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01SEP2021
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SWR4 RP Morgengruß

"Mein Akku ist gleich leer", ein Anruf an einem Donnerstag, frühmorgens um halb zwei. "Mein Bett, plötzlich ist es geschwommen, ich bin hoch in den ersten Stock gerannt..." Die Stimme meines Mannes heiser, ich bin hellwach. Er arbeitet in Bad Neuenahr. Später schickt er noch eine Nachricht, ein dunkles Foto, eine Kerze. "Kein Strom, sitze mit den Nachbarn, hören nur Wasserrauschen." Mir rauscht es im Ohr. Noch heute. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Ab drei Uhr früh höre und lese ich nichts mehr von ihm.

Dafür sehe ich Nachrichten. Wasserfluten fressen Straßen, spülen Häuser weg, Orte versinken im Schlamm. Menschen: verletzt, vermisst, viele gestorben. Auch Feuerwehrleute. Mein Herz wird eng mit jeder weiteren Stunde. Dabei habe ich noch Glück, mit dem Lebenszeichen des Liebsten.

„Meine Mutter im Seniorenheim, weiß jemand was? Meine kleine Tochter ist verschwunden“, ich klicke mich durch die Netzwerke. Menschen trösten und helfen einander, sofort und schnell. „Braucht jemand Konserven, Kleidung, eine Babytrage, einen Rollator?“

Eine Hilfewelle, die mich berührt und tröstet. Über den Katastrophentourismus hinweg, die Arien der Klimawandel-Leugner, die Prominenz im Wahlkampfmodus… All das zählt weniger als diese Hilfsbereiten. Die teilen, was uns zu Menschen macht. Menschlichkeit, Mitleid, Nächstenliebe. Dann – endlich – nach 14 bangen Stunden der Anruf. „Mir geht’s gut, bin wieder erreichbar.“ Selten habe ich Gott so laut gedankt. Und all denen, die füreinander da waren – und noch sind.

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14AUG2021
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„Ach, Sie sind die Tochter“, begrüßt sie mich, „ich bin die neue Nachbarin“. Wir stehen vor der Tür meiner Mutter im Senioren-Wohnheim. Vor kurzem ist sie dort eingezogen. „Jetzt trinken wir einen Sekt auf Ihren Einzug, das Leben ist so schön“, sagt die Dame unter korrekt frisiertem Silbergrau.

„Raten Sie mal, wie alt ich bin“, sie zückt kokett den Schlüssel zu ihrem Appartement und schiebt uns mitsamt ihrem Rollator hinein. „Ja, das rätst du nicht“, sagt meine Mama. Ich komme ohnehin nicht zum Raten. Die beiden betrachten sofort silbergerahmte Fotos. „Einen Sohn, paar Enkel und einen Urenkel hab ich. Aber jetzt bin ich doch hier gelandet.“

Ihre kirschgeschminkten Lippen lächeln leicht zerknittert. „Ah, ich wollte was anbieten“, sie läuft zum Kleiderschrank, stutzt, „nun suche ich schon hier den Schnaps“; sie findet ihn in der Anrichte. Wir trinken statt Sekt Marillenartiges. Sie taucht währenddessen in Erinnerungen und in ein Leben, das weit weg scheint.

„Irgendwann bin ich umgefallen und im Kopf fällt auch mal was um“, lacht sie schließlich. „Ihr Kopf sitzt aber noch stolz oben“, sage ich. „Ja, mit 20 hatt’ ich schon gern die Haare schön und ein Friseursparkonto. Das klingt albern, aber ich hab immer Wert auf mich gelegt.“ Ich lächle und denke, so schön kann man den Begriff „Würde“ umschreiben.

„Sie wird 92“, verrät meine Mama. „Ja, ich glaube, so etwa“, sagt die Nachbarin unsicher, „ich vergesse ja vieles, aber mir reicht, was ich weiß und ich sag Ihnen: Wir könnten hier viel meckern, aber wir können es auch lassen“. Die Beiden kichern wie junge Mädchen. Als wir gehen, werde ich ermahnt: „Kommen Sie wieder zum Sekt. Und vergessen Sie nicht, das Leben ist verdammt schön.“ Wie könnte ich das vergessen.

