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20MRZ2021
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Peter ist regelmäßig zu uns an die Haustür gekommen. Er hat sich dann die Fernsehzeitschiften der vergangenen Wochen abgeholt, um sie durchzublättern. Er wohnte in einer diakonischen Einrichtung am Ortsrand. Dort leben und arbeiten Männer mit einer geistigen Behinderung. Die Männer gehören zum Ortsbild. Einmal hat Peter meine Mutter auf dem Heimweg von einer Beerdigung begleitet. Von der Beerdigung hat meine Mutter fast gar nichts erzählt.  Was sie aber berichtet hat, war ein Satz von Peter, der sie sehr beeindruckte hatte. Peter hatte nach der Beerdigung zu ihr gesagt: „Ich bin so dankbar, dass ich lebe“.

Peter hatte einen guten Start ins Leben gehabt. Aber ein Unfall oder eine Krankheit hatte seine geistigen Fähigkeiten stark beeinträchtigt. Trotz dieser Einschränkungen wusste er das Leben zu schätzen. Er war dankbar für das, was er hatte und was er konnte. Seine Lieblingsbeschäftigung war nicht das Klagen.

Psychologen haben in den letzten Jahren wiederentdeckt, wie hilfreich es ist, Dankbarkeit zu praktizieren. In zahlreichen Zeitschriften begegnet einem das Thema. Autoren empfehlen Tagebücher speziell fürs Danken. Dort kann man jeden Abend drei Dinge eintragen, wofür man an diesem Tag dankbar ist. Sich im Danken üben hebt die Lebensqualität. Wir nehmen bewusster wahr, was wir haben und an Schönem erleben. Wir bleiben nicht problem- und defizitorientiert.

Peter hat das schon immer gewusst. Dadurch habe ich das Gebet von Jesus besser verstanden, wenn er sagt: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast“.

Ja wir können von den Unmündigen durchaus etwas lernen. Sonntags hat Peter auf seinem Platz in der Kirche dankbar die Lieder mitgesungen. Wer seinen Dank gegenüber seinem Schöpfer zum Ausdruck bringt, der naht sich Gott und kann sich als reich beschenkt erleben.

Zu den Unmündigen gehören ja auch die Kinder. Von denen können wir ebenfalls lernen. Kürzlich habe ich gehört, wie unsere fünfjährige Enkeltochter spontan so vor sich hinsagte: „Ich bin froh, dass es mich gibt“. Auch das sagt leider nicht jeder Erwachsene so selbstverständlich von sich.

Wir können uns von Peter und dem kleinen Mädchen an die Hand nehmen lassen, um das Danken zu üben und darin Fortschritte zu machen. Dann erstrahlt die Welt in einem helleren Licht und wir merken, jemand meint es gut mit uns.

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19MRZ2021
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Fischzucht in der Wüste, eineinhalb Millionen gepflanzte Bäume, 18.000 gerettete Straßenkinder – kein Märchen, sondern die wahre Geschichte eines Mannes, der selbst Straßenkind war und Millionär wurde. Dann aber alles verkaufte, um Straßenkindern ein Zuhause zu geben. Die Rede ist von dem Kenianer Dr. Charles Mully. Sein Leben und Wirken wurden erfolgreich verfilmt. Als ich den jetzt auf Youtube veröffentlichten Film gesehen hatte war ich tief bewegt.

Von seiner Familie verlassen muss sich der Junge allein auf der Straße durchschlagen. Sein Leben erscheint ihm sinnlos und er möchte es beenden. Bei einer gut situierten Familie in Nairobi findet er Arbeit und Aufnahme. Sie entdecken seine Begabungen und er schafft es dort bis zum Vorarbeiter auf der Plantage. Aber er will mehr. Nach und nach baut er sich ein Taxi- und Transportunternehmen auf und steigt ins Immobiliengeschäft ein. Er wird einer der reichsten Männer Kenias.

