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30APR2022
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Ich liebe Jazz-Musik. Und deshalb freue ich mich, dass es einen Internationalen Tag des Jazz gibt, nämlich heute, am 30. April. Genau vor zehn Jahren, hat die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, den Tag des Jazz ins Leben gerufen.

Da war der Jazz schon über 100 Jahre alt. Die Musikrichtung ist um etwa 1900 in den Südstaaten in den USA entstanden. Wie den Gospel und den Blues hat die Welt auch den Jazz afroamerikanischen Musikerinnen und Musikern zu verdanken.

Mir gefällt am Jazz, dass er oft neu und überraschend klingt. Und ich mag die Kombination aus schönen, eingängigen Melodien und freier, virtuoser Improvisation. Wenn dann auch noch eine Gitarre mitspielt, geht für mich die Sonne auf. Oder besser gesagt: der Himmel. Ich glaube tatsächlich, dass Musik tiefe Freude in einem Menschen auslösen kann und damit ein kleines Stück Himmel, ein kleines Stück vom Reich Gottes auf die Erde bringt.– So habe ich das neulich erlebt. Da habe ich eine Schallplatte von dem deutschen Jazzmusiker Hanno Busch bekommen. Und gleich das erste Lied war wie ein Sonnenstrahl oder ein offenes Fenster, durch das frische Luft hereinweht.

Auch für den amerikanischen Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King war der Jazz eine Gabe Gottes. Er hat betont, dass Jazz auch eine gesellschaftliche und politische Bedeutung hat. Bei seiner Rede zur Eröffnung des Berliner Jazzfestivals 1964 hat Martin Luther King gesagt: Der Jazz verwandelt die bedrückenden Erfahrungen, die Menschen in ihrem Leben machen, in Musik. Und gleichzeitig bekommen die, die diese Musik hören, neue Hoffnung. Jazz schenkt ein „Gefühl des Triumphs“, hat Martin Luther King gesagt. Er war sich sicher: Der Jazz hat mitgeholfen beim Kampf der Afroamerikaner für Freiheit Gleichberechtigung. Die Musik hat den Farbigen immer wieder Kraft und neuen Mut gegeben.

Musik schenkt unterdrückten Menschen Mut und Kraft. Nicht nur die Jazz-Musik. Und nicht nur damals in den USA. Auch jetzt gerade in der Ukraine. Vor einige Tagen haben die Nachrichten von einer Geigerin aus einem Symphonieorchester berichtet. Sie hat angefangen, für die Menschen in den Luftschutzbunkern zu spielen. Viele andere Musikerinnen und Musiker sind ihrem Beispiel gefolgt. Ich glaube, sie geben den Menschen mit ihrer Musik viel mehr als Unterhaltung und Ablenkung. Sie geben ihnen Trost und Hoffnung.

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28APR2022
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„Ich habe einen Frieden in mir, der nicht wackelt“. Das hat eine gute Bekannte einmal gesagt. „Ich habe einen Frieden in mir, der nicht wackelt“. Dieser Satz hat mir gefallen. Ich sehe ihn förmlich vor mir stehen diesen nicht-wackeligen Frieden: stabil und fest. Ein Friede, den nichts so leicht umwerfen kann.

Ich stelle mir vor: Wer so einen Frieden hat, der ruht in sich. Mit einem Frieden, der nicht wackelt, ist man mit sich im Reinen. Man ist zufrieden. Nicht, weil alles im Leben gut war oder richtig gelaufen ist, sondern weil man auch mit dem, was nicht gut war oder versäumt wurde, versöhnt ist und seinen Frieden gefunden hat. Mit so einem Frieden kann man dann auch zuversichtlich in die Zukunft schauen.

Und so ein innerer Friede hilft einem auch. Gerade jetzt, in dieser Zeit, in der der äußere Friede in Europa ganz brüchig geworden ist. Wenn alles um einen herum unsicher wird, kann einem so ein innerer Friede Halt und Hoffnung geben.

