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Bischof Stephan Ackermann aus Trier, sein Gesicht kennt jeder im Bistum und darüber hinaus. Die Bekanntheit hat ihren Preis. Unerkannt durch die Stadt zu gehen ist für Stephan Ackermann nahezu unmöglich. Aber das ist für ihn kein Hindernis. Eher eine Chance.Dabei erlebt er auch Überraschungen. Vor einem Tattoo-Studio verwickelt ihn ein junger Kunde in ein Gespräch.

Er hat mir dann stolz gezeigt was er sich gerade hat auftätowieren lassen und die Dame im Tattoo Studio die rief schon gleich: "Herr Bischof Sie können hier reinkommen, ich kann Ihnen gern ein Kreuz irgendwohin tätowieren.

Was er aber freundlich dankend ablehnte. 1963 in Mayen geboren und aufgewachsen in der Nähe des Laacher Sees begann er nach dem Abitur ein Theologiestudium in Trier das er in Rom fortsetzte. Dort empfing er auch 1987 die Priesterweihe. Nach seiner Kaplanszeit wurde er in verschiedenen Rollen in der Priesterausbildung eingesetzt bis er 2006 zum Weihbischof ernannt wurde. 3 Jahre später wurde er zum Bischof von Trier berufen. Er ist der 103te Bischof des ältesten deutschen Bistums. Am heutigen Abend wird er wie alle seine Amtskollegen mit seiner Silvesterpredigt das Jahr 2017 abschliessen und einen Blick in das Kommende werfen.

Mir geht es in der Silvesterpredigt vor allem darum Mut zu machen. Es gibt soviel Potential das da ist und so viele positive Dinge, die auch ans Licht zu heben sind, die auch wirklich Mut machen ohne dass wir uns einfach selbst froh machen.Also Ermutigung! Nicht immer nur auf das Negative schauen, auf das was schwierig ist und schwieriger wird, sondern wirklich auch die positiven Kräfte stärken.

Eine Stärke von Bischof Stephan ist den Dingen und Entwicklungen -wenn möglich- die gute Seite abzugewinnen. Sein ansteckender Optimismus und seine positive Lebenseinstellung lassen ihn humorvoll und gelassen seine Aufgabe wahrnehmen. Die bekannte Frage "Wie geht's Dir?" heisst in der Version von Stephan Ackermann "Bist Du noch froh?" Die Frage, was ihn im 2017 besonders bewegt hat, beantwortet er ohne Zögern.

Also - vielleicht wird das überraschen - zu den ganz positiven Erfahrungen dieses Jahres gehört das Reformationsjubiläum. Wir haben Gottesdienste gefeiert, es gab Podiumsdiskussionen und die häufigen Begegnungen bringen menschlich und spirituell zusammen und das ist für die Ökumene unglaublich wichtig, weil man dann auch ehrlicher miteinander umgehen kann. Man hat mehr Vertrauen zueinander , man kann auch leichter sagen, hör mal das ist etwas da bin ich empfindlich auf diesem Punkt, das ist mir wichtig. Für mich ist das ein Hoffnungszeichen nach vorne: gemeinsam stärker ein christliches Zeugnis zu geben in unserer Zeit. Das bleibt auch Herausforderung. Klar.

Welche Schwierigkeiten dieses christliche Zeugnis im Heiligen Land hat und was sich  Bischof Stephan für das neue Jahr wünscht, dazu mehr nach dem nächsten Titel.

Teil II

Dr. Stephan Ackermann, der Bischof von Trier ist Mitglied einer internationalen Gruppe von Bischöfen, die den Kontakt zu den Christen in Israel und Palästina pflegt, kennt er die angespannte Situation im Heiligen Land sehr gut. Die Jerusalementscheidung des amerikanischen Präsidenten hat auch Folgen für die christliche Minderheit im Land. Also für 2% der Gesamtbevölkerung.

Das macht denen natürlich die Situation wieder schwieriger. Wir erleben ja, wie diese Ankündigung Trump’s zu neuer Eskalation beiträgt. Wir haben ja schon oft die Erfahrung gemacht, dass die Christen dann in doppelter Weise Verlierer sind, weil sie eben eine Minderheit sind, weil sie dann oft auch von Muslimen als Menschen, die irgendwie mit dem Westen in besonderer Weise in Verbindung sind, identifiziert werden. Dann kommen sie nochmal wieder in schwierigere Situationen. Das halte ich für wirklich verhängnisvoll.

Und bei uns im Westen haben Proteste gegen die Entwicklung im nahen Osten zu antisemitischen Protesten geführt. Der Bundesinnenminister möchte mit einem Antisemitismusbeauftragten reagieren. Anfeindungen gegen Juden in Deutschland. Ein No Go.

Dem muss man natürlich ganz klar Einhalt gebieten. Insofern glaube ich ist die Idee des Innenministers nicht verkehrt. Es zeigt sich ja bei verschiedenen Anliegen, dass es Kümmerer braucht, also Menschen die ganz bewusst dieses Thema in der Verantwortung haben, aufmerksam sind und eine Bundesregierung und eine Gesellschaft insgesamt immer wieder auch erinnern.

Die stärker werdende Rückkehr zur Abschottung, "Amerika first" und ähnliche national-egoistische Entwicklungen sind zunehmend ein Problem und für den Bischof der falsche Weg in die Zukunft.