Eines Tages parkt Mully seinen Wagen in einer Problemzone. Jungs, die ihn anbetteln, weist er schroff ab. Als er zurückkommt ist sein Auto nicht mehr da, geklaut. Statt Wut und Ärger überkommen ihn Reue und Erbarmen mit den Straßenkindern. Er fängt an zu beten und ringt mit Gott. Dabei nimmt er die Aufforderung von Gott wahr, er solle alles verkaufen und für die Straßenkinder sorgen. Als er das bekannt gibt stehen seine ganze Familie und seine Freunde unter Schock. Aber Nacht um Nacht bringt er Waisenkinder von der Straße aus dem Slum in sein großzügiges Anwesen.

Als das zu klein wird ziehen sie in eine sehr trockene, ländliche Gegend. Kinder erkranken schwer durch das verunreinigte Wasser. Da fleht er nachts zu Gott, dass sie sauberes Wasser brauchen. Und Gott macht ihm deutlich, er solle an einer bestimmten Stelle graben.

Und nach etlichen vergeblichen Versuchen sprudelt unter einer Steinschicht tatsächlich Wasser hervor, das die zukünftige Versorgung sichert. Und dabei geht es noch weiter. Mullys Ziel ist es, Kenia von ausländischer Hilfe unabhängig zu machen. Sie bauen Gewächshäuser und pflanzen über eine Million Bäume zur Klimaverbesserung. Der sich einstellende Regen wird in Fischteichen aufgefangen. Die landwirtschaftlichen Produkte werden bis nach Europa exportiert.

Inzwischen haben viele der Straßenkinder die eigenen Schulen besucht und verschiedene Universitäten absolviert.

Die Geschichte von Mully hat mich tief beeindruckt und Hoffnung geweckt. Zu sehen, dass Veränderung möglich ist und was geschehen kann, wenn Menschen sich Gott zur Verfügung stellen mit allem, was sie haben. Im Abspann des Films singt eine deutsche Band: Verschwende deine Liebe, verschwende dein Geld. Gib, was du kannst, denn das ist alles, was zählt.

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18MRZ2021
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Jesus hatte keinen Dachschaden, aber das Haus hat einen bekommen. Jesus war in einem überfüllten Privathaus zu Besuch. Dichtgedrängt hingen die Menschen dort an seinen Lippen.

Plötzlich sind vier Störenfriede aufgetaucht. Sie hatten gehört, dass Jesus Kranke heilt. Und deshalb wollten sie ihren Freund, der schon lange gelähmt war, zu Jesus bringen. Dazu haben sie ihn zu viert auf einer Liegematte getragen. Aber aufgrund des Gedränges konnten sie gar nicht in das Haus kommen. Daher sind sie auf das Dach geklettert und haben etliche Dachziegel entfernt, um ihren Freund herunterzulassen. Der Gelähmte landete genau vor Jesus. Der hat das aber gar nicht als Störung empfunden, sondern nur zu dem Kranken gesagt: „Deine Sünden sind dir vergeben“. Plötzlich war es totenstill. Jesus wollte damit nicht sagen, dass die Krankheit eine Folge der Sünde sei. Gegen diesen Trugschluss hat sich Jesus öfter deutlich verwehrt. Vielmehr wollte er die anwesenden Pharisäer herausfordern. In ihnen kochte es. So etwas zu sagen war Gotteslästerung. Nur Gott kann Sünden vergeben. Wer ist denn dieser? Es war immer noch mucksmäuschenstill.

Nun stellte Jesus die Frage: „Was ist leichter, zu sagen ‚dir sind deine Sünden vergeben‘ oder zu sagen ‚steh auf, nimm deine Matte und geh nach Hause‘? Jeder konnte sich denken, dass es schwerer ist einen Lahmen zum Gehen zu bringen als solch eine Zusage zu machen.

Und was hat Jesus getan? Er hat tatsächlich zu dem Gelähmten gesagt: „Steh auf, nimm deine Matte und geh nach Hause“. Allen hat der Atem gestockt. Der Gelähmte rührte sich, rappelte sich auf und konnte tatsächlich gehen. Jetzt waren alle aus dem Häuschen. War dieser Jesus kein Gotteslästerer? Hatte er keinen Dachschaden sondern nur das Haus? Die Leute haben sich gefragt, wenn er das Schwerere kann, einen Lahmen heilen, kann er dann tatsächlich auch das vermeintlich leichtere, Sünden vergeben? Das steht eigentlich nur Gott zu.

