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„Mein Glaube hat mir in allem Halt gegeben“, sagt die Mutter, deren Tochter vor 10 Jahren bei einem Amoklauf in einer Schule in Winnenden ums Leben gekommen war. Von ihrem Schicksal habe ich gelesen. Ihre Tochter Nina, eine angehende Lehrerin, war 24 Jahre alt als ein 17-Jähriger sie erschossen hat.  

Zuerst habe sie nur Entsetzen und eine unglaubliche Wut auf diesen Menschen gefühlt, berichtet die Mutter. Als sie dann versuchte, den 17-Jährigen zu verstehen, habe sie andere Gefühle entwickelt. „Der Täter wurde ein eigentlich bedauernswerter Junge, keineswegs der große Rächer, der er selbst gerne sein wollte", erzählt die 60-Jährige und fügt hinzu: „Ich entschuldige damit den Täter nicht. Seine Tat und die Schuld bleiben." Aber heute könne sie sagen, dass sie vieles verstehe. „Man nennt das Verzeihen“, sagt sie und ergänzt: „Dass ich das konnte, war nicht meine Absicht, es war nicht mein Können…es war eher Gnade."

Ich finde, das sind erstaunliche Worte. Normalerweise denkt man doch: „Einem Mörder kann man niemals verzeihen! Schon gar nicht dem Mörder des eigenen Kindes.“ So haben auch viele der Eltern gedacht, deren Kinder damals ums Leben gekommen sind. Ich kann ihre Wut und den Hass auf den Täter verstehen. Und den Wunsch nach Rache.

Dass die Mutter von Nina dem Täter verzeihen kann, ist ein Wunder, finde ich. „Gnade“ nennt das die Frau. Gnade klingt nach christlichem Glauben. „Ja,“ erzählt die Mutter, „ich hatte in meiner Trauer nie eine Phase, in der ich an Gott gezweifelt hätte. Ich habe nie die Schuld bei ihm gesucht und gefragt: Warum konntest du das zulassen?“

Am Ende habe ihr Gott die Kraft zum Verzeihen geschenkt, sagt die Frau und ist dafür dankbar. Ich denke mir: So kann sie vielleicht auch eher Ruhe finden. Wer nicht verzeihen kann und immer mit Hass an das denkt, was geschehen ist – der kann ja keine Ruhe finden. Der Hass lässt einen nicht los.

„Du, Gott, gibst meiner Seele große Kraft“, betet einer in den Psalmen der Bibel, der Schlimmes erlebt hat und Gott für seine Hilfe dankt.

Um diese Kraft kann man Gott bitten. Auch wenn’s ums Verzeihen geht. Vielleicht mit den Worten: „Herr, gib mir die Kraft in jedem Menschen dein Kind zu sehen.“

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„Wie mein Vater schaffe ich das nie!“, hat der Mann zu mir gesagt. Dieses Gefühl hat ihm sein Vater schon als Kind gegeben. Der war ein ausgezeichneter Schreiner gewesen. „Ich hätte so gern von ihm dieses Handwerk übernommen“, hat der Mann erzählt, „aber wir sind nicht gut miteinander ausgekommen. Er war immer im Stress, hat mich angeschrien oder sogar geschlagen, wenn ich bloß ein Werkzeug nicht auf den richtigen Platz zurückgelegt habe. Irgendwann hatte ich dann keine Lust mehr auf diesen Beruf.“

Ich kann mir denken, dass es vielen anderen Kindern auch so ergangen ist, die strenge Väter hatten. Die erinnern sich an Worte, die sie entmutigt haben. Oder sogar an Schläge. Das vergisst man nicht.

Strenge führt nicht weiter – das sagt die Erfahrung dieses Mannes und das sagt auch einer in der Bibel: „Ihr Väter, behandelt eure Kinder nicht zu streng, damit sie nicht entmutigt werden.“ (Kolosser 3, 21)

Ich verstehe diesen Satz so: Kinder brauchen Väter, die sie verstehen und ermutigen und ihnen etwas zutrauen. Solche Väter machen Kinder stark.

