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,GL Mainz 879 

„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“: So beginnt ein beliebtes Volkslied des 20. Jahrhunderts. Augenzwinkernd nimmt es nach und nach die Besatzung aufs Korn, angefangen beim Kapitän. Vermutlich wissen aber alle, die das Lied singen oder hören: Es kann auf einem Schiff schnell ungemütlich und gefährlich werden – und das nicht erst auf dem Meer.

Steig in das Boot, sagst Du, stoß ab vom Sand.
Fahr gegen Wind, fahr zu, bis du am andern Strand
siehst, was ich tu. 

Die Evangelien erzählen von einer Bootsfahrt, bei der das Wetter sich verschlechtert: Jesus fordert die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Er selber will die Menschenmenge, die sich um ihn versammelt hat, nach Hause schicken. Die Jünger fahren los. Als sie schon ein beträchtliches Stück vom Land entfernt sind, kommt heftiger Gegenwind auf. Die Wellen werfen das Boot hin und her, und dunkel wird es inzwischen auch noch.

Gibst Du uns einen Stein, Meister, statt Brot?
Lässt Du uns jetzt allein? Treibst Du uns in die Not mitten hinein? 

Die Jünger erinnern sich, dass Jesus ihnen gesagt hatte: „Bittet, dann wird euch gegeben! Denn jeder, der bittet, empfängt. Welcher Vater wird denn seinem Sohn einen Stein geben, wenn er ihn um Brot bittet?!“ Doch jetzt im Sturm ist dieses Vertrauen wie weggeblasen. Es bleiben nur noch Fragen übrig: Hält Jesus seine Jünger zum Narren? Lässt er sie jetzt allein? Hat er sie am Ende gar mit Absicht in dieses Unwetter geraten lassen? „Treibst Du uns in die Not mitten hinein?“

 Wir sehen nichts als Kahn, Wasser und Wind.
Sagst Du: Legt drüben an? Aber die Nacht beginnt.
Wo bist Du dann? 

Keinen Boden unter den Füßen. Kein Dach über dem Kopf. Kein Land in Sicht. Die Aufforderung Jesu an die Jünger, drüben anzulegen, erscheint ihnen jetzt sinnlos. Wo ist überhaupt das Ufer, zu dem sie unterwegs sind? Und noch mehr schmerzt die Frage: Wo ist ihr Herr?

In der Erzählung der Evangelien kommt Jesus tatsächlich zu seinen Jüngern. Zunächst erkennen sie ihn gar nicht und bekommen noch mehr Angst. Doch sein Wort stillt den Sturm, und mit ihm erreichen sie das Ziel.

Das „Schifflein Petri“ ist zu einem Bild für die Kirche geworden. Sie ist unterwegs, wir sind unterwegs durch die Stürme der Zeit. Nein, die Seefahrt ist nicht immer lustig. Aber immer neu lädt Jesus ein zum Abenteuer des Vertrauens: 

(Musik Orgelspiel, Text der 6. Strophe hineingesprochen)
Ich bin’s, so sagst Du dann, sieh, was ich tu!
Fahr mit zum andern Strand, hab keine Angst, sagst Du, hier – meine Hand! 

(Musik:„Singt Gott den neuen Lobgesang!“ Lieder aus dem Mainzer Eigenteil des neuen GOTTESLOB. Hg.: Institut für Kirchenmusik des Bistums Mainz. CD 3, track 13.)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19648

Schemelli Gesangbuch Nr. 938, NBA Nr. 68 

 Kommt wieder aus der finstern Gruft, 
ihr Gott ergebnen Sinnen!
Schöpft neuen Mut und frische Luft,
blickt hin nach Zions Zinnen;
denn Jesus, der im Grabe lag,
hat als ein Held am dritten Tag
des Todes Reich besieget. 

Mit der Feier von Ostern sind wir nicht so schnell fertig. Sieben Wochen lang, bis Pfingsten, feiert die Kirche die Auferstehung Jesu. Und außerdem gilt seit der Zeit der frühen Kirche jeder Sonntag als ein kleines Osterfest.