Ich kann nicht versuchen mir eine sichere Insel zu bauen und dann drumherum müssen die anderen schauen wie sie klar kommen. Dafür sind wir zu sehr aufeinander verwiesen und vernetzt. Dieses sich Abgrenzen, ängstlich um sich besorgt zu sein, das ist schon eine Tendenz - ohne schwarzmalen zu wollen - die mich doch nachdenklich stimmt.

Trotzdem erwartet er das neue Jahr zuversichtlich.

Für 2018 wünsche ich mir, dass wir uns nicht gefangen nehmen lassen von den Schwierigkeiten, von dem was uns auch bedrohlich erscheint, sondern die positiven Kräfte - das sag ich natürlich auch als gläubiger Mensch , die uns im Glauben gegeben sind stärker zum Zug kommen lassen und auf diese Weise auch an der Zukunft zu arbeiten. Da gibt es gute Chancen, aber es braucht eben auch den Willen dazu und es kostet  immer wieder auch natürlich Mühe. Aber ich meine, dass es diese Mühe auch lohnt.

Das meine ich auch. Das hoffe ich auch für das Neue Jahr. Und wünsche allen dazu Gottes Rückenwind und Segen!

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Von ihm kennen wir kein einziges Wort. Und doch gehört er zu den bekanntesten Heiligen: Josef von Nazareth. Zu jeder weihnachtlichen Krippe gehört eine Josefsfigur. Maria, Josef, das Kind in der Krippe. Die Evangelien erwähnen ihn, aber überliefern keinen einzigen Satz von ihm. Dabei war Josef sicher nicht stumm, hatte sicher auch seine Meinung zu allem was mit ihm und Maria geschah. Und das war ja nicht gerade alltägllch. Ich wüsste gern was er selbst zu der Situation gesagt, hat in die er sich plötzlich gestellt sah: seine Braut, Maria, wurde schwanger. Sie waren noch nicht verheiratet und noch nicht "zusammengekommen", wie es der Evangelist Matthäus vornehm formuliert. 

Es ist wahrscheinlich, dass Josef zuerst auch den Gedanken im Kopf hatte, der auf der Hand zu liegen schien: Maria musste ihn betrogen haben. Für einen liebenden Menschen wohl mit das Schlimmste, was geschehen kann. Wahrscheinlich war die Hochzeit schon in Planung und jetzt diese Nachricht. Eine Hiobsbotschaft. Josef hätte toben, ausrasten, Maria wild beschimpfen können, aber dies macht er nicht. Er beschließt sich in Stille von Maria zu trennen um sie nicht bloßzustellen, wie es im Evangelium heißt. Seine Liebe ist auch da noch stärker als die Traurigkeit und die Verwundung, die er sicher gespürt hat. Mehr kann er nicht tun. In diese Gedanken erscheint ihm im Traum ein Engel. Engel sind für mich Aussagen von Gott her, die Gestalt angenommen haben. Oder noch einfacher: gute Gedanken Gottes, die wirken. Wenn das so ist dann erfährt Josef durch Gott selbst die Nachricht, die alle seine Sorgen und Zweifel gegenüber Maria ausräumt. Und mehr noch: Gott vertraut ihm etwas an, was sicher sein Begreifen völlig übersteigt: Gott will Mensch werden. Es verschlägt Josef die Sprache könnte man meinen.

Wie immer das auch geschehen sein mag, Josef hat klar reagiert und Maria zu sich genommen. Aber damit waren für ihn alltägliche Probleme und Irritationen sicher nicht vom Tisch.  Leicht wird es nicht gewesen sein. Menschen deren Familien ähnlich konstruiert sind, alleinerziehende Väter oder Mütter, gleichgeschlechtliche Paare die ein Kind adoptieren, können das sicher nachvollziehen. Die Familie von Nazareth war auch damals keine im klassischen Sinne.

Das Schweigen des Josef ist also sehr gefüllt. Für mich ein Symbol für das Staunen über das, was wir gerade an Weihnachten wieder gefeiert haben: dass Gott damals wie heute mit uns sein will - so wir sind - auch mit unseren Ecken und Kanten. Der Name des Kindes in der Krippe bekräftigt es: Immanuel, heißt Gott ist mit uns. Er war es und er bleibt es. Daran glaube ich.

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Pralle Sonne, kein Wölkchen am Himmel, das Thermometer zeigte 27 Grad und aus den Lautsprechern eines kleinen Restaurants erklang "O Tannenbaum“. Weihnachtslieder bei diesen Temperaturen waren für mich wirklich äußerst ungewohnt. Für die Menschen in Südafrika nicht. Vor drei Jahren habe ich dort Freunde besucht. In Südafrika sind die Jahreszeiten quasi "umgekehrt". Wenn hier Herbst ist, beginnt in Südafrika der Frühling. Und wenn es bei uns Winter wird, ist dort der Sommer angesagt. Weihnachten also im Sommer, salopp ausgedrückt: "Heiße Weihnacht statt weiße Weihnacht". Aber: egal ob das Fest mit Grillparties und Tänzen am Strand oder wie bei uns mit Lametta, Schnee und Lebkuchen gefeiert wird - das Wichtigste bleibt überall gleich: die Weihnachtsbotschaft. Sie wird weltweit in allen Sprachen und bei allen Temperaturen verkündet. Und diese Botschaft heißt: Gott wird Mensch. Der Schriftsteller Wilhelm Bruners nennt das Kind in der Krippe den „heruntergekommenen Gott“. Im doppelten Sinne.