Ganz unsicher waren auch die Jünger von Jesus, erzählt das Johannesevangelium. Drei Jahre lang sind sie mit Jesus durch das Land gezogen. Sie waren so von Jesus fasziniert, dass sie ihre Berufe und Familien verlassen haben und ihm nachgefolgt sind. Jesus war für sie Lehrer, Vorbild und Freund in einer Person. Dann kündigt Jesus an, dass er weggehen wird – zu Gott, seinem himmlischen Vater. Die Jünger bleiben ohne ihn zurück. Aber bevor er geht, sagt Jesus: „Zum Abschied schenke ich euch Frieden: Ich gebe euch meinen Frieden. Ich gebe euch keinen Frieden, wie ihn diese Welt gibt. Lasst euch im Herzen keine Angst machen und fürchtet euch nicht.“ (Johannes 14,27, Basis Bibel).

Ich merke: Innerer Friede ist ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk, das man sich nicht selbst geben kann. Ein Geschenk, mit dem Gott einem hilft in dieser Welt zu leben, weil sein Friede gegen die Angst hilft und das Herz in schwierigen Situationen ruhig macht.

Auch meine Bekannte war sich sicher: Der Frieden, der nicht wackelt, der kam nicht aus ihr selber, den hat sie von Gott geschenkt bekommen. Und er hat ihr tatsächlich die Angst genommen und ihr Herz ruhig gemacht. Ihr Friede hat auch dann nicht gewackelt, als sie plötzlich schwer und unheilbar krank wurde und nur noch wenige Wochen zu leben hatte. Ich habe noch nie mit einem Menschen gesprochen, der so ruhig und so gefasst seinem Sterben entgegengesehen hat. Das hat mich tief beeindruckt.

Das wünsche ich mir für mich selbst, und ich wünsche es Ihnen allen. „Einen inneren Frieden, der nicht wackelt“.

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27APR2022
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Gibson Les Pauls sind die wertvollsten Gitarren der Welt. Sie sind so etwas wie die Stradivari unter den elektrischen Gitarren. Für Les-Paul-Gitarren, die zwischen 1958 und 1960 gebaut wurden, zahlen Sammler bis zu 500.000 Dollar. Als Gitarrenfan habe ich mir neulich ein Buch gekauft. Darin sind einige dieser seltenen und wunderschönen Gitarren abgebildet. Und die stolzen Besitzer erzählen, wie sie an ihre Schätze gekommen sind.

Aber einer fällt aus dem Rahmen: Der amerikanische Gitarrist Phil Keaggy. Phil Keaggy erzählt in diesem Buch nicht, wie er seine Gibson Les Paul gefunden hat. Er erzählt wie er sie weggegeben hat, bevor diese Gitarren so wertvoll wurden. 1971 hat er seine Les Paul in einem Musikgeschäft gegen eine damals neue, aber heute relativ wertlose Gitarre eingetauscht.

Was für ein Fehler! Ich stelle mir vor, wie Phil Keaggy nachts wach liegt und sich ärgert. Wie er sich wünscht, er könnte diesen Tausch rückgängig machen. Und wie es ihm jedes Mal einen Stich versetzt, wenn er eine dieser alten Gibson Les Pauls sieht.

Aber es ist anders: Wenn man Phil Keaggys Geschichte in diesem Buch liest, ist da von Bitterkeit keine Spur. Er ist dankbar für die Zeit, in der er diese besondere Gitarre hatte. Und er ist total zufrieden mit der anderen Gitarre, die er jetzt schon seit über 50 Jahren spielt. „Sie hat genau den Klang, den ich liebe“, schreibt er. 

Mich beeindruckt diese Geschichte – diese Verlustgeschichte zwischen all den Erfolgs- und Glücksgeschichten in diesem Buch. Auch wenn die wenigsten Menschen teure Gitarren verloren haben, Geschichten von Verlusten, Fehler und falschen Entscheidungen kann wahrscheinlich jeder aus seinem Leben erzählen. Ich finde, man kann von Phil Keaggy lernen, wie man damit umgehen kann. Man sollte sich nicht die ganze Zeit mit Gedanken quälen wie „Was wäre wenn?“ oder „Hätte ich doch bloß nicht“. Stattdessen sollte man das, was war, hinter sich lassen. Man sollte dankbar auf die guten Dinge im Leben schauen, die man hier und jetzt hat.

