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23AUG2020
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Ein regelrechter Glaubenskrieg ist ausgebrochen. Es geht dabei nicht um Gott oder die Kirche, sondern um die Frage, ob Impfen uns rettet vor dem Corona-Virus oder ob eine Impfung solch schädliche Nebenwirkungen haben wird, dass es besser ist, sich dann nicht impfen zu lassen. Ich höre die Einen und die Andern. Sorge habe ich, wenn Impfen zwangsverordnet würde. Mir persönlich ist die Freiheit der eigenen Entscheidung  wichtig – auch deshalb, weil ich einer Generation angehöre, die in Zwängen aufgewachsen ist. Als 68er ist mir die Freiheit wichtig geworden – eine Freiheit, die auch unsere heutigen politischen Entscheidungen prägen sollte.

Ich möchte darum in der Streitfrage „Impfen – ja oder nein“ einen Hintergrund beleuchten, der mir wichtig scheint. Nämlich, was uns helfen kann, die eigenen Abwehrkräfte in uns zu stärken. Dann mag jeder in der Streitfrage „Impfen“ so entscheiden, wie es seinem Gewissen entspricht.

Leib und Seele bilden eine Einheit. Wenn etwas mit meiner Seele nicht stimmt, kann als Folge ein körperlicher Schmerz auftauchen. Ich hab mal einen nachdenklichen Spruch gehört: „Sagt die Schwester Seele zum Bruder Leib: Sag du's ihm, auf mich hört er nicht.“ Wenn ich auf eine seelische Verstimmung nicht höre, kann es sein, dass sie sich in einem körperlichen Schmerz ausdrückt. Dann schlägt mir was auf den Magen oder die Galle läuft über oder der Kopf brummt. Ich kann dann ein Schmerzmittel nehmen und den Schmerz betäuben. So zerstöre ich aber die Botschaft, die der Schmerz für mich hat. Er möchte ja, dass ich die Ursache dieses Schmerzes erkenne und etwas ändere in meinem Verhalten. 

Die Römer hatten das geflügelte Wort: mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Wie kann ich gesund leben? Nicht dadurch, dass ich ängstlich an dieser oder jener Methode klebe. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Für mich ist fundamental das Vertrauen in die selbstheilende Kraft von Bruder Leib. Außerdem: Hat ein Mensch Gottvertrauen, hilft das sicher. Wenn er nicht einem christlichen Ratschlag folgen will, kann er ja auf den Dalai Lama hören, der mal gesagt hat: „Es ist nicht von Bedeutung, ob wir gläubig sind. Wichtig ist nur, dass wir ein gutes Herz haben.“ 

Teil 2 

In den Sonntagsgedanken spreche ich heute über das, was unser Immunsystem stärkt. Ich habe gerade ein Buch gelesen über Heilungswege, zu denen die mittelalterliche Äbtissin Hildegard von Bingen rät: Der Hildegard Code, heißt das Buch. Neun heilsame Wege werden da aufgezeigt.

Hildegard besaß eine umfangreiche Kenntnis der Natur und ihrer Heilmittel. Das hat sich bei ihr auch aufs Essen ausgewirkt. Lebensmittel waren für sie nicht bloß nötige Dinge zum Leben, sondern wirklich Mittel zum Leben. Lebensmittel tragen Lebendigkeit in sich, wenn sie natürlich angebaut und zubereitet sind. Eine Fülle von Ideen hat da Hildegard. Aber ich spüre bei allen Ratschlägen eine große Freiheit; die vermisse ich bei denen, die so furchtbar genau wissen, wie alles geht und was überhaupt nicht geht.

Ich halte mich da lieber an den gesunden Menschenverstand und an einen Rat des Apostels Paulus: „Prüfet alles, das Gute behaltet!“

Das gilt auch für eine gesunde Ernährung. „Mäden agan“, raten die Griechen: „Nichts zu viel, alles mit Maß!“ Es ist nicht von der Hand zu weisen, was Römer und Griechen uns empfehlen. Genauso wenig, was Hildegard von Bingen entdeckt hat. Manche tun ja ihre Zeit gern ab mit dem Schlagwort: Finsteres Mittelalter! Für mich war das 20. Jahrhundert mit seinen Kriegen und Diktaturen  viel schlimmer als das gesamte Mittelalter. 

Einen Rat Hildegards möchte ich zum Schluss erwähnen: sie empfiehlt, Wunden in Perlen zu verwandeln. Was heißt das? Wunden schmerzen. Ich kann mich dann gegen sie sträuben und darüber jammern, dass es mir so schlecht geht. Ich kann aber auch versuchen, die Botschaft dieser Wunden für mein Leben zu entdecken. Vielleicht hab ich allen Ärger, der mich grad schlaucht, immer verschluckt statt ihn zu klären. Prompt rebelliert mein Magen. Oder ich wollte mit dem Kopf durch die Wand statt mich auf einen Weg mit andern Menschen zu begeben. Prompt habe ich Kopfweh oder Migräne.

Da möchte mir die Muschel etwas sagen: Wenn sie den eingedrungenen Parasiten annimmt, kann daraus eine kostbare Perle werden. Wenn ich einen Schmerz liebevoll anschaue, werde ich seine Botschaft entdecken, mich ändern und so Heilung erfahren.

Ich möchte Schmerzen damit nicht verharmlosen. Manche Schmerzen können tief sitzen. Unsere Medizin kann mit ihrer Schmerztherapie helfen. Aber auch wir selbst können viel zur Linderung beitragen, wenn wir Hildegards Rat befolgen: Wunden in Perlen verwandeln. Das geht nicht ruckzuck. Die Perle braucht ihre Zeit, bis sie sich aus dem Parasiten herausbildet. So kann es ein langer Weg sein, bis ich mich nicht mehr gegen den Schmerz sträube, sondern ihn annehme und verwandle.  Aber es ist ein hoffnungsvoller Weg, und Hildegard lädt uns ein.

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Ich begehe dieses Jahr den heutigen Maifeiertag anders als sonst. Letztes Jahr hatte ich morgens einen Zeltgottesdienst mit Blaskapelle. Dieses Jahr ist kein Gottesdienst – weder im Zelt noch in der Kirche.  Dennoch hat dieser Maifeiertag eine doppelte Botschaft für mich: zum Einen geht es um die Arbeit, zum andern um die Natur. 

Die katholische Kirche denkt heute an Josef, den Vater Jesu. Er ist der Patron der Arbeiter, war er doch selbst Handwerker. Wir leben heute weitgehend von der Großindustrie. Aber wie oft brauchen wir einen Handwerker für eine kleine Reparatur? Nicht umsonst sagt man: 'Handwerk hat goldenen Boden.“ Es scheint ein guter und sicherer Beruf zu sein. Aber viele klagen heute darüber und sagen: “Ich finde keinen Handwerker, der am Haus etwas repariert.“ Vielleicht haben wir die Dienste des Handwerkers zu wenig geschätzt. Wir sind zu sehr eine Wegwerfgesellschaft geworden: Wozu reparieren? Wirf es weg und kauf ein neues! Ich meine, das ist keine gute Entwicklung. Sie hat auch mitgeholfen, die Arbeit des Handwerkers gering zu schätzen – abgesehen davon, dass die Industrie oft besser bezahlt.

