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01DEZ2021
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Eine Vision des Propheten Sacharja berührt mein Herz. Der Prophet stellt sich vor, dass alte Menschen friedlich auf den Plätzen der Stadt sitzen, Kinder spielen um sie herum. Ein Bild des Friedens, das in vielen Gegenden der Welt überhaupt nicht selbstverständlich ist. So auch nicht zu Zeiten des Propheten.

Alte und Kinder sind die ersten Opfer von Unfrieden, auch von sozialem Unfrieden. Die einen sind noch nicht in der Lage, für sich zu sorgen, die anderen nicht mehr. Im Krieg können Erwachsene sich gegebenenfalls verteidigen, Kindern und Alten bleibt oft nur die Flucht oder der Tod.

So lange ist das hier in Deutschland auch nicht her, dass Menschen fliehen mussten. Manche Ältere erinnern sich bis heute noch mit Schrecken an den furchtbaren, eiskalten Winter 1944/45 und an ihre Flucht aus dem Osten. Von ihren Mitmenschen wurden sie nicht überall willkommen geheißen. „Die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge werden wir nicht mehr los“ – so hat es mein Onkel gehört, der aus Schlesien fliehen musste. Wie kränkend das klingt, und schlimmer noch: Es war genau so gemeint. Mein Onkel hatte Glück. Er fand eine neue Heimat und eine große Liebe mit der Tochter des Bauern, der ihm damals Arbeit gegeben hatte. Sein Haus war dann immer gastfreundlich. Er hatte die Flucht nicht vergessen.

Die Vision des Propheten vom friedlichen Miteinander ist jedoch nicht nur ein Hoffnungsbild für Alte und Kinder in Kriegszeiten. Die prophetische Vision ist auch etwas für erwachsene Menschen, die sonst gut für sich sorgen können – außer vielleicht für ihre zarten Seiten. Viele Erwachsene sehnen sich danach, ihre empfindsamen Seiten zu zeigen, einmal schwach sein zu dürfen. Viele wünschen sich spielerische Leichtigkeit, sie vermissen Freiräume, um unbefangen, Schutzräume, um vertrauensvoll leben zu können. Sicher ist es kein Zufall: Diese Sehnsucht spüren sie gerade im Advent besonders deutlich.

Die Vision des Propheten macht Mut, sich diese Sehnsucht zu bewahren. Sowohl die Sehnsucht nach dem Frieden in der Welt als auch die Sehnsucht nach den eigenen zarten Seiten. Denn außen und innen gehören zusammen.

Ich stelle mir vor, in diesem Advent auf der Spur dieser Sehnsucht zu sein. Gemeinsam mit allen, die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben. Auf dem Weg zu einem Frieden, der allen Menschen gilt, auch den Alten, Schwachen und Kleinen, auch denen, die sich danach sehnen, sich zart und verletzlich zeigen zu dürfen.

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30NOV2021
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Tochter Zion freue dich – das ist eines der bekanntesten Adventslieder. Viele Menschen haben sicher sofort die festliche Musik von Georg Friedrich Händel im Ohr.

Tochter Zion, freue dich – das ist ursprünglich ein Zitat aus dem Buch des biblischen Propheten Sacharja. Der Prophet hat die Vision eines Friedenskönigs, der auf einem Esel in die Stadt Jerusalem geritten kommt. Dem Propheten war es ganz wichtig, dass es ein reinrassiger Esel ist, kein Pferd und auch kein Maultier. Pferde und Maultiere wurden zu Zeiten des Propheten für den Krieg gezüchtet. Heute würde man sagen: Kein einziges Chromosom sollte das Reittier des Friedenskönigs mit dem Krieg gemeinsam haben. Ein Friedenstier trägt den Friedenskönig. Und wie der Esel nichts mit dem Krieg zu tun hatte, so hat der biblische Friedenskönig nichts mit den kriegerischen Königen seiner Zeit gemeinsam. Er ist gerecht, und – welch ein Skandal! Er ist arm und demütig. Deshalb wird es nach seiner Ankunft auch keinerlei Kriegsgerät mehr geben.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Ich bin ganz froh darum, dass der Prophet Sacharja mit seiner Vision zu den Menschen gegangen ist, sie mit vielen geteilt hat, und dass seine Zuhörenden sie weitererzählt haben. Denn an welchen Hoffnungsbildern sollte man sich sonst festhalten in einer Zeit, in der überall auf der Welt wieder Kriegsherren erstarken, die die ihnen anvertrauten Menschen quälen und alles andere als arm und demütig sind. Noch nicht einmal der Blick in die Nähe ist tröstlich. Denn ganz nahe in mir pocht mein häufig so friedloses und zorniges Herz.

