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07NOV2021
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“Paradies“ – das Beste aus Stadt und Land

Das Paradies ist eine Stadt. So steht es in der Bibel. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen und kann mir das gut vorstellen: es gibt nette Cafés. Ich kann ausgehen, Kunst und Kultur genießen und um die Ecke einkaufen. Es ist immer was los. Davon steht allerdings nichts in der Bibel und das wäre wohl auch etwas zu kurz gegriffen. Die Bibel hat das „himmlische Jerusalem“ vor Augen – die Stadt, die Gott am Ende der Tage errichtet. Und sie beschreibt im Buch der Offenbarung, wie diese Stadt aussieht:

Das neue Jerusalem ist schön hell, vieles ist golden und die Stadt ist würfelförmig gebaut. Es gibt mehrere Stadttore, auf denen Engel stehen. Zwölf Edelsteine tragen die Stadtmauer, auf denen die Namen der zwölf Apostel stehen. Und das Beste ist: Gott wohnt in dieser Stadt – mitten unter den Menschen. Die brauchen also nichts zu fürchten, denn Gott ist bei ihnen. Im himmlischen Jerusalem sind die Menschen sicher.

So wichtig Jerusalem ist: die Bibel kennt noch andere Bilder für das Paradies. Und die haben etwas mit dem Landleben zu tun:
Am Anfang schafft Gott einen „Paradiesgarten in Eden“ für Adam und Eva. Dort fehlt ihnen nichts: die beiden sind bestens versorgt, brauchen sich um nichts zu kümmern und alles ist perfekt.
In Psalm 23 ist von „grünen Auen“ die Rede und vom „Ruheplatz am Wasser“. Gott wird als „guter Hirte“ beschrieben, der sich um seine Schafe kümmert. Im finsteren Tal lässt er sie nicht allein; er sorgt dafür, dass sie auf den grünen Auen unbeschwert leben und das frische Wasser genießen können.
Diese Bilder sind so ganz anders als die von der himmlischen Stadt mit ihren Mauern: sie sind viel weiter, grüner und ländlicher. Im Kern aber sagen sie dasselbe aus: das Paradies ist einfach perfekt. Es vereint das Beste aus Stadt und Land.

Ich kann mit beiden Bildern etwas anfangen. Ich komme aus der Stadt, wohne aber schon lange auf dem Land. Wenn ich mir vorstelle, dass ich eines Tages in einem solchen Paradies leben darf, dann klingt das wirklich verlockend. Allerdings weiß ich auch, dass Stadt- und Landleben manchmal weit von diesem Ideal entfernt sind. Nur darauf zu warten, dass es eines Tages besser wird, ist mir zu wenig. Deshalb will ich gleich noch ein wenig tiefergehen.

Ideale verändern das Hier und Jetzt

Ideale gehen von dem aus, was die Menschen kennen. Sie zeichnen ein Bild, auf dem das, was hier und jetzt nicht rund läuft ist, perfekt ist. Wer so ein Idealbild vor Augen hat, sieht klarer, wo es hakt und was zu tun ist, um das Ideal zu erreichen. Wenn die Bibel also das Paradies ausmalt, hat sie sehr genau im Blick, was in Stadt und Land schiefläuft. Und sie zeigt auf, wie man gegensteuern und vielleicht etwas verändern könnte:

Der Prophet Jeremia ruft das Volk Israel einmal ausdrücklich auf: „Suchet der Stadt Bestes.“ Das Volk Israel musste damals das geliebte Jerusalem verlassen und in die Stadt Babylon gehen. Diese ist multikulturell durchmischt, die soziale Schere klafft auseinander, Menschen leben anonym und viele denken nur an sich. Mit dem Ideal des himmlischen Jerusalems im Hinterkopf ruft Jeremia das Volk Israel auf, sich zu integrieren, anzupacken, Verantwortung zu übernehmen und für die Menschen zu beten. Denn Gott will ihr Bestes! (vgl. Jer 29,7)

Das Lukas-Evangelium erzählt von Pharisäern, die sich auf öffentlichen Plätzen und in der Synagoge präsentieren. Sehen und gesehen werden ist ihnen wichtig. Auf Festen beanspruchen sie Ehrenplätze. Einige von ihnen sind offenbar im Immobiliengeschäft tätig und bringen Witwen um ihre Häuser. Die Bibel verurteilt das. Sich wichtig zu machen, den eigenen Vorteil zu suchen, ist nicht in Ordnung. Sie stellt den Pharisäern eine Witwe gegenüber: sie ist nicht reich, gibt aber für die Armen so viel ihr möglich ist. So funktioniert Miteinander! Wenn die eine auf den anderen achtet und dafür sogar eigene Bedürfnisse zurückstellt. (vgl. Lk 20,45-21,4)

Beispiele lassen sich auch aus dem ländlichen Raum finden: vielleicht denkt der Prophet Amos an den „Garten in Eden“, die „grünen Auen“ oder an den „Ruheplatz am Wasser“, wenn er durch Israel zieht und anprangert, dass Leute ausgebeutet und versklavt werden. Es sei ungerecht, dass sie für einen Hungerlohn schuften müssen, damit andere im Überfluss leben können. Was der Boden hervorbringt, ist doch für alle da!
Selbst der Boden an sich ist ein Thema der Bibel: das Buch Levitikus sieht ein Sabbatjahr für die Felder vor. Im siebten Jahr sollen sie nicht bebaut werden. Schließlich muss sich auch die Natur immer wieder erholen können. (vgl. Lev 25)

Heute beginnt die ARD-Themenwoche „Stadt.Land.Wandel.“ und die Bibel hat einiges dazu zu sagen: sie beschreibt das Paradies als das Beste aus dem Stadt- und Landleben. Das klingt erst mal groß und weit weg. Aber diese Ideale haben eine enorme Kraft:
Mit ihnen im Hinterkopf motiviert Jeremia Menschen, aufeinander zuzugehen, sich aufeinander einzulassen und so das Miteinander zu verbessern. Die Witwe bringt ein, was sie nur kann – und bewirkt damit etwas. Amos macht den Mund auf und protestiert gegen Unrecht. Und Levitikus schützt die Umwelt, die so zerbrechlich ist.
Wenn ich mich also auf diese Ideale der Bibel einlasse, entdecke ich so manches, was ich tun und verändern kann, um das Paradies runterzubrechen und näher ins Hier und Jetzt zu holen. Eben so, wie es jene Leute aus der Bibel getan haben – in der Stadt und auf dem Land.

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25JUL2021
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Ich bin oft skeptisch, was Wunder betrifft. Wenn Jesus zum Beispiel mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende Menschen satt macht, dann kann ich das kaum glauben. Und doch lese ich diese Geschichte immer wieder gerne. Ich denke nämlich, es geht hier gar nicht in erster Linie um das Wunder. Diese Geschichte hat etwas mit mir zu tun:

Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs. Er tut viel Gutes und die Menschen laufen ihm nach, um zu sehen, was er als Nächstes vorhat. Tausende kommen zusammen und die Jünger werden nervös. Philippus denkt ans Abendessen und fragt: „Wo sollen wir für so viele Menschen Brot besorgen? Selbst wenn der Bäcker um die Ecke wäre – das Jahresgehalt eines Tagelöhners reicht nicht aus, um so viel zu kaufen!“ Auch Andreas hat eine Idee, rudert aber gleich wieder zurück: „Dieser Junge hier hat fünf Brote und zwei Fische. Aber was sollen wir mit so wenig anfangen?“

Philippus oder Andreas – das könnte ich sein. Ich gehöre zu denen, die gerne vorausplanen, wenig spontan sind und Dinge gerne in der Hand behalten. Die beiden Jünger sehen die vielen Menschen und damit ein Problem auf sie zukommen. Sie wollen es lösen, kommen aber nicht weiter. Wer schon mal ein größeres Fest geplant hat, weiß, was es heißt, für viele Leute zu sorgen. Aber wie ist das erst mit einer so großen Menge? Da kommt man schon mal in Panik.

Ich kenne das auch: manchmal ist mein Tag nicht lang genug, um alles zu erledigen. Wie soll ich das nur hinbekommen? Manchmal muss ich auch spontan sein, etwas umorganisieren oder entscheiden, was ich nicht wirklich durchdacht habe. Das überfordert mich dann. Auch Themen, mit denen ich mich beruflich beschäftige, bringen mich an Grenzen: in fünf Jahren sieht die Kirchenlandschaft im Erzbistum Freiburg anders aus: aus gut 220 Kirchengemeinden werden knapp 40 Pfarreien. Wie soll das gehen? Das kann ich mir nicht vorstellen. In meiner Pfarrgemeinde gab es früher einen Pfarrer und eine Mitarbeiterin, viele Gottesdienste, Feste und ein lebendiges Pfarrleben. Das stelle ich mir vor und lege auf den Tisch, was davon noch da ist; wie Andreas die paar Brote und Fische. Der kleine Philippus in mir prüft die Finanzen, sieht, dass auch die Mitarbeitenden weniger werden, und zweifelt: „Selbst wenn wir mehr Geld hätten und mehr Engagierte: Es reichte nicht aus, um weiterzumachen wie bisher. Was sollen wir tun?“

An der Stelle folgt bei Jesus das Wunder. Er nimmt, was da ist, segnet die Brote und Fische und verteilt sie. Und alle werden satt. Es wäre schön, wenn es immer so einfach wäre. Aber das ist es nicht. Und doch hilft mir die Erzählung weiter. In einigen Nebensätzen habe ich nämlich ein paar wunderbare Details entdeckt ...

 

Wundervolles im Nebensatz

Jesus macht mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende Menschen satt. In meinen Gedanken zum Sonntag habe ich eben gesagt, dass es für mich in dieser Geschichte aber weniger um das Wunder geht. Ich habe darin einige Tipps für mich und mein Leben entdeckt. Das Wunderbare steckt im Detail.

Als die Jünger ihre Vorschläge machen, wie sie die Leute versorgen könnten, reagiert Jesus anders als gedacht. Er geht zunächst nicht auf ihre Vorschläge ein. Stattdessen sagt er: „Lasst die Leute sich setzen.“ Und weiter heißt es zur Erklärung: „Es gab dort nämlich viel Gras.“

Ich finde das genial: Jesus nimmt erst einmal Dampf raus. Dabei sagt er etwas ganz Entscheidendes: „Ändert eure Haltung.“

Das ist tatsächlich sinnvoll. Manches Problem kann ich nicht lösen, weil ich mir selbst im Weg stehe. Dann hilft es, meine Haltung zu hinterfragen. Jesus lässt die Leute sich hinsetzen und ich stelle mir bildlich vor, was das für mich heißt: Ich muss nicht immer gleich über meinen Schatten springen, der sich da am Boden abzeichnet. Aber ich sollte mich zumindest mal draufsetzen. Dann wird der Schatten nämlich kleiner und die dunklen Flecken um mich herum weniger. Dann komme ich weiter, kreise nicht länger um mich, sondern sehe wieder das saftige Grün, das mich umgibt. Ich habe neulich mit einer Dame gesprochen, die sich mit dem Älterwerden schwertut. Sie geht kaum noch raus, weil es so anstrengend ist. Ein Rollator wäre die Lösung – aber sie meint: „Den benutzen ja nur die alten Leute“. Die eigene Haltung zu ändern, ist nicht leicht. Aber es könnte sich lohnen.

Jesus greift dann nach dem, was ein kleiner, unscheinbarer Junge dabeihat. Er vertraut darauf, dass das ausreicht. Das motiviert andere. Vermutlich haben sie das gesehen und in ihrem Rucksack nachgeschaut, ob sie nicht auch etwas zum Essen beitragen können. Auch das kann ich gut nachvollziehen:

Wenn mein Tag mal wieder nicht lang genug ist und ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, nehme ich mir oft eine ganz kleine Aufgabe vor. Unscheinbar im Vergleich zu den anderen. Aber die kann ich leicht erledigen. Das motiviert mich dann und lässt mich die anderen Dinge anpacken.

Auch bei großen Dingen wie den Flutkatastrophen letzte Woche ist der erste Schritt aus dem Elend ein kleiner: irgendeiner hat mit einer kleinen Spende angefangen zu helfen. Andere haben mitgemacht. Dadurch ist viel Gutes geschehen. Natürlich bleibt das Ganze schrecklich und dunkel, aber es bekommt zumindest einige helle Flecken.

Mit dieser Haltung versuche ich auch nach vorne zu schauen, wenn sich meine Kirche in den nächsten Jahren verändert und die Gemeinden bald anders aussehen als ich sie kenne. Es werden Personen oder Gruppen da sein, derzeit vielleicht noch ganz unscheinbar, die kleine Akzente setzen, um ihre Kirche lebendig zu halten. So könnte es gelingen. Denn Gott kann aus kleinen und unscheinbaren Dingen etwas Passendes machen.

Am Ende der Wundererzählung von Jesus bleiben zwölf Körbe übrig. Die Jünger sammeln die Reste ein. Ich glaube, auch das ist ein wichtiges Detail! Wenn ich Wunderbares erlebt habe, sollte ich es mir im Herzen bewahren. Denn davon kann ich noch eine ganze Weile zehren.

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09MAI2021
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Als Gott die Mutter schuf, musste er vermutlich ganz schön Überstunden machen. Eine Geschichte erzählt, wie ein Engel Gott dabei zuschaut und beeindruckt ist. Gott will die Mutter-Figur perfekt machen: pflegeleicht und umgänglich soll sie sein, Nerven wie Drahtseile haben und einen Schoß, auf dem Kinder sitzen können. Zugleich aber muss sie beweglich sein und auf ein Kinderstühlchen passen – ohne Rückenschmerzen zu bekommen. Ihr Rücken aber sollte so breit sein, dass sich darauf alles Mögliche abladen lässt.

Der Engel ist skeptisch, denn Gott hat noch mehr vor: Die Mutter soll sich auch noch selbst heilen können, wenn sie krank ist, zäh und weich zugleich sein, denken und urteilen, überzeugen und Kompromisse schließen können, Gefühle haben, aber doch nicht so verletzbar sein, dass sie Kränkungen nicht auch vergessen könnte.

Dann sieht der Engel den Prototypen und ist fasziniert: die Mutter-Figur hat alles, was sie braucht. Allerdings findet der Engel einen Fehler: „Gott, da ist ein Leck.“ Doch selbst das ist durchdacht: „Das ist eine Träne“, antwortet Gott. „Sie fließt, wenn die Mutter erfreut oder traurig, enttäuscht oder von Schmerz erfüllt ist. Tränen sind das Überlaufventil!“

Ich finde diese Geschichte großartig. Sie zeigt, was viele Frauen leisten. Ich bin mir bewusst, dass vieles davon heute auch für Männer gilt. Und ich weiß auch, dass man Müttern ruhig auch das ganze Jahr über danken darf. Aber ich möchte diese Geschichte doch zum Anlass nehmen, um heute am Muttertag alle Frauen ausdrücklich zu würdigen, die in irgendeiner Weise mütterlich für die Familie, Kinder und Partner da sind oder die liebevoll für Menschen sorgen, die Hilfe brauchen. Auch wenn ihnen das oft einiges abverlangt.

Der Dichter Franz Grillparzer sagt: „Weil Gott nicht überall sein konnte, schuf er die Mütter.“ Das klingt vielleicht etwas übertrieben, und doch ist die Idee interessant. Auch die Geschichte vom Beginn zielt in diese Richtung. Als der Engel nämlich die fertige Mutter sieht, ist er überwältigt: „Da steckt so viel Liebe drin; sie ist perfekt!“ Und Gott antwortet ihm: „Das stimmt. Darum ist mir eine gute Mutter auch so ähnlich.“

Mütterliche Frauen sind Gott ähnlich. In vielem, was sie selbstlos tun, spiegeln sie Gott: wenn sie zuerst an andere denken statt an sich selbst. Wenn sie Geborgenheit und Nähe schenken, Menschen ermutigen, über sich hinauszuwachsen oder wenn sie Fehler zulassen und verzeihen.

Diesen Gedanken finde ich spannend. Gerade, wenn ich ihn umkehre: Wenn Menschen mit mütterlichen Eigenschaften Gott ähnlich sind, dann hat Gott eine weibliche Seite …

Weibliche Eigenschaften von Gott

Gott hat weibliche Züge. Darauf haben mich eben meine Gedanken zum Muttertag gebracht. Jesus spricht Gott mit „Abba“ an. Das bedeutet „Papa“. Nicht zuletzt deshalb hat sich nach und nach das männliche Gottesbild durchgesetzt. Gleichzeitig hat dieser Gott, den Jesus verkündet, Eigenschaften, die man eher Müttern zuschreibt: Gott ist gütig und liebevoll, er ist bedingungslos für seine Kinder da, nimmt Menschen vorbehaltlos an und verzeiht ihnen, wenn sie Fehler machen.

Die Bibel spricht oft von „Barmherzigkeit“, wenn sie sagen will, dass Gott die Menschen liebt und sich ihnen zuwendet. Das hebräische Wort, das sie dafür verwendet, meint neben „Barmherzigkeit“ auch „Mutterschoß“. In Barmherzigkeit schwingt also die mütterliche Seite Gottes mit und das, was Kinder im Mutterleib entwickeln: die Nähe zu ihrer Mutter und dieses unerschütterliche Gefühl, dass ihnen nichts passieren kann – das Urvertrauen.