Auch die Versuche, Ostern zu verstehen, auszudrücken oder darzustellen, sind noch lange nicht am Ende. Wir haben ein Beispiel aus dem 18. Jahrhundert gehört. Es stammt aus einem Gesangbuch von Georg Christian Schemelli; die fast tausend Lieder, die es enthält, waren vermutlich für Hausandachten bestimmt. Johann Sebastian Bach hat an der Vertonung mehrerer Lieder mitgewirkt.

„Kommt wieder aus der finstern Gruft, / ihr Gott ergebnen Sinnen! … denn Jesus, der im Grabe lag, / hat als ein Held am dritten Tag / des Todes Reich besieget“: An die barocke Sprache müssen wir uns erst gewöhnen. Doch der Gedankengang ist klar: Jesus ist gestorben, aber nicht im Grab geblieben. Deshalb haben das Dunkle und der Tod nicht das letzte Wort, und sie sind auch nicht der letzte Ort, der uns Menschen bleibt. 

Im Neuen Testament lädt der Auferstandene mehrmals seine Jünger zu einem Mahl ein. Er teilt mit ihnen sein Leben, und er teilt ihnen sein Leben mit. Diese Einladung gilt bis heute; sie ist der Grund und die Mitte des christlichen Gottesdienstes: „Zum Siegel solcher Seligkeit gibt uns der Herr zu essen die Speise der Unsterblichkeit.“ Mit Bildern aus der Bibel umschreibt der Verfasser, was in der Feier der Eucharistie geschieht: Das Lamm, das geopfert wurde, wird zum Gastgeber. Die Speise, die wir empfangen, schenkt ewiges Leben.

Gott, unserm Gott, sei Lob und Dank,
der uns den Sieg gegeben,
der das, was hin ins Sterben sank,
hat wiederbracht zum Leben.

Der Sieg ist unser: Jesus lebt,
der uns zur Herrlichkeit erhebt,
Gott sei davor gelobet.

 

„Gott, unserm Gott, sei Lob und Dank, / der uns den Sieg gegeben, / der das, was hin ins Sterben sank, / hat wiederbracht zum Leben“: Die letzte Strophe lobt Gott und dankt ihm dafür, dass Jesus lebt und dass wir leben. 

Die Versuche, Ostern auszudrücken, sind noch lange nicht am Ende. Fast dreihundert Jahre nach dem Gesangbuch von Georg Christian Schemelli ist das Gedicht osterspaziergang von Andreas Knapp entstanden. Die Bilder entstammen unserer Gegenwart. Doch die Botschaft ist die gleiche. Und es bleibt die Einladung, sich ergreifen zu lassen: 

bei licht besehen
ist das grab kein endlager mehr
überwältigt betrete ich
den aufwachraum ins unbegrenzte
 

Musik:

J. S. Bach, Die kompletten Werke. Bohemian Music Service. MM 4193-2 „Licensed under permission of Hänssler Classic“. CD 4, MM 4088-2 “Ein Choralbuch für Johann Sebastian: Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Trinitatis”. Track 6: „Kommt wieder aus der finstren Gruft“: Geistliches Lied BWV 480, Choralsatz BWV deest / Wiemer 10.

Sibylla Rubens, Sopran; Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart; Leitung: Helmuth Rilling 

Textzitat:

„osterspaziergang“: Andreas Knapp, Heller als Licht. Biblische Gedichte. Würzburg: Echter 2014, S. 72.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19647

GL neu 380 / EG 331

CD für die Strophen: Chormusik zum Gotteslob, Carus 2.160/99, © 2013, Track 17

CD für den Schluss: Charpentier, Te Deum / Beatus vir / Salve Regina / Tenebrae factae sunt. Symphonic Chorus and Orchestra of the Gulbenkian Foundation Lisbon / Michel Corboz,  Erato 0630-13621-2, © 1996, Track 1

 Vorspiel und 1. Strophe

Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

Großer Gott, wir loben dich: Dieses Lied gehört zu meinen frühesten musikalischen Erinnerungen, und immer ist ein Fest damit verbunden: Erntedank, Jahresschluss, Fronleichnamsprozession. Allein schon die Melodie strahlt etwas Feierliches aus – gerade weil sie so schlicht ist: Eine Quintspanne genügt ihr, nur je einmal wird dieser Umfang um einen Ton unter- und überschritten. Die Melodie wandert fast immer zu unmittelbar benachbarten Tönen. Diese Ruhe spiegelt sich auch im Rhythmus; das Tänzerische des Dreiertakts hat sich in einen ruhigen Prozessionsschritt verwandelt.

