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21AUG2021
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Hunde können Vorbilder sein. Sogar beim Glauben an Gott. Das denke ich manchmal, wenn ich in der Küche stehe und Obst oder Gemüse schneide. Meine Hunde lieben Gurken, Karotten, Äpfel oder ganz besonders Wassermelonen. Sobald ich am Schneidebrett stehe, sitzen beide mit gespitzten Ohren, erwartungsvoll neben mir auf dem Küchenboden. Aufmerksam verfolgen sie jede einzelne Bewegung.

Manchmal kann ich nicht anders und es fällt ein Happen Gurke oder ein Apfelschnitz für die beiden ab. Oft gehen meine Hunde aber auch leer aus. Aber selbst wenn sie nichts bekommen, sind die beiden nie enttäuscht. Jedenfalls sehn sie nicht so aus. Und das nächste Mal sitzen sie wieder genauso erwartungsfroh in der Küche.

Das finde ich erstaunlich. Und ich denke mir: Genauso müsste man eigentlich leben. Voll Vorfreude. Immer das Beste erwarten. Sich freuen über die guten Dinge im Leben, auch über Kleinigkeiten. Und nicht enttäuscht oder frustriert sein, wenn ich doch nicht kriege, was ich mir gewünscht habe. 

Und genauso müsste man eigentlich auch glauben. Jedenfalls meint das der Reformator Martin Luther. Er hat einmal gesagt: An Gott glauben heißt: Sich von Gott alles Gute erwarten und darauf vertrauen, dass Gott einem aus der Not heraushilft. Aber was ist, wenn Gott das nicht tut? Was ist, wenn ich das Gute, das ich mir erhoffe, manchmal nicht bekomme und Gott mir nicht aus meiner Notlage heraushilft? Dann fällt es schwer, nicht enttäuscht zu sein.

Ich glaube, diese Erfahrung machen viele Menschen. Und deshalb erwarten sich manche lieber nichts mehr von Gott. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. Aber stimmt das wirklich? Wenn man sich nichts mehr von Gott und vom Leben erwartet, geht es einem dann wirklich besser. Ist die Enttäuschung dann nicht zu einem Grundgefühl geworden?

Und ist es nicht umgekehrt so: Wer nichts erwartet, der bekommt auch weniger. Würden meine Hunde aus lauter Enttäuschung, dass sie nichts bekommen haben, nicht mehr in die Küche kommen, dann würden sie erst recht leer ausgehen. Erwartungsvoll sein heißt auch aufmerksam sein für das Gute im Leben. Wenn ich keine Erwartungen mehr habe, dann übersehe ich das Gute, das Gott mir schenk, auch leichter. Wer erwartungsvoll ist, der hält Ausschau nach dem Guten, der rechnet damit und erfährt es dann auch öfter.

Ich denke, erwartungsvoll leben lohnt sich.

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20AUG2021
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Gott ist wie ein Vater. So steht das ganz oft in der Bibel. Und auch das Glaubensbekenntnis beginnt mit den Worten „Ich glaube an Gott, den Vater“.

Ich bin auch ein Vater. Aber haben Gott und ich deshalb etwas gemeinsam? Gott ist eben der himmlische Vater, und ich bin nur ein irdischer.

Gott ist so ein Vater, wie Jesus ihn im Gleichnis vom Verlorenen Sohn beschreibt. Der Verlorene Sohn zieht von Zuhause aus, arbeitet nichts, feiert Tag und Nacht, verschleudert das halbe Familienvermögen und landet in der Gosse. Aber der Vater flippt nicht aus, wird nicht zornig und macht dem Sohn keine Vorwürfe. Stattdessen nimmt er seinen Sprössling wieder bei sich auf, feiert sogar ein Fest und freut sich wahnsinnig, dass er seinen Sohn wieder hat. So ist Gott, der himmlische Vater.

Wir irdischen Väter sind anders, jedenfalls die meisten von uns. Irdische Väter schimpfen, sind gestresst und wollen ihre Ruhe. Irdische Väter verstehen ihre Kinder oft nicht, trauen ihnen zu wenig zu oder verlangen zu viel. Und sie verbringen oft zu wenig Zeit mit ihren Söhnen und Töchtern. Als Vater bleibt man seinen Kindern viel schuldig. – Ich vermute, deshalb sind Großväter viel weniger streng mit ihren Enkeln: Sie wollen es jetzt besser machen als damals bei ihren Kindern.

