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11JUN2021
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Der Schriftsteller Max Frisch sagt: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Im Klartext bedeutet das: Wir täuschen uns selbst, wenn wir behaupten, unser Leben sei so oder so. In Wahrheit basteln wir uns eher zurecht, wie wir gern hätten, dass es ist. Wenn wir über unser Leben sprechen, dann beruht das nicht auf Tatsachen, sondern es ist eine Konstruktion. Was wir anderen gegenüber behaupten, ist unecht. Ja, sogar uns selbst gegenüber sind wir nicht ehrlich.

Es ärgert mich, dass Max Frisch das behauptet, dass er mir das unterstellt. Ich würde von mir selbst sagen, dass ich einen nicht unerheblichen Teil meines bisherigen Lebens auch damit verbracht habe, mich besser zu verstehen. Ich hatte Supervision und Coaching im Beruf. Therapeuten haben mich begleitet und unterstützt, wenn ich allein mit mir nicht zurechtgekommen bin. Ich halte mich außerdem für einen einigermaßen kritikfähigen Menschen. Ich lasse mir von anderen etwas sagen, wenn ich einen Fehler gemacht habe oder in einen Konflikt geraten bin. Dabei habe ich viel über mich gelernt und besser verstanden, weshalb ich so bin wie ich bin. Und nun behauptet Max Frisch, das sei ein Schwindel, mindestens aber eher ein Kunstwerk als die Wirklichkeit.

Ich schätze Max Frisch als Schriftsteller. Wenn ich ihn lese, entdecke ich auch viel, was mich beschäftigt. Seine Gedichte sprechen von der Liebe und vom Tod, von der Schönheit und den Abgründen des Lebens. Besonders viel halte ich von seinen Tagebüchern aus den Jahren 1946-49. Dort beschreibt er, wie er nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs neu zu denken und schreiben begonnen hat. Ob das dann auch alles eine erfundene Geschichte ist, wie er sagt, und nicht sein echtes Leben?

Ich kann und will nicht glauben, dass ich mir das nur einbilde, was ich für mein Leben halte, eben eine schöne Geschichte. Aber je länger ich nachdenke, desto besser erkenne ich das Quäntchen Wahrheit, das in Max Frischs Behauptung steckt. Denn um die Wahrheit geht es dabei ja. Ob es überhaupt möglich ist, mich selbst zu kennen. Oder ob ich mir damit behelfen muss, die fehlenden Mosaiksteinchen dazu zu basteln. Nicht als Betrug, sondern um leben zu können. Aus Respekt vor dem großen Wunder, das jedes Leben ist. Vor dem Geheimnis, das nur Gott ganz kennt. Und im Vertrauen, dass Geschichten oft mehr Wahrheit beinhalten, als wir glauben.

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10JUN2021
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Manchmal ist es nicht nur gut, sondern der einzige Ausweg: eine Sache auf den Kopf zu stellen. Sie ins Lächerliche zu ziehen, und nebenbei dem Schrecklichen etwas Positives abzugewinnen. So ein Humor hilft, das Unerträgliche einigermaßen auszuhalten. Das gilt auch für die Corona-Pandemie. Ich habe mir dazu einen Gedanken zurechtgelegt, der mir hilft. Ich stelle mir vor, wie wir sagen werden: „War das schön, als Corona war …“

Die Corona-Pandemie ist nicht zum Lachen. Alle Folgen, die sie nach sich zieht, sind schlimm. Menschen sterben. Die ärmeren Länder trifft es viel schlimmer als uns. Betriebe müssen schließen und Geschäftsinhaber verlieren ihre Existenzgrundlage. Weil wir uneins über die richtigen Maßnahmen sind, spaltet das unsere Gesellschaft. Die Spätfolgen der Pandemie können wir noch längst nicht absehen. Lustig ist daran gar nichts. Aber um nicht unter der Last zusammenzubrechen, um dem Schrecken etwas entgegenzusetzen, muss ich mich im Inneren stark machen. Ich muss spüren, dass ich mich durch das Negative nicht völlig unterkriegen lasse. Deshalb habe ich mir ausgemalt, dass es nach dem ganzen Spuk auch Situationen geben wird, in denen ich mir im Stillen denke: „Wenn doch bloß wieder Corona wär‘!“ Weil die augenblickliche Lage auch für manches gut ist. Es gibt sozusagen hilfreiche Begleiterscheinungen.