Diese Frage musste jeder für sich beantworten: Ist in diesem Jesus wirklich Gott zu uns gekommen? Und wenn ja, was folgert daraus für mich? Diese Frage stellt sich bis heute. Wer ist er und was kann er für mich sein?

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17MRZ2021
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Man trägt wieder Hut. Ich jedenfalls. Bei meiner Verabschiedung aus dem Gemeindedienst haben mir die Kinder vom Kindergottesdienst das Lied gesungen: Herr, dein guter Segen ist wie ein großer Hut. Und dazu schenkten sie mir einen richtigen Hut. Bisher habe ich fast nie eine Kopfbedeckung getragen. Aber das hat sich geändert. Bei Regen ersetzt der Hut sogar fast einen Schirm.

Herr, dein guter Segen ist wie ein großer Hut. Wenn die Leute wüten, wirst du mich behüten. Wir sind in deiner Hut, und das gefällt uns gut. So sangen die Kinder. Ja mit einem Hut ist man gut behütet. Allerdings schützt er nicht vor Viren. Da vertrauen wir auf Masken, das Einhalten der Hygieneregeln. Trotzdem bleibt aber eine gewisse Unsicherheit, die wir aus der Vergangenheit nicht gewohnt sind. Durch das fehlende Maß an Sicherheit spüren wir unsere Grenzen deutlicher. Es steht nicht in unserer Macht, den nötigen Schutz wirklich zu gewährleisten. Und was nicht in unserer Macht liegt, liegt vielleicht in eines anderen Macht.

Herr, dein guter Segen ist wie ein großer Hut. Viele wenden sich in der Verunsicherung an Gott und beten, dass er sie behütet. In der letzten Zeit habe ich einen alten Abschiedsgruß wiederentdeckt und übernommen. „Behüt Sie Gott“ oder „Behüt dich Gott“. Auch manche E-Mail schicke ich raus mit freundlichen Grüßen und einem Behüt Sie Gott.

In Bayern und Österreich ist das gleichbedeutende Pfiat di oder Pfiat eich zum Abschied noch ganz geläufig. Fast alle Grußformeln von Grüß Gott über ade bis tschüss haben die religiöse Bedeutung, dem Gegenüber Gottes Schutz und Segen zu wünschen. Sie gehen zurück auf ein altes Wissen. Das Bewahren und Gelingen unseres Lebens liegt nicht allein in unserer Hand. Früher waren die Menschen viel größeren Lebensrisiken ausgesetzt. Daher vertrauten sie nicht nur den eigenen Möglichkeiten oder irgendwelchen Mächten. Das Vertrauen und die Bitte galt Gott, dem man sich gegenseitig anbefehlen konnte. Sein schützender Arm ist nicht zu kurz. Er hat ihn uns entgegengestreckt. In Jesus ist er uns ganz nah. Schließlich hat er zugesagt: Ich bin bei euch alle Tage und habe alle Macht.

Immer wenn ich den Hut aufsetze spüre ich körperlich, es ist etwas über mir, auf mir. Der Hut kann zum Zeichen werden, dass ich in Gottes Hut bin, dass er mich behütet. Dass ich nicht schutzlos bin. Wenn ich Gott vertraue, können Sorgen und Ängste kleiner werden. Und wenn ich zu ihm bete, entlastet das die Seele.

Das ist eigentlich auch andern zu wünschen. Darum versuchen Sie es mal mit der alternativen Verabschiedung. Statt tschüss oder ade sagen Sie mal „Behüt Sie Gott“ und achten Sie auf die Reaktion. Also „Behüt Sie Gott“ - auch heute.

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08FEB2020
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Neulich habe ich mit meiner kleinen Enkeltochter Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. Dabei habe ich gehofft, dass ich nicht gewinne. Denn es ist viel schöner zu sehen wie sie sich über den Sieg freut, als selber zu gewinnen.

Eine Witwe in unserer Gemeinde hat bei einer Tombola den Hauptgewinn gezogen, eine Reise nach Österreich. Und wir konnten ihr aus vollem Herzen sagen: Das freut uns so für dich.