Aber ich denke, bei allen Unterschieden zwischen dem himmlischen Vater und den irdischen Vätern gibt es doch eine Gemeinsamkeit: Wir alle meinen es grundsätzlich gut mit unseren Kindern. Leider gibt es dabei auch Ausnahmen, und das ist schlimm. Aber in der Regel gilt auch für die irdischen Väter: Als Vater will ich das Beste für meine Kinder, ich habe sie gern, ich bin stolz auf sie und ich bin für sie da. Auch wenn ich manches bei der Erziehung falsch mache. 

Jesus hat seine Zuhörer einmal gefragt: „Wer von euch würde seinem Kind einen Stein geben, wenn es um Brot bittet? Oder eine Schlange, wenn es um Fisch bittet? So schlecht ihr auch seid, ihr wisst doch, was euren Kindern gut tut, und gebt es ihnen. Wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn darum bitten.“ (Matthäus 7,9-11 Gute Nachricht Bibel)

Gott ist wie ein Vater. Das zeigt mir vor allem, wie Gott zu mir steht. Gott empfindet das gleiche für mich, wie ich für meine Kinder. Ich bin Gott nicht egal. Er interessiert sich für mein Leben. Er freut sich mit mir und leidet mit mir. Und Gott möchte mir dabei helfen, dass mein Leben gelingt. Genau wie ich das für meine Kinder möchte.

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19AUG2021
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Kann man beweisen, dass es Gott gibt? Nein, hat der Wissenschaftler und Philosoph Blaise Pascal gesagt. Gott kann man nicht beweisen. Aber vorsichtshalber sollte man an ihn glauben. Heute vor 359 Jahren ist Blaise Pascal in Paris gestorben.

Pascal war ein richtiges Wunderkind. Als 12-Jähriger hat er sich selbst Geometrie beigebracht Mit 16 hat er eine viel beachtete Abhandlung darüber geschrieben. Und mit 19 hat er die erste funktionierende Rechenmaschine konstruiert. Weil er auch über den Luftdruck nachgedacht hat, wurde später die Einheit für Druck nach Pascal benannt.

Aber am meisten hat sich Blaise Pascal mit der Philosophie beschäftigt. Und er hat viel über Gott nachgedacht. Pascal war sich sicher: Man kann nicht beweisen, dass es Gott gibt. Aber genauso wenig  kann man beweisen, dass es Gott nicht gibt. Man kann also nicht wissen, ob Gott existiert. Deshalb hat Pascal empfohlen, vorsichtshalber an Gott zu glauben. Seine Überlegung geht in etwa so: Wenn es Gott gibt, dann will er, dass ich an ihn glaube. Und wenn ich das tue, komme ich in den Himmel. Wenn es Gott gibt und ich glaube nicht an ihn, dann komme ich nicht in den Himmel. Und wenn es Gott nicht gibt, dann gibt es zwar auch keinen Himmel, in den ich kommen kann, aber mein Glaube hat auch nichts geschadet.

Das klingt logisch. Aber was mich daran stört, ist das Berechnende. Ist das überhaupt Glaube, wenn man sich für Gott entscheidet, weil es einen Vorteil bringt. Hat Glaube nicht etwas mit Vertrauen und auch mit Zuneigung zu tun?

Deshalb bin ich mir auch nicht sicher, ob Blaise Pascal seine Überlegungen selbst so überzeugend gefunden hat. Denn eigentlich war er der Meinung: Ein Mensch findet nicht durch vernünftige Berechnungen zu Gott, sondern mit seinem Herzen. „Es ist das Herz, das Gott fühlt und nicht die Vernunft“, hat er einmal geschrieben.

Pascal hat nicht an Gott geglaubt, weil es vernünftig war, sondern weil Gott sein Herz gewonnen hat. Wie genau, weiß man nicht. Pascal hat zwar etwas über diese Gotteserfahrung aufgeschrieben, aber nur in unzusammenhängenden Sätzen und Worten: „Feuer“ heißt es da etwa, „Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Frieden“.  Jedenfalls war ihm diese Erfahrung so wichtig, dass er den Zettel, auf dem er sie aufgeschrieben hat, immer bei sich getragen hat.

