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27NOV2021
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Der Schriftsteller Navid Kermani darüber, was er zur aktuellen  Situation der Menschen in Afghanistan fühlt:

„Am 27.August sind die letzten deutschen Soldaten aus Afghanistan zurückgekehrt. [...]Und Afghanistan? Ist zwei Monate später, [...] schon kein Thema mehr.  [...] sich selbst überlassen sind die 38 Millionen Afghanen, inzwischen sechs Millionen von ihnen im Exil, Tendenz steil steigend. [...] Ich kann mich nicht erinnern, dass mich in den letzten Jahren  politisch etwas so sehr mitgenommen hätte wie die Bilder der Menschen, die sich an die abhebenden amerikanischen Flugzeuge klammerten und aus Hunderten Metern wie Steine zu Boden fielen. [...] Das liegt auch an meinen afghanischen Bekannten in Deutschland, denen ich seit August kaum noch in die Augen blicken mag, weil sie ausnahmslos verzweifelt sind und in unbändiger Sorge um ihre Angehörigen, besonders ihre weiblichen Angehörigen.“

 

Quelle: Navid Kermani: „Afghanistan? Schon kein Thema mehr“, in: Die ZEIT Nummer 45 vom 4.11.2021, Hamburg 2021, S.6.

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26NOV2021
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Die Chefredakteurin des evangelischen Magazin „chrismon“, Ursula Ott, schreibt in ihrem Editorial ihre Gedanken auf, nachdem sie  eine Reportage über jungen verwitwete Menschen gelesen hat. Sie schreibt:

„ Aufeinander aufpassen, was das heißt, habe ich in unserer Titelgeschichte gelesen. Sie handelt von Menschen, die jung verwitwet sind und erzählen was ihnen geholfen hat in ihrer Trauer. Unverlangt Essen für jemanden kochen. Anrufen. Und bloß nicht diesen Satz sagen: „Melde dich, wenn du was brauchst.“ [...] Rufen Sie nächsten Sonntag eine Freundin  oder einen Freund an, um den Sie sich Sorgen machen. Es ist das Beste was Sie mit Ihrem Handy machen können.“

Quelle: chrismon. Das evangelische Magazin 11.2021, Frankfurt am Main 2021, S.9.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34337
25NOV2021
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Die hohe Zahl von Corona-Patienten auf Intensivstationen bringt das medizinische Personal in den Kliniken an seine Grenzen. Der Gesundheits- und Krankenpfleger Alexander Jorde warnte schon lange vor der Pandemie vor dem Pflegenotstand. Er sagte bereits 2019:

[...] Ohne die Pflegekräfte wäre das System schon lange an die Wand gefahren, wir stehen doch nur mit letzter Kraft dazwischen. Egal ob Einspringen, Überstunden oder Auslassen der Pause. Wir machen das aus Rücksicht auf die Patienten, aus Loyalität zum Team. Dieses Pflichtgefühl wird von Klinik- und Heimbetreibern eiskalt ausgenutzt.

[...]  gute Pflege geht alle an. Jeden kann es treffen. Es reicht nicht, die Verantwortung allein auf die Politik abzuschieben. Druck muss von allen Seiten kommen.

Quelle: https://www.kn-online.de/Nachrichten/Politik/Deutschlands-bekanntester-Pflege-Azubi-Die-Situation-wird-noch-verschlimmern, Ausdruck vom 13.11.2021 um 11:55 Uhr

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24NOV2021
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Die Musikerin Diana Ezerex aus Karlsruhe spielt seit 2017 regelmäßig Konzerte in Gefängnissen. Warum?

„Den Stein ins Rollen brachte eine Freundin, die ein Praktikum in einer Justizvollzugsanstalt machte. Was sie erzählte interessierte mich. [...]. Für die Insassen ist dieses Konzert eines von wenigen wenigen schönen Erlebnissen, die sie hinter Gittern haben, und ich will unbedingt, dass es Ihnen gefällt.[...] Es kommt vor, dass manche von Ihnen -vor allem die Frauen- anfangen zu weinen. Nicht alle zeigen sich so emotional, aber später bekomme ich oft E-mails von der Leitung, in denen steht, dass die Insassen noch Tage nach dem Auftritt singend durch die Anstalt gelaufen seien. Manchmal schreiben mir auch die Zuhörer selbst, dass sie noch lange über meine Texte nachgedacht hätten. Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen, seit ich 14 bin mache ich Jugendarbeit. Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient.“

 

Quelle: Quelle: Diana Ezerex, aufgezeichnet von Marie-Charlotte Maas, „Wie es wirklich ist...“,  in: DIE ZEIT Nummer 40 vom 30.09.2021, Hamburg 2021, S.72.