 2. Strophe

Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen
stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen,
rufen dir stets ohne Ruh’: Heilig, heilig, heilig! zu.

Aber wie geht das: „Gott loben“? Und geht es überhaupt? Sicher nicht in dem Sinn, dass wir Gott Komplimente machen könnten oder müssten. Die Bibel versteht „Gott loben“ so: Wenn der Mensch in seinem Leben oder im Gang der Geschichte und der Natur staunend die Größe und Nähe Gottes ahnt, kann er das nicht für sich behalten; er muss seiner Freude Luft machen, muss davon reden, besser noch: singen, und er lädt andere Menschen, ja die Schöpfung ein mitzusingen: Großer Gott, wir loben dich - Himmel, Erde, Luft und Meere / sind erfüllt von deinem Ruhm.

Gott braucht unsere Lieder nicht; wir können aber vertrauen, dass sie ihn erreichen und freuen. Ein Text im katholischen Messbuch sagt: „Du bedarfst nicht unseres Lobes; es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken. Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil durch unseren Herrn Jesus Christus.“

3. Strophe

Dich Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine.
Deinem eingeborenen Sohn singt die heilige Gemeinde,
und sie ehrt den Heil’gen Geist, der uns seinen Trost erweist.

Dieses Lied hat weite Wege zurückgelegt. Seine Wurzeln reichen in die Psalmen des Alten Testaments zurück. Als lateinisches Morgenlied taucht das Te Deum laudamus – „Dich, Gott, loben wir“ im 6. Jahrhundert im Gottesdienst der Mönche auf und wandert im Mittelalter in das Stundengebet der Kirche. In der Barockzeit wurde das Te Deum zum Dankhymnus für festliche Anlässe, auch im staatlichen Leben; über 100 Komponisten haben es vertont – von Palestrina und Bach über Bruckner bis Arvo Pärt. Den Text, den heute viele Kirchen in ökumenischer Verbundenheit singen, hat um 1770 ein schlesischer Priester verfasst. Deutsche Auswanderer haben das Lied im 19. Jahrhundert nach Nordamerika mitgenommen; dort und in vielen anderen Ländern ist es zu einem beliebten Kirchenlied geworden.

1953 tauchte ein verschollenes Te Deum wiederauf, das der französische Musiker Marc-Antoine Charpentier im 17. Jahrhundert für einen Festgottesdienst komponiert hat; die jubelnde Fanfare, mit der es beginnt, erklingt seitdem weit über die Räume der Kirchen hinaus.

Marc Antoine Charpentier (+ 1704), Te Deum, aus der Einleitung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17124

GL neu 417

CD: Chormusik zum Gotteslob, Carus 2.160/99, Track 21

Musik

1. Strophe: Stimme, die Stein zerbricht, · kommt mir im Finstern nah,

jemand, der leise spricht: · Hab keine Angst, ich bin da.

Grabesstille: Zu diesem Bild greift unsere Sprache, wenn es irgendwo völlig lautlos ist. Etwas Unheimliches, Furchteinflößendes schwingt da mit, vor allem, wenn wir uns vorstellen, dass es auch noch dunkel ist.

In dem Lied, dessen erste Strophe wir gehört haben, steht ein Mensch im Dunkeln. Aber er ist nicht allein. Eine Stimme erreicht ihn, und sie hat die Kraft, Felsen zu sprengen: Stimme, die Stein zerbricht, kommt mir im Finstern nah. Diese Nähe ist gleichzeitig zart; es ereignet sich eine Begegnung, die Mut macht: jemand, der leise spricht: Hab keine Angst, ich bin da.