Der Friedenskönig hat gar nichts gemeinsam mit der Gewalt. Er reitet auf seinem reinrassigen Friedenstier. Streitwagen und Kriegsbögen werden vernichtet und zerbrochen. Auch das gehört zur Vision des Propheten Sacharja. Kann es sein, dass die Gewalt doch eines Tages kapitulieren muss? Dass nicht die waffenstarrende Macht das letzte Wort hat, sondern die Friedensbotschaft? Dass dieser Friede den verzweifelten Menschen überall auf der Welt gilt und sogar mein friedloses Herz verwandelt und den Unfrieden in mir zerbricht?

Ich gebe zu: Ich weiß nicht, wie das gehen kann. Aber ich ahne: Der Weg zum Herzen der Menschen ist nicht mit Gewalt zu finden. Diesen Weg findet nur die Liebe, und offensichtlich haben sich davon immer wieder Menschen anrühren lassen.

Es ist eine kraftvolle Vision des Propheten Sacharja. Sie hilft mir, mich - manchmal trotz allem - zu freuen. Auch in diesem Advent: Tochter Zion, freue dich!

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29NOV2021
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Nach dem Tod seiner dritten Frau suchte der englische König Heinrich der VIII eine neue Herzdame. Also schickte er seinen Hofmaler Hans Holbein d.J. auf den Kontinent, um geeignete junge Adelsdamen zu portraitieren, die den riskanten Job als nächste Königin von England annehmen wollten. Holbein malte verschiedene junge Damen – eine Art Tinder des 16. Jahrhunderts – und das Portrait der Anna von Kleve konnte den englischen Herrscher überzeugen. Leider hat das am Ende weder den Maler noch Anna noch den König richtig zufrieden stellen können. Denn Heinrich fand die Anna aus Fleisch und Blut entschieden hässlicher als ihr Portrait und ließ die Ehe nach kurzer Zeit annullieren. Der Maler Holbein fiel in Ungnade und durfte nie wieder ein Mitglied der Königsfamilie portraitieren. Er starb am 29. November 1543. Überlebt haben sowohl sein Portrait des Königs als auch das der Anna von Kleve. Das Bild der Verstoßenen hängt heute prominent im Louvre und man ahnt, warum Heinrich VIII davon so hingerissen war. Es erfüllt mich allerdings mit einer gewissen Schadenfreude, dass es das Portrait des englischen Herrschers nicht nach Paris geschafft hat.

Ich habe mich gefragt, warum Holbein Anna von Kleve so liebreizend gemalt hat, obwohl sie – zumindest nach Aussagen von Zeitgenossen – keine strahlende Schönheit und dazu ziemlich langweilig gewesen sein muss. Holbein war ja ein großartiger Maler, der sein Handwerk perfekt beherrscht hat. Vielleicht war es so: Holbein hat die Fähigkeit besessen, in Menschen eine ihnen eigene Schönheit zu erkennen. Vielleicht hat es ihn auch gereizt, diese Schönheit durch seine Malkunst noch zu betonen und auf dem Bild zum Strahlen zu bringen. Das ging zwar an der Zielvorgabe und dem Interesse des englischen Königs vorbei, doch gerade darin erkenne ich eine göttliche Parallele. Wie Holbeins künstlerischen Malerblick möchte ich mir den Blick meines Schöpfers vorstellen. Wie wunderbar wäre es, wenn Gott den Blick eines Künstlers hätte, der mich schön findet, obwohl meine Umgebung diese Einschätzung ganz gewiss nicht durchgängig teilen wird. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und das kann Auswirkungen haben.