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23NOV2021
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Die 25-Jährige Spanierin Alejandra Acosta setzt sich gegen Menschenhandel ein und warb auf der Konferenz „Religions for peace“-„Religionen für den Frieden“ in Lindau am Bodensee für Engagement im Kampf gegen Zwangsprostitution. Sie sagt:

 „Das ist Religion für mich: die Rede von der Liebe Gottes in die Tat umzusetzen. Als Christen sind wir aufgerufen, Menschenhandel und Sklaverei nicht gleichgültig hinzunehmen. [...] Opfern von Menschenhandel geht oft am Monatsende das Geld aus. Sie bitten dann bei Tafeln um Essen. Wenn Gemeindemitglieder merken, mit wem sie es zu tun haben sollten sie die Frauen ansprechen, ihnen Unterstützung anbieten [...] Oft geht es um Dinge wie: Wer kümmert sich um das Baby, wenn sie beim Arbeitsamt ist? Oder darum sie mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen, bis sie Arbeit gefunden hat. Ich kenne Gemeinden, die das tun.“

 

Quelle: chrismon. Das evangelische  Magazin 11.2021, Frankfurt am Main 2021, S.25.

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22NOV2021
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In der Wochenzeitung DIE ZEIT schreibt Leserin Eva Mündlein in der Rubrik „Was mein Leben reicher macht“ über ihren Bruder:

„Ich bin noch da!“-mit diesen Worten pflegte mich mein jüngerer, mit dem Down-Syndrom geborener Bruder bei jedem seiner Anrufe zu begrüßen. Im letzten Herbst ist er an den Folgen eines schweren Unfalls gestorben. In der Stunde seines Todes habe ich ihm ein rotes Weinblatt auf sein versagendes Herz gelegt. Als Erinnerung an dieses Leben hier auf der Erde, das er so geliebt hat. Nun freue ich mich auf den Herbst. Denn dann werden mir die roten Weinblätter an der Scheune gegenüber sein „Ich bin noch da!“ zuraunen.“ 

 

Quelle: Eva Mündlein: „Was mein Leben reicher macht“, in:  DIE ZEIT Nummer 40 vom 30.09.2021, Hamburg 2021, S.72

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21NOV2021
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Der Sänger Michael Patrick Kelly wurde in einem Interview gefragt: Haben Sie heute schon gebetet? Darauf antwortet er:

Yes. Beten gehört zu meinem morgendlichen Programm. Wenn ich aufstehe, sage ich als Erstes „Danke“. [...] Denn wir Menschen schauen zu oft auf das, was nicht läuft oder fehlt, aber zu selten auf das Gute, was uns widerfährt. Zu danken hilft mir enorm, auch durch so eine Zeit wie durch die Pandemie zu kommen. Ich mache auch Atem- und Achtsamkeitsübungen. So bleibe ich sozusagen immer mit den Füßen am Boden.“

 

Quelle:https://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Interview-Saenger-Michael-Patrick-Kelly-Ich-traeume-nachts-meine-Songs-id61001376.html , Ausdruck vom 16.11.2021 um 19:56 Uhr.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34332
21NOV2021
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Jakob Blasel Copyright: Sven Brauers

Jakob Blasel kämpft für Klimagerechtigkeit und Menschenwürde

Begegnungen mit Christopher Hoffmann...

Und mit Jakob Blasel, der in seiner Heimat Kiel die erste Demonstration von Fridays for Future  mitorganisiert hat und zu den Gründern der Klimabewegung in Deutschland zählt. Das war 2018 und als Schüler steckte Jakob gerade voll im Vorabitur:

Ich hab mein Vorabi am Tag vor der ersten Demo geschrieben und kam so aus dem Mathe-Vorabi raus und hatte sechs Anrufe von irgendwelchen Fernsehteams verpasst und es war schon ein bisschen eine absurde Situation.

