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19SEP2021
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Narziss, ein junger Mann, verliebt sich in sein Spiegelbild. Das ist eine alte Geschichte. Und zunächst nicht ganz so schlimm. Schließlich ist es auch wichtig, dass man sich selbst nicht ablehnt oder gar hasst. Problematisch wird’s erst, wenn man nicht mehr viel anderes sieht als dieses eigene Bild. Wer sich nur um sich selbst dreht, wird für andere ungenießbar. Wenn viele das tun, leidet das gesamte Miteinander in einer Gesellschaft. Der schöne Narziss will von anderen nichts wissen. Er versteht aber auch, dass er sich auf Dauer nicht nur in sich selbst verlieben kann. Und an diesem Zwiespalt stirbt er.

So sollte es keinem ergehen. Dass sich jemand ausschließlich und so sehr um sich selbst dreht, dass ihm am Ende nur die Flucht in den Tod bleibt. Gerade der christliche Glaube will das Gegenteil. Sein Hauptgebot lautet: Gott zu lieben, und den Nächsten - wie sich selbst. Da taucht die Liebe zur eigenen Person ausdrücklich auf. Weil die fürs Überleben wichtig ist, weil sie die Voraussetzung ist, um andere lieben zu können. Aber die Selbst-Liebe ist eben kein Selbst-Zweck. Sie bleibt immer bezogen auf andere Menschen. Zugegeben: Das ist eine heikle Konstruktion. Aber wie meistens kommt es eben darauf an, die rechte Balance zu finden. Sich selbst nicht zu vergessenen, weil man immer nur für andere da ist. Aber sich selbst auch nicht zum Maß aller Dinge zu machen und andere dabei vor den Kopf zu stoßen.

Nun behaupten manche Soziologen und Psychologen, wir würden im Zeitalter der Narzissten leben. Die Selbstverliebtheit sei zum Markenzeichen unserer Zeit geworden. Daran kranke viel; das sei die Ursache für die großen Probleme, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben. Wirtschaftsbosse, die vor allem an sich denken und die Bedürfnisse ihrer Arbeiter und Angestellten ignorieren. Politiker, denen es in erster Linie ums eigene Ansehen geht und nicht ums Gemeinwohl. Eltern, die ihren Nachkommen den eigenen Willen so aufzwingen, dass die Kinder unter der Last der übermäßigen Erwartungen zusammenbrechen.  Das ist alles nicht neu. Aber mir scheint, das Maß hat sich erhöht? Es sind einfach zu viel Narzissten heutzutage.

Das Phänomen ist alt. Was dabei passiert, ist offenbar tief im menschlichen Wesen verankert. So tief, dass es auch vor denen nicht Halt macht, die doch auf ihre Fahne geschrieben haben, selbstlos zu sein. Jedenfalls ertappt Jesus seine Jünger dabei, wie sie miteinander darüber sprechen, wer unter ihnen der Größte sei[1].

Was er ihnen darauf antwortet und was wir gegen zu großen Narzissmus tun können, davon spreche ich gleich, nach der Musik.

Die größte Schwäche des Menschen ist offenbar: Er denkt zuerst und zu viel an sich selbst. Nicht an den anderen, mit dem er lebt. Schon gar nicht an den Fremden, der ihm vor die Nase gesetzt wird. Nicht immer ist das gleich rücksichtsloser Egoismus, wenn wir an uns selbst denken. Aber wir sollten wissen, was da geschieht. Offenbar ist es tief in unserem Wesen verankert: gewinnen zu wollen, anderen überlegen zu sein; besser, schneller, größer als die oder der andere.

In der Bibel kann man an vielen Stellen nachlesen: Jesus hat das gewusst. Dass Gott den Menschen zwar auch so geschaffen hat, so in Sorge um sich und auf sich selbst bezogen. Weil es das auch braucht um zu überleben. Er kannte den Mechanismus, der dabei in Gang kommt. Und er hat versucht, dem etwas entgegenzusetzen. Womöglich ist das sogar der entscheidende Punkt, wenn er von der Nächstenliebe spricht, von Frieden und Gerechtigkeit. Weil mehr im Menschen schlummert. Auch die Liebe zum anderen, die an den eigenen Interessen nicht Halt macht, die größer ist als alles Streben nach Gewinn und Erfolg und Größe.

Aber wie über diesen Schatten springen? Seinen Jüngern sagt Jesus, als sie um den ersten Rang streiten: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein[2]. Jesus ahnt: Das könnte zu theoretisch sein. Keiner will der Letzte ein. Es steht zu befürchten, dass man seinen Vorschlag ablehnen, zumindest aber ignorieren wird. Als sprechendes Beispiel, wie die Jünger das am besten konkret anstellen, wählt er deshalb eines der dabeistehenden Kinder. Das stellt er in die Mitte.