Weil wir Abstand halten müssen, achten wir besser darauf, anderen genug Raum zu lassen - im Zug, an der Haltestelle, im Supermarkt. Ich werde viel seltener von jemandem bedrängt, der es furchtbar wichtig hat. Das könnten wir ruhig beibehalten.

Ähnliches gilt für Besprechungen im Beruf. Weil es nicht möglich ist, sich mit vielen Leuten zu treffen, überlegen wir genauer, was wirklich nötig ist. Natürlich muss ich meine Kolleginnen sehen. Es ist etwas anderes, gemeinsam in einem Raum zu sein, und so die Person des anderen zu spüren. Danach sehne ich mich ganz oft. Aber dauernd muss es nicht sein. Es ist gut, zweimal zu überlegen, was es braucht und mit wem. Das entlastet den Verkehr, hilft dem Klima und verringert den Aufwand. Auch nach Corona.

Ich habe in den letzten Monaten gelernt, mich an ein großes Problem anzupassen, mich zu arrangieren. Das ging. Nicht zuletzt, weil ich gemerkt habe, wie gut es uns alles in allem in Deutschland geht. Im Vergleich mit vielen Ländern sind wir privilegiert. Das hat mich oft mit Dankbarkeit erfüllt. Weil ich es nicht so selbstverständlich wie früher hingenommen habe.

Daran zu denken, dass ich das und vermutlich noch viel mehr später einmal mit Corona in Verbindung bringe, macht mir Mut - und es lässt mich wenigstens ein bisschen schmunzeln.

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09JUN2021
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In vielen katholischen Gemeinden wird in diesen Wochen das Fest der Firmung gefeiert. Auch dort, wo ich als Priester regelmäßig zu Gottesdiensten bin. Junge Menschen, so um die 15/16 Jahre alt, denken darüber nach, wie Gott sie mit seinem Geist stärkt. Was das bedeutet und ob sie diesem Geist auch in ihrem weiteren Leben Raum geben wollen. Um ihnen bei ihrer Entscheidung zu helfen, führen sie einmal ein ausführliches Gespräch mit einem der Seelsorger. Ich habe auch mitgemacht und war an einem Abend ihr Gesprächspartner. Vier Stunden lang bin ich dabei jungen Frauen und Männern begegnet, von denen einer interessanter war als die andere.

Sie haben mir erzählt, welchen Beruf sie ergreifen wollen, wie sie sich überhaupt ihr Leben nach der Schule vorstellen. Ich habe sie danach gefragt, wie sie in der langen Zeit der Pandemie zurechtkommen. Manche haben schon einen festen Freund; andere noch nicht. Es gab auch Tränen, weil es eine gute Gelegenheit war, endlich das Herz auszuschütten, ein Thema anzusprechen, das schon lange auf der Seele drückt. Um den Glauben und die Kirche ging es natürlich auch. Was die Jungen und Mädchen daran schätzen und was sie stört. Und ich habe gespürt, dass es Punkte gibt, denen sie ausweichen, die sie lieber für sich behalten wollen. Was völlig in Ordnung ist, wichtig sogar, wenn sie sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln wollen.

