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29AUG2021
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Ich bin ein Wolken-Fan. Manchmal bitte ich meine Familie mitten auf der Autofahrt anzuhalten, damit ich die Wolken fotografieren kann. Und ab und zu erfüllt sie mir den Wunsch.
Das sind dann keine langweiligen Wolken, sondern unterschiedliche Formen und Schattierungen, die sich übereinander schieben. Am schönsten finde ich es, wenn dann noch die Sonne durchblitzt. Bei dem unbeständigen Wetter zurzeit, mit den häufigen Regengüssen komme ich in puncto Wolken voll auf meine Kosten.

Wolken faszinieren mich. Sie sorgen dafür, dass ich nach oben schaue und diese Weite, die ich da sehe, bringt mich zum Staunen.

In der Bibel gibt es einen Ausspruch, der mir gefällt: „Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken.“ Das ist ein schöner Satz. Doch die Menschen, die ihn als erstes gehört haben, haben nicht wie ich entspannt in die Wolken geschaut, träumerisch, oder auch begeistert. Ihr Blick ging durch einen Tränenschleier, denn sie machten gerade schlimme Zeiten durch. Sie haben in den Himmel geblickt und gebetet, weil sie sich nicht mehr zu helfen wussten. Es waren Witwen oder Waisen. Alle Unterstützung war ihnen weggebrochen.

In dem Abschnitt aus der Bibel heißt es dazu: „Gott hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und er erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht, noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt?'
Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken.“

Während ich meist freudig in die Wolken schaue, ist es hier anders.  Die Witwe hat keinen Blick für ihre Schönheit, vielmehr bricht die schiere Not aus ihr heraus und sie betet.
Mir hilft es, beim Beten nach oben zu schauen. Auch wenn ich mir das nicht so vorstelle, dass Gott hinter den Wolken thront.

Die Blickrichtung ist trotzdem gut, denn so kann ich mich besser auf Gott konzentrieren - wenn ich mal nicht auf meine Angelegenheiten schaue, sondern auf die große Weite über mir.
In der Bibel steht dazu: “Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken.“ Außerdem lese ich dort, dass es Menschen gibt, die Gott besonders ans Herz gewachsen sind. Ihre Gebete kommen bei ihm besonders gut an. Seine Lieblinge sind all die Leute, die einen schweren Stand haben. Leute, die arm sind. Leute, die einfach nicht dieselben Chancen haben.

Damals waren das vor allem die Witwen und Waisen. Gottes Herz schlägt für sie. Er ist völlig unbeeindruckt davon, welche Positionen Menschen innehaben, wie ihr Jahresgehalt ist, welche Kleider sie tragen und welche Automarke sie fahren, oder ob sie nur mit einem klapprigen Fahrrad unterwegs sind. Gott stellt sich auf die Seite derer, die allein sind und nicht viel zu sagen haben.

Damals war die Großfamilie alles: Sie war zugleich Schule, Ausbildungsstelle, Krankenkasse und Altersversorgung. Dort gab’s medizinische Hilfe und sie sorgte für die Wohnung und dass alle, die zu ihr gehören, zu ihrem Recht kamen. Wer ohne Familienanschluss war, war chancenlos. So jemandem fehlte es an allem: an Essen, an Beziehungen und Unterstützung. Das Einzige, was sie tun können, ist beten.

Mit Gott in Kontakt treten, ihm sein Leid klagen, zu ihm flehen: Das ist keine Notlösung, denn Gott verspricht echte Hilfe. Es ist Gott ein Herzensanliegen, dass den Armen geholfen wird. Er verspricht, dass das Gebet der Witwe nicht nur bis zur Wolkendecke reicht.

Doch es steckt noch mehr dahinter. Die Botschaft ist: „Glaube ist kein Wolkenkuckucksheim.“ Es ist nicht damit getan, dass ich die Wolken betrachte und meine Gebete nach oben sende.

Sondern gleichzeitig gibt Gott mir was zu tun. Mir und allen anderen, denen es gut geht. Ja, mir geht es gut, denn ich habe ein festes Einkommen und stehe nicht allein da, sondern habe liebe Menschen um mich. An so Leute wie mich lautet der Auftrag: „So, wie die Armen Gott nicht egal sind, dürfen sie auch dir nicht egal sein. Kümmere dich um sie.“

In der Bibel steht häufig, dass Gott eingreift - das tut er meist durch andere Menschen, hoffentlich auch durch mich.

Wenn ich in die Wolken schaue, habe ich Zeit zum Nachdenken. Mein Blick wird von nichts anderem in Beschlag genommen. Ich kann mich von den Wolken begeistern lassen. Ich schaue ihnen zu, wie sie langsam weiterziehen, je nachdem, woher der Wind kommt. Nach so einer kleinen Auszeit sehe ich die Menschen um mich herum mit anderen Augen – ich sehe sie mehr mit Gottes Augen. Ich habe dann eher eine Ahnung, wie ich ihnen helfen könnte. Ja, manchmal erkenne ich durch den Abstand tatsächlich besser, was Gott von mir will.

Als Christin bin ich nicht immer stark – und nicht selten ist mein Blick nach oben von einem Stoßgebet begleitet. Doch Gott kann durch mich und meine bescheidenen Möglichkeiten wirken. Dann kann ich anderen zur Seite stehen. Meist sind es ja gar nicht die großen Dinge und Taten, die anderen helfen, schon kleine Dinge können ganz groß sein. Denn Gebet tatsächlich durch die Decke – auch durch die Wolkendecke.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ganz gleich, ob mit oder ohne Wolken.

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08JUN2021
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Neulich hatte ich ein Problem. Und ich habe deswegen den ganzen Tag nach Lösungen gesucht. Ich habe gegoogelt. Ich habe mich eingelesen wie andere das Problem angegangen sind, bin aber in meinem speziellen Fall nicht wirklich weitergekommen. Ein paar Tage später saß ich an einer Predigt über die Geschichte von Mose: Mose hütet gerade die Schafe, als er in der Wüste einen brennenden Dornbusch entdeckt. So erzählt es die Bibel. Er will es genauer wissen, kommt näher und hört die Stimme Gottes. Weil Mose ehrfürchtig sein Gesicht bedeckt, kann er Gott nicht sehen. Doch Gott verrät ihm seinen Namen. Der lautet: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Oder anders übersetzt: „Ich bin der, der für dich da ist.“ Die Begegnung endet damit, dass Mose von Gott einen Auftrag bekommt: „Führe mein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit.“ Während ich so über die Geschichte nachdenke, kommt mir wieder mein Problem in den Sinn. Und dazu der Gedanke: Hätte Mose damals den ganzen Tag nur vor sich hingestarrt, hätte er den brennenden Dornbusch und damit Gott verpasst. Ja, ich denke tatsächlich: Um Gott zu begegnen, brauche ich den weiten Blick in die Ferne. Den Blick, der nicht schon von etwas gefangen ist, sondern der sich offen und neugierig umsieht. Um von Gott neue Impulse zu empfangen, brauche ich Muße und innere Ruhe. Wenn ich so sehr im Klein-Klein feststecke, dass ich nur noch sehe, was direkt vor meiner Nase ist, dann bin ich nicht mehr offen für die heiligen Momente. Vielleicht will Gott mir etwas sagen, und ich bin zu abgelenkt, um es zu merken? In der weiteren Geschichte von Mose kommt es immer wieder zu solchen Begegnungen. Sie helfen Mose, sich neu zu orientieren. Meist bekommt er Hilfestellungen von Gott, aber auch mal einen Rüffel.

Auch heute lässt Gott sich immer wieder finden. Das passiert überraschend oder auch, wenn Leute bewusst nach ihm suchen. Zum Beispiel bei Exerzitien im Alltag. Dazu treffen sich Leute in einer Stadt. Sie wohnen in einfachen Unterkünften und sind den ganzen Tag in der City unterwegs. Sie stellen sich dabei die Frage: „Wo wartet Gott auf mich?“ Für mich klingt das spannend – auch wenn ich solche Veranstaltungen bis jetzt nur aus Erzählungen kenne. Und einen brennenden Dornbusch, aus dem Gott spricht, habe ich auch noch nicht gesehen. Aber ich habe durchaus schon erlebt, dass Gott mir durch einen Menschen oder in einer Situation begegnet ist und mir weitergeholfen hat. Durch eine gute Idee zum Beispiel, die ich plötzlich beim Joggen hatte – und die mich bei einem Problem weitergebracht hat. Es bleibt spannend, mit Gott unterwegs zu sein.

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07JUN2021
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Vor kurzem habe ich den Film „Systemsprenger“ angeschaut. Er ist zurzeit in der Mediathek des ZDFs zu finden. Ich kannte dieses Sozialdrama noch nicht, obwohl es 2019 im Kino sehr erfolgreich war. Es geht um Benni, ein neunjähriges Mädchen, das nur auf den ersten Blick ein fröhliches Kind ist. Benni ist schwer traumatisiert und jedes Mal, wenn sie wieder eine Enttäuschung erlebt, reagiert sie mit heftigsten Wutausbrüchen gegen alle, auch gegen sich selbst. Ihre Mutter kommt nicht mehr klar mit ihr und auch in den Heimen und in der Schule kann sie nicht bleiben.

Ich habe beim Anschauen nicht nur eine Träne verdrückt. Auch der gerade erschienene Bericht der Unicef zur Situation der Kinder in Deutschland ist bedrückend. Um es kurz zu sagen: Vielen Kindern geht es nicht gut. Es herrscht eine große Not und ich sehe hier Handlungsbedarf, gerade auch als Christin. Denn Jesus hat die Kinder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Er hat gesagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen.“ Das glich zu seiner Zeit einer Revolution, denn Kinder hatten damals keine Rechte und nur geringes Ansehen. Sie dienten als billige Arbeitskraft und sollten die Eltern später im Alter finanziell absichern. Einmal hat Jesus ein Kind zu sich in die Mitte geholt, es in den Arm genommen und allen erklärt: „Wer ein solches Kind bei sich aufnimmt, der nimmt mich auf.“

Ich verstehe es deshalb als göttlichen Auftrag, mich um Kinder zu kümmern. Nicht jeder kann ein Kind bei sich aufnehmen. Auch ich kann das nicht. Doch ich kann Hilfe anbieten, damit Kinder keinen Schaden erleiden: Ich habe immer gern die Nachbarskinder mit zum Spielplatz mitgenommen, damit die übernächtigten Eltern Schlaf nachholen oder arbeiten konnten. Über Monate hinweg ist nun für viele Familien ihr hilfreiches Netzwerk weggefallen, weil man sich nicht über Haushaltsgrenzen hinweg treffen konnte. Das stelle ich mir schrecklich vor, denn ich hätte es damals ohne mein Netzwerk nicht geschafft. Ich hätte abends nicht zur Arbeit fahren können, wenn nicht meine Nachbarin das Babyphon übernommen hätte. Es ist so wichtig, Menschen zu haben, die schauen, wo Hilfe gebraucht wird. So können alle zusammen dafür sorgen, dass Eltern nicht überfordert sind und Kinder zu ihrem Recht kommen. Dazu ist ein Umfeld nötig, dass genau hinschaut. So wird verhindert, dass Bezugspersonen ihre Macht missbrauchen und Kinderseelen verletzt werden.

Jesus hat die Kinder auf den ersten Platz gestellt. Er hat sie ernst genommen und ihnen zugehört und hat sie sogar Vorbilder genannt. Er hat null Toleranz für Verhalten, das ihnen weh tut.

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06JUN2021
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Alle machen Urlaub, nur ich nicht. Ich sehe schöne Fotos aus Verona, eine Freundin kündigt ihren Segeltörn in der Ägäis an. Mein Bruder schickt ein Video mit seinen Jungs vom Campingplatz. Ich würde auch so gerne verreisen, doch mein Mann hat keine Zeit. Und während ich noch so vor mich hin grummele, sehe ich in der Zeitung einen Bericht zur „Herzenswunsch-Aktion“ der Malteser. Auf dem Foto sind drei lachende Gesichter. Und ich lese: Ein paar Ehrenamtliche sind mit einem Krebskranken und dessen Ehefrau in einem Krankenwagen an die Ostsee gefahren. Der 68-Jährige wollte noch einmal barfuß den Sand spüren, bevor er stirbt. Das hat mich berührt und ins Nachdenken gebracht. Warum vergleiche ich mich automatisch mit denen, die es gerade schöner haben als ich? Warum nicht mit denen, die vielleicht gerade lieber an meiner Stelle wären? Warum bin ich oft so unzufrieden, obwohl es mir doch gut geht? Ich wurde richtig unzufrieden mit meiner Unzufriedenheit: So will ich doch nicht sein! Ich will nicht missmutig und auch nicht neidisch sein.

All diese Gefühle habe ich dann mitgenommen in meine Gebetszeit. Ich habe Gott gesagt, was mir durch den Kopf geht: dass ich so gerne auch mal eine Pause hätte, um wegzufahren; dass ich mich selbst nicht leiden kann, wenn ich so jammere; dass ich doch eigentlich Leute schlimm finde, die anderen nichts gönnen und dass ich da nicht dazugehören will. Ich habe Gott gebeten: „Bitte schenke mir, dass ich mich von Herzen mit den anderen mitfreuen kann.“ Und, ja, beim Beten hat sich etwas in mir verändert. Ich habe entdeckt, wie beschenkt ich bin, auch ohne Urlaub. Mir geht es unglaublich gut. Ich habe alles, was ich brauche und noch mehr.

In der Bibel steht: „Seid dankbar in allen Dingen.“ Ich weiß nicht, ob ich das kann: immer und in allen Dingen dankbar sein. Doch für mein aktuelles Leben bin ich dankbar und mir sind auf Anhieb Dutzende von Gründen dafür eingefallen.

Was mir an Gott so gut gefällt, ist, dass ich bei ihm einfach rauslassen kann, wie ich mich fühle. Da brauche ich kein Lächeln aufzusetzen, ich muss meine Gedanken nicht zensieren oder so tun, als wäre alles super. Nein, ich kann ehrlich sagen, wie es mir geht. Und wenn ich mich das dann so sagen höre, sortieren sich die Gefühle, und mir kommen neue Ideen. Zum Beispiel die: Ich mache einfach einen Kurzurlaub mit meinem Jüngsten: Eine Übernachtung in einer Stadt, in die ich eh schon lang mal fahren wollte. Ich freue mich schon drauf.

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14NOV2020
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Ich war immer stolz auf meine Schwestern und meinen Bruder und ich genieße es, Geschwister zu haben. Gleichzeitig sind meine Geschwister manchmal eine echte Herausforderung. Denn nur weil wir dieselben Eltern haben, sind wir ja noch lange nicht einer Meinung. Das war früher schon so und ist es noch heute. Wir haben zudem vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten. Doch damit sind wir in guter Gesellschaft, wie mir Bekannte berichten und schon zur Zeit der Bibel war das nicht anders.

Dort wird von den beiden Schwestern Maria und Martha erzählt, die auch völlig unterschiedlich getickt haben. Martha hat sich sogar bei Jesus darüber beschwert, dass Maria nicht geholfen hat, als er zu Besuch war. Statt zu helfen hat sie nur dagesessen und zugehört.

Geschwister beobachten sich ständig und wehe, sie sehen, dass Aufgaben oder Privilegien nicht gerecht verteilt sind. Da folgt umgehend der Protest. Geschwister sind kritisch miteinander. Und nicht selten neidisch. Doch wenn es drauf ankommt, halten sie oftmals zusammen. Wehe, ein Außenstehender hat Witze über meine Schwestern oder meinen Bruder gemacht. Da habe ich sie umgehend verteidigt, selbst wenn wir kurz vorher noch Zoff hatten. Wir Geschwister haben uns ziemlich viel an den Kopf geworfen und im Innersten doch gewusst, dass unsere Beziehung nicht in Frage gestellt ist. Ich habe schon oft beobachtet, wie Geschwister in Notsituationen zusammenhalten. Genauso war es auch bei Maria und Martha, als später ihr Bruder schwer krank geworden und schließlich gestorben ist.

Früher haben sich die Leute auch in der Kirche mit Bruder und Schwester angeredet. Also: Bruder Müller, statt Herr Müller und Schwester Meier statt Frau Meier. Damit wollten sie zeigen, dass sie zusammengehören, weil Gott ihr gemeinsamer Vater ist. Irgendwann hat sich diese Anrede dann verloren. Sie klingt für heutige Ohren altbacken und zu sehr nach „geschlossener Gesellschaft“. Doch ich verstehe, was gemeint war.

In meiner Familie haben wir trotz der Unterschiede bisher zusammengehalten, auch in echt schweren Zeiten. Und so versuche ich es auch mit anderen Leuten halten, dass ich sie auch nach ernsthaften Auseinandersetzungen nicht fallen lasse. Denn ein bisschen sind sie ja alle meine Schwestern und Brüder. Gott hat uns alle als seine Kinder geschaffen. Zurzeit sind viele dünnhäutig und gehen schnell mal oben raus – ich auch. Doch hinterher können wir wieder zusammenkommen. Wie Geschwister eben.

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13NOV2020
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Nicht jeder hat Familie um sich. Manche Familien wohnen zu weit auseinander, Bei anderen ist der Kontakt abgebrochen. Vielleicht sind in der Familie schlimme Dinge vorgefallen. Vielleicht hat es Missbrauch gegeben, oder ein Jugendlicher ist nach seinem Coming Out verstoßen worden. Das ist für die jungen Menschen doppelt schlimm, denn nach solch einem Erlebnis bräuchte es ja erst recht eine Familie, in der man sich geborgen fühlt. Wenn ich solche Geschichten mitbekomme, möchte ich so gerne helfen, soweit mir das möglich ist. Und mir macht dazu eine Geschichte aus der Bibel Mut. Sie ist von zwei Frauen: Ruth und Noomi. Die eine ist die Schwiegertochter und die andere die Schwiegermutter. Die beiden hatten herbe Schicksalsschläge hinter sich und am Schluss hatten sie sich nur noch gegenseitig. Da haben sie sich entschieden, beieinander zu bleiben. Es war ihnen wichtig, sich gegenseitig zu stützen. Gerade die junge Noomi hat sich für Ruth entschieden, für die Wahlverwandtschaft. Sie haben einander Rat gegeben und vor allem: Geborgenheit. Und gemeinsam haben sie wirklich neues Leben gefunden.

Die Geschichte zeigt mir, dass Wahlverwandtschaften keine Verwandtschaften zweiter Klasse sind. Sie haben das Potential, zur echten Familie zu werden. Für alleinstehende Männer und Frauen, für Kinder, die nicht zurückkönnen oder für Jugendliche, die in der Nähe keine Verwandten haben. Der Bedarf nach Familie ist groß in unserem Land. Es werden dringend Pflegefamilien für Kinder und Jugendliche gebraucht, wenn sie kurzzeitig oder auf Dauer untergebracht werden müssen. Pflegeeltern leisten wunderbare Arbeit. Denn es braucht viel Zeit und Geduld und Toleranz und Liebe, bis die Kinder und Jugendlichen nach ihren schrecklichen Erlebnissen wieder Vertrauen fassen. Das kann nicht jeder. Doch es gibt auch leichtere Wege, um für andere zur Familie zu werden. Eine Landwirtin nimmt ein traumatisiertes Kind regelmäßig mit aufs Feld und in den Stall. Das tut dem Kind gut. Ein Senior ist als Lernpate aktiv und gibt einem Kind so Struktur bei den Schularbeiten. Eine Familie klingelt jeden Tag beim alleinstehenden Nachbarn und schaut, dass es ihm gut geht. Denn auch viele, die längst erwachsen sind, sehnen sich nach einer Familie. Vielleicht kennen sie auch Leute, die eine Familie brauchen. Und vielleicht können sie ihnen zeigen, dass Familie auch als Wahlverwandtschaft funktionieren kann.

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12NOV2020
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Heute, am 12. November ist Oma und Opa-Tag, so steht es in meinem Kalender. Ich muss zugeben, es gibt bekanntere Ehrentage. Doch mir gefällt dieser Tag, denn ich finde Großeltern wunderbar, nicht nur für die Enkel, sondern auch für die Eltern. Ich kenne viele engagierte Omas und Opas, die alles stehen und liegen lassen, wenn sie von der Familie gebraucht werden: Wegen Geburten, Umzügen oder Krankheiten. Oder sie kümmern sich jede Woche zu festen Zeiten. Und selbst wenn die Enkel schon größer sind, bleiben Omas und Opas wichtig. Sie haben nicht selten den besseren Draht zu den Teenies, weil sie nicht in die täglichen Diskussionen und Auseinandersetzungen eingebunden sind. Und auch die Enkel sind oft gegenüber den Großeltern geduldiger, als sie es bei den Eltern sind. Ihnen erzählen sie vielleicht Dinge, die sie den Eltern nicht erzählen würden und erklären ihnen ihre Welt. Und sie nehmen von den Großeltern auch manches an, weil sie spüren, dass sie es gut mit ihnen meinen. Die gewisse Distanz tut da gut, sie bringt Enkeln und Großeltern mehr Gelassenheit. Omas und Opas genießen die Zeit mit den Enkelkindern besonders dann, wenn sie für ihre eigenen Kindern nur wenig Zeit hatten.

Ich kenne einige Großeltern, die sich auch die Zeit nehmen, um den Enkeln von ihrem Glauben zu erzählen. Sie erzählen ihnen, was sie schon alles erlebt haben und wie Gott ihnen dabei geholfen hat. Oder sie gehen mit den Enkelkindern in die Kirche. Eine Freundin hat mir erst neulich erzählt:

„Wenn ich bei meiner Oma war, hat sie mich sonntags in die Kirche mitgenommen. Ich habe auf ihrem Schoß gesessen und nebenher in ein kleines Heft gemalt. Und die Oma hatte immer eine kleine Tüte Gummibärchen für mich dabei. Ich habe die Stunde genossen, auch wenn ich nicht wirklich zugehört habe.“ Ein Freund hat mir erzählt: „Wenn ich beim Opa war, hat er mir abends aus der Kinderbibel vorgelesen. Die Geschichten kenne ich bis heute.“

In der Bibel habe ich keine Großeltern-Enkel-Geschichten gefunden. Das liegt vielleicht daran, dass die Leute früher nicht so alt wurden, als dass sie noch Zeit mit Enkeln hätten verbringen können. Doch es gibt eine kurze Notiz in einem Brief an einen Mann namens Timotheus. Da steht: „Dein Glaube ist genauso aufrichtig wie der Glaube deiner Mutter Eunike und deiner Großmutter Lois.“ Ich stelle mir vor, dass dieser Timotheus auch manches über Jesus von seiner Oma gelernt hat. Wie gut, wenn Menschen über Generationen hinweg so viel Gutes mitbekommen!

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13SEP2020
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Auf den Untergrund kommt es an, egal, ob man zu Fuß unterwegs ist, mit dem Auto, ob man einen Garten hat oder ob man ein Haus bauen will. Auf Kopfsteinpflaster zum Beispiel ist das Laufen mühsam, man knickt leicht um und die Füße tun einem mit der Zeit weh. Auf Waldboden dagegen läuft es sich weich und mühelos. Wenn die Erde im Garten sandig ist, muss man viel gießen, auf schwerem Boden gedeihen die Pflanzen besser. Und auf sumpfigem Grund kann man so ohne Weiteres kein Haus bauen. Auf den Untergrund kommt es an. Ein guter Grund macht das Leben leichter.

Jesus hat seine Zuhörerinnen und Zuhörer deshalb aufgefordert, bewusst auf ihren Grund zu achten. Er hat aber nicht den Grund gemeint, auf den sie kurzzeitig treten, sondern den, auf den ihr ganzes Leben aufgebaut ist. Da ist es noch wichtiger, hat er gesagt, denn sonst kann einem im schlimmsten Fall alles um die Ohren fliegen.

Jesus hat sein Plädoyer für einen guten Grund in eine Geschichte verpackt. Es ist das Gleichnis vom Hausbau. Er hat zu den Leuten gesagt: Wenn ihr das, was ihr jetzt alles von mir gehört habt, auch befolgt, dann seid ihr wie ein kluger Mann, der sich einen stabilen Bauplatz auf Felsgestein gewählt hat. Seinem Haus kann weder ein Wolkenbruch, noch ein Sturm, noch eine Überschwemmung, etwas anhaben.

Dann gibt es noch die anderen Leute, hat Jesus gesagt, die meine Worte zwar gehört haben, aber sie gleich wieder vergessen. Sie sind wie der Bauherr, der sein Haus auf sandigem Boden gebaut hat. Als dann ein Wolkenbruch gekommen ist und Hochwasser und dazu noch Stürme ist es eingestürzt und in sich zusammengefallen.

Wenn alles um einen herum ruhig ist, funktioniert das Leben vielleicht auch auf nicht so stabilem Untergrund, doch sobald eine Störung kommt, wird es kritisch. Da gerät man leicht ins Straucheln und fällt womöglich um.

Deshalb ist es gut, zu wissen, was dem Leben Halt gibt. Gott gibt Halt, hat Jesus den Menschen gesagt. Und dann nimmt er sich viel Zeit, zu erklären, wie Gott ist und was er sich für uns vorstellt: Dass Gott sie liebt, dass er will, dass sie sich umeinander kümmern, dass er sich wünscht, dass die Menschen in Frieden leben. Dass sie selbst den Leuten, die sie nicht leiden können, Gutes tun. All das ist in den sogenannten Seligpreisungen nachzulesen. Dann erklärt Jesus noch, dass Gott mit den Menschen im Gebet in Kontakt sein will. Denn es bringt nichts, nur einmal von ihm zu hören. Gott denkt an eine dauerhafte Beziehung mit den Menschen. Wer das versteht und danach lebt, dessen Leben hat einen Halt. Wie ein Haus mit starkem Fundament auf festem Grund.

Ich verstehe das so: Wenn ich Gottes Botschaft nicht nur höre, sondern in meinem Leben umsetze, kann ich fest stehen. Wenn mein Glaube nur Theorie bleibt, werde ich leicht umgepustet, sobald es Schwierigkeiten gibt.

Zum festen Grund meines Lebens wird Gott erst, wenn seine Worte in meinem Herzen andocken. Von dort regen sie dann meinem Verstand an: Dann überlege ich, was das wohl bedeutet, anderen Menschen Liebe zu zeigen. Habe ich dazu eine Idee, dringen die Worte bis in meine Hände. Dann tue ich gerne etwas für andere. Das sieht heutzutage anders aus als damals bei Jesus. Heute greife ich zum Telefonhörer oder ich helfe Älteren dabei, sich im Internet zurecht zu finden oder ich stehe jemandem mit Rat und Tat zur Seite.

Jesus hat das immer perfekt hingekriegt, Gottes Willen praktisch umzusetzen. Ich schaffe das nicht immer und stelle dann fest: „da habe ich wohl etwas in den Sand gesetzt.“
Jede und jeder setzt mal Dinge in den Sand. Dabei hat Gott so viel Besseres mit den Menschen vor.

Mit ihm als Fundament lässt sich so viel erreichen. Denn dann ist man von unten her stabil und nach oben stehen alle Möglichkeiten offen. Gott hat eine klare Vorstellung, vom Fundament.

Dafür muss der Untergrund zu 100 % geeignet sein: Stabil und verlässlich muss er sein. Und so ist Gott. In der Bibel steht: Gott ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit. Wenn das nicht eine super Grundlage fürs ganze Leben ist.

Der Rest des Bauplans ist frei gestaltbar. Beim Lebenshaus hat jede Bauherrin und jeder Bauherr viel künstlerische Freiheit. Ob es traditionell oder futuristisch aussehen soll, ist jedem selbst überlassen. Es wäre ja auch langweilig, wenn alle gleich aussehen würden. So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Lebenshäuser.

Einzig für das Baumaterial hat Jesus seinen Zuhörerinnen und Zuhörern eine dringende Empfehlung gegeben. Denn es gibt etwas, das super geeignet ist und genau zum Fundament passt. Das perfekte Baumaterial, um ein erfolgreiches Lebenshaus zu errichten, so hat Jesus gesagt, ist die Liebe.
„Liebe deinen nächsten, wie dich selbst.“

Mit dem stabilen Fundament auf der einen Seite und Liebe als Baustoff auf der anderen Seite wird das Lebenshaus genau so, wie Gott sich das vorgestellt hat.

Ich wünsche Ihnen einen inspirierenden Sonntag.

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01JUN2020
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Erde, gemahlenen Ton und eine Saatmischung mit dem vollmundigen Namen „Bienen- und Hummelmagnet“. Das habe ich neulich mit Wasser vermischt und zu Kugeln geformt. Dazu habe ich mich mit einer Bekannten auf dem Balkon getroffen. Wir haben uns erzählt, was in den letzten Wochen so bei uns los war. Nebenher haben wir diese Samenkugeln gemacht.

Die meisten Kugeln haben wir verschenkt. Sie wurden am Wegrand abgelegt oder in einen Blumentopf gepflanzt. Man sieht schon die ersten grünen Triebe. Und hoffentlich sind es bald schöne Sommerblumen, die Menschen und vor allem den Bienen Freude machen. Wie wir darauf gekommen sind? Nun, weil es ums Säen und Ernten oft auch in der Bibel geht. Zum Beispiel in einem Reise-Lied für den Weg hinauf zum Tempel nach Jerusalem.

Es fängt so an:
Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Das Lied ist ein Lied der Befreiung aus einer Krise. Denn die, die da singen, waren zuvor Gefangene im Nachbarland. Endlich sind sie wieder zuhause. Die jahrelange Sehnsucht nach der Heimat und ihrem religiösen Zentrum ist nun gestillt.

Ich finde, es ist ein gutes Lied für die Krisenzeit. In einer Krise fühle ich mich momentan auch, obwohl ich ja nicht wirklich gefangen bin. Doch irgendwie bin ich entfremdet von meinem normalen Leben und ich würde gerne in das Gewohnte zurückkehren.

Am Anfang war es vielleicht noch spannend in der Fremde. Ich hatte viele freie Abende. Auch mein Sohn hat sich gefreut. Doch nun höre ich täglich zu Hause: „Ich will wieder in die Schule.“

Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser Satz einmal zu Ohren kommen würde. Manche haben endlich mal Zeit gehabt, das zu tun, was sie schon länger vor sich hergeschoben haben, Zeit um beispielsweise den Keller oder den Dachboden auszumisten. Die Müllabfuhr ist kaum hinterhergekommen, den Sperrmüll einzusammeln. Doch auch wenn manches ums Haus noch zu erledigen wäre, sehnen sich viele nach Normalität, nach ihrer ganz gewöhnlichen Routine. Noch braucht es Geduld. Und da hilft mir dieses Reiselied nach überstandener Krise aus der Bibel.

Das Leben fühlt sich für viele gerade ein wenig nach Exil an, so, als ob man aus dem gewohnten Leben herausgerissen wäre. Ich bin auf ein Lied in der Bibel gestoßen, das nach dem Exil geschrieben wurde. Und darin sind zwei Dinge, die mir im Moment helfen.

Zum einen ist da ein dankbarer Rückblick. Ich weiß, dass bei uns längst noch nicht alles beim Alten ist. Doch ich finde es eine gute Idee, bereits jetzt zurückzuschauen und zu überlegen, wo habe ich Gutes bekommen? In dem Lied aus der Bibel heißt es: Der Herr hat Großes an ihnen getan. Vor Corona hat es schon „manch Großes“ in meinem Leben gegeben: Unbeschwerte Sommer- und Geburtstagsfeste und Urlaube, die mir in guter Erinnerung geblieben sind. Diesen Reichtum rufe ich mir gerade immer wieder ins Gedächtnis. Ich zehre davon und die Erinnerungen geben mir Hoffnung, dass es in der Zukunft wieder so schöne Lichtblicke gibt.

Das zweite, das ich hilfreich finde, ist der aufmerksame Blick auf das Gute im Hier und Jetzt.
Ich finde das besonders wichtig, denn die unangenehmen Erlebnisse, die drängen sich allzu gerne in den Vordergrund oder auch die Schönen, die abgesagt werden mussten. Aber wenn ich abends auf den Tag zurückblicke, stelle ich regelmäßig fest: Ich habe trotzdem auch Gutes an dem Tag erlebt. Doch es hat diesen aufmerksamen Blick, dieses kurze Nachdenken am Abend gebraucht, damit ich mich erinnert habe. Als Hilfestellung habe ich seit einem Monat eine „Dankbarkeits-App“ auf dem Handy. Da kann ich für jeden Tag ein paar Gedanken eintragen. Und tatsächlich ist mir an fast jedem Tag etwas eingefallen, für das ich Gott danke.

Es kann eben beides gleichzeitig geben: fröhlich sein und klagen, sich sorgen und feiern.
Das Krisenlied in der Bibel verharmlost nichts. Da ist von Tränen die Rede, die das Säen begleiten. Und manche haben gerade allen Grund, Tränen zu vergießen. Ich hoffe und bete darum, dass diese Tränen der Samen für Freude werden. So, wie die Leute auch damals erlebt haben: Es ist nicht für immer. Genauso werden auch wir wieder die Freiheit erleben, dass wir einander unbeschwert nahekommen und mit voller Stimme singen und tanzen können. Davon bin ich überzeugt.

Viele Menschen vor uns haben genau das schon erlebt: 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Daran will ich denken, wenn ich nach den Samenkugeln Ausschau halte, die ich ausgestreut habe. Für die Bienen wächst auf diese Weise Gutes und ich hoffe, dass aus der momentanen Zeit ebenfalls etwas Gutes erwächst. Gegen alle Enge, Angst und Scharfmacher. Ich traue darauf, dass wir mit Freuden ernten werden.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag

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09FEB2020
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„Dunkel war's, der Mond schien helle, schneebedeckt die grüne Flur, als ein Wagen blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr…“ Kennen sie das?