Oft genug hören wir: Kinder sind unser größter Schatz, unsere Zukunft. In Wahrheit sind Kinder oft die Letzten, weil man sie vergisst. Sie haben keine starke Lobby. Sie können keine Erfolge vorweisen. Sie kosten Geld und verdienen keines. Aus der Corona-Pandemie könnten sie als die großen Verlierer hervorgehen. So passiert es immer wieder, obwohl wir Kinder lieben.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Jesus mit seiner kleinen Aktion etwas in den Jüngern ausgelöst hat. Wer unmittelbar vor der Nase hat, was klein und schwach ist, spielt sich nicht so leicht auf. Ein Kind erinnert uns daran, wie bedürftig wir selbst sind. Und wie wenig es nützt, nach Gewinn und Größe zu streben. Spätestens am Ende unseres Lebens werden wir wieder dastehen wie ein Kind. Angewiesen auf die Liebe anderer. Bis dahin gelingt es uns hoffentlich, unseren Narzissmus in Schach zu halten. Ein Blick auf Kinder zu gegebener Zeit könnte dabei helfen.

 

[1] cf. Markus 9,34

[2] Markus 9,35

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22AUG2021
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Ob jemand an Gott glaubt oder nicht - das spielt im Alltag so gut wie keine Rolle mehr. Jeder kann glauben, was er will. Oder auch nichts. Trotzdem taucht das Wort „Gott“ immer wieder auf. Was unter anderem damit zu tun hat, wie wir mit den Dingen umgehen, die wir nicht auf Anhieb logisch erklären können. Wenn die eigene Mannschaft unglücklich verloren hat, wird der „Fußballgott“ bemüht, der es schlecht mit ihr gemeint habe.

So kann man denken und reden, aber mit dem Gott, wie die Bibel ihn uns vorstellt, hat das nichts zu tun. Trotzdem taucht genau dieses Phänomen auch in der Bibel auf, an etlichen Stellen sogar. Weil es schon immer so war, dass Menschen nicht wussten, wohin mit dem, was sie sich nicht erklären konnten. Das haben sie dann Göttern zugeschrieben oder aufgelastet - je nachdem. Dann gab es einen Gott, der dafür zuständig war, dass auf den Feldern genug Korn wächst, und einen der fürs Glück beim Jagen verantwortlich war. Einen für die Liebe und einen für den Tod. Damit sie etwas hatten, um sich dran festzuhalten, um mit den Augen anzubeten, haben die Ägypter und Griechen Götterbilder errichtet, aus Stein oder Bronze. Die wurden verehrt, denen wurde geopfert. Mit mäßigem Erfolg. Denn am Ende blieb alles, wie es war. Ein Auf und Ab des Schicksals, ein beständiger Wandel, und der einzelne Mensch mittendrin, ohne dass er recht wusste, was ihm Halt und Orientierung geben könnte.

Könnte man Gott also auch ganz anders denken? Viel größer? Und damit nicht zuständig dafür, was der Mensch nicht kapiert oder hinkriegt, sondern als eine Macht, die über allem steht, ja, die alles in allem ist? Um einen Glauben, der das versucht, hat das Volk Israel jahrhundertelang gerungen. Bis sie schließlich den gefunden hatten, den sie bis heute JHWH nennen. Recht schnell merken sie, dass es sich nicht mit ihm verträgt, seinen Namen auszusprechen. Weil schon das ihn als ihren Gott in Gefahr bringen würde. Der Gott, an den sie fortan glauben, ist nicht nach Menschenart gemacht. Er braucht keinen Eigennamen. Es ist umgekehrt. Die Israeliten sagen: Wir sind nach seiner Art, sein Bild, ihm ähnlich. Er bleibt der Ewige, der unantastbar und nah ist. Beides zugleich. Wie das verstehen, wie dann von ihm angemessen sprechen? Das Ringen um den rechten Weg dabei durchzieht die Bibel. Und bei denen, die an den einen einzigen Gott glauben, ist es bis heute nicht an ein Ende gekommen.

Niemand muss an Gott glauben. Aber wenn es ein Mensch tut, dann möglichst so, dass Gott Gott ist und bleibt. Darüber spreche ich heute in den SWR4-Sonntagsgedanken.