Für mich heißt das, dass ich mich voll und ganz auf Gott verlassen kann. In seinen Schoß darf ich mich fallen lassen. Zum Beispiel wenn ich traurig bin. Der Prophet Jesaja sagt: „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch.“ (Jes 66,13) Wer sich einmal im Schoß seiner Mutter ausgeweint hat, weiß, wie befreiend das ist. So ist es mit Gott: wenn ich mich an ihn wende, mich in seinen Schoß fallen lasse und ihm anvertraue, was mich bedrückt, dann befreit und tröstet er mich. Mir geht das im Gebet so. Wenn mal etwas schief geht, ich nicht weiß, wie es weitergehen soll oder ob ich einer Aufgabe gewachsen bin, dann kann ich das Gott sagen. Ich kann gar nicht so recht beschreiben, was dann passiert. Gott macht eigentlich gar nichts. Aber es fühlt sich so an, als ob er mir ganz aufmerksam zuhört. Er ist einfach da und das baut mich auf.

Der Prophet Hosea beschreibt Gottes mütterliche Seite noch anschaulicher. Er spricht über die Liebe Gottes zu seinem Volk. Im hebräischen Text steht: „Ich war für es wie solche, die einen Säugling an ihren Busen heben.“ „Ich habe es gestillt“. (vgl. Hosea 11,3-4) Stillen ist sehr intim. Näher können sich Menschen kaum kommen. Beim Stillen gibt die Mutter etwas von sich – sich selbst, um für das Kind da zu sein. Und der Text geht noch weiter; es heißt da: „Ich kann meinen glühenden Zorn nicht vollstrecken … denn Gott bin ich und kein Mann.“ „Mann“ mag hier im Denken des Alten Orient für zornig, rachsüchtig und hart stehen. Wenn Männer so wären, dann hebt sich Gott hier bewusst ab, distanziert sich davon und zieht die weibliche Seite vor.

Gott hat weibliche Züge. Ich finde es schade, dass das so wenig beachtet wird. Gerade weil die mütterlichen Facetten Gottes in der Bibel so kraftvoll und ausdrucksstark beschrieben werden! Heute ist Muttertag und besondere Aufmerksamkeit gilt all den Frauen, die mütterlich und fürsorglich sind. Warum sollte ich heute nicht auch Gott danken, die mich schon im Mutterleib kannte und in deren Schoß ich mich immer wieder fallen lassen darf? Gott, die mit mir fühlt und die sich mir zuwendet – ganz wie eine liebende Mutter.

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21FEB2021
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Wenn es um die Wurst geht, verstehen Christen keinen Spaß. Jedenfalls war das vor 500 Jahren so. Genau wie heute war damals der erste Sonntag in der Fastenzeit. Die Christen in Zürich durften vor Aschermittwoch noch ein letztes Mal in den Wursttopf greifen; dann war Schluss. Bis Ostern sollten sie auf Wurst und dergleichen verzichten; so wollte es die Kirche. Huldrych Zwingli war damit nicht einverstanden. Die Vorgaben der Kirche seien willkürlich. Besser sei es, Jesus nachzueifern und in die Bibel zu schauen. Also provozierte er mit einem legendären Wurstessen am ersten Fastensonntag. Tatsächlich kam es zum Eklat! In der Folge wurde diskutiert, geklärt und weiter provoziert. Der Konflikt mit der Kirche ging tief und weit über die Wurstfrage hinaus. Am Ende ist die reformierte Kirche der Schweiz entstanden.

Was Zwingli damals zurechtgerückt hat, ist heute selbstverständlich: Fasten hat nichts damit zu tun, auf Dinge zu verzichten, die irgendeine Autorität für sinnvoll hält; ebensowenig wie es darum geht, möglichst viele Pfunde zu verlieren. Wie Zwingli empfohlen hat, lohnt sich ein Blick in die Bibel, um herauszufinden, was es mit dem Fasten auf sich hat:

Der Prophet Daniel verzichtet drei Wochen lang auf leckere Speisen, Fleisch und Wein (vgl. Dan 10,3). Das hilft ihm dabei, auf Gott zu hören. Die Jünger Jesu fasten und beten (vgl. Apg 13,3), bevor sie zwei Männer auswählen, die der Welt dann von Gott erzählen. Auch Jesus zieht sich 40 Tage lang zurück, fastet und betet. Erst dann tritt er öffentlich auf (vgl. Lk 4,2).

Fasten hat also damit zu tun, den Kopf frei zu machen. Daniel, die Jünger und Jesus stellen hinten an, was sonst Aufmerksamkeit und Kraft kostet: die Frage zum Beispiel, was es heute zu essen gibt, wer das besorgt und zubereitet. Sie ziehen sich sogar von Menschen zurück, für die sie sonst ansprechbar sind. Dadurch können sie besser auf das achten, was sich in ihnen abspielt, und sich auf das einstellen, was auf sie zukommt. Sie können Entscheidungen besser treffen, weil sie sich die Zeit nehmen, diese gut abzuwägen. Mit geschärften Sinnen kehren sie dann in den Alltag zurück – achtsamer für alles, was da gerade los ist.

Wenn ich faste, breche ich den alltäglichen Trott für eine Zeit lang auf, lasse Gewohntes zurück, um Dinge in einem neuen Licht zu sehen. Dazu braucht es nicht viel. Wenn ich zum Beispiel auf Fernsehen verzichte oder Handy-faste, merke ich schnell, wie viel Zeit diese Medien normalerweise beanspruchen. Ich kann mich dann fragen, ob die auch wirklich gut investiert ist. Dazu aber muss ich wissen, was mir persönlich wichtig ist.
Oder zu Zwinglis Wurstfrage: wenn ich mich beim Essen einschränke und mein Magen knurrt, denke ich womöglich an die, die nicht einmal eine Handvoll Reis haben, um zu überleben. Im besten Fall tue ich dann etwas dagegen.
Oder ich fahre weniger Auto. Obwohl ich auch sonst gerne mit dem Rad unterwegs bin, wird mir in solchen Zeiten noch mal ganz anders bewusst, wie schön, aber auch wie zerbrechlich diese Welt ist, in der ich leben darf.

Eingeschliffenes aufbrechen

Wer fastet, verzichtet auf Dinge, die sonst selbstverständlich sind. Das habe ich gerade in meinen Gedanken zum Sonntag erläutert. Das befreit und trägt dazu bei, Dinge anders zu sehen oder manches gar neu zu entdecken.

Was passieren kann, wenn man fastet, habe ich in einer Geschichte entdeckt. Sie handelt von einem Jungen, der in den Park geht, um Gott zu suchen. Er packt Schokoriegel und Cola ein. Im Park angekommen, setzt er sich zu einer älteren Dame auf die Bank. Es dauert nicht lange, dann greift er zu seiner Cola und merkt dabei, dass die Dame hungrig aussieht. Also bietet er ihr einen Schokoriegel an. Sie greift zu und lächelt. Der Junge ist glücklich und weil er das Lächeln noch einmal sehen will, bietet er ihr zu trinken an. Wieder lächelt sie. So geht es den ganzen Tag: die beiden schweigen, trinken Cola, essen Schokoriegel und lächeln sich an. Gegen Abend umarmt der Junge die Frau und beide gehen nach Hause.

Zuhause angekommen werden die beiden jeweils gefragt, warum sie so glücklich sind. Der Junge antwortet prompt: „Ich hab heut mit Gott im Park Cola getrunken. Und weißt du was? Sie hat das schönste Lächeln, das ich je gesehen habe.“ Die Dame antwortet ähnlich: „Ich habe mit Gott Schokoriegel gegessen. Er ist viel jünger als ich erwartet hätte.“

Der Junge nimmt leichtes Gepäck mit auf seinen Ausflug. Kein üppiges Vesper; nur einen Snack. Er hat keinen Fußball, kein Handy oder sonst was dabei. Nur Zeit. Und die erlaubt ihm, sich zu der Dame zu setzen. Das hätte er sonst vermutlich nicht gemacht. Weil er Zeit hat, kann er ganz im Augenblick sein. So bemerkt er, wie es ihr geht. Die Dame ist hungrig. Er bietet ihr etwas an und wird belohnt – mit einem Lächeln. Nichts Großes. Aber etwas, das ihn berührt. Solche Lächel-Momente sind selten, aber ich habe sie auch schon erlebt: Es sind ehrlich gemeinte Gesten, die von Herzen kommen. Momente, in denen ich spüre, dass ich wichtig bin und ernstgenommen werde. Dass da jemand ist, der sich für mich interessiert und für den ich wertvoll bin. In solchen Momenten kann ich etwas von diesem Gott spüren, den ich sonst nicht immer sehe. Ich fühle ihn dann. Ich bekomme eine Ahnung, wie er sein könnte. Der Junge entdeckt im Lächeln der Frau die mütterliche Seite von Gott, die ihm etwas zutraut, die da ist und ansprechbar, wenn man sie braucht. Und die Dame entdeckt umgekehrt in ihm dieses junge, dynamische, vielleicht verspielte, aber auch mitfühlende Wesen, das Gott auch haben mag.

