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„Der Sonntag ist der schlimmste Tag der Woche“, hat mir eine alte Frau gesagt. Ihr Mann war vor vielen Jahren gestorben. Keines Ihrer vier Kinder wohnt in ihrer Nähe. Viele ihrer Freundinnen leben nicht mehr oder sind so gebrechlich, dass sie sich nicht mehr aus der Wohnung trauen. „Wissen Sie“, hat die Frau gesagt, „unter der Woche haben die Geschäfte auf. Da mache ich einen Einkaufs­bummel. Der lenkt mich ab. Aber am Sonntag, wenn die Geschäfte geschlossen sind, kommt die Einsamkeit. Und die tut weh.“

Als Pfarrer weiß ich, dass es vielen älteren Menschen so geht: Sie fürchten den Sonntag. Oft läuft sonntags der Fernseher den ganzen Tag. Das lässt sie die Einsamkeit nicht so spüren.

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge berichten, dass sie sonntags besonders viele Anrufe von älteren Menschen bekommen, die unter ihrer Einsamkeit leiden. Denen tut es gut, wenn ihnen jemand geduldig zuhört.    

Übermorgen ist Sonntag. Vielleicht kennen Sie jemanden, der allein lebt. Vielleicht können sie ihn einladen. Oder einen Besuch verabreden. Ich bin sicher: Derjenige würde sich sehr freuen. Kochen Sie etwas Leckeres miteinander oder machen sie gemeinsam einen Spaziergang. Die Bewegung an der frischen Luft und das Reden tun gut. Wenn Sie für einen Besuch keine Zeit haben, greifen Sie zum Hörer und rufen an. Auch ein kurzer Anruf zeigt dem anderen, dass er nicht vergessen ist. Wenn Sie alte Eltern haben, irgendwo weit weg: Wie wäre es, wenn Sie sich vornehmen, jeden Sonntag rufe ich an. Die halbe Stunde müsste doch drin sein. Und Ihre Eltern würden sich bestimmt freuen.

Menschen, die einsam sind, gibt es nicht erst heute. Die gab es schon in biblischen Zeiten. Unter anderem deswegen ist in der Bibel ein Brief aufbewahrt, in dem einer schreibt: „Ein guter Gottesdienst vor Gott ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal zu besuchen.“ (Jakobus 1, 27) Mit anderen Worten: Gott freut sich, wenn die Fröhlichen die Traurigen besuchen und trösten. Damit niemand mehr sagen muss: „Der Sonntag ist der schlimmste Tag der Woche!“

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„Weißt du wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?“ Das klingt für mich nach Kindheit. Das Lied erinnert mich an meine Mutter. Am Abend hat sie auf der Bettkante gesessen und beim Einschlafen über meinen Kopf gestreichelt. Mit diesem Lied hat sie mich in den Schlaf gesungen. Das war schön.

„Weißt du wieviel Sternlein stehen ...“ Das Lied erzählt, dass Gott jeden Stern und jede Wolke am Himmel kennt. So wie er jedes Kind kennt und liebt und auf es Acht gibt. Dieses Lied und der Glaube meiner Mutter hatten einen Zauber, der mich berührt hat. Und der mich bis heute trägt. „Weißt du wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?“ Noch immer spannt sich dieser Himmel über uns. Auch über meine drei Kinder. Als sie klein waren und die Nacht für sie noch dunkel und zum Fürchten, habe ich dieses Lied an ihrem Bett gesungen. Das hat sie getröstet. Das Lied schenkt noch immer Ruhe und Geborgenheit. 

Meine Kinder sind inzwischen erwachsen und längst aus dem Haus. Auch sie müssen erleben, dass es unter dem blauen Himmelszelt nicht immer schön ist. Es gibt Krankheiten und Kriege. Und Sorgen, die einem den Schlaf rauben. Unzählige Kinder auf der Welt haben kein warmes Bett und auch keine Mutter, die ihnen liebevoll über den Kopf streicht und ein Gute-Nacht-Lied singt. Es ist manchmal zum Verzweifeln! Wenn ich nicht mehr weiterweiß, stimme ich ein in die Worte der letzten Strophe und will wirklich glauben, was da steht: Dass für Gott jedes Kind unendlich wertvoll ist und er keines vergisst.