Die Bibel erzählt davon, wie es Menschen immer wieder gelungen ist, den Glauben an einen einzigen Gott am Leben zu halten. Da konnte noch so viel passieren. Jakobs Leben war in Gefahr. Moses wurde mit dem ganzen Volk in die Fremde verschleppt. Ijob hat alles verloren, was er besaß. Jona wurde ausgelacht wegen der Aufträge, die er von Gott empfangen hatte. Sie alle haben Gott die Treue gehalten. Natürlich hatten sie Fragen und waren oft verzweifelt. Aber ganz am Ende ihrer Gedanken sind sie immer wieder bei ihm gelandet. JHWH, von dem sie sagen, dass er die Erde und den Himmel gemacht hat, und dass er es niemals zulassen würde, sie ins Bodenlose, ins Nichts fallen zu lassen. Das gilt auch für die schwer vom Hochwasser getroffenen Menschen an der Ahr und andernorts. Sie werden das so im Moment kaum denken, geschweige denn sagen können. Gleichzeitig hoffe ich, dass sie diese Hoffnung nicht aufgeben.

Ich bin davon überzeugt: Es macht einen Unterschied, ob jemand an Gott glaubt oder nicht. An Gott, dem man nicht seinen eigenen Willen aufzwingt, damit er das macht, was man selbst will. Sondern dem man zugesteht, dass er die Geschicke der Welt so lenkt, dass es gut ist. Auch dann, wenn wir das nicht auf Anhieb verstehen. Die großen Wegmarken in meinem bisherigen Leben habe ich immer erst im Nachhinein begriffen. Wenn es schwierig war, hätte ich es gerne anders gehabt. Heute ahne ich, dass es so hat sein müssen. Mein Leben ist - so wie es ist - Teil von Gottes Plan. Ich bin dabei nicht so wichtig. Ich gebe nicht den Ausschlag. Ich glaube daran, dass Gott mit mir etwas anzufangen weiß, auch wenn ich das über weite Strecken gar nicht merke. Mich an dieser Erkenntnis abzuarbeiten, das tut mir gut. Das macht mich nämlich einigermaßen demütig. Und ich spüre immer deutlicher, dass wir das in unserer Welt brauchen. Wir müssen als Menschen unsere Grenzen kennen. Als ganze Menschheit, was unseren Planeten Erde angeht. Wir behandeln ihn, als gehöre er uns, und das ist falsch. Auch als Einzelne. Je mehr wir denken, alles müsse nach unserem Willen gehen, desto mehr werden wir für andere zum Problem. Davor bewahrt der Glaube an einen Gott, der nicht das tut, was wir erwarten. Und auf den ich mich trotzdem mehr verlassen kann als auf jede Sicherheit, die Menschen geben können.

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15AUG2021
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„Glauben Katholiken eigentlich, dass alle Menschen in den Himmel kommen?“

Bei Traugesprächen werden manchmal die ganz großen Fragen ausgepackt. Wenn man schon mal einen Pfarrer am Tisch hat. Jedenfalls hat mich das ein evangelischer Mann gefragt, der mit seiner künftigen Frau bei mir war.

Heute wird in der Katholischen Kirche das Fest Mariä Himmelfahrt gefeiert. Von der Mutter Jesu glauben wir ganz bestimmt, dass sie im Himmel ist. Erlöst, befreit von aller Last, nach ihrem Erdenleben bei Gott ans Ziel gekommen, und wieder vereint mit ihrem Sohn. Aber: Gilt das für alle und grundsätzlich?

Der Mann hat mich dann auch noch gefragt, ob ich als Katholik daran glaube, dass es so etwas wie die Hölle gibt. Ja, ich glaube, dass es die Hölle gibt, geben muss, für den Fall, das ein Mensch abgrundtief böse ist und sich jeder Reue verweigert - bis zu seinem letzten Atemzug. Dann muss ich davon ausgehen, dass auch Gott ihn verwirft. Alles andere wäre ein Akt der Ungerechtigkeit gegenüber den Menschen, denen der oder die Betreffende großes Leid zugefügt hat. Aber wer weiß schon, was jemand am Ende seines Lebens tut.

Die Frage nach dem Himmel ist viel provozierender, weil sie jeden betrifft, und weil sie auch mich herausfordert, mein Leben etwas genauer anzuschauen. Ob ich es verdient hätte, einmal in den Himmel zu kommen? Genügen meine guten Taten, ist meine Liebe ausreichend? Vielleicht war das auch der Hintergedanke bei der Frage, die mir der Bräutigam gestellt hat. Ob er sich darüber auch hin und wieder Gedanken machen sollte. Und welche Rolle Gott bei dem allen spielt.