Das ist für mich Fastenzeit! Wenn ich mich frei mache von Dingen, die mich in Beschlag nehmen und mir den Blick verstellen; wenn ich begrabe, was mich starr und festgelegt sein lässt. Denn dadurch kann ich kritisch anschauen, was ich tue; mir Zeit nehmen für andere. Ich kann mich neu orientieren, eingeschliffene Denkmuster durchbrechen und dann vielleicht mein persönliches Ostern feiern: dass ich auferstehe aus dem, was mich gefangen hält; dass ich Dinge anders sehe und neu entdecke – mich selbst, andere und auch Gott.

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29NOV2020
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Gegenwärtig – gestern, heute und morgen

Vor mir steht ein Adventskranz. Nachher werden wir mit den Kindern die erste Kerze anzünden und dabei singen: „Wir sagen euch an den lieben Advent.“ Das Lied gefällt mir. Es ist einprägsam und bringt auf den Punkt, worum es im Advent geht. Im Refrain heißt es: „Freut euch, ihr Christen, freuet euch sehr! Schon ist nahe der Herr.“ Was für eine Aussage! Der Herr ist nahe. Das ist für mich tatsächlich ein Grund zur Freude.

Als Kind habe ich das direkt auf Weihnachten bezogen. Nicht mehr lange, dann ist die Krippe aufgebaut. Das Christ-Kind kommt zu mir nach Hause – und bringt Geschenke mit. Also: Freu dich, Thomas, freue dich sehr.

Später habe ich gelernt, dass es um mehr geht: Eines Tages oder wie das die Bibel sagt: am Ende der Zeit kommt der Herr wieder. Er ist nahe und ich kann jederzeit mit ihm rechnen. Darauf kann ich mich innerlich vorbereiten und mich zu Lebzeiten entsprechend verhalten. Im Lied heißt es: „Machet dem Herrn den Weg bereit“ und: „Nehmet euch eins um das andere an“.

Mittlerweile ist mir noch eine Facette aufgefallen, die mir fast noch wichtiger ist:
Der Herr istbereits nahe.
Gott hat Mose einmal seinen Namen genannt: „Jahwe“. Das ist hebräisch und heißt: „ich war da“, „ich bin da“ und „ich werde da sein“. Gott ist also präsent und den Menschen nahe – gestern, heute und morgen.

Was das bedeuten könnte, habe ich durch die Künstlerin Marina Abramovic entdeckt. Sie macht oft extreme Sachen. 2010 hat sie sich im Museum of Modern Art in New York auf einen Stuhl gesetzt. 90 Tage lang; über sieben Stunden am Tag. Sie ist einfach dagesessen. Ihr gegenüber konnte jeder Platz nehmen, der das wollte. Alle waren eingeladen, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Nur durch Blicke; ohne etwas zu sagen. Die Aktion hieß: „The Artist is present.“ Das heißt auf Deutsch: „Die Künstlerin ist präsent.“ Und die Aktion war erfolgreich: Tausende Besucher sind gekommen. Abramovic war selbst überrascht, vor allem davon, wie berührt viele waren. Einige haben sogar geweint.[1]

Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand so ganz präsent und beim anderen ist. Blicke treffen sich oft flüchtig: Ich erlebe das immer wieder. Manchmal begrüßt mich jemand, schaut mich aber gar nicht an. Oder ich spreche mit jemandem und der schielt immer wieder auf die Uhr. Wenn ich das merke, kränkt mich das, denn ich fühle mich nicht ernstgenommen. Anders war das für die Menschen im New Yorker Museum: Marina Abramovic war präsent; nur da für ihr Gegenüber. Und das hat die Menschen tief berührt.

Wenn das bei ihr schon so intensiv war: Wie grandios ist dann die Vorstellung, dass Gott da ist, ganz nahe bei mir; aufmerksam für jeden Einzelnen. Und das nicht nur ein paar Stunden lang. Sondern immer: gestern, heute und morgen.

 

Gott ist präsent

Gott ist präsent und den Menschen nahe. Darum ging es mir eben in meinen Gedanken zum 1. Advent. Ich habe von der Künstlerin Marina Abramovic erzählt: Sie hat Leute eingeladen, sich ihr gegenüber hinzusetzen. Sie hat sie nicht berührt und nicht mit ihnen gesprochen. Sie war nur da, ganz präsent und hat sie aufmerksam angeschaut. Das hat die Menschen bewegt. Erstaunliches ist passiert: Wer skeptisch war, ist ängstlich geworden, traurig oder glücklich. Manche haben geweint, Hoffnung oder Mut geschöpft. Kaum einer ist gleichgültig geblieben.

Ich könnte mir vorstellen, dass es so ähnlich war, als Jesus Menschen getroffen hat. Nur noch viel intensiver! Er hat die Leute bewegt. Viele haben ihr Leben verändert, nachdem sie ihm begegnet sind. Er hat ihnen offenbar vermittelt, was Gott versprochen hat: Ich bin dir nahe. „Ich-bin-da“ für dich. Jesus wendet sich Menschen zu. Dabei macht er erst einmal nicht viel: er interessiert sich einfach für sie und lässt sie dabei sie selbst sein; so wie sie sind. Sie müssen ihm nichts vormachen. Jesus vermittelt den Leuten, dass er, dass Gott sie annimmt, egal, was in ihnen schlummert oder sie beschäftigt. Er schätzt die Menschen mit all ihren Fehlern. Er schreibt ihnen nichts vor, sondern gibt ihnen einfach die Sicherheit, geborgen, verstanden und geliebt zu sein.

Heute ist Jesus nicht mehr so direkt greifbar wie für die Menschen damals. Ich bin deshalb froh, dass es Zeichen und Rituale gibt, die mir zeigen, dass Gott da ist. Den Adventskranz zum Beispiel, dessen erste Kerze ich heute anzünde. Ihr Licht mag für Jesus stehen; die grünen Zweige symbolisieren Leben, die Kreisform deutet auf Gott hin, der keinen Anfang und kein Ende hat. Wenn ich also die Kerzen bewusst entzünde, führt mir das vor Augen, wie Jesus den Menschen Licht gebracht, ihren Blick geweitet und ihnen neue Wege gezeigt hat – einfach nur, weil er da war und sich Zeit für sie genommen hat.

Aber es passiert noch mehr; fast wie bei den Leuten, die sich zu Marina Abramovic gesetzt haben: Ich spüre, wie warm die Flammen sind, und habe das Gefühl, dass ihr Licht auch für mich leuchtet. Ich rieche das Tannenreisig, das nach Wald und Leben duftet. Und das tut gut. Ich stehe oft unter Strom und muss funktionieren. In so kleinen, fast magischen Momenten fällt das manchmal einfach von mir ab. Ich fühle mich dann frei und irgendwie geborgen. Ich muss mich nicht verstellen oder irgendwelche Rollen spielen. Ich darf einfach da sein. So wie ich bin – vor Gott, für den ich wertvoll bin, unabhängig davon, was ich arbeite oder leiste.

Gott ist da. Für mich und für jede Einzelne. Marina Abramovic hat Leute eingeladen, sich ihr gegenüber hinzusetzen. So ist es auch mit Gott: Er lässt mir die Freiheit, mich ihm zuzuwenden. Er zwingt mich nicht dazu. Aber wenn ich es tue, dann ist er präsent und schenkt mir seine volle Aufmerksamkeit. Ich darf bei ihm verweilen, mich geborgen fühlen in seinem Licht und mich wärmen lassen von seinem Feuer. Wenn es im Adventslied also heißt: „Schon ist nahe der Herr“, dann stimme ich gerne mit ein:
„Freut euch, ihr Christen. Freuet euch sehr!“

 

[1]Vgl. u.a. https://www.spiegel.de/kultur/kino/dokumentation-marina-abramovic-the-artist-is-present-a-869812.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32146
20SEP2020
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Wie ich Menschen wahrnehme – andere und mich selber

Es gibt Tiere, die sehen einfach albern aus. Jedenfalls wenn man sie genauer betrachtet. Pinguine zum Beispiel. Der Komiker Eckart von Hirschhausen erzählt in einem seiner Bühnenprogramme, wie er einmal einen Pinguin beobachtet hat. Er sagt: „Was für ein armes Würstchen. Der hat zu kleine Flügel, einen kleinen Bauch und dafür keine Knie. Was hat sich der Schöpfer bei dem gedacht?“[1]Hirschhausen ist auch Arzt und achtet genau auf den Körperbau. Für ihn ist dieser Pinguin anatomisch gesehen eine Fehlkonstruktion. Dann aber sieht er ihn schwimmen und staunt: Der Pinguin fliegt geradezu durchs Wasser, wendig und effizient, energiesparender als alles, was Menschen bisher erfunden haben.