Der Satz: Ich freue mich für dich, ist ein großer Schatz. Er vermehrt die Freude in unserem Leben durch das Glück anderer. Schade, dass man ihn so selten hört.

Der Volksmund sagt: Vorfreude ist die schönste Freude. Aber ist die Mitfreude nicht noch größer? Unmittelbar teilzuhaben an der Freude eines anderen.

Nicht umsonst heißt es in der Bibel: Freut euch mit den Fröhlichen.Aber warum fällt uns das oft nicht leicht.

Wir haben 18 Jahre im Rheinland gelebt. Und dort gibt es die Redensart: Mer muss och jönne ko?nne. Übersetzt für alle Nichtrheinländer: Man muss auch gönnen können.

Ja mit dem Gönnen ist das nicht immer leicht. Es will schon gekonnt sein. Wenn es dem anderen besser geht als mir, dann muss ich erst mal schlucken. Womit hat er das verdient, worüber ich mich auch gefreut hätte. Dann kommt leicht Neid auf oder sogar Missgunst, das Gegenteil von gönnen.

Solange der andere weniger hat oder es ihm schlechter geht, fällt das Gönnen leicht. Dann kann ich großherzig sein und freue mich mit ihm oder ihr über ein kleines Glück oder einen Erfolg.

Es hängt also viel davon ab wie ich mich selbst wahrnehme. Wenn ich begreife, wieviel Gutes ich habe, wie reich ich gesegnet bin, dann kann ich mich leichter mit anderen freuen, wenn ihnen Gutes widerfährt oder ihnen etwas gelingt.

Es lohnt einen neuen Blick einzuüben. Den Blick für die Fülle meines Lebens, statt den Blick, der nur den Mangel sieht. Der Mangelblick sieht nur, was ich nicht habe, was mir vermeintlich mangelt. Der Fülleblick nimmt wahr, wie reich mein Leben gefüllt ist mit Gutem: liebe Menschen, Gesundheit, warme Wohnung, Essen, Reisen usw.

Je bewusster und dankbarerer ich auf das Gute in meinem Leben schaue, umso leichter kann ich mich über das Gute des Nächsten mitfreuen. Und damit wiederum mache ich mein Leben reicher. Reicher an Freude. Und darauf will ich nicht verzichten!

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07FEB2020
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„Da bin ich nicht gut getroffen“. Dass sagen viele, wenn ihnen ein Foto von sich gezeigt wird. Mit ihrem eigenen Aussehen sind viele nicht zufrieden und deshalb auch nicht mit dem Foto von sich. Und das Bild, das wir von uns selbst haben, ist nicht leicht zu verändern. Zumal wir diese Sicht ja oft schon in der Kindheit übernommen haben. Irgendetwas hat sich da eingeprägt und man wird es nicht mehr los.

Ich habe mal gehört: Als eine Frau nach einer Schönheitsoperation den Verband von ihrem Gesicht abgenommen bekam war ihre erste Reaktion gegenüber dem Arzt: Sie haben ja überhaupt nichts verändert. Diese Frau hat nicht die neue Realität gesehen, sondern nur das, was sie schon immer gesehen hat. Sie war auf ihr negatives Selbstbild fixiert.

Auf der anderen Seite wundere ich mich über manche Partnerwahl. Was hat er oder sie bloß an dieser Person gesehen? Mir fällt es dann schwer, die entsprechende Schönheit zu entdecken. Macht Liebe blind oder macht Liebe den andern schön? Ich denke beides ist möglich. Liebe kann im Geliebten Schönheit sehen, die andere nicht erkennen.

Wenn sich jemand selbst nicht schön findet, fehlt es dann vielleicht an Liebe zu sich selbst?
Nun möchte wohl niemand umgeben sein von selbstverliebten, eingebildeten Zeitgenossen. Aber wer unzufrieden mit sich selbst ist, verbreitet auch nicht gerade eine gute Stimmung.