Denn ich bin mir sicher, dass ein liebevoller Blick leibhaftig verändern kann. Wenn ich mir vorstelle, dass Gott mich schön findet, dann färbt das auf mich ab. Ich fühle mich wohler in meiner Haut und das hat leibhaftige Folgen. Vielleicht fange ich sogar an zu strahlen. Auch wenn ein Portrait von mir niemals im Louvre hängen wird:

Ich stelle mir gerne vor, dass mich Gott jeden Tag so liebevoll anschaut. Das hebt die Stimmung, selbst wenn draußen ein nebliger Novembertag wabert.

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06OKT2021
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Der Philosoph Michel Foucault hat sich mit besonderen Orten beschäftigt, er nennt sie AndersOrte, oder wissenschaftlich: Heterotopien. Diese Orte sind wie Fremdkörper in einer Stadt, zugleich haben sie für die Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Als Beispiele für solche AndersOrte nennt Foucault etwa Friedhöfe.

Ich bin sicher nicht die Einzige, die in einer fremden Stadt gerne über den Friedhof spaziert. Auch wer keine Ahnung von Michel Foucault und seiner Philosophie hat, kann auf einem Friedhof eine einzigartige Atmosphäre spüren. Ein Friedhof ist nicht nur für die Toten da, er ist viel mehr noch ein Ort der Lebenden, und das in einer sehr demokratischen Weise, denn auf einem Friedhof findet jeder Mensch seinen letzten Ruheplatz, ob reich oder arm, berühmt oder scheinbar unbedeutend.

Der Ritus der Bestattung auf dem Ort des Friedhofs bietet eine wichtige Entlastung – der Friedhof stellt sich als Ort zur Verfügung, der Anfang und Ende einer Biographie festhält. Nicht die Lebenden müssen das leisten, was eine furchtbare Überforderung wäre – der Friedhof nimmt es ihnen ab.

Der Friedhof bewahrt die Erinnerung an bedeutende Bürger einer Stadt, zugleich finden aber auch die kleinen Leute ihren Platz – und sei es auf dem anonymen Begräbnisfeld, das keine Namen der dort Bestatteten nennt. In meiner Stadt Mainz hat jeder Mensch, auch der Ärmste, das Recht, in einem Grab mit Namensschild beerdigt zu werden. Ich finde, das hat eine tiefe Weisheit und sollte beispielgebend für alle Städte in der Bundesrepublik sein! Der Tod trifft alle, Arme wie Reiche. Während es zu Lebzeiten meilenweite Unterschiede gibt, betrifft die Endlichkeit der Existenz jeden Menschen. Der Friedhof spiegelt uns diese unabänderliche Tatsache wider und zeigt uns zugleich, dass Arme wie Reiche etwas gemeinsam haben: Sie sind beim Namen genannt. Aus biblischer Perspektive hat das viel mit Gott zu tun. Er ruft Menschen beim Namen und so ins Leben. Allerdings: Während auf den Friedhöfen die Namen auch irgendwann mit der Aufhebung eines Grabes wieder gelöscht werden, hat Gott die Namen seiner Menschen in seine Hand geschrieben – Unauslöschlich, so heißt es im Buch des Propheten Jesaja.

Wir verdanken unseren Friedhöfen viel! Ein kluger Mensch hat einmal gesagt, dass Städte ohne Friedhöfe zu Städten des Todes werden. Es ist schon merkwürdig: Gerade weil wir in jeder Stadt und fast jedem Dorf Friedhöfe haben, werden wir uns des Lebens neu bewusst. Die Friedhöfe zeigen zwar die Gegenwart des Todes, zugleich hegen sie aber den Tod ein, begrenzen ihn auf ein Areal in der Stadt. Es ist schon so: Wovor ich die Augen verschließe, was ich verdränge, verschwindet dadurch nicht, sondern gewinnt eine unkontrollierte Macht. Insofern ist jeder Friedhof ein Ruf ins Leben!

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05OKT2021
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Der Philosoph Michel Foucault hat sich mit besonderen Orten beschäftigt, er nennt sie AndersOrte, oder wissenschaftlich: Heterotopien. Diese Orte sind wie Fremdkörper in einer Stadt, zugleich haben sie für die Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Als Beispiele für solche AndersOrte nennt Foucault Gefängnisse, Gärten oder auch Klöster.

In der Tat: Wer nicht völlig abgestumpft ist, spürt die besondere Atmosphäre solcher Orte. Man kann sich ihr kaum entziehen, selbst wenn man es wollte. Ich kann mich noch sehr gut an die leibhaftige Beklemmung erinnern, als wir während unserer Ausbildung im Vikariat mit dem Gefängnisseelsorger eine Justizvollzugsanstalt besucht haben. Jedes Gefängnis ist wie eine Sonderwelt und stellt Anfragen an die Gesellschaft.

Dagegen ist jeder schön gestaltete Garten wie ein kleines Paradies, wo Pflanzen, Tierlein und Menschen zur Ruhe kommen können. Und was die Klöster betrifft: Gerade erst habe ich während zehntägiger Schweigeexerzitien erfahren, wie wohltuend die besondere Atmosphäre eines Klosters sein kann. Jetzt bin ich evangelisch und nicht der Auffassung, dass man als Mönch oder Nonne ein heiligeres Leben führt als ein Busfahrer oder eine Grundschullehrerin. Trotzdem glaube ich, dass auch die Busfahrerin oder der Grundschullehrer spirituelle Kraftorte gut gebrauchen können. Bestimmt leisten die Menschen, die ein Kloster pflegen und aufrechterhalten, einen wichtigen Beitrag, jedenfalls, wenn sie es Menschen ermöglichen, dieses Klosterleben auf Zeit zu teilen. Sie halten spirituelle Orte vor, die es ohne sie nicht gäbe. Ich habe in meinen Exerzitien erlebt, wie einen die Ruhe und Stille eines Klosters in die Tiefe führen kann. Die Seele jedes Menschen braucht einen eigenen Resonanzraum, um zum Klingen zu kommen. Das kann theoretisch natürlich überall passieren. In der Praxis machen viele Menschen die Erfahrung, dass es in einem Kloster einfach besser funktioniert. Das liegt auch daran, dass wir leibliche Menschen sind, die Orte brauchen, um leben zu können. Doch wir brauchen eben nicht nur irgendwelche Orte, sondern - auch - diese besonderen, kraftvollen Orte. Übrigens: Es gibt auch evangelische Klöster!

Und es ist natürlich kein Zufall, dass zu den meisten Klöstern ein sorgfältig gestalteter Garten gehört, oft in einem Kreuzgang. So kombinieren sich zwei Heterotopien: Das Kloster und der Garten. Das verstärkt den Effekt.

Wenn übrigens kein Kloster zur Hand ist, kann man ersatzweise die Erfahrung der Tiefe auch im eigenen Garten suchen und hier erleben, wie die eigene Seele Flügel bekommt - und Tiefe.

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04OKT2021
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Eine katholische Freundin hat mir von der Heiligen Rita erzählt, die vor 600 Jahren in Umbrien gelebt hat. Da ich evangelisch bin, liegen mir Heilige in der Regel nicht unbedingt nahe. Doch bei Rita ist das anders. Meine Freundin hat nämlich erzählt: Die Heilige Rita ist die Heilige für die aussichtslosen Fälle. Ich bin daraufhin sofort ihr Fan geworden! Wie wunderbar, dass mit Rita die aussichtslosen Fälle eine eigene Heilige haben! Statt den Kopf in den Sand oder in die Schlinge zu stecken, werden Menschen ermutigt, eine neue Perspektive einzunehmen. Ihre Situation erscheint in einem anderen Licht, und das finde ich sehr charmant!

Ich habe mir dann noch aus der Lebensgeschichte der Heiligen erzählen lassen. Sie lebte in einem Kloster und wurde von einer offenbar ziemlich sadistischen Äbtissin dazu verdonnert, jeden Tag einen toten, vertrockneten Baum zu gießen. Klaglos tat sie dies Jahre lang, bis eines Tages dieser Baum tastsächlich ein grünes Blatt austrieb. Die heilige Rita kümmerte sich jedoch nicht nur um die Botanik, sondern versorgte als Hebamme Schwangere und junge Mütter, deren Aussichten in der damaligen Zeit tatsächlich düster waren – wie viele Mütter starben unter der Geburt oder im Kindbett.

Erfolgstypen kommen meist ganz gut alleine klar. Aber was ist mit denen, bei denen Hopfen und Malz verloren scheint? Mir leuchtet auch aus eigener Erfahrung unmittelbar ein, dass Menschen in aussichtslosen Lagen einen Hoffnungsschimmer brauchen, am besten einen geheiligten. Jemanden, der zu ihnen sagt: Gib nicht auf! Ich glaube an dich! Du stehst das durch!