Hirschhausen erzählt diese Situation zwar mit sehr viel Witz. Aber für ihn stecken zwei ernste Dinge dahinter:

Zum einen merkt er, dass er Leute oft zu schnell beurteilt, obwohl er das eigentlich gar nicht möchte. Das kenne ich auch. Wie schnell steckt man jemanden in eine Schublade? Das ist oft gar nicht böse gemeint. Aber große, durchtrainierte schlanke Körper zum Beispiel verbinde ich mit anderen Dingen als kleine rundliche. Die einen sind zielstrebig und leistungsstark; die anderen eher gemütlich. Oder die Sprache: wer stottert und Dialekt spricht, wer blumig erzählt und nicht gleich auf den Punkt kommt, dem traut man oft weniger zu als denjenigen, die das nicht tun. Das täuscht aber! Auch die Durchtrainierten können gemütlich sein und die Molligen zielstrebig. Und man muss kein brillanter Redner sein, um Erfolg zu haben! Solche Bilder bekommt ich oft vermittelt – durch die Werbung oder die Medien. Aber es lohnt sich, sie kritisch zu hinterfragen. Denn oft stimmen sie gar nicht.

Hirschhausen fällt durch den Pinguin noch etwas Zweites auf, das ihm wichtig ist: jeder hat seine Stärken. Und in der richtigen Umgebung machen sie ihn einzigartig. Hirschhausen sagt, es sei fatal, sich mit anderen zu vergleichen und ihnen nachzueifern. Schließlich gäbe es schon genug „andere“. Viel wichtiger sei es, seine eigenen Stärken zu kennen und dafür zu sorgen, dass man wie der Pinguin im Wasser, in seinem Element ist und die Stärken dort entfalten kann.

Auch das unterschreibe ich gerne. Aber ich finde auch, es ist leichter gesagt als getan! Denn was sind meine Stärken? Mir fällt es oft schwer, sie zu benennen.

Was mir recht schnell einfällt, sind die Dinge, die ich gerne mache: fotografieren zum Beispiel. Ich denke, ich kann das ganz gut. Und wenn ich die Fotos dann bearbeite, Collagen oder Grußkarten gestalte, kommt noch was hinzu: Ich vergesse alles um mich herum. Das klingt doch nach meinem Element: wenn ich so ganz bei mir bin und die Zeit nur so verfliegt. Das ist doch schon mal eine ganz gute Spur.

 

Echte Stärken nützen anderen

Der Komiker Eckart von Hirschhausen hat einmal Pinguine beobachtet und gemerkt: Auch wenn sie an Land unbeholfen wirken, sind sie in ihrem Element Wasser einzigartig geschickt. Er überträgt das auf Menschen und sagt, jeder habe Stärken und müsse dafür sorgen, in seinem Element zu sein. Aber was sind meine Stärken? In meinen Gedanken zum Sonntag habe ich mich das eben gefragt.

Im Internet bin ich auf einen Fragebogen gestoßen, der dabei helfen soll, die eigenen Stärken zu entdecken.[2]Besonders interessant finde ich da die Frage, was mich an anderen stört. Die erschließt sich nämlich erst auf den zweiten Blick: Was mich stört, verrät mir, was mir wichtig ist. Und das wiederum, führt mich zu dem, was ich gut kann. Vor einiger Zeit war ich zum Beispiel echt genervt. Meine Tochter hat ein Sportabzeichen verliehen bekommen und die Mikrofone waren falsch eingestellt. Ich saß im Publikum und habe nichts verstanden! Auch sonst waren die Veranstalter schlecht vorbereitet und hatten sich offenbar kaum abgesprochen. Das heißt aber umgekehrt: sauber zu arbeiten, Dinge gut vorzubereiten und genau zu organisieren, gehört wohl zu meinen Stärken. Und ich glaube, das stimmt. Wenn ich mir die nächste Frage auf dem Fragebogen hernehme und schaue, worin ich bisher Erfolg hatte oder warum mir etwas gelungen ist, bestätigt sich das: ich habe Prüfungen bestanden, weil ich gut vorbereitet war. Kollegen sind mit mir zufrieden, weil ich genau bin und verlässlich; meistens jedenfalls. Und ich habe Menschen auch schon mal ein gutes Wort mitgeben können, weil ich ihnen zugehört habe und auf das reagieren konnte, was sie mir erzählt haben.

Dieser Fragebogen geht noch weiter. Er fragt nach Schulfächern, die ich gerne hatte, nach dem, was mir leichter fällt als anderen, oder wofür ich schon gelobt wurde. Wenn ich mir diese Fragen stelle, habe ich am Ende einige Stärken zusammen, die mich auszeichnen. Die kann ich dann sortieren und lerne so die Elemente kennen, in denen ich mich besonders wohlfühle.

Eckart von Hirschhausen hat entdeckt, dass er kreativ ist und Leute zum Lachen bringt, dass er gerne formuliert und mit Sprache spielt. Dinge, so sagt er, die als Arzt ungünstig sind, wenn man Arztbriefe oder Rezepte schreibt. Er hat deshalb den Beruf gewechselt und ist auf die Bühne gegangen. Er glaubt, als Komiker mehr von dem geben zu können, was er ist, was er weiß und kann.

Das beeindruckt mich. Nicht nur, dass er den Beruf gewechselt hat. Vor allem den Grund, den er nennt: die anderen. Hirschhausen sagt, er könne Leuten jetzt besser helfen als früher und sich selber und anderen mehr Spaß bereiten. Für mich ist das ein wichtiges Kriterium, wenn ich meine eigenen Stärken sortiere: ich denke, eine Stärke ist noch wertvoller, wenn sie nicht nur mir, sondern auch anderen nützt.

Nicht jeder, der seine Stärken erforscht, muss gleich den Beruf wechseln. Wer sie aber kennt, kann dafür sorgen, dass er in seinem Element ist. Das macht nämlich Spaß und tut einfach gut!
Also dann, sagt Hirschhausen: Mach es wie der Pinguin auf dem Felsen. Such dein Wasser. Geh in kleinen Schritten darauf zu und spring. Spring und schwimm.

 

[1]Vgl. Eckart von Hirschhausen: Mach es wie der Pinguin! Finde dein Element Eckart von Hirschhausen (Glück kommt selten ein). Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=tOxywMaE8GY.

[2]Vgl. Katharina Tempel. Zehn Fragen, um deine Stärken zu entdecken. Quelle: https://goo.gl/PnXVc6.

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07JUN2020
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Ein Freund von mir ist Pfarrer und oft in Dienstkleidung unterwegs – also mit Priesterkragen. Er wird dann als Geistlicher erkannt und angesprochen. Ein Verkäufer in einer Dönerbude zum Beispiel hat das getan und gleich das schwierigste Thema angerissen: „Wie ist das eigentlich bei euch Katholiken mit der Dreifaltigkeit?“ Für ihn als Muslim ist klar. Gott ist einer. Da ist kein Platz für einen zweiten oder dritten Gott. Wie können Christen an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist glauben? Aber nicht nur Muslime fragen das. Auch Christen selber tun sich oft schwer damit: Die Dreifaltigkeit Gottes zu erklären, beschäftigt sie schon seit es das Christentum gibt.

Der Apostel Paulus war der erste, der Gott sozusagen „aufgedröselt“ hat. Er segnet die Gemeinde in Korinth im Namen des dreifaltigen Gottes (2 Kor 13,13). Das hat Kreise gezogen. 300 Jahre und viele Beratungen später, haben Theologen dann ein Glaubensbekenntnis geschrieben, das die Christen bis heute beten. Im 4. Jahrhundert haben sie festgelegt: Gott ist einer. Er hat ein einziges Wesen, kommt aber in drei Personen vor. Alle drei sind eins, stehen gleichwertig nebeneinander und doch unterscheiden sie sich.

Mir hilft das ehrlich gesagt nicht viel weiter. Und ich glaube, den Theologen damals ging es ähnlich. Sie haben sich viele schlaue Gedanken gemacht, um dem Geheimnis Gottes auf die Spur zu kommen. Aber am Ende haben sie doch Bilder gebraucht, um zu erklären, was sie meinen. Der Kirchenvater Tertullian zum Beispiel hat den dreifaltigen Gott mit einem Baum verglichen, der drei Teile hat: Wurzeln, Stamm und Zweige. Der heilige Patrick hat ein Kleeblatt als Bild benutzt: es ist eins, hat aber drei Blätter.

Ich mag Bilder. Sie sind offen und lassen Spielraum. Ich erahne, wer oder was dieser Gott ist. Nur leider ist keines dieser Bilder perfekt. Ein Kleeblatt hat drei Blättchen. Nur sehen die im Grunde gleich aus. Gott Vater, Sohn und Geist unterscheiden sich aber.