Es folgten viele Auftritte vor der Kamera in Talkshows. Auf Demos stand Jakob neben Greta Thunberg und seine Freizeit nutzte er komplett, um hunderttausende junge Menschen in Deutschland im Klimaschutz zu vernetzen. Jakob engagierte sich aber schon vor Fridays for Future. Sein Aha-Erlebnis war ein Dokumentarfilm, der zeigte wie Menschenrechte und Umweltstandards in der Textilindustrie verletzt werden:

Das hat mich irgendwie wahnsinnig beschäftigt, auch so dieser Zwiespalt zwischen: ich bin jung und hab wenig Geld und möchte aber eigentlich nachhaltiger und bewusster leben und ich möchte eigentlich nicht, dass Leute ausgebeutet werden, dafür dass ich mir ein billiges T-Shirt kaufen kann.

Jakob stellt von da an seinen Konsum um: mit fairer Kleidung oder Second-Hand-Artikeln versucht er konsequent bei sich anzufangen. Ihm wird in dieser Zeit aber auch klar: Wirklich ändern kann sich nur etwas, wenn der Kampf für Menschenrechte und Umweltstandards politisch angegangen wird, zum Beispiel mit einem Lieferkettengesetz und der Einhaltung der Klimaziele. Jakob wird zum Aktivist. Dabei hat ihn- so glaubt er rückblickend – auch sein katholischer Glauben und sein Engagement in der Kirchengemeinde geprägt:

Ich hab viel Zeit in der Kirche verbracht und mich hat das natürlich geprägt dieses Selbstverständnis von Nächstenliebe, von globaler Solidarität. Deswegen kommt da glaub ich viel zusammen, was ich persönlich wichtig finde und wofür ich brenne. Natürlich sind auch schon Menschen hier in Deutschland betroffen, das merken viele Bäuerinnen und Bauern, gerade mit trockenen Feldern, das merken die Menschen, die von der Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz betroffen waren, aber auf der anderen Seite, hat das auch viel mit globaler Solidarität zu tun, weil am schlimmsten betroffen aktuell sind Menschen in Ländern des globalen Südens - und das muss uns immer wieder vor Augen geführt werden, wenn wir von globaler Gerechtigkeit reden: das geht nicht ohne konsequenten Klimaschutz.                                               

Und dabei ist er auch inspiriert von dem Heiligen für die Schöpfung überhaupt, von Franz von Assisi. Der hoffte wie Jakob auf Reformen – in Kirche und Welt:

Ich komme tatsächlich ursprünglich auch aus der Gemeinde Franz von Assisi, so heißt unsere Pfarrgemeinde und ich war auch schon in Assisi: Diese Überlegung, dass eben alle Menschen das Recht haben gut zu leben, dass wir auch immer wieder hinterfragen müssen - das ist ja auch eine Idee von Franz von Assisi, die Kirche neu aufzubauen -  dass wir immer wieder hinterfragen müssen, ob Strukturen wie sie jetzt gerade funktionieren überhaupt unserem Glück und Menschen dienen, ob sie unseren Überzeugungen dienen. Und vielleicht auch so dieses leicht Rebellische, das verbindet mich damit ein wenig.

Ich spreche mit Jakob Blasel, der zu den Gründern von Fridays for Future in Deutschland zählt und sich als junger Katholik in seiner Kieler Gemeinde engagierte. Heute steht er der Institution Kirche auch kritisch gegenüber. Aber er bleibt der Botschaft verbunden und hat Erwartungen an Kirche-auch im Bezug auf den Klimaschutz:

Es gibt das ökumenische Netzwerk Klimagerechtigkeit und die setzen sich eben dafür ein einmal die gesellschaftliche Debatte rund um die Klimakrise eben auch in den Kirchen zu führen und es auch zu schaffen diese Bewahrung der Schöpfung immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Und ich finde das ist auch eine Rolle, die Kirchen einnehmen können. Kirchen waren ja mal der Ort, wo über solche Zukunftsfragen und moralischen Fragen auch diskutiert wurde und das finde ich ist auch eine Verantwortung, die Kirchen mehr übernehmen können auch im Hinblick auf die Klimakrise.