Ich denke, Phil Keaggy hilft dabei auch sein Glaube an Gott. In einem seiner Lieder erzählt er, wie er versucht weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft zu leben. „Die Vergangenheit ist viel zu schwer, um sie zu tragen“; heißt es da, „wenn ich zu lange in der Vergangenheit bleibe, dann kapitulieren meine Träume vor der Reue“. Stattdessen dankt Phil Keaggy Gott für die Gegenwart: „Danke Gott für das Heute. Ich bin dankbar für die Gegenwart, die ich habe“. Und er nimmt sich vor: „Jetzt ist der Moment, in dem ich leben will“.

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26APR2022
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Was hilft Beten? Das habe ich mich in den letzten Wochen oft gefragt. Seit der Krieg herrscht in der Ukraine und jeden Tag so viele Menschen ihr Zuhause und ihr Leben verlieren. Was hilft es, wenn ich Gott darum bitte, dass das alles nicht geschieht?

Nichts, könnte man meinen. Denn das Unheil in der Ukraine – und auch an vielen anderen Orten in der Welt – geht weiter, obwohl viele Menschen Gott jeden Tag um Frieden bitten.

Aber ich glaube, das stimmt nicht. Ich glaube, Beten hilft. Beten hilft dabei, nicht abzustumpfen und zu resignieren. Wer betet, findet sich mit Ungerechtigkeit, Gewalt und Krieg nicht ab. Beten ist ein innerer Protest, ein Aufschrei der Seele. Wer betet, bringt zum Ausdruck: Was da in der Ukraine passiert, ist falsch, furchtbar und soll und darf nicht sein.

Und: Wer betet, ist verbunden mit den Menschen, für die er betet. Er fühlt mit ihnen. Ich glaube, das gibt auch den Menschen in der Ukraine ein bisschen Mut, wenn sie wissen, dass viele Menschen auf der ganzen Welt für sie beten.

Aber vor allem denke ich: Beten hilft, weil Gott mein Gebet und die Gebete aller anderen Menschen tatsächlich hört. Beten ist kein Selbstgespräch. Mein Gebet macht nicht nur mit mir etwas, es macht auch etwas mit Gott. Jesus hat Gott immer wieder mit einem Vater verglichen und die Menschen mit seinen Kindern. Und wie es einem Vater oder einer Mutter nicht egal ist, wenn ihre Kinder etwas auf dem Herzen haben, so ist es auch Gott nicht egal. Wenn Menschen leiden, dann leidet Gott mit wie ein Vater oder eine Mutter mit ihren Kindern. 

Und warum beendet Gott dann nicht das Sterben in der Ukraine, in Syrien, im Kongo und anderswo?

Ich glaube, dass es auf diese Frage keine Antwort gibt. Jedenfalls keine, die einen voll und ganz überzeugt. Irgendwie muss ich diese Warum-Frage aushalten beim Betern. Vielleicht wendet Gott ja schon ganz viel zum Guten. Wer weiß, ob es nicht noch viel schlimmer auf dieser Welt zugehen würde, wenn Menschen aufhören würden zu beten.

Ich denke, dass die Kriege auf der Welt nicht aufhören, hat auch etwas mit der Freiheit zu tun, die Gott den Menschen gibt. Gott lässt uns Menschen die Freiheit, uns für das Gute und für das Leben oder für das Böse und für den Tod zu entscheiden. Gott zwingt nicht zum Guten. Aber ich glaube, dass er Menschen immer wieder das Gute anbietet, sie daran erinnert und ihnen die Möglichkeit gibt, das Gute zu wählen.

Deshalb bitte ich Gott weiter um Frieden in der Ukraine. Und ganz konkret bitte ich ihn, dass möglichst Viele, die heute in der Ukraine über Tod und Leben entscheiden können, das Leben wählen.

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25APR2022
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Nach den Osterferien beginnt in der Schule die Prüfungszeit. Alle Schularten in Baden-Württemberg haben in den nächsten Wochen ihre schriftlichen Abschlussprüfungen. Den Anfang machen heute die Allgemeinbildenden Gymnasien mit den Prüfungen in Spanisch, Italienisch und Portugiesisch.

Reifeprüfungen werden die Abschlussprüfungen auch genannt. „Reif“, das sagt man ja vor allem von Früchten, wenn sie gut sind und geerntet werden können. Beim Menschen heißt reif sein erwachsen sein. Reif sein meint gut vorbereitet sein für das, was kommt im Leben.