Mir persönlich gefällt deshalb ein anderes Bild ganz gut: Wasser. Wasser kann verschiedene Formen haben:
Gefroren ist es fest und tragfähig – so wie Gott für mich der Grund ist, der mich trägt. Eis ist zwar rutschig, aber das passt schon: ich glaube nämlich, dass Gott dafür sorgt, dass alles „flutscht“ und dass die Welt sich dreht.
Wasser kann auch flüssig sein und Menschen erfrischen – so wie Jesus Menschen lebendig gemacht, sie gestärkt und ermutigt hat.
Und schließlich kommt Wasser auch als Dampf vor. Dampf treibt an – Turbinen zum Beispiel. Gottes Geist hat Kraft, gibt Energie und bewegt Menschen. Auch das passt für mich ganz gut ins Bild.

Die Dreifaltigkeit entfalten

Die Christen haben einen einzigen Gott. Und doch verehren sie Vater, Sohn und Geist. In meinen Gedanken zum Dreifaltigkeitssonntag habe ich eben gesagt, dass das echt schwer zu verstehen ist. Für mich sind die drei Personen so etwas wie drei Seiten von Gott, die für sich stehen, aber doch zusammengehören. Wie bei einem Taschentuch: Wenn ich es öffne, wird es Lage für Lage größer. So ist es auch mit Gott: Wenn ich die Dreifaltigkeit ent-falte, entdecke ich ihre verschiedenen Seiten.

Da ist zum einen Gott-Vater. Aus der Sicht eines Kindes kann ein Vater alles, er weiß alles und ist für seine Kinder da. Genau das erleben die Israeliten zur Zeit der Bibel. Sie staunen darüber, dass es die Welt gibt und dass sie so schön und wohlgeordnet ist. Darüber schreiben sie sogar ein Lied: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Sie erklären damit nicht, wie die Welt entstanden ist. Sie drücken nur aus, worüber auch ich staune: Irgendwann muss aus Nichts etwas geworden sein – ein allererstes Sandkorn zum Beispiel. Aber wie? Das ist für mich nur erklärbar, wenn es einen Schöpfer gibt, eine Art Vater, der das einfach wollte und konnte: Gott. Und die Israeliten erleben diesen Vater-Gott. Er ist einer, der für sie sorgt: er führt sie zum Beispiel ins gelobte Land. Deshalb sprechen sie ihn auch mit „Jahwe“ an. Das heißt: Ich bin da – für euch. Und dieser Gott ist auch für mich da: er weiß, was er mir zumuten und zutrauen kann, mit ihm kann ich mich freuen und bei ihm kann ich traurig sein. Ich kann diesem Vater alles sagen; zu ihm kann ich beten.

Dieser Vater hat dann ein konkretes Gesicht bekommen: in Jesus, seinem Sohn. Jesus macht Gott für mich so richtig greifbar. Zwar verstehe ich nicht genau, wie Gott Mensch geworden ist. Aber das muss ich auch nicht. Ich weiß, dass Jesus eine unglaublich tiefe Beziehung zum Vater gehabt hat – wie wenn zwei Menschen ein Herz und eine Seele sind; nur noch viel stärker. Menschen werden sich ähnlich, wenn sie sich voll und ganz aufeinander einlassen. Bei Jesus und Gott ist das so stark, dass die Bibel sagt: sie sind eins. Wer den Sohn sieht, sieht den Vater. In Jesus kann ich Gott also anfassen. Und der steht Menschen bei, tröstet sie und verurteilt auch die nicht, die Mist gebaut haben. Daran kann ich mir ein Beispiel nehmen, wenn es darum geht, selber was zu tun. Aber Jesus ist für mich noch mehr als ein Vorbild: er macht selber vieles durch und stirbt dann am Kreuz. Aber der Vater schenkt ihm neues Leben. Das verändert alles, denn Jesus sagt: Gott wird auch für mich da sein, wenn ich mal sterbe. Und daran glaube ich.

Der Heilige Geist schließlich ist für mich die Brücke, die Gott und Jesus verbindet. Aber er ist auch für mich heute die Brücke, um an Gott anzudocken. Der Geist Gottes bewegt mich – so wie Jesus damals. Wenn ich mich für Gott öffne, mich auf seinen Geist einlasse, dann tut sich etwas bei mir. Ich muss dann einfach anpacken, wenn jemand meine Hilfe braucht. Ich muss ihm zuhören, wenn er etwas loswerden will. Der Heilige Geist lässt mich für Dinge brennen und er lässt mir keine Ruhe, wenn Dinge nicht im Reinen sind.

Ein Gott in drei Personen. Das ist echt schwer zu verstehen. Aber ich bin froh, dass wir Christen die Dreifaltigkeit haben. Denn sie lässt sich so wunderbar ent-falten! Dadurch kann ich das Wesen Gottes wenigstens einigermaßen greifen und immer wieder neue Seiten an ihm entdecken.

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19JAN2020
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Meine Kinder sind ziemlich kreativ. Vor allem, wenn es darum geht, etwas nicht tun zu müssen. Waschen zum Beispiel. Warum sollten sie die Hände waschen, wenn die eh wieder dreckig werden? Das ist wohl wahr. Und doch ist es sinnvoll. Ich diskutiere dann manchmal mit ihnen. Das kann lästig sein. Aber ich finde es auch spannend, denn ich bin gezwungen, Dinge zu hinterfragen, die für mich selbstverständlich sind.

Vermutlich bin ich genau deshalb neulich an einem Text hängen geblieben. Er heißt: „Zehn Gründe, warum ich mich nicht wasche.“[1] Wer die liest, dem wird schnell klar: in dem Text geht es gar nicht ums Waschen. Es geht um zehn Gründe, warum Menschen nicht zur Kirche gehen.

Es heißt da: „Als Kind wurde ich zum Waschen gezwungen.“ Punkt zwei schaut auf andere: „Die sich ständig waschen, sind doch bloß Heuchler, die meinen, sie seien sauberer als andere.“ In Punkt drei geht es um Seifen: „Es gibt so viele verschiedene. Wie soll ich wissen, welche Seife für mich die richtige ist?“ Der vierte Punkt kreist ums Geld: Die Wasserwerke wollten es doch nur abgreifen. Fünftens besagt, Waschen sei langweilig. Der sechste Grund spielt auf die Atmosphäre an: Im Bad sei es immer so kalt und so steril. Bei Punkt sieben geht es um die Häufigkeit: „Ich wasche mich an Weihnachten und Ostern. Das reicht!“ Und dann heißt es da noch: meine Freunde halten Waschen für unnötig, mir fehlt die Zeit und ich kann mich ja auch im Alter noch waschen.

Zehn Gründe, sich nicht zu waschen oder eben: nicht in die Kirche zu gehen.

Ich bin in der Kirche zuhause, dusche gerne und stelle mich auch gerne solchen Fragen. Daher will ich auf diese Gründe etwas antworten. Das ist nicht leicht, denn sie zielen auf verschiedene Dinge: auf die Kirche als Gebäude, auf die Institution, den Gottesdienst und schließlich auf den ganz persönlichen Glauben. Ich versuche es trotzdem:

Wenn ich morgens dusche, ist das eine kleine Auszeit für mich. Keiner will etwas von mir. Ich habe meine Ruhe, kann alleine sein und abschalten; wenigstens für ein paar Minuten. Ich sortiere mich dann oft für den Tag.
Mit der Kirche erlebe ich das ähnlich: Im Kirchenraum, im Gottesdienst und im Gebet schalte ich ab. Manchmal bleibe ich gedanklich an Figuren, Gemälden oder anderen Dingen hängen. Ein anderes Mal berühren mich die Musik, die Predigt oder das, was die Kinder beitragen. Natürlich kenne auch ich sterile Kirchen und erlebe Gottesdienste, die langweilig sind. Aber eben nicht nur. Was ich immer wieder erlebe und was mich überzeugt, ist das Gegenteil: eine bunte Vielfalt.


… und was ich dagegenhalten kann

Ich habe einen Text entdeckt, der zehn Gründe nennt, warum man sich nicht waschen sollte. Waschen steht dabei für die Kirche. Es geht um zehn Gründe, warum man dort nicht hingeht. Ich gehe gerne zur Kirche und versuche in meinen Sonntagsgedanken, diesen Gründen etwas entgegenzuhalten.