Das Klima zu schützen bedeutet für Jakob immer auch Menschen zu schützen - die vielen in Afrika oder Ozeanien, die schon heute unter Dürren oder Überschwemmung leiden – und seine Generation in Deutschland, die mit den Folgen wird leben müssen. Klimaschutz ist für ihn kein Selbstzweck, sondern eine Frage von Sinn:

Ich glaube, dass wir alle eine Verantwortung tragen, dass wir alle danach streben können einen Sinn in unserem Leben zu finden und das finde ich schon was, was glaub ich viele Menschen bewegt - die Suche nach einem Sinn und einer Bedeutung im Leben. Und das ist glaub ich letztendlich auch das, was Gesellschaft prägt.

Um unsere Gesellschaft politisch mitzuprägen hin zu einer klimagerechten Welt, kandidierte der 21-jährige vor zwei Monaten auch für die Grünen im Bundestag.  Auch wenn sein Listenplatz am Ende nicht gereicht hat, so nimmt er doch wichtige Erfahrungen aus diesem Wahlkampf mit:

Ich war ja auch viel in meinem Wahlkreis unterwegs. Und das ist einfach schon sehr spannend welchen Menschen ich da überall begegnen durfte, mit welchen Unternehmen und Initiativen ich da gesprochen hab und wirklich zu verstehen, was in so einer Region gerade alles vor sich geht. Also das hat mich auf jeden Fall sehr geprägt und mein Respekt vor Menschen, die wirklich Verantwortung in diesem Land tragen, ist seitdem stark gewachsen und gleichzeitig entbindet das ja niemanden davon auch schwere Entscheidungen zu treffen.

Entscheidungen, die den jungen Politiker und Aktivisten, der nun erst mal Jura studiert, weiterhin umtreiben, weil die Zeit drängt:

Es ist einfach so, dass wir Tag für Tag uns immer mehr daran annähern Kippelemente zu überschreiten, also unüberwindbare Punkte, wo sich die Klimakrise verschärft. Wir können noch was tun und das ist wichtig, weil sonst erstarren wir in Angst und Handlungsunwillen, aber das was wir tun, das muss entschieden sein, das dürfen keine halben Sachen sein: in jeder Institution, in jeder Firma, in jedem Staat.

Jakob, der in seiner Freizeit als Leistungssportler gerne Langstrecke läuft, wünsche ich viel Ausdauer bei seinem Kampf für mehr Klimagerechtigkeit. Und mich hat er mit seiner gewinnenden Art neu motiviert, in diesem Marathon gegen die Klimakrise mit loszulaufen. Denn gewinnen können wir ihn nur gemeinsam.

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07NOV2021
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Sandra Gassert

Christopher Hoffmann trifft Pfarrerin Sandra Gassert, Notfallseelsorgerin in den Krisengebieten dieser Welt

Teil I

Pfarrerin Sandra Gassert ist immer dann im Einsatz, wenn Menschen in einer schweren Krise sind. So war sie als Notfallseelsorgerin für die Menschen da, die nach dem 11.September 2001 aus New York nach Deutschland zurückkamen. Oder für die Urlauber nach dem Tsunami 2004. Außerdem steht sie Eltern und Familien im ambulanten Kinderhospiz in München in den schwersten Stunden zur Seite. Seit 2016 hat die 47-Jährige eine weitere Aufgabe übernommen: Sie ist Seelsorgerin für die Seenotrettungscrews im Mittelmeer. Und das beginnt schon vor deren Einsatz: Sandra Gassert versucht die Helfenden vorab mit möglichen Problemen zu konfrontieren. Denn Rettungssanitäter oder Krankenschwestern aus Deutschland haben zum Beispiel trotz ihres medizinischen Hintergrunds oft noch keine Folteropfer oder Schusswunden  gesehen. Und auch die Rettung von Menschen ist mit enormem Stress verbunden:

Dann sieht man überfüllte Rettungsschiffe, die hoffentlich noch schwimmen und viele, viele Menschen, die sich daran klammern und die gerettet werden möchten. Und die Leute haben solche Angst,  solche Angst vorm Ertrinken und solche Angst nach Libyen zurückgebracht zu werden.