Dieser Jemand, der leise dazu einlädt, keine Angst zu haben, war immer schon da. Er liegt den Rhythmen der Welt und den Entscheidungen des Menschen voraus. Deshalb ist diese Stimme auch der tragende Grund: Sprach schon vor Nacht und Tag, vor meinem Nein und Ja, Stimme, die alles trägt: Hab keine Angst, ich bin da. Die zweite Strophe schließt mit der gleichen Einladung, keine Angst zu haben.

Musik

2. Strophe: Sprach schon vor Nacht und Tag, · vor meinem Nein und Ja,

Stimme, die alles trägt: · Hab keine Angst, ich bin da.

3. Strophe: Bringt mir, wo ich auch sei, · Botschaft des Neubeginns,

nimmt mir die Furcht, macht frei, · Stimme, die dein ist: Ich bin’s.

Die Stimme fordert nicht nur auf Hab keine Angst! Sie selber nimmt die Furcht, und sagt einen neuen Anfang zu. Diese Zusage reicht überall hin: wo ich auch sei. Es soll etwas neu anfangen. Bisher war der Mensch angesprochen, jetzt antwortet er; er hört nicht nur eine Stimme, sondern weiß: Es ist deine Stimme, die mir sagt: Ich bin’s.

Wäre das nicht ein schöner Schluss? Aber das Lied hat noch eine letzte Strophe, und sie klingt so, als sei wie ein Spuk verflogen, wovon bisher die Rede war: Den Sänger überfällt eine gähnende Leere; Hören und Sehen vergehen ihm. Doch die Beziehung, die er in den ersten drei Strophen erfahren hat, hält stand und hält ihn. Auch wenn es dann wieder leer wird – er kann diese Leere teilen. Darin liegt schon ein wir; das ist im wahrsten Sinn des Wortes besser als Nichts. Bangemachen gilt nicht mehr. Selbst wenn es wieder ganz lautlos wird – es herrscht jetzt keine Grabesstille mehr; denn da ist jemand gegenwärtig: Du bist hier.

 Musik

4. Strophe: Wird es dann wieder leer, · teilen die Leere wir.

Seh dich nicht, hör nichts mehr · und bin nicht bang: Du bist hier.

 Der schwedische Dichter des Liedes, Anders Frostenson, und sein norwegischer Komponist Hans Kverno sind beide Pfarrer, der deutsche Übersetzer auch. In ihrem Lied kommt das Wort „Gott“ nicht vor. Doch Ich bin da ist im Alten Testament der Name, mit dem Gott sich zu erkennen gibt; und Habt keine Angst, ich bin’s sagt im Neuen Testament Jesus zu den Jüngern, als er im Seesturm zu ihnen kommt. Das Lied hilft mir, die Antwort des Vertrauens buchstabieren zu lernen: Du bist hier.

MUSIK: Orgel

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17123

Lobet den Herren, alle, die ihn ehren - GL 671, EG 447 

Lobet den Herren alle, die ihn ehren; lasst uns mit Freuden seinem Namen singen und Preis und Dank zu seinem Altar bringen. Lobet den Herren!

Lobet den Herren! Diese Aufforderung eröffnet das Lied, und sie beschließt jede seiner zehn Strophen. Es ist ein Morgenlied; geschrieben hat es Paul Gerhardt, der evangelische Pfarrer und große Liederdichter des 17. Jahrhunderts. Seine Texte verbinden die beiden großen Konfessionen: Im „Evangelischen Kirchengesangbuch" ist er mit 26 Liedern vertreten; das neue katholische Gesangbuch „Gotteslob" wird 7 Lieder von ihm enthalten.

Wofür soll Gott gelobt werden? Für etwas scheinbar Selbstverständliches: Wir haben die Nacht heil überstanden und dürfen einen neuen Morgen erleben. Vier Strophen lang malt das Lied die Geborgenheit aus, die Gottes treue Nähe schenkt: Er hat unser Leben in der Nacht „so väterlich bedecket"; seinem Segen haben wir zu verdanken, dass wir gesund und munter aufstehen konnten; Gottes Engel hat uns beschützt vor Dieben und Räubern. Wie zerbrechlich das Leben sein kann, hat Paul Gerhardt am eigenen Leib und in der eigenen Seele erfahren: Mit 12 verlor er den Vater, mit 14 die Mutter. Zu diesem Zeitpunkt flackerte schon drei Jahre lang der Krieg, der dreißig Jahre dauern sollte. Fast verwundert und in barocker Bildersprache stellt der Dichter fest: Wir leben noch! 