Ein Grund ist, dass jemand als Kind gezwungen wurde. Das war bei mir zum Glück nicht so. Ich erinnere mich nur an Dinge, die ich in der Schule machen musste, obwohl ich es nicht wollte. Aufsätze schreiben zum Beispiel! Meine Lehrer haben das verlangt und ich habe es gehasst. An ein paar Zeilen bin ich ewig gesessen – und meine Mutter dann mit mir an den Hausaufgaben. Aber nach und nach ist es mir leichter gefallen und hat irgendwann sogar Spaß gemacht! Heute schreibe ich richtig gern. Das hätte ich nicht entdeckt, wenn ich nicht hätte schreiben müssen. Ich finde es nicht gut, wenn jemand zu etwas gezwungen wird – schon gar nicht zur Kirche. Aber ich glaube, es braucht manchmal ein wenig Motivation und Leute, die mich an die Hand nehmen. Die mir so Dinge erschließen, die ich alleine nicht ausprobiert hätte; vielleicht weil sie anstrengend sind. Daher tue ich mich auch schwer damit, dass manche Eltern ihr Kind nicht taufen lassen, um ihm nichts vorzuschreiben. Es solle später selber entscheiden, ob es glauben möchte. Aber wie soll das gehen, wenn das Kind weder Kirche noch Glauben kennen gelernt hat? Auf welcher Basis soll es urteilen?

Der Text sagt weiter, die Wasserwerke, also die Kirchen würden einem das Geld aus der Tasche ziehen und aus Heuchlern bestehen. Das mit dem Geld, der Kirchensteuer höre ich oft. Und die Kirche hat ja auch gerade in der letzten Zeit immer wieder bewiesen, dass sie nicht immer gut mit Geld umgehen kann. Aber viele wissen gar nicht, dass von dem Geld auch viel Gutes gemacht wird: Kindergärten, Krankenhäuser und Pflegeheime werden bezuschusst; auch Beratungsstellen, die Jugendarbeit oder Einrichtungen für Bedürftige. Was die Heuchler betrifft – ja, die gibt es. Aber die gibt es überall. Bei der Kirche ist das nur besonders tragisch, weil sie ja immer wieder einfordert, authentisch zu sein. Ich habe in der Kirche aber auch viele Menschen erlebt, die tun, was sie predigen. Leute, die sich zurücknehmen, um für andere da zu sein. Die das Evangelium leben, weil sie dahinterstehen.

Schließlich gibt es da noch die Fragen, warum ich mich überhaupt wasche, also warum ich überhaupt glaube und woher ich weiß, welche Seife die richtige ist. Ich weiß es nicht. Aber ich habe ganz viele große Lebensfragen, die ich gerne beantwortet hätte; zum Beispiel woher ich komme und wohin ich gehe. Auch würde ich gerne wissen, warum ich überhaupt da bin. Warum ich so bin wie ich bin und warum ich in mir oft diese Sehnsucht spüre nach „mehr“ – eine Sehnsucht, die über mich hinausweist und mich vermuten lässt, dass das Leben hier und jetzt nicht alles ist. Und da habe ich festgestellt, dass die Bibel etwas dazu sagen kann. Sie gibt zu denken. Und nicht nur mir. In der Kirche habe ich Leute getroffen, denen es genauso geht. Auch die haben keine fertigen Antworten. Aber sie fragen mit mir zusammen. Und das gefällt mir und bringt mich weiter.

Zehn Gründe, sich nicht zu waschen oder nicht zur Kirche zu gehen. Ich mache es trotzdem – waschen und zur Kirche gehen – auch weiterhin.

 

[1] Vgl. YOUCAT. Deutsch. Firmbuch. Hrsg. Vom YOUCAT-Team Augsburg. Bernhard Meuser. Nils Baer. Augsburg: St. Ulrich Verlag GmbH 2012 87. – ISBN 978-3-86744-217-6.

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20OKT2019
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Ich liebe Filme. Wenn „Harry Potter“ seine Zauberabenteuer erlebt, fiebere ich mit. Und nicht nur ich: Harry Potter begeistert Millionen Menschen. Ähnlich ist das mit Filmen wie „Pretty Woman“ oder „König der Löwen“. All diese Geschichten ziehen Menschen in ihren Bann. Das ist kein Zufall, denn sie folgen einem ganz bestimmten Spannungsbogen, der einfach mitreißend ist: sie sind als „Heldenreise“ aufgebaut.

Heldenreisen beginnen ganz harmlos: Die Hauptfigur lebt ihren Alltag. Doch dann passiert etwas und das Abenteuer geht los: Harry Potter soll die Zauberschule Hogwarts besuchen; Pretty Woman trifft den Mann ihrer Träume. Doch die Heldenfigur zweifelt, zögert und verweigert sich erst einmal; bis eine Art Mentor sie ermutigt, sich auf das Abenteuer einzulassen. Dann muss sie sich bewähren und die Sache spitzt sich zu. Sie stellt sich dem, was sie ängstigt und herausfordert, und wird schließlich belohnt: Pretty Woman bekommt ihren Traummann; Harry Potter besiegt das Böse. Das Schwierigste kommt aber noch: Der Held oder die Heldin muss das, was sie erlebt hat, in den Alltag integrieren. Das ist nicht leicht, denn er hat sich verändert: Harry Potter kehrt nach Hause zurück, weiß aber, dass er eigentlich nach Hog­warts gehört; Pretty Woman lebt ihr neues Leben, hält aber Kontakt zu ihrer Freundin von früher.

Geschichten, die als Heldenreise aufgebaut sind, sind spannend und unterhaltsam. Besonders erfolgreich sind sie aber, weil sie etwas mit mir zu tun haben! Denn was die Helden erleben, kenne ich von mir selber. Auch ich erlebe Abenteuer! Zwar kämpfe ich nicht wie Harry Potter gegen das Böse. Aber ich muss die Abenteuer meines Lebens bestehen und durchlebe dabei oft Ähnliches wie die Helden. Ich kann mich in ihnen wiederfinden mit all dem, was ich so denke, fühle und durchmache.

Harry Potter hat zum Beispiel zwei Freunde an seiner Seite: Hermine und Ron. Als Weggefährten verkörpern sie, was sonst in mir vorgeht. Ron ist eher ängstlich, manchmal etwas bequem und insofern die kritische und vorsichtige Stimme in mir, die mich warnt: „Pass auf!“ „Tu das nicht.“ „Hast du dir das auch gut überlegt?“ „Was werden die anderen sagen?“ Hermine ist gewitzt und mutig und verkörpert die inneren Antreiber: „Mach schon.“ „Trau dich.“ „Nutz den Moment – diese Chance kommt nie wieder.“

Ich hab das neulich im Kleinen erlebt. Mein Sohn hat mich angeschaut und gesagt: „Papa, du bist dick geworden.“ Das hat gesessen. Wie Harry Potter war ich von jetzt auf gleich ins Abenteuer gerufen; nur halt in ein kleines. Sofort war Hermine zur Stelle: „Wenn dein Sohn das schon sagt, dann wird es Zeit: nimm ein bisschen ab. Worauf wartest du?“ Dummerweise war auch der bequeme Ron nicht weit: „Lass dir doch nichts von einem Vierjährigen sagen. Du müsstest auf Süßes verzichten und dich mehr bewegen. Willst du das wirklich, du Held?“

 

In meinen Sonntagsgedanken habe ich eben erzählt, dass viele große Geschichten wie „Harry Potter“ oder „Pretty Woman“ nach einem festen Schema aufgebaut sind: der Heldenreise. Sie sind so erfolgreich, weil ich mich in den Helden wiederfinden kann. Was sie denken und fühlen, erlebe auch ich, wenn ich vor die Abenteuer meines Lebens gestellt werde.

Der Pastoralreferent Christian Schröder macht sich genau das zunutze. Er nimmt Heldenreisen ganz bewusst her, um Jugendliche auf die Firmung vorzubereiten. Die Firmanden entdecken sich in den Helden wieder. Das hilft ihnen, über sich selber nachzudenken und sich besser kennenzulernen. Schröder bezieht dabei auch die Bibel ein. Er erzählt den Jugendlichen, welche Abenteuer Menschen mit Gott erlebt haben und welche Traditionen und Rituale die Kirche kennt, um Leuten dabei zu helfen, die Abenteuer ihres Lebens zu bestehen.

Schröder hat festgestellt, dass Jugendliche oft sehr genau wissen, in welche Abenteuer sie gerufen sind: Sie sind mit der Schule fast fertig, doch wie geht‘s weiter? Die Eltern trennen sich; was jetzt? Manches können sie beeinflussen, anderes nicht. Wenn die Firmanden dann hören, wie die Jünger von Jesus berufen werden und dass sie ihm folgen, weil er sie überzeugt, dann merken sie, dass man manche Dinge einfach tun muss. Einige entdecken sich in Mose wieder, der daran zweifelt, dass er das Volk aus Ägypten führen kann (vgl. Ex 3,11.13; 4,10). Oder sie lernen Samuel kennen, den Gott dreimal ruft, bis der Priester Eli ihm sagt, dass Gott etwas mit ihm vorhat (1 Sam 3,1-21). Die Jugendlichen sehen dann, dass es oft mehrere Anläufe braucht, bis klar ist, wozu jemand berufen ist. Und sie erkennen, wie wichtig Menschen sind, die ihnen dabei helfen, ihren Weg zu finden und zu gehen.

In den Heldenreisen sind das die Mentoren: bei Harry Potter der Lehrer Dumbledore, bei Pretty Woman der Hotelmanager und bei Samuel der Priester Eli. Sie kennen das Leben und haben den Helden etwas voraus. Nur so können sie sie beraten und ihnen helfen. Die Tradition der Kirche hat diese Mentoren auch: die Paten; die gibt’s bei der Taufe und auch später bei der Firmung. Paten sind Leute, die den Jugendlichen zur Seite stehen. Sie sind für sie da, unterstützen sie und sind ansprechbar für alles, was sie im Leben und Glauben beschäftigt. Wenn die Firmlinge das klar haben, suchen sie ihre Firmpaten bewusst und gezielter aus.

Wie die großen Helden haben auch die Jugendlichen manchmal Angst oder scheitern. Auch da hat die Bibel interessante Beispiele: Petrus versucht einmal, übers Wasser zu gehen, doch vor lauter Angst geht er unter. Jesus packt ihn und zieht ihn raus (vgl. Mt 14,22-33). Solche Texte verstehen die Firmlinge gut. Sie überlegen dann, was sie ängstigt. Sie fragen, wer ihnen die Hand reicht und für sie da ist, wenn es drauf ankommt. Und sie stellen fest, dass das, was nicht möglich zu sein scheint, oft möglich wird, wenn man an sich glaubt und nicht alleine ist. Und dadurch stoßen sie manchmal sogar auf die ganz großen Fragen des Lebens und überlegen, worauf sie grundsätzlich vertrauen und an wen oder was sie glauben.

Heldengeschichten spiegeln die Abenteuer meines Lebens. Seit ich das weiß, schaue ich mir Filme wie „Harry Potter“ noch lieber an. Denn ich bin gespannt, ob ich vielleicht noch etwas Neues lerne – über mich und mein Leben.

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30JUN2019
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Die Muttersprachen der Liebe
Freunde von mir leben im Elsass. Er ist Franzose, sie kommt aus Deutschland. Als sich die beiden kennengelernt haben, konnte sie kaum Französisch und er kaum Deutsch. Das hat sich geändert: die beiden haben sich ineinander verliebt und nach und nach die Muttersprache des anderen gelernt. Heute können sich die beiden nicht nur irgendwie verständigen. Sie verstehen sich richtig gut – bis hin zum Heimatdialekt.

Mit der Liebe ist das ähnlich. Der Amerikaner Gary Chapman ist Pastor und Paarberater. Er sagt: Jeder Mensch hat eine „Muttersprache der Liebe“ Jeder liebt und will geliebt werden – auf seine je eigene Weise. Und wie bei der gesprochenen Sprache verstehen sich Menschen erst dann richtig gut, wenn sie bereit sind, sich auf die Liebessprache des anderen einzulassen.

Anerkennung ist so eine Sprache der Liebe. Chapman meint: Wem es leicht fällt, andere zu loben, der freut sich auch, wenn er selbst ein ehrliches Kompliment bekommt. „Du siehst aber gut aus, mein Schatz.“ Oder: „Du hast echt lecker gekocht.“ Es ermutigt und motiviert den Partner, wenn ich ihn immer wieder bestätige oder mich bei ihm bedanke.

Eine andere „Sprache der Liebe“ heißt Zweisamkeit. Wer diese Sprache bevorzugt, freut sich auch über ein Lob. Es bedeutet ihm aber nicht so viel wie die Zeit, die er mit einem verbringen kann. Und zwar ungeteilt und ungestört. Das kann ein Ausflug zu zweit sein, ein romantischer Abend oder ein Gespräch, bei dem ich ganz bewusst das Handy ausschalte.

Auch Geschenke können Liebe ausdrücken. Es heißt: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und das stimmt. Wenn sie von Herzen kommen, zeigen sie mir, dass ich wertgeschätzt bin und gebraucht werde, dass jemand an mich denkt und sich mit mir beschäftigt. Geschenke – ob sie wertvoll sind oder nicht – können Liebe sichtbar machen. Darum streiten Ehepartner auch hin und wieder, wenn einer von beiden den Ehering nicht trägt, der für den anderen so wichtig ist: er steht schließlich für die Liebe, die die beiden verbindet!

Hilfsbereitschaft ist für Chapman eine vierte Sprache der Liebe. Wer anderen leidenschaftlich gerne hilft, freut sich, wenn er selbst geholfen bekommt. Das muss nichts Großes sein! Das Auto auftanken zum Beispiel oder die Garage aufräumen. Das reicht unter Umständen schon als Liebesbeweis.

Wer Zärtlichkeit besonders mag, fühlt sich geliebt, wenn er vom anderen berührt, umarmt und geküsst wird oder wenn er mit ihm schlafen kann. Wem diese „Sprache der Liebe“ liegt, der hält gerne mal Händchen, ist zärtlich und zeigt dem anderem so, dass er ihn liebt.

Jeder Mensch hat also seine Muttersprache der Liebe: Anerkennung oder Zweisamkeit, Geschenke, Hilfsbereitschaft oder Zärtlichkeit. Erst wenn ich mir das klar mache und schaue, welche Sprache ich selber spreche, bekomme ich ein Gefühl dafür, wie das beim anderen so ist.

Die Liebessprache des anderen lernen

Schwierig wird es, wenn ich eine andere Sprache der Liebe spreche als mein Gegenüber. Dann kann ich es noch so gut mit ihm meinen, ihn lieben und ihm das auch zeigen. Er wird es nicht verstehen. Wir reden dann an uns vorbei und kommen uns nicht näher. Ich kann meinen Sohn zum Beispiel immer wieder loben und ihm so zeigen, dass ich ihn liebhabe. Wenn er dafür Körperkontakt braucht, versteht er mich nicht; eine dicke Umarmung wäre dann viel hilfreicher. Meinem Kollegen kann ich regelmäßig etwas schenken; wenn er aber lieber ein „Danke“ hören möchte, also anerkannt werden will, dann bringt das nicht viel. Ebenso wenig versteht mich meine Frau, wenn sie Zeit mit mir verbringen will, ich aber den Rasen mähe und Sachen repariere, um ihr so zu zeigen, dass ich für sie da bin.

Gary Chapman behauptet: Wir kommen uns erst dann wirklich näher, wenn wir unsere Muttersprache der Liebe kennen und bereit sind, die des anderen wie eine Fremdsprache zu lernen. Zu lieben ist daher etwas anderes als verliebt zu sein. Denn ich entscheide mich bewusst dafür, mich auf den anderen einzulassen, mich in ihn reinzudenken und so an unserer Beziehung zu arbeiten. Auch wenn das mühsam ist und Kraft kostet.

Chapman hat das Modell der Liebessprachen für Paare entwickelt und dann auf andere Bereiche des Lebens übertragen. Er hat es zum Beispiel für Kinder, Teenager und Familien durchbuchstabiert, für Singles und Berufstätige. Besonders interessant finde ich, dass er auch Gott einbezieht. Chapman ist auch Pastor und er meint, dass die Art zu lieben beeinflusst, wie ich Gott höre, verstehe und erlebe. Wer die Zweisamkeit bevorzugt, kann Gott zum Beispiel finden, wenn er direkt mit ihm spricht, also betet. Anderen tut es gut, in der Bibel zu lesen, weil sie durch sie von Gott ermutigt werden. Manche lieben den Gottesdienst mit seinen Segensgesten und Gebetshaltungen, weil die körperlich erfahrbar sind. Wieder anderen begegnet Gott in den Menschen, denen sie helfen. Manche fühlen sich von Gott beschenkt, wenn sie erfolgreich sind; anderen ist es möglich, Gott einfach so im Alltag zu spüren – etwa wie es in einem Psalm heißt: Du, Gott, umschließt mich von allen Seiten (vgl. Ps 139).

Es gibt Tests, mit denen man rausbekommen kann, welcher Liebestyp man ist. Ich bezweifle, ob das mit ein paar Fragen wirklich klappt. Grundsätzlich glaube ich aber schon, dass jeder seine eigene Art hat, wie er liebt und geliebt werden will. Und ich bin mir sicher, dass es sich lohnt, die Liebessprache anderer zu lernen. Vor allem aber gefällt mir die Vorstellung, dass Gott alle Liebessprachen spricht. Denn das heißt ja, dass er und ich uns auf jeden Fall verstehen können, wenn wir es nur versuchen. Egal, welche Sprache ich spreche.

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Gary Chapman: Die fünf Sprachen der Liebe.

 

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