Heute am Fest Mariä Himmelfahrt wird in den Gottesdiensten das Magnificat vorgelesen. Der Lobgesang der Maria. Der Evangelist Lukas hat diesen Hymnus niedergeschrieben. Dort verdichtet sich, was Gott tut, wo er sich engagiert, damit viele den Weg in den Himmel finden, möglichst alle Menschen. Dabei geht es in erster Linie um all die Situationen, wo Leben in Gefahr ist. Maria spricht im Magnificat davon, dass Gott die in ihre Schranken weist, die ihre Macht missbrauchen. Hochmut kann er nicht akzeptieren, weil der Eitle sich selbst für das Maß der Dinge hält. Gott will, dass es gerecht zugeht. Keiner soll hungern, niemand soll so viel haben, dass anderen etwas fehlt.

Maria hat dieses Loblied auf den barmherzigen Gott nicht nur gesungen, sondern es beherzigt. Und Lukas hat es aufgeschrieben, um damit jedem, der es hört oder liest einen Weg in den Himmel aufzuzeigen.

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06AUG2021
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Es gibt Gespräche, die können so nur nachts stattfinden. Wenn man ein wenig getrunken hat, wenn die anderen schon schlafen und man sich unbeobachtet, geschützt fühlt. Im Johannesevangelium ist so ein Gespräch festgehalten.

Ein Mann sucht mitten in der Nacht Jesus auf, um etwas mit ihm zu besprechen. Er heißt Nikodemus und gehört zur jüdischen Oberschicht. Ich gehe davon aus, dass es ihm unrecht gewesen wäre, wenn man ihn zusammen mit Jesus gesehen hätte. Dazu gibt es viel zu viele Vorbehalte gegen den jungen Rabbi, der mit großem Selbstbewusstsein auftritt und zu Gott eine ganz besondere Beziehung zu haben scheint. Manche Begegnungen finden besser abseits der Öffentlichkeit statt. Nikodemus fühlt sich zu Jesus und seinen Gedanken hingezogen. Ihm gefällt, wie ungeniert und frei er auftritt. Trotzdem gibt es einiges, was mit seinem bisherigen Glauben, mit den Traditionen seiner Herkunft nicht zusammenpasst.

Jetzt hat er allen Mut zusammengenommen, um Jesus eine Frage zu stellen, die ihn umtreibt: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden[1]? Es könnte sein, dass Nikodemus das für sich selbst wünscht, weil er merkt, dass sein Leben in eine Sackgasse geraten ist. Offenbar hat er davon gehört, dass Jesus sagt: Wer sich taufen lässt, wer mit Gott eine existentielle Verbindung eingeht, der wird ein neuer Mensch. Die bösen Mächte, die Gefahren, denen wir im Leben ausgesetzt sind, können einem, der so glaubt, in letzter Konsequenz nichts mehr anhaben. Und dazu ist es nie zu spät. Auch ein alter Mensch kann das. Wenn er spürt, dass sein Leben zu Ende geht; und er an jedem Tag, mit dem er dem Tod näherkommt, sein Schicksal in Gottes Hand legt. Oder wenn einer merkt: Da ist bisher viel falsch gelaufen in meinem Leben, ich habe anderen oft wehgetan, aber so will ich nicht mehr weitermachen. Dann, sagt Jesus, kann er immer noch neu anfangen. Er kann von oben geboren werden[2].

Es ist keineswegs so, dass Nikodemus das nun auf Anhieb versteht. Aber durch das Gespräch mit Jesus kommt etwas in Bewegung. Die alten Worte: Himmel, Geburt, Geist - sie bekommen eine neue Bedeutung. Und er spürt, wie stark die Hoffnung in ihm wird. Die Hoffnung, dass am Ende auch sein Leben gut sein wird, wenn er auf Gott vertraut.

Wir erfahren in der Bibel nicht, wie die Nacht zu Ende geht. Von Nikodemus hören wir noch ein einziges Mal: als er nach Jesu Tod ans Grab kommt mit einer großen Menge an kostbaren Ölen für dessen Begräbnis. Wieder in der Nacht. Weil der Mensch da anders ist, offener, bereit Dinge zu tun, die er sich sonst nicht traut.

 

[1] Johannes 3,4

[2] Johannes 3,7

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05AUG2021
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Es gibt nur eine Erde. Was ist das für eine Aussage! Banal und selbstverständlich, weil darüber kein Zweifel besteht. Jeder weiß das. Niemand kann es bestreiten. Dann aber auch hart, traurig und von großer moralischer Wucht. Weil es oft ganz anders aussieht. Die Menschheit lebt, als hätte sie noch eine zweite in Reserve. Wir plündern sie aus. Und durch unseren übermäßigen Verbrauch zerstören wir sie immer mehr. Das Klima ist ein Indikator dafür. Es verändert sich und das hat schwerwiegende Folgen. Wie wir in den letzten Wochen auch in Deutschland zu spüren bekommen haben. Nur ein Narr kann behaupten, dass die heftigen Unwetter ein Zufall sind. Fast scheint es, als würde unsere Erde sich wehren.

