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24JUL2021
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Als „Radio-Pfarrer“ bekomme ich manchmal E-Mails, bei denen fehlen mir schlicht die Worte. Da schreiben mir Menschen, die sich über eine einzelne Aussage oder Meinung geärgert haben – und nun sofort über mich urteilen und mir sagen, was sie grundsätzlich von mir halten. Dabei sind wir uns noch nie begegnet, kennen uns gar nicht persönlich. Oft habe ich den Eindruck, dass ganz viel anderer Frust gleich mit abgeladen wird – über „die Kirche“, „die da oben“ oder die Welt im Allgemeinen. Allein die Wortwahl spricht oft schon Bände.

Ich habe gelernt, das nicht persönlich zu nehmen. Und normalerweise antworte ich auch gar nicht auf solche E-Mails, weil ein vernünftiger Austausch ja gar nicht erwünscht zu sein scheint.

Neulich habe ich es aber doch gemacht. Als sich gleich mehrere Hörer auf einen bestimmten Beitrag gemeldet haben, habe ich ihnen zurückgeschrieben. Ich wollte klarmachen, dass man sich über meine Auffassung und Meinung natürlich aufregen darf – es ist ja auch gut, wenn Kritik direkt geäußert wird. Aber persönlich beleidigend sollte es nicht werden. Mit manchen Formulierungen schießt man übers Ziel hinaus.

„Ich finde es gut, dass Sie zu Ihrem Ärger stehen“, habe ich angefangen. Und dann kurz meine Sicht der Dinge begründet. Ohne groß was zu erwarten.

Auf manche E-Mails kam dann auch keine Rückmeldung mehr. Einige Schreiber haben sich gemeldet und dabei gleich nochmal nachgelegt. Aber – was mich überrascht hat: Gleich mehrere Antworten haben sehr versöhnlich geklungen. Nicht mehr von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Und ich hatte den Eindruck, dass da Leute ins Nachdenken gekommen sind – auch über den Stil ihrer ersten Reaktion. „Ich grüße Sie und hoffe, Sie sind mir nicht böse“, hat jemand geschrieben. Und jemand anderes hat gemeint: „Danke für Ihre Rückmeldung. Damit hätte ich ehrlich gesagt nicht gerechnet.“

Mir hat das gezeigt: Es kann sich lohnen, einen Kontakt nicht gleich aufzugeben oder abzubrechen – sondern nochmal eine zweite Chance zu geben. Womöglich gilt das nicht nur für E-Mails, sondern auch ganz allgemein im Leben. Nach einer schwierigen ersten Begegnung kann es trotzdem gut weitergehen. Manchmal wird dann doch noch etwas möglich. Und sei es, dass man sich ein bisschen besser kennenlernt.

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23JUL2021
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„Warum muss so ein lieber Mensch so leiden?“ Neulich hat mich das wieder jemand gefragt. Da haben wir zusammengesessen und eine Beerdigung vorbereitet. Wir haben über das Leben des Verstorbenen gesprochen. Über seine Hilfsbereitschaft, seinen Sinn für Gemeinschaft, dass er vielen anderen Menschen gutgetan hat. Aber auch über seine schweren Erkrankungen, teils schon in frühen Jahren. An der letzten ist er dann gestorben.

Warum musste ein lieber Mensch so leiden? Und warum haben manche Leute das Glück scheinbar gepachtet, obwohl ihnen andere egal sind? Wie jemand sein Leben verbringt und wie es ihm dann ergeht – das scheint oft nicht zusammenzupassen. Ein gesundes Leben, ein erträgliches Schicksal kann man sich anscheinend nicht verdienen. Genauso wenig, wie man sagen darf: Wer schlimm leidet, hat sich das schon irgendwie selbst zuzuschreiben. So einfach ist die Sache eben nicht.

Mitten in der Bibel steht die Geschichte von Hiob. Auch Hiob ist für viele andere Menschen dagewesen. Und noch mehr – er hat ein völlig tadelloses Leben geführt, heißt es. Wenn irgendjemand ein leidfreies Leben verdient hat, dann doch er!

Aber ausgerechnet diesen Hiob treffen dann ganz schlimme Botschaften. Er verliert alles: seinen Besitz und seine Familie, und wird schließlich noch schwer krank.

Warum das so kommt, welcher Sinn darin steckt – im Hiobbuch finden sich verschiedene Antwortversuche darauf. Restlos überzeugen kann letztlich keiner davon.

Zugleich wird aber auch ganz praktisch erzählt, was Hiob hilft in seinem Leid: Er wird von Freunden besucht und findet auch in Gott einen Ansprechpartner.

„Warum muss so ein lieber Mensch so leiden?“ Ich habe keine kluge Antwort auf diese Frage. Auch und gerade als Pfarrer nicht. Mit seiner liebevollen Art konnte der Verstorbene sein Schicksal nicht abwenden. Aber ich überlege, ob seine Taten nicht doch zu ihm zurückgekehrt sind: Wer Liebe verbreitet, Offenheit zeigt, kann vielleicht besser umgehen mit dem Leid, hat auch dafür irgendwie Kraft. Und hoffentlich Menschen an der Seite, die dann etwas zurückgeben können und unterstützen. So wie in der Erzählung von Hiob.

… und so wie in dem Beerdigungsgespräch neulich. Da habe ich genauso vom gegenseitigen Zusammenhalt gehört, wie man die Zeiten der Krankheit gemeinsam durchgestanden hat. Gefühlt hat dann gar nicht das Leid im Mittelpunkt gestanden, sondern die Liebe.

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22JUL2021
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„Oh nein, wenn das jetzt unsere Mutter noch hören könnte!“ – „Opa würde sich im Grab umdrehen!“ – „Was dein Onkel dazu gesagt hätte, ist doch völlig klar!“ So wird manchmal von verstorbenen Angehörigen geredet. Gerade bei Diskussionen in der Familie ist es verführerisch, den toten Onkel oder die Mutter auf die eigene Seite zu ziehen. Aber nicht immer ist das hilfreich.

Auch in der Bibel passiert das. In der Erzählung von Josef und seinen Brüdern [vgl. 1. Mose 37 – 50].  Josef bringt seine Brüder mit seiner arroganten Art zur Weißglut. Deshalb tun sie etwas Ungeheuerliches, sie verschachern Josef an einen Menschenhändler nach Ägypten. Ihren Vater lassen sie glauben, Josef sei ums Leben gekommen. Doch Josef überlebt und macht sogar Karriere. Viele Jahre später begegnen sich die Geschwister wieder. Es kommt zur großen Versöhnung, alles scheint geklärt.

Doch dann stirbt der Vater. Und Josefs Brüder bekommen es mit der Angst zu tun. Ob Josef ihnen wirklich endgültig vergeben hat? Vielleicht zahlt er es ihnen jetzt nach dem Tod des Vaters doch noch heim!

Um das zu verhindern, lassen die Brüder Josef eine Nachricht ausrichten: „Dein Vater hat uns vor seinem Tod aufgetragen, dir zu sagen: ‚Vergib deinen Brüdern das Unrecht und ihre Schuld! Ja, sie haben dir Böses angetan. Nun vergib ihnen dieses Unrecht. Sie dienen doch dem Gott deines Vaters!‘‘

Ob der verstorbene Vater das wirklich so gesagt oder gewollt hat, bleibt offen. Und selbst wenn — was die Brüder da machen, hat einen faden Beigeschmack, finde ich: Es geht ihnen gar nicht um den Willen des Vaters. Sie benutzen ihn nur, um ihre Haut zu retten – ganz egoistisch. Und sie setzen ihren Bruder damit unter Druck – der soll jetzt gefälligst mit den Schatten der Vergangenheit abschließen. Vergebung kann man aber nicht erzwingen. Die muss aus dem eigenen Herzen kommen, sonst ist sie nichts wert.

Josef weint über die Aufforderung seiner Brüder, erzählt die Bibel. Er scheint zu spüren, was da im Argen liegt. Und in seiner Antwort macht er den Geschwistern klar: Es geht hier nicht um den verstorbenen Vater oder dessen Sicht der Dinge. Die Vergangenheit muss man jetzt nicht krampfhaft zurechtbiegen. Wie es gemeinsam weitergeht, muss sich anders entscheiden, hier und jetzt.

Das auszusprechen, ist für Josef wichtig. Und er sieht dann: Eigentlich ist es doch Gott, der die Geschichte seiner Familie in der Hand hat. „Gott hat es zum Guten gewendet“ , sagt er. Erst so wird Vergebung möglich. Zusammen kann es jetzt gut weitergehen. Und womöglich ist ja genau das auch im Sinn des verstorbenen Vaters.

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21JUL2021
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In unserer Kirchengemeinde trifft sich monatlich der Kirchengemeinderat, um Leitungsfragen zu besprechen. Wegen der Pandemie haben wir lange Zeit per Videokonferenz über Gottesdienstzeiten oder Finanzfragen beraten. Letzte Woche sind wir nach langer Zeit wieder persönlich vor Ort zusammengekommen. So wie viele andere Gremien und Gruppen auch.

Gar keine Frage – es war schön, sich wieder leibhaftig zu begegnen. Sich vollständig sehen, dem Sitznachbarn zwischendurch mal was zuflüstern, zur Begrüßung und zum Abschied vorsichtigen Körperkontakt suchen – das alles habe ich genossen. Und es hat sicher auch manche Vorteile für eine Sitzung. Vielleicht gerade dann, wenn man komplizierte Themen zu beraten und schwierige Entscheidungen zu treffen hat. Denn da ist es wichtig, sich möglichst vollständig wahrzunehmen, auch mit den ganz kleinen Signalen.

Gleichzeitig habe ich aber gemerkt: Unsere Videokonferenz-Sitzungen in letzter Zeit haben ganz eigene Dinge möglich gemacht. Da konnte ich zum Beispiel vorher noch die Kinder mit ins Bett bringen, weil ich nicht so früh losmusste. Ein Kirchengemeinderatsmitglied war wochenlang verreist, konnte sich aber trotzdem immer beteiligen an unseren Treffen. Wir haben häufiger Gäste eingeladen für Berichte oder gegenseitigen Austausch, weil die sich ja auch für eine halbe Stunde mal eben einwählen konnten. Und wer sich einfach so für unsere öffentlichen Sitzungen interessiert hat, konnte sie unkompliziert mitverfolgen – wir hatten noch nie so viele Zuhörer. Ich hatte auch den Eindruck: Manchen von uns ist es per Videokonferenz leichter gefallen, mitzudenken oder sich mit Wortbeiträgen zu beteiligen. Vielleicht, weil sie sich am eigenen Schreibtisch besser konzentrieren konnten. Und ich weiß grundsätzlich, dass es manchen Menschen Stress bereitet, ein Zimmer mit mehreren Leuten zu betreten. Auch da hat das Videokonferenz-Format seine Vorteile.

Deshalb fände ich es schade, wenn wir jetzt einfach alles wieder so machen wie früher – ohne groß darüber nachzudenken. Oder wenn gar behauptet wird: „Jetzt ist endlich wieder echte Begegnung möglich.“ Das, was wir die Corona-Monate über gemacht haben miteinander, war doch genauso echt! Und hat eben andere Dinge möglich gemacht.

„Prüft […] alles und behaltet das Gute.“  So wird es geraten in einem Brief in der Bibel. Das könnte doch ganz praktisch heißen: Schauen wir, welche neuen Formen von Begegnung die Corona-Krise möglich gemacht hat. Und vielleicht kann manches davon auch in Zukunft eine Rolle spielen. Im Kirchengemeinderat – und darüber hinaus.

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20JUL2021
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„Wie war’s denn im Kindergarten?“ – „Doof.“ Das ist neuerdings die Standard-Antwort unseres Sohns, wenn wir ihn fragen, wie sein Vormittag so lief. Spiele, die ihn früher begeistert haben, packen ihn nicht mehr. Die festen vertrauten Abläufe engen ihn ein. Und während er es letztes Jahr noch schön gefunden hat, dass seine kleine Schwester jetzt in dieselbe Gruppe geht und ihm treu überall hin folgt, nervt ihn das nun oft.

„Doof.“ – Uns als Eltern hat diese neue Grundhaltung erst mal ein bisschen irritiert. Aber uns hat geholfen, was eine Erzieherin neulich mal dazu gesagt hat: „Den Großen wird es jetzt langweilig bei uns“ hat sie gemeint. „Und das ist auch gut und wichtig so!“

… denn: Nächsten Herbst kommt unser Sohn in die Schule. Da beginnt etwas ganz Neues, Unbekanntes für ihn. Die Welt des Kindergartens wird für ihn zu klein, diesen zu Ende gehenden Lebensabschnitt muss er irgendwie loslassen. Und dann ist der Kindergarten eben „doof“.

Bei den Viertklässlern im Religionsunterricht erlebe ich es ganz ähnlich gerade. Die wechseln bald auf die weiterführenden Schulen, sind da schon längst angemeldet. Wer hat da noch Lust auf Grundschule? „Und weißt du“, hat eine Freundin und Lehrerin neulich zu mir gesagt, „das ist in jeder Klassenstufe so vor den Sommerferien …“

… stimmt, bei mir ja auch damals. Und gar nicht nur in der Schule. Auch auf meiner früheren beruflichen Stelle habe ich die letzten Monate über gemerkt: Es reicht. Es war gut hier, ich nehme viel mit. Aber jetzt steht etwas Neues an.

Vielleicht gilt das ja auch in umgekehrte Richtung: Wenn sich träge Routine und Langeweile ins Leben einschleichen, – dann ist es vielleicht Zeit für Veränderung. Und nicht immer muss das ja ein ganz großer Einschnitt sein. Es kann schon reichen, eine Kleinigkeit zu ändern. Vielleicht kann ich den Tagesablauf an einer Stelle überdenken. Oder in einem Zimmer die Möbel umstellen. Oder ein altes Hobby wieder anfangen.

„Jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit“, heißt es in der Bibel dazu. Und dann werden da auch große Abschiede und Neuanfänge aufgezählt. Für mich bedeutet das: Veränderungen gehören zum Leben. Und damit auch die schwierigen Übergänge. Auch sie sind von Gott gewollt und begleitet.

… daran denke ich, wenn ich unseren Sohn heute Mittag wieder frage, wie es denn im Kindergarten war. Oder wenn ich vorher zu den Vierern in die Schule aufbreche. Oder wenn ich bei mir selbst merke: Eine Veränderung steht an.

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19JUL2021
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„Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.“ So lautet ein bekanntes Sprichwort. Klar, was damit gemeint ist: Der Morgen oder der Mittag können noch so gut laufen – aber wer weiß schon, ob der Tag bis zum Schluss so schön bleibt. Oder, übertragen gedacht: Ein Vorhaben mag gut anfangen. Doch bevor es nicht abgeschlossen ist, sollte ich mich mit meiner Begeisterung zurückhalten. Die Sache kann ja doch noch schlecht ausgehen.

Den Tag nicht vor dem Abend loben – ich kann diese Haltung schon verstehen: Wenn ich auf schnelles Lob verzichte, erspare ich mir womöglich Enttäuschung. Lieber erwarte ich nicht zu viel, um nicht doch noch böse überrascht zu werden. Vielleicht ist das ja vernünftig.

Aber irgendwie finde ich es auch schade. Soll ich mich wirklich innerlich bremsen, wenn etwas gut läuft? Kommt mir da nicht vor lauter Vernunft die Begeisterung abhanden? Das klingt nicht sehr verlockend für mich. In schönen Momenten will ich mich auch drüber freuen! Das geht doch nur, wenn ich mich ganz darauf einlasse. Und nicht im Hinterkopf habe, was alles noch dazwischenkommen könnte.

… und vielleicht ist das ja doch nicht so vernünftig wie zunächst gedacht: Denn, das ist eine psychologische Grunderfahrung – ob etwas am Ende gelingt, das hängt ja auch mit an meiner Haltung. Wenn ich immer auf das starre, was noch schiefgehen könnte – gut möglich, dass es dann auch so kommt. Wenn ich mir die dunklen Seiten eines Tages ausmale, dann erlebe ich sie vielleicht auch. Oder wenn ich mit dem negativen Ausgang einer Sache rechne, dann führe ich genau den vielleicht schon selbst herbei.

