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07AUG2022
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Eine Frau sagt mir: „Es fehlt nicht mehr viel, und ich trete auch aus.“ Sie meint: aus der Kirche; und sie meint, wie so viele im Moment. Sie hat gute Gründe. Und ich kann ihr nicht viel entgegenhalten. Aber ich will nicht, dass sie das tut. Sie ist eine tolle junge Frau, und sie macht gute Arbeit – in der Kirche.

Szenenwechsel: Beim Einkaufen erzählt mir ein Mann von seiner Mutter. Sie ist über 90, war ihr ganzes Leben lang katholisch, und jetzt, mit einem Mal, beginnt das alles sich aufzulösen. Sie ist tief enttäuscht, weil da nicht mehr viel ist von dem Schönen, das sie mit ihrem Glauben immer verbunden hat.

Das sind zwei Szenen wie sie mir häufig begegnen in letzter Zeit. Und weh daran tut mir eigentlich nur das eine: Ich habe die große Sorge, dass Menschen mit der Kirche auch ihren Glauben über Bord werfen. Um den Glauben ist es mir arg. Den will ich retten. Aus unterschiedlichen Gründen. Weil er mir selbst schon Halt gegeben hat in schweren Zeiten. Weil er mir hilft, großzügiger und weitherziger auf mich und die Welt zu schauen. Weil er andere Prioritäten setzt als Erfolg und Vermögen. Weil mein Glaube meinem Leben ein Fundament gibt. Der Hebräerbrief – heute im katholischen Gottesdienst zu hören – formuliert das so: Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht[1]. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Hoffnung durchs Leben zu gehen. Solange ich hoffe, nehme ich die Welt nicht hin, wie sie ist, sondern strenge mich an, Dinge besser zu machen. Ich finde mich nicht damit ab, dass ich als Teil der Menschheit unsere Erde zerstöre. Ich hoffe, dass dieser schöne blaue Planet noch lange eine Heimat ist für alles, was auf ihm lebt. Und weil ich das hoffe, tue ich etwas dafür: mit Pellets aus nachwachsendem Holz heizen, regionale Produkte kaufen. Ich hoffe, dass der Krieg in der Ukraine bald ein Ende findet. Und mache denen Mut, die von dort vertrieben bei uns eine Heimat gefunden haben. Das alles hat für mich auch mit meinem Glauben zu tun. Indem ich so hoffe, traue ich Gott zu, dass er nicht untergehen lässt, was er erschaffen hat. Meine letzte Hoffnung setze ich auf ihn. Auch dort, wo es über das Irdische hinausgeht. In Richtung auf die bessere Heimat, die himmlische[2], wie es im Hebräerbrief an diesem Sonntag schließlich auch heißt. Das bedeutet es für mich zu glauben. Das wünsche ich mir auch für die junge Frau und die alte Dame. Dass sie das nicht aufgeben müssen.

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[1] Hebräerbrief 11,1
[2] Hebräerbrief 11,16

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31JUL2022
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Endlich Sommerferien! Große Ferien. Sechseinhalb Wochen lang. In dieser Zeit verändert sich mein Rhythmus. Ich mache weniger, und ich mache langsamer, was ich mache. Das fühlt sich gut an. Ich hab zwar nicht in den ganzen Sommerferien Urlaub. Aber auch in den übrigen Wochen tickt die Uhr bei mir anders. Weniger Termine, weniger Gespräche. Viele Treffen sind allein schon deshalb nicht möglich, weil immer die eine oder der andere gerade weg ist. Ich genieße dieses „Weniger“ sehr. Um durchzuschnaufen, nachzudenken, um zu lesen und meine Gedanken so zu ordnen, dass es hinterher wieder richtig losgehen kann. Nur manchmal denke ich mir: Warum muss es das eigentlich? Es könnte doch auch so bleiben, so ferienhaft. Wenn ich mir dann überlege, warum das nicht geht, weshalb unsere Welt und das Leben darin so anders konstruiert ist, lande ich unweigerlich irgendwann bei Adam und Eva. Und zwar nicht nur im sprichwörtlichen Sinn. Ich komme zu der biblischen Erzählung, die den Anfang von allem beschreibt.

Warum? Es muss etwas damit zu tun haben, dass die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben worden sind. Dort – so stelle ich mir das vor – war immer eine Art Ferien. Keiner brauchte zu arbeiten, jeder hatte, was er brauchte. Es gab gar nichts anderes. Wie anders ist es bei uns, wo es so oft ganz und gar nicht paradiesisch zugeht. Es herrscht keine Balance zwischen denen, die so viel haben, dass sie geben könnten, und denen, die Not leiden. Es geht ungerecht zu. Wir vergleichen uns und reagieren eifersüchtig, wenn wir etwas nicht haben, was andere haben. Und manches Mal überkommt uns die Gier: Mehr und nochmal mehr. Höher, größer, schneller – und das oft genug auf Kosten anderer.

Von einem Paradies ist da wenig zu sehen. Wenn es das jemals gegeben hat. Aber davon muss ich ausgehen, solange ich an Gott glaube. Ich setze voraus, dass Gott einen guten Plan hat mit seiner Schöpfung. Ja, dass er es so, wie er es gemacht hat, aus Liebe gemacht hat. Weil das doch alles in allem der rote Faden ist, wenn wir die Erfahrungen zusammennehmen, die sich in der Bibel finden: Gott ist Liebe. Und er liebt seine Geschöpfe. Nur dass ihm der Mensch offenbar in die Quere kam. Die Krone seiner Schöpfung. Mit Freiheit ausgestattet. Frei sich zu entscheiden zwischen Gut und Böse. Davon erzählt die Bibel am Anfang: Der Mensch ist frei. Er hat die Wahl. Und er entscheidet sich zu oft falsch. Er denkt zu viel an sich, vergisst seine Grenzen. Das katapultiert ihn regelrecht aus dem Urzustand. Wo er mit sich und Gott und der übrigen Schöpfung im Einklang war. Quasi: Eine immerwährende Ferienzeit. Wie ganz zu Beginn bei Adam und Eva im Paradies.

Ich lebe nicht mehr im Paradies. Keiner von uns tut das. Ich weiß aber, dass ich da hinwill. Ich spüre die Sehnsucht nach einem Zustand, in dem alles gut ist. Und jetzt, in der Ferienzeit, wird diese Sehnsucht neu angefacht. Darüber spreche ich heute in den SWR4-Sonntagsgedanken.

Die Bibel lässt keinen Zweifel daran, weshalb so vieles aus dem Ruder läuft auf unserer Welt; woran es liegt, dass wir immer mehr in Schwierigkeiten geraten: Kain, der seinen Bruder aus Eifersucht erschlägt; weil er argwöhnt, Gott könnte Abel mehr lieben als ihn. Noah musste mit ansehen, dass die Welt untergeht; weil es so böse auf ihr zugeht und die Gewalt unter den Menschen überhandgenommen hatte. Und schließlich der hohe Turm in Babylon. Sinnbild, dass der Mensch zu hoch hinauswill. Er rastet aus, macht sich zu seinem eigenen Gott. Und die Welt gerät aus den Fugen.

Was die Bibel erzählt, ist bis heute an der Tagesordnung. Das sind keine alten Geschichten. In ihnen steckt eine tiefe Wahrheit. Es hat mit uns zu tun, mit den Nachfahren von Kain und Abel, Adam und Eva, dass das Klima auf unserem Planeten kollabiert. Wir leben maßlos und fallen in Sünde. So nennt die Bibel das. Ich weiß, das ist keine frohe Botschaft, es baut nicht auf. Und es klingt schon gar nicht nach schönen Ferien. Aber es ist wichtig, die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen, wenn man sich selbst besser verstehen will, und damit die Welt, wie sie durch uns als Menschen geworden ist. Im laufenden Betrieb klappt das meistens schlecht. Wenn alles schnell gehen und funktionieren soll. Dann sind wir wie ein Hamster im Laufrad, der nicht zur Ruhe kommt. Aber jetzt, in den Ferien, jetzt könnte es dazu immer mal eine günstige Gelegenheit geben.

Ich hetze nicht und fahre langsamer mit dem Auto. Ans Ziel komme ich genauso und bin nicht so angespannt. Wenn ich merke, dass es klappt, geht das nach den Ferien hoffentlich auch.

Ich denke darüber nach, mit wem ich in den letzten Monaten einen Konflikt hatte. Das passiert im Eifer des Gefechts und bleibt dann liegen. In den Ferien überlege ich mir, wie ich mich entschuldigen kann, und plane, wie wir das gemeinsam aus dem Weg räumen.

Ich frage mich so kritisch wie möglich, wo ich neidisch war wie Kain und maßlos wie die Turmbauer zu Babel. Und nehme mir vor, dass mir das im Alltag nicht mehr passiert. Wenn das funktioniert, war’s am Ende gar nicht anstrengend, sondern schön. Weil da eine Ahnung vom Paradies drinsteckt. Und die zu bekommen, dazu sind für mich Ferien eben auch da.  

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16JUL2022
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Theologen reden viel. Das können wir. Das haben wir gelernt. In jeder Lebenslage und zu jeder erdenklichen Situation etwas zu sagen. Und dabei das Wort „Gott“ im Mund zu führen. Mir fällt das zunehmend schwer, obwohl ich es kann. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht, woran das liegen könnte. Ich war in Sorge, dass mir mein Glaube abhanden kommen könnte. Mit zunehmendem Alter und dem vielen, was ich schon erlebt habe. Aber das ist es nicht. Es liegt an etwas anderem. Es liegt eher daran, dass ich merke, wie wenig ich mich selbst kenne. Und noch weniger die anderen Menschen, mit denen ich zu tun habe. Ich merke, dass ich vieles von mir erst jetzt verstehe, wo ich älter bin.

Meine Hemmung, von Gott zu sprechen – zu selbstgewiss, allzu vollmundig – würde ich auf die folgende Formel bringen: Ich weiß nicht genügend über den Menschen zu sagen. Wie kann ich dann von Gott sprechen? Im ersten Moment hört sich das womöglich widersprüchlich an. Manche werden sagen, das sind doch zwei Paar Stiefel: über Gott zu reden und über den Menschen. Aber genau das finde ich nicht. Ich finde, dass das untrennbar miteinander verbunden ist. Es gehört für mich logisch zusammen. Bevor ich etwas über Gott sage, muss ich erst mich als Menschen kennen und verstehen, wie ich bin. Denn alles, was ich überhaupt sage, sage ich ja als Mensch. Alles, was in der Bibel über Gott festgehalten ist, stammt von Menschen. Es sind ihre Erfahrungen, die sie gemacht haben. Was sie da sagen, sagt mindestens so viel über sie aus, wie über Gott. Dass Abraham aufgebrochen ist in ein neues fremdes Land. Dahinter steckt, dass Gott ihm eine gute Zukunft versprochen hat. Aber er musste es tun. Von Paulus wird berichtet, dass er drei Tage blind war, als er bei Damaskus vom Pferd fiel. So hat Gott ihn zum Apostel berufen. Aber er musste dann die Reisen nach Rom und Korinth planen und unternehmen und seine berühmten Briefe schreiben.

Es macht mich demütig und tut mir gut zu wissen: Ich kann von Gott sprechen. Je zurückhaltender desto besser. Es sind letztlich meine Erfahrungen, die ich mit Gott mache. Aber keine endgültigen Wahrheiten.

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15JUL2022
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„Gott ist schrecklich“.  Zu diesem Ergebnis kommt die Autorin Esther Maria Magnis. Gott ist schrecklich, weil er Menschen sterben lässt. Ihren Vater. Kurz danach wird auch noch ihr jüngerer Bruder schwer krebskrank. Sie kümmert sich um ihn, pflegt ihn. Und er stirbt. Das ist schrecklich, und weil sie an Gott glaubt, heißt das für sie auch, dass Gott schrecklich ist. Er ist eben nicht liebevoll und barmherzig, wie sie in ihrer Jugend gelernt hat. Zumindest ist er das nicht nur, und vermutlich nicht einmal mehr als alles andere. Esther Maria Magnis kann seitdem jedenfalls nicht mehr an einen Gott glauben, der sie tröstet und ihr Hoffnung schenkt. Sie muss das Bild von Gott in ihrem Kopf zusammenbringen mit dem, was ihr so weh tut, worunter sie leidet, was ihr die Sprache verschlägt und sie einfach nicht versteht. Und wenn sie das tut, dann erschrickt sie darüber, dass dieses Dunkle, das Negative auch zu Gott gehört. Dass man da durch muss, wenn man als Christ echt glauben will, weil der Schrecken zum Glauben gehört. Wörtlich schreibt sie dazu: „Der Glaube der Christen hat einen Schrecken. Unser Glaube macht BUH! Unser Glaube hat in sich das Wissen um den ganzen Dreck der Welt. Und erst dann kommt die Frohe Botschaft. Vorher gibt es keinen Grund, (…) Menschen, die echte Not haben, (…) mit einem weichen gemütlichen Gesäusel einzulullen. Gott brüllt. Gott schweigt. Gott scheint abwesend. Und Gott liebt in einer Radikalität, vor der man sich fürchten kann.“[1]

Leider wird der Glaube an Jesus und seinen Gott oft als Trostpflaster benützt, wenn man keinen anderen Ausweg aus der Krise weiß. Aber da ist das Kreuz. Jesus ist gestorben. Sein irdisches Ende war schrecklich.  Das macht mehr als deutlich, dass man in die Krise hinein muss, um zu glauben. Darin besteht die große Herausforderung für Christen: Wir verstehen Gott nicht. Wir sind zu klein für ihn. Zu glauben heißt dann: Da dran bleiben, Gott das zu sagen. Womöglich stärkt das unseren Glauben am Ende viel mehr als wir denken.

Esther Maria Magnis hat zu einem neuen, tieferen Glauben gefunden. Sie hat den Tod ihres Bruders Johannes ausgehalten. Sie hat Gott deswegen verklagt. Und trotzdem an ihm festgehalten.

 

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[1] Magnis, Esther Maria: Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung. Reinbek 2012, 223ff.

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14JUL2022
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Auf meinem Schreibtisch stehen immer Sterbebildchen. Die Erinnerung an Menschen, die ich kannte. Manche von ihnen habe ich beerdigt. Nach einer gewissen Zeit wandern die Bildchen dann in mein Gesangbuch. Zur Zeit steht das Sterbebild von Herzog Carl von Württemberg vor mir. Ich war am 2. Juli auf seiner Beisetzung und habe im Fernsehen den Kommentar gesprochen. Auf dem Bildchen ist alles wie immer: innen ist ein Portrait, dazu Bibelworte, die Bitte ums Gebet. Nur vorne auf der ersten Seite, da steht bei Herzog Carl ein wunderbarer Gedanke, der mich schon beim ersten Lesen beeindruckt hat.

Er lautet: Herr und Gott, da bin ich. Nichts als ich. Vor dir. Darüber ein Gemälde von Maria mit dem nackten Jesuskind auf ihrem Schoß. Ich habe sofort verstanden, was damit zum Ausdruck gebracht wird: Auf dem Schoß der Gottesmutter sieht sich der Verstorbene selbst sitzen. Er wünscht sich dort zu sein, wenn er zu Gott kommt. Und er hat keine Furcht, dabei nackt zu sein. Er braucht dann nichts mehr von dem, was in seinem Leben oft eine große Rolle gespielt hat: kein Schloss, kein Wirtschaftsunternehmen, keine adligen Gepflogenheiten. Sogar der Schmerz darüber, dass sein ältester Sohn tödlich verunglückt ist und nicht sein Nachfolger werden konnte, ist vergangen. Im Tod, an der Schwelle von diesem irdischen Leben in die Ewigkeit braucht es nichts mehr, und es gibt auch nichts. Nur ihn selbst. Wie er war – als Mensch, als Person. Da ist er auf einmal so nackt, wie er einst 1936 auf die Welt kam. Und davor braucht er sich nicht zu fürchten. Weil Gott sich nur für die Liebe interessiert. Für das Gute, das er anderen getan hat. Und Herzog Carl hat viel Gutes getan. Vor allem für Kinder, die schwer krank sind oder ohne die Sorge von liebenden Eltern aufwachsen müssen. Ob das reicht, und wie es um die Fehler und Schwächen bestellt ist, die es bei ihm genauso gab, wie bei uns allen? Der kurze Gedanke auf Herzog Carls Sterbebildchen legt auch das in Gottes Hand: Herr und Gott, da bin ich. Nichts als ich. Vor dir. Wie klug dieser Gedanke ist und wie wohl es tut, darauf zu hoffen.

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13JUL2022
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Darf ich ein Geschenk ablehnen? Zumal wenn es von Herzen kommt?
Meine Mutter wollte mir eine Einkaufstasche schenken. Auf der Tasche sind Hunde abgebildet. Unterschiedliche Rassen. Und weil ich doch zwei Hunde habe und meine Mutter die auch liebt, hat sie gedacht: Das ist genau das Richtige. Die Tasche ist also kein Verlegenheitsgeschenk. Meine Mutter hat sich was dabei gedacht, und will mir was „aus Liebe“ schenken. Aber: Mir gefällt die Tasche nicht. Nicht mein Stil, zu kitschig. Und ich sage ihr das und nehme das Geschenk auch tatsächlich nicht an. Im Endeffekt ist das keine Katastrophe, meine Mutter kennt das, weil’s schon ein paar Mal so war. Aber enttäuscht ist sie trotzdem. Im Nachhinein denke ich mir, ich hätte die Tasche halt einfach mitnehmen sollen und so tun, als ob. So eine kleine Notlüge macht das Leben manchmal einfacher. Und wenn meine Mutter nachgefragt hätte, dann wäre sie halt grade in der Wäsche gewesen - die Tasche mit den Hunden.

Weshalb ist es so schwierig, ein Geschenk abzulehnen? Ich kapiere schon, dass ich damit meine Mutter ausbremse, und nicht wertschätze, dass sie sich Gedanken macht und mir so etwas von ihrer Liebe zeigen will. Dann denke ich mir aber auch: Gerade weil sie mich liebt, könnte sie doch verstehen, dass ich das Geschenk nicht ablehne, weil ich sie verletzen oder ärgern will. Ich will nur ehrlich sein. Geschmäcker sind nun mal verschieden. Da steckt doch nichts drin, was den anderen abwertet. Meiner Mutter gefällt das, und mir etwas anderes. Beides ist gleich viel wert.

Ein Geschenk ist ein Geschenk. Es ist höflich es anzunehmen, wenn es zwischen zwei Menschen nur um Höflichkeit geht. Alles andere wäre dann zu kompliziert. Aber wenn ein Geschenk aus Liebe gemacht wird, dann ist das etwas anderes. Dann bleiben die beiden nicht an der Oberfläche hängen, nicht an dem, was man halt so tut, ums richtig zu machen. In der Liebe kann’s nur ehrlich zugehen, oder es ist keine Liebe. Und mehr noch: Aus Liebe braucht es überhaupt keine Geschenke. Wer liebt, dem ist der andere genug.

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12JUL2022
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Vor zwanzig Jahren hat Herbert Grönemeyer sein berühmtestes Album veröffentlicht. Es hat den Titel „Mensch“ und das erste Lied heißt auch so. Einfach: „Mensch“. Es gibt für mich eine besonders markante Stelle in dem Lied. Sie lautet: „Der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt."

Es gibt viele Versuche zu definieren, was ein Mensch ist. Grönemeyer versucht hier seine Definition. Und was mich angeht, trifft er mit seiner Beschreibung ins Schwarze. Was er da an Gefühlen und Eigenschaften nennt, ist genau das, was mich am meisten bewegt, wenn ich es an anderen beobachte oder bei mir selbst feststelle. Ich bin dann am meisten Mensch, wenn ich einen Fehler mache, mich gar in eine Sache verrannt habe und es irgendwann merke. Denn das kann ich: Mich festbeißen an einem Thema, worüber ich in ein paar Wochen einen Vortrag halten soll, obwohl etwas anderes gerade viel wichtiger wäre. Dann beginne ich zu lesen, Nachforschungen anzustellen, Leute zu befragen, die sich auskennen, weit über das normale Maß hinaus. Und vergesse fast alles andere um mich herum. Bis ich am Ende merke. Darauf kam’s gar nicht an. Das war viel zu viel für das, was ich sagen kann.

Als Pfarrer habe ich oft mit Menschen zu tun, die eine Sache sehr plagt. Weil sie sich in einen verliebt haben, der verheiratet ist. Weil sie plötzlich schwer krank werden. Weil sie vor lauter Fragen und Sorgen kein Land am Horizont sehen. Ich spüre dann, wie sie kämpfen, sich wehren gegen den Feind, der in ihnen schafft. Da können ungeheure Kräfte am Werk sein. Und obwohl sie aus dem herausfallen, was ihnen bisher einen Rahmen gegeben und ihr Leben zusammengehalten hat, werden sie gerade darin als Menschen ganz stark und groß: wie sie kämpfen und hoffen.