Es gibt nur eine Erde. Mir ist dieser Satz bekannt. Ich weiß, wofür er steht. Aber als ich ihm das letzte Mal begegnet bin, war das anders. Da stand ein Junge an der Kreuzung, zehn Jahre alt vielleicht, mit Sommersprossen im Gesicht. Und er trug ein T-Shirt, auf dem dieser Satz stand. Das hat mich getroffen. Wie eine sanfte Ohrfeige. Nicht grob, aber spürbar. Dass mir das ein so junger Mensch sagen muss. Dass ich nicht jeden Tag von allein dran denke. Dass ich oft genug auch einer bin, der das vergisst. Es war diese Kombination aus dem, was mir schon so lange klar ist, und diesem jungen Menschen - zwei Generationen nach mir geboren. Sie hat mir so glasklar vor Augen geführt wie nie zuvor: Jetzt genügt es nicht mehr, diesen Satz für wahr zu halten. Jetzt muss etwas getan werden.

Es gibt nur eine Erde. Alles auf ihr hängt miteinander zusammen. Es ist ein kompliziertes Gefüge. Ich bin ein Teil davon. Nur: Ich bin schon älter, habe den Großteil meines Lebens hinter mir. Der Junge aber, er braucht diese eine Erde. Sie ist für die nächsten Jahrzehnte sein Lebensraum. Und ich trage Verantwortung, dass er das sein kann. Aus diesem Grund gebe ich Ihnen einen Gedanken mit in diesen Abend. Als ich jung war, konnte ich den Text so ziemlich auswendig. Er stammt von einem, der schon vor hundertfünfzig Jahren gedacht hat, was bis heute nicht nur richtig ist, sondern überlebenswichtig. Aus der Rede des Indianerhäuptlings Seattle an die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika:

Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen - oder die Wärme der Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. (…)  Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glitzernde Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig, in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. (…) Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns.

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04AUG2021
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Ein Schäfer wird gefragt, ob seine Schafe Namen haben. Klar, sagt er. Den weiß ich von jedem einzelnen Tier. Aber: Wie könne er die denn auseinanderhalten, wird er weiter gefragt. Die sehen doch alle gleich aus. „O nein!“, sagt er. Das eine habe eine Wunde am Bein, dem anderen fehle ein halbes Ohr, wieder ein anderes humple gerade. Und so weiter. „Ich kann sie an dem erkennen, was ihnen fehlt, wo sie verwundet sind.“

Ein Kollege hat mir diese Geschichte erzählt. So nebenbei. Wir waren im Gespräch darüber, was das Alter so alles mit sich bringt. Für mich steckt in dieser kleinen Episode eine tiefe Wahrheit. Ein Mensch mit unverwechselbarem Charakter werden wir nicht dadurch, dass wir möglichst perfekt sind. Oft ist es nur Fassade, wenn jemand äußerlich besonders schön wirkt. Das entspricht vielleicht dem gerade gängigen Modeideal, aber es spiegelt kaum wider, was jemand erlebt hat, das ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er ist. Da spielt ganz anderes eine Rolle. Bei mir waren es mehrere Einbrüche, die mein Leben durchkreuzt haben, Krisen und Krankheiten. Der Tod meines Vaters. Eine Phase der Erschöpfung. Die Narben davon trage ich bis heute mit mir herum. Sie gehören zu mir. Auch und gerade sie machen mich zu dem, der ich bin. Die Wunden sind verheilt, aber ich kenne die Stellen, wo es wehtut und wo ich vorsichtig sein muss, dass die Narben nicht erneut aufbrechen.

Das wissen auch die Menschen, die mit mir vertraut sind. Sie wissen, dass mich nicht zuletzt die Verletzungen zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Und sie achten mit darauf, dass ich damit gut leben kann. Echten Freunden brauche ich keine heile Welt vorzuspielen. Mit ihnen kann ich über das sprechen, was wehtut. Sie kennen auch das Dunkle und Schwere an mir und wissen damit umzugehen.

Und noch etwas: Wenn es einmal so sein wird, wie die Bibel sagt, dass ich nach meinem Tod vor Gott hintrete und er mich anschaut, dann glaube ich das eine: Ihm brauche ich am wenigsten etwas vorzuspielen. Er kennt mich. Meine Wunden verbinden mich mit denen, die sich sein Sohn Jesus zu Lebzeiten auf unserer Welt zugezogen hat. Wunden erzählen nämlich auch von der Liebe. Wo ein Mensch liebt, ist er verwundbar. Und das vor allem wird Gott interessieren: wo ich geliebt habe und geliebt worden bin.