Wie kommt man da in ein gesundes Gleichgewicht? Ich glaube: Selbstliebe ist nichts Unchristliches. Schließlich war es Jesus, der gesagt hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Am leichtesten fällt die Liebe zu sich selbst, wenn man sich geliebt weiß. Wenn ich einem lieben Menschen viel bedeute, wertet das mein Leben stark auf.

Und wenn ich Gott unendlich viel bedeute, kann das eine noch stärkere Wirkung haben.

Jeder Mensch bedeutet Gott unendlich viel. Soviel, dass er zur Kontaktaufnahme Jesus Christus geschickt hat. Die Kontaktanzeige findet sich in der Bibel, wo es heißt: Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.

Diesen Kontakt kann man aufnehmen, indem man sich im Gebet an Jesus wendet.
Wenn ich ihm sage, was mich beschäftigt, trete ich in Kontakt mit ihm. Und wer sich ihm so anvertraut, kann überrascht werden von der Liebe Gottes.

Gott vergibt und verurteilt nicht. Er versteht und verachtet niemanden. Er macht einen Neuanfang möglich und nagelt einen nicht auf das Alte fest. Wer sich so von Gott geliebt weiß, kann in den Spiegel schauen und sagen: Ich bin schön, denn Gott mag mich so.

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06FEB2020
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Es gibt ein Weihnachtsgeschenk, das mich jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert begleitet. Kein Schmuckstück nur ein Stück Papier, aber dessen Inhalt hat sich in meinem Kopf und in meinem Herzen festgesetzt. Auf dem Gabentisch lag damals ein Kuvert. Zunächst vermutete ich natürlich Geldscheine darin. Aber als ich ihn geöffnet hatte hielt ich einen schlichten Zettel in der Hand. Darauf stand: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Was hatte es damit auf sich?
Es war der Losungsspruch für den Tag meiner Geburt.

Seit knapp drei Jahrhunderten wird für jeden Tag des Jahres ein Bibelwort ausgelost. Zusammengestellt in einem Büchlein kann man die sogenannten Losungen dann für das jeweilige Jahr kaufen. Christen auf der ganzen Welt starten so mit diesem Impulsvers in den Tag. Meine Mutter hatte sich nun erkundigt, welcher Vers am Tag meiner Geburt dort stand. Und das war genau dieser Satz aus dem Psalm 139: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.

Was macht das mit einem Heranwachsenden, der sich noch mit Selbstzweifeln herumschlägt und sich oft unsicher und ungenügend fühlt? Nun, ich habe angefangen mich selbst anders zu sehen. Ich habe mir erlaubt diese Sicht von König David zu übernehmen. Dieser bedeutendste König Israels ist nämlich der Verfasser des Psalms 139.

Seitdem denke ich mir. Auch wenn ich weder zum Model tauge noch zum König, bin ich doch in Gottes Augen auch wunderbar gemacht. Jeder Mensch ist ein Wunder. Und wer ein Neugeborenes bestaunen kann, bekommt leicht eine Ahnung davon.

Aber wenn jemand eine Niederlage erlebt oder verletzt wird, dann verliert er leicht aus dem Blick, dass er oder sie etwas Besonderes ist. Gerade wenn jemand sich unzulänglich fühlt. Vor seinen eigenen Ansprüchen oder denen anderer, gerade dann ist es hilfreich sich wieder bewusst zu machen. Unabhängig von meinem Aussehen, meiner Intelligenz oder Sportlichkeit bin ich ein Unikat Gottes. Das gibt meinem Leben Bedeutung und ein gesundes Selbstbewusstsein. Ich weiß, Gott bin ich wichtig.

Jetzt habe ich von mir geredet. Aber wie wäre es, wenn sie auch die Sicht von König David für ihr Leben übernehmen und sagen würden: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Dann könnte ein neues Licht auf ihr Leben fallen. Vielleicht schon heute.

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16NOV2019
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Unsere Enkeltochter ist vor zwei Monaten in die Schule gekommen. Nach der ersten Woche Unterricht ist sie nach Hause gekommen und hat mitgeteilt: Ich habe eine neue Freundin. „Und wie heißt die?“, haben wir gefragt. Als sie dann den Namen ihrer Klassenlehrerin genannt hat, haben wir uns erst mal gewundert und dann gefreut.

