruder Esau zu versöhnen. Er hat Angst vor der Begegnung. Will darum unbedingt Gottes Segen. Und setzt alles daran. Ringt mit Gott. Eine ganze Nacht. Ringt ihm den Segen ab.

So begegnet er Esau. Und die Versöhnung gelingt. Gott hat Wort gehalten. Er lässt Jakob einen Segen erfahren, der größer nicht sein könnte. Nach Streit und Hass, jahrzehntelangem Kontaktabbruch bricht die Liebe sich Bahn und überwindet allen Hader. Da ist ganz schön Neues aufgebrochen!

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