Was ist der Mensch? Was macht einen Menschen überhaupt zum Menschen? Was braucht einer, damit er ein Mensch ist und was darf ihm fehlen, und er bleibt trotzdem einer? Es geht  ständig um diese Fragen. Oft merke ich es gar nicht. Aber wenn ich es merke, dann entdecke ich das Wunder, das im Menschen steckt. Dass ich oder ein anderer erschüttert sein kann, am Boden zerstört, und trotzdem groß ist, großartig. Als kleiner Mensch, „der irrt und kämpft, der hofft und liebt, der mitfühlt und vergibt“. Und genau darin ganz groß wird.

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11JUL2022
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Noch nie sind so viele Menschen aus der Kirche ausgetreten wie im letzten Jahr. 360.000 Katholikinnen und Katholiken. Auch diesmal war es wie immer. Die Betroffenheit ist groß. Bischöfe sagen, wie weh ihnen das tut. Sie erklären, womit es zusammenhängt. Mit dem Skandal des Missbrauchs. Mit fehlenden Reformen. Dass die Leute nicht mehr so an eine Gemeinde gebunden sind. Und überhaupt: Der Glaube an Gott schwindet immer mehr. Wie oft habe ich das schon gehört: „Das ist alles ganz schlimm, und wir sind sehr betroffen.“

So weit, so schlecht. Denn das reicht einfach nicht. Es ist höchste Zeit, endlich zu sagen, was man dagegen tun will, und dann auch etwas zu tun. Ganz praktisch, ganz konkret. Auch Absichtserklärungen sind zu wenig. Weil die Kirche ja nicht für sich selbst da ist, sondern für andere.

Ich feiere sonntags oft in einer Kirche Gottesdienst, die 500 Plätze hat. Waren vor Corona noch um die hundert Menschen da, sind es jetzt manchmal nur noch dreißig. Es fällt schwer, in einer fast leeren Kirche Gemeinschaft zu erleben und Freude zu spüren. Aber das ist gar nicht das Hauptproblem für mich. Ich will, dass das, was ich zu sagen habe, die Menschen erreicht. Dazu setze ich mich hin, wenn ich meine Predigt schreibe. Es soll für möglichst viele interessant sein. Ich bringe zur Sprache, was auf der Welt geschieht, auch die schweren, dunklen Themen, und überlege, wie ich Hoffnung geben kann und Trost spenden. Das könnte auch denen gut tun, die nicht da sind.

Was also tun? Es ist viel davon die Rede, dass die Kirche wieder näher an die Leute ran muss. Richtig. Ich hab mir oft gedacht: Es wäre am besten, wenn ich mich einfach mit einem Sessel vor die Pfarrhaustüre setzen würde. Ein, zwei Stunden am Tag, dort, wo die Leute sowieso vorbeikommen. Dann wäre ich mitten im Geschehen, ansprechbar für jede und jeden.

Ein Paar hat mir signalisiert: Wir wünschen uns einen Segen. Wir hätten gern Gott dabei in unserer Ehe. Aber eher frei, nicht so richtig katholisch. Ich habe gemerkt, dass das bisher nur ganz oder gar nicht geht in der Kirche. Und das wird den Menschen heute einfach nicht mehr gerecht.

Die Kirche ist an erster Stelle Jesus verpflichtet. Dem, wie er gedacht und gehandelt hat. Diese Kirche hat etwas anzubieten, was die Welt brauchen kann. Aber sie tut es oft nicht. Und daran muss sich etwas ändern.

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26JUN2022
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Wenn Menschen wegen ihres Glaubens radikal werden, gibt es immer Probleme. Zumal in einer offenen Gesellschaft, wie die deutsche eine sein will. Offen für Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mit oft sehr verschiedenen Einstellungen und religiösen Überzeugungen. Da ist es unmöglich, die eigene Meinung für die einzig richtige zu halten. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich verständigen und Kompromisse finden. Das gilt selbstverständlich auch für religiöse Fragen.

Aber danach klingt ganz und gar nicht, was heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes[1]. Jesus sagt das zu einem jungen Mann, der sein Jünger werden will. Das bedeutet: Von nun an mit Jesus unterwegs zu sein und nach seinen Grundsätzen zu leben.  