Was für ein Start, wenn die Erstklässlerin ihre Lehrerin so schätzt, dass sie sie als ihre Freundin bezeichnet. Wie offen und bereitwillig wird sie bei dieser Lehrerin lernen.

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke war es auch so, dass die Vorliebe für ein Fach oft damit zusammengehangen hat, ob ich den Lehrer oder die Lehrerin gemocht habe. Selbst im Studium haben wir Vorlesungen nicht nur nach Inhaltlichen Gesichtspunkten gewählt, sondern danach, wie interessant die Professoren waren.

Bildung geschieht eben vor allem durch Vorbilder.

Natürlich braucht man auch Bildungseinrichtungen, damit das funktioniert: Kindergärten, Schulen, Universitäten. Der Bildungsstand in unserem Land hat im Wesentlichen zwei Säulen, auf denen er sich über Jahrhunderte entwickelt hat. Das waren einmal die Klöster des Mittelalters, aus denen die ersten Universitäten hervorgegangen sind. Zum anderen war es als Folge der Reformation das öffentliche Schulwesen. Nachdem Luther die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt hatte, sollte sie auch jeder lesen können. Und damit die Leute lesen konnten, drängte er darauf, dass überall Schulen gegründet wurden, nicht nur für die Kinder reicher Leute, sondern für alle.

Aber in allen Einrichtungen sind immer die Persönlichkeiten entscheidend. Gute Vorbilder wecken Eifer und Motivation, lassen einen mit Freude und erwartungsvoll an die Arbeit gehen. 

Und ich finde, jeder ist in irgendeiner Weise Vorbild, ob als Lehrer oder Vorgesetzter, ob als Vater oder als Mutter. Und damit stehen wir auch in einer entsprechenden Verantwortung.

Welche Menschen achten heute erwartungsvoll auf mich, orientieren sich an mir?

Die müssen mich nicht gleich als ihren neuen Freund bezeichnen wie meine Enkelin ihre Lehrerin. Aber wenn ich für sie eine positive Herausforderung war, wenn ich einen ermutigenden Anstoß geben konnte, dann hat sich der Tag gelohnt. Solch einen Tag wünsche ich ihnen jedenfalls heute auch.

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15NOV2019
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Heute können sie den Klimawandel stoppen. Nicht für die ganze Welt, aber in Ihrer Welt. Dort wo, sie leben. Ich meine nicht den meteorologischen Klimawandel. 

Ich meine den gesellschaftlichen Klimawandel. Auch das Klima der Menschen untereinander ändert sich, finde ich. Es sind schädliche sprachliche Emissionen, die das Klima vergiften: Lästern zum Beispiel, Gerüchte, Fakenews oder Hasstiraden.

Etliche Zeitungen z.B. haben in ihrer Onlineausgabe die Kommentarfunktion eingestellt. Grund ist die nicht mehr zu bewältigende Zahl von beleidigenden Äußerungen, die gelöscht werden müssen.

Ähnliche Probleme im Umgang der Menschen untereinander hat es wohl schon immer gegeben. In einem Brief, der in der Bibel aufbewahrt ist, lese ich (Eph4, 29):

Redet nicht schlecht voneinander, sondern habt ein gutes Wort für jeden, der es braucht. Was ihr sagt, soll hilfreich und ermutigend sein, eine Wohltat für alle. 

Der Briefschreiber hat um die Wirkung giftiger Worte gewusst, wenn schlecht über andere geredet wird. Sein Ziel ist aber nicht nur, giftige Worte zu verhindern, sondern stattdessen heilsame Worte hervorzubringen. Jeder übt mit seinen Worten einen großen Einfluss aus, den wir oft unterschätzen. 

Die Menschenwürde halten wir hoch und können sie doch gleichzeitig so leicht mit Worten verletzen.

Aber statt das Miteinander durch unsere Worte zu gefährden, können wir es ja durch unsere Worte auch fördern.

Jeder nimmt jeden Tag auf seine Weise Einfluss auf die Atmosphäre zu Hause, in der Nachbarschaft und in der Firma, wo wir ja sogar vom Betriebsklima sprechen.