Als Vater von drei Kindern weiß ich: Erziehen ist nicht leicht. Einerseits muss ich Grenzen setzen, um meine Kinder vor Gefahren zu beschützen. Andererseits möchte ich sie ermutigen, eigene Entscheidungen zu treffen und damit Erfahrungen zu sammeln. Das macht sie selbstbewusst und stärkt ihr Vertrauen ins Leben und in andere. Und wenn sie einmal Schiffbruch erleiden, werde ich sie nicht hängen lassen, sondern ermutigen, es das nächste Mal besser zu machen.

Ich glaube, Kinder brauchen Väter, die den Mut haben zur Erziehung im positiven Sinne: Nicht  streng, aber ermutigend und fördernd.   

Der Schreinermeister hat sich nur das Beste für seine Kinder gewünscht. Ohne seine Strenge wäre der Sohn vielleicht ein guter Schreiner geworden – wie sein Vater. 

Deshalb finde ich den Rat in der Bibel gut, Kinder nicht zu streng zu behandeln, sondern ihnen etwas zuzutrauen. Das ist zu allen Vätern und Müttern gesagt, die es ihren Kindern recht machen wollen.

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„Gott lehrt mich im Alter das Empfangen“, hat die alte Frau zu mir gesagt.

Ich habe sie zu ihrem 85. Geburtstag besucht. Sie hat in ihrem Leben viel gearbeitet, hat fünf Kinder großgezogen, ihre Mutter und die Schwiegereltern gepflegt und sich nebenher in der Kirchengemeinde engagiert. Aber jetzt war sie alt und gebrechlich. Aber Hilfe anzunehmen ist ihr nicht leichtgefallen.

„Wissen Sie,“, hat die Frau gesagt, „ich war immer für andere da, jetzt brauche ich selber Hilfe. Die anzunehmen fällt mir schwer. Das muss ich wohl noch lernen.“ Und dann hat sie diesen eindrücklichen Satz gesagt: „Gott lehrt mich im Alter das Empfangen.“   

Dass es Menschen schwerfällt, Hilfe anzunehmen oder andere um Hilfe zu bitten, höre ich immer wieder. Ich kann das verstehen. Niemand möchte von anderen abhängig sein. Selbständig zu bleiben bis ins hohe Alter ist ein Wunsch vieler. Und man möchte ja auch niemandem zur Last fallen. Aber je älter man wird, desto mehr ist man auf fremde Hilfe angewiesen. Die alte Frau hat für sich erkannt, dass sie lernen muss, Hilfe anzunehmen. „Das Empfangen lernen“ – so hat sie es genannt.

Im Gespräch mit der Frau ist mir wieder deutlich geworden: Das wirklich Wichtige im Leben können wir Menschen nicht machen. Das bekommen wir geschenkt. Die Liebe eines anderen Menschen zum Beispiel. Oder die Gesundheit - auch die können wir nicht machen. Wir leben von dem, was wir geschenkt bekommen – von anderen und von Gott.

Die Menschen in der Bibel haben das auch so erlebt. Segen haben sie das genannt, was man nicht selbst machen kann, sondern was man von Gott geschenkt bekommt. Die Hilfe, die mich rechtzeitig erreicht, zum Beispiel. „Dich schickt der Himmel“, sagen wir dann. Auch ein guter Schlaf in der Nacht ist ein Segen.

Für ihre Familie war die alte Frau ein Segen gewesen. Jetzt war es umgekehrt. Die anderen waren für sie ein Segen. Und sie hat sich vorgenommen, diesen Segen anzunehmen - dankbar und ohne schlechtes Gewissen. Das zu lernen, dazu ist niemand zu alt, meine ich.

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Worüber reden Männer gern, wenn sie unter sich sind und gemütlich zusammensitzen? – hat eine Zeitschrift gefragt.

Auf Platz eins der typischen Männerthemen stehen Hobbies und Freizeit, habe ich dort gelesen. Männer erzählen sich hier alles gerne in allen Einzelheiten. Auf Platz zwei stehen die Politik und die Wirtschaft. Weil hier die Meinungen weit auseinandergehen, geht es in Männerrunden oft hoch her, heißt es in dem Bericht. Auf Platz drei der Männerthemen stehen Autos und Technik. Über Pferdestärken und CO2-Grenzwerte können sich Männer stundenlang unterhalten. 