Je länger der Abend ging, desto mehr habe ich mich reich beschenkt gefühlt. Weil in allen Gesprächen zunehmend ein Vertrauen zwischen den Jugendlichen und mir entstanden ist. Obwohl die meisten mich gar nicht gekannt haben, sind wir uns in kurzer Zeit nahegekommen. Weil es kein Small-Talk war, sondern ein in die Tiefe gehendes Gespräch, buchstäblich über Gott und die Welt. Am Ende war mein Gefühl: Was hab ich doch für einen tollen Beruf! Wie offen kann man sprechen, wenn es Vertrauen gibt. Und wie schlimm ist es, wenn solches Vertrauen missbraucht wird, wie in der Kirche oft geschehen. Beim Verabschieden waren die jungen Leute zufrieden. Das konnte ich sehen. Auf ihren Gesichtern war ein bisschen Stolz zu erkennen; darüber, dass sie als Person ernst genommen werden. Und Glück, dass alles gut gegangen ist. Und bei den meisten sogar ein kleines Lächeln. Vertrauen zwischen Menschen kann man sehen. Es macht sie schön.

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08JUN2021
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Das letzte Jahr hat bei vielen von uns dazu geführt, dass sie mehr draußen sind. Spazierengehen ist Mode geworden, viele haben das Fahrradfahren wieder für sich entdeckt. Wenn man nicht verreisen kann, sucht man eben nach Alternativen in der vertrauten Umgebung. Auch dort gibt es immer Neues zu entdecken. Wer Hunde hat wie ich meint jeden Stein zu kennen, wo er wohnt. Schließlich laufe ich tagaus tagein vertraute Strecken. Aber das stimmt nicht ganz. Erst vor kurzem habe ich einen wunderschönen Weg entdeckt. Er liegt etwas verborgen und auf halber Strecke gab’s eine wunderbare Aussicht. Da muss ich noch öfter hin.

Wenn ich erst jetzt diesen neuen Weg entdeckt habe, muss es davon noch mehr geben. Neue Wege, neue Ausblicke. Und dadurch auch einen neuen Blick auf die Dinge, auf die Welt. Was ich neu entdecke, kommt zu dem dazu, was ich schon kenne und weiß. Es verändert meinen Horizont. Und das geschieht eben nicht bloß, wenn ich ein Buch lese oder mich in einem Kurs fortbilde. Es geschieht immer dann, wenn mir Neues begegnet. Womöglich genau dann, wenn ich nicht damit rechne. Und an Orten, die denkbar gewöhnlich sind. Der Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux war schon vor vielen hundert Jahren davon überzeugt und hat es in folgendem Zitat festgehalten: „Du wirst mehr in den Wäldern finden, als in deinen Büchern. Bäume und Steine werden dich Dinge lehren, die du von keinem Lehrmeister hörst.“ Die Natur als Lehrer. Für den Mönch Bernhard lag dieser Zusammenhang ganz offensichtlich auf der Hand. Als gläubiger Mensch sah er in Gott den Ursprung von allem. Also muss auch in dem, was Gott gemacht hat, alles drin stecken, um die Schöpfung zu verstehen. Dass ein großer Baum schnell gefällt ist, aber Jahrzehnte braucht, um seine stattliche Größe zu erreichen. Dass ein Stein sich nicht erweichen lässt. Und was es deshalb bedeutet, wenn wir sagen: Das ist zum Steinerweichen. Wie schlimm dann ein Unglück sein muss. Dass uns das Klima lehrt, wie auf unserer Welt alles zusammenhängt - die Pflanzen- und Tierwelt, Mensch und Maus - weil alles leidet, wenn das System gestört, gar zerstört wird. Es lohnt sich mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wenn dann das, was wir sehen, auch noch Herz und Hirn erreicht, dann werden die neuen Wege auch Neues bewirken.

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07JUN2021
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Das Thema Gerechtigkeit spielt in der Bibel eine große Rolle. Besonders bei den Propheten im Alten Testament. Da geht es häufig um die Frage, ob die einen auf Kosten der anderen leben. Sich also zu viel nehmen, was dazu führt, dass andere nichts oder zu wenig haben, die es genauso bräuchten. Propheten sind Menschen, die einen besonderen Draht zu Gott haben. Sie haben ihr Ohr nahe an seinem Wort und fassen dann selbst in markante Worte, was sie von ihm gehört und verstanden haben. Prägnant und konzentriert lautet ihre Botschaft: Gott will, dass es gerecht in seiner Schöpfung zugeht; und er sorgt auch für Gerechtigkeit.

Ein Beispiel aus dem Buch des Propheten Amos, der im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Weil zu dieser Zeit die Reichen und Mächtigen in Israel auf Kosten der einfachen Leute leben, droht Amos ihnen den Untergang an. Mit scharfen Worten:

Weh denen, die (…) die Gerechtigkeit zu Boden schlagen!

Ich kenne eure Vergehen und Sünden.

Ihr bringt den Unschuldigen in Not, ihr lasst euch bestechen und weist den Armen ab am Tor.[1]

So der Prophet Amos. Diese Selbstsucht wird Gott ihnen nicht durchgehen lassen.

Nun der Sprung in die Gegenwart. Das Thema Impfen wird bei uns kontrovers diskutiert. Viele möchten sich den für sie vermeintlich passenden Impfstoff am liebsten selbst aussuchen. Sie vergessen dabei, dass es Länder gibt, die so gut wie gar keinen Impfstoff haben. Und das auf nicht absehbare Zeit. In einer globalen Welt, in der alles zusammenhängt, ist auch die Frage der Gerechtigkeit global. Jedem Menschen steht das Gleiche zu. Die reichen Länder haben schnell ein Mittel gegen das Virus gefunden. Jetzt müssen wir unsere Ergebnisse und Lizenzen mit den Armen teilen.

Ums Teilen geht es auch im eigenen Land. Wer dem schönen Wort Gerechtigkeit eine reale Gestalt geben will, der denkt jetzt an die Verlierer der Pandemie bei uns: an die Restaurantbesitzer und Einzelhändler, die Künstler und an Familien mit vielen Kindern. Durch sie wird das Leben im Normalfall erst reich und schön. Darauf freuen wir uns, wenn der Spuk vorbei sein wird. Und auch deshalb sollten wir sie jetzt unterstützen. 

Heute wird die Priorisierung beim Impfen in Deutschland aufgehoben. Jeder kann sich jetzt einen Termin besorgen. Denken wir dann an die, die sich nicht selbst helfen können! Nicht zuletzt um Gottes Gerechtigkeit willen. Die Logik des Amos ist fast dreitausend Jahre alt. Sie gilt bis heute: Sucht das Gute, nicht das Böse, dann werdet ihr leben.[2]

 

[1] vgl. Amos 5,7.12

[2] Amos 5,14a

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03JUN2021
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Hochfest des Leibes und Blutes Christi. So heißt der Tag, der heute in der Katholischen Kirche begangen wird. Bekennende Katholiken wissen, was mit Fronleichnam gemeint ist. Was aber ist mit den Nicht-Kirchgängern und Ausgetretenen, den Nicht-Gläubigen und Atheisten? Auch sie haben frei wegen dieses kirchlichen Feiertags. Ich sage in den SWR4-Feiertagsgedanken heute etwas dazu, weshalb Fronleichnam für alle Menschen etwas bedeutet.

Der Leib und das Blut Christi. Es geht dabei um etwas ganz Elementares. Sonst wären nicht die Grundbestandteile angesprochen, aus denen unser irdisches Leben besteht. Der Leib, in den wir geboren werden; an dem andere uns erkennen, wenn sie uns begegnen. Und das Blut, die Flüssigkeit, die alles in sich birgt, was wir zum Leben brauchen. Es geht bei Leib und Blut in letzter Konsequenz um Leben und Tod. Bei Jesus, der sich aus Liebe geopfert hat. Und bei jedem Menschen. Weshalb wir in der Regel mit unserem Leib sorgsam umgehen und darauf achten, keinen Tropfen Blut zu vergießen. Und wenn das doch geschieht, wenn wir uns verletzen oder verletzt werden, dann ist das immer ein Alarmsignal. Dann ist unser Leben in Gefahr. Denn das Material, aus dem wir bestehen, beherbergt auch das, was uns als Person ausmacht: unseren Geist, unser Wesen, unsere Seele. Fronleichnam heißt: Das gibt Jesus her - für uns, für die gesamte Welt. Er verschenkt sich.

Es kommt vor, dass junge Menschen sich selbst verletzen, mit Absicht. Weil sie sich nicht mehr spüren, und durch den Schmerz wenigstens das Gefühl bekommen: Da ist noch wer in diesem Leib. Ich bin noch da, noch nicht tot. Das ist gefährlich, und es ist schlimm, dass jemand so schmerzlich uneins mit sich ist. Aber es macht eben auch deutlich, wie sehr alles zusammenhängt im Menschen: Körper und Geist sind eine Einheit. Wenn ein Bereich Schaden nimmt, leidet der andere mit. Und häufig zeigt sich zuerst an körperlichen Symptomen, dass mit uns etwas nicht stimmt. Dass wir uns übernommen haben. Dass schlicht alles zu viel ist, was auf uns einströmt. Dann ist es gut, wenn wir auf die Signale hören, die unser Körper sendet. Unser Leib ist kostbar. Unser Ur-Element. Und die meiste Zeit unseres Lebens setzen wir alles daran, ihn zu schützen, damit das Blut in ihm ungehindert zirkulieren kann. Der unentwegte Kreislauf des Lebens.

Kann man davon etwas abgeben? Es teilen mit anderen? Davon spricht Jesus beim letzten Mahl in seinem Freundeskreis. Nehmt: Mein Leib. Trinkt: Mein Blut. Wie kann man sich das vorstellen?  

 

ZWISCHENMUSIK

 

An Fronleichnam geht es um den Leib und das Blut Christi. Über die Bedeutung, die das für die ganze Welt haben könnte, spreche ich heute in den SWR4-Feiertagsgedanken.

Von den Worten, die von Jesus überliefert sind, haben die folgenden eine besondere Wirkung entfaltet: Nehmt und esst, das ist mein Leib. Trinkt mein Blut zum Gedächtnis an mich. Sich an dieses Vermächtnis zu erinnern und es immer von neuem zu tun, ist sein Auftrag. Empfangen haben ihn vor zweitausend Jahren seine engsten Vertrauten. Am Abend vor seinem Tod. Da hat er auf diese Art und Weise gedeutet, was ihm bevorsteht. Er muss sterben, weil das, was er sagt, die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Dass nämlich die auf den letzten Platz verwiesen werden, die sich besonders wichtig nehmen. Davor haben die Mächtigen und Einflussreichen Angst. Es bringt ihre Welt durcheinander, die sie so eingerichtet haben, dass für sie immer am meisten herausspringt. Deshalb werden sie ihn töten. Aber damit schaffen sie ihn und seine Botschaft nicht aus der Welt. Jesu Tod ist ein Zeichen der Liebe. Und davon werden die profitieren, denen seine größte Liebe galt: die ein Leid plagt, die nicht genug zum Leben haben, die auf die Seite geschoben werden. Auf diese Weise, durch den Tod, und wie Jesus ihn deutet, bekommen sein Leib und sein Blut eine viel größere Bedeutung. Was er seinen Vertrauten sagt, ist gedacht für die ganze Welt. Nicht nur für eine kleine, elitäre Gruppe. Nicht für seine jüdischen Glaubensgeschwister. Nicht einmal bloß für die daraus entstandene Christenheit. Nein, er, Jesus, gehört aus Fleisch und Blut, mit Leib und Seele der ganzen Welt. Sein Vermächtnis ist universal. Kann zumindest so verstanden werden. Was er zu geben hat, soll überall dorthin gelangen, wo es am nötigsten gebraucht wird.

Das gilt heute wie damals und hat aktuelle Konsequenzen. Der Leib Christi, das ist nicht nur die geweihte Hostie, die man in der Heiligen Messe empfangen kann. Jesus teilt sein Leben überall dort, wo das Leben in Gefahr ist. Mit jedem geflüchteten Menschen, der es übers Mittelmeer schafft, der gerettet wird. Mit den Kindern im Sudan, die der Hungersnot dort entkommen konnten. Mit den Covid-Patienten, die nach langen Wochen aus der Intensivstation entlassen werden. Mit den Menschen, die um einen ihrer Lieben trauern. Das ist mein Leib für euch. Und was ist mit den Toten, mit denen, die es nicht schaffen? Ich glaube, dass Jesus sein Blut nicht umsonst vergossen hat, sondern für uns, für jeden, der ein schweres Kreuz zu tragen hat, dass kein Leid, kein Tod umsonst war. Nirgends auf der Welt. 