Gut vorbereitet sollen die Schülerinnen und Schüler sein für ihren weiteren Bildungsweg: Für die Berufsausbildung, die nächst höhere Schule oder das Studium. Industrie und Wirtschaft brauchen dringend qualifizierte Arbeitskräfte, hört man immer wieder.

Aber ich denke, genauso wichtig wie die Vorbereitung auf den Beruf ist die Vorbereitung auf das Leben. Schule soll auch reif fürs Leben machen. Und ich glaube, die Schule leistet dafür tatsächlich einen wichtigen Beitrag: Schülerinnen und Schüler lernen, wie wichtig eine feste Struktur und soziale Kontakte sind. Sie lernen Literatur, Kunst und Musik kennen, was Verantwortung und Gerechtigkeit bedeuten. Und in meinem Fach, dem Religionsunterricht, lernen sie, welche Bedeutung der Glaube für das Leben haben kann.

In der Bibel wird die Reife Weisheit genannt. Wer weise ist, der kennt sich gut aus, der bedenkt, wie eins mit dem anderen zusammenhängt. Und er weiß deshalb auch, was zu tun ist. Geschickte Handwerker, kluge Kaufleute, weitsichtige Politiker, sie alle werden in der Bibel „weise“ genannt. Auch Ehrlichkeit, Bescheidenheit oder Fleiß gehören laut Bibel zur Weisheit dazu.

Als besonders weise galt der König Salomo. Er hat einmal gesagt: „[Gott,] den Herrn ernst nehmen, ist der Anfang aller Weisheit“ (Sprüche 9,10). Ich glaube Salomo hat damit gemeint: Es gibt nicht nur mich und die anderen Menschen mit unseren Möglichkeiten und Kompetenzen. Sondern es gibt auch Gott mit seinen Möglichkeiten. Mit Gott und seinen Möglichkeiten zu rechnen, ist weise, weil es beim Leben hilft. Gott ernst nehmen bewahrt mich vor Allmachtsfantasien: Ich kann im Leben nicht alles planen und bestimmen. Gott ernst nehmen schützt auch vor Überforderung: Ich kann und muss nicht alles schaffen. Und ich darf wissen, dass ich in schwierigen Situationen nicht alleine bin.

Ich wünsche allen Schülerinnen und Schülern, die heute und in den nächsten Tagen und Wochen ihre Abschlussprüfungen machen, reife Leistungen und Gottes Segen.

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24APR2022
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„Wärst Du gerne wieder ein Kind?“ So lautet eine Frage in einem Spiel, das ich mit meinen älteren Schülerinnen und Schülern manchmal im Religionsunterricht spiele. Viele der 16- oder 17-Jährigen antworten auf diese Frage mit Ja: „Ja, ich wäre gerne wieder ein Kind“. Wenn ich dann nachfrage „Warum wärst du das gerne?“, dann sagen sie so etwas wie: „Es war irgendwie schön damals“.

Damit meinen meine Schüler vermutlich nicht, dass sie nach dem Sandmännchen ins Bett mussten, keine Action-Filme anschauen durften und ihnen ihre Mutter die Klamotten ausgesucht hat. Wahrscheinlich meinen sie das gleiche, was auch mich wehmütig an die Kindheit zurückdenken lässt: Als Kind war es schön, weil ich unbeschwert in den Tag hineingelebt hab. Klar gab es auch Sorgen, aber die sind mir nie über den Kopf gewachsen. Ich hab nicht ständig an die Zukunft gedacht und erst recht nicht an die Vergangenheit. Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt. Es war irgendwie leichter als Kind.

Der heutige erste Sonntag nach Ostern erinnert daran, dass auch Erwachsene etwas von dieser kindlichen Leichtigkeit erfahren können. Quasimodogeniti heißt der Sonntag auf Lateinisch, auf Deutsch: „Wie die neugeborenen Kinder“.

Wenn früher, zur Zeit der ersten Christen, ein Erwachsener angefangen hat an Gott zu glauben und Christ sein wollte, dann wurde er in der Nacht auf Ostern getauft. Bei ihrer Taufe hatten die Frauen und Männer weiße Gewänder an. Und mit diesen weißen Taufkleidern sind sie dann auch am Sonntag nach Ostern in den Gottesdienst gekommen. Die weißen Kleider sollten zeigen: Durch unsere Taufe und unseren Glauben sind wir neu geworden. Unser Leben ist unbeschwert, weil Gott uns unsere Schuld abgenommen hat. Wir dürfen noch einmal neu anfangen. Und wir vertrauen darauf, dass Gott auch in Zukunft für uns da ist. Wir sind wie die neugeborenen Kinder.