Das Gedicht hing früher in den Stuttgarter Straßenbahnen. Ich habe es mir oft durchgelesen und überlegt, ob ich die Widersprüche nicht doch irgendwie zusammendenken kann. Aber ich habe sie nicht zusammengebracht.

In der Bibel gibt es auch einen widersprüchlichen Satz, den ich lange nicht verstanden habe. Er steht im Markusevangelium und er lautet: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ „Ja, was denn nun? Glaubt da einer oder glaubt er nicht?“ habe ich mich gefragt. Man muss wohl die ganze Geschichte hören, um das zu verstehen.

Einmal hat Jesus seine Freunde eine Weile allein gelassen. In der Zeit ist ein verzweifelter Vater zu ihnen gekommen, der gehofft hat, dass sie seinen kranken Sohn heilen können. Es könnte ja sein, dass etwas von seinen heilenden Kräften auf die Freunde übergeschwappt ist. Der Sohn war schon seit Geburt krank. Er hat immer wieder Anfälle bekommen. Dann ist er gestürzt und hatte Schaum vor dem Mund. Außerdem hat er dabei mit den Zähnen geknirscht und ist ganz starr geworden. Doch die Freunde konnten nichts machen. Sie waren deshalb erleichtert als Jesus endlich wieder aufgetaucht ist und sich selbst um den Vater gekümmert hat.

„Kannst du helfen?“ hat ihn der Vater gefragt und Jesus antwortet ihm mit rätselhaften Worten: „Für den, der glaubt ist alles möglich“. Sofort schreit der Vater diesen Satz heraus: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Jesus konnte den Sohn dann wirklich gesund machen.

Was muss das für eine Erleichterung für den Vater gewesen sein. Sicher hatte sich über die Jahre vieles in ihm aufgestaut: Hoffnung, und dann wieder Enttäuschung. Die letzte Enttäuschung liegt erst Minuten zurück, als es die Jünger nicht geschafft hatten, den Sohn zu heilen.

Was müssen das für Sorgen gewesen sein: Die Angst, dass der Sohn bei einem seiner Anfälle gravierend zu Schaden kommt oder vielleicht sogar sterben könnte. Schließlich ist er während seiner Anfälle schon mehrmals ins Feuer oder ins Wasser gefallen. Und dazu die Erschöpfung. Wer sich schon über viele Jahre um ein krankes Kind kümmert, ist erschöpft. All das ist jetzt vorbei. Jesus hat ihm seinen größten Wunsch erfüllt und endlich muss er keine Angst mehr haben.

Glaube und Zweifel klingen aus den Worten des verzweifelten Vaters. Zweifel ist ja nicht nur schlecht. Er bringt nicht nur Verunsicherung, sondern durchaus auch Klärung. Er bringt mich dazu kritisch zu fragen, ob ich wohl die Dinge richtig verstehe: Die Bibel und auch vieles andere. Der Zweifel ist hilfreich, wenn ich überprüfen will, was andere über Gott verkünden. Und er korrigiert mich auch.

Ich diskutiere oft mit kritischen Leuten, und ich selbst bin es hoffentlich auch. Kritisch zu sein ist nicht verkehrt. Journalistinnen und Journalisten brauchen kritische Leserinnen und Leser, die vertrauenswürdige Quellen einfordern. Politikerinnen und Politiker brauchen kritische Bürgerinnen und Bürger, damit sie nicht nachlassen, eine gute Arbeit zu machen. Man muss in der Sache auch nicht immer einer Meinung sein. Aber kritische Nachfragen sind wichtig.

Beim Nachdenken habe ich gemerkt: Glaube und Zweifel passen doch zusammen. Sie gehen oftmals Hand in Hand. Mir wäre es zwar lieber, ich hätte 100 Prozent Glauben und 0 Prozent Zweifel. Doch ich weiß nicht, ob das überhaupt jemand von sich sagen kann

Der Vater in der Geschichte schreit den Satz spontan heraus: „Hilf meinem Unglauben“. Das ist für ihn eine tiefe und ehrliche Bitte an Gott.

Mir gefällt, dass Jesus nicht eingeschnappt reagiert hat. Er hat gemerkt, der Vater setzt all seine Hoffnung auf ihn. Trotz seiner Zweifel. Er hat nicht weiter kommentiert, sondern seine Wunderkraft eingesetzt und dem Vater und seinem Sohn geholfen. Das zeigt mir: Jesus kommt damit klar, wenn ich ihm offen sage, wie es in mir aussieht. Ja, so passt dieser widersprüchliche Satz für mich.

„Hilf meinem Unglauben“ kann auch zu meinem Satz werden. Ich will den Blick nach oben richten und offen und ehrlich sagen, was bei mir los ist. Nicht beschämt, nicht voller Gewissensbisse, sondern energisch und voller Hoffnung, dass Gott mir hilft.

Ich glaube, hilf meinem Unglauben ist kein Unsinn-Satz aus einem amüsanten Gedicht. Es ist ein Vertrauenssatz. Er zeigt mir: Es macht Sinn, so zu beten und auf Gottes Hilfe zu hoffen.

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