An dieses Wort musste ich denken, als ich zum ersten Mal in den Townships vor Kapstadt unterwegs war. Die ärmlichen Behausungen, in denen Menschen dort leben, sind so was wie moderne Krippen. Wie damals in Bethlehem. Auch Maria und Josef waren Unerwünschte und suchten eine richtige, ordentliche Unterkunft. Was sie bekamen war ein armseliger Stall. In den Townships gibt es diese zu tausenden. Mich haben damals Menschen beeindruckt, die sich davon nicht abschrecken ließen und ihr Möglichstes getan haben , um dort zu helfen. Und sie tun es auch heute noch. Sie tun alles dafür, das Leben dort ein bisschen erträglicher zu machen. Eine Gruppe kümmert sich besonders um die Kinder, vor allem um HIV-infizierte Kinder.  Das Hilfsprojekt hat den schönen und programmatischen Namen "Hope", also: Hoffnung. Hoffnung hat auch ein Touristenführer auf Robben Island ausgestrahlt. Politische Gefangene wie zum Beispiel Nelson Mandela wurden auf dieser Gefängnisinsel jahrelang, manche jahrzehntelang, in winzigen Zellen festgehalten. Auch der Guide.Sieben Jahre lang. Bei allem was ihm angetan wurde, ist er trotzdem zurückgekehrt. Ganz bewusst. Er versteht seine Aufgabe dort als Friedensdienst, er möchte damit mahnen, dass so etwas nie wieder geschieht. Als Hoffnungszeichen. Das Hilfsprojekt „Hope“ in den Townships und dieser beeindruckende Guide auf Robben Island sind für mich zwei Beispiele, dass es gelingen kann, das zu leben wozu Weihnachten gerade wieder ermuntert hat: mehr Mensch zu werden. In jedem Land und bei jeder Temperatur. Nach dem Beispiel Jesu, des Kindes in der Krippe, des im wahrsten Sinne herunter-gekommenen, menschgewordenen Gottes.

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Der Dichter Arnold Stadler beschreibt in seinem Roman „Der Tod und ich, wir zwei“, wie in einem eleganten deutschen Seniorenheim Weihnachten gefeiert werden soll. Da das Haus „weltanschaulich neutral“ ist, das heißt also keine Kapelle hat - dafür aber eine Filiale einer großen deutschen Bank - kann man sich nicht auf ein gemeinsames Weihnachtslied verständigen. Nicht einmal „Leise rieselt der Schnee“ ist möglich, da ja bekanntlich in der dritten Strophe das „Christkind“ auftaucht. Schließlich einigt man sich auf „Oh Tannenbaum“. Das ist weltanschaulich neutral und allgemein bekannt, also können es alle mitsingen.

 „O Tannenbaum“, dieses Lied singen Christen auch. Zuhause oder bei Weihnachtsfeiern.In den großen Weihnachtsgottesdiensten wird das Lied aber nicht gesungen, denn da wird Größeres gefeiert. Nichts gegen diese alten Lieder, gar nichts, Weihnachten ist ein Fest der Stimmungen, der Gefühle, der Romantik, all dessen, was im Alltag so schnell untergeht. Menschen sehnen sich danach, und das zeigt sich immer wieder an Weihnachten. Auch bei den Menschen, die das Wort Liebe oder Gefühl ungern oder überhaupt nicht in den Mund nehmen. Und wenn Verhärtungen aufgebrochen werden und sei es nur für Stunden oder Tage ... gut so!  Aber das ist nicht das Ziel. Das sind Voraussetzungen um das hören und tiefer verstehen zu können, was uns im Evangelium der Christnacht verkündet wurde: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren. Er ist der Messias, der Herr.“

Das ist die Mitte. Das ist die Botschaft von Weihnachten. Gott sucht den Menschen und wird selbst Mensch unter Menschen. Das predigt uns das Bild der Krippe. Seit 2000 Jahren. Gott, der Allmächtige, hat sich klein und verwundbar gemacht. Er, der Herr des Kosmos, ist Mensch geworden auf eine Weise, die niemand erwartet hätte. Das Bild vom Stall und der Krippe ist kein Zufall, sondern ein Symbol dafür, dass Gott auf so überraschende Weise Mensch wird. Mit Leidenschaft sagt er uns damit: Nichts und niemand ist zu klein oder zu unbedeutend, um von Gott nicht gekannt zu sein. In einem alten katholischen Lied hieß es einmal: „Hier liegt vor deiner Majestät im Staub die Christenschar“. Die Kirche hat es schon lange aus ihrem Gesangbuch gestrichen. Es sollte zum Ausdruck bringen, welche Ehrfurcht Gott, dem Allmächtigen, gebührt. Aber Gott die Ehre zu geben, das hat nichts damit zu tun, sich unterdrücken oder erniedrigen zu lassen. Gott hat sich selbst in den Staub gelegt, ist Mensch geworden, mit allem, was dazu gehört. Er rettet von unten.

In einer Inschrift in Kleinasien, heute auf dem Gebiet der Türkei,

wurde der Satz gefunden: „Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott.“ Diesen Satz sprechen wir Christen auch im großen Glaubensbekenntnis. Mittlerweile. Denn diese ursprüngliche Inschrift beschreibt etwas ganz anderes, etwas was vor Christi Geburt stattgefunden hat. Gemeint ist nämlich der römische Kaiser Augustus. Er wird vergöttlicht, seine Macht und unumschränkte Herrschaft wird damit verabsolutiert. Ein göttlicher Augustus. „Gott von Gott, wahrer Gott vom wahren Gott.“

Viel später wurde exakt die gleiche Formel auf Jesus von Nazaret, den Zimmermann, den Sohn Gottes, übertragen und ins Credo der Kirche, ins Glaubensbekenntnis, aufgenommen. Das war explosiv und ist es bis heute. Denn: Damit werden die Positionen endgültig klargestellt. Für immer. Niemand ist Gott außer Gott selbst.

Und zu dessen Volk gehöre ich. Grenzüberschreitend, sprachverbindend, mit kultureller Vielfalt. Mir verleiht das eine Würde und gleichzeitig fordert es mich heraus. Verbunden und gestärkt durch diese weltweite Gemeinschaft haben Christen den Auftrag, den Mund aufzumachen wenn es auf sie ankommt. Christ-Sein heißt nicht: keinen Fehler machen, um ohne Anzuecken in den Himmel zu kommen, sondern zu leben was man glaubt. Es zumindest zu versuchen.

„Der Retter ist geboren, der Messias, der Herr.“ So heißt es im weihnachtlichen Evangelium. Der Retter ist für alle geboren. Die ganze Welt ist gemeint. Niemand ist ausgegrenzt. Gott wird Mensch unter Menschen so wie die nun mal sind. Unter Unauffälligen und Schrillen, unter Musterfamilien und Beziehungschaoten, Frommen und Gaunern, unter herzlich Fröhlichen und abgrundtief Traurigen, unter Glaubenden und Zweiflern. Ihnen allen ist der Retter geboren „der Messias, der Herr.“ Und ich, und wir, sind mittendrin.

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Geduld ist nicht gerade eine meiner Stärken. Vorsichtig ausgedrückt. Ungeduld kenne ich schon eher. Ich könnte aus der Haut fahren in der Schlange vor der Kasse am Supermarkt. Dann, wenn jemand vor mir umständlich nach seinem Geldbeutel sucht oder die PIN falsch eingibt oder das Obst nicht abgewogen hat oder zum fröhlichen Plausch mit der Kassiererin ansetzt. Dann steigt mir der Blutdruck. Oder wenn alles Hupen nichts nützt, um dem Fahrer vor mir an der Ampel klar zu machen, dass „Rot“ vorbei ist und „Grün“ weiterfahren bedeutet. Ganz und gar nicht nette Gefühle spüre ich dann. Ebenso, wenn ich nach schlechten Erfahrungen mit der unpünktlichen Bahn dann doch das Auto benutzt habe und mich nach sechs überwundenen Autobahnbaustellen im finalen Stop-and-Go-Stau der siebten Baustelle wiederfinde.

Nein, ich bin nicht geduldig. Jedenfalls nicht immer. Gewiss Temperamentssache, Familiengene, man ist, wie man ist. Sich selbst aushalten ist nicht immer leicht. Umso mehr wünsche ich mir, dass ich gelassener bin, wenigstens  ein bisschen, um Dinge, die ich nicht ändern kann, hinzunehmen. Erst durchzuatmen, bevor ich poltere, leichter, langsamer, nachsichtiger zu sein oder zu werden. Das Gegenteil kann ich schon …

Wenn ich mal wieder besonders ungeduldig bin, schicke ich schon mal ein Stoßgebet in den Himmel. Nicht immer, aber manchmal schon. Ein Stoßgebet zu Gott, der Geduld im Übermaß hat und die auch braucht - mit Blick auf seine nur selten ganz geglückten Ebenbilder. Ich bitte ihn, mir ein bisschen von seiner Geduld abzugeben. Gelassener zu werden. Das heißt nicht dickfellig oder gleichgültig oder lethargisch werden zu wollen. Das sicher nicht. Wach und interessiert will ich bleiben, nur das innere Tempo möchte ich verlangsamen, den inneren Stress abbauen. Und ich bitte Gott auch um Geduld beim Geduldiger-Werden. Ich erwarte nicht, dass ich plötzlich geheilt bin, ich möchte mich nicht überfordern. Vielleicht erst mal über mich schmunzeln, vielleicht sogar lachen lernen - nach dem nächsten genervten „Das-darf-doch-nicht-wahr-sein-Seufzer“, der mir so oft und schnell entfährt. Mein Stoßgebet heißt: „Fahr mir in die Parade Herr und brems meine Ungeduld. Hab Du Geduld mit mir, wie ich mit anderen und sie mit mir. Amen.“

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Mit manchen Heiligen kann ich wenig anfangen. Entweder waren sie so überirdisch fromm, dass sie kaum als Menschen mit Fleisch und Blut auf mich wirken. Oder die Legenden über ihr Leben sind so überzogen märchenhaft verfasst, dass der Verstand ein Veto einlegt. Aber dann gibt es die Gestalten, die wie Brücken sind. Zwischen ihrer Welt und meiner Welt. Das fängt schon mit ihren - in Anführungszeichen - „Fachgebieten“ an. Bei uns Katholiken ist ein Heiliger immer für etwas „zuständig“.

Petrus bekanntermaßen für das Wetter. Das hat natürlich bisweilen auch irrationale Züge, aber heiter-sympathische. Zum Beispiel wenn bei uns in Trier der Oberbürgermeister der Petrusfigur auf dem Hauptmarkt einen Blumenstrauß überreicht. Zum Start des Altstadtfestes, das natürlich ein super Wetter braucht.