Das Recht auf Arbeit ist wichtig, denn Arbeit ist nicht selbstverständlich. Als ich Pfarrer im argentinischen Busch war, hat mich anfangs sehr erstaunt, wie viele dort nur Gelegenheitsarbeiter waren. Sie hatten keine feste Anstellung und waren immer wieder auf der Suche nach neuer Arbeit. Arbeitslosengeld gab es auch keines. Da habe ich unsere wirtschaftliche Situation hier im Land neu schätzen gelernt.

Beim Recht auf Arbeit denke ich auch daran, wie wichtig es ist, Arbeit zu teilen. Jeder Mensch hat das Recht, sich durch Arbeit zu verwirklichen. Wo dies nicht der Fall ist, müssen alle zusammenstehen. Sie müssen auch bereit sein, Arbeit abzugeben, so dass alle sich durch ihre Arbeit verwirklichen können. Jobsharing ist ja zum Glück ein wichtiges ethisches Prinzip geworden. Es wäre schön, wenn dies auch weltweit greifen würde.

Skandalös finde ich dagegen, dass manche Produkte bei uns deshalb so billig sind, weil sie von Kindern in anderen Ländern gemacht wurden. Wir unterstützen dadurch ein System, in dem Kinder um ihre Kindheit und Jugend gebracht werden.

Teil2

Ich spreche heute in den SWR 4-Feiertagsgedanken über die Bedeutung des Maifeiertages. Er richtet unseren Blick nicht nur auf die Arbeit, sondern auch auf die Natur. Viele müssen heute auf den gewohnten Maispaziergang in der Gruppe verzichten.  Ich hab in diesem Frühling täglich einen kleinen Spaziergang ins Grüne gemacht. Corona hat mir ja freie Zeit geschenkt. Dabei hab ich gespürt, welch vielfältige Kraft in der Natur steckt.

Sträucher und Bäume blühen natürlich immer im Frühling. Aber dieses Jahr hab ich das Erwachen der Natur bewusster wahrgenommen. Ich hab aber auch daran gedacht, was Papst Franziskus in seinem Rundschreiben „Laudato si“ angesprochen hat. Die Natur stöhnt unter den Folgen des Klimawandels und der Ausbeutung. Jetzt in der Coronazeit hab ich den Eindruck: Die Natur atmet auf. Sie erholt sich vom drohenden Kollaps und sammelt neue Kräfte. 

Freilich: Wenn die Coronazeit hoffentlich bald endet, geht dann alles wieder so weiter wie bisher oder werden wir doch achtsamer mit der Natur umgehen? Sie ist ja die Grundlage unseres Lebens, und wenn wir sie missbrauchen, leiden wir eines Tages selbst.

Viele haben in der letzten Zeit das Wort „Entschleunigung“ gebraucht. Es ist der Gegenpol zum Infarkt. Ich hoffe, dass der Impuls, die Natur mehr zu achten, nicht ungehört verhallt. Ich hoffe auch, dass unsere Art zu wirtschaften sich ändert.

Solange wir nur ans Habenwollen, ans Besitzen, ans Herausholen auf Teufel komm raus denken, werden wir bald wieder im alten Trott sein und die Natur ausbeuten. Ich nehme zum Einkaufen meine Stofftasche mit und kaufe möglichst Waren, die offen sind und nicht plastikverpackt. Das machen viele andere auch – Gott sei Dank!

Ich schwärme nicht von einem romantischen „Zurück zur Natur“. Aber ich plädiere deutlich für ein „Mit der Natur“. Ob wir damit Erfolg haben, hängt von uns allen ab; es hängt von unserer Wirtschaft ab, von unserer Politik. Der Egoismus zerstört am Ende uns selbst. Wenn wir untereinander weltweit solidarisch werden, auch mit der Natur, dann wird der Maifeiertag zu einem guten Impuls für uns.

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15MRZ2020
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Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, jetzt meinen Sonntagsgedanken zuhören, bin ich gerade mit einer Gruppe in Griechenland. Wir suchen die Spuren des Apostels Paulus. Drei Orte sind mir besonders wichtig. Sie geben einen Impuls für Fragen, die Menschen in der Gesellschaft wie in der Kirche umtreiben.

Heute sind wir in Philippi. Hier hat sich die erste europäische Christengemeinde getroffen – und zwar im Haus einer kleinasiatischen Purpurhändlerin, der Lydia aus Thyatira.

Ich denke gern an sie, denn sie ist die erste Gemeindeleiterin oder sozusagen Pfarrerin. In meiner Kirche gibt es zwar Gemeinde- und Pastoralreferentinnen, aber noch keine Pfarrerinnen. Das schmerzt mich. Dabei habe ich mit der ersten evangelischen Dekanin Württembergs vor 50 Jahren einen gemeinsamen Gottesdienst in der Schlosskirche Weikersheim gehalten. Das war richtig bewegend, und deshalb hätte ich auch gern Pfarrerinnen in meiner Kirche. 

Ich kann mich da auf Paulus berufen. Er hat Lydia in Philippi als erste Christin fürs Evangelium gewonnen. Er ist sogar in ihr Haus gegangen, als sie ihn darum gebeten hat. Normalerweise hat Paulus als jüdischer Mann nicht das Haus einer Frau betreten. Lydia muss eine starke Frau gewesen sein, sonst hätte Paulus nicht seine jüdischen Gepflogenheiten über den Haufen geworfen. Er ist dann mit seinen Begleitern mehrere Tage im Haus der Lydia geblieben. Dort hat sich die Gemeinde versammelt und auch für Paulus gebetet, als er wegen seines Glaubens (kurz) ins Gefängnis kam.  

Der zweite Ort auf unserer Reise, der mich besonders bewegt, ist Korinth, die berühmte Hafenstadt der Antike. ((Warum?)) Weil der Apostel Paulus dort einen Streit schlichten musste. Vier Gruppen von Christen haben sich gegenseitig den Glauben abgesprochen. Jede hat sich für besser als die andere gehalten.

Das ist für mich ein wichtiger Impuls. Die verschiedenen Konfessionen der Christen bekämpfen sich heute - Gott sei Dank – nicht mehr wie früher. Stattdessen sind wir dankbar für die Vielfalt. Uniformität ist nicht das Ziel, auch wenn manche das immer noch möchten. „Einheit in der Vielfalt“ oder „Versöhnte Verschiedenheit“ sind Modelle für heute. Gottes Liebe ist so vielfältig, dass eine einzige Konfession sie gar nicht zu fassen vermag. Deshalb ist es schön, dass es verschiedene Konfessionen gibt. Sie haben verschiedene Akzente. Aber Jesus Christus ist es, der alle verbindet. Das heißt für mich heute: Ich sehe die bilderreiche Liturgie der orientalischen Kirchen, ich sehe die reformatorischen Kirchen, die den Glauben des Einzelnen akzentuieren, ich sehe die Freikirchen mit ihren charismatischen Impulsen und ich sehe meine Kirche, der die weltweite Gemeinschaft wichtig ist mit ihren vielen kulturellen Ausformungen.

Außer Philippi und Korinth ist mir Athen wichtig. Dort hat Paulus eine Rede an die Athener gehalten. Der Evangelist Lukas hat sie komponiert.

Paulus spricht in dieser Rede mit großem Respekt von den religiösen Überzeugungen der Griechen. Gleichzeitig lädt er zum Dialog mit dem ihnen unbekannten Gott Jesu Christi ein. Was mir daran gefällt: Paulus will nicht Recht haben und den Andern ihren Glauben absprechen. Er lädt ein nachzudenken.