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03AUG2021
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Arm in Arm. Zwei Frauen, die sich stützen. Mitten in den Trümmern, die das Hochwasser zurückgelassen hat. Eine Ministerpräsidentin, die sich beim Gehen schwertut. Eine Bundeskanzlerin am Ende ihrer Amtszeit. Was für ein beeindruckendes Bild. Mir hat das Trost gespendet, weil es nicht viel Schöneres gibt, als wenn Menschen miteinander liebevoll umgehen. Das braucht es überall: Dass wir uns als Menschen zeigen und zeigen dürfen. Als Menschen, die nicht immer alles können, die manchmal nicht weiter wissen und unter der Last stöhnen, die uns auf den Schultern liegt. Das braucht es gerade auch in der Politik. Dass die mächtigste Person im Staat das zeigt, in aller Öffentlichkeit, dass es für sie selbstverständlich zu sein scheint, das imponiert mir. Und es lässt mich auch auf anderes in Merkels langer Amtszeit zurückblicken. Wo sie menschlich reagiert hat. Ohne Taktik und das kalte Kalkül der Zahlen. Da war ich als Christ froh, dass sie unsere Regierungschefin war.

Ich denke in erster Linie an die Entscheidung vom Frühjahr 2015, als sie die Grenzen unseres Landes für die Geflüchteten aus Syrien geöffnet hat. Sie konnte nicht lange überlegen, abwägen und prüfen. Die Not war so groß, die Lage so angespannt, dass sie sich entscheiden musste. Ja, die Leute sollen kommen, wir schaffen das. Es ist unsere mitmenschliche Pflicht, dass wir als reiches Land mit denen teilen, deren Leib und Leben in Gefahr sind. Ich weiß, dass diese Entscheidung bis heute umstritten ist. Aber als Christ sage ich: Dass hätte Jesus auch so gewollt und für richtig gehalten. Und deshalb war es mutig von unserer Kanzlerin und ich bin als Deutscher stolz, dass sie dabei so konsequent gewesen ist.

Und auch was die Corona-Politik angeht, bin ich froh, dass wir eine Frau wie sie an der Spitze unserer Regierung haben, die klug ist und weitsichtig ist, vor allem aber eines: so sachlich und uneitel. Ich finde überhaupt, dass das einer ihrer wesentlichen Charakterzüge ist. Es geht ihr wenig um die eigene Person; sie drängt sich nicht nach vorne. Es geht ihr um die Sache. Und wenn sie einen Fehler macht - was ja jedem passiert und in einer Krisenzeit erst recht - dann kann sie das zugeben, sich entschuldigen und eine getroffene Entscheidung revidieren. Das imponiert nicht nur mir. Bei ihrer letzten Regierungserklärung haben ihr deshalb Vertreter aller Parteien - eine ausgenommen - Respekt gezollt und sich bei ihr bedankt.

So sind es zuletzt weniger einzelne Entscheidungen, die mir im Gedächtnis bleiben, sondern es ist ihre menschliche Haltung, die mich beeindruckt. Und was wahrhaft menschlich ist, das ist auch in Wahrheit christlich. In diesem Sinne: Danke! Und: Alles Gute, Frau Merkel!

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02AUG2021
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Wenn ich als Christ auf den Menschen schaue - was ist da entscheidend? Mit den Schülern, die sich aufs Abitur vorbereiten, bespreche ich diese Frage ausführlich. Ein besonders wichtiger Hinweis dazu findet sich gleich am Beginn der Bibel, im Buch Genesis. Dort heißt es: Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn[1].  Das bedeutet: Der Mensch hat im Ganzen der Welt eine besondere Stellung. Wenn ich darüber mit den Schülern spreche, dann nehme ich sie als Beispiel: Simon, Verena, in Dir, in jedem von Euch steckt etwas von Gott, von dessen Größe und Erhabenheit. Anders ist das nicht zu verstehen, als dass Du als Mensch Gott ähnlich bist, am ähnlichsten von allem, was es auf der Erde gibt. In Euch, in mir auch, in jedem, der mir begegnet, steckt etwas von Gott. Deshalb begegne ich ihm auch mit Respekt, bin vorsichtig, damit ich nichts zerstöre von einem dieser Ebenbilder Gottes. Wenn die Bibel den Menschen so charakterisiert, dann ist das Gabe und Aufgabe in einem. Dass jeder Mensch einmalig ist, das macht ihn kostbar und gibt ihm eine große Würde.

