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14NOV2021
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„Eine Million Sterne.“ So heißt die Aktion, bei der gestern tausende von Kerzen überall in Deutschland gebrannt haben. Bereits zum 15. Mal hat der deutsche Caritasverband zu der Aktion eingeladen und in rund 80 Städten auf öffentlichen Plätzen Kerzen angeboten. Wer vorbeikommt, kann gegen eine Spende eine oder auch mehrere Kerzen anzünden. Die Spenden, die bei der Aktion zusammenkommen, sind für Hilfsprojekte der Caritas bestimmt: hier bei uns in Deutschland, aber auch weltweit.

So entsteht jedes Jahr ein großes Lichtermeer – als Zeichen der Solidarität und für eine gerechtere Welt. Je mehr Kerzen brennen, umso heller wird es. Mit jeder Kerze wird deutlich: da ist ein Mensch, dessen Schicksal nicht egal ist und dessen Leben ein klein wenig heller werden soll.

Leider sind wir weit entfernt von einer Welt, in der es gerecht zugeht und in der alle Menschen gut und in Frieden leben können. Aber ich finde es wichtig, sich damit nicht einfach abzufinden. Und deshalb ist es gut, dass es Aktionen, wie „Eine Million Sterne“ gibt.

Auch der heutige Volkstrauertag gehört für mich dazu. Ein staatlicher Gedenktag, um an diejenigen zu denken, die durch Krieg und Terror ums Leben gekommen sind. Aber auch, um daran zu erinnern, dass wir alles uns Mögliche tun sollten, dass es nicht so weit kommt.

Mir fallen da gleich zwei Bekannte ein, die das auf ihre Weise versuchen: zum Beispiel Thomas, der sich bei Bewerbungsgesprächen dafür einsetzt, dass Frauen und Männer gleichbehandelt werden. Oder Mirjam, die an ihrem runden Geburtstag nicht gefeiert hat, sondern in das Gebiet der diesjährigen Flutkatastrophe gefahren ist, um den Menschen beim Aufräumen zu helfen. Solche Aktionen ermutigen mich, nachzudenken, was ich tun könnte, damit es um mich herum ein wenig heller wird.

 

Wenn heute in katholischen Gottesdiensten ein kleiner Abschnitt aus dem Buch Daniel vorgelesen wird, dann erinnert mich der Text daran, dass wir Menschen so mancher Ungerechtigkeit etwas entgegensetzen können. Dort heißt es: „Die Männer und Frauen, die viele zum rechten Tun geführt haben, werden glänzen wie die Sterne für immer und ewig.“ (Dan 12, 3)

Ja: Menschen, wie Thomas und Mirjam, die sich für andere einsetzen und die nicht nur nach sich selbst schauen, sind wie glänzende Sterne. Sie bringen ein wenig Licht ins Dunkel. Für mich sind sie zwei besonders helle von einer Million Sterne.

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10OKT2021
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Marie Kondo ist Aufräum-Expertin. Schon seit einigen Jahren lesen weltweit Tausende ihre Bücher oder kennen die Fernsehsendung, in der sie erklärt, wie aufräumen am besten geht. Wenn Marie Kondo ausmistet, dann ist eine Frage ganz entscheidend. Sie nimmt z.B. einen Pulli in die Hand und fragt sich: „Macht er mich glücklich?“ Und nur, wenn sie mit einem beherzten „Ja“ antworten kann, kommt der Pulli wieder zurück in den Schrank.

Was brauche ich und was nicht?

Die Frage nach dem, was mich wirklich glücklich macht, kann dabei helfen. Und doch ist es im Leben nicht immer so einfach, sich zu entscheiden.

Das merkt auch der junge Mann, von dem heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Viel verrät die Bibel nicht über ihn, aber der Text beschreibt, dass er sehr reich sein muss. Und fromm. Er kennt die zehn Gebote und befolgt sie, so gut es geht. Doch irgendetwas scheint ihm zu fehlen, denn er fragt Jesus, was er tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen. Man könnte auch sagen, er ist auf der Suche nach einem erfüllten, glücklichen Leben. Hier und jetzt, und dann auch nach seinem Tod.

Was er als Antwort bekommt, ist radikal. Und irgendwie auch typisch Jesus. Denn Jesus sagt: „Geh, verkaufe, was du hast und gib es den Armen (…) und dann komm und folge mir nach.“ (Mk 10, 21) Jesus rät also in gewisser Weise auch zum Ausmisten. Zum Platz schaffen für die wichtigen Dinge. Damit hat der junge Mann nicht gerechnet. Wenn er macht, was Jesus fordert und sich von all seinem Reichtum trennt, wird sein Leben um 180 Grad umgekrempelt. Er ahnt, dass er das nicht schaffen kann und geht bedrückt weg.