Wenn dann am Montag für die frisch getauften Frauen und Männer der Alltag wieder losgegangen ist, dann wurde das Leben wieder schwerer. Dann waren die Aufgaben, Sorgen und Nöte wieder da, die man als Erwachsener eben hat. Aber ich denke, etwas von der kindlichen Leichtigkeit haben die Frauen und Männer mitgenommen. Und davon können Erwachsene auch heute etwas spüren – mittelalte, alte und auch ganz junge Erwachsenen, wie meine Schülerinnen und Schüler. Wer Gott vertraut, der darf sich gut aufgehoben fühlen. Der darf Gott abgeben, was ihn belastet, auch seine Fehler. Und Gott schenkt ihm oder ihr immer wieder einen Neuanfang. So kann man leichter leben – ein bisschen so wie ein Kind.

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19FEB2022
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Christen sind Kinder Gottes, so steht es oft in der Bibel. Wie wird man ein Kind Gottes? Vielleicht ein bisschen so wie Zucchini.

Zucchini ist der Spitzname von einem 9-jährigen Jungen in einem Trickfilm, den ich neulich gesehen habe. Zucchini hat keine Eltern mehr und kommt deshalb in ein Waisenhaus. Jedes Kind dort hat eine erschütternde Geschichte hinter sich. Bei Zucchini war es so: Seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Er ist bei seiner alkoholabhängigen Mutter aufgewachsen, bis sie bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.

Dieser 9-Jährige fasst Vertrauen zu einem Polizeibeamten, der ihn immer wieder im Waisenhaus besucht. Und am Ende werden Zucchini und ein anderes Mädchen aus dem Waisenhaus von dem Polizisten adoptiert. Sie werden seine Kinder und bekommen ein neues Zuhause.

Ich glaube, so ähnlich ist das auch, wenn ein Mensch Gottes Kind wird. Er fast Vertrauen zu Gott. Er erfährt, dass Gott es gut mit ihm meint und fühlt sich bei Gott zuhause. Gott gibt ihm Halt. Als Kind Gottes bekommt man also vor allem Vertrauen.

Und das können nicht nur Kinder gut brauchen, sondern auch Erwachsene. Gerade in einer Zeit, in der sich Ängste und Verunsicherung breit machen. Die Corona, der zunehmende Hass, der Klimawandel – wir erleben an so vielen Stellen, wie unsicher und zerbrechlich vieles ist. Da ist es gut, wenn ich jemanden habe, dem ich vertrauen und auf den ich mich verlassen kann.

Als Erwachsener ein Kind Gottes zu sein, das heißt nicht unselbständig zu werden. Das meint auch nicht, seinen Verstand auszuschalten. Das Vertrauen zu Gott ist keine blindes, unmündiges Vertrauen. Auch ziemlich kluge Menschen können Kinder Gottes sein.

Einer von ihnen war der Schweizer Theologe Karl Barth. Er hat unheimlich viel über Gott und die Welt nachgedacht. Seine zum Teil ziemlich komplizierten Gedanken hat er in seiner so genannten kirchlichen Dogmatik aufgeschrieben auf über 9000 Seiten. 

Als Karl Barth einmal auf einer Reise in den USA unterwegs war, da wurde er von einem Studenten gefragt, was ihm von all diesen vielen und komplizierten Gedanken denn der wichtigste ist. Und Karl Barth hat mit den Worten eines alten amerikanischen Kinderliedes geantwortet: „Jesus loves me this I know, for the Bible tells me so“.  – Jesus liebt mich, das weiß ich, weil es die Bibel mir sagt.
Ich finde aus diesem Satz spricht viel von diesem kindlichen Vertrauen.

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18FEB2022
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„Es tut uns leid, aber Ihre Taufe ist ungültig“. Das steht in einem Brief, den viele katholische Christen in den USA neulich bekommen haben. Der Grund: Ein Priester hat beim Taufen jahrelang versehentlich die falschen Worte gesprochen. Statt wie vorgeschrieben „Ich taufe dich“, hat er „Wir taufen dich“ gesagt. Und damit sind alle seine Taufen in den letzten 17 Jahren ungültig.

Ungültig wegen einem Wort? Ist das nicht kleinlich? Ich finde zwar auch, dass man die vielen Taufen deshalb nicht für als ungültig erklären muss. Aber es ist interessant mal genau hinzuschauen, was denn der Unterschied ist zwischen dem „Ich taufe dich“ und dem „Wir taufen dich“.

Wenn es heißt „Wir taufen dich“ dann steht das „Wir“ für die Kirche: Wir, die Christen in dieser Kirchengemeinde, taufen ein Kind. Das können wir nicht alle gemeinsam, (sonst wird‘s eng um den Taufstein). Deshalb tut es einer im Auftrag von allen: ein Priester, ein Pfarrer oder eine Pfarrerin.

Wenn es heißt „Ich taufe dich“, dann kommt Gott ins Spiel. Natürlich tauft dann auch der Priester, der Pfarrer oder die Pfarrerin. Aber er oder sie tut das nicht an Stelle der anderen Christen. Eigentlich ist es Gott selbst, der tauft. Der Priester, der Pfarrer oder die Pfarrerin taufen nur in seinem Namen. Im Grunde sagt Gott selbst: „Ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“.

Die Taufe ist also so eine Art Adoption. Gott nimmt das Kind oder den Erwachsenen auf in seine Familie. Gott sagt: „Wie Jesus bist auch du jetzt mein Kind“. Der Getaufte gehört jetzt zu Gott. Er hat jetzt nicht nur irdische Eltern, sondern auch einen himmlischen Vater. Einen Vater, der es wirklich gut meint und zu dem man immer wieder zurückkommen kann. Der einen trägt und hilft, wenn man hinfällt.

Und man bekommt durch die Taufe Jesus zum Bruder: Als Vorbild, von dem man viel fürs Leben lernen kann, als großer Bruder, der einem beisteht in schwierigen Situationen. Als jemand, der einen versteht und dem man alles sagen kann. Und wenn man Fehler macht, dann hilft einem dieser Bruder, sie wieder in Ordnung zu bringen. Damit das, was man falsch macht, nicht das ganze Leben bestimmt. Jesus hilft einem immer wieder neu anzufangen.

Gott selbst tauft und nimmt einen Menschen auf in seine Familie. Das kommt beim „Ich taufe dich“ besser zum Ausdruck. Aber ich denke, es gilt auch für alle, zu denen der Priester in Arizona gesagt hat: „Wir taufen dich“.

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17FEB2022
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1,50 Meter Abstand halten! Diese Regel gilt jetzt schon seit fast zwei Jahren.
Aber auch in Nicht-Corona-Zeiten haben Menschen ein Problem damit, wenn andere ihnen zu nahe kommen. Wie nahe mir jemand kommen darf, hängt davon ab, wie gut ich den Anderen kenne, haben Forscher herausgefunden. Fremde müssen mindestens 1,20 Meter Abstand halten. Bekannte lasse ich bis auf 60 Zentimeter an mich heran. Noch näher ran dürfen nur ganz enge Freunde, Familienmitglieder und der Partner oder die Partnerin. Falls Menschen diese Abstände nicht einhalten, empfindet man das als unangenehm oder sogar bedrohlich. Und wenn die Leute weiter als 3,60 Meter entfernt sind, sind sie einem ziemlich egal.

Ich glaube, unterschiedliche Abstände halten Menschen nicht nur untereinander ein, sondern auch Gott gegenüber. Der eine schaut, dass er mit Gott und allem, was damit zu tun hat, möglichst gar nicht in Kontakt kommt. Die anderen kommen ein bisschen näher, und gehen beispielsweise an Weihnachten in die Kirche oder schicken das ein oder anderer Stoßgebet zum Himmel. Und dann gibt es noch welche, die Gott jeden Tag erzählen, was sie auf dem Herzen haben und regelmäßig in der Bibel lesen.

Ich denke mit dem Abstand zu Gott ist es genauso ist wie mit dem Abstand zwischen Menschen: Je besser ich Gott kenne, umso näher lasse ich ihn an mich heran. Wenn ich ihn nicht gut kenne, dann empfinde ich zu viel Nähe als unangenehm oder vielleicht sogar als bedrohlich.