Dass Feuerflammen / uns nicht all zusammen / mit unsern Häusern unversehns gefressen / das macht's, dass wir in seinem Schoß gesessen. Lobet den Herren!

Dieser Schutz möge für immer gelten - nicht nur für den neuen Tag! Mit dieser Bitte beginnt die zweite Hälfte des Liedes. Es spricht jetzt nicht mehr von Gott, sondern mit ihm:

O treuer Hüter, Brunnen aller Güter, ach lass doch ferner über unser Leben bei Tag und Nacht dein Hut und Güte schweben. Lobet den Herren!

Das Leben soll gut weitergehen. Aber nicht bloß als Fortsetzung und Verlängerung der Gegenwart. Zu-kunft heißt für Paul Gerhardt auch: Gott kommt auf uns zu. Das ist der Ernstfall des Lebens, aber auch der große Glücksfall. Im Morgen des neuen Tages, von dem das Lied singt, klingt und leuchtet schon etwas von der Vollendung aller Geschichte:

Herr, du wirst kommen und all deine Frommen, die sich bekehren, gnädig dahin bringen, da alle Engel ewig, ewig singen: Lobet den Herren!

Zeit und Ewigkeit, Vergangenheit und Zukunft: Das Lied blickt in weite Horizonte. Aber es weiß auch: Konkret leben können wir nur im Jetzt. Paul Gerhardt bittet um Segen für diesen einen neuen Tag, der begonnen hat.

Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite auf unsern Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen. Lobet den Herren!

 Musik: 

Strophe 1: Marion Eckstein, Alt / Kay Johannsen, Orgel. Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten alten Kirchenlieder. Carus 83.015, CD 3/9. ℗ + © 2012 SWR 2 und Carus-Verlag, Stuttgart 

Strophe 6: Kay Johannsen, Orgel. Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten alten Kirchenlieder. Carus 2.119/99, CD 3/9. ℗ + © 2012 SWR 2 und Carus-Verlag, Stuttgart 

Strophe 7: Paul Gerhardt, Choräle auf sechs Saiten, interpretiert von Reinhard Börner. © + ℗ 2006 cap-music, Oberer Garten 8, 72221 Haiterbach-Beihingen, Best.-Nr. 52 07372

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15811

Erhör, o Gott, mein Flehen - GL 302

Sie ist 45 und weit herumgekommen. Studiert hat Edith Stein in Breslau, Göttingen und Freiburg. Trotz einer ausgezeichneten philosophischen Doktorarbeit erhält sie keinen Lehrstuhl; eine Professur war damals Frauen verschlossen. Sie arbeitet als Religionslehrerin in Speyer und als Dozentin in Münster und hält viele Vorträge.

Auch ihr innerer Weg ist bewegt: Aus einem jüdischen Elternhaus stammend, wird sie mit 15 Jahren Atheistin und lässt sich mit 30 taufen. Kurz nach ihrem 42. Geburtstag tritt sie 1933 in den Kölner Karmel ein, und aus Edith Stein wird Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz. 1936 verfasst sie ein Lied, das sich eng an den 61. Psalm anlehnt.

Erhör, o Gott, mein Flehen, / hab auf mein Beten acht. / Du sahst von fern mich stehen, / ich rief aus dunkler Nacht. / Auf eines Felsens Höhe / erheb mich gnädiglich. / Auf dich ich hoffend sehe: / Du lenkst und leitest mich.

Es ist Nacht. Ein einsamer Mensch schreit seine Not heraus - mit der Bitte, dass der Ruf nicht ins Leere gehe, sondern Gehör finde. Obwohl es dunkel ist, erfährt die Beterin so etwas wie einen Blickkontakt: Gott sieht sie von fern stehen, und sie sieht hoffend auf ihn. Schon am Ende der ersten Strophe steht nicht mehr eine Bitte, sondern ein Vertrauensbekenntnis: Du lenkst und leitest mich.