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13AUG2021
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Alles liegt da. Sofa, Tisch, Matratze, Fernseher, Fotoalben, Teller, Schuhe, Bücher, alles zusammengeschoben zu einem Berg. "Das war mein Leben", flüstert sie, „ich hab nichts mehr“. Um die vierzig mag sie sein. Eine derjenigen, die nach der Flut-Katastrophe auf diese Berge sehen. Unterschiedlichste Dinge, nun alle gleich: schlammbraun.

Ich sage nichts, beschämt, dass ich noch ein Zuhause habe mit Wasser und Strom, mit Bett und Mann, der in Bad Neuenahr arbeitet, aber in seiner Zweitwohnung glimpflich davongekommen ist. "Was bin ich noch?", fragt sie, wie ein Gespenst in Gummistiefeln. Ihre Frage setzt sich fest. Was bin ich, ohne das, was ich zum Leben brauche, und ohne das, was dazu gehört, Fotos, Briefe, Erinnerungsstücke. Ganz zu schweigen von geliebten Menschen, die manche verloren haben.

"Was ist der Mensch?" fragt der Dichter Erich Mühsam 1914. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs, der sogenannten Urkatastrophe, schreibt er:
Was ist der Mensch?
Ein Magen, zwei Arme,
ein kleines Hirn und ein großer Mund,
und eine Seele – daß Gott erbarme! (…)
Was muß der Mensch?
Muß beten und lieben und fluchen und hassen,
muß hoffen und muß sein Glück verpassen –
und leiden wie ein geschundner Hund.

Wie viele leiden noch. Wie die Hunde. Und doch wie Menschen. Begleitet von denen, die für Magen, Mund und Seele sorgen – über Hilfseinsätze, Notfallseelsorge – und all jenen, die mithelfen, mitweinen, beten, zuhören. „Was bin ich noch?“ Antworten konnte ich dieser Frau nicht, nur Schulter an Schulter vor ihrem Trümmerberg stehen. Mit unserer Seele, dass Gott erbarme.

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12AUG2021
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"Mein Akku ist gleich leer", ein Anruf an einem Donnerstag, frühmorgens um halb zwei. "Mein Bett, plötzlich ist es geschwommen, ich bin hoch in den ersten Stock gerannt..." Die Stimme meines Mannes heiser, ich bin hellwach. Er arbeitet in Bad Neuenahr. Später schickt er noch eine Nachricht, ein dunkles Foto, eine Kerze. "Kein Strom, sitze mit den Nachbarn, hören nur Wasserrauschen." Mir rauscht es im Ohr. Noch heute, vier Wochen danach. An Schlaf nicht zu denken damals. Ab drei Uhr früh höre und lese ich nichts mehr von ihm.

Dafür sehe ich Nachrichten. Wasserfluten fressen Straßen, spülen Häuser weg, Orte versinken im Schlamm. Menschen: verletzt, vermisst, viele gestorben. Auch Feuerwehrleute. Mein Herz wird eng mit jeder weiteren Stunde. Dabei habe ich noch Glück, mit dem Lebenszeichen des Liebsten.

„Meine Mutter im Seniorenheim, weiß jemand was? Meine kleine Tochter ist verschwunden“, ich klicke mich durch die Netzwerke. Menschen trösten und helfen einander, sofort und schnell. „Braucht jemand Konserven, Kleidung, eine Babytrage, einen Rollator?“

Eine Hilfewelle, die mich berührt und tröstet. Über den Katastrophentourismus hinweg, die Arien der Klimawandel-Leugner, die Prominenz im Wahlkampfmodus… All das zählt weniger als diese Hilfsbereiten. Die teilen, was uns zu Menschen macht. Menschlichkeit, Mitleid, Nächstenliebe. Dann – endlich – nach 14 bangen Stunden der Anruf. „Mir geht’s gut, bin wieder erreichbar.“ Selten habe ich Gott so laut gedankt. Und all denen, die füreinander da waren – und noch sind. 