„Weißt du, wieviel Kindlein frühe stehn aus ihrem Bettlein auf, dass sie ohne Sorg und Mühe fröhlich sind im Tageslauf? Gott im Himmel hat an allen seine Lust, sein Wohlgefallen. Kennt auch dich und hat dich lieb. Kennt auch dich und hat dich lieb.“

Ja, ich glaube fest, dass Gott alle Kinder der Welt kennt und liebhat. Und dass er meine Mitarbeit braucht, um seine Liebe an sie weiterzugeben. Besonders an die Kinder, denen es nicht gut geht. Ich glaube, wir können für die Kinder der Welt noch mehr tun als singen.
Ich wünsche Ihnen eine behütete Nacht unter dem blauen Himmelszelt!

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„Bitte entschuldigen Sie meine Tränen!“, hat der Mann gesagt, dessen Frau gestorben war. Ich saß mit ihm in seinem Wohnzimmer. Neben dem Fenster stand noch das Pflegebett seiner Frau. Er hat mir von ihren letzten Stunden erzählt. Die waren schwer.  

Warum entschuldigen sich Menschen, wenn sie weinen? Ich verstehe das nicht. Wir entschuldigen uns doch auch nicht, wenn wir lachen. Entschuldigen sie sich, weil Weinen zeigt, wie schlecht es ihnen geht? Weil sie andere damit nicht belasten wollen? Oder weil sie stark sein wollen und niemandem leid tun?

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Diesen Satz kennen viele. Besonders Männer. Wer ihn als Kind gehört hat, erinnert sich an die Erwartung der Eltern: „Männer weinen nicht!“ Wer so erzogen wurde, dem ist das Weinen peinlich. Was steckt dahinter, wenn Eltern das Weinen ihrer Kinder nicht zulassen? Vielleicht wissen sie nicht, wie sie trösten könnten? Oder wollen Sie ihre Kinder damit stark machen? Mit unterdrückten Tränen?

Ein anderer Mann hat mir erzählt, dass er schon jahrelang nicht mehr geweint hat. Darauf sei er keineswegs stolz. Es wäre viel besser, wenn die Tränen endlich einmal kämen, hat er gemeint. Vielleicht würde er seinen Kummer dann los.

Mir ist diese Offenheit sympathisch. Genauso sympathisch wie Jesus, der ja auch weinen konnte. Das erzählt die Bibel. Über Jerusalem hat Jesus geweint, diese so fürchterlich umkämpfte Stadt, die eigentlich eine Perle des Friedens sein sollte. In der Bibel heißt es: „Als Jesus die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn du doch erkennen würdest, was zum Frieden dient.“

Jesus hat geweint. Und das war so wichtig, dass es in der Bibel aufgeschrieben ist. Und so wenig peinlich. So wunderbar menschlich. Mich tröstet das. Denn ich kenne das auch, dass mich Leid anrührt und ich fast mitweinen muss. Wie damals im Wohnzimmer mit dem Mann, der um seine Frau geweint hat. 

Wer seinen Tränen freien Lauf lässt, tut seiner Seele etwas Gutes. „Sich den Kummer von der Seele weinen“, sagt man da. Ärzte sagen sogar: Wer weint, lebt gesünder und länger.

Weinen tut gut. Auch den Männern. Ich bin sicher: Jesus hat sich seiner Tränen nicht geschämt. Könnte er nicht ein Vorbild sein - besonders für uns Männer?

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„Ich hatte Glück im Unglück!“ Diesen Satz höre ich öfter. Glück im Unglück! Wie das ist, hat die Schriftstellerin Christine Nöstlinger erzählt: „Die Oma sagt, nachdem ihr die Suppenschüssel aus den Händen gefallen ist: „Ist ja noch ein Glück, dass keine Suppe drin war!“ Der Vater sagt, nachdem er mit dem Auto in den Straßengraben gefahren ist: „Ist ja noch ein Glück, dass sich der Wagen nicht überschlagen hat!“ Die Mutter sagt, nachdem man ihr die Geldbörse gestohlen hat: „Ist ja noch ein Glück, dass die Scheckkarte nicht drin war!“ Der Opa sagt, nachdem er gestürzt ist und sich die Knie blutig geschlagen hat: „Ist ja noch ein Glück, dass ich mir nichts gebrochen habe!“ Das Kind sagt, nachdem es das alles gehört hat: Ist ja noch ein Glück, dass das Unglück allen in der Familie Glück bringt!“
(aus: „Was für ein Glück“, 9. Jahrbuch der Kinderlit., Beltz & Gelberg)  

In der Bibel kommt das Wort „Glück“ nicht vor. Stattdessen steht da das Wort „Segen“. Damit ist gemeint, dass Gott die Menschen auch in schlimmen Situationen nicht im Stich lässt, sondern ihnen Kraft schenkt. Segen kann der Mensch nicht machen. Den bekommt er von Gott geschenkt.