Das Problem mit Gott ist nur: Wenn ich ihn richtig kennen lernen will, dann muss ich auch ziemlich nah an ihn ran. So ist es den Menschen auch mit Jesus gegangen: Die, die Jesus nur aus der Ferne beobachtet haben, konnten mit ihm nur wenig anfangen. Und auch die, die mit Jesus diskutiert haben, haben ihn nicht richtig kennen gelernt. Sie haben auch einen Sicherheitsabstand zu Jesus eingehalten.

Richtig kennen gelernt haben ihn die Frauen und Männer, die ihren Sicherheitsabstand aufgeben haben: Ein Fischer beispielsweise, der sich Jesus angeschlossen hat. Eine kranke Frau, die das Gewand von Jesus berührt hat. Oder ein korrupter Zollunternehmer, der mit Jesus zu Abend gegessen hat. Für alle hat sich dadurch etwas verändert. Der Fischer hat bei Jesus eine neue, erfüllende Aufgabe gefunden, die Frau ist gesund geworden und der Zollunternehmer ehrlich. Alle sind das Risiko eingegangen und nah an Jesus herangerückt. Und keiner von ihnen hat es bereut.

Wer Gott nahe kommt, der riskiert was, aber ich denke: Es lohnt sich.

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16FEB2022
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„Unter jedem Dach ein Ach“, mit diesem Sprichwort hat eine Psychologin einmal ihre langjährigen Erfahrungen als Therapeutin zusammengefasst. „Unter jedem Dach ein Ach“, das soll heißen: In jedem Haus, in jeder Familie gibt es irgendetwas, was den Menschen dort zu schaffen macht. Irgendeine Sorge, die sie bewegt oder eine Last, die sie tragen.

Vielleicht eine schwere Krankheit, der Verlust eines lieben Menschen oder immer mehr auch seelische Belastungen, wie Depressionen, Ängste oder Abhängigkeiten.

Von all dem erzählt man anderen Menschen eher nichts. Das Ach bleibt unterm Dach. Und das ist ja auch verständlich. Man will sein Gegenüber nicht belästigen mit seinen Sorgen. Und man weiß ja auch nicht, ob das Ach beim anderen gut aufgehoben ist. Schließlich zeigt man eine Schwäche, wenn man über das redet, was einem zu schaffen macht. Viel lieber zeigen wir uns ja unsere Stärken.

Trotzdem, glaube ich, ist es gut, wenn man ab und zu das Dach lüftet und sein Ach zeigt. Nicht nur einer Therapeutin oder einem Seelsorger. Einem guten Freund vielleicht oder einer guten Freundin. Jemandem, zu dem man Vertrauen hat. Das kostet Mut, so ähnlich, wie wenn man eine Eisfläche betritt. Aber es hat auch etwas Wahrhaftiges und Befreiendes. Und wenn mein Gegenüber dann beginnt, auch von dem zu erzählen, was ihm zu schaffen macht, dann entsteht eine ganz besondere Nähe. Jedenfalls habe ich das schon so erlebt. Unser Ach verbindet uns Menschen auch.

Mein Ach kann mich auch Gott näher bringen. Meine Not kann ich auch Gott sagen. Wenn mir die eigenen Worte dafür fehlen, finde ich Worte in der Bibel, besonders in den Psalmen: „HERR, sei mir gnädig, denn ich bin schwach […] und meine Seele ist sehr erschrocken. Ach du, HERR, wie lange!“ (Psalm 6,3-4), betet da jemand. Wenn ich diese Worte spreche, dann spüre ich eine ganz besondere Nähe auch zu Gott. Und vielleicht erfahre ich dann auch, dass Gott mir hilft, mein Ach zu tragen. Indem ich besser annehmen kann, dass es zu meinen Leben dazu gehört. Oder indem mir bewusst wird, dass es auch viele gute Dinge neben dem Ach in meinem Leben gibt.

 „Unter jedem Dach ein Ach“ – ich denke, wenn ich mir das klar mache, dann sehe ich meine Mitmenschen mit anderen Augen. Ich fühle mich stärker mit ihnen verbunden und begegne ihnen auch anders: verständnisvoller und nachsichtiger, einfach gütiger, so wie Gott auch zu mir gütig ist.

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