Als Blaise Pascal am 19. August 1662 mit nur 39 Jahren gestorben ist, waren seine letzten Worte: „Möge Gott mich niemals verlassen“. Ich finde, aus diesem Satz spricht wenig Berechnung, aber viel Vertrauen.

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18AUG2021
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„Wenn ich schwach bin, bin ich stark“ – diesen Satz schreibt der Apostel Paulus in einem seiner Briefe in der Bibel (2 Korinther 12,10). „Wenn ich schwach bin, bin ich stark“. Eigentlich ist das ein Widerspruch. Oder? Wie ein Mensch schwach sein kann und gleichzeitig ganz stark, das habe ich bei Philipp Mickenbecker gelernt.

Philipp Mickenbecker war ein junger Mann und erfolgreicher Youtuber. Im Juni ist er mit nur 23 Jahren an Krebs gestorben. Mit seinem Zwillingsbruder und Freunden zusammen hat er sich „The Real Life Guys“ genannt­– „Die Jungs aus dem echten Leben“. Philipp und seine Mitstreiter haben verrückte Dinge gemacht: Sie haben eine Wasserrutsche von ihrem Hausdach gebaut, ein U-Boot und eine fliegende Badewanne. Die kurzen Filme, die sie über ihre Projekte gedreht haben, haben sich auf Youtube Millionen Menschen angeschaut.

Was die Zuschauer nicht gewusst haben: Phillip hatte seit seinem 16. Lebensjahr Lymphdrüsenkrebs. Zweimal ist die Krankheit ausgebrochen, zweimal ist er wieder gesund geworden. Als der Krebs letzten Sommer zum dritten Mal kam, wollte Philipp das für sich behalten.

In einer Reportage, die der Norddeutsche Rundfunk vor seinem Tod gedreht hat, erzählt Philipp: „Ich hab immer versucht, nach außen hin mega stark zu wirken, auch wenn ich es innerlich überhaupt nicht war“. Wie es ihm wirklich gegangen ist, wollte Phillip niemandem zeigen. Er hatte Angst, wieder dieser „Krebspatient“ zu sein, den alle bemitleiden.

Aber dann hat Philipp doch angefangen, auf Youtube offen über seine Krankheit zu reden. „Ich versuche, das nicht mehr zu verstecken“, hat er in der Reportage gesagt, „ich muss nach außen nicht immer stark sein. Ich kann nach außen hin schwach sein, vor meinen Freunden, im Fernsehen oder wo auch immer“.

Gleichzeitig hat Philipp von seinem Glauben an Gott erzählt und von seiner Hoffnung, dass es nach diesem Leben weiter geht. „Ich glaube“, hat er gesagt, „dass Gott wirklich ein krass guter Gott ist und dass er am Ende alles gut machen wird – selbst wenn es nicht hier auf der Erde ist“. Ich finde, diese Hoffnung hat man Philipp abgespürt. Ich habe es ihm jedenfalls abgenommen, dass er keine Angst vor dem Tod hat. Und eine andere Botschaft war Philipp wichtig: Jede Minute im Leben ist kostbar. Man sollte deshalb bewusst leben und nicht so viel Wert darauf legen, was die anderen über einen denken.

Ich glaube, indem er seine Schwäche gezeigt hat, hat Philipp vielen Menschen Hoffnung gegeben und Mut gemacht hat. Und das ist echt stark.

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17AUG2021
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Schön waren sie nicht, die Disteln am Rand von meiner Joggingstrecke. Sie hatten sogar etwas Bedrohliches: lange, stachelige Stängel mit spitzen, gezackten Blättern. So sind sie im Sommer in die Höhe geschossen, manche zwei Meter hoch. Nicht schön anzusehen.

Das hat sich geändert, als nach einiger Zeit ganz oben an den Disteln blaue Blüten zum Vorschein gekommen sind. Kleine Farbtupfer, aber die haben die großen Pflanzen in meinen Augen verändert. Das leuchtende Blau und die Stacheln und Zacken – das war eine spannende Kombination. Später sind aus den einzelnen Blüten Dolden mit vielen Blüten geworden. Sehr schön anzusehen.