Zwar winken sie ab, als Paulus von der Auferstehung Jesu spricht. Natürlich! Sie glauben, dass beim Tod Seele und Leib sich trennen. Der Leib verwest, die Seele lebt fort. Paulus spricht nicht von Trennung, er denkt an Verwandlung. Den Kindern erkläre ich das mit der unscheinbaren Raupe, die sich in einen wunderbaren Schmetterling verwandelt. Zurück bleibt die leere Raupenhülle, ähnlich dem Leichnam.

Offensichtlich ist dieser Gedanke den Athenern fern. Aber Paulus hat sie nachdenklich gemacht. Sie weisen ihn nicht ab, sondern sagen: „Darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören.“

Hätte man sich in der weiteren Geschichte der Kirche an dieses Gesprächsmodell des Paulus gehalten, wären uns viele Glaubenskriege erspart geblieben. Statt darum zu streiten, wer den rechten Glauben hat und wer nicht, geht es doch damals wie heute darum, wie die Liebe recht gelebt wird. Gott ist ja Liebe nach der Botschaft Jesu und will nichts anderes als lieben.

Ich denke daran, wie wir Christen mit anderen Religionen umgehen, zum Beispiel mit den muslimischen Gläubigen. Herrschen da Achtung und Respekt? Fühlen sich Nichtchristen hier in unserem Land wohl? Es tut mir weh/Es schmerzt mich, wenn ein Türke, ein Syrer, ein Israeli oder ein Palästinenser sagt: „Ich habe Angst vor rechtsextremen Attacken.“ Früher hat er sich in Deutschland sicher gefühlt, jetzt nicht mehr.

Paulus sagt im 1. Korintherbrief: „Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Am größten aber ist die Liebe.“ Die Liebe respektiert den Andern in seinem Anderssein. Sie freut sich, dass der Andere anders denkt, fühlt und glaubt. Sie sieht ihn nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. So entdeckt sie, dass Gott viele Wege hat, sich uns Menschen zuzuwenden. Gottes Liebe ist nicht uniform, sondern vielfältig. Wie schön, wenn wir Deutsche diese Vielfalt mit den Menschen anderer Kulturen und Religionen leben und uns so gegenseitig bereichern.

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08DEZ2019
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Heute ist ein Marienfeiertag, der besonders in Lateinamerika begangen wird: Mariä Unbefleckte Empfängnis. Was meint dieses Fest?      

Die Bibel sagt, dass der Mensch von Anfang an immer wieder der Versuchung erliegt, sein zu wollen wie Gott. Die Folge: Dann will er sich durchsetzen ohne Rücksicht auf andere, will andere beherrschen oder auf Kosten anderer leben.

Jesus ist das Gegenbild eines solchen in sich verkrampften Lebens. Er ist offen, schenkt sich, kurz: er liebt. So entdeckt und entfaltet er im Andern eben diese Kraft: zu lieben und dadurch die Welt heller zu machen. Dann beutet einer den andern nicht aus, er fürchtet nicht mal den Rivalen. Er sieht im Andern dasselbe Abbild Gottes wie in sich selbst und weiß: der Andere nimmt mir nichts, im Gegenteil: er bereichert mich.

Ich hab unlängst einen Freund beerdigt, der das alles ausgestrahlt hat. Er war kein Christ, auch nicht getauft, aber ich sah in ihm einen Menschen, den Gott erwählt hat, sein frohes und liebevolles Herz auszustrahlen.

Ja, Gott hat ihn erwählt, und ich bin froh, dass das heutige Marienfest im Deutschen inzwischen einen weniger missverständlichen Titel hat: statt „Mariä Unbefleckte Empfängnis“ „Mariä Erwählung“. Ja, Gott hat Maria samt Josef, ihren Mann, erwählt, Jesus zur Welt zu bringen. Dieser Jesus von Nazareth hat in seinem Leben gezeigt, dass das letzte Wort in dieser Welt nicht Gewalt heißt, sondern Liebe, nicht Ausbeutung sondern Solidarität, nicht Hass sondern Verstehen. Das waren für Jesus nicht große Worte. Er hat es in seinem Verhalten den Menschen gegenüber gezeigt. Gerade die am Rand der Gesellschaft haben gespürt: ich bin wer, ich darf sein – trotz meiner Vergangenheit.

Die Lateinamerikaner haben ihren missverständlichen Titel „Inmaculada Concepción“, also unbefleckte Empfängnis. Dabei ist wichtig zu sehen, dass „unbefleckt“ nichts mit Sexualität zu tun hat. Die „Flecken“ meinen all das, was uns im Leben oft zu schaffen macht: wenn einer eine unlautere Absicht hat, uns was unterstellt, was wir gar nicht sind. Oder wenn wir selber im Anderen nur Negatives sehen, weil unser Blick getrübt ist oder eine ungute Erfahrung uns quält. Dann sind wir einfach nicht echt, nicht authentisch – so wie wir sind. Dann trüben dunkle Flecken unsere Begegnungen.

 

  1. Teil

Ich spreche heute in den SWR 4 – Sonntagsgedanken über das Fest Mariä Erwählung. Ich hab mal mit meinem Neffen ein Problem gehabt. Wir waren Skifahren, und er sollte sich mittags in der Skihütte etwas zum Essen auswählen, aber er konnte sich nicht entschließen. Das hat mich „narred“ gemacht, und er fühlte sich unverstanden von mir. Zum Glück konnte ich das später mit ihm besprechen, seither verstehen wir uns wunderbar. Was war passiert?

Er hat mir durch sein Verhalten etwas aufgezeigt, was mir als Jugendlichem zu schaffen gemacht hat. Ich bin nicht erzogen worden zu wählen und mich für etwas zu entscheiden, sondern zu gehorchen. Deshalb hab ich mich lange schwer getan zu entscheiden, wenn ich zwei Möglichkeiten hatte. Ich war unsicher, und diese Unsicherheit hat mich an meinem Selbstwertgefühl zweifeln lassen. Ich hab mich nicht angenommen gefühlt, so wie ich bin, geachtet, erwünscht.

Erwählt zu sein, erwünscht zu sein, das gibt ein gutes Gefühl. Wenn ich mich unerwünscht fühle, bin ich in Gefahr, dieses Minderwertigkeitsgefühl ausgleichen zu wollen. Dann will ich mich beweisen, indem ich Macht über andere ausübe. Manche Menschen sind zu schlimmen Diktatoren geworden, weil sie sich nicht wertgeschätzt gefühlt haben. Auch in unserer gegenwärtigen politischen Lage entstehen manche Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und Kriege, weil Menschen sich minderwertig fühlen oder nicht genug geschätzt von andern.

Mich ermutigt das heutige Fest von Mariens Erwählung, in meinem Umfeld zu schauen, wo ich beitragen kann, dass andere Menschen sich erwählt und erwünscht fühlen. Ich hab da besonders die Kinder im Blick – vielleicht auch deshalb, weil ich mich als Kind manchmal mies gefühlt habe, wenn ich etwas nicht konnte. Ich hab im Sport und im Zeichnen keinerlei Fähigkeiten gehabt und manche meiner Mitschüler beneidet. Zum Glück hab ich dann Klavierspielen gelernt. Dann konnte ich mit der Zeit auch andere neidlos bewundern wegen ihrer Fähigkeiten, die ich nicht hatte.