So war das auch bei Josef. Der hatte Streit mit seinen Brüdern, erzählt die Bibel. Die haben ihn aus Zorn in einen tiefen Brunnen geworfen und dann an Kaufleute verkauft, die mit ihrer Karawane nach Ägypten unterwegs waren. Aber Gott hat dafür gesorgt, dass aus der schlimmen Situation Gutes entstanden ist: Josef hat Karriere gemacht und wurde sogar ägyptischer Finanzminister. Am Ende hat er sich mit seinen Brüdern versöhnt.     

Die Menschen in der Bibel werden nicht immer vor schlimmen Dingen bewahrt. Aber sie erfahren, dass Gott auch im Unglück für sie da ist. Er tröstet sie und gibt ihnen Kraft, mit dem Unabänderlichen zu leben. So wie bei Josef. Dem hat Gott geholfen, im Unglück das Glück zu sehen. Er hat gesagt: „Meine Brüder hatten Böses mit mir vor, aber Gott hat alles zum Guten gewendet.“ Warum Gott das tut? Ich glaube, weil er gutes Leben für alle möchte. Deshalb hilft er, dass auch aus schlimmen Situationen Gutes entstehen kann. Denn er hat die Menschen lieb. Deshalb will er ihr Glück im Unglück.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27340

Gestern haben wir auch in unserer Kirche in Blaubeuren das Erntedankfest gefeiert. Der Altarraum war wunderschön geschmückt. Äpfel und Pflaumen, Kartoffeln und Karotten erinnern daran, dass die Ernte nicht vom Himmel fällt. Sie ist das Ergebnis harter und geduldiger Arbeit der Bäuerinnen und Bauern. Die haben sich in diesem Jahr wegen der Hitze und Trockenheit große Sorgen gemacht. Trotz schwieriger Bedingungen haben sie wieder eine Ernte eingefahren. Ihnen gehört ein großes Dankeschön gesagt. Und auch Gott dem Schöpfer, der uns wieder genug zu essen und zu trinken gegeben hat. Er macht, dass die Pflanzen und Früchte auf den Feldern und in den Gärten wachsen und gedeihen.  
Manche Gottesdienstbesucher fragen jedes Jahr: Was geschieht mit den vielen Lebensmitteln, wenn der Gottesdienst aus ist?

Am Montag nach dem Erntedankfest bringen Ehrenamtliche die Lebensmittel zu Menschen, die sie brauchen können. Zum Beispiel zu einem jungen Mann, der allein in einer kleinen Dachwohnung lebt. Wegen einer psychischen Erkrankung hat er keine feste Arbeit. Wenn es ihm gesundheitlich gut geht, nimmt er Gelegenheitsarbeiten an. Sonst lebt er von Hartz IV. Das ist schlimm für ihn. Auch letztes Jahr hat er ein kleines Erntedankpaket bekommen. Darüber hat er sich riesig gefreut. Die dreiköpfige Familie einige Häuser weiter bekommt ebenfalls ein Lebensmittelpaket. Die Mutter stammt aus dem Kosovo. Seit sechs Jahren wohnt sie mit ihren zwei Kindern in unserer Stadt. Vor zwei Jahren ist ihr Mann bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Jetzt sorgt sie allein für die beiden Kinder. Viel Geld bleibt am Monatsende nicht übrig. Hungern müssen sie deshalb nicht. Trotzdem freuen sie sich über die Lebensmittel und vor allem über die aufmunternden Worte unserer Mitarbeiter, die sich für ein Gespräch mit ihr Zeit nehmen. Das tut ihr gut.   

In der Bibel steht der Satz: „Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus…Helft allen, die Hilfe brauchen!“ (Jesaja 58, 7). Mit anderen Worten: Was Gott uns Gutes gibt, sollen wir mit anderen teilen. „Geteilte Freude ist doppelte Freude“, sagt man da. Und genau das erleben unsere Mitarbeiter: Menschen freuen sich, dass andere an sie denken. Sie spüren: Ich bin nicht vergessen. Und das macht ihnen Mut. Das Gute mit anderen zu teilen, darum geht es – nicht nur am Erntedankfest.   

