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02OKT2021
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„Hallo Julia“ hat die kleine Emma im Reli-Unterricht begeistert gesungen. Und ich hatte Mühe, ernst zu bleiben. Es ist aber auch schwer, dieses Wort: Halleluja. Es ist hebräisch. Auf Deutsch heißt Halleluja: „Lobt Gott.“

Das Halleluja ist keine Erfindung der Christen. Wir haben es aus dem jüdischen Gottes-dienst übernommen. Genauer gesagt: aus den Psalmen – dem uralten Gebet- und Liederbuch der Bibel. Da steht es oft drin: Halleluja. Lobt Gott.

Wen sollen wir ehren? Klare Antwort: Gott. Schon vor 2500 Jahren musste man Menschen offenbar daran erinnern: Wir sind nicht der Nabel der Welt. Da ist noch einer über allem. Vor allem. Einer, von dem unser Leben herkommt. Einer, in den hinein unser Leben mündet. Halleluja! Denkt über ihn nach. Lasst ihn zum Maßstab werden für das, was euch wichtig ist, welche Werte ihr an eure Kinder weitergeben wollt. Euer Leben soll auf ihn hindeuten – wie ein Fingerzeig.

Das hat schon auch etwas Widerständiges. Halleluja heißt auch: Schwimmt nicht einfach nur mit dem Strom. Lobt Gott! Nicht irgendwen, der sich aufspielt. Dann kann ein Halleluja womöglich auch bedeuten: Ich halte nicht meinen Mund, wenn einem Unrecht geschieht. Ich trau mich, in der Masse auch mal aufzustehen und zu sagen: „Das sehe ich anders!“ Und wenn mir der Gedanke an mein Sterben Angst macht, oder wenn ich am Friedhof traurig an einem Grab stehe: Halleluja. Vielleicht erklingt mein Halleluja da ganz leise, auf dem Grund meiner Seele, nur geflüstert, und ich habe dabei Tränen in den Augen. Aber es erklingt. Und es erinnert mich, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod.

Schon zu Zeiten Jesu hat man im Judentum gesagt: Mindestens einmal am Tag sollte man ein Halleluja sagen, denken, singen. Um Gott zu loben. Aber auch, um mich selbst an ihn zu erinnern, immer wieder. Um mir in Gedächtnis zu rufen und mir ins Herz zu sprechen: Da ist einer über allem. Vor allem. Ihn will ich ehren, mit meinem ganzen Leben.
Halleluja!

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01OKT2021
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Teilen ist in. In meinem Stadtteil gibt es z.B. ein öffentliches Bücherregal: wer ein Buch nicht mehr braucht, stellt es rein, wer eines haben möchte, nimmt es mit. Das funktioniert ganz gut.

Teilen ist eine uralte Idee. In der Bibel wird von den ersten Christen erzählt, dass sie das Teilen großgeschrieben haben. Nicht weil sie nachhaltig leben wollten, wie es heute oft ein Thema ist. Sondern um Not zu lindern. Viele waren damals finanziell nicht abgesichert, auch während einer Krankheit nicht. Andere haben dann zum Beispiel einen Acker verkauft und den Erlös der Gemeindeleitung gegeben. Die hat das Geld weitergegeben an Menschen, die es gerade nötig hatten. Die Grundidee dahinter: Was ich habe, ist nicht meins. Es ist mir von Gott anvertraut. Mein ganzes Leben ist mir nur anvertraut. Darum soll und kann ich mit anderen teilen.

Ob die Theorie damals in der Praxis immer funktioniert hat, weiß ich nicht. Aber in der biblischen Erzählung finde ich interessant, dass die Idee des Teilens erst mal als Grundsatzprogramm formuliert wird. Also: so wird das in der Gemeinde gelebt. Acker verkaufen – Geld abgeben – Menschen in Not wird geholfen. Dann aber zoomt die Geschichte ran an eine konkrete Person. Barnabas. Der verkauft einen Acker, gibt das Geld ab und anderen wird damit geholfen. Erst habe ich mich gewundert, dass das von ihm nochmal extra erzählt wird. Aber ich denke, es geht darum, dass der nicht bloß da sitzt und Sprüche klopft und sagt „Man sollte wirklich mal“ und „überhaupt die Politiker“. Barnabas klopft keine Sprüche. Er handelt. Er hat eine Idee, wie er als Christ gerade helfen kann. Und das macht er. So setzt er ein Zeichen. Ein anderer hatte vielleicht keinen Acker, den er verkaufen konnte. Der hatte vielleicht dafür Zeit übrig. Zeit, in der er jemandem helfen konnte. Und jemand anderes ist heute auf Facebook unterwegs und hält dagegen, wenn Leute ihre Hass-Parolen verkünden. Der nächste traut sich, einen Krankenbesuch bei einem alten Bekannten zu machen, auch wenn er nicht weiß, was er ihm sagen soll. Und wieder eine andere engagiert sich in der Politik, damit es gerechter zugeht in der Welt.

Teilen ist nicht kompliziert. Barnabas erinnert mich daran. Wir können teilen, was wir haben. Geld und Zeit. Lebensfreude und Gottvertrauen. Ideen für eine gerechtere Welt. Und manchmal auch einen Krimi im Bücherregal.

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30SEP2021
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Was tun, wenn ein Konflikt im Raum steht? Es wäre ja nett, wenn es überall nur Harmonie und Freundlichkeit gäbe. Aber das Leben ist bekanntlich anders. Manchmal gibt es Konflikte. Und dann?

In einer alten Erzählung der Bibel wird von einem Konflikt erzählt und davon, wie die Menschen damit umgegangen sind. Geschehen war folgendes: Nach einem Krieg hatten sich die Menschen in Jerusalem gemeinsam an den Wiederaufbau ihrer zerstörten Stadt gemacht. Arm und Reich haben Hand in Hand gearbeitet. Das gemeinsame Ziel hat sie zusammengeschweißt. Aber dann ist deutlich geworden: hinter den Kulissen sind die armen Menschen ungerecht behandelt worden. Sie hatten so hohe Schulden bei den Reichen, das ihnen kaum etwas zum Leben geblieben ist. Ihre Kinder mussten in den Häusern der Reichen schuften, manche sind dort sogar misshandelt worden. Die Armen haben lautstark protestiert. Und es war klar: wird der Konflikt nicht gelöst, bleibt auch der Wiederaufbau der Stadt auf der Strecke.

Der Hauptverantwortliche für den Wiederaufbau hieß Nehemia. Als er gehört hat, was los ist, ist er den Konflikt angegangen. Zuerst hat er denen zugehört, die Grund zur Klage hatten. Er war entsetzt über das, was ihm da zu Ohren gekommen ist. Obwohl er sich furchtbar aufgeregt hat, hat er sich erstmal zurückgezogen und hat in Ruhe überlegt, wie er am besten vorgehen kann. Dann hat er die Reichen einbestellt. Er hat die Missstände klar angesprochen. Niemand hat sie bestritten. Die Beschuldigten wollten aber nichts ändern. Daraufhin hat Nehemia eine große Volks-Versammlung einberufen. Er hätte die Beschuldigten nun einfach nur an den Pranger stellen können. Hat er aber nicht gemacht. Er hat zwar Klartext geredet. Aber zugleich hat er eine Lösung angeboten. Eine, bei der er selbst mit gutem Beispiel vorangegangen ist. Er selbst hatte auch Geld an arme Leute verliehen. Und nun war er der erste, der ihnen an diesem Tag alle Schulden erlassen hat. Die anderen Reichen waren überrascht, sind dann aber seinem Beispiel gefolgt.

Ich finde, von Nehemia kann man lernen, Konflikte mutig anzugehen. Zuhören, in Ruhe überlegen, Klartext reden, Lösungswege anbieten. Und das Ganze nicht vom hohen Ross herunter.

Ich weiß nicht, wie lange der Friede damals gehalten hat. Aber beim nächsten Konflikt hatten sie sicher eine Idee, wie sie ihn angehen könnten…

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29SEP2021
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Heute ist Michaelis. Nach alter Überlieferung der „Tag des Erzengels Michael und aller Engel“. Aber was sind Engel? Pausbäckige niedliche Putten oder eher herbe Drachentöter mit Schwert oder Schutzengel für die Kleinen oder doch etwas ganz anderes?

Ein älterer Herr hat vergnügt gesagt: „Mein Schutzengel heißt Irmtraud. Wir sind seit 43 Jahren verheiratet…“ Wir mussten beide lachen, als er das gesagt hat – und natürlich sind mir dann auch gleich Menschen eingefallen, über die ich schon gedacht habe: „Das ist ein Engel!“ Zum Beispiel weil sie genau im richtigen Moment da waren und geholfen haben, einfach so.

Das Wort Engel kommt aus dem Griechischen und heißt „Bote“. „Bote Gottes“. Jemand, der eine Nachricht von Gott ausrichtet. In der Bibel werden einige Geschichten von solchen Boten erzählt. Sie tauchen oft bei Menschen auf, die an einem Scheideweg stehen und eine Entscheidung treffen müssen. Manchmal haben die noch gar nicht gemerkt, dass sie an einem Scheideweg stehen, bis ein Engel sie darauf aufmerksam gemacht hat.

Mancher Bote sagt energisch: „Stopp!! Bleib mal stehen. Mach nicht weiter wie bisher. Lass dich unterbrechen. Besinn dich.“ Merke: ein Engel kann eine Auszeit verordnen.

Oder die Weihnachtsgeschichte: da haben die Engel alle Hände voll zu tun, um ihre Botschaften auszurichten. „Fürchte dich nicht, Maria, nimm dieses Kind an.“ „Fürchte dich nicht, Josef, bleib bei deiner Maria.“ „Achtung, ihr 3 Weisen, lasst euch nicht blenden von den schönen Worten des König Herodes. Der ist gefährlich. Haltet euch fern von ihm!“

Es sind unterschiedliche Botschaften, die die Engel da ausrichten. Sie haben es ja auch mit unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Situationen zu tun.

Und doch denke ich, es ist immer die gleiche Botschaft, die hinter diesen Engels-Geschichten steht: Gott interessiert sich für euch. Er bekommt mit, was in eurem Leben gerade los ist. Was euch beschäftigt, und auch, was euch beschäftigen sollte. Er ist bei euch. Auch in Momenten, in denen ihr gar nicht mit ihm rechnet.

Damit wir das mitkriegen, schickt er hin und wieder einen Engel. Manche haben Flügel und manche nicht. Und manche heißen Irmtraud.

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28SEP2021
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Ich schreibe gerade meine Patientenverfügung. Ich lege fest, was gelten soll, wenn ich am Ende meines Lebens meinen Willen nicht mehr äußern kann. Eigentlich wollte ich damit noch warten. Aber dann hatte ich einen Unfall. Der hätte schlimm ausgehen können. Es ist gut gegangen, aber danach habe ich beschlossen: Jetzt gehe ich dran.

Also habe ich mir eine Informationsbroschüre bestellt. Die enthält viele Tipps und Textbausteine. Das hilft mir zu klären, was ich eigentlich will. Will ich am liebsten so lang wie möglich leben, egal wie? Oder gibt es Situationen, in denen ich z.B. keine künstliche Ernährung mehr möchte?

Ich habe gemerkt, es braucht viel Zeit, darüber nachzudenken. Schließlich geht es um mein Leben und um mein Sterben. Am Anfang fand ich es nicht einfach, darüber etwas aufzuschreiben.

Mir hat geholfen, mit meiner Familie darüber zu sprechen. Dabei ist mir deutlich geworden, wie unterschiedlich das sein kann, was wir uns wünschen. Gut, wenn wir darüber reden und einander zuhören, um zu verstehen, was die anderen beschäftigt.

Ich werde sicher noch einige Zeit brauchen, um meine Patientenverfügung zuende zu schreiben. Aber schon jetzt ist mir klar: Ich will nicht, dass mein Leben unter allen Umständen durch medizinische Maßnahmen verlängert wird. Also benenne ich Situationen im Sterbeprozess, in denen ich z.B. nicht mehr künstlich ernährt werden möchte.

Am Schluss der Patientenverfügung kann man noch Gedanken zur eigenen Grundhaltung schreiben. Für Ärzte und Ärztinnen zum Beispiel, die einen nicht kennen, damit sie manches besser einordnen können. Auch dieser Teil ist noch nicht fertig, aber ein paar Notizen habe ich mir schon gemacht. Bisher steht da: „Als evangelische Pfarrerin habe ich Menschen beim Sterben begleitet, hunderte Menschen beerdigt und mit deren Angehörigen über das Sterben gesprochen. Dass das Leben endlich ist, ist für mich keine furchteinflößende Vorstellung. Ein Leben um jeden Preis ist für mich nicht erstrebenswert. Der Bibelvers „Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben“ ist für mich ein wichtiger Gedanke zur Verabschiedung aus meinem Leben.“

Wie gesagt, das ist alles noch nicht fertig. Aber ich denke, was auch immer man da für sich entscheidet, es ist gut und wichtig, mit anderen im Gespräch zu bleiben und seine Gedanken aufzuschreiben.

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27SEP2021
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In der deutschen Sprache gibt es genau EIN Wort, um „ich“ zu sagen. Jetzt habe ich gelernt: in der Sprache Kambodschas, dem Khmer, gibt es dafür viele unterschiedliche Wörter. Ungefähr 100. So viele Möglichkeiten, um „ich“ zu sagen. In dieser Sprache wird nämlich sehr genau unterschieden, mit wem ich gerade spreche und welche Rolle ich dabei habe. Spreche ich als Frau mit einem Mann? Habe ich einen niedrigeren Rang oder einen höheren? Spreche ich mit einem Mönch? Bin ich älter oder jünger als mein Gegenüber? Und so weiter. Ich glaube, es ist gar nicht so einfach, im richtigen Moment den richtigen Ausdruck für „ich“ zu verwenden. Dazu muss ich nämlich wissen, wer ich jetzt gerade bin.
Wer bin ich?


Dietrich Bonhoeffer, ein evangelischer Theologe, der wegen seines Widerstands gegen die Naziherrschaft im Gefängnis saß, hat sich mit dieser Frage intensiv auseinandergesetzt.
Manche, die mit ihm gefangen waren, haben ihm gesagt: „Du wirkst so stark! Als könnte Dir nichts und niemand etwas anhaben.“ Sie waren beeindruckt von diesem Mann und seiner Haltung. Er selbst hat sich aber ganz anders erlebt: so verletzlich, einsam, und manchmal untröstlich.

Wer bin ich?
Bin ich eher so, wie die anderen mich wahrnehmen, oder eher so, wie ich selbst mich erlebe? Oder bin ich beides? Bin ich heute so und morgen anders? Bin ich bei diesem Menschen so und bei einem anderen ganz anders?
Schwierige Fragen. Manchmal bin ich mir selbst rätselhaft und weiß kaum noch, wer ich eigentlich bin.
Wer bin ich? Dietrich Bonhoeffer hat seine Gedanken dazu aufgeschrieben. Er hat für sich keine endgültige Antwort gefunden. Und doch ist er wohl zur Ruhe gekommen. Denn am Ende münden seine Gedanken und Fragen in ein Gebet. Er spricht Gott an. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Mich berührt Bonhoeffers Gebet. Dieses Vertrauen: auch wenn ich manchmal nicht wirklich weiß, wer ich bin – du, Gott, bist mein Gegenüber. Du kennst mich. Zu dir gehöre ich. Dann kann ich mir selbst immer wieder ein Rätsel sein, aber du weißt, wer ich bin. Das reicht mir. „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

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26JUN2021
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„Unter jedem Dach wohnt auch ein Ach“, hat eine ältere Frau aus der Nachbarschaft neulich gesagt. Ich habe den Spruch vorher nie gehört, aber er ist mir nachgegangen. Ich glaube, da packt sie viel Lebenserfahrung rein. Jedem von uns ist irgendwann zum Seufzen zumute, und wir sagen aus tiefstem Herzen: „Ach nein!“ Oder denken mitfühlend über einen anderen: „Ach, der Arme!“

In unserer Sprache ist das Wort „Ach“ mit dem Wort „Ächzen“ verwandt. Das sagt eigentlich schon alles darüber, wie es einem geht, wenn unter dem eigenen Dach gerade ein Ach wohnt.

Natürlich kommt das Ach auch in der Bibel vor. Wie könnte es anders sein bei einem Buch, in dem das ganze Leben vorkommt. Über 100 Mal steht das „Ach“ in der Bibel. Meistens in Gebeten. Wenn jemand Gott sein Herz ausschüttet oder Gott um etwas bittet. „Ach, Herr!“

So ein kleines Wort, und man kann sein ganzes Herz reinpacken, das große Elend und das kleine, alles, worunter man ächzt. Daraus wird eine leise, vorsichtige, und doch eindringliche Bitte. „Ach, Herr, hör doch! Ach, Herr, hilf!“

Zu den erstaunlichen Gedanken der Bibel gehört, dass auch Gott selbst manchmal „Ach“ sagt. Wenn es um Menschen geht, um unsre Welt, wie es bei uns zugeht. Gott seufzt auch! Es ist ein Stoßseufzer in unsere Richtung, eine dringliche Bitte: „Ach, Mensch, hör doch. Schau doch hin, was um dich herum los ist. Änder was. Mach anders weiter!“.