Die Erwählung Mariens zeigt mir noch einen weiteren Aspekt. Gott erwählt ein einfaches Mädchen aus einem Volk, das keinerlei politische Bedeutung hat, sondern von der römischen Weltmacht besetzt ist. Diese Machtlosigkeit begegnet der Gefahr, sich selbst für allein richtig zu halten und andere für minderwertig oder verachtenswert. Auch das ist eine Folge der Urschuld, selber sein zu wollen wie Gott.

Das heutige Fest sagt dagegen: Gott achtet jeden Menschen als sein geliebtes Geschöpf, ob er in der Welt eine Rolle spielt oder ganz unscheinbar ist. Das gibt mir einen großen Respekt vor jedem Menschen, egal welche Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder politische Richtung er hat.  Darum ist das heutige Marienfest für mich ein Fest der Hoffnung auf eine bessere Welt.

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25AUG2019
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Heute möchte ich Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, mitnehmen nach Paris. Ich habe selber erst entdeckt, dass es in Paris mehr gibt als den Eiffelturm, den Louvre und Notre Dame. Es gibt dort Spuren, die mir für mein Christsein wichtig geworden sind. Natürlich ist Paris für viele die Stadt der Liebe. Ich möchte Sie einladen, mit mir eine Liebe zu entdecken, die tiefer geht als eine nur oberflächliche Sicht. Warum gerade heute?

Weil heute der Gedenktag von Ludwig IX. Ist, dem einzigen heiliggesprochenen König unter den vielen Königen, die Frankreich erlebt hat. Was ist an dieser Gestalt des 13. Jahrhunderts so besonders? Er zeichnet sich aus durch zwei Dinge: seine Liebe zu den Armen und sein Bemühen, mit Nachbarregenten bei Streitigkeiten einen friedlichen Weg zu finden. Beides, das Persönliche wie das Politische, sind seinem Herzen entsprungen. Auf diese Herzsuche in Paris möchte ich mich mit Ihnen begeben.

Wir gehen vorbei an Notre Dame. Seit dem Brand können wir sie nur von außen und in sicherem Abstand bestaunen. Wir überqueren eine Brücke und sind im malerischen Künstlerviertel St Louis, eben des hl. Ludwig. Wir betreten seine Kirche und denken dankbar an diesen König, der das Herz auf dem rechten Fleck gehabt hat.

Danach gehen wir in die älteste Kirche von Paris: St Germain-des-Prés, gegenüber dem berühmten Café de Flore, wo Sartre und seine Freunde ihre Gedanken ausgetauscht haben über die Philosophie des 20. Jahrhunderts. In der Kirche finden wir eine Gedenkplatte für den Begründer der neuzeitlichen Philosophie: René Descartes. Von Haus aus Mathematiker will er den Menschen der Neuzeit helfen, sich wieder zu orientieren. 

Kopernikus hat ja die Sternbahnen erforscht und gemerkt, dass nicht die Sonne sich um die Erde dreht, sondern umgekehrt die Erde um die Sonne. Kepler aus Weil der Stadt hat das Fernrohr erfunden und dadurch die Astronomie bereichert. So haben beide das bisherige Weltbild erschüttert. Jetzt ist die Erde nur noch ein winziger Punkt im riesigen Weltall. Alles, was bisher Halt gegeben hat, ist ins Wanken geraten. Descartes will einen sicheren Halt und findet ihn – jetzt wird es spannend - im Zweifel. Ja, er hat gemerkt: an allem kann ich zweifeln, an allem, nur nicht an einer Tatsache, nämlich dass ich zweifle. So hilft mir der Zweifel, dass ich merke: ich bin in der Welt, ich kann denken, ich spüre aber auch meine Grenzen.

Außerdem birgt der Zweifel die Gefahr in sich, dass ich verzweifle. Davor fühlt sich Descartes bewahrt, weil er merkt: In mir selbst gibt es Dinge, die mir einfach geschenkt sind, zB dass es einen Gott gibt, der es gut mit mir meint. Beweisen kann ich ihn nicht, aber im Herzen spüren. Dies wird uns dann in unserer nächsten Kirche in Paris bewusster.

Teil 2: Ich spreche heute in den SWR4-Sonntagsgedanken über eine geistliche Reise nach Paris. Wir steigen hinauf auf den Berg der Stadtpatronin von Paris, der hl. Genoveva. Ihr Grab wird in der Kirche St Etienne du Mont verehrt. Wir gehen in den Chorraum der Kirche und stoßen auf eine unscheinbare Grabinschrift mit dem Namen Blaise Pascal. Auch Mathematiker wie sein Zeitgenosse Descartes. Aber er entdeckt nebst der Vernunft ein anderes wichtiges Zentrum des Menschen: das Herz. Sein berühmter Gedanke heißt: Le coeur a ses raisons que la raison ne connâit point – das Herz hat seine Vernunftgründe, die die Vernunft nicht kennt.

Die Logik des Herzens! Sie begleitet uns die nächsten 3 Tage in Paris, besonders wenn wir den andern Berg besteigen, den Montmartre mit seiner Herzbasilika Sacré Coeur. Wir feiern nebenan Gottesdienst in der drittältesten Kirche von Paris, St Pierre de Montmartre. Wir spüren in dieser Feier: Gott ist barmherzig, er hat ein Herz für uns. Er verurteilt uns nicht oder bestraft uns gar. Er fühlt mit uns und lädt uns ein, ein Herz füreinander zu haben.

Das hat auch jener Heilige gehabt, der hier auf dem Montmartre im wahrsten Sinn des Wortes seinen Kopf verloren hat: Dionys oder St Denis, der erste Bischof der Stadt. Ums Jahr 250 ist er hier enthauptet worden, weil er nicht den Gott Mars angebetet hat, sondern den Gott Jesu Christi. Die Legende erzählt, dass der Enthauptete dann mit dem Kopf unterm Arm 6 km nach Norden gegangen ist, wo heute die prächtige Kathedrale St Denis steht. Sie entschädigt uns auch für Notre Dame.

Diese Legende sagt mir: Wenn ich mit dem Kopf durch die Wand will, erreiche ich nichts und tu mir bloß weh. Wenn ich den Kopf ans Herz nehme wie Denis, das heißt: wenn ich auf meine Gefühle achte und mich selber einfühle in den andern Menschen, wenn ich nicht bloß äußerlich urteile oder gar verurteile, sondern den Andern im Innern zu verstehen suche, dann finde ich einen guten Weg.

Ja, es lohnt sich, nach Paris zu fahren, der Stadt der Liebe, wo es so viel zu entdecken gibt. Erfüllt besteigen wir abends den TGV und sind 3 Stunden später wieder in Stuttgart. Uns bleibt die Botschaft, ein Herz füreinander zu haben, damit es in unserer Welt und unseren Beziehungen wärmer wird. Das Herz findet immer einen guten Weg!

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12MAI2019
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Heute ist Muttertag. Deshalb grüße ich alle Mütter besonders herzlich. Ich denke gern an meine Mutter. Vor 47 Jahren ist sie gestorben. Zwar habe ich als Jugendlicher öfter mit ihr gestritten. Aber mir ist heute bewusst, wie viel ich ihr verdanke. Da sind z.B. Worte, die mir im Gedächtnis sind. Wenn etwas Schwieriges auf mich zukommt, denke ich daran, wie sie manchmal gesagt hat: „Bua, woisch nia, wozu dehs guat isch“, also auf hochdeutsch: Junge, du weißt nie, wozu das gut ist.

Ich habe heute noch Respekt davor, dass sie ihre schwere  Krankheit und dann ihr Sterben tapfer durchgestanden hat. Was mir vor allem in der Erinnerung ist, sind nicht Worte, sondern ihr gelebtes Beispiel. Das möchte ich allen Müttern zum Trost sagen, wenn sie manchmal an ihrer Erziehungskunst zweifeln. Mehr als Worte, gute Ratschläge oder gar Ermahnungen ist mir das gelebte Beispiel meiner Mutter in Erinnerung. Konflikte sind uns nicht erspart geblieben. Manchmal sind sie ganz schön heftig gewesen. Aber ich denke, Auseinandersetzung muss sein, selbst wenn sie an die Nerven geht.

Kraft hat es meine Mutter gekostet mich loszulassen, damit ich meinen eigenen Weg finde. Heute verstehe ich, dass sie sich gesorgt hat, ob alles gut geht, und ich bin froh, dass sie mir vertraut hat.

Meine Mutter hat keinen Beruf außerhalb der Familie gehabt. Sie hat sich ganz der Begleitung von uns vier Kindern widmen können. Ich habe großen Respekt vor Alleinerziehenden, sind sie doch doppelt belastet durch Familie und Büro oder Geschäft. Da kann es leicht passieren, dass die Mutter sich überfordert. Dann überträgt sie ihr Angespanntsein auf die Kinder zuhause, reagiert ungut und macht sich dann Vorwürfe, wenn sie ein Kind angefaucht hat.

Meine Mutter hat ihren Beruf in der Familie gesehen. Aber sie hat auch gern in der Kirchengemeinde mitgearbeitet. Es hat ihr gut getan, wenn sie nicht nur zuhause war. Bei Gemeindefesten hat sie an der Theke mitgeholfen. Ihr ist auch wichtig gewesen, ältere Menschen zu besuchen.  Ich gebe zu: Als Kind hat es mir nicht immer gefallen, wenn ich heimgekommen bin und sie dann nicht zuhause gewesen ist. Aber ihr hat es gut getan, und sie hat manches Lob geerntet, das sie zuhause nicht bekommen hat.

Was mich heute noch manchmal schmerzt: dass ich vieles für selbstverständlich genommen habe, was meine Mutter getan hat, und halt schwäbisch sparsam war mit Lob oder Dank!

Was ich an meiner Mutter erst spät wahrgenommen habe: Sie hat zeitlebens darunter gelitten, dass sie nicht Lehrerin werden konnte, obwohl sie lauter Einser im Abschlusszeugnis hatte - im Gegensatz zu mir! Aber die finanzielle Situation ihrer Familie, in der sie aufgewachsen ist, hat es nicht zugelassen. Darum hat sie gleich nach dem Schulabschluss als Haushaltshilfe arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Umso mehr danke ich ihr, dass sie meinem älteren Bruder und mir Gymnasium und Studium finanziert hat. Dazu hat sie den bescheidenen Lohn unseres Vaters entsprechend einteilen müssen. Dass ihr dies gelungen ist, bewundere ich noch heute. Vor allem aber: dass sie es durch eisernes Sparen fertig gebracht hat, mir einen Steinway-Flügel zu kaufen. Gern habe ich ihr dann Schuberts As-Dur-Impromptus vorgespielt, ihre Lieblingsmusik!

Auch religiös hat mich meine Mutter geprägt. Ich verstehe darum Frauen, die statt „Vater unser“ lieber „Mutter unser“ beten. Papst Johannes Paul I., der nur 33 Tage Papst gewesen ist, hat einmal gesagt: „Vielleicht ist Gott eher Mutter als Vater.“ Ja, ohne die Bedeutung meines Vaters zu schmälern: Geprägt hat mich meine Mutter, auch wenn ich als Student in den Semesterferien ihr manche Sorge bereitet habe. Ich bin aus Tübingen heimgekommen mit den neuesten Erkenntnissen von Hans Küng und anderen und habe den Glauben meiner Mutter als altmodisch und überholt angesehen. Heute weiß ich, wie lieblos und überheblich ich da manchmal gewesen bin.

Dass sie nicht nur sonntags, sondern auch manchmal werktags in den Gottesdienst gegangen ist, das hat auch mich geprägt. So habe ich nie den Eindruck gehabt, sie geht in die Kirche, weil man angeblich muss. Nein, sie hat sich dort Kraft geholt und es hat ihr gut getan. Davon zehre ich noch heute im Alter.

Übrigens hat meine Mutter den Muttertag nicht geliebt. „Da macht man solch einen Zauber, und morgen ist wieder alles vorbei“, hat sie gesagt. Ich denke, es ist gut, der Mutter heute zu danken und sie zu feiern. Aber ihr auch sonst manchmal zu sagen: „Mama, es ist einfach schön, dass es dich gibt!“ und ein paar Blümle dazu – nicht bloß heute – das tut ihr gut.

Ein kluger Mensch hat gesagt: „Als Gott die Idee für die Mutter kam, muss er ganz zufrieden gelacht und sie sich schnell patentiert haben – so reich, tiefsinnig, göttlich, so voller Seele, Kraft und Schönheit war dieser Entwurf.“ Ich wünsche allen einen schönen Muttertag!

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Weihnachten ist vorbei. Der Alltag hat uns wieder. Die Botschaft von Weihnachten ist verhallt. Der Evangelist Lukas hat mit ihr den Menschen auf Erden Frieden gewünscht. Auch der Welttag des Friedens an Neujahr ist vorbei. Papst Franziskus beklagt immer wieder, wie sehr Krieg und Gewalt unsere Welt zerstören, wie viele Kinder vor allem darunter leiden. Ein Skandal im Blick auf das Kind in der Krippe, das wir an Weihnachten feiern.

Wir hier in Deutschland leben seit 1945 ohne Krieg. Das ist wunderbar. Aber wie viele Kriege hat es seither in der Welt gegeben! Nach wie vor werden Unsummen ausgegeben, um Waffen zu produzieren, zu verkaufen und einzusetzen. Was für ein Wahnsinn! Zuerst wird ein Land wie Syrien zerbombt. Anschließend werden wir alle gebeten, es wieder aufzubauen. Mich erinnert das an kleine Kinder, die mit Bauklötzen einen Turm bauen, um ihn dann wieder einzustürzen. Dann fangen sie wieder an aufzubauen. Allerdings werden da weder Menschen umgebracht noch Wohnhäuser zerstört. Warum hat der Mensch einen solchen Hang zu zerstören?