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30MAI2021
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Es ist ein schmaler, ein ganz schmaler Grat, den Moses da beschreitet. Entweder seine Leute werden sich überzeugen lassen. Oder alles ist umsonst gewesen. Auf dem Weg vom ägyptischen Berg Horeb ins gelobte Land Kanaan sind die Israeliten müde geworden. Jetzt aufgeben, so kurz vor der Heimat? Da wendet sich Moses in einer prophetischen Rede an sein Volk. Er sagt: Forsche einmal in früheren Zeiten nach[1]. Mose beschwört die Erinnerung. Auch wenn es auf dem langen Weg keine großen Ereignisse gibt, keine neuen Gotteserfahrungen. Auch wenn sich alles eingespielt hat. Und das Vertrauen auf Gott nicht mehr die Hauptsache ist. Früher, da war doch was. Moses ermahnt sie nicht zu vergessen: Dass JHWH, ihr Gott, die Welt erschaffen hat und es ein Wunder ist, dass sie überhaupt existieren. Und vor allem: Dass er sein Volk immer wieder gerettet hat, wenn es übel dran war.  Eben die Tatsache, wie Gott in der Geschichte sich zeigt, daran erinnert Moses. Er führt die Israeliten nun schon geraume Zeit an. Da gab es Höhen und Tiefen. Und im Laufe der Zeit hat sich - wie das eben so ist - eine gewisse Normalität eingestellt. Viel Begeisterung ist da nicht mehr. Die Israeliten sind müde geworden und mit ihnen ihr Glaube.

Ja, das hört sich an, als ob man die aktuelle Lage der deutschen katholischen Kirche charakterisieren wollte. Müde, ausgelaugt, enttäuscht. Aber wovon enttäuscht? Von Gott? Doch eher von der eigenen Trägheit, die immer zum Gleichen führt. Menschen richten sich in ihrer kleinen Welt ein. Alles, was sich verändert, begreifen sie als Bedrohung. Es soll so bleiben, wie es ist. Ob das immer gut ist, diese Frage wird verdrängt, weil es die eigene Ordnung durcheinanderbringt, in der man sich bequem eingerichtet hat. Wohin das in der Kirche führt, ist nicht zu übersehen. Es wird viel verwaltet, statt zu begeistern. Die Sorge um die eigenen Pfründe ist größer als die Sorge um die Not der Menschen. Es wird nach innen gesichert, anstatt sich nach außen zu öffnen. Abgrenzung statt Einladung. So erlebe ich selbst meine Kirche ganz oft. Und das tut mir weh.

Moses sagt: Heute sollst du erkennen und zuinnerst begreifen: Der Herr ist der Gott im Himmel droben und auf der Erde unten, keiner sonst[2]. Dass muss meine Kirche und alle, die zu ihr gehören, begreifen - tief im Inneren: dass eben nur einer alles in der Hand hat. Nur so wird sie auf Dauer Bestand haben, im Auf und Ab, das die Geschichte bestimmt.

 

[1] Dtn 4,32a

[2] Dtn 4,39

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02MAI2021
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Fünfter Sonntag der Osterzeit B | Johannes 15,1-8

Wie aus einem Lehrbuch für Weingärtner - so lesen sich Teile des heutigen Sonntagsevangeliums. Und zwar für Weingärtner, die auf Qualität Wert legen. Es heißt dort: Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt[1]. Genau so gehen Winzer vor, die am Ende einen richtig guten Wein in der Flasche haben wollen. Sie reduzieren den Ertrag und achten pingelig auf Sauberkeit. Wenn man aber eine Flasche mit so einem guten Tropfen öffnet, dann ist die Mühe, die darin steckt, so gut wie vergessen.