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11AUG2021
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„Kein Handy am Tisch“, nörgle ich mal wieder. „Jaa“, murmelt der Große. „Ich wollte nur kurz nachsehen, was ein Okapi ist...“ Aha, davon hatten wir gerade die Rede. Gut, wenn man schnell googeln kann, wofür ich früher zum Regal laufen und dudeln musste, also im Duden lesen: „Das Okapi heißt auch Waldgiraffe.“ Heute gibt’s sekundenschnell Wissen, Wichtiges und Witziges. Kurz im Smartphone zu überfliegen und - die anderen dabei kurz oder lang zu übersehen. „Hallo“, wedle ich dem Großen vor Augen rum, aber der ist abgetaucht.

Ähnliches später im Cafe. Ein Mann schaut seiner Partnerin beim Chatten zu. Zwei Freundinnen sitzen über Aperol und ihren Insta-Accounts. Drei Jungs, ihre Daumen rasen übers Display. Ab und an ein „guckt mal“, ein Lachen, dann senken sich die Köpfe wieder. Und der Mann grummelt der Freundin ins Ohr: „Guckst du mich heut auch nochmal an?“ Tja, gesehen werden, das ist - weiß Gott – schön. „Gott, Du hast mich angesehen“, sagen Menschen in der Bibel, wenn sie sich gemeint und geliebt fühlen. Dass wir mal so oft auf geliebte Geräte blicken werden …

Ich denke an eins meiner ersten swr-3-Worte. Damals hab ich mich leicht lustig gemacht über das Mobiltelefon. Groß wie ein Klotz. Und nur zum Telefonieren für unterwegs. Damals. Wann war das noch gleich? Ich zücke mein Smartphone. Ah ja, in den 1990ern, sehe ich. Dann höre ich ein paar Audios, chatte ein bisschen. „Ach, hier bist du?“ Ich schaue hoch, da steht mein Großer. „Oh, schon so spät“, stammle ich. „Macht nichts, ich hab´ dich ja gesehen“, meint er. „Schön“, sage ich, „lass uns noch was trinken“. „Gern“, grinst er, „aber nur ohne Handy am Tisch“.

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10AUG2021
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„Hach, Ferien“. Auch wenn ich diesen Sommer - wie so viele – keine Urlaubsreise mache. Für das Feriengefühl brauch ich nur eins: eine Muschel in der Hand. Bei mir im Bad liegen einige griffbereit. Verschnörkelt braunrot oder wunderbar weiß gefächert. Schon als Kind habe ich sie gesammelt, mit meinen Brüdern um die Wette. “Ich hab sie zuerst gesehen.“ Ich sehe uns rennen. Und am Strand mit den Wellen um die Wette hüpfen.

Bis heute liebe ich Muscheln. Und gerade in diesem Zuhausebleiben-Jahr wäre ich gern am Meer. Ich war an vielen Stränden, mit knallbunten Fischen und baumhohen Wellen. Ich habe Angst gehabt oder mich einfach schaukeln lassen. Und jedes Mal bin ich überwältigt. „Der Himmel freue sich, die Erde sei fröhlich; das Meer brause und was darinnen ist“ so schwärmt schon einer in der Bibel. (Psalm 96,11)

Sandig die Füße, salzig das Gesicht, das fühlt sich an wie neugeboren. Das Meer ist wunderbar: wild, sanft und säuselnd. Voller Leben. Noch. Noch ist es voller Fische, die nicht einmal alle entdeckt sind. Die tollsten und die ältesten Lebewesen – Korallen und Schwämme leben dort in der Tiefe, teilweise seit 10.000 Jahren. Wunderwesen der Schöpfung, die da unten wuseln, noch immer, trotz aller Überfischung und Plastikmüll und und .. Ja, die Weltmeere müssen besser geschützt werden. Doch ich glaube, das gelingt nur, wenn wir und unsere Kinder das Meer lieben lernen - und die Muscheln.

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09AUG2021
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Ich hab´ es getan. Das erste Mal. Ich habe eine Freundin umarmt und gleich noch ihren Freund dazu. Ohne Abstand - seit gefühlten Ewigkeiten. Wir sind alle „durchgeimpft“. Ein unschönes Wort, aber was für ein schönes Gefühl: aufeinander zugehen, ohne zurückzuweichen. Einander in den Arm nehmen, das Herz klopfen hören, die Hand festhalten.