Ein russischer Schriftsteller erzählt, wie er einmal sechs- bis siebenjährige Kinder beim Spiel beobachtet hat. „Was spielt ihr?“ hat er sie gefragt. „Wir spielen Krieg“, antworteten die Kinder. Darauf der Schriftsteller: „Wie kann man nur Krieg spielen! Ihr wisst doch sicher, wie schlimm Krieg ist. Ihr solltet lieber Frieden spielen.“ „Das ist eine gute Idee“, sagten die Kinder. Dann Schweigen, Beratung, Tuscheln, wieder Schweigen. Da trat ein Kind vor und fragte: „Großväterchen, wie spielt man Frieden?“

Ja, wie spielt man Frieden? Lernen die Kinder das heute? Für mich beginnt die Friedensarbeit immer im kleinen Bereich der Familie, der Gruppe, der Schule, der Kirche – überall wo Erziehung geleistet wird. Das wirkt sich dann auf die Gesellschaft aus, auf die Politik. Es ist wie mit dem Stein, der einmal ins Wasser geworfen seine Wellen ausbreitet.

Ich habe unlängst eine Broschüre der Friedensbewegung Pax Christi gelesen. In ihr werden 55 Beispiele in der Welt aufgezählt, wo kleine Initiativen begonnen und sich dann ausgebreitet haben. Sie zeigen, dass gewaltfreies Handeln auch politisch wirkt. Ich möchte drei davon aufgreifen.

Erstes Beispiel: Die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche breiten sich ab 1981 im ganzen Land aus. Der SED-Regierungschef wird zum Rücktritt gedrängt, es gibt freie Wahlen und schließlich fällt die Mauer. Die erste gewaltfreie Revolution in Deutschland ohne Blutvergießen.

Zweites Beispiel: Fünf israelische Frauen beginnen 2001, die Check-Points zu beobachten, an denen Palästinenserinnen kontrolliert werden. Manche beschimpfen sie als unpatriotisch. Inzwischen gehören einige Hundert Frauen dazu. Sie dokumentieren das Verhalten der Grenzposten und sorgen so für mehr Schutz der Bürgerrechte.

Drittes Beispiel: Christliche und muslimische Frauen haben von 2002 bis 2006 in Liberia Blockaden und Sitzstreiks organisiert. So haben sie die politisch verantwortlichen Männer dazu gebracht, über das Ende eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs zu verhandeln. Die erste demokratisch gewählte Frau eines afrikanischen Staates ist dann Staatspräsidentin geworden.

2. Teil

Ich spreche heute in den SWR 4-Sonntagsgedanken darüber, wie wichtig es ist, Frieden zu lernen. Als Jesus gefangen genommen wird, zieht Petrus das Schwert und will dazwischen gehen. Jesus sagt zu ihm: „Steck dein Schwert in die Scheide. Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ Eine einfache Wahrheit! Konflikte können nicht durch Waffengewalt gelöst werden. Die christliche Botschaft lädt stattdessen zur Empathie ein, zum Sich-einfühlen-in-den-andern. Wenn ich mich einfühle in ihn, nehme ich ihm die Angst, sich vor mir verteidigen zu müssen. Ich baue eine Brücke zu ihm. So wird Begegnung möglich.

Das ist nicht einfach, vor allem, wenn eine oder gar beide Seiten verhärtet sind. Es braucht dann Menschen, die wie Udo Lindenberg singend einladen: „Komm, wir ziehen in den Frieden…Wir sind schlafende Riesen. Aber jetzt stehen wir auf. Lass sie ruhig sagen, dass wir Träumer sind. Am Ende werden wir gewinnen. Wir lassen diese Welt nicht untergehen. Komm, wir ziehen in den Frieden.“

Für mich ist es ermutigend, dass manche von einer Welt träumen, in der Menschen sich zu verstehen suchen, obwohl sie ganz verschieden sind. Darum ist es gut, dass es Menschen gibt, die vorwärts träumen wie Udo Lindenberg in seinem Lied „Komm, wir ziehen in den Frieden. Oder wie Martin Luther King mit seinem Friedenstraum „I have a dream“. Die weihnachtliche Friedensbotschaft ist für ihn nicht ein Appell gewesen, der verhallt. Er hat diese Botschaft gelebt. Das Beispiel des Jesus von Nazareth, auch für seine Gegner zu beten, hat Martin Luther King geprägt. So ist er auf die zugegangen, die ihn bekämpft haben. Er hat sie nicht vernichten wollen, sondern gewinnen. Dafür hat er wie Jesus mit seinem Leben bezahlt

Ich wünsche uns allen, dass wir in diesem Jahr 2019 jene einfache Wahrheit leben, die folgende Geschichte zeigt: Sonne und Sturm stritten um die Wette, wer die Kraft habe, einem Wanderer den Mantel abzunehmen. Der Sturm fing mächtig an zu blasen. Der Wanderer hüllte sich fester in seinen Mantel. Der Sturm blies noch kräftiger. Da kam die Sonne. Sie fing an, kräftig zu scheinen. Dem Wanderer wurde warm und er zog seinen Mantel aus.

Ja: Durch wärmendes Einfühlen in den anderen  erreichen wir mehr als durch Gewalt.

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Heute ist der Gedenktag des heiligen Martin von Tours. Er ist Patron Frankreichs, er ist auch Patron der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Viele Martinskirchen weisen auf ihn hin. Die Martinsumzüge mit dem Reiter und den vielen Lampions haben mich schon als Kind fasziniert. Später habe ich sie als Pfarrer dann selbst organisiert. Wenn wir zum Schluss ums Feuer standen, war es mir wichtig, eine Brezel mit den Kindern zu teilen. Wie Martin den Mantel mit einem Bettler geteilt hat, haben je zwei Kinder eine Brezel geteilt, um so zu spüren, wie schön es ist zu teilen. Ich gebe ab von dem, was ich habe, und empfange die Freude dessen, mit dem ich teile.

Martinus ist im Jahr 397 in seinem Kloster, unweit der französischen Stadt Tours an der Loire, gestorben. Als das Volk ihn zum Bischof wählte, ist er nicht in einen Palast gezogen, sondern in seiner Klosterzelle geblieben. Interessant ist, dass er auf Bildern bis zum 14. Jahrhundert ohne Pferd erscheint, als schlichter Mönchsbischof. Er begegnet dem Bettler auf Augenhöhe, nicht von oben herab. Sein Traum in der folgenden Nacht – so wird berichtet – zeigt ihm Jesus Christus; er ist mit dem Mantelteil bekleidet, den Martin dem Bettler geschenkt hat. „Was ihr einem der Geringsten tut, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus im Matthäusevangelium beim letzten Gericht.

Im notleidenden Menschen Jesus Christus selber zu sehen, das ist für mich ein starker Impuls. Manche Menschen verpflichten sich, 2 oder 3 % von ihrem Einkommen mit Notleidenden zu teilen. Das ist gut. Aber der Traum des Martinus ist viel radikaler: Bin ich bereit, weiter zu gehen beim Teilen, bis zur Hälfte gar? Ich weiß doch, dass das, was ich habe, nicht mein Verdienst ist, sondern etwas von dem, was allen gehört.

Diese Erde mit ihren Gütern gehört uns allen. Aber wie ungerecht sind die Güter in der Welt verteilt: Manche leben im Überfluss, viele haben nicht das Notwendige. Mehr teilen ist da gefragt. Übrigens war Martinus noch kein Christ, als er seinen Mantel teilte. Das sagt mir als Christen, bereit zu sein,  mit allen Menschen – ob Christ oder Nichtchrist - in unserer Welt für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, egal, welche Herkunft oder Religion der Andere hat.