So weit, so gut. Nur: Grau ist alle Theorie. Nun hatte ich aber das Glück, die Schülerinnen und Schüler, die in diesem Jahr ihr Abitur gemacht haben, vier Jahre lang in Religion zu unterrichten. In dieser Zeit ist viel passiert. Aus pubertierenden Jungs und Mädchen sind junge Frauen und Männer geworden. Es war schön und von heutiger Warte aus ist es ergreifend, wie sich jede und jeder von ihnen entwickelt hat. Das Bild, das an Gott erinnert, es war von Anfang an da. Aber jetzt kann man es sehen. Ich freue mich darüber, wie reif sie geworden sind. Und ich erkenne darin etwas von der Würde, die jeden besonders macht. Nicht nur, wo sie schön und mutig sind und frei. Auch dort, wo sie verletzlich sind, wo sie sich Sorgen machen um ihre Zukunft, wo sie mehr Fragen haben als sie Antworten finden. Das gehört alles zu einem reifen Menschen. Und gerade dass sie sich dem stellen, das verbindet sie mit Gott.

Die jungen Leute haben jetzt ihr Abitur. Alle haben bestanden. Was aber wichtiger ist: Sie sind bereit für den Schritt hinaus in die Welt, zu neuen Ufern und Aufgaben. Das bedeutet aber auch: Ich muss mich von ihnen verabschieden. Ich tue das, mit Freude im Herzen, aber auch in der Hoffnung, dass sie das bei mir gelernt haben: In jedem ein Ebenbild Gottes zu erkennen.

 

[1] Genesis 1,27

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01AUG2021
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Aufregung im Haus von Johann Sebastian Bach. Heinrich Ernesti, der Rektor der Leipziger Uni, ist gestorben. Für sein Begräbnis hat er sich eine Motette des Thomaskantors Bach erbeten. Fünf Tage bleiben Bach, um die Komposition auszuführen. Rektor Ernesti hat auch die Bibelstelle zur Vertonung ausgewählt. Aus dem achten Kapitel des Römerbriefs. Paulus spricht dort von menschlichen Notlagen, vom Tod - und wie ein Christ sich darin zurechtfindet.

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf[1].

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Das ist eine gute Aussicht für jede Lebenslage. Auch für den eigenen Tod und das darauf folgende Begräbnis. Ganz offensichtlich wollte Rektor Ernesti seinen Hinterbliebenen Trost vermitteln, dadurch wie er seine Trauerfeier geplant hat. Denn dass der Tod zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht führen könnte, darüber war er sich sehr wohl im Klaren. Wer an einem Sarg steht, wer zu ahnen beginnt, dass ein lieber Mensch wirklich nicht mehr da ist, der fühlt sich ohnmächtig und sucht händeringend nach Hilfe. Nach etwas, das seine Schwäche lindert. Nur wer kann dabei wirklich helfen? Menschen sind dazu kaum in der Lage. Zuhören können wir, aushalten, beim Kochen helfen und in den Arm nehmen. Aber den Tod bewältigen, ihn verstehen, ihm seine Macht nehmen…? Der Apostel Paulus kennt dieses Problem. Und er wirft sich dabei auf Gott. Nur von ihm kann kommen, was er braucht. Paulus glaubt: Gottes Geist lenkt den unseren in die rechte Richtung.

denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret;
sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen.

Das ist überraschend und klug. Dass Paulus nicht davon ausgeht, der Geist Gottes habe eine Menschenantwort parat. Mit der Logik, die uns zur Verfügung steht, kommen wir beim Tod nicht weit. Tot ist tot, da gibt es wenig zu erklären. Aber wohin dann mit meinen Gefühlen, wenn ich traurig bin oder verzweifelt, oder voller Wut an den Verstorbenen denke? Dann, sagt Paulus, dann bleibt auch Gott nichts anderes übrig, als zu seufzen. Einen Laut der Klage auszustoßen, wie er aus dem Innersten der Seele aufsteigt. Die Klage über einen Toten ist nicht in Worte zu fassen. Die Sprache versagt. Das Seufzen ist unaussprechlich, aber es drückt alles aus. „Das tut so weh. Ich will nicht allein sein.“ Und Gott klagt mit mir. Weil ich ihm ähnlich bin. Gott seufzt aus Solidarität mit mir. Und das zu wissen, das tut so gut. Nicht nur beim Sterben, sondern überall, wo eine Kreatur ächzt und stöhnt, weil sie auf Befreiung hofft. 

 

Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei;

denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefället.