Du bist gleich einem Turme, / den nie der Feind bezwang. / Ich weiche keinem Sturme, /
bei dir ist mir nicht bang. / In deinem Zelt bewahren / willst du mich immerdar. / Mich hütet vor Gefahren / dein schirmend Flügelpaar.

In diese schlichten Verse übersetzt die dritte Strophe des Liedes die Worte und Bilder des Psalms. In einem Brief hat Edith Stein einmal geschrieben: „Es ist im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben." Eine kleine, einfache Wahrheit - aber sie ist alles andere als harmlos. Bei dir ist mir nicht bang - das sagt die Beterin angesichts des Sturms, und dass Gott sie behütet, das geht ihr in der Gefahr auf.

Zwei Jahre, nachdem dieses Lied entstanden ist, und wenige Wochen nach der Reichspogromnacht verlässt Edith Stein an Silvester 1938 Deutschland. Doch vier Jahre später erreicht die nationalsozialistische Judenverfolgung auch das niederländische Kloster, in dem sie nun lebt. Am 2. August 1942 wird sie verhaftet und in ein Sammellager gebracht. In einem Lebenszeichen, das sie an ihr Kloster schicken kann, erwähnt Edith Stein: „konnte bisher herrlich beten". Am 9. August stirbt sie in den Gaskammern von Auschwitz.

Ihr Leben konnte vernichtet werden. Aber sie starb in dem Glauben, den ihr Lied ausspricht: Es wird ja nie zunichte des Herrn Barmherzigkeit für den Menschen, der sich Gott anvertraut.

Vor Gottes Angesichte / steh er in Ewigkeit. / Es wird ja nie zunichte / des Herrn Barmherzigkeit. / So will dein Lied ich singen, / wie ich es dir versprach, / mein Lobesopfer bringen / von neuem Tag um Tag. 

 Musik Ausführende: Doris Eichkorn und Volker Nagel

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15810

(EG 321; GL 266) 

Ein Kirchenlied für große Anlässe. Hier finden die Macht der Musik und die Kraft des Glaubens zusammen. 

Musik 1: Trompetensolo 

So klang es am 9. November 1989 von der Berliner Mauer. Ein Trompeter stand oben und spielte den Choral Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden. Schon am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 wurde dieses Lied gesungen. Die markante Melodie beginnt wie mit einem Fanfarenruf. Es ist etwas zu spüren von der Macht der Musik: Sie gibt den Menschen Worte und Töne, auszudrücken, was sie bewegt.
Das ist kostbar. Zwiespältig oder gefährlich wird es aber, wenn die Macht der Musik missbraucht wird für die Musik der Macht: Nun danket alle Gott - so wurde auch 1933 bei der nationalsozialistischen Machtübernahme gesungen. Bert Brecht hat in jenem Jahr seine „Hitler-Choräle" geschrieben.
Einer dieser Texte bedient sich der Melodie von Nun danket alle Gott; die letzte Strophe der Parodie beginnt mit den Worten: 

„Er macht die Gurken süß
Und macht den Zucker sauer
Er macht aus einem Riß
Uns eine neue Mauer!" 

Musik 2: Strophe 2 „Der ewigreiche Gott" 

Der Text hat eine biblische Wurzel im Buch Jesus Sirach, Kapitel 50: 

„Nun lobt den Herrn, den Gott des Alls, der Wunderbares auf der Erde vollbringt, der einen Menschen erhöht vom Mutterschoß an und an ihm handelt nach seinem Gefallen. Er gebe euch Weisheit ins Herz, und der Friede sei mit euch." 

Diese Worte hat Martin Rinckart zu einem Gedicht und Gebet umgeformt. Der begabte Sohn eines Böttchers erhielt in Leipzig an der Thomasschule eine musikalische Ausbildung und studierte danach Theologie. 32 Jahre lang hat er die Gemeinde seiner Vaterstadt Eilenburg geleitet. Im Dreißigjährigen Krieg war er ein treuer Seelsorger; er hat sich auch gegenüber den schwedischen Truppen für die bedrohte Stadt eingesetzt. Über 4.000 Pesttote soll er begraben haben; er verlor durch die Seuche auch seine Frau. 1649, ein Jahr nach Kriegsende ist er  gestorben. Sein Leitwort war: "Mein Vertrauen steht in Christo allein." 