Auch vom Bettler wird nicht gesagt, dass er Christ war. Also bin ich gerufen, in jedem Menschen – egal wo er herkommt und was er ist – Jesus Christus zu entdecken. Jeder braucht meine Solidarität. Ich muss nicht alles hergeben, dann kann ich ja nichts mehr teilen. Aber das teilen, was ich habe oder mir immer wieder neu erwerbe.

2. Teil

Ich spreche in den SWR 4-Sonntagsgedanken heute über den heiligen Martin. Als junger Gardesoldat hat er seinen Umhang mit einem Bettler geteilt. Dieses Bild hat die katholische Friedensbewegung Pax Christi inspiriert, ihr Jahresthema „Frieden teilen“ zu benennen. Dieses Motto erinnert daran, dass Friede dort wachsen kann, wo wir bereit sind, mit denen zu teilen, die bei uns darauf angewiesen sind. Ich denke an die vielen Flüchtlinge, die aus ihrer Heimat geflohen sind - aus Angst, verfolgt zu werden, oder weil sie dort keine sinnvolle Lebensperspektive haben. In vielen Ländern unserer Erde müssen Menschen flüchten oder eine bessere Lebensmöglichkeit suchen, um ihre Familie zu ernähren. Wir vergessen das oft und fürchten nur, diese Menschen würden uns was wegnehmen. Martinus dagegen fühlt mit dem frierenden Bettler. Er lässt sich in seinem Herzen ansprechen.

Auch bei uns haben manche nicht vergessen, dass sie oder ihre Eltern einmal flüchten mussten. Sie wurden vertrieben. Oder es hat ihnen dort eine neue Regierung das Leben schwer gemacht. So haben sie keinen anderen Ausweg gesehen, als ihre Heimat aufzugeben. Martinus macht vor, was jetzt wichtig ist: uns einzufühlen und unser Herz zu öffnen für Flüchtlinge.

Dazu lädt die Mantelteilung ein. Denn der Umhang, der dem Soldaten des Nachts als Decke gedient hat, musste zur Hälfte von ihm selbst bezahlt werden, bloß die andere Hälfte trug die Staatskasse. Martin hat also kein Staatseigentum verschenkt, er hat seinen eigenen Teil abgegeben.

Diese spontane Geste des Herzens hat für Martin weitreichende Folgen gehabt. Kaiser Julian droht eine Schlacht gegen die Alemannen in Worms. Vor dem Kampf verteilt der Kaiser Sonderprämien an die Soldaten. Als Martin an die Reihe kommt, lehnt er die Prämie ab und sagt: „Bis heute hab ich dir gedient. Erlaube mir, dass ich jetzt Gott diene. Ich bin ein Soldat Christi. Mir ist nicht mehr erlaubt, mit Waffen zu kämpfen.“

Martinus hat nicht nur den Wehrdienst verweigert; er zeigt auch, dass Friede dort möglich wird, wo wir auf Waffen verzichten und gewaltfreie Wege suchen, um Probleme zu lösen. Stattdessen droht bei uns gerade ein neuer Rüstungswettlauf. Militärische Ausgaben sollen erhöht werden, obwohl wir alle wissen: Waffen lassen zuletzt nur Zerstörung übrig. Mit Recht spricht Papst Franziskus von dem Skandal, wie viel Geld ausgegeben wird, um Waffen zu produzieren, zu verkaufen und sie einzusetzen, statt mit diesem Geld Hunger und Armut zu bekämpfen.

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Manche leiden an der katholischen Kirche. Sie ist offensichtlich nicht so, wie sie es sich vorstellen. Zwar sind viele angetan von Papst Franziskus, auch Nichtkatholiken. Aber der Streit, ob die Kommunion an evangelische Christen ausgeteilt werden darf oder nicht, hat in vielen den alten Vorwurf geweckt: Die Amtsträger in der Kirche bleiben hinter dem zurück, was Jesus gewollt hat. Mich schmerzt das, aber ich bin auch froh, dass manche Bischöfe klar Position bezogen haben und das befürworten, was viele von uns Pfarrern schon seit langem tun: nämlich einzuladen wie Jesus eingeladen hat. Er ist ja auf die zugegangen, die überhaupt nicht damit gerechnet haben. Gerade sie hat er seine Liebe spüren lassen.

Tut das die Kirche heute? Manche reiben sich daran, dass die Kirche aus Menschen besteht, die Fehler haben und manchmal sehr engstirnig sind. Aber gehören nur die zur Kirche, deren Verhalten tadellos ist? Dann könnte ich nicht zu ihr gehören. Wenn Kirche nicht aus Menschen bestehen darf, die fehlerhaft sind, die versagen, die zurückbleiben hinter dem, was sie sich vorgenommen haben, wäre sie unmenschlich. Kirche besteht aus Menschen, die Fehler haben und Fehler machen. Wichtig ist nur, dass sie diese Fehler erkennen, sie eingestehen und bereit sind, die Folgen zu tragen.

Jesus von Nazareth hat nicht ideale Menschen um sich versammelt, sondern solche, die um ihre Begrenztheit wussten – und er ist zu denen gegangen, die versagt haben, auf die man mit dem Finger gezeigt hat. Daran denke ich, wenn ich im Gefängnis Gottesdienst halte. Es ist so leicht, auf die, die versagt haben, mit dem Finger zu zeigen. Gerade ihnen hält Jesus den Spiegel vor und sagt: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken in deinem eigenen aber siehst du nicht!“

Wohlgemerkt! Jesus rechtfertigt nicht die Tat des Sünders. Aber er gibt dem Sünder, der umkehrt von seinem falschen Weg, neue Hoffnung, neue Lebensmöglichkeit. Er sagt nicht: „Schwamm drüber!“  Aber er verdammt den nicht, der seine Tat  bereut, der umkehrt und neu anfangen will. Er vergibt ihm, dass er zu sich selbst stehen kann und gut zu machen sucht, was er angerichtet hat. Es ist freilich viel leichter, in der Wunde anderer herumzustochern. Aber so verhindere ich, dass sie geheilt wird.  

2. Teil:

Mitte der 60er Jahre hat der evangelische Theologe Helmut Thielicke ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Leiden an der Kirche.“ Mich hat das damals als jungen katholischen Theologen bewegt. Er sagt, dass es zur Kirche gehört, an ihrer Unvollkommenheit zu leiden. Das bedeutet nicht, eine schlechte Tat zu rechtfertigen, wohl aber, den Täter im Herzen mitzutragen. Dann darf ich hoffen, dass er sein falsches Verhalten einsieht und bereit ist, die Folgen auf sich zu nehmen.

Der Apostel Paulus sagt in einem Abschnitt des Kolosserbriefes: „Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt“ (Kolosser 1,24). Für Paulus ist menschliche Unzulänglichkeit nicht ein Grund, der Kirche den Rücken zu kehren, sondern sich umso mehr zu engagieren, damit sie besser dem Bild Jesu entspricht. Kirche hat Fehler wie ich sie auch habe, aber genau so hat sie die Chance, mehr Menschlichkeit zu zeigen und barmherziger zu sein.

Dann kann sie auch zur Kraftquelle werden für Menschen, die vom Leid gezeichnet sind. Ich hab das in meiner ersten Gemeinde in Böblingen erlebt. Ein HNO-Arzt war an Kehlkopfkrebs erkrankt – also genau dort, wo er selber viele Menschen behandelt hat. Er hat sein Sterben auch durch dieses Pauluswort annehmen können. Er hat seine Schmerzen sozusagen in die Todesschmerzen Jesu hineingelegt. Auf einmal hat er sich nicht mehr allein gefühlt. Er hat nicht geklagt: „Warum ich?“ Er sah sich .als Teil des großen Leibes Christi, zu dem alle Menschen gehören, und so hat er sich mit den andern Leidenden dieser Welt solidarisiert.