Ich finde, so wie mit den Disteln ist das auch mit den Menschen. Disteln haben Blüten und Stacheln. Genauso hat auch jeder Mensch Stärken und Schwächen. Ich habe Eigenschaften, die mir an mir selbst gefallen und die ich auch gerne anderen zeige. Und daneben gibt es Seiten an mir, die mir nicht gefallen und anderen Menschen vielleicht auch nicht.

An den Disteln lerne ich: Jeder Mensch hat wirklich beides. Es gibt Niemanden, der nur Schwächen hat. Auch wenn es besonders pessimistischen oder selbstkritischen Menschen manchmal so vorkommt. Sie müssen nur genauer hinschauen. Dann entdecken sie auch ihre Stärken.

Und ich lerne von den Disteln: Die Eigenschaften, die mir nicht an mir gefallen, gehören dazu. Und sie dürfen bleiben. Auch wenn ich mir wünsche, ich hätte die Schwächen los, weil sie mir das Leben oft schwer machen.

So war das zum Beispiel beim Apostel Paulus. Paulus war ein toller Schriftsteller. Er hat Briefe geschrieben, die in der Bibel stehen und die bis heute viele Menschen bewegen. Aber genau derselbe Paulus war ein schlechter Redner. Wenn er gepredigt hat, sind die Menschen eingeschlafen (Apostelgeschichte 20,9) und seine Worte haben auf viele Zuhörer kraftlos gewirkt (2. Korinther 10,10). Aber ich finde, genau diese Kombination ist das Spannende an ihm. Das macht Paulus aus: Ein grandioser Briefeschreiber und gleichzeitig eine schwacher Redner. Langweilig, wenn er beides gut gekonnt hätte.

Auch die Disteln am Wegrand wären langweilig, wenn sie nur ihre Blüten hätten. Ich finde, gerade ihre langen, stacheligen Stängel machen sie zu etwas Besonderem.

Nicht nur meine Stärken, auch meine Schwächen machen mich zu dem, der ich bin. Ich denke, wenn ich mir das klar mache, kann ich Eigenschaften an mir, die mir nicht gefallen, viel besser annehmen.

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16AUG2021
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Was für ein verregneter Sommer bis jetzt. Vor ein paar Jahren hätte ich mich über das miese Wetter geärgert. Früher war es ganz einfach: Wenn es warm und sonnig war, habe ich mich gefreut, wenn es kühl und nass war, habe ich mich geärgert. Unbewusst hatte ich das unerschütterliche Vertrauen: Alles gleicht sich irgendwie aus. Alles kommt wieder in Ordnung. Und so war es ja auch.

Heute ist das anders: Das Wetter ist extrem geworden. Die letzten Jahre war es so heiß und trocken in Deutschland, dass man sich Sorgen um das Trinkwasser machen musste. Und in diesem Jahr hat es so viel geregnet, dass in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ganze Ortschaften weggespült wurden.

Egal wie das Wetter ist, man muss sich irgendwie immer Sorgen machen. Bei gutem Wetter muss ich befürchten, dass die Ernten verdorren, die Fichten absterben, der Grundwasserspiegel sinkt und es Waldbrände gibt. Den alten Schlager „Wann wird‘s mal wieder richtig Sommer“, in dem sich Rudi Carrell „Sonnenschein von Juni bis September“ wünscht, kann ich schon lange nicht mehr unbeschwert mitsingen. – Und obwohl ich schlechtes Wetter nicht mag und Regen meine Stimmung in den Keller drückt, bin ich doch irgendwie erleichtert, wenn es regnet. Weil es die letzten Jahre viel zu trocken war. Und gleichzeitig kommt die Sorge hoch, dass es zu Unwettern und Überschwemmungen kommt.

Ich vermisse mein Vertrauen ins Wetter. Ich glaube, ich habe es verloren, weil wir Menschen jetzt unsere Finger mit im Spiel haben. Das extreme Wetter ist eine Folge des weltweiten Klimawandels. Und die Forscher sind sich einig: Der Klimawandel ist menschengemacht. Das Wetter ändert sich, weil die Menschen die Natur und ihre Rohstoffe seit Beginn der Industrialisierung immer mehr ausbeuten.