Die Heilige Rita hat Rosen geliebt, und nach ihrem Tod – so heißt es - fand man einen Dorn in ihrem Herzen und einen in ihrer Galle. Ich nehme das mal symbolisch. Jemandem wie mir wäre angesichts des Elends der Welt, vor allem aber ganz sicher angesichts einer despotischen Äbtissin, die Galle hochgekocht. Oder ich hätte mir alles viel zu sehr zu Herzen genommen. Beides ist nicht unbedingt zielführend. Rita dagegen ließ sich nicht unterkriegen und integrierte den Widerstand in ihr Leben. An ihr biss sich selbst eine bösartige Äbtissin die Zähne aus!

Nach ihrem Tod hat man sie dann in einen Glassarg gelegt und darin ist sie immer noch zu bestaunen. Der Pilgerstrom zu ihrem Grab ist ungebrochen. Es gibt eben überall auf der Welt genügend Menschen, deren Situation aussichtslos erscheint und die sich nicht damit abfinden wollen. Ich bin mir übrigens sicher, dass sich Rita – wenn sie denn aus dem Himmel auf das menschliche Treiben hinabschauen kann – über Nachfolgerinnen und Nachfolger freut, die wie sie ein Herz für die Aussichtslosen haben, ein gutes Wort oder tätige Hilfe.

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25AUG2021
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Ich gehöre zur Generation der Erben. Nicht jedem gefällt sein Erbe, selbst dann, wenn es sich um ein respektables Vermögen handelt. Einige Menschen haben ihr Erbe als eine Last empfunden, die sie nicht tragen wollten. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein etwa stammte aus einer schwerreichen österreichischen Familie und hat auf sein Erbe verzichtet, um unbelastet denken zu können. Ich vermute, er hatte auch Sorge, dass ihn sein Erbe korrumpieren, Angst davor, dass das Geld seine Persönlichkeit verändern könnte.

Leider kann man nicht jedes Erbe ausschlagen, noch nicht einmal dann, wenn das Erbe nur aus Schulden besteht. Wir haben ökologische Schulden geerbt und leiden nun unter den Folgen eines rücksichtslosen Umgangs mit der Natur. Wir sind Erben eines technologischen Fortschritts, dessen Konsequenzen keiner vollständig abschätzen kann, weil es noch keine Erfahrungen mit dieser Art von Erbe gibt. Solches Erbe hat schon jetzt Schäden an den Seelen von Menschen verursacht und tut es weiter.

Einer meiner Lieblingssprüche aus der Bibel ist ein Wort Jesu aus dem 16. Kapitel des Matthäusevangeliums: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Dieses Wort lädt zu einem Perspektivwechsel in Sachen Erben und Vererben ein, und ich glaube, es hätte auch Ludwig Wittgenstein gefallen. Gegen die Logik des Raffens setzt Jesus die Bewahrung des Lebens, den Schutz der Seelen.

Wenn ich meine kleine Enkelin betrachte, die gerade ihre Welt erobert, dann gewinne ich ein Gespür dafür, was sinnvolle Erbgeschenke sein können, die Leben bewahren und Seelen schützen. Wie schön, wenn die Kleine mit ihrem Großvater am Klavier die Wunder der Musik entdecken kann, wie spannend ist es für sie, mit mir im Garten die Weinbergschnecken zu beobachten, wie beruhigend, wenn ihr Mama und Papa abends Lieder vorsingen und Geschichten vorlesen. Dieses Erbe verdirbt nicht den Charakter, es stärkt ihn vielmehr und hilft zugleich, das Leben zu meistern. Jedes finanzielle Erbe kann Menschen zwischen den Fingern zerrinnen, doch die Freude an Musik, die Faszination für die Schöpfung und die Liebe, die werden durch Teilen nicht weniger, sondern sie vermehren sich. Und ich habe die Hoffnung, dass meine Enkelin einmal, gemeinsam mit allen Menschen guten Willens, sich für eine Welt einsetzt, in der nicht hemmungsloser Profit gefördert wird. Eine Welt, in der jede Seele eine Chance hat.