Josef, der Zimmermann aus Nazareth ist logischerweise für die Handwerker zuständig, und bei Halsschmerzen und anderen Krankheiten ruft man den Heiligen Blasius um Hilfe an. Rund um die Uhr beschäftigt ist der Hl. Antonius. Er war Prediger in Padua. Er tritt in Aktion wenn man etwas verloren hat. Jedenfalls bittet man ihn darum. Und das nicht selten. Mir geht es jedenfalls so. Ich hab ein Abo bei ihm. Wenn ich etwas suche, was ich verlegt habe oder etwas vermisse dann kommt es natürlich auf mich an mich anzustrengen um es wiederzufinden. Aber so ein kleines Stoßgebet zum Hl. Antonius kann doch nichts schaden. Und wenn es nur meine Nerven beim Suchen etwas beruhigt.

So bete ich dann zum Beispiel:

„Ich weiß, ich bin’s schon wieder, heiliger Antonius. Nein, diesmal sind’s nicht die Schlüssel, auch nicht die Brille, auch nicht das Handy. Das hatten wir alles schon. Du musst zugeben, ich biete Dir immer was Neues. Diesmal suche ich den Ring aus Jerusalem, kein wertvolles Teil, aber mir ist er unendlich kostbar, mit vielen Erinnerungen verbunden. Mir ist, als hörte ich Dein genervtes Seufzen“. Und dann bete ich weiter: „Du hast ja recht, im Verlieren und Verlegen von Dingen bin ich unschlagbar. Aber bitte, nur noch einmal, heiliger Antonius, Held aller Schlamper, aller Vergesslichen, aller Zerstreuten,  zeige mir die Richtung und lass mich wiederfinden, was jetzt verloren scheint. Nur noch einmal, bitte, es ist bestimmt das letzte Mal, bestimmt. Aber ... versprechen kann ich es nicht. Amen.“

Wie ich mich kenne werde ich so ähnlich noch öfter beten. Mit Augenzwinkern. Diese Leichtigkeit gehört für mich zum Glauben dazu. Nicht immer. Aber immer wieder gerne.

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Mit Mikrophon und Lautsprecher hab’ ich so meine Probleme. Nicht hier im Rundfunk. Da kümmern sich erfahrene Profis um den besten Ton. Probleme gibt es in manchen Gottesdiensten. Jede größere Kirche hat zwar ihre eigene Mikrophonanlage, aber natürlich keinen eigenen Tontechniker. Also keine Kontrolle wenn man zu laut oder zu leise spricht. Dann kann es vorkommen, dass man nach einem Gottesdienst zu hören bekommt: „Das war ja sehr schön heute. Man hat Sie nur nicht verstanden.“ Dann könnte ich immer die Wand hoch gehen. Da hat man lange über seiner Ansprache gebrütet, hat an Formulierungen gefeilt und dann das. Akustisches Scheitern.

Ein einziges Mal habe ich erlebt, dass jemand rechtzeitig die Notbremse gezogen hat. Während einer Predigt kommt eine ältere Dame aus einer der letzen Reihen in aller Ruhe durch den Mittelgang nach vorne, unterbricht mich in meiner Rede und sagt sehr freundlich: “Bitte reden Sie doch etwas lauter. Man versteht Sie leider sehr schlecht.“ Hab ich dann auch sofort gemacht. Ich hätte die Dame küssen können. Endlich hatte mal jemand den Mut das laut zu sagen, was wohl die meisten dachten, aber sich nicht trauten.

Sagen was man denkt ist nicht immer leicht. Gerade wenn Kritik angesagt ist. Aber besser gerade heraus als die Faust in der Tasche zu machen. Oder über alles zu sprechen nur nicht über das was jetzt wirklich angesagt wäre. Auch wenn es vielleicht unbequem ist. Das was zu sagen ist dann aber an anderer Stelle herauszulassen, bei anderen, ist natürlich ganz heftig. „Er ist nicht vorne wie hinten“, so eine Redeweise. Meint, er sagt nicht was er wirklich denkt.

Natürlich gibt es Situationen in denen es wichtiger ist diplomatisch und zurückhaltend zu sein als gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich habe mal jemandem zum Geburtstag ein Bild geschenkt was mir sehr gut gefiel. Dem Beschenkten aber nicht - was er spontan vor allen Leuten deutlich gesagt hat und mich wie einen begossenen Pudel hat aussehen lassen. Da wäre es mir lieber gewesen er hätte mir das später unter vier Augen gesagt.

Alles hat seine Zeit und seinen passenden Ort. In seinem Gebet um die „Kunst der kleinen Schritte“ bittet der Dichter Antoine de Saint-Exupéry Gott: „Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt“. Das schreibt Exupéry, das wünsch ich mir auch und hoffe das selbst auch immer mal wieder zu schaffen. In kleinen Schritten

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Raketen gab es nicht, auch keinen Schampus. Trotzdem war gestern Silvester. Kirchlich gesehen. Der letzte Sonntag im alten Kirchenjahr. Der erste Advent ist startbereit und mit ihm das neue Kirchenjahr. In der katholischen Kirche wurde der gestrige Tag als Christkönigssonntag gefeiert.