Menschen machen Wetter. Das ist neu. Jahrtausende lang war das Wetter der Inbegriff für das, was nicht in der Hand der Menschen liegt. Wenn wir Menschen etwas nicht beeinflussen konnten, dann war es das Wetter. Das Wetter war nicht Sache der Menschen, sondern die Sache Gottes. Ich finde, dort – in Gottes Hand – war es auch gut aufgehoben. Jedenfalls besser als in den Händen der Menschen.

Noch ist es möglich, die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, sagen die Wissenschaftler. Ich hoffe, wir können das Wetter wieder in die Hände zurücklegen, in die es gehört. Ich fände es schön, wenn sich auch meine Kinder und Enkel über gutes Wetter ganz unbeschwert freuen und sich über schlechtes so richtig ärgern können.

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01MAI2021
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Heute ist der Tag der Arbeit. Am 1. Mai treten Arbeiterinnen und Arbeiter auf der ganzen Welt für ihre Rechte ein: etwa für bessere Arbeitsbedingungen oder eine gerechte Entlohnung. Normalerweise organisieren die Gewerkschaften am 1. Mai große Demos und Kundgebungen. In diesem Jahr spielt sich der Tag der Arbeit wegen der Corona-Pandemie aber vor allem im Internet ab.

Seinen Ursprung hat der Tag der Arbeit in den USA. Am 1. Mai 1886 sind dort vor allem in Chicago Arbeiter auf die Straße gegangen und haben protestiert. Ihre wichtigste Forderung war der Acht-Stunden-Tag. Üblich war damals, dass in den Fabriken zwölf Stunden am Tag gearbeitet wurde, sechs Tage die Woche, oft unter sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Von Amerika aus hat sich 1. Mai dann als Tag Arbeit auf der ganzen Welt durchgesetzt.

Die Kirche konnte mit der Arbeiterbewegung zuerst nicht viel anfangen. Sozialismus, Kommunismus, Marxismus – das alles war der Kirche nicht geheuer. Weil diese Gruppen das althergebrachte Oben und Unten in Frage stellten und weil ihre Gründer - Marx und Engels - erklärte Atheisten waren.

Aber es gab Ausnahmen. Eine davon war der württembergische Pfarrer Christoph Blumhardt. Er hat die Not der einfachen Arbeiter gesehen, die damals unter schlechten Bedingungen in den Fabriken gearbeitet haben. Das fand er unerträglich. Als das Streikrecht der Arbeiter per Gesetz eingeschränkt werden sollte, ist Christoph Blumhardt 1899 in die SPD eingetreten. Als Abgeordneter  im Württembergischen Landtag hat er sich für die Rechte der Arbeiter eingesetzt.

Die Sozialdemokratie galt damals als atheistische Bewegung. Dass ein Pfarrer ihr angehört, war ein Skandal. Es hagelte Kritik von der Kirchenleitung. Schließlich musste Blumhardt aus dem Pfarrdienst der evangelischen Kirche ausscheiden. Dabei hat sich Blumhardt für die Arbeiterbewegung eingesetzt, gerade wegen Jesus und seiner Botschaft. Er wollte mithelfen, dass das Reich Gottes, in dem es Gerechtigkeit für alle Menschen gibt, Wirklichkeit wird. Nicht erst im Himmel, sondern jetzt in der Welt. Für Blumhardt waren Linkssein und Christsein keine Gegensätze. „Jesus war Sozialist“ und „Die Apostel waren Proletarier“, hat er gesagt.

Kurz vor seinem Tod im August 1919 hat Blumhardt noch erlebt, wie der 1. Mai in Deutschland zum ersten Mal ein gesetzlicher Feiertag wurde. Ich glaube, bei den heutigen Veranstaltungen im Netz wäre Christoph Blumhardt – der mit seinem wallenden weißen Bart ein bisschen ausgesehen hat wie Karl Marx – bestimmt dabei.

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29APR2021
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Alle sind Verbrecher. So ist das in dem Film „The Gentlemen“, den ich neulich gesehen habe. Die Geschichte handelt von dem Drogenboss Mickey, der sein Geschäft verkaufen will. Der Film ist raffiniert erzählt, spannend und skurril-witzig. Aber es gibt im ganzen Film keinen einzigen Guten. Auch Mickey, die Hauptperson, ist nur ein bisschen weniger böse als die anderen Gangster, die ihm an den Kragen wollen: Er verkauft Marihuana statt Heroin und räumt seine Gegner nur aus dem Weg, wenn es unbedingt sein muss.