Von den Seenotrettungskräften hört Sandra Gassert, was Menschen in Libyen widerfährt:

Die Leute werden in Lagern gehalten bis sie dann ausreisen dürfen für viel Geld. Und wer kein Geld hat, der muss das Geld verdienen. Und Frauen werden ganz oft in die Prostitution gezwungen ohne Verhütung, ohne Schutz. Und erst wenn sie sichtbar schwanger sind, lässt man sie gehen. Und was dann aus den Kindern wird interessiert diese Menschen nicht.

Das Mittelmeer ist die tödlichste Seeroute der Welt. Laut UNO-Flüchtlingshilfe haben in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mehr als 850 Menschen die Überfahrt nicht überlebt oder werden vermisst. Was macht das mit den Helfenden, die eigentlich Menschenleben retten wollen?

Man trifft auch auf leere Schiffe, wo man nicht weiß: Sind die Leute ertrunken? Oder:  Was ist mit den Leuten passiert? Es bleibt oft unklar. Und manchmal sieht man sie einfach auch treiben und dann weiß man, was passiert ist. Und dann machen sich die Helfenden die Aufgabe zu eigen die zu fotografieren, die Toten. Irgendwo auf der Welt wartet ja jemand auf eine Nachricht. Und das ist wirklich hart. Und ich halt das einfach mit aus.

Wie verarbeitet Sandra Gassert das alles, frage ich mich. Der Pfarrerin hilft dabei ihr Partner und ihre beiden Töchter im Teenageralter. Ihr helfen Wanderungen mit ihrem Hund in der schönen Voralpennatur. Und ihr hilft ihr Glaube:

Für mich ist Gott schon eine große Quelle der Kraft und der Resilienz. Einfach auch zu wissen: Ich muss nicht alles selber können, sondern da gibt’s was Größeres, was mich auch hält und dem ich aber auch Dinge anvertrauen kann. Also einer, der auch im Sturm neben mir sitzt, ja? Das ist mir ganz wichtig.

Teil II

Ich spreche mit der Pfarrerin Sandra Gassert, die nach Hochwassern oder Flugzeugabstürzen Menschen in Krisensituationen begleitet und auch für die Seenotrettungscrews im Mittelmeer vor, während und nach ihren Einsätzen da ist. Sandra Gassert ist in unserem Gespräch immer ganz klar, so auch bei meiner Frage, warum sie sich all diesen Extremsituationen stellt:

Ich mach das nicht, weil ich es gut finde, sondern weil ich es kann. Und ich finde es auch nicht gut, dass es Leute braucht, die in Krisengebiete fahren und dort arbeiten oder nach Flugzeugabstürzen oder Terroranschlägen da sind. Aber aus irgendeinem Grund kann ich das. Und deswegen mach ichs.

Die Pfarrerin ist regelmäßig auf Malta oder in Palermo, um als Seelsorgerin für zivile Seenotretter da zu sein. Das Miteinander mit der internationalen Crew ist für sie auch ein Ort von Kirche:

Also wir sind alle Geschöpfe Gottes, wir sind Geschwister. Ich hab so großen Respekt vor diesen jungen Leuten, mit welchem Engagement und mit welcher Liebe die dahin gehen. Und wir brauchen keine Kirche, um Gottes Familie zu sein-wir sind es auch auf einem Schiff. Und auch wenn keiner vorne steht, der einen Ritus macht, der Ritus kommt von allein, wenn wir den großen Fragen begegnen: Wohin gehen wir? Woher kommen wir? Gott ist sowieso immer dabei,  ob man von ihm spricht oder nicht.

Die großen Fragen – sie stellen sich, weil es auf dem Mittelmeer um Leben und Tod geht. Denn da es keine staatliche Seenotrettung gibt, sind die Freiwilligen von Organisationen wie Sea Eye oder Sea-Watch die einzigen, die Menschen vor dem Ertrinken retten. Die evangelische Kirche hat inzwischen ein eigenes Rettungsschiff ins Mittelmeer geschickt, auch katholische Bistümer wie Trier, München und Paderborn unterstützen die Seenotrettung, die eigentlich eine europäische Aufgabe wäre. Es gibt keine einfachen Antworten im Mittelmeer, findet Sandra Gassert. Doch solange die EU nichts unternimmt, muss es zivile Seenotrettungsschiffe geben, denn :  

Ertrinken lassen können wir auch keinen. Das ist unmöglich! Da würden wir unsere ganze Humanität aufgeben. Es muss andere Lösungen geben, dass Menschen nicht diesen Weg gehen müssen.