Wo Menschen bereit sind, eine Gemeinschaft mitzutragen, auch wenn sie nicht ideal ist, da wird auch das Negative/Schlechte verwandelt. Es wird nicht vertuscht oder gar gerechtfertigt. Es wird zum Impuls, gemeinsam dafür zu sorgen, dass es mit dieser Gemeinschaft besser wird. Das gilt nicht nur für die Kirche, sondern für jede Gruppierung, jede Institution. Wo Menschen sind, gibt es immer auch Negatives, gibt es Schatten. Doch Schatten verweisen auf das Licht, und es ist wichtig, an das Licht zu glauben, ohne die Schatten zu übersehen.

Ein Brautpaar gelobt deshalb vor dem Altar, in guten wie in schlechten Zeiten zusammen zu stehen. Darin sehe ich auch einen guten Weg für die Zukunft der Kirche. Je mehr ich einen andern Menschen kennen lerne, desto mehr entdecke ich auch seine Fehler und Schwächen. Wenn ich dann auf ihm herumhacke, nehme ich ihm jeden Mut etwas zu verändern. Spürt er aber mein Wohlwollen, dann kann sich auch etwas Schmerzliches zum Guten wandeln.

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Als Kind hab ich gehört: „Du darfst am Glauben nicht zweifeln.“ Zuweilen hat mir das ziemlich zu schaffen gemacht, weil ich doch an manchem gezweifelt habe, was ich so hörte. Später habe ich gelernt, es sei sogar Sünde, am Glauben zu zweifeln. Das hat mich fast zur Verzweiflung gebracht.

Erst als Student hab ich dann gemerkt, der Zweifel ist nicht Sünde, sondern notwendig. Er hilft, tiefer nachzufragen und so den Glauben mehr zu begründen.

Dann bin ich eines Tages auf den sogenannten ungläubigen Thomas gestoßen. Er ist der Apostel, der nicht an den auferstandenen Jesus glauben will. Der Tod Jesu hat ihn und die andern Jüngerinnen und Jünger tief getroffen. Alle Hoffnung auf eine bessere Welt ist zerbrochen. Jetzt erzählen ihm die andern, sie hätten den Auferstandenen gesehen. Das kann er nicht glauben. „Wenn ich nicht seine Wundmale berühre, glaube ich nicht.“

Als die Jünger wieder zusammen sind, ist Thomas bei ihnen. Der auferstandene Jesus begegnet ihnen und sagt zu Thomas: „Streck deinen Finger aus, hier sind meine Hände.“ Jesus tadelt den Thomas nicht, er erfüllt ihm seinen Wunsch. Thomas ist alles andere als ungläubig. Er will nur sich selbst überzeugen. Das ist  mir sympathisch.

Ich weiß, dass mir mein Glaube von Eltern, Pfarrern und Freunden vermittelt worden ist. Aber dann habe ich meine eigenen Erfahrungen gemacht. Das hat Spannungen erzeugt. Deshalb rebellieren junge Menschen auch immer wieder gegen die älteren. Das muss so sein, sonst gewinnen sie keine persönliche Glaubensüberzeugung. Dazu gehört auch der Zweifel. Er bewahrt mich vor blindem Glauben.

Wieviel Unheil hat blinder Glaube in der Geschichte der Menschen angerichtet! Ich denke an Ketzerverfolgungen, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen. Ein schreckliches Beispiel für mich ist auch Rudolf Höß, Lagerleiter im KZ Auschwitz von 1940-43. Unzählige Menschen hat er auf dem Gewissen. Im Nürnberger Prozess 1947 hat er sich zu rechtfertigen gesucht und auf sein angeblich christliches Gewissen berufen. Dies gebiete ihm, alle Befehle „von oben“ blind auszuführen.

Umso dankbarer bin ich den Menschen, die in jener Zeit nicht blind geglaubt haben, sondern so reagiert haben wie die Geschwister Scholl, der Theologe Dietrich Bonhoeffer, der Jesuitenpater Alfred Delp und viele andere Unbekannte. Ich bin auch bis heute meinem Vater dankbar. Er hat keine höhere Schulbildung gehabt, aber gespürt, dass mit Hitler und den Nazis etwas nicht gestimmt hat. Darum hat er sich geweigert, ihnen nachzulaufen.

So braucht der Glaube den Zweifel, sonst verfällt er leicht einem Fanatismus, der am Ende über Leichen geht. Dagegen zeigt Thomas uns, wie wichtig es ist, mit den Wundmalen des Leibes Christi solidarisch zu werden, nämlich mit den Menschen, die leiden, denen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben verwehrt wird.

 TEIL 2

Wer an den Auferstandenen glaubt, tut es nicht blind oder egoistisch. Sein Glaube ist eingebettet in die Gemeinschaft mit anderen, die mit ihm glauben, zweifeln, aber vor allem lieben. Eine besondere Form dieser liebenden Gemeinschaft erleben in der Osterzeit die Kinder vieler katholischer Gemeinden. Sie empfangen in der Erstkommunion den Leib Christi, der sie mit der ganzen Menschheit verbindet. Denn nicht nur die Christen, nein, alle Menschen zusammen bilden den Leib des Auferstandenen. Sie sind seine Glieder.

Darum ist dieser Tag ein wichtiger Abschnitt im Leben der Kinder und im Leben einer Kirchengemeinde. Denn eine christliche Gemeinde lebt nicht für sich selbst, sie weiß sich verbunden mit der ganzen Menschheit.

Die Kinder erhalten in manchen Gemeinden ein weißes Gewand, das sie über ihre Kleidung streifen. Das ist keine Uniformierung, sondern drückt aus, dass alle dieselbe Würde von Gott empfangen haben. Dies hat seinen Ursprung in der frühen Christenheit. Wer in der Osternacht getauft worden ist, hat ein weißes Gewand bekommen als Zeichen seiner neuen Würde. Er hat es bis zum Sonntag nach Ostern getragen und dann wieder abgelegt, „jedoch so“, sagt Bischof Augustinus im 5. Jahrhundert, „dass das schimmernde Weiß, das mit dem Kleid abgelegt wird, im Herzen bewahrt bleibt.“ Die Farbe weiß erinnert an die Auferstehung und das neue Leben in Gottes Herrlichkeit. Das ist der eine Aspekt der Erstkommunion.

Der andere zeigt den Kindern: Das Brot Jesu Christi ist ein Zeichen, das zum Teilen einlädt. So wie Jesus sein Leben an seine Mitmenschen verschenkt hat, so können wir unser Leben miteinander teilen – im Guten wie im Bösen, in der Freude wie im Leid.

Ich bin überzeugt: wenn die Kinder schon im frühen Alter dieses Teilen lernen, werden sie auch als Erwachsene dafür sensibel sein. Dann wird es weniger Hunger in der Welt geben, weil mehr Menschen teilen.

Was ist das Schöne am Teilen? Es ist nicht nur der Andere, der etwas bekommt, auch der, der teilt, bekommt etwas, nämlich die Freude des andern.

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