 

Wie tänzerisch dieses zweite Thema klingt, beweglich und leicht. Was Bach niedergeschrieben hat, ist keine Trauermusik. Mit großem Schwung stiftet er Vertrauen. Bei denen, die zuhören, aber auch bei den Sängern. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, weil wir das Stück einst im Hochschulchor einstudiert haben. Ich weiß deshalb auch, wie anspruchsvoll es ist. Doppelchörig, mit meisterhafter Fuge und schwierigen Koloraturen. Vor allem aber mit merkwürdigen Variationen in der Durchführung. Aber als ich dann meine Stimme konnte, war’s ungemein wohltuend, und, ja, befreiend. So verstehe ich Paulus und Bach: Lass dich nicht kleinkriegen, auch nicht wenn’s dir schwerfällt zu beten, zu glauben. Denn: …

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf …

 

Der Geist hilft unser Schwachheit auf,

denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sichs gebühret;
sondern der Geist selbst vertritt uns aufs beste mit unaussprechlichem Seufzen.
Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei;

denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefället.

 

Text: Römerbrief 8,26-27

Musik: Johann Sebastian Bach (1685-1750)

 

1

AMS M0046372(AMS) 01-007-01-009 7'21

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf

Motette für achtstimmigen Doppelchor und Instrumente colla parte

BWV 226

Kammerchor Stuttgart; Barockorchester Stuttgart; Bernius, Frieder

 

2

AMS M0307556(AMS) 01-001 8'30

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf.

Motette für 8-stimmigen Doppelchor und Basso continuo,

BWV 226

Konzert vom 12.05.2012 in der Basilika Weingarten.

RIAS Kammerchor; Akademie für Alte Musik Berlin; Rademann, Hans- Christoph

 

[1] Römerbrief 8,26

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18JUL2021
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Wenn’s drauf ankommt und es soweit ist, bleibt nur ein Versuch. Ein einziger. Dann muss es klappen. Ein Absturz kann tödlich enden. Denn Adler nisten oft in großer Höhe. Wie aber soll so ein Junges auf Anhieb fliegen können. Flattern vielleicht. Das hat es ausprobiert. Den Alten abgeschaut, wie die es machen. Aber fliegen!? Wie gut, dass für den schlimmsten Fall es dann doch eine Sicherung gibt. Die Mutter, die einen auffängt, den Vater, der seine mächtigen Flügel ausbreitet. Und hinaufträgt in die so wunderbaren, so beeindruckenden, aber auch so gefährlichen Lüfte. Dann: ein neuer Versuch. Wieder und immer, immer wieder. Bis es schließlich klappt. Allein. So lernen Adlerjunge fliegen.

 

Der mich trug auf Adlers Flügeln, 
der mich hat geworfen in die Weite
und als ich kreischend fiel, mich aufgefangen mit den Schwingen 
und wieder hoch mich warf, 
bis dass ich fliegen konnte aus eigner Kraft.

 

Ohne das Wort auszusprechen, erzählt Huub Oosterhuis eine wunderbare Parabel über Gott. Er zeigt einmal mehr, dass es die direkte ausdruckschwere Rede gar nicht braucht. Wer hören gelernt hat und Bilder deuten kann, versteht auch so. Ja, er versteht noch besser, weil der Vergleich davor bewahrt, Gott in ein zu enges Korsett zu zwängen. Oosterhuis ist ein Meister darin, in Bildern von Gott zu sprechen. Sein Wesen einzufangen in der Natur, in den Geschöpfen. Wenn dann noch eine so passende Melodie wie die von Bernard Huijbers dazu kommt, die die Worte zusätzlich zum Leben erweckt, dann wird daraus ein erhabener Gesang.

 

Ich bin in meinem Leben mehr als einmal hingefallen. Und meistens von allein wieder aufgestanden. Dazu brauchte ich keinen Gott. Im Grunde nicht einmal den Glauben, dass Gott mich nicht fallen lässt. Aber einmal war es so wie in diesem Lied: Ich bin kreischend gefallen. Innerlich. In eine unbekannte Tiefe, in ein dunkles Loch. Es hat weh getan und mir Angst gemacht. Ich war wie gelähmt, abgrundtief erschöpft. Meine eigene Kraft hat damals nicht gereicht, um mich wieder zu berappeln. Ich war froh über jede Hilfe und die gab es. Zum Glück! Auf diese Weise bin ich zwar gefallen, aber nicht abgestürzt. Mit Fliegen und Freiheit hatte das nichts zu tun. Lange nichts. Bis ich eines Tages gespürt habe: Jetzt geht es wieder. Du kannst es wagen. Aus eigener Kraft. Und im Nachhinein hatte ich irgendwann verstanden: Ich saß die ganze Zeit immer auch auf Gottes Schwingen. So lange bis ich bereit war, es wieder mit der Weite aufzunehmen. Dann hat ER mich geworfen.

 

 

Verwendete Aufnahme:

Der mich trug auf Adlers Flügeln, aus: Atem meiner Lieder. 100 Lieder und Gesänge.

Text: Huub Oosterhuis. Musik: Bernard Huijbers.

MIRASOUND 399443-3

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