In seiner Person fanden die Macht der Musik und die Kraft des Glaubens zusammen. Von seinen vielen Dichtungen ist vor allem das KirchenliedNun danket alle Gott lebendig geblieben. Mit ihm bitten heute Christen über die Grenzen der Konfessionen hinweg auf der ganzen Welt um Gottes Gnade und Frieden und preisen seine Größe und Treue: Lob, Ehr und Preis sei Gott jetzt und immerdar

Musik 3: Melodie instrumental

Musik 1: Johannes Bals, Trompete
Musik 2: Sarah Wegener, Gesang • Kay Johannsen, Orgel

Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten alten Kirchenlieder. 3 CDs, ©2012 SWR2 und Carus-Verlag Stuttgart (83.105) - CD 2/31
Musik 3: Kay Johannsen, Orgel

Aus meines Herzens Grunde. Die schönsten alten Kirchenlieder. 3 Instrumental-CDs zum Mitsingen , ©2012 SWR2 und Carus-Verlag Stuttgart (2.119/99) - CD 2/31

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15234

(EG 495, Str. 2) 

Eine barocke Liedstrophe als Morgengebet für heute

Gib, dass ich tu mit Fleiß,
was mir zu tun gebühret,
wozu mich dein Befehl
in meinem Stande führet.
Gib, dass ich's tue bald,
zu der Zeit, da ich soll,
und wenn ich's tu, so gib,
dass es gerate wohl. 

Es war Liebe auf das erste Hören. Als mir dieses Lied vor fünfzig Jahren bei einer Musikfreizeit für Jugendliche begegnete, hat die Musik mich sofort in ihren Bann gezogen. Bald kannte ich die Bass-Stimme des Chorals aus der Bach-Kantate „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist" auswendig, und seither habe ich sie unzählige Male gesungen. Auch der Text hat sich mir eingeprägt - vielleicht gerade weil seine Sprache so anders ist als die unsere. Zwischen dem Verfasser und uns liegen ja mehr als drei Jahrhunderte. Johann Heermann war ein evangelischer Pfarrer in Niederschlesien. Er hat etwa 400 Lieder gedichtet und damit Andreas Gryphius, Paul Gerhardt und andere Dichter der Barockzeit geprägt. Ein Jahr vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ist er 1647 gestorben. Wir haben zu Beginn die zweite Strophe seines Liedes „O Gott, du frommer Gott" gehört; die erste lautet: 

O Gott, du frommer Gott,
du Brunnquell guter Gaben,
ohn den nichts ist, was ist,
von dem wir alles haben:
gesunden Leib gib mir
und dass in solchem Leib
ein unverletzte Seel
und rein Gewissen bleib.

 Choralpartita BWV 767 / 8 

„Gib, dass ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret": Schon lange Jahre hat diese zweite Strophe auch einen Platz in meinem Morgengebet. Die Worte des barocken Pfarrers und Dichters sind für mich wie eine Brücke von der Stille der Nacht in die Arbeit: Ich will sie gut tun und gern; aber ich kenne auch die Versuchung, die Dinge vor mir herzuschieben - deshalb „gib dass ich's tue bald". Auch weiß ich, dass ich das Gelingen nicht herbeizwingen kann: „und wenn ich's tu', so gib, dass es gerate wohl". Das Lied lädt mich ein zum Vertrauen und gibt meiner Hoffnung Worte: Gott zeigt mir auch heute meinen Platz und seinen Auftrag. Er schlägt meinem Tun und Lassen den Takt. Er kann und will mein Leben fruchtbar machen. 

Wie die Menschen, die diese Worte seit dem 17. Jahrhundert gesungen und gebetet haben, darf ich mich und meine Tage unter den Segen Gottes stellen. Er hat nicht nur die Hand im Spiel. Er hält das Spiel in seiner Hand. 

Gib, dass ich tu mit Fleiß ... 