Nun hat der Mann aber gerade einen Sterbefall in seiner Familie. Und den will er vorher noch regeln. Sein Vater ist tot und muss noch beerdigt werden. Doch Jesus konfrontiert ihn unmittelbar mit seinem strengsten Prinzip: Gott kommt vor allem anderen. Etwas für Gott zu tun, ist immer wichtiger als alles andere. Da gibt es keine Alternative. Entweder lässt du dich auf meinen Weg ein ohne Wenn und Aber, oder du lässt es besser. Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes![2] Jesus duldet keinen Zweifel: Wer mit ihm gehen will, muss sich sicher sein, was auf ihn zukommt und sich ganz und gar entscheiden. Was der Mann gemacht hat, nachdem Jesus ihn so vor den Kopf gestoßen hat, erfahren wir nicht. Womöglich war er so verschreckt, dass er weggegangen ist. Und sich gedacht hat: Mit so einem Radikalen will ich lieber nichts zu tun haben. Ich jedenfalls könnte das gut verstehen. Ich hätte meinen Vater natürlich zuerst beerdigt. Und alles andere als unmenschlich, unangemessen, unpassend empfunden. Ich glaube auch nicht, dass es Jesus tatsächlich darum ging, den potenziellen Jünger vom Begräbnis abzuhalten. Aber konfrontieren: das wollte er ihn bestimmt. Konfrontieren damit, dass die Entscheidung für Gott etwas ist, dass das Leben verändert. Radikal verändert. Mit jener Radikalisierung, wie wir sie von den Fanatikern des Glaubens kennen, hat das aber nichts zu tun. Jesus lässt den Mann ziehen. Er rührt nicht daran, dass dieser ganz und gar frei ist. Er verurteilt ihn nicht, er droht ihm nicht, er verflucht ihn nicht. Und das ist ein entscheidender Unterschied!

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[1] Lukas 9,62
[2] Lukas 9,60

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24JUN2022
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Noch weiß ich nicht, mit welchem Gedanken der Tag heute für mich zu Ende gehen wird. Dazu ist der Abend zu jung. Es liegt noch etwas vor mir: bestimmt ein Gespräch, vielleicht eine Begegnung oder ein Ereignis. Und zu arbeiten gibt es immer auch noch etwas. Meinen letzten Gedanken werde ich wie immer fassen, wenn ich im Bett liege. Und meine Gedanken einfach ein bisschen schweifen lassen, bevor ich einschlafe.

Fast immer gehen sie zurück zu dem, was sich den Tag über ereignet hat. Wenn es mir gelingt, suche ich wenigstens nach einem schönen Erlebnis, bei dem es etwas zu lachen gab, oder wo ich einem anderen etwas Gutes tun konnte. Viel schwieriger ist es, wenn mir ein Streit im Nacken sitzt. Wenn es mir nicht gelingt abzuschalten, dann kreisen meine Gedanken immer und immer wieder um diese dunkle Erinnerung. „Hätte ich doch nur... Weshalb ist es so gekommen? Wird es eine Versöhnung geben?“ Mir geht es so, wie vermutlich den meisten Leuten: Wenn mich ein Konflikt beschäftigt, finde ich keine Ruhe. Ich grüble dann hin und her - und kann doch im Moment nichts ändern. Am Abend, am Ende des Tages. Es ist dann regelrecht eine Kunst abzuspannen, zu vergessen, und als letzten Gedanken etwas Positives zu finden.

Für den Fall aller Fälle, als letzten Ausweg sozusagen, habe ich dann ein Psalmwort aus der Bibel parat. Es ordnet meine Gedanken, damit mein Herz weit wird und mein Kopf frei. Es ist der Anfang des 127. Psalms. Er geht so:

Wenn nicht der Herr das Haus baut,
mühen sich umsonst, die daran bauen.

Wenn nicht der Herr die Stadt behütet,
wacht umsonst, der sie behütet.

Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt,
um das Brot der Mühsal zu essen;
was recht ist, gibt der HERR denen, die er liebt, im Schlaf.

Ja, ich gebe zu, da ist etwas dabei, das das Problem verdrängt, ohne es zu lösen. Das finde ich am Abend in Ordnung. Weil jetzt nicht der Moment dafür ist, es zu bearbeiten. Und weil ich meinen Schlaf brauche, um neue Kraft zu schöpfen. Und wenn es ganz gut geht, dann sehe ich anderntags sogar den größeren Zusammenhang von allem. Und der tut sich erst auf, wenn ich Gott mehr zutraue als mir selbst.

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