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24AUG2021
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Ich gehöre zur Generation der Erben. Viele Menschen haben nach dem Krieg oft aus dem Nichts etwas aufgebaut, das sie nun vererben werden: an ihre Kinder oder Enkelkinder. Jetzt ist es aber recht unterschiedlich, was man erben kann. Neben ihren Häusern oder Bankkonten haben viele Menschen auch emotionale Belastungen vererbt. Schreckliche Erfahrungen vererben sich nämlich – oft unbewusst - weiter, wissenschaftlich heißt das „epigenetische Traumaweitergabe“. Dann leiden etwa Kinder und sogar Enkel unter merkwürdigen Ängsten, die sie sich oft nicht erklären können. Es sind die Schrecken ihrer Eltern und Großeltern, die diese an ihre Nachkommen vererbt haben. Schon die Bibel wusste um solche unheilvollen Erbgeschichten. „Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Söhnen sind die Zähne stumpf geworden“ heißt es im Buch des Propheten Ezechiel.

Ein Bekannter hat mir geschrieben, dass er während einer Joggingrunde in der Uckermark an den Resten Carinhalls, des Jagdschlosses von Hermann Göring, vorbeikam. Im Anschluss konnte er sich nur mit einer kalten Dusche in die reale Welt zurückretten. Letzte Woche bin ich während eines Urlaubs in Berlin an vielen Gedenkstätten des Schreckens vorbeigekommen. Da gibt es Einiges, was als Erbe auf unserem Volk lastet, und das wiegt immer noch schwer. Ja – wir Deutschen sind leider nicht nur das Volk der Dichter und Denker, sondern wir waren auch ein Volk der bösen Richter und Henker. Verdrängung hilft da nicht – sie trägt gerade dazu bei, dass sich die Schrecken unheilvoll weitervererben.

In der Bibel stellt Gott sich gegen das fatalistische Wort von den Söhnen mit den stumpfen Zähnen und will seine Logik nicht akzeptieren, sondern unterbrechen. Die beste Unterbrechung ist die Unterbrechung der Liebe und des Respekts vor dem Leben. Liebe und Respekt machen die Schrecken nicht ungeschehen, aber sie weisen sie in Grenzen und verhindern, dass sie sich fortsetzen. Liebe findet sich nicht ab, sondern tröstet verängstigte Herzen und schenkt Mut zum Leben. Der Respekt vor anderen Menschen stellt sich gegen jede menschenverachtende Logik. Das unterbricht die Weitergabe der Traumata.

Diese liebevolle und respektvolle Haltung kann man übrigens auch vererben. Und es ist letztlich das schönste Erbe, das Großeltern und Eltern an Kinder und Enkel weitergeben können: Erfahrungen von Liebe, Zuneigung und Wertschätzung.

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23AUG2021
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Meine kleine Enkeltochter kann noch nicht laufen, mit dem Krabbeln fängt sie langsam an. Doch sie schafft es ausgezeichnet, ihre Umgebung in Bewegung zu bringen. Wenn sie schreit, wird es so laut, dass die Erwachsenen alles tun, um das kleine brüllende Bündel wieder zu beruhigen. Die Natur, oder christlich gesprochen: die Schöpfung, hat sich das schon wunderbar überlegt, dass kleine Menschenkinder mit ihrem Gebrüll ihren Eltern und Großeltern in den Ohren liegen. So können sie auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen und werden – jedenfalls wenn alles so läuft wie es laufen soll – gefüttert, gewickelt, beruhigt und liebkost.

In der Bibel steht im 8. Psalm der sehr treffende Satz, dass Gott dem Geschrei von Säuglingen eine Macht verliehen hat. Mein früherer Professor für Altes Testament, ein eigentlich sehr freundlicher Mensch, hielt diesen Satz für einen Redaktionsfehler. Aber der Mann hatte auch keine Kinder.

So wie Kinder nach ihren Eltern schreien, dürfen Menschen im Gebet auch nach Gott schreien. Das ist jedenfalls die Überzeugung des Apostels Paulus. Und manchmal ist das Leben ja auch so schrecklich, dass man nur noch schreien mag und kann. Mir tut es dann gut, nicht nur in die Welt zu brüllen, sondern mir ein Gegenüber vorzustellen, das mich hört. Und darauf zu vertrauen, dass Gott mein Schreien ernst nimmt. So wie meine kleine Enkelin erlebt, dass ihr Schreien gehört wird und gleichzeitig lernt, dass sie Menschen hat, denen sie vertrauen kann und bei denen sie Geborgenheit findet.