Ich wundere mich nicht darüber, dass Jesus den Weinbau als Bild wählt, um etwas über den Glauben zu sagen. Wir wissen, dass Jesus gern mit Freunden und Fremden zusammen gegessen und getrunken hat. Und das Letzte Abendmahl mit Brot und Wein sagt ein Übriges. Dort hat Jesus sich selbst mit Wein verglichen. In jeder Eucharistie, die ich als Priester feiere, erinnere ich an seine Worte: Der Wein ist mein Blut, das für euch vergossen wird.

Für Jesus im Johannesevangelium ist Gott wie der Weingärtner, der mit ihm als seinem Sohn einen einzigartigen Weinstock auf unserer Erde gepflanzt hat. Und jetzt will er sehen, ob seine Schöpfung gedeiht: Wächst etwas Gutes daran, oder ist alles vergebens? Jesus beschreibt Gott als sorgfältigen Winzer. Und das hat Konsequenzen für die, die zu Jesus gehören wollen. Es ist also nicht egal, wie man lebt, was man denkt und sagt und wie man sich anderen gegenüber verhält. Mein Leben muss so sein, dass es Jesus entspricht. Nur dann bin ich eine wertvolle Traube, wenn ich nicht für mich allein lebe, sondern gut mit ihm in Verbindung bin und mit anderen eine Traube bilde; wenn ich für Frieden und Gerechtigkeit sorge im Rahmen meiner Möglichkeiten; wenn ich ein Auge habe für jedes Gottesgeschöpf und versuche, Schaden von ihm abwenden. Die Kraft dazu kann ich aus Jesus gewinnen, wenn die Verbindung mit ihm, dem wahren Weinstock, nicht abreißt.

Beim Wein kommt es darauf an, was am Ende in der Flasche ist. Wein ist kein Einheitsprodukt, sondern so vielfältig wie kaum ein Getränk. Es gibt viele unterschiedliche Rebsorten, große teure Gewächse und einfache Tropfen, die auch gut sein können. Wenn ein Wein gelungen ist, stimmt die Balance aus Säure und Süße, der Alkoholgehalt ist nicht zu hoch und der Geschmack verzaubert Nase und Gaumen. Ich stelle mir vor, so gehaltvoll und vielfältig hat Gott sich sein Volk gedacht. Und deshalb verstehe ich Jesu Worte als großen Ansporn: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen[2].

 

[1] Johannes 15,2

[2] Johannes 15,5

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30APR2021
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Als Kinder haben wir in der Nacht auf den ersten Mai Streiche ausgeheckt. Das kam nicht immer gut an, weil es Leute gibt, die nicht gerne geärgert werden wollen. Und manche Streiche gingen auch zu weit. Sich auf Kosten anderer lustig zu machen oder ihnen gar zu schaden, ist nicht gerade das, was man sich angewöhnen sollte. Andererseits: frech zu sein, über die Stränge zu schlagen - das gehört dazu, wenn man jung ist. Ich habe dabei meine Erfahrungen gesammelt und verstehe heute junge Leute besser, wenn sie ungestüm sind. Meistens ist es mir sogar lieber, wenn sie ein bisschen frech sind und nicht allzu angepasst. Wenn Ihnen also heute ein Streich gespielt wird, dann versuchen sie so gut es geht, darüber zu lachen.

Denn darum geht es doch, wenn der Mai beginnt, der Wonnemonat: das Dunkle, das, was einen bedrückt, abzuschütteln, sich frei zu fühlen; sich die Sonne auf den Kopf scheinen zu lassen, den schweren Wintermantel wegzupacken, die Blumen wachsen zu sehen, oft draußen zu sein an der frischen Luft. Und vieles mehr, was ich jetzt gerne aufzählen würde, aber nicht kann, weil die Pandemie es immer noch verbietet. Ich habe mir überlegt, was wir stattdessen tun könnten - quer durch alle Altersstufen -, um einen guten Auftakt für den Mai 2021 hinzubekommen. Was macht anderen Freude, was zaubert ein befreites Lachen auf ihr Gesicht?

Statt Klopapier könnten Kinder ein selbst gemaltes Bild ans Gartentor der alten Nachbarin hängen. Viele haben auf ihrem Handy schöne Fotos von allen möglichen Gelegenheiten. Die kann man mit einem lieben Gruß zum Ersten Mai verschicken. Oder ein paar Blumen auf der Wiese pflücken, wie früher als Kind, und jemandem vor die Tür stellen.

Mir persönlich hat am Ersten Mai schon im letzten Jahr etwas gefehlt, und das wird es auch diesmal nicht geben. Ich habe meine Maiwanderungen früher immer so geplant, dass ich mindestens an einem Fest im Freien vorbei gekommen bin. Wo es ein Bier und eine Wurst gab. Das mag ich so sehr. Morgen werde ich darauf nicht verzichten. Sondern im eigenen Garten den Grill anheizen. Und wenn ein Nachbar kommt, kriegt er auch eine Wurst. Coronakonform, mit genug Abstand. Aber auch mit genug Freude und Freiheit.

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29APR2021
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Sätze, die mit „Ich“ beginnen, sind heikel. Wenn sie anderen etwas anbieten, dann ist es gut. Aber wenn sie ausdrücken, dass ich wichtig bin, ich Recht habe, dann entstehen daraus Probleme. Sie werden um so größer, wenn ich mich bei dem, was ich sage, zunehmend nur um mich selbst drehe, wenn ich zum Mittelpunkt der Welt werde, und nicht mehr bemerke, dass da andere sind. All die anderen Menschen, die mit gleichem Recht „Ich“ sagen. Mir fällt auf: In der Pandemie gibt es viele problematische Ich-Sätze. Das hängt damit zusammen, dass wir alle sehr auf uns selbst zurückgeworfen sind. Es gibt wenig Ablenkung. Unsere Tage sehen ziemlich gleich aus. Wir sind viel weniger mit anderen Menschen konfrontiert - weder beruflich noch privat. Da passiert es leichter, dass man sich zum Maß der Dinge macht. Aber das ist gefährlich.

In der Corona-Pandemie hat es immer wieder Einschränkungen gegeben. Ob das immer die richtigen Entscheidungen waren, die Politiker dabei getroffen haben, um die Gefahren klein zu halten, will ich hier nicht diskutieren. Was ich aber weiß: Die Maßnahmen greifen nur, wenn möglichst alle sich daran halten. Wobei es durchaus begründete Ausnahmen geben kann. Aber die Begründung kann nicht das eigene Ich sein. Jeder hat die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten, wenn es darum geht, dass unser Zusammenleben gelingt. Dass Einzelne dann sagen: „Ich halte mich nicht dran“, das geht nicht. Es ist unsozial und zerstört das, worauf eine demokratische Gesellschaft aufbaut: das Wohl der Gemeinschaft. Das ist übrigens auch ein Prinzip der katholischen Soziallehre. Wer Ich sagt und für sich ein Recht in Anspruch nimmt, muss prüfen, ob er damit anderen schadet.

Noch so ein Ich-Satz: „Ich lasse mein Kind nicht testen.“ Manche Eltern wollen nicht, dass ein Fremder mit einem Stäbchen in der Nase ihres Kindes herumstochert. Das kann ich durchaus verstehen. Aber die Eltern müssen dann auch das akzeptieren, was sich logisch daraus ergibt, und ihre Kinder zuhause lassen. Ich weiß, dass die Schnelltests umstritten sind und keine hundertprozentige Auskunft über eine Infektion geben. Aber sie sind wie die Masken ein Mittel, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Wer sich aus persönlichen Gründen nicht daran halten will, darf dann nicht andere gefährden, die sich daran halten. Oder anders ausgedrückt: Wer Ich sagt, muss das Wir immer mitdenken. In schwierigen Zeiten ganz besonders.

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