Ein Stoßseufzer, der uns Menschen gilt und darauf wartet, dass wir reagieren. Indem wir etwas ändern. Nicht immer nur so weitermachen wie bisher, sondern stehen bleiben, uns unterbrechen lassen und nach Gott fragen, uns an seinen Geboten orientieren.

Ich denke, Gottes Gebote lenken den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Nicht nur unser eigenes Ding machen, sondern mal rechts und links schauen. Auf unsere Mitmenschen zugehen, zuhören, was sie beschäftigt. Verantwortung übernehmen in unsrer Gesellschaft, in dieser Welt.

„Ach.“ Ein göttlicher Stoßseufzer, immer wieder über dieser Welt ausgesprochen. Manchmal macht er mich auch aufmerksam auf ein Ach, das unter Nachbars Dach wohnt…

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24JUN2021
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Heute ist Johannistag. Der ist Johannes dem Täufer gewidmet. Er hat zur gleichen Zeit wie Jesus gelebt. In der Bibel wird von ihm erzählt.

Johannes war ein starker und auffälliger Typ. Er hat Klartext geredet. Er hat öffentlich Missstände angeprangert und sich mutig mit mächtigen Leuten angelegt. Aber er war auch einer für’s einfache Volk. Wenn er gepredigt hat, sind die Menschen scharenweise zu ihm gepilgert und haben ihm zugehört. Er hat den Menschen ins Gewissen geredet, damit sie Gottes Gebote ernstnehmen. Und er hat selbst nach seinen strengen Maßstäben gelebt. Die Leute fanden ihn glaubwürdig.

Dieser starke Typ hat allerdings auch etwas gekonnt, was nicht jeder starke Typ kann. Er hat sich zurückgenommen und anderen Raum gegeben, damit sie sich entfalten und ihren eigenen Weg gehen können.

Johannes hat nämlich miterlebt, wie Jesus anfing, in die Öffentlichkeit zu gehen. Er hat Jesus dabei unterstützt. Jesus war ja noch unbekannt. Er ist anfangs längst nicht so gefeiert worden wie Johannes. Und ausgerechnet Johannes hat Menschen auf Jesus aufmerksam gemacht und sie zu Jesus hin umgeleitet. „Er ist wichtiger als ich“, hat er gesagt. „Hört ihm zu. Schaut, was er tut. Er ist der Retter, den Gott schickt. Nicht ich.“ Manche seiner Anhänger waren ziemlich entgeistert. Sie hätten es gut gefunden, wenn Johannes einen Machtkampf mit Jesus geführt hätte, um sich durchzusetzen. Johannes aber ist einige Schritte zur Seite gegangen und hat Jesus Raum gegeben. Er hat Macht und Einfluss abgegeben, hat sich selbst zurückgenommen. Dieser selbstbewusste Mann hat sich selbst nicht zu wichtig genommen. Und das, obwohl Jesus anders aufgetreten ist, als Johannes das von ihm erwartet hatte. Das hat den Johannes irritiert. Er hat sich dann aber nicht wieder selbst in den Vordergrund gedrängt und Jesus schlechtgemacht, sondern hat das Gespräch mit Jesus gesucht und hat nachgefragt.

Johannes wäre vermutlich sehr verwundert, dass es heutzutage einen Johannistag gibt.

Aber ich bin dankbar, dass jedes Jahr an Johannes erinnert wird. An einen starken Typ, der sich selbst nicht so wichtig genommen hat. Menschen wie er sind ein Segen, finde ich.

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23JUN2021
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Mach den Mund auf, wenn Unrecht geschieht. Schau nicht weg, wenn einem anderen Leid zugefügt wird.

Dazu hat Rafik Schami eine Geschichte geschrieben. Rafik Schami ist ein syrisch-deutscher Schriftsteller. Er wird heute 75 Jahre alt. Geboren ist er in Syrien, in Damaskus. Seit 50 Jahren lebt er in Deutschland im Exil. Er ist Christ, Aramäer. Seine Muttersprache ist der Muttersprache Jesu ganz ähnlich. Rafik und Jesus – sie hätten miteinander plaudern können und hätten einander recht gut verstanden. Vermutlich nicht nur sprachlich, auch inhaltlich.