Ich habe das selbst auch so erlebt. Ich war zur Kur. Mit vier Männern, alle so Mitte 50, habe ich am Tisch gesessen. Themen hat es genug gegeben. Männerthemen eben. Bis einer mich nach meinem Beruf gefragt hat. „Ich bin Pfarrer“, habe ich geantwortet. Danach war Schweigen am Tisch.

Auf einmal hat einer angefangen von seiner gescheiterten Ehe zu erzählen. Und wie schwer das alles für ihn und die Kinder gewesen ist. Ein anderer hat von der Krankheit seiner Frau berichtet. „Die Sorgen lassen mich nachts kaum schlafen“ hat er erzählt. Der Dritte hat berichtet, dass er vor Jahren aus der Kirche ausgetreten ist. Wegen der Kirchensteuer. „Trotzdem glaube ich an Gott“, hat er gesagt. Auf einmal war unsere Männerrunde eine andere geworden. Vertraut. Persönlich. Echt. Und das hat uns gutgetan.

Seither meine ich, wir Männer müssten uns mehr trauen, über persönliche Themen zu reden, über uns und wie es uns geht. Zugegeben: Wir haben dann oft keine Heldengeschichten zu erzählen, mit denen man vor anderen glänzen kann. Aber sich von den Sorgen und Nöten zu erzählen, macht das Herz leichter. Zu entdecken, dass es anderen ähnlich geht wie mir, ist eine tröstliche Erfahrung! Und warum nicht auch einmal über den Glauben reden? Und über die Zweifel, die man hat. Warum tauschen wir Männer uns darüber so wenig aus? Fehlt uns der Mut? Oder der Anlass?                                                                                                                      

Wie schön wäre es doch, wenn es eines Tages heißt: Ein typisches Männerthema ist die Frage: Wie kann das Leben gelingen? Ich finde, wir Männer haben dazu eine ganze Menge zu sagen. Nur trauen müssten wir uns öfter. Es würde uns gut tun.

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Starke Männer gibt es viele. David zum Beispiel.  

Ein Mörder ist er gewesen. Aber auch „ein Mann nach dem Herzen Gottes.“ So heißt es über ihn in der Bibel. Wie passt das zusammen?

Als junger Mann hat David den Goliath im Zweikampf besiegt. Einen hochgerüsteten Kämpfer. Ein Riese. Die Leute haben gesagt: „David ist ein starker Mann! Der soll unser König sein!“ So ist es auch gekommen. Aber dann ist ihm der Ruhm zu Kopf gestiegen. Er hat mit einer anderen etwas angefangen, obwohl er verheiratet war. Die andere war auch verheiratet. Als sie schwanger wurde, hat David ihren Mann an die Kriegsfront geschickt. Ausdrücklich dahin, wo es besonders gefährlich war. Da ist er dann im Kampf gefallen. Jetzt war der Weg frei für David. Er hat die Frau zu sich in seinen Palast genommen. Aber: Er war zum Mörder geworden.

Nur einer hat gewagt, ihm das zu sagen: Ein Gottesmann. Und nun das Erstaunliche: David hat zugegeben, was er getan hat und zu seinem Fehler gestanden. Er hat Gott um Vergebung gebeten. Das finde ich stark.

David hätte es auch anders machen können: alles abstreiten nach dem Motto: „Ich bin der König. Ich kann machen, was ich will!“ Das hat er nicht getan, sondern zugegeben: Ich habe große Schuld auf mich geladen. Das bereue ich.  

Leider ist das gemeinsame Kind nach der Geburt gestorben. David hat das als Strafe Gottes empfunden. Aber Gott hat ihn nicht fallengelassen, berichtet die Bibel. Er hat ihm trotz der schweren Schuld vergeben. Das finde ich stark.

Ich glaube: Gott mag starke Männer. Männer, die zugeben, dass sie etwas falsch gemacht haben. Unter uns Männern ist das ja oft anders: Stark ist, wer alles richtig macht. Fehler zuzugeben, gilt als Schwäche.

Ich bin froh, dass Gott starke Männer mag. Und ich frage mich: Bin ich so ein starker Mann? Bin ich bereit, Fehler zuzugeben? Und die Fehler der Anderen zu verzeihen?