Als Papst Pius XI das Fest 1925 einführte war es eine klare Zeitansage. Er hat damit auf die Schrecken des Ersten Weltkrieges und seine Folgen reagiert, geantwortet auf das Ende der großen herrschenden Monarchien - wie bei uns das des Kaisertums. Das Fest sollte deutlich machen: für Christen gibt es nur einen wahren König und der heißt Jesus Christus.  Ein König ohne Pomp und Hofstaat, ohne Kabinett und Militär, ohne Fahne und Wappen. Das Evangelium erklärt, dieses andere König-Sein Jesu. Zu seiner Zeit hatte Jesus manche Hoffnungen enttäuscht. Viele hatten gehofft er wäre der lange ersehnte Retter, der die verhassten Römer mit Gewalt vertreiben würde. Um ein neues Königtum aufzurichten. Nach seiner Verhaftung fragt ihn der der römische Statthalter Pontius Pilatus genau danach. Ob er ein König sei, will er wissen. Jesus antwortet mit einem klaren Ja, fügt aber hinzu: „Nicht von dieser Welt.“ Die Menschenmenge verspottet und verhöhnt ihn dafür. Sie legen ihm einen alten roten Mantel um, setzen ihm eine Dornenkrone auf, machen ihn so lächerlich und kreuzigen ihn - aber: vernichten ihn nicht. Denn mit Ostern hatte keiner gerechnet. Dadurch dass Jesus auferstanden ist hat er den Tod besiegt. Und dadurch ist seine Botschaft eine frohe und lebensbejahende. Die Auferstehung ist der endgültige Sieg Jesu über den Tod; und der Sieg seiner frohen und lebensbejahenden Botschaft. Jesus ist ein unsterblicher König mit einem so ganz anderen Regierungsprogramm. Ein Programm, das nicht unterdrückt sondern erwartet, dass man sich gegenseitig achtet, sich einsetzt für Gerechtigkeit, seinen Nächsten liebt. Ein Programm, das das eigene Leben unterstützt, hier und jetzt. Ein Programm mit einer Perspektive über den Tod hinaus. Der Christkönigssonntag bekennt sich zu dieser menschenfreundlichen, göttlichen Königsherrschaft.

In der Zeit der Nazidiktatur war dieser Sonntag für die organisierte katholische Jugend ein besonderer Tag. Bekenntnissonntag nannten sie ihn. Mit der Christkönigsverehrung haben sie geantwortet auf den Führerkult der Nazis. Sie haben eigene Fahnen und eigene Uniformen getragen, mit eigenen Prozessionen haben sie sich zu Jesus Christus bekannt. Für viele mit schrecklichen Folgen. Antrieb für sie war, was Jesus Pilatus geantwortet hat: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder der aus der Wahrheit ist hört auf meine Stimme.“ Diese Stimme ist nicht verstummt. Ich hoffe, dass sie auch in unserer Zeit gehört wird. Und nicht erst dann, wenn es mal wieder zu spät ist.

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Tom Buhrow ist der Intendant des WDR und ehemaliger Moderator der Tagesthemen. 1958 in Troisdorf geboren, Abitur in Siegburg, dann Studium der Geschichte, Politikwissenschaften und Rheinischer Landeskunde in Bonn. Ein Rheinländer, das verbindet uns beide und auch das Katholisch-Sein, das ja im Rheinland eine eigene Qualität hat. Zum Einen das Rebellische, geschichtlich bedingt durch die Abgrenzung vom Preussischen, das am Rhein nie auf Sympathie stiess. 

Das andere ist: da wo die Kirche selber versucht Macht auszuüben und sagt - ich schreibe dir jetzt vor wie du dein privates Leben zu leben hast - dann trennt sich diese Allianz
und dann sagt der Rheinländer: ja, also ich lass den lieben
Gott „ne joode Mann sinn“, einen guten Mann sein, weil ich mir nicht genau vorschreiben lasse, wie ich im privaten Leben zu leben habe. Deshalb ist so eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Regeln und den Dogmen und auf der anderen Seite aber doch eine kulturelle Verbundenheit mit der Kirche: wir sind Katholiken und wir sind stolz drauf, das ist eigentlich die Tradition.

Seit 2013 lebt Tom Buhrow wieder im Rheinland. Am 1.Juli wurde er in Köln zum Intendanten des WDR gewählt. Bekannt wurde er durch seine vorangegangene Aufgabe als Moderator der Tagesthemen und vorher schon als Leiter und Gesicht des ARD Fernsehstudios in Washington. Die Frage ob er als gelernter und erfahrener Journalist sich manchmal nicht nach alten Zeiten an der journalistischen Front sehne beantwortet er mit einem klaren Nein. Alles hatte und hat seine Zeit.

Das ist im Leben ja eigentlich immer so. Man muss eine Sache loslassen um in eine neue Lebensphase zu kommen. Wenn man Vater wird ist man kein Single mehr. Man ist verantwortlich für ein kleines Wesen und kann nicht mehr in die Kneipe oder ins Kino gehen wann immer das einem passt. Aber man hat eine ganz tiefe andere Befriedigung, die man dafür bekommt. So ist das hier auch.

Wie bei jedem gibt es auch für Tom Buhrow Menschen, die ihn geprägt oder fasziniert haben. Auch beim Thema Glauben. Große Namen zu nennen fällt ihm da aber eher schwer.

Mich inspirieren meistens Menschen aus Fleisch und Blut mehr als diejenigen die so über die Jahrhunderte hinwegstrahlen - und natürlich auch zu uns sprechen. Das ist bei mir auch abhängig von der Lebensphase oder Lebenssituation. Das kann mal jemand sein, der sehr in der Einkehr war, ein Einsiedler, der mich jetzt mehr inspiriert und dann, in der nächsten Lebensphase, jemand der mehr im Leben stand, und sehr hemdsärmelig -sozusagen- im Leben war.

Zwei biblische Gestalten nennt er mir dann doch.