Rafik Schami schreibt Geschichten. Eine meiner Lieblingsgeschichten erzählt von Amin und seinen Zwiebeln. Amin ist ein armer alter Bauer, ein Habenichts. Das heißt, etwas hat er doch: er hat einige Zwiebeln, die er in seinem Mini-Garten hegt und pflegt. Sein Dorf wird regelmäßig von den Soldaten des Königs geplündert. Steuern eintreiben nennen sie das. Der teure Lebensstil des Königs will finanziert sein. Amin bleibt von dem Treiben verschont. Er hat ja nichts, außer seinen Zwiebeln. Irgendwann fängt Amin an, bei den anderen im Dorf nachzufragen, woher sich der König eigentlich das Recht nimmt, wehrlosen Menschen Unrecht zu tun. Die anderen sind erst überrascht, weil er so kühn fragt. Aber als die Soldaten das nächste Mal auftauchen, machen doch manche den Mund auf und widersprechen. Ausgeplündert werden sie trotzdem. Und als die Soldaten herausfinden, dass Amin die Dorfbewohner ermutigt hatte, sich zu wehren, nimmt es für ihn ein schlimmes Ende. Sie verprügeln ihn und bringen ihn um. Die Dorfbewohner sehen stumm zu. Manche zucken nur die Schultern, andere sind entsetzt. Aber niemand hilft ihm. Kein einziger.

Die Zwiebeln trauern um Amin und beschließen: Wir wollen an ihn erinnern. An ihn und seinen Mut. Wenn ihm schon niemand geholfen hat und niemand um ihn weint, dann sollen sie wenigstens um ihn weinen, wenn sie Zwiebeln schneiden. Wenn sie uns künftig in der Küche schneiden, dann wollen wir ihnen die Tränen in die Augen treiben.

Und so ist es geschehen. Bis heute weinen Menschen auf der ganzen Welt um Amin. Jede Träne eine Erinnerung und Mahnung: Mach den Mund auf, wenn Unrecht geschieht. Zeig Mitgefühl. Setz dich für den Menschen ein, der hilflos ist.

Ich denke oft an diese Geschichte. Spätestens, wenn ich wieder Zwiebeln schneide…

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22JUN2021
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In den letzten Wochen sind im Südwesten in den evangelischen Gemeinden viele Konfirmationen gefeiert worden. Da sagen Jugendliche ihr Ja-Wort zum Glauben und werden gesegnet für ihren Lebensweg. Und sie bekommen ihren Konfirmationsspruch. Das ist ein Spruch aus der Bibel. Ein Spruch für’s Leben.

Die Jugendlichen aus meiner Gemeinde haben sich ihren Spruch selbst ausgesucht. Ich fand spannend, wie ernst sie das genommen haben und was sie beim Aussuchen beschäftigt hat. Fragen wie diese: was ist für mich wichtig? Was ist ein großes Thema für mich? Was beschäftigt mich, wenn ich an meine Zukunft denke? Was glaube ich? Was hoffe ich?

Die Jugendlichen haben mit Freundinnen und Freunden und in der Familie darüber diskutiert. Am Ende haben alle einen Spruch für sich gefunden. Den haben sie dann mit Kreide vor der Kirche auf den Boden geschrieben – so dass ihn andere auf dem Weg in die Kirche sehen konnten. Und sie haben eine große Tafel nebendran gestellt mit einem Schild, auf dem stand: „Was ist IHR Konfirmationsspruch?“ Auch in den sozialen Medien haben sie diese Frage gestellt. Ich war überrascht, wie viele Leute reagiert und ihren Konfirmationsspruch aufgeschrieben haben. Menschen aus allen Altersgruppen. Manche haben wohl erst ihre Konfirmationsurkunde rausgesucht und nachgeschaut, andere haben geschrieben: „Den kann ich auswendig!“ Und manche haben dazu geschrieben, was sie an ihrem Spruch gut finden. Oder herausfordernd.

Als ich selbst konfirmiert wurde, da habe ich mir damals einen Vers aus dem Alten Testament ausgesucht, aus dem Buch Jesaja: „So spricht der Herr: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Was mich mit 13 Jahren daran besonders angesprochen hat, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an manchen Moment, in dem das „Fürchte dich nicht“ ganz kräftig und tröstlich in mir nachgeklungen hat.

Bei der Umfrage meiner Konfis hat sich übrigens ein Mann gemeldet, der gesagt hat, dass er keinen Konfirmationsspruch hat, weil er nicht konfirmiert ist. Er hatte eine besondere Idee: „Ich suche mir jetzt was aus der Bibel aus. Einen Spruch für mich.“ Super Idee, finde ich. Was ist Ihr Spruch für’s Leben?

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