Ich weiß, das ist nicht leicht. Das kostet Überwindung. Um Kraft dazu kann man Gott bitten. Vielleicht mit den Worten: „Herr, mache mich stark, dass ich Fehler zugeben und die der anderen verzeihen kann.“ Ich finde, das sind Worte, die passen zu starken Männern.

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„Ich habe lange mit mir gekämpft“, hat die Frau zu mir gesagt. „Wer gibt schon gern die eigene Mutter ins Heim?“ Wir beide sind uns im Zimmer der Mutter begegnet. Das Zimmer war eigentlich ganz nett, hell und sauber, trotzdem hat die Tochter sich nicht wohl gefühlt. Als die Mutter noch in ihrer eigenen Wohnung leben konnte, hat die Tochter sie jeden Tag nach der Arbeit besucht. Bis die Mutter nicht mehr allein bleiben konnte. Immer vergesslicher ist sie geworden. Letztes Jahr hat sogar die Küche gebrannt. Sie hatte vergessen die Herdplatte auszumachen. Die Tochter war am Ende ihrer Kraft. „Sie müssen die Mutter ins Heim geben“, hat ihre Ärztin zu ihr gesagt. „Sie gehen sonst kaputt.“ „Ich kann das nicht“, hat die Tochter gedacht. 

Seit einem dreiviertel Jahr lebt die Mutter nun doch im Heim. Noch immer fällt es der Tochter schwer, sie dort zu besuchen. Das schlechte Gewissen lässt ihr keine Ruhe.

„Sind Sie neu hier?“, hat ihre Mutter sie letzte Woche gefragt. „Bringen Sie mir jetzt immer den Kaffee?“ Sie hat ihre Tochter angeschaut und sie nicht erkannt.

Die Mutter gehört zu den rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, die an einer Demenz­erkrankung leiden. Die meisten haben die Alzheimer Krankheit. Die baut das Gehirn ab. Das Gedächtnis lässt nach und auch das Denken. Demenzerkrankte können ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen. Sie brauchen viel Betreuung und Pflege.

„Kennen Sie das Lied ‚Weißt du wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?‘“ hat mich die Tochter gefragt. „Früher hat mir meine Mutter dieses Lied vorgesungen. Jetzt bin ich es, die dieses Lied am Bett der Mutter singt, daran erinnert sie sich anscheinend noch. Manchmal singt sie mit.“

„Ja, ich kenne das Lied“, habe ich geantwortet. „Es geht so weiter: ‚Gott der Herr hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet… Kennt auch dich und hat dich lieb‘. Ich bin sicher“, habe ich zu ihr gesagt, „Gott vergisst niemanden. Er kennt uns. Er kennt auch dieses Zimmer, dieses Heim und ihr schlechtes Gewissen, wenn Sie nach Hause gehen.“

Gott vergisst uns nicht. Ob dieser Gedanken die Tochter getröstet hat? Das wünsche ich ihr, wie ich es allen wünsche, die sich um kranke Menschen sorgen.

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„Sie wurden auserwählt! Herzlichen Glückwunsch!“ So beginnen viele E-Mails, die ich bekomme. Erstaunlich, was mir so alles versprochen wird! Millionen-Gewinne, dicke Erbschaften, Geschenk-Sendungen ohne Ende. Asiatische Schönheiten, die mich treffen wollen. Der Traumpartner, der auf mich wartet. Eine Schlagbohrmaschine.

Ein Glück jagt das andere. Nur, dass ich lieber davon verschont wäre. Denn das sind ja Betrugsversuche und die gehen mir ganz schön auf die Nerven. Ich klicke sie so schnell wie möglich weg. Und bin froh, dass mein E-Mail-Anbieter die meisten dieser aufdringlichen Emails blockiert, um meine Privatsphäre zu schützen.

Dass ich tatsächlich auserwählt bin, weiß ich zum Glück schon lange. Seit meiner Taufe. Denn da hat Gott zu mir gesagt: „Ich habe dich auserwählt. Du gehörst jetzt zu mir. Egal, was in deinem Leben passiert: Ich werde immer für dich da sein. Denn du und ich - wir gehören zusammen.“ 

Anders als die Angebote in den nervigen Emails ist die Taufe ein seriöses Angebot: gratis, vertrauenswürdig und ermutigend. Denn dieses Angebot kommt von Gott selbst. Der kennt mich und schützt mich bis in meine Privatsphäre: bis in meine Seele.