 „So ist das doch auch im richtigen Leben“, würde der Apostel Paulus wohl sagen. In seinem Brief an die Christen in Rom schreibt er: „Da ist kein Gerechter, auch nicht einer (…). Ihre Zunge gebrauchen sie, um zu betrügen (…). Nichts hemmt ihre Schritte, wenn es gilt, Blut zu vergießen. (…) Verwüstung und Elend lassen sie auf ihren Wegen zurück“ (Römer 3,11-17, Neue Genfer Übersetzung). Nur, Paulus schreibt das nicht über Verbrecher und Drogenhändler. Er meint damit alle Menschen.

Ich glaube, Paulus meint nicht, dass jeder Mensch tatsächlich ein Mörder oder Betrüger ist. Aber Paulus ist sich sicher: Kein einziger Mensch schafft es, die zehn Gebote zu halten. Spätestens am ersten Gebot scheitern alle. Das lautet nämlich: „Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“. Im Grunde seines Herzens will kein Mensch Gott über sich haben, sagt Paulus. Niemand will sich von Gott sagen lassen, was gut für ihn ist. Jeder will sein eigener Herr sein. Und das ist für Paulus die Wurzel von allem anderen: Neid, Gier, Hass und eben auch Verbrechen, Gewalt und Krieg.

Zum Glück bleibt Paulus nicht beim Schwarzmalen stehen. Er glaubt daran, dass Menschen sich ändern können. Dann, wenn sie merken: Gott meint es gut mit mir. Er will mein Leben nicht bevormunden oder einschränken. Paulus ist davon überzeugt: Jesus Christus hat den Menschen gezeigt, wie sehr Gott sie liebt. Und dass Gott ihnen verzeiht, was sie falsch gemacht haben. Wer das erkennt, der verändert sich.

Ich glaube bei dem Drogenboss Mickey im Film hätte das funktioniert. Mickey wollte nämlich aussteigen aus dem Drogengeschäft. Er hat sich ein ganz normales Leben gewünscht. Sein Problem war, dass er zu tief im Verbrechen drin steckte. Wenn da einer gekommen wäre und hätte zu ihm gesagt: Pass auf, du kannst nochmal ganz neu anfangen. All deine Verbrechen und Machenschaften sind dir verziehen. Ich glaube, dieser Person wäre Mickey für immer dankbar. Und er würde nie mehr ein krummes Ding drehen.

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28APR2021
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Ehepartner können sehr verschieden sein, auch was den Glauben angeht. Davon erzählt der amerikanische Sänger Vince Gill in einem Lied. Es heißt „When my Amy prays“ – „Wenn meine Amy betet“. Neulich hat er für dieses Lied einen Grammy gewonnen.

Amy, das ist die Sängerin Amy Grant, mit der Vince Gill verheiratet ist. Amy Grant ist sehr gläubig und singt davon auch oft in ihren Liedern. Bei ihrem Mann ist das anders. „Wir sind völlig verschieden aufgewachsen“, erzählt Vince Gill in einem Interview, „Amy ist jeden Sonntag in die Kirche gegangen, ich nie“. Und das hat sich mit der Hochzeit auch nicht groß geändert. Die Bibel, die ihm seine Frau geschenkt hat, liegt zwar auf dem Nachttisch. Manchmal, wenn er nicht schlafen kann, blättert er auch darin. Aber er liest sie nicht wirklich. „Ich hab zwar mein ganzes Leben lang von Jesus gehört“, singt Vince Gill in diesem Lied, „aber die Verbindung zu ihm ist irgendwie nie zustande gekommen“.

Nur, wenn er seine Frau beten sieht – mit erhobenen Händen, wie das in manchen Kirchen üblich ist –, dann ändert sich was. „Wenn meine Amy betet“, singt Vince Gill, „dann sehe auch ich Gottes Gesicht, dann spüre auch ich seine Gnade, dann hebe auch ich meine Hände“.

Ich verstehe das so: Weil er sieht, wie wichtig Gott für seine Frau ist, deshalb wird Gott auch ihm wichtig – jedenfalls in diesem Moment, „wenn Amy betet“.

Mich erinnert das an einen Brief, den der Apostel Paulus an die Christen in der griechischen Stadt Korinth geschrieben hat. Dort gab es auch Ehen, in denen eine Frau, die an Jesus geglaubt hat, mit einem Mann verheiratet war, der nicht an Jesus geglaubt hat. Oder auch umgekehrt. An diese Ehepaare schreibt Paulus: Der Ehepartner, der nicht glaubt, wird „geheiligt“ durch den, der glaubt (1 Kor 7, 14). Die Bibelausleger rätseln, was Paulus damit meint. Vielleicht ja genau das, was Vince Gill in seinem Lied beschreibt. Der Ehepartner, der nicht glaubt, bekommt durch seinen gläubigen Partner eine Verbindung zu Gott. Vielleicht kann man sogar sagen: Der eine glaubt für den anderen mit.

Vince Gill ist seiner Frau Amy dankbar, dass sie ihn nicht ändern will, sondern dass sie ihn so akzeptiert wie er ist. Ich finde, damit lässt sie ihren Mann auch ein bisschen spüren, wie Gott ist. In seinem Lied singt Vince Gill über seine Frau:

„Sie stärkt mir den Rücken und verurteilt mich nicht.
Sie lässt mir Zeit, mich zu verändern.
Sie liebt mich, auch wenn ich mich von meiner schlechtesten Seite zeige.
Sie ist mein Unterstand, wenn es regnet.“
Ich glaube: So ist auch Gott.

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27APR2021
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Das Leben ist wie ein Labyrinth. Das habe ich neulich gedacht, als ich ein Bild von dem Künstler Uli Viereck gesehen habe.

Auf einer großen Leinwand hat er so ein Labyrinth gemalt. Das Labyrinth hat die Form von einem Kreis. In diesem Kreis führt ein Weg von außen nach innen. Aber nicht in einer gleichförmigen Spirale. Immer wieder macht der Weg scharfe Wendungen, und es geht in die entgegengesetzte Richtung weiter.

Ich glaube, so ist das auch mit dem Leben. Der Lebensweg führt nicht immer schön in eine Richtung. Immer wieder kommt man an Punkte, da geht es nicht mehr so weiter wie bisher. Manchmal entscheidet man sich gern für einen Richtungswechsel: Wenn man heiratet zum Beispiel oder in eine größere Wohnung umzieht. Manchmal fällt es einem schwer, die Richtung zu wechseln: Etwa wenn man merkt, dass der Traumberuf doch nicht passt oder der Lebensstil auf Dauer die Gesundheit ruiniert. Und manchmal  wird einem die neue Richtung regelrecht aufgezwungen: Wenn man den Job verliert oder schwer krank wird etwa. Jedenfalls gibt es viele solche Wendepunkte im Leben.

Das Ziel eines Labyrinths liegt in der Mitte. Auch, wenn ich noch unterwegs bin, in einem Labyrinth kann ich mir sicher sein: Irgendwann komme ich in der Mitte an. Ein Labyrinth ist nämlich kein Irrgarten. In einem Irrgarten gibt es Sackgassen. In einem Irrgarten kann ich lange einem Weg folgen und muss dann feststellen: Es geht nicht mehr weiter. Ich kann mich verlaufen und verloren gehen. Das kann mir in einem Labyrinth nicht passieren. Im Labyrinth gibt es nur einen Weg. Der ist zwar verschlungen und geht hin und her. Aber jeder Schritt bringt mich dem Ziel näher. – Ich finde, das ist ein sehr tröstliches Bild für das Leben. Egal, wie verschlungen mein Lebensweg verläuft, wie viele Wendungen er auch nimmt: Er bringt mich ans Ziel.

Auf seinem Bild hat der Künstler Uli Viereck dieses Ziel in der Mitte des Labyrinths als goldenen Kreis gemalt. Gold ist die Farbe Gottes. Auch das ermutigt mich: Am Ende dieses langen, schönen und manchmal auch schweren Weges, steht nicht das Nichts, sondern Gott. „Heimgehen“ haben gläubige Menschen früher das Sterben genannt. Das gefällt mir. Wenn mein Weg durch das Labyrinth des Lebens zu Ende ist, dann bin ich angekommen, dann bin ich zuhause bei Gott.

Mein Leben ist kein Irrgarten, sondern ein Labyrinth. – Mit diesem Bild vor Augen, kann ich gelassener und zuversichtlicher meinen Lebensweg gehen.

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