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„Heutzutage muss alles immer schnell gehen und sofort!“ Immer wieder höre ich diese Klage. Vieles muss noch erledigt werden, Besorgungen sind zu machen, Pflichten sind zu erfüllen. Die Arbeit hört nicht auf! Da kann man nur noch seufzen.

So wie Martha. Von ihr erzählt die Bibel. Sie und ihre Schwester Maria haben Besuch bekommen. Wichtigen Besuch. Lieben Besuch. Jesus ist gekommen. Für ihn will Martha alles richtig und schön machen. Und sie erwartet Hilfe von Ihrer Schwester. Die aber hört nicht auf sie, sondern bleibt bei Jesus sitzen und hört ihm zu. Darüber regt sich Martha auf: „Jesus, sag ihr doch, dass sie mir helfen soll. Du siehst doch, wie ich mich abarbeite.“ Aber Jesus tut ihr diesen Gefallen nicht. Er antwortet schroff: „Maria macht es richtig. Sie nimmt sich Zeit für mich und hört mir zu. Denn sie weiß, dass ich Wichtiges zu sagen habe – über Gott und über das Leben.“
Ich verstehe Jesus so: Die Arbeit zu unterbrechen und sich etwas Gutes zu gönnen, ist wichtig. Nur so kann das Leben gut werden.

Übermorgen ist Sonntag. Ruhetag. Machen Sie es wie Maria: Tun Sie Ihrer Seele etwas Gutes. Treffen Sie sich mit Freunden. Trinken Sie Kaffee mit den Kindern. Gehen Sie mit den Enkeln auf den Spielplatz oder an den Baggersee. Oder besuchen Sie den Gottesdienst ihrer Gemeinde. Das ist dann so, wie wenn Sie sich neben Maria zu Jesus setzen. Er hat Ihnen etwas Wichtiges zu sagen. Er erinnert, wie das Leben gut gelingen kann, wie wichtig Vergebung ist, und dass es einer Gemeinschaft gut tut, nach dem Nächsten zu schauen. Mir selber hilft der Gottesdienst. Nach einer aufregenden Woche lässt er mich innerlich zur Ruhe kommen. Mit anderen zu singen und zu beten tut mir gut und gibt neuen Mut. Und in den Geschichten der Bibel zeigt mir Gott, was für mein Leben wichtig ist.  

„Heutzutage muss alles immer schnell gehen!“ klagen viele. Jesus mahnt zur Entschleunigung: Tue langsam und achte auf deine Seele. Der Sonntag will dabei helfen. Ohne Sonntag gibt’s nur noch Werktage. Und das ginge auf Dauer nicht gut. 

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„Jedes Mal, wenn ich die Sirene eines Krankenwagens hören, spreche ich ein kurzes Gebet“, hat mir ein Mann erzählt. Mich hat das beeindruckt. Denn bis dahin habe ich mir nicht viel dabei gedacht, wenn der Kranken- oder Notarztwagen mit lautem Sirenengeheule an mir vorbeigerauscht ist. Wegen der Lautstärke halten sich manche Passanten sogar die Ohren zu. Aber seitdem dieser Mann das gesagt hat, mache ich es auch so: Ich schicke ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, wenn ich die Sirene höre. „Lieber Gott, hilf den Betroffenen“, sage ich dann.

Die Sirene erinnert mich daran, wie schnell sich das Leben ändern kann. Auch meines. Ein Autounfall, ein Treppensturz, ein Herzinfarkt – schon bin ich hilflos und auf andere angewiesen. Dann entscheiden nur wenige Minuten oder Sekunden über Leben und Tod.

Die Notärzte und Rettungsassistenten in ihren schnellen Fahrzeugen riskieren oft ihre eigene Gesundheit und manchmal auch ihr Leben, um anderen zu helfen. Oft wissen sie nicht genau, was sie am Einsatzort erwartet. Manchmal schlimme Dinge. Dann brauchen sie viel Mut, gutes medizinisches Gerät und Kollegen, auf die sie sich blind verlassen können. Ich finde, sie verdienen unseren Dank. Und sie brauchen unsere Gebete.

Schon vor vielen hundert Jahren haben Menschen erlebt und weitergesagt. „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ (Psalm 91,11) So haben sie es in einem Gebet in der Bibel festgehalten. Ich finde, gerade Notärzte und Rettungsassistenten brauchen solche Engel, die sie behüten und ihnen immer wieder neue Kraft geben. Und erst recht brauchen die Verletzten und Hilfsbedürftigen Engel, die sie beschützen. Man kann nicht oft genug beten, dass Gott sie ihnen an die Seite stellt. Denn die brauchen sie, wenn es mal wieder mit Blaulicht und Sirenengeheul auf die Straße geht. Dann riskieren sie viel, um anderen zu helfen. Sie bringen vollen Einsatz. Eines Tages vielleicht auch für mich. Wenn ich dann weiß, dass andere für meine Helfer und für mich beten, tut mir das gut. 

Wenn Sie das nächste Mal eine Sirene hören, machen Sie es doch wie der Mann, der es mir erzählt hat. Schicken Sie ein Stoßgebet zum Himmel. Dazu braucht es nicht viele Worte. „Guter Gott, hilf!“ genügt.

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„Ich bin der Kummerkasten für Einsame“, hat eine Frau zu mir gesagt. Sie besitzt einen kleinen Kiosk. Zeitschriften, Zigaretten, Rubellose, Snacks und Getränke gehören zu ihrem Angebot. Schon lange denkt sie ans Aufhören. Eigentlich lohnt sich die Arbeit von morgens bis abends nicht mehr. Aber das will sie ihren Stammkunden nicht antun. Vor allem denen nicht, die zuhause niemanden haben. „Wissen Sie, viele Leute leben allein und haben niemanden zum Reden. Die sind froh, wenn ich mir Zeit für sie nehme“, hat die Frau gesagt. Für jeden hat sie ein offenes Ohr und ein freundliches Wort.

In der Bibel heißt es: „Wie gut tut das richtige Wort zur rechten Zeit.“ (Sprüche 15,23) Ich verstehe das so: Gute Worte bauen auf. Sie stärken das Selbstwertgefühl. Sie können sogar helfen, dass Menschen für einen Augenblick ihre Einsamkeit vergessen. Worte wie „Ich freue mich, Sie zu sehen!“ Oder „Erzählen Sie mir, wie es ihnen geht.“    

Wenn einer spürt, dass der andere sich für ihn interessiert, ermutigt ihn das von seiner Einsamkeit zu erzählen. Dass es weh tut, wenn es zuhause niemandem gibt, der einem zuhört oder mit einem isst. Wie schön es wäre, wenn jemand  sich mit einem freut oder mit einem weint. Das Reden darüber tut gut und macht die Seele leicht.  „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, sagt man dann. Ich finde, das stimmt. Wenn einer dem anderen zuhört, verschwindet seine Einsamkeit zwar nicht, aber sie ist dann irgendwie leichter zu ertragen.   

Wie gut, dass es solche Menschen gibt, die Geduld haben und gute Worte – mit Kiosk oder ohne.  Ich bin sicher, das können die meisten Menschen: anderen gute Worte sagen.  Sie wahrscheinlich auch. Man muss nur im richtigen Moment daran denken. 

Wenn Sie das nächste Mal an einem Kiosk vorbeikommen, denken Sie doch an dieses Bibelwort. „Wie gut tut das richtige Wort zur rechten Zeit.“ (Sprüche 15,23) Wechseln Sie ein paar freundliche Worte mit der Besitzerin oder dem Besitzer und mit denen, die drum herumstehen. Die freuen sich bestimmt darüber. Und vergessen Sie nicht im Kiosk etwas zu kaufen. Ich bin sicher, Sie werden etwas finden, was Sie brauchen können. 

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Letzte Woche ist eine 76-jährige Frau gestorben, die ich gut gekannt habe. Sie war Pfarrerin. Bei ihr habe ich das Pfarrerhandwerk gelernt. Zum Beispiel wie man eine Predigt gut vorbereitet. Oder wie man ein Beerdigungsgespräch so führt, dass die Angehörigen getröstet werden. Sie hat mir viel beigebracht. Dafür bin ich dankbar.