Etwa humanitäre Visa und die Bekämpfung von Fluchtursachen. Damit sich Menschen gar nicht mehr auf die lebensgefährliche Reise begeben. In all ihren Aufgaben als Notfallseelsorgerin  versucht Sandra Gassert den Menschen beizustehen- und das hat wesentlich mit ihrem Gottesbild zu tun:

Wir haben keinen abgehobenen Gott.  In Jesus haben wir den Bruder, der das versteht wie es ist, wenn es einem richtig schlecht geht, wenn man stirbt und wenn man leidet und der das mit aushalten kann und sagt: Egal was kommt, ich halt das mit aus, ich weiß wie das ist. Dieser Jesus, der einfach mitgeht, auch in die dunklen Täler, das ist so genau meins.  

Und diesen menschgewordenen Gott, den spürt Sandra Gassert ganz besonders dann, wenn sie in seinem Namen unterwegs ist auf dem Mittelmeer oder im Kinderhospiz oder nach einer Katastrophe- um Menschen zu helfen.

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17OKT2021
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Tobias Haberl Copyright: Olaf Unverzart

Begegnungen mit Christopher Hoffmann...

...und mit Tobias Haberl, Redakteur beim Magazin der Süddeutschen Zeitung und Buchautor. Ich treffe ihn in München, wo der Journalist lebt und arbeitet. Der 46-Jährige ist für seine Essays, Portraits und Interviews bekannt. Heute darf ich ihm Fragen stellen. Denn er hat mich mit seinem Buch „Die große Entzauberung“ neugierig gemacht. Darin geht es um die Frage, ob unser immer digitaleres Leben glücklich macht. Der Untertitel lautet: „Vom trügerischen Glück des heutigen Menschen“ – was meint er damit?

Der bezieht sich darauf, dass all diese technischen Möglichkeiten, die ja immer noch mehr werden, die ja immer noch tiefer in unsere Persönlichkeit, in unsere Identität, in unseren Alltag dringen, die versprechen ja Glück, und es ist auch oft mit einem Glück verbunden, aber meiner Meinung nach oft mit einem sehr kurzfristigen, nicht anhaltenden oder vielleicht sogar eben trügerisch täuschenden Glück, weil irgendwas fehlt: ein letzter Sinn, eine letzte Verortung, ein letzter Trost  - und da sind wir dann vielleicht wirklich bei Religion  - fehlt und diese Dinge hinterlassen eine unglaublich Lücke, das empfinde ich so.

Spannend, finde ich. Tobias Haberl schreibt im Magazin auch über schöne Reisen oder Lifestyle-Themen. Aber ihm ist es wichtig, dass Konsum und digitale Vernetzung nicht die Frage nach dem eigentlichen Sinn zuschütten. Deshalb ist für ihn Religion ganz wichtig:

Religion ist Unterbrechung des Alltags. Dass es Pausen gibt. Dass ein Sonntag nicht zum Arbeiten da ist, sondern dass die Dinge mal ruhen und dass vielleicht auch die Geschäfte zu sind. Und das alles löst sich ja auf in einer Welt des Konsums und der Dauerbeschallung und der Unterhaltung und der Vernetzung. Das ist für mich fast wie eine Zuflucht, weil ich ja auch in Gefahr bin mich zu verlieren in diesen digitalen Strömen und Feedbackschleifen. Und in dem Moment, wo ich versuche, wenn ich aufwache, noch nicht aufzustehen, sondern langsam zu atmen, zur Ruhe zu kommen und noch ein paar Worte an Gott zu richten oder wenn ich rausgehe dann so beim Gehen vor mich hin murmele – ich murmele dann auch wirklich und manchmal schauen mich auch Leute komisch an, weil ich die Lippen so bewege – und mich bedanke, dass ein neuer Tag da ist, dann ist der Einstieg in den Tag schon mal gemacht und ich spür so eine Verbindung, so ein eingebettet sein in eine sinnhafte Logik .

Und doch fällt ihm das als Journalist, dessen Handy den ganzen Tag fiept und der immer am Puls der Zeit sein muss, nicht immer leicht:

Weil ich schon zu nervös bin, weil ich weiß in meinem Kopf sind so Spiegelstriche, was ich alles zu erledigen hab, aber manchmal gelingt es eben doch und man merkt wie notwendig das ist, dass diese Konsumlogik, diese Vernetztheitslogik konterkariert wird durch einen Raum, wo das alles nicht zählt. Und das empfinde ich als tröstlich und gibt mir Kraft. Aber da wechseln sich auch Phasen ab, wo mir das besser gelingt und wo mir das schlechter gelingt, wo ich näher bei Gott bin und wo ich weiter weg von Gott bin.  

Mich interessiert: Wer ist dieser Gott für Tobias Haberl? Und ich erlebe einen wortgewandten Journalisten, der nach Worten ringt:

Tu ich mich ganz schwer, das zu formulieren. Ich kann es nicht formulieren. Es ist eine Liebe, eine weltumspannende Kraft, eine Energie. Also in dem Moment, wo man es sozusagen fasst, hat man schon danebengegriffen, weil Gott nicht greifbar ist. Gott ist Liebe, das trifft es vielleicht noch am Ehesten.

Ich treffe den Journalist Tobias Haberl. Der 46-Jährige ist groß und sportlich und als Redakteur mittendrin im Zeitgeschehen. Und trotzdem oder gerade deshalb hat er kürzlich für das Magazin der Süddeutschen Zeitung einen langen Essay über das Thema Tod und Sterben geschrieben. Warum?

Weil es sozusagen den Blick schärft für Prioritäten und worum es geht. Und auf diesen Text hab ich so viele Reaktionen bekommen wie nie zuvor in meinem ganzen Leben auf einen Text. Also unfassbar viele Postkarten, Briefe, Mails, Einladungen. Und ich hab schon gemerkt, da ist offensichtlich ein Thema, was ganz vielen zu schaffen macht, wo sie Bedarf haben drüber zu reden, sich auszureden, seitenlange Briefe mit tragischen Verlustschilderungen, war eine extrem anrührende Erfahrung, hab tagelang gebraucht um zu antworten.

Als gläubiger Katholik wünscht er sich, dass auch die Kirchen sich bei den Fragen rund um Leben und Tod in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen und dass sie betonen, dass der Mensch immer auch gebrechlich, schwach, endlich ist. Und dass Trauer, Behinderungen oder Krankheit keine Makel sind, sondern menschlich:

Da würde ich sagen muss die Kirche sich immer wieder einmischen und sich in Erinnerung rufen und zwar genau diese Themen, die in unserer Gegenwartslogik an den Rand gedrängt, übertüncht, oder als zu schwierig empfunden werden. Die Menschen brauchen diese Themen und auch den Trost und die Hoffnung.

Hoffnung für Tobias Haberl ist auch der Glaube an die Auferstehung, an ein Leben nach dem Tod bei Gott:

Ich hab natürlich Angst vor dem Tod und vor dem Sterben und natürlich suche ich Trost auch im Gedanken des ewigen Lebens, des Paradieses. Wohin führt das alles, egal wie viele Twitter-Follower ich hab? Also irgendwas, irgendeine Leerstelle bleibt und da spielt für mich die Religion als Trost und Zufluchtsort dann doch eine ganz große Rolle.

Und wer den Tod nicht verdrängt, der stellt auch die Sinnfrage. Die stelle ich auch Tobias Haberl: Was ist für ihn der Sinn des Lebens? Der Journalist überlegt lange, bevor er eine Antwort gibt:

Der Sinn im Leben: also natürlich letztlich zu Gott zu finden religiös gesprochen und ansonsten kann ich nur ganz banal und aufrichtig antworten, was ich jeden Tag versuche: nämlich etwas Gutes zu hinterlassen, etwas Gutes in die Welt zu bringen und Begegnungen zu erleben, aus denen irgendwas entsteht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34120