An meine Taufe habe ich mich heute erinnert. Denn heute ist mein Tauftag. Der liegt zwar 59 Jahre zurück. Aber jedes Jahr am 14. Februar denke ich daran, was Gott mir versprochen hat: Ich bin für dich da. Mich daran zu erinnern, tut mir gut. Denn so habe ich es immer wieder erlebt: Gott war für mich da, wenn ich ihn gebraucht habe. Zum Beispiel, indem er mir in schweren Zeiten die nötige Kraft gegeben hat. Dafür bin ich ihm dankbar.  

Wenn Sie getauft sind und das Datum ihres Tauftages nicht kennen, schauen Sie einfach in ihrem Familienstammbuch nach. Das Datum steht da drin. Oder rufen Sie im Pfarramt der Kirchengemeinde an, in der Sie getauft wurden. Dort hilft man Ihnen gerne weiter. Und dann prägen Sie sich ihr Taufdatum ein. Dann können Sie jedes Jahr an Ihren Tauftag denken und an das große Versprechen, das Gott Ihnen gegeben hat: Ich werde immer für dich da sein! Denn ich habe dich auserwählt! 

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Von einem ungewöhnlichen Experiment habe ich gelesen. Drei Paare saßen sich gegenüber. Mutter und Tochter, Bruder und Schwester und ein Paar, das seit 50 Jahren verheiratet ist. Sie sahen sich in die Augen, schweigend, vier Minuten lang.

Am Anfang war es komisch, haben sie hinterher erzählt. Ungewohnt. Vier Minuten können ganz schön lang sein. Aber dann geschah etwas: Die einen lächelten sich zu. Einem anderen kamen die Tränen. Wieder andere fassten sich bei den Händen. „Ich habe dich lieb!“, hat die Tochter zur Mutter gesagt. „Ich dich auch“, hat die Mutter geantwortet. Dann haben sie sich umarmt.

„Was haben Sie in diesen vier Minuten gedacht?“, sind die Teilnehmer gefragt worden. Die Tochter hat geantwortet: „Dass ich meiner Mutter viel verdanke. Die Kindheit. Die Unterstützung.“

Der Bruder, der seiner Schwester gegenübergesessen ist, hat geantwortet: „Dass ich vieles von meiner Schwester gar nicht weiß. Dass ich auch gar nicht nachfrage. Da muss ich in Zukunft mehr darauf achten.“

Der Mann, der seiner Frau gegenübergesessen hat, hat gesagt: „Ich habe gemerkt, wie viel sie mir bedeutet, und dass ich nicht ohne sie sein kann."

Mich berühren diese Antworten. Normalerweise schauen wir uns maximal 3,3 Sekunden in die Augen, sagen Wissenschaftler - dann wenden wir uns ab. Und vergeben uns ganz viel: Nähe. Tiefe Gefühle von Glück. Dass wir spüren: Ich bedeute einem anderen ganz viel.

Morgen ist Valentinstag, ein Tag für alle, die sich lieben. Vielleicht schauen Sie dem Menschen, den Sie lieben, morgen etwas länger in die Augen. Und warten ab, was passiert. Ich weiß: Sich so lange in die Augen zu schauen ist komisch. Aber vielleicht erleben Sie dann, wie einer zum anderen sagt: „Du bedeutest mir viel.“ Wer das gesagt bekommt, blüht auf. „Wenn du mich anblickst, werd’ ich schön“, heißt es in einem Gedicht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen Menschen, der sie sieht.

(Gedicht „Scham“ von Gabriela Mistral)

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„Ich möchte das Schöne nicht vergessen“, hat die Frau zu mir gesagt und auf eine Schale in ihrem Flur gezeigt. Sie ist groß und aus Holz. Ein ganzes Jahr lang steht die Schale dort. Immer vom 1. Januar bis zum 31. Dezember.