Pfarrerinnen wie sie gibt es noch nicht lange in der evangelischen Kirche. Genauer gesagt erst seit 50 Jahren. Am Anfang hat sich die auch die evangelische Kirche schwer getan mit der Vorstellung, dass Frauen auch Pfarrerinnen sein können. „Pfarrgehilfin“ hat man sie genannt. Also eine Unterstützung gewissermaßen für Pfarrer, die viel zu tun haben. Kümmern sollten die sich um die Frauen, Mädchen und Kinder in den Gemeinden. Gottesdienst leiten und Sitzungen abhalten – also das, was man für wirklich wichtig hielt – das sollten weiterhin nur die Pfarrer machen. Wollte eine „Pfarrgehilfin“ heiraten, musste sie ihren Beruf aufgeben. Erst 1968 hat die Kirchenleitung in einer Ordnung festgelegt, dass der Dienst dieser Frauen genauso viel Wert ist wie der der Männer. Das war letztlich eine Folge aus den Überzeugungen der Reformation: Alle Getauften haben Zugang zu kirchlichen Ämtern – auch Frauen.

Heute arbeiten in der evangelischen Kirche fast genauso viele Pfarrerinnen wie Pfarrer. Manche sind sogar Bischöfinnen. Ich bin überzeugt: Ohne diese Frauen mit ihren Begabungen wäre meine Kirche ärmer.

Auch die Pfarrerin, die mich ausgebildet hat, hatte viele Begabungen. Sie konnte sehr gut predigen, fand ich. Das Wichtigste, was sie mir beigebracht hat, war Gottvertrauen. „Gott will aus dem, was du als Pfarrer tust, Segen wachsen lassen“, hat sie zu mir gesagt. Das hat mir Mut gemacht. Sie hat viele Gemeindeglieder auch im Sterben begleitet und dann beerdigt. Am Grab hat sie von Gott erzählt, von dessen Liebe uns Menschen nichts trennen kann. Auch nicht der Tod. Ich bin sicher, sie selber ist in diesem Gottvertrauen gestorben.
Ich bin froh, dass sie mich ausgebildet hat. Und auch, dass wir seit 50 Jahren Pfarrerinnen in meiner Kirche haben. Ich finde, das ist ein Grund zum Feiern.

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Die Fußballweltmeisterschaft ist vorbei. Schade! Denn jetzt werden sie verschwinden: die bunten Fahnen, die aus den Fenstern und von den Balkonen hängen. Die serbische Fahne mit den rot – blau - weißen Querstreifen zum Beispiel. Die hängt gleich dreimal in meiner Straße. Auch zwei portugiesische Fahnen in rot und grün sind zu sehen. Aus einem Dachfenster am Ende unserer Straße weht stolz die nigerianische Fahne mit den zwei grünen Streifen außen und dem weißen Streifen innen. Deutsche Fahnen in schwarz, rot, gelb gab es natürlich auch. Die wurden aber ziemlich rasch wieder abgehängt. Dass so viele verschiedene Nationen in meiner Straße wohnen, habe ich nicht gewusst. Dank der bunten Fahnen weiß ich das jetzt.

In meiner Straße geht es friedlich zu. Da gibt es keinen Streit zwischen den Muslimen aus Nigeria und den Christen aus Serbien. Die kennen sich und respektieren sich. Die Leidenschaft für den Fußball verbindet sie. Die Fahnen an den Häusern zeigen mir das.

In der Welt ist das ja leider anders. Da gibt es viel Streit zwischen den Nationen und Religionen. Das ist zum Verzweifeln! Aber die Fußballweltmeisterschaft hat mir gezeigt, dass es auch anders gehen kann. Jedenfalls in meiner Straße. Hier ist man stolz auf seine Nation und zeigt das auch. Aber man respektiert auch die anderen.

Was im Kleinen möglich ist, muss doch auch im Großen möglich sein, denke ich mir und fange an von einer Welt zu träumen, in der eine gemeinsame Leidenschaft alle Nationen und Religionen verbindet: die für den Frieden.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15), heißt es in der Bibel. Das klingt sportlich, finde ich. So wie man dem Ball nachjagt, soll man dem Frieden nachjagen: mit Leidenschaft. Frieden fängt im Kleinen an. Zum Beispiel mit einem freundlichen Wort, das ich dem Nachbarn sage. Oder mit den beiden Worten „Vergib mir!“ Wo zwei sich versöhnen, da ist Frieden.

Frieden ist möglich. Das zeigen mir die Fahnen in meiner Straße. Schade, dass die jetzt verschwinden werden.

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