Musik 1 und 3: Choral aus der Kantate BWV 45; John Eliot Gardiner

Musik 2: „O Gott, du frommer Gott": Choralpartita (BWV 767/8); Wolfgang Zerer, Orgel

℗ + © 2000 - Hänssler Verlag GmbH; ℗ 2004 Master Music Ltd.; MM 419-2

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15233

Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt,
hast mich geheilt und mit Freude umgürtet.
Dir singt mein Herz und will nicht verstummen.
Dir will ich singen in Ewigkeit.
Ich will dich rühmen, Herr,
denn du hast mich aus der Tiefe gezogen
und lässt meine Feinde nicht über mich triumphieren.
Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien
und du hast mich geheilt.
Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes. 

Das ist ein junges Lied, das ist gleich zu hören. Der Komponist Johannes Falk, Kirchenmusiker in Freiburg, hat es vor knapp 20 Jahren vertont. Doch es ist auch ein altes - sogar ein uraltes Lied: Der Text ist vor rund 2500 Jahren entstanden; er stammt aus dem 30. und dem 138. Psalm.

„Ich will dich rühmen, Herr", sagtder unbekannte Psalm-Dichter. Er hat sich vorgenommen, Gott zu loben, weil dieser ihn gerettet hat. In was für eine Not er geraten war, sagt er nicht. Aber sie war abgründig: Hinter seinen Worten „du hast mich aus der Tiefe gezogen" sehe ich einen Schöpfeimer vor mir, der aus einem engen Brunnen heraufgezogen wird. Dieser Mensch war ganz unten, und das Loben war ihm gründlich vergangen. Er konnte nur noch schreien; aber dieser Schrei ist offenbar angekommen: „Du hast mich geheilt. Du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes." Er fühlt er sich wie neugeboren, spürt einen neuen Schwung und findet neue Töne: „Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt." 

Seine Freude will die anderen anstecken; im 2. Vers des Liedes heißt es:  

„Singt und spielt dem Herrn, ihr seine Frommen,
preist seinen heiligen Namen!
Wenn man am Abend auch weint,
am Morgen herrscht wieder Jubel." 

Über Nacht ist alles anders geworden. Am Morgen sind die Tränen vom Vorabend vergessen und vorbei. Aber woher weiß der Beter denn, ob die Tränen nicht wiederkommen? Will er wirklich den Tag vor dem Abend loben? Was ist, wenn neue Nöte kommen? Sie könnten ihm das Wort im Mund umdrehen oder sogar die Sprache verschlagen, und das Lied würde plötzlich ganz anders klingen: „Du hast mein Tanzen in Klagen verwandelt. Ich verstumme und kann nicht mehr singen." 

Der Dichter des Psalms hat mit einem Schrei seiner Seele Luft gemacht. Und er hat erlebt: Mein Rufen geht nicht ins Leere. Geteiltes Leid, mitgeteiltes Leid ist halbes Leid. Gott schenkt ihm sein Ohr. Mehr noch: Er erhört ihn und gibt ihm Kraft. 

Denn du hast die Worte meines Mundes gehört,
deinen Namen und dein Wort über alles verherrlicht.
Du hast mich erhört an dem Tag, als ich rief;
du gabst meiner Seele große Kraft. 

Der Psalmensänger lädt mich ein, mit ihm zu singen und meine eigene Erfahrung - oder meine Sehnsucht - in sein Lied hineinzulegen: Tränen und Jubel, Tanzen und Klage, Not und Rettung - mit dem Dichter und Beter hoffe ich, dass dieses Auf und Ab nicht immer so weitergeht, sondern dass mich eine Freude erwartet, die nicht mehr aufhören wird: (MUSIK beginnt leise, crescendo) „Dir will ich singen in Ewigkeit.

Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt,
hast mich geheilt und mit Freude umgürtet.
Dir singt mein Herz und will nicht verstummen.
Dir will ich singen in Ewigkeit.


CD zum Freiburger Chorbuch 2
Carus-Verlag CV 02.035/99
[9] Johannes Falk: Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt
Rastatter Hofkapelle; Dirigent: Jürgen Ochs
ISRC: DE B11-12-025-09

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