Ich hab mich früher immer mit Johannes ein bisschen mehr identifiziert, der Sanfte unter den Jüngern. Ich hab kürzlich eine Situation gehabt wo ich mich sehr Maria zugewandt fühlte, da hatte ich das Bedürfnis nach dieser Mütterlichkeit. Insofern bin ich da aber offen solange es da einen Zugang gibt, zum Göttlichen, egal worüber der kommt.

Tom Buhrow steht zu seinem Christ-Sein, aber auf zurückhaltende Weise. Der Glaube ist ihm wichtig, aber einer, der um seine Ecken und Kanten weiss.

Ich muss nicht perfekt sein und sündenfrei sein um vor Gott zu treten. Ich hab  - weil niemand in der Lebensführung komplett perfekt ist - auch mit dem öffentlichen Bekenntnis „Ja ich glaube" immer ein bisschen ein Problem gehabt, weil ich das Gefühl habe das ist immer so ein bisschen verdächtig: man stellt sich hin und denkt: ja ich bin ein aufrechter oder makelloser Mensch oder ich führe ein christliches Leben. Das ist nicht der Fall.

Sicher nicht nur bei ihm. Was ihn in dieser Haltung bestärkt, warum er von Imagekampagnen der Kirche wenig hält und wie er an seine ehemalige SWR Sendung „Tim fragt Tom“ erinnert wird, dazu im zweiten Teil.

Teil II:

Tom Buhrow ist Medienprofi durch und er hält auch das Engagement der Kirche in den Medien für richtig, warnt aber vor Übertreibungen.

Deshalb finde ich es auch gar nicht gut, dieses „Ja die Kirche muss sich besser verkaufen „- find ich überhaupt nicht. In Amerika hab ich das gesehen, die können sich glänzend verkaufen auf einer Bühne mit einem Mikrophon. Da sind Prediger, die sind Showmen. Ich fühle mich dadurch jedenfalls eher abgestoßen - muss ich sagen.

 Sein Verhältnis zu Gott und Glauben ist da leiser und unaufdringlicher. Mit einer Erfahrung, die dem Leben Halt geben kann.

Ich glaube, dass da nicht irgendjemand ist, sondern dass der Allmächtige mich wollte. Ich hab kürzlich jemand kennengelernt - der ist schwul - und der sagte: ich hatte so damit zu kämpfen dazu zu stehen, das war so ein Kampf. Ich hab so mit Gott gerungen und dann hab ich irgendwann gesagt: „Du hast mich so gemacht, jetzt musst mit mir leben wie ich bin.“ Und da ist was Tröstliches drin. An den Satz hab ich den letzten Monaten ein paar mal  gedacht: “Du hast mich so gemacht, jetzt musst du damit leben wie ich bin.“

Ich glaube das tut Gott auch. Ich hoffe es zumindest. Zum Abschluss unsres Gespräches erinnere ich Tom Buhrow an seine ehemalige Hörfunksendung „Tim fragt TOM“. Hier bei uns im SWR. Dort versuchte er Schwieriges mit einfachen Worten zu erklären. Mit Blick auf das Fest auf das wir zusteuern bitte ich ihn es mit einem Begriff aus meinem Metier zu versuchen. Weihnachten. Die Antwort ist meditativ.

 Wärme in der Dunkelheit. Und in dem dunkelsten Moment entsteht das Licht, das riesengroß wird. Und im kältesten Moment entsteht die Wärme, die uns alle leben lässt. Und in der ärmsten kleinen Stallecke wird das ärmste Baby geboren, das umgebracht werden sollte und heute berechnen wir fast in der ganzen Welt die Zeit nach ihm.

Und werden das hoffentlich auch weiterhin tun.

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Thomas Sternberg ist Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Seit zwei Jahren steht der promovierte Germanist, Kunsthistoriker und Theologe an der Spitze der katholischen Laienorganisation. In der Mitte des 19.Jahrhunderts gegründet ist sie bis heute die Stimme der engagierten katholischen Christen der Republik. Mit Stellungnahmen, gelegen oder ungelegen, zu kirchlich
wie gesellschaftlich relevanten Fragen der Zeit. Die vom ZDK alle
zwei Jahre organisierten Katholikentage waren und sind immer wieder deutliche Zeitansagen. Der Name Zentralkomitee klingt jedoch etwas aus der Zeit gefallen. Der Präsident weiss darum.

Ja wir legen allerdings immer Wert darauf, dass das Zentralkomitee der Katholiken älter ist als alle kommunistischen Zentralkomitees
und fast alle überlebt hat. Man könnte problemlos aus ZDK auch Zentralrat der Katholiken machen, vielleicht wäre es auch besser. Zumindest wenn ich angesprochen werde von Journalisten, was sehr häufig passiert, als Präsident des Zentralrats, korrigiere ich das grundsätzlich nicht.

Am 20.November 2015 wurde Dr. Sternberg in dieses Amt gewählt. Ein Ehrenamt, das einiges an Einsatz erfordert und oft Anlass zu Diskussionen gibt. Rückhalt findet er in seiner Familie, die sein Engagement unterstützt. An erster Stelle seine Frau Angelika und seine fünf erwachsenen Kinder. Heisse Eisen anzupacken scheut sich der 65jährige nicht. Auch nicht bei kontroversen innerkirchlichen Themen: zum Beispiel wie mit wiederverheirateten Geschiedenen umzugehen ist. Allerdings mit einer über das Thema hinausführenden Motivation.