Wie lässt sich da der Klimawandel, wie lassen sich die schädlichen sprachlichen Emissionen stoppen? Der nötige Klimaschutz besteht nicht nur in der Vermeidung giftiger Worte. Er ist zutiefst eine Frage der inneren Haltung, der Einstellung zu den Menschen um uns herum. Wenn mir jemand viel bedeutet, werde ich ihn nicht niedermachen. Vielmehr werde ich ihn eher aufbauen, ermutigen. So wie wir es mit Kindern tun, wenn ihnen etwas misslungen ist. Je nachdem also wie ich den anderen sehe werde ich mit ihm und über ihn reden. Als Christ glaube ich, dass jeder Mensch von Gott gewollt und geliebt ist. Das gilt auch für die, die mir das Leben schwer machen. Auch die besitzen ihre einzigartige Bedeutung und Würde als Geschöpfe Gottes. Wenn ich aus diesem Blickwinkel die Menschen um mich herum betrachte, gewinne ich eine neue Grundhaltung, die sich auch in der Wortwahl ausdrückt.

Daher ist es nicht übertrieben, dass sie heute den zwischenmenschlichen Klimawandel nicht nur stoppen können, sie können sogar das Klima verbessern. 

Dazu wünsche ich ihnen einen heiteren Tag unter Gottes Segen.

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14NOV2019
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Heute vor 79 Jahren hat die deutsche Luftwaffe verheerende Bombenangriffe auf die englische Stadt Coventry geflogen. Dabei sind über 4000 Häuser zerstört und über 500 Menschen getötet worden. Von der Kathedrale ist nur eine Ruine stehen geblieben. In die Restmauer hat der Domprobst spontan die Worte meißeln lassen: FATHER FORGIVE – Vater vergib.

Damit war etwas in Stein gemeißelt, was weltweit Kreise ziehen sollte, auch wenn es lange dauerte. 

Vergebung: In meiner Stadt Pforzheim habe ich erlebt, dass das wirklich möglich ist:

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges ist Pforzheim von englischen Bombern völlig zerstört worden. Drei Wochen später folgte ein Racheakt, der allem Kriegsrecht widersprach. Die Nazis haben hier fünf englische Fliegeroffiziere, die man gefangen genommen hatte, ermorden lassen. Für die Tat hatten sie Hitlerjungen angestiftet. Jahrzehnte war das Verbrechen vor Ort ein Tabu geblieben.

Nach 38 Jahren begann aber doch die Versöhnungsarbeit. Pforzheimer haben in England Kontakt gesucht zu Angehörigen der ermordeten Fliegeroffiziere. Und zu einem Gedenkgottesdienst ist tatsächlich Marjorie Frost gekommen, die Witwe des ermordeten Harold Frost. Gegen Ende des Gottesdienstes ist ein alter Mann in Tränen ausgebrochen und bekannte: Ich war einer von den Hitlerjungen. Und die Reaktion von Marjorie Frost? Sie wollte den Mörder ihres Mannes kennenlernen und sagte: Ich trage ihm nichts nach. Möge er inneren Frieden finden.

Für mich hat sie damit umgesetzt, was dort in Coventry in Stein gemeißelt ist : Vater vergib.

Und ich finde: So kann Frieden werden, wenn Menschen im Sinne Jesu vergebungsbereit und versöhnungsbereit sind.

Bis heute treffen sich in Coventry in der Ruine der Kathedrale jeden Freitag um 12.00 Uhr Menschen zum Versöhnungsgebet. Und es hat weltweit Kreise gezogen. Was in Coventry praktiziert wird, geschieht auch in 49 deutschen Städten und über hundert weiteren auf der ganzen Welt.

In dem Versöhnungsgebet heißt es unter anderem:
Den Hass, der Rasse von Rasse trennt, Volk von Volk, Klasse von Klasse,
Vater, vergib.
Das Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist,
Vater, vergib.
Unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Gefangenen, Heimatlosen und Flüchtlinge,
Vater, vergib.
Und das Gebet schließt mit  dem Bibelwort:
Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus.  

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