„Mein erst Gefühl sei Preis und Dank“ – so heißt ein altes Kirchenlied [EG 451]. Da wacht jemand frühmorgens auf – und lobt vor allem anderen zuerst mal den neuen Tag! Weil der ein neues Stück geschenkte Lebenszeit ist. Ein Geschenk Gottes. An diesem Tag kann man auf Gottes Begleitung vertrauen.

Den Tag schon am Morgen loben, weit vor dem Abend – dieses Motto gefällt mir. Da bekommt der begonnene Tag, die angefangene Sache sozusagen Vertrauensvorschuss. Und ich glaube: Aus dieser Einstellung heraus lebe ich dann auch anders. Zuversichtlicher, gelassener.

Natürlich kann mir auch so immer noch Unangenehmes passieren. Aber das fügt sich ein in einen Tag, der mir trotz allem geschenkt ist, in eine Sache, die gut begonnen hat. Und dann kann ja auch wieder Schönes kommen.

Den Tag vor dem Abend loben, schon am Morgen – vielleicht geht das ja mit einem fröhlichen Lied unter der Dusche. Oder mit einem langen Blick hoch in den Himmel. Oder mit einem persönlichen Gebet an Gott. Machen Sie mit?

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17APR2021
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Bei kleinen Kindern ist es mit Zeitangaben ja so eine Sache. „In einer Woche“ – damit können sie in der Regel wenig anfangen. „In sieben Tagen“, das ist genauso schwierig. Der Groschen fällt oft erst dann, wenn es heißt: „Noch siebenmal schlafen …“ Wahrscheinlich ist die Aufteilung erst dann kleinteilig und anschaulich genug, so dass man sie auch in jungem Alter schon überblicken kann. Und daraus kann man dann größere Zeitspannen zusammenstückeln. So erkläre ich mir das, ohne richtig Ahnung von der Sache zu haben.

Schlafen, das gibt Kindern anscheinend Orientierung. Abends ins Bett gehen und morgens wieder aufstehen – meistens läuft das ja auf ähnliche Weise ab. Umziehen, Waschen, Zähneputzen, … Viele Familien haben auch Abendrituale, zum Beispiel das gemeinsame Vorlesen oder ein Gebet. Und auch morgens können sich Kinder darauf verlassen, was jetzt kommt, wie der Tag so ungefähr beginnt. Zu-Bett-Gehen, Schlafen, Aufstehen – das strukturiert ihren Alltag.

Als Erwachsener würde ich mir davon gerne etwas abschauen. Ich glaube, auch mir würde so eine Struktur guttun beim Zu-Bett-Gehen und Aufstehen.

Die Schwierigkeit ist: Beides läuft eigentlich Tag für Tag anders bei mir ab. Mal lege ich mich ganz entspannt schlafen, manchmal mit letzter Kraft nach einer Extraschicht am Schreibtisch – und manchmal schlafe ich auch einfach mit den Kindern ein. Mit dem Aufstehen ist es genauso uneinheitlich: Mal klingelt der Wecker schon frühmorgens, mal deutlich später – oder die Kinder sorgen eben für den Weckdienst. Da ergibt sich also wenig Beständigkeit.

Eine Möglichkeit aber gibt es, die Struktur schafft: Ich kann die Phase des Einschlafens und Aufwachens bewusst erleben. Vor dem Einschlafen kann ich zum Beispiel den vergangenen Tag durchgehen und mit einem Gebet verbinden. Mir hilft das dabei, das Geschehene zu verarbeiten und mich von Gott gehalten zu wissen. Auch direkt nach dem Aufwachen kann man Dinge einüben. Manchmal bekreuzige ich mich dann. Das erinnert mich an Jesus Christus, der mit mir geht, und ist wie eine Kraftquelle zum Start in den Tag.

Der Schlaf strukturiert unsere Zeit. Deshalb sollte man ihn bewusst erleben, finde ich, am Anfang und am Ende. Wie geht es Ihnen damit? Und was hilft Ihnen dabei?

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16APR2021
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Manchmal ist es gut, wenn man sich die Zukunft noch nicht zu genau ausmalt. Dann bleibt man offen für das Leben – und auch für so manche schöne Überraschung.

Unser Sohn hat mit seinen sechs Jahren sehr genaue Vorstellungen, wie eine Sache mal werden soll. Wenn er mit Bauklötzen ein neues Kunstwerk plant, dann ist das Endergebnis schon komplett mit allen Details in seinem Kopf. Wenn wir einen Ausflug machen, malt er sich sorgfältig aus, wie das so wird. Und genauso, wenn ein besonderes Essen angekündigt wird.

Als Eltern staunen wir dann immer, was alles reingeht in so einen kleinen Denker. Aber genauso bekommen wir auch die andere Seite der Medaille mit: Wenn eine Sache dann nicht genau so wird wie geplant, dann ist der Frust riesig. Wehe, eine Bauklotzreihe fehlt. Oder der Spielplatz hat doch keine große Rutsche. Oder das Eis einen anderen Geschmack. Das kann dann stundenlang Thema sein. Spontan lache ich dann manchmal. Und denke: Er muss halt noch viel lernen.

… aber ich überlege genauso: Vielleicht ist die Sache ja auch ein Thema für Erwachsene. Mitten in der Bibel hat jemand einen Satz von Gott aufgeschrieben: „Meine Pläne sind anders als eure Pläne und meine Wege anders als eure Wege.“ [Jesaja 55,8; BasisBibel] Und dann wird erzählt, wie Gott sein Volk aus der Fremde befreit. Damit haben damals die Wenigsten gerechnet. Die meisten haben gedacht, es geht immer weiter wie erwartet, an den alten Umständen ändert sich nie mehr was. Und dann ist etwas ganz Neues passiert. Gottes Pläne und Wege waren gut für die Menschen damals.

Ich habe manchmal auch ganz genaue Vorstellungen, wie etwas zu laufen hat. Im Alltag, also im Kleinen. Aber auch ganz allgemein im Leben. Ich habe bestimmte Einstellungen, Pläne und Ziele. Insgeheim weiß ich ganz genau, was gilt, wie es weitergehen soll, wo ich mal hinwill.

Aber ist das Leben so gedacht? Und ist es nicht auch schade, schon alles vorher zu wissen? Es könnte doch auch passieren, dass irgendwas noch viel besser wird, als ich mir vorstellen kann! Und was ist, wenn es eben ganz anders wird? Wirft mich das aus der Bahn? Oder kann ich mich darauf einlassen? Gott hat Pläne für mich. Und er meint es gut mit mir.

Das macht mir Mut. Ich will mich überraschen lassen, welche unerwarteten Wege mein Leben noch nimmt.
… und ab und zu erzähle ich unserem Sohn davon. Denn das soll er auch wissen.

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15APR2021
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Wenn die Eltern alt werden, muss man ihnen was zurückgeben. Das ist man ihnen schuldig. Diese Meinung ist ziemlich verbreitet. Oft wird dazu auch das Vierte Gebot aus der Bibel genannt: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ [2. Mose 20,12a].

Auf den ersten Blick finde ich das einleuchtend. Wenn ich an meine Eltern denke – was die alles für uns Kinder eingesetzt haben! Zeit, Kraft, Geld – jede Menge davon. Viele Eltern sind auch noch für die Enkelkinder da, helfen bei der Betreuung, stehen mit Rat und Tat zur Seite, unterstützen manchmal auch mit Geld. Ist es dann nicht recht und billig, ihnen das später mal zurückzuzahlen?

Auf der anderen Seite denke ich: Den Eltern etwas zurückgeben müssen – das kann Menschen überfordern. Etwa wenn es um aufwändige Pflege geht. Nicht alle sind in der Lage, das selbst zu leisten. Wenn man womöglich gerade in der Zeit auch noch für die eigenen Kinder sorgen muss. Dann ist es schwierig, wenn die Eltern etwas einfordern (und sei es indirekt). Noch komplizierter kann es werden, wenn verschiedene Geschwister gegeneinander ausgespielt werden. Wenn zum Beispiel die Tochter, die weiter weg wohnt, für den Platz im Pflegeheim zahlen soll, und der Sohn einen Ort weiter soll die regelmäßige Betreuung übernehmen …

Inzwischen bin ich selber Vater. Und erlebe: Man gibt den Kindern nicht nur. Man bekommt auch ganz viel von ihnen. Ganz viel Liebe zum Beispiel, oder den Blick für die kleinen Dinge. Die Zeiten, in denen man Kinder vor allem zur Altersvorsorge geboren hat, sind zumindest in unserer Gesellschaft ja längst vorbei.

Umgekehrt – auch alte Menschen sind ja nicht nur hilfsbedürftig. Vieles können sie womöglich nicht mehr, das stimmt – aber dafür können sie andere Dinge geben. Altersweisheit zum Beispiel, oder einen gelasseneren Blick auf das Leben.

Deshalb fände ich es schön, wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kindern in jeder Lebensphase etwa ausgeglichen ist. So, dass niemand das Gefühl bekommt: Nur ich stecke hier was rein – und will später etwas dafür zurückkriegen. Das sind mir die anderen doch schuldig!

Und wenn das doch passiert? Dann kann man darüber reden. Und überlegen, was man vielleicht ändern kann.

Was ist dann mit dem Vierten Gebot gemeint – „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“? Vielleicht ja einfach das: Mit den Eltern im Gespräch sein und bleiben. Sich gemeinsam zurückerinnern an das, was war. Und weiter im Blick behalten, was man sich gegenseitig gibt.

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14APR2021
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„Jetzt bin ich doch so geworden wie er.“ Das hat mir im Gespräch mal ein Mann gesagt. Und damit hat er seinen Vater gemeint. Der war gerade verstorben, wir haben seine Beerdigung geplant. Wir haben über das Leben des Vaters gesprochen, über seine besondere Art. Und auch über die Schattenseiten seines Charakters – die übertriebene Strenge zum Beispiel oder die Schwierigkeiten, sich auch mal was zu gönnen. „Ich mache es mal ganz anders!“, hatte der Sohn sich vorgenommen. „Ich werde ein besserer Ehemann und Vater!“ Aber in unserem Gespräch ist ihm nur das schwere Eingeständnis geblieben: „Jetzt bin ich doch so geworden wie er.“

Unsere Eltern prägen uns — ob wir wollen oder nicht. Im Guten und im Schlechten. Und es ist sehr schwierig, dann auszubrechen und es besser zu machen. So verstehe ich auch einen Text in der Bibel, der zunächst sehr bitter und beunruhigend wirkt: „Du [, Gott,] verfolgst die Schuld der Väter an Kindern und Enkeln bis in die dritte und vierte Generation.“ [2. Mose 34,7b; BasisBibel] Ich lese da heraus: Was Eltern tun, wirkt sich aus. Auch das Schwierige wirkt fort – und da können die Kinder gar nicht so viel dagegen tun. So, wie der Mann das bei Tod seines Vaters gemerkt hat.

Interessant ist aber auch, wie dieser eine Bibelvers beginnt: „Tausende lässt du deine Güte erfahren. Du vergibst Schuld, Vergehen und Sünde.“ [2. Mose 34,7a; BasisBibel] Darauf liegt der Schwerpunkt. Und wichtig finde ich die Zahlen, die hier aufeinanderstoßen. Bis in die dritte oder vierte Generation wirkt das Negative nach. Aber Tausende erfahren Gottes Güte und Vergebung. Das könnte doch heißen: So schwer die Grundvoraussetzungen auch sein mögen – sie müssen den Weg in eine bessere Zukunft nicht verbauen. Die Vergangenheit muss einen nicht lähmen – und eine Wendung ins Positive ist immer möglich. Wenn die Verhältnisse schlecht sind, muss man noch längst kein schlechter Mensch werden.

„Jetzt bin ich doch so geworden wie er“? In dem Gespräch mit dem Mann damals haben wir dann noch entdeckt: Die schwierigen Charaktereigenschaften des Vaters haben sich längst nicht überall durchgesetzt. Seinen Kindern gegenüber konnte der Sohn zum Beispiel durchaus sehr großzügig sein. Und er hatte ein besonderes Hobby, das Zeit und Geld gekostet hat. Das hätte der verstorbene Vater so sicher nicht gemacht. Da ist also bei allem Schweren was in Bewegung gekommen. So sehr wir geprägt sind von unseren Eltern – auch Veränderung ist möglich.

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