Ich glaube wir sind in einer Situation wo wir innerkirchliche Probleme nicht deswegen bereinigen und diskutieren sollten damit wir uns mit uns selbst beschäftigen sondern wir sind in einer Situation, wo wir so dringend auf anderen Feldern der Gesellschaft gebraucht werden, dass wir sehen sollten dass wir unser Haus so gut in Ordnung kriegen, dass wir uns nicht mit solchen internen Streitigkeiten die Zeit wegnehmen.

Gesellschaftlich drängende Themen gibt es genug. Die Flüchtlingsproblematik, Fragen der internationalen Gerechtigkeit, die europäische Krise oder auch neu aufkommende Themen aus dem Bereich der Bioethik.

Da kommen jetzt solche Sachen wie Gen-Editing; dass man einfach durch das Einnehmen einer Tablette seine Keimbahn verändern kann und für alle Generationen ein verändertes Erbgut produziert- kann man das machen? Darüber werden wir diskutieren müssen.

Und über vieles mehr. Dabei ist immer wieder die Rückbindung an die Botschaft Jesu Christi notwendig und die Besinnung darauf wozu Kirche und Christentum eigentlich da sind. Für Dr. Sternberg ist Jesus derjenige, der eine Umwertung aller Werte vorgenommen hat, der jede an ihn gerichtete Erwartung unterläuft, sie paradox beantwortet.

Da ist einer der ist als Messias erwartet, als König und der wird als normales Menschenkind geboren irgendwo in einer Krippe irgendwo in einer Ecke in einem Winkel von Palästina. Und da ist einer von dem man gedacht hat der wird jetzt seine Truppen um sich scharen und der sagt: „ich bin nicht gekommen um mich bedienen zu lassen sondern um zu dienen“; der das so weit treibt, dass er das bis zum Zeugnis des Gründonnerstages bringt wo er den Jüngern die Füße wäscht und in der logischen Konsequenz den erbärmlichsten Tod stirbt den man im römischen Reich überhaupt sterben konnte. Und aus diesem totalen Scheitern als der Gottessohn, als unser Herr und Gott, hervorzugehen, das ist für mich das eigentlich Befreiende der gesamten christlichen Tradition und Theologie: zu wissen unsere Kriterien gelten so nicht. Es ist alles anders.

Das zeigt sich auch in der Art und Weise wie Papst Franziskus sein Amt versteht und gestaltet. Warum ihn Dr. Sternberg deswegen bewundert, warum Martin Luther einen solchen Papst gebraucht hätte und warum der zweifach Promovierte bis heute von seiner Bäckerlehre profitiert, dazu mehr nach dem nächsten Titel.

Teil II:

Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hat Germanistik, Kunstgeschichte und Theologie studiert. Zweifacher Doktortitel,Honorarprofessor für Kunst und Liturgie, ein Akademiker par excellence. Aber einer mit kräftiger Bodenhaftung. Abendgymnasium und Studium kamen später. Begonnen hat alles mit einer Bäckerlehre im elterlichen Betrieb.

Ich hab eine Riesenhochachtung vor handwerklicher Arbeit immer behalten - ich back auch heute noch ganz gerne - und ich glaube wir brauchen heute ganz dringend eine Anerkennungskultur, die deutlich macht der Mensch fängt nicht mit dem Abitur an, er fängt schon gar nicht mit einem akademischen Titel an sondern es geht darum wer er ist und ob er seine Sache gut macht.

Einer der seine Sache besonders gut macht ist für Thomas Sternberg Papst Franziskus.

Papst Franziskus ist ein Glücksfall für die katholische Kirche denn dieser Papst mischt die Kirche auf. Was ich an ihm bewundere ist: er ist jemand der etwas sagt das voll und ganz in der Tradition des Christentums steht aber der es nochmal so sagt und so sieht dass man eine Perspektivenveränderung macht, das man plötzlich die Wirklichkeit anders sieht als man sie vorher gesehen hat.

Mit dem Mut zur Perspektivenveränderung hätte man vielleicht auch mit dem Anliegen, das Martin Luther vor 500 Jahren umtrieb, anderes umgehen können.

Vielleicht war es auch eine Misserfolgsgeschichte des Katholischen, dass er damals keinen Papst gefunden hat der in der Lage gewesen wäre eine revolutionäre Bewegung als Erneuerung zu akzeptieren und zu integrieren. Im Grunde genommen sind alle so genannten Ketzerentwicklungen  immer Anfragen gewesen an die Integrationsfähigkeit der Katholischen Kirche.

Um so wohltuender, dass das Reformationsjubiläum in diesem Jahr einen verbindenden, bewußt ökumenischen Charakter hatte und immer noch hat. Auch eine Perspektivänderung. Dass sich oft Dinge anders zeigen und entwicklen davon weiss schon die Bibel. Dr.Sternberg nennt zwei Bibelstellen die ihm neben anderen viel bedeuten. Die eine steht im Alten Testament: der Aufbruch Abrahams.

Wichtig scheint mir in diesem Auftrag an Abraham zu sein, dass Gott ihm sagt: Geh in das Land das ich dir zeigen werde. Nicht das du dir ausgesucht hast von dem du meinst da könnte es vielleicht noch besser sein, sondern was ich dir zeige. Es heisst es gibt im Leben sehr vieles was man sich vielleicht nicht aussucht, was man nicht selbst gemacht hat, was aber als Auftrag da ist. Und dann wird aus dem Römerbrief der Satz gelten: der Geist hilft eurer Schwachheit auf.

Darauf vertraut Thomas Sternberg, darauf vertraue ich auch.

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