Es war ein Moment, als würden wir neu geboren, berührt wie am ersten Tag. Wie auf Michelangelos berühmten Gemälde in der sixtinischen Kapelle in Rom. Gottvater, wie man ihn sich damals vorstellt, mit Rauschebart, streckt seinen Finger nach Adam aus, dem ersten Menschen, den er ins Leben ruft. Mit einer leichten, innigen Berührung. Und das, ohne die Hand zu desinfizieren. Gott und Adam mit Hygienespray: Diese Collage ging in den ersten Coronamonaten durchs Netz.

Inzwischen erleben wir den Sommer der ersten Male. Das erste Mal Umarmen, das erste Mal Urlaub. Das erste Mal im Restaurant. Das ist schon eine Weile her, aber ich weiß es noch: Im Schlossgarten Schwetzingen. Mein Mann und ich schlendern frisch getestet durch das Grün und genießen ein Stück Erdbeerkuchen. Nicht to go sondern mit einem Kellner to come. Ein Gefühl, als wär´s der erste Schöpfungstag.

In den Hochwassergebieten – dieser erstmaligen Katastrophe hierzulande – da sah und sieht das gute Leben ganz anders aus. Das erste Mal wieder Strom zum Kochen, eine Wohnung ohne Schlamm, ein Tag ohne Sorgen ums Überleben. Aber auch Tage voller Menschen, die einander umarmen und zur Hand gehen. Gott sei Dank. Was für ein Sommer. Kein Bilderbuchsommer, aber einer voller Bilder, die berühren.

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08AUG2021
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Bei mir zuhause wohnt Gott. Ich hab ihn selbst eingeladen. Seither ist er immer da, wo ich auch bin. Schleicht um mich herum. Ob es mir gut geht oder schlecht, Tag und Nacht. Ja, dann ganz besonders, wenn der Mond aufgeht, die Sterne sich blank putzen. Dann sieht er mich sanft an, aus schmalen Pupillen. Wenn alles schläft, aber ich komme nicht zur Ruhe - sitze am Schreibtisch, stehe am Bügelbrett, wandere zwischen Kühlschrank und Bücherregal…

Dann beobachtet er mich aus Bernsteinaugen. Sie ahnen es, es ist ein Kater. Gottgleich thront er plötzlich über mir an der Sessellehne, ganz nah am Ohr, spricht mich leise an. Schmiegt sich an mich. Weich und warm. Bringt mich zum Lachen. Wenn er mir seinen Kopf in die Hand legt, damit ich sein Ohr kraule. Dann schnurrt er sich die Seele aus dem Leib und die meine wird ruhig…. Klar, er ist nicht Gott. Aber wenn er um mich ist, der schönste Kater der Welt, fühle ich mich nicht allein.

Nein, kein weiterer Catcontent heute früh, nur ein Loblied auf Katzen. Die die Seele anrühren. Ohne die unsere Häuser traurig und das Internet fast leer wäre. Die einst wie Götter verehrt wurden und natürlich keine sind. Aber doch - wunderbare Geschöpfe. Millionen Samtpfoten und ihre Menschen in aller Welt wissen das, erst recht am heutigen Weltkatzentag. "Wer Gott erkennt, der erkennt auch die Kreatur, versteht sie und hat sie lieb“, sagt Martin Luther, „denn in der Kreatur sind die Fußstapfen der Gottheit". Da streckt er gleich seine Pfoten nach mir aus, mein Samtkater. Und weiß, auch dieser Tag ist für die Katz.

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30MAI2020
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Ich weiß nicht, an welchen Himmel er geglaubt hat. „Wer weiß das schon, was danach kommt“, hat er gesagt, in seiner bodenständigen Art. Wahrscheinlich hat er an einen Himmel voller Cellos geglaubt. Richtiger Celli, mit Latein hat er es immer genau genommen- zum Leidwesen von uns Kindern: mein Vater.

Die lichten blonden Locken ungekämmt, die Zungenspitze zwischen den Lippen, ganz in die Noten vor ihm vertieft spielt er Cellosuiten von Johann Sebastian Bach. Wenn ich heute auch nur wenige Töne daraus höre, sehe ich ihn vor mir. Wie er eintaucht in diese Musik, in „seinen Bach“. Genauso wie in seine geliebten, kalten Seen.

Ich weiß, woran er geglaubt hat in seinem Leben. Dass der Himmel nicht voller Abgase, das Wasser nicht verdreckt und die Felder nicht überdüngt sein dürfen. Er war ein Grüner, noch bevor es das Wort und die Partei gab. Er hätte aufgeatmet mit der Erde über die willkommene Auszeit in diesen Monaten. Hätte sich gefreut mit den Kindern in Wuhan, die zum ersten Mal den Himmel klar sehen konnten und nicht rußverhangen.

Er hat daran geglaubt, dass die Bäume, die er gepflanzt hat vor seiner Kirche ihn noch lange überleben sollten. Er hat sie abendelang gegossen. Selbst die Bäume am Straßenrand, gleich beim Acker, wo er mit den Bauern gesprochen hat. „Weißt du“ hat er mir als Kind erzählt „ich bin Bauer geblieben, wie meine Vorfahren, auch wenn ich Pfarrer geworden bin“. Sein Gottesdienst war, am Boden zu bleiben.

Warum ich das erzähle? Weil ich ihn vermisse. Und weil Himmelfahrt noch nicht lange her ist. Vatertag. Lange vor Bier- und Bollerwagenfahrten fährt Jesus zu seinem himmlischen Vater auf. Ein wunderbares Bild. Außerdem feiern wir morgen Pfingsten. Den Heiligen Geist, der von oben kommt, vom „Vater unser im Himmel“, wie wir beten. Gell, Papa, möchte ich sagen. Und blinzle zu den Wolken. „Wer weiß das schon so genau mit dem Himmel“, höre ich ihn lachen. Und dann - ganz leise ein paar Cellotöne.

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29MAI2020
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„Nein, bitte nicht küssen“, ruft der Zehnjährige, eines meiner Patchworkkinder, die am Wochenende die Bude stürmen. Er, der mich ansonsten gleich auf der Treppe umarmt. „Na dann geh mal vorsichtig rein“, sag ich. Und denke, nun fängt sie wohl an, die Pubertät. „Du weiß doch, Corona“, sagt er feierlich, „obwohl, ich bin ja öfter da, da könnt ich dich ja doch…“ „Schon gut, du bleibst ja noch bisschen“, sag ich. Er kramt aus der Jacke seinen Mundschutz vor und mummelt „aber weißt Du, manchmal bin ich froh, dass mich nicht jeder knuddelt“.

Ich grinse und erzähle, wie es bei mir war. Ich bin etwa 11 gewesen, da habe ich zum ersten Mal gedacht: „Bitte nicht umarmen.“ Mein Opa steht vor der Tür. Ich strecke ihm steif die Hand hin. Aber Opa lacht nur, umarmt mich fest – bis heute rieche ich sein „Old Spice“ - und drückt mir einen Schmatzer auf. Und das mit seiner Reibeisenhaut.

Doch, ich habe meinen Opa geliebt. Aber als ich halb erwachsen war, ist es mir auch so ergangen wie vielen Halbwüchsigen: „Küssen verboten!“ Das habe ich bei so manchen Onkels und Tanten gedacht „nein, nicht umarmen“. Besonders, wenn man mir dazu noch mit einem spuckbefeuchteten Taschentuch... Lassen wir das. „Nein“ sagen dürfen, ist wichtig. Nicht erst seit der Mee-too-Debatte oder in Coronazeiten. Aber einander ganz freiwillig umarmen und küssen, das bleibt lebenswichtig.

Menschen brauchen Berührungen. Vom ersten Atemzug bis zum letzten. Darum knuddeln wir Babys, nehmen einander in den Arm, streicheln Hände, wenn jemand krank ist oder stirbt. Wie bitter ist das, wo eben diese Nähe nicht möglich ist. Und wie sehnsüchtig wird sie erwartet, die Zeit, in der wir einander wieder näher kommen dürfen. Hautnah.

„Er lief, umarmte und küsste ihn“, heißt es in einer bekannten Geschichte der Bibel. Der Vater umarmt seinen verlorenen Sohn, der zurückkehrt. Ich bin für dich da, sagt er damit, ganz gleich, was geschehen ist und geschieht. Ich liebe dich. „Duuu“, sagt mein Söhnchen verschmitzt nach dem Mittagessen, „darf ich auf deinen Schoß, ich gehör ja zum Haushalt. Dann darf ich das.“ Wer kann da schon Nein sagen.

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