„Das ist meine Schale der Dankbarkeit“ hat die Frau gesagt. „Da lege ich alles hinein, was ich Schönes erlebt habe.“ In der Schale lagen eine Konzertkarte, eine Restaurantrechnung, ein kleiner weißlich schimmernder Stein. Seit mehreren Jahren macht sie das schon so, hat sie erzählt. Um die Perspektive zu ändern. Sie will nicht immer nur auf das zu schauen, was ihr fehlt. Sie will das Gute sehen. Das, was ihr Leben leicht und das Herz weit macht, das Glück, den Reichtum. Und dafür die Augen offenhalten.

„Haben Sie heute schon etwas hineingelegt?“, habe ich die Frau gefragt. Sie zog einen Zettel aus der Schale und las ihn vor: „Sie sind ein Goldschatz!“ Das hatte die Nachbarin zu ihr gesagt. Sie ist gehbehindert und kann ihre Wohnung nicht verlassen. Die Frau geht für sie einkaufen und kümmert sich auch sonst liebevoll um sie. „Sie sind ein Goldschatz!“ Über diese Worte hat sie sich sehr gefreut. Sie hat sie gleich aufgeschrieben und den Zettel in die Schale gelegt.

Jedes Jahr am 31. Dezember schaut sie sich an, was sich in der Schale im Laufe des Jahres angesammelt hat. Begegnungen, Momente und Ereignisse, die ihrer Seele gutgetan haben. An die erinnert sie sich dann und spürt: Das Leben ist doch einfach schön! 

Das hat einer in den Gebeten der Bibel auch so gesehen. „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, hat er gesagt. Sich an das Gute zu erinnern, ist eine schöne Übung. Nicht nur am Ende des Jahres, sondern an jedem Abend. Das tut einfach gut, macht dankbar und das Leben reicher.

Vielleicht überlegen Sie heute Abend, was Sie im Laufe des Tages Schönes erlebt haben. Und bevor Sie das Licht an ihrem Bett ausmachen, sagen Sie leise: „Danke, Gott, für alles Schöne an diesem Tag!“

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„Ich habe wieder den ganzen Tag am Schreibtisch verbracht. Ich arbeite bis zum Umfallen. Ist das normal?“, hat mich jemand gefragt.
Viele Menschen arbeiten viel. Viele machen das gern. Manche auch nur, weil die Arbeit halt gemacht werden muss. Ich denke da an die Mütter und an die Handwerker. Ich kenne aber auch Menschen, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, deshalb arbeiten sie bis zur totalen Erschöpfung.

Ich habe von einem Mann gelesen, der das nicht mehr mitgemacht hat. Er seinen sicheren Arbeitsplatz aufgegeben und sich selbständig gemacht. Er wollte möglichst viel Zeit mit seinen Kindern verbringen. Er arbeitet nur noch an drei Tagen in der Woche. Er verdient deutlich weniger Geld. Aber für das Nötige reicht es. Musikunterricht oder Reitverein für seine Kinder kann er nicht finanzieren. Aber das stört ihn nicht. Er unternimmt viel mit seiner Familie. Sie gehen oft wandern, haben einen Freundeskreis, der sie unterstützt. Der Mann ist zufrieden mit seinem Leben. Er hat Zeit für seine Familie und für sich und sein Engagement im Gemeinderat.

Nicht jeder von uns kann das so machen wie dieser Mann, das ist mir klar. Aber seine Geschichte erinnert mich an eine Frage, die Jesus seinen Freunden gestellt hat: „Was hast du davon, wenn du alles in der Welt gewinnst und deine Seele nimmt Schaden dabei?“ (Matthäus 16,26)

Ich glaube: Jesus hat sich um die gesorgt, die zu viel arbeiten. Denn zu viel Arbeit macht unzufrieden, krank und einsam. „Was hast Du davon, wenn Deine Seele dabei Schaden nimmt?“, hat Jesus gefragt.

Ich will diese Frage mitnehmen in meinen Tag morgen. Ich will darauf Acht haben, dass es meiner Seele gut geht. Vielleicht mache ich früher Feierabend und unternehme etwas Schönes mit meiner Frau. Wir könnten einen Spaziergang machen oder setzen uns mit Freunden zusammen und erzählen uns. Solche Auszeiten für die Seele will ich in meinen Terminkalender fest eintragen, damit mir nichts anderes dazwischenkommt. Gut auf die eigene Seele achten - darum ist es Jesus gegangen. Damit es am Abend heißt: „Das war ein guter Tag heute.“    

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