Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Es ist Frühjahr, Zeit der Konfirmationen in den evangelischen Kirchengemeinden. 14 Mädchen und Jungen werden übermorgen in unserer Kirchengemeinde konfirmiert. Höhepunkt des Konfirmationsgottesdienstes wird die Einsegnung am Altar und die Verlesung der Konfirmations­sprüche sein. Franca, Yannik, Theresa und die anderen Konfirmanden haben sich ihre Sprüche in der Bibel selber ausgesucht. In ihnen geht es um Schutz und Bewahrung, Liebe und Hilfe. 

Ich erinnere mich noch gut an meine Konfirmation. Die war 1974 im Ulmer Münster. Wir sind damals 40 Mädchen und Jungen gewesen. Es war kalt im Münster. Der Winter hockte noch in den dicken Kirchenmauern. Die Mädchen haben in ihren kurzen Röcken gefroren. Natürlich waren auch wir aufgeregt. Alle Augen waren auf uns gerichtet. Das hat uns aber auch stolz gemacht.

Unsere Konfirmationssprüche hat damals unser Pfarrer ausgesucht. Unser Pfarrer war mein Vater. Ich kann mir denken, dass er sich mit meinem Spruch besondere Mühe gemacht hat. Mein Konfirmationsspruch sagt, dass uns Menschen nichts trennen kann von der Liebe, die Gott für uns empfindet. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ So heißt mein Spruch. Der ist lang, aber er gefällt mir. Er hat mich oft getröstet.  

Meine Konfirmation liegt nun schon 44 Jahre zurück. Seitdem habe ich viel erlebt, Schönes und Schweres. Auch in meinem Beruf als Pfarrer. Ich habe alte Menschen beerdigt, aber auch kleine Kinder. Ich habe Streit in Familien erlebt. Auch Gewalt. Und auch, dass es manchmal zu spät ist, etwas wieder gut zu machen. Da habe ich mich oft an meinen Konfirmationsspruch gehalten. Denn der sagt ja, dass nichts auf der Welt Gottes Liebe zu uns Menschen erschüttern kann. Also muss sich auch niemand von Gott verlassen fühlen, selbst wenn er Schweres erlebt. 

Ich wünsche allen Konfirmanden, die an den kommenden Sonntagen ihre Konfirmation feiern: Dass auch ihnen ihr Konfirmationsspruch hilft, gut durch‘s Leben zu kommen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26317

Trostpflaster. Das Wort erinnert mich an meine Kindheit. Ein zerschrammtes Knie, Tränen fließen. Meine Mutter eilt mit einem Pflaster herbei und versorgt die Wunde. Ich genieße ihre Nähe. Und ihre tröstenden Worte. Das Pflaster lindert meinen Schmerz. Ein Trostpflaster.

Später als Erwachsener muss man noch ganz andere Schmerzen aushalten. Da stirbt ein geliebter Mensch. Das tut weh. Man erlebt auch Enttäuschungen. Und Streit. Das alles hinterlässt Wunden, über die man nicht einfach ein Trostpflaster kleben kann und gut ist‘s. Solche Wunden schmerzen oft ein Leben lang.

„Mach‘ dir nichts draus. Anderen geht es viel schlimmer als dir.“ Vielleicht kennen Sie solche gut gemeinten Worte. „Alles nur halb so schlimm. Das Leben geht weiter!“ Ich finde, solche Worte geben keinen Trost. Die vertrösten nur. Und das hilft nicht weiter.

Was mir in schweren Stunden geholfen hat, war die Nähe eines lieben Menschen, der einfach nur da war - ohne viele Worte zu machen. Der mir die Hand gehalten und mir zugehört hat. Das tröstet wirklich. Und holt einen wieder zurück ins Leben, finde ich.

„Tröster“ wird Gott manchmal auch in der Bibel genannt. Weil Menschen ihn so erfahren haben: Als jemanden, der da ist, wenn man ihn braucht.

Mose zum Beispiel hat Gott so erlebt. Mose war verzweifelt. Er sollte die Israeliten aus der Gefangenschaft in Ägypten befreien und in das gelobte Land führen. „Das schaffe ich nicht!“, hat er gesagt. Da hat Gott ihn getröstet: „Ich bin für dich da“, hat er zu ihm gesagt. Und das hat Mose dann auch so erlebt: Gott hat ihm geholfen, die Israeliten in das gelobte Land zu führen.

Gott ist ein guter Tröster. Das hat auch der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer in schweren Zeiten während des 2. Weltkriegs erlebt. Er hat seine Erfahrung mit Gott in einem Gedicht aufgeschrieben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Mich trösten diese Worte. Gerade, weil sie ein Mann geschrieben hat, der viel durchmachen musste. Sie helfen mir, Gott zu vertrauen.   

Solches Gottvertrauen wünsche ich Ihnen und allen, die es gerade schwer im Leben haben: Dass Gott für sie da ist und sie tröstet - wie eine gute Mutter und ein guter Vater.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26316

Einsamkeit tut weh. Das haben Hirnforscher herausgefunden. Experimente haben gezeigt: Es ist exakt derselbe Bereich im Gehirn, der bei körperlichen Schmerzen wie auch bei Einsamkeit aktiviert wird. Mit anderen Worten: Einsamkeit tut weh.

Das weiß wohl auch die alte Frau, von der ich gelesen habe. „Morgens nach dem Aufstehen nehme ich eine Schmerztablette, obwohl ich keine Schmerzen habe. Aber die hilft, dass ich mich nicht so einsam fühle“, hat sie gesagt. Sie hat ganz von allein gespürt: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schmerz und Einsamkeit.

Vermutlich ist das auch der Grund, warum Patienten im Krankenhaus ein Foto von der Familie auf ihrem Nachttisch aufstellen. Der Blick auf das Foto scheint nicht nur die Einsamkeit zu lindern, sondern auch den körperlichen Schmerz. Einsamkeit kann sogar tödlich sein, sagen die Psychologen. Einsame Menschen hätten ein um 26 Prozent höheres Sterberisiko. Damit sei Einsamkeit ein größerer Risikofaktor als Übergewicht oder Rauchen. Anders gesagt: Wer einsam ist, stirbt früher.

Ich finde das beunruhigend. Denn ich kennen viele einsame Menschen. Ihre Zahl steigt, sagen die Psychologen. Single-Haushalte nähmen zu in Deutschland – mittlerweile seien es 17 Millionen. Es gebe mehr Einzelkinder als früher. Die tägliche Nutzung von Online-Netzwerken wie Facebook ersetzt echte Freundschaften nicht und fördert die Vereinsamung, sagen sie.

Was kann man dagegen tun? Psychologen raten dazu, etwas mit anderen gemeinsam zu tun. Das macht Spaß und wirkt deutlich lebensverlängernd. Egal ob im Chor, beim Sport oder in der Natur: Mit anderen etwas zu unternehmen hält gesund. 

Einsamkeit hat es schon immer gegeben. In der Bibel ist von einem die Rede, der kann vor Einsamkeit nicht einschlafen. „Ich wache und klage wie ein einsamer Vogel auf dem Dach“, heißt es in einem der Psalmen (Psalm 102,8). Was ihm gut tut, ist das Beten. Er weiß: Gott ist da und hört mich. Und er erlebt: Wenn ich mit ihm rede, fühle ich mich nicht mehr so allein.

Ob auch die alte Frau das weiß, dass ein Gebet am Morgen besser ist als eine Schmerztablette? Das wünsche ich ihr, und allen, die sich einsam fühlen.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26315

„Ich bin mit offenen Armen empfangen worden“, hat mir ein junges Mädchen erzählt. Sie hat als Au-pair in einer Familie in England gelebt. Die Familie hatte sie zuvor nicht gekannt. Umso glücklicher war sie, als sie herzlich aufgenommen wurde.

Mit offenen Armen empfangen zu werden gehört zu den beglückendsten Momenten im Leben, meine ich. Zu wissen, hier freut man sich darüber, dass ich da bin. Kennen Sie das auch? Vielleicht waren es bei Ihnen die Schwiegereltern, die Sie herzlich aufgenommen haben. Oder ein neuer Arbeitgeber, der froh war, Sie gefunden zu haben. Wer mit offenen Armen empfangen wird, vergisst das sein Leben lang nicht.

Wie gut es tut, freundlich empfangen zu werden, davon erzählt auch die Bibel. Ein junger Mann hatte einiges an üblen Erfahrungen hinter sich. Er hat das Geld, das sein Vater ihm als Erbe ausgezahlt hatte, verspielt. Mit falschen Freunden hatte er sich eingelassen, ist ausgenutzt worden bis aufs Hemd. Am Schluss ist er bei den Schweinen gelandet, um überhaupt noch etwas zu essen zu bekommen. Der Weg zurück zum Vater ist ihm nicht leichtgefallen. Er hat mit Vorwürfen gerechnet, mit Schuldzuweisungen. Aber dann geschah das Unglaubliche: Als er vor seinem Vater stand, empfängt der ihn mit offenen Armen. Ein herzlicher Empfang ohne jeden Vorwurf! „Mein Sohn war verloren und ist wiedergefunden. Lasst uns ein Fest feiern und fröhlich sein!“, hat der Vater gesagt. (Lukas 15, 24)

Jesus hat diese Vater-Sohn-Geschichte erzählt. „Gott müsst ihr euch wie den Vater in der Geschichte vorstellen“, hat er seinen Zuhörern gesagt. „Gott ist nicht nachtragend. Seine ausgebreiteten Arme nehmen alle auf, die zu ihm zurückfinden, egal mit welchen Erfahrungen sie kommen.“

Vielleicht denken Sie jetzt: „Mich bestimmt nicht, bei dem Chaos, das ich in meinem Leben angerichtet habe. Da kann ich doch nicht erwarten, dass Gott mich mit offenen Armen empfängt.“ 
„Doch!“, sagt Jesus. „Das tut er. Gott empfängt dich mit offenen Armen. Denn du bist sein geliebtes Kind.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26314

„Ohne die Musik hätte ich das alles nicht geschafft!“, hat mein Freund zu mir gesagt. Musik ist seine Leidenschaft. Er spielt Oboe. Wir beide musizieren hin und wieder miteinander.

Vor drei Jahren ist ihm etwas Schreckliches passiert. Beim Schneeräumen ist er mit seiner rechten Hand in das Messer der Schneefräse geraten. Drei Finger wurden abgetrennt. An die Stelle der drei Finger haben Ärzte drei seiner Zehen eingesetzt. Danach hat mein Freund lernen müssen, die angenähten Zehen wie Finger zu bewegen. Das hat er geübt. Jeden Tag. Denn er wollte unbedingt wieder Oboe spielen. Die Musik hat ihm die Kraft zum Durchhalten geben. Jetzt musizieren wir wieder. Und das macht richtig Spaß.

Nach der Bibel ist der Erfinder der Musik ein Mann, der selbst den meisten Musiklehrern unbekannt ist: Jubal, heißt er. Von ihm wird erzählt, dass er ein Nachkomme von Adam und Eva war (1. Mose 4,21).

Warum erfand Jubal die Musik? Gott hatte Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben. Mit ihren Kindern und Enkeln haben sie in einer trostlosen Welt gelebt. Da hat sich Jubal Instrumente und Melodien ausgedacht, um sich und andere zu trösten und zu erfreuen. Dadurch hat er für die Menschen ein Stück vom Paradies gerettet. Seit jener Zeit, heißt es, gibt es die Musik, die Menschen tröstet, die Energie und Mut schenkt und alle Schwermut vertreibt.

Das hat auch Martin Luther so erlebt. „Die Musik hilft gegen die tausend Teufel der Traurigkeit“, hat er gesagt. Luther hat am Abend oft selbst musiziert, Laute gespielt und gesungen. Sein Freund Philipp Melanchthon hat anscheinend daran Anstoß genommen. Er fand, Luther solle lieber etwas Anständiges arbeiten, anstatt sich seinem Freizeitvergnügen hinzugeben. Luther hat geantwortet: „Wenn ich am Abend singe und Torgauer Bier trinke, läuft Gottes Wort.“ Ich denke, er hat gemeint: mit Musik geht alles besser.

Das hat mein Freund auch so erfahren. Nach seinem Unfall hat sie ihm Kraft gegeben. „Ohne die Musik hätte ich das alles nicht geschafft!“, sagt er heute oft, wenn wir unsere Instrumente auspacken, um miteinander zu musizieren.       

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26313

Wie soll ich mir den Heiligen Geist vorstellen?“ Schon öfter hat mich das jemand gefragt. „Jesus, oder Gott: davon erzählen immerhin die Geschichten der Bibel. Aber der Heilige Geist? Wie soll ich mir den vorstellen?

Hier ist meine Antwort: Für mich ist das mit dem Heiligen Geist so ähnlich ist wie mit dem Wind. Den Wind kann man nicht sehen. Aber was er in Bewegung setzt, das kann man sehen. Die Blätter an den Bäumen zum Beispiel, die der Wind hin und her bewegt. So ähnlich ist das auch mit dem Heiligen Geist. Den kann man auch nicht sehen. Aber was er im Leben von Menschen bewegt, das kann man sehen. Bei Jesus zum Beispiel. Der hatte den Heiligen Geist bei seiner Taufe bekommen, erzählt die Bibel. Und der hat Jesus in Bewegung gesetzt. Er ist zu den Kranken gegangen, um sie zu heilen. Zu den Außenseitern, um sich ihrer anzunehmen. Die bekamen so neuen Mut und Hoffnung. Das alles hat der Heilige Geist bewirkt. Er hat Jesus inspiriert und bewegt.

Ich glaube, dass es das heute noch gibt.

Ich denke an einen rüstigen Pensionär aus meinem Bekanntenkreis. Eben noch völlig gesund und auf vielen Gebieten aktiv, war er plötzlich lebensbedrohlich erkrankt. Mit einem Schlag war alles anders. Als er im Krankenhaus seinen Kalender in die Hand genommen hat, sah er die vielen alten, mit blauem Stift eingetragenen Termine. Jeder blaue Eintrag stand für etwas, was ihm wichtig war. Jetzt war das alles weit weg. Mit rotem Stift hat er nun die neuen Termine eingetragen: Röntgen, CT, Echokardiogramm. Sein Leben war vom Gegenwind gebeutelt. Aber wunderbarerweise hat der Mann nie das Gefühl verloren, von Gott gehalten zu sein. Das hat er auch seinen beiden Bettnachbarn erzählt und sie mit tröstenden Worten aufgemuntert. Das hat ihnen gut getan.  Ich glaube, dieses Gefühl von Gott gehalten zu sein, das macht der Heilige Geist. Und der gibt einem auch die Kraft, andere zu trösten.  

Ich wünsche Ihnen und mir, dass uns der Heilige Geist bewegt, anderen Gutes zu tun, und dass wir immer sagen können: „Ich bin nicht alleingelassen. Was immer auch passiert, Gott ist bei mir und wird mir die nötige Kraft geben.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25818

Meine Mutter ist steinreich. Sie besitzt aber weder Immobilien noch Aktien. Sondern kleine Steine. Von denen hat sie eine ganze Menge. Sie liegen fein säuberlich angeordnet auf einem kleinen Tisch in ihrem Flur. Auf jedem Stein hat sie einen Aufkleber angebracht. Darauf steht, woher der Stein stammt. „Isle of Skye“ steht auf einem der Steine. Das ist eine schottische Insel. Diesen Stein hat meine Mutter vor 34 Jahren von einem Familienurlaub mitgebracht. „Großes Walsertal“ steht auf einem anderen Stein. Der stammt von einem Wanderurlaub in Österreich. Meine Mutter ist inzwischen 88 Jahre alt. Sie kann nicht mehr reisen. Darum bringen wir Kinder ihr jetzt Steine von unserem Urlaub mit. „Korsika“ steht auf einem der Steine. Den habe ich ihr letztes Jahr mitgebracht. Jedes Mal, wenn meine Mutter an den Steinen im Flur vorbeigeht und die Aufkleber liest, erinnert sie sich an herrlich unbeschwerte Tage. Dann freut sie sich. Und es freut sie auch, dass ihre Kinder schöne Urlaubstage erlebt haben. „Steine der Erinnerungen“, nennt meine Mutter die Steine.

So eine Idee hatten schon die Israeliten, von denen die Bibel erzählt. Als sie nach einem langen Fußmarsch durch die Wüste endlich das gelobte Land erreicht hatten, haben sie am Grenzfluss Jordan aus zwölf Steinen einen kleinen Steinhaufen errichtet. Der sollte sie und die Generationen nach ihnen daran erinnern, wie Gott sie einst sicher in das gelobte Land geführt hat. Sich daran zu erinnern sollte ihnen Gottvertrauen geben. So wie Gott uns damals beigestanden hat, so wird er uns auch jetzt und in Zukunft beistehen. Darauf wollten sie sich verlassen. 

Ich finde, solche Erinnerungssteine sind eine gute Sache. Überlegen Sie einmal, wo Sie Gottes Hilfe in ihrem Leben erfahren haben. Es ist gut, wenn Sie sich noch daran erinnern können. Und vielleicht fangen Sie ja in diesem Jahr auch an Steine zu sammeln. Dann fällt das Erinnern leichter. Legen sie die Steine irgendwo gut sichtbar hin. Immer wenn sie daran vorbeigehen. werden sie sich erinnern. Das macht dankbar. Meine Mutter jedenfalls ist dankbar. Weil sie steinreich ist an guten Erinnerungen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25817

Ich habe von einer älteren Frau gelesen, die Linkshänderin ist. In ihrer Kindheit wurde das als Krankheit angesehen. Ihre Eltern und Lehrer haben versucht, ihr die Linkshändigkeit abzuge­wöhnen. Beim Essen haben sie ihr die linke Hand auf den Rücken gebunden, auch beim Schreiben in der Schule. Man zwang sie, nur die rechte Hand zu benutzen. Als junges Mädchen ist sie in der Überzeugung aufgewachsen, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Heute noch kommen ihr die Tränen, wenn sie daran denkt.

Meine Tochter ist auch Linkshänderin. So wie meine Frau. Das wird heutzutage als normal akzeptiert. Niemand hat den beiden die linke Hand beim Essen oder Schreiben auf den Rücken gebunden. Es gibt inzwischen sogar Tassen und Scheren extra für Linkshänder.

Menschen, die anders waren als andere, hat es auch zurzeit Jesu gegeben. Da ist zum Beispiel eine Frau gewesen, die keinen guten Ruf hatte. Das lag an ihrem Lebenswandel. Die Leute hielten sie für krank. „Die hat einen bösen Geist“, hat man über sie gesagt. Aber krank ist sie nicht gewesen. Nur anders als die anderen. Eines Tages ist sie mitten in eine Männerrunde geplatzt, die sich um Jesus versammelt hatte. Sie hat den Verschluss einer Flasche mit sündhaft teurem Salböl geöffnet, hat es Jesus auf die Haare gegossen und seine Füße geküsst. Die anwesenden Männer waren empört. „Frauen haben in unserer Runde nichts zu suchen!“, haben sie gerufen. Aber Jesus hat die Frau in Schutz genommen. „Sie hat mir Gutes getan“, hat er gesagt. „Davon wird man noch lange erzählen.“

Ich finde es nicht richtig, einen anderen Menschen verächtlich anzusehen, nur weil er sich anders verhält als es üblich ist. Genauso ist es nicht richtig, einer Linkshänderin beim Essen die linke Hand auf den Rücken zu binden, nur weil sie anders ist. Als ob nur normal ist, was die Mehrheit tut.

Wie Jesus glaube ich, dass Gott die Menschen unterschiedlich gemacht hat. Mit unterschiedlichen Gaben und Fähigkeiten. Und ich akzeptiere, was Gott geschaffen hat. Jeder Mensch soll glücklich leben können so wie er ist. Und dabei anderen Gutes tun mit seinen Möglichkeiten - so wie die Frau es mit Jesus getan hat.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25816

Die Fehler der anderen aufdecken: Das scheint ein neuer Volkssport zu sein. „Hast du schon gehört: Kollege Müller hat man mit Alkohol am Steuer erwischt!“ Oder: „Die Tochter des Schulleiters ist durch die Prüfung gefallen! Wie peinlich ist das denn!“ Schadenfreude macht sich breit, wenn jemand bei einem Fehler ertappt wird.

In der Zeit Jesu ist das nicht anders gewesen. Da war zum Beispiel diese Ehebrecherin. Die war von den frommen Religionsführern inflagranti erwischen worden. Angeblich. „Das ist eine Sünderin. Die gehört bestraft!“ sind sich die Männer schnell einig gewesen und wollten sie steinigen. Jesus hat das geärgert. „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, hat er gesagt. Mit anderen Worten: Schau du erst einmal auf deine eigenen Fehler, bevor du andere kritisierst. Jesus hat gewusst: Nichts freut einen Menschen mehr als die Fehler eines anderen aufzudecken. Die Männer damals haben verstanden, was Jesus gemeint hat. Sie haben die Frau in Ruhe gelassen.

Ich glaube, Jesus möchte, dass ich dem anderen beistehe, wenn über ihn schlecht geredet wird. Zum Beispiel so: „Vom Alkohol am Steuer bei Kollege Müller habe ich gehört. Aber vielleicht haben ihm ja in der letzten Zeit Sorgen zu schaffen gemacht. Da trinkt man leicht mal ein Glas zu viel. Ich will mal mit ihm reden und mich erkundigen, wie es ihm geht. Vielleicht tut ihm das gut..“  Oder: „Als Tochter eines Schulleiters hat man es ja nun wirklich nicht leicht. Alle erwarten gute Leistungen. Das kann sie ganz schön unter Druck setzen. Wir sollten versuchen, sie nicht immer als Tochter zu sehen. Sie ist doch eigentlich ein Mädchen wie alle anderen!“

Martin Luther hat einmal gesagt: „Wir sollen unseren Nächsten nicht verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Ich finde, das ist ganz im Sinne Jesu. Und aller, die der Schadenfreude ausgesetzt sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25815

Humor und Kirche – passt das zusammen? Dass die Kirche den Humor erfunden hätte, kann man nun wirklich nicht behaupten. Viele sagen ja: Der ernste Blick des Pfarrers, das ist für mich typisch christlich. Da bekommt man gleich ein schlechtes Gewissen.

Ich finde das schade. Denn Humor ist doch eine der schönsten Gaben, die Gott den Menschen schenkt. Dass auch Gott selber Humor hat, davon war Martin Luther überzeugt. „Wenn ich wüsste, dass der Herrgott keinen Spaß versteht, dann wollte ich nicht in den Himmel“, soll er gesagt haben.

Nun gibt es ja Dinge im Leben, die einem das Lachen vergehen lassen. Der eine hat Angst vor der Abschlussprüfung. Die andere sorgt sich um ihren Arbeitsplatz und geht deshalb morgens mit Fieber in die Firma. Wieder ein anderer wartet im Krankenhausflur auf den Befund der Ärzte. Ob Humor da helfen kann?

„Seid allezeit fröhlich!“ sagt die Bibel und erzählt, wie Gott am Ostermorgen den Tod förmlich ausgelacht hat als er Jesus von den Toten auferweckte. Damit hat Gott gezeigt, dass er stärker ist als alles, was Angst und Sorgen macht, stärker sogar als der Tod. Sich daran zu erinnern, ist tröstlich, finde ich. Das macht die Angst und die Sorge irgendwie kleiner.

Und Lachen ist ja sogar gesund, sagen die Ärzte. Das Zwerchfell wird in Bewegung gesetzt, der Puls wird beschleunigt, der Kreislauf angekurbelt und die Immunabwehr aktiviert.

Deshalb will ich Ihnen heute Abend eine Geschichte erzählen, über die ich herzhaft gelacht habe. Sie handelt von einem Pfarrer mit einem geradezu „göttlichen“ Humor. Die Geschichte geht so: In einem Dorf gab es zwei Brüder. Beide waren große Betrüger. Eines Tages starb der eine. Der andere bat den Pfarrer um eine große, den Toten ehrende Beerdigung. Der Pfarrer lehnte ab. Daraufhin schlug der Bruder dem Pfarrer vor, ihm für seine Kirche 10 000 Euro zu geben, wenn er seinen Bruder in der Predigt zum „Heiligen“ erklärt. Der Pfarrer versprach es. Viele Menschen kamen zur Beerdigung, um zu hören, was der Pfarrer über den Betrüger sagen wird. In seiner Predigt sagte der Pfarrer: „Der Tote war ein Lügner und Betrüger und hat viele in unserem Dorf geschädigt. Aber im Vergleich zu seinem Bruder war er ein Heiliger!“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25814