Als Seelsorgerin begegnen mir manchmal Menschen, die sehr darunter leiden, dass sie in Zeiten der Not nicht beten konnten oder können. Einige von ihnen sind ganz fromme Menschen. Aber die Not lehrt sie nicht beten, sondern es ist, als ob ihr Kummer den Zugang zum Trost des Gebets verschließen würde. Der Apostel Paulus kannte diese Situation wohl auch. Es rührt mich an, dass Paulus schreibt, dass – wenn wir nicht beten können – Gott selbst stellvertretend für uns betet und sein Heiliger Geist in uns seufzt. Wir Menschen müssen keine Worte finden, um unserem Gott unser Leben ans Herz zu legen. Manchmal bleibt nur ein Seufzen. Wenn einem das Elend der Welt zu Herzen geht. Aber auch, wenn das Leben überwältigend schön ist, zum Seufzen schön. Etwa, wenn einen ein kleines Kind anlächelt und man einfach dahinschmilzt.

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28JUL2021
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Sie ist eine zarte Schönheit, zum ersten Mal habe ich sie vor einem Jahr gesehen. Sie saß in der Sonne an der Mauer in meinem Garten. Bezaubert habe ich gleich ein Foto geschossen und an eine befreundete Biologin gesendet. „Ist das nicht ein wunderschönes Tier“, kam postwendend die Antwort. „Eine Ameisenjungfer, die Imago des Ameisenlöwen. Ganz schön selten – du hast Glück gehabt!“ Aha! Dieses wie eine Libelle anmutende Geschöpf ist also das geschlechtsreife Insekt, das aus der letzten Verpuppung des Ameisenlöwen geschlüpft ist. Offensichtlich bietet mein kleines Gärtlein nicht nur mir Erholung, sondern ist auch Heimat seltener Insekten. Mein Garten hat mich das Staunen gelehrt über die Wunder der Natur. Oder christlich gesprochen: die Wunder der Schöpfung. Es ist doch zum Staunen, dass aus einem kleinen, dicken Insekt, nämlich dem Ameisenlöwen, das sich im Sand vergräbt und Ameisen fängt, nach einer Zeit der Verpuppung ein Wesen entsteht, das optisch mit der ersten Fassung fast gar nichts gemein hat. Die Ameisenjungfer eben, zart und filigran wie eine Libelle. Ich bin fast beschämt darüber, wie eng mein Horizont lange gewesen ist. Um mich herum existiert Leben, und ich habe mein menschliches Leben so ins Zentrum gesetzt.

Der Arzt und Theologe Albert Schweitzer hat das vor hundert Jahren schon verstanden und gesagt: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Albert Schweitzer hatte begriffen, dass eine nur auf Menschen bezogene Ethik unvollständig ist. Viel mehr Energie entwickelt eine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Albert Schweitzer setzte sich dafür ein, dass Menschen sich mit dem Schicksal anderer Geschöpfe in Beziehung setzen und entschlossen sein mögen, ihnen – auch in ihrer Not – beizustehen, soweit sie es vermögen.

Wie schade, dass diese zentralen Gedanken des späteren Friedens-Nobelpreisträgers zwar gewürdigt, aber nicht umgesetzt wurden. Es waren junge Menschen, die sich noch vor dem Lockdown für ein Umdenken und den Klima- und Artenschutz eingesetzt haben. Und ich wünsche mir, dass ihre Energie zu einem Umdenken beiträgt. Damit meine kleine Enkelin eine Chance bekommt, eines Tages auch eine Ameisenjungfer kennenzulernen.

Ich habe meine zarte Schönheit in diesem Jahr übrigens wiedergesehen. Oder besser: Ihre Tochter. Sie saß an der Wand in meinem Schlafzimmer und ich habe sie in einem zarten Seidentuch ganz vorsichtig ins Freie befördert, wo sie libellengleich davonschwebte. Es gibt Wunder. Man kann sie sehen.

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