Was macht mich glücklich und was nicht?

Was ist vielleicht nur Ballast, den ich mit mir rumschleppe und der mich sogar einengt?

Jesu Antwort ist eindeutig: was wirklich glücklich macht, sind Beziehungen. Zu Gott und zu anderen Menschen! Gemeinsam Zeit zu verbringen. Sich auszutauschen. Sich verbunden zu fühlen. Aufeinander zuzugehen. Sich zu stärken.

Diese Grund-Entscheidung für ein beziehungsreiches Leben fordert Jesus auch von mir. Mit allen Konsequenzen!

Und ich habe schon oft gemerkt, dass mich das wirklich glücklich macht.

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29AUG2021
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Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr beginnt in Klöstern das erste Gebet des Tages mit den Worten: „Herr, öffne meine Lippen…“.

Immer wenn ich ein Kloster besuche, sprechen mich diese ersten Worte an.
Sehr früh am Morgen, mit den Gedanken noch halb im Schlaf, richte ich mich auf Gott aus und stelle Kontakt zu ihm her, wenn ich sage „Herr…“ Und dann: „... öffne meine Lippen.“ Dahinter steht für mich die Grundbitte für den Tag: „öffne mich“. Öffne mich, damit Gutes aus mir herauskommt. Dass ich ehrlich zu anderen bin. Dass ich sorgsam meine Worte wähle, um andere nicht zu verletzen. Und dass ich merke, wenn es besser ist, auch mal nichts zu sagen, sondern einfach nur zuzuhören.

Im Evangelium, das heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist, sagt Jesus: „Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“ (Mk 7, 20) Denn die bösen Gedanken kommen von innen – aus dem Herzen der Menschen.
Auf den ersten Blick passt das nicht zu dem Menschenbild, das ich sonst mit Jesus verbinde. Hat nicht Gott von Anfang an das Gute in mich hineingelegt? Und jetzt soll mein Herz voll mit bösen Gedanken sein, voll von Neid, Bosheit und Hochmut?

Ich denke, Jesus hat hier einen sehr realistischen Blick auf uns Menschen. Er weiß, dass wir beides in uns haben. Das Gute und das Böse. Und deshalb liegt es an mir, wie ich mich immer wieder entscheide: bin ich bereit, mich um das Gute zu bemühen? Um das, was dem Leben dient? Oder kreise ich allein um mich und sorge mich ohne Rücksicht auf Verluste nur um das, was mir allein nutzt?

Und noch etwas wird mir klar, wenn Jesus sagt, dass die bösen Gedanken von innen kommen. Wie schnell passiert es, dass Menschen für alles Mögliche Ausreden suchen: die oder jener haben mich angestiftet, die Medien sind schuld oder die Politik. Diese Ausreden sind für mich das, was Jesus mit „von außen“ meint. Mit dem „von innen“ weist er uns darauf hin, dass wir selbst für unsere Taten verantwortlich sind.

Wenn ich den Tag mit den Worten „Herr, öffne meine Lippen“ beginne, dann heißt das übersetzt für mich: Gott, auf dich möchte ich heute ausgerichtet sein. Du bist es, der auf mein Herz sieht und weiß, was alles in mir ist. Du kennst das Gute, das Liebenswerte und das Potenzial, das in mir steckt. Aber du weißt auch, mit was ich mich schwer tue. Wie oft ich egoistisch bin oder neidisch auf das Leben anderer schaue. Hilf mir, dass das Gute heute die Oberhand gewinnt. Und dann erst öffne meine Lippen.

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18JUL2021
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Bei Gott auftanken – geht das? Ich versuche es gerade immer wieder zwischendurch.

In meinem Terminkalender klebt auf der letzten Seite ein goldfarbener Aufkleber. Darauf ein QR-Code und der Satz: „Ich brauche Segen.“

Der Aufkleber gehört zur gleichnamigen ökumenischen Aktion[1], die Menschen stärken und ermutigen soll. Und das ganz unkompliziert zwischendurch. Einfach mit dem Handy den QR-Code scannen und schon öffnet sich der Link zu einer Internetseite, auf der man ein Segenswort lesen oder sich vorlesen lassen kann. Das klingt dann zum Beispiel so: „Gott stärke dir den Rücken.“ Oder „Hab keine Angst! Denn Gott ist mit dir bei allem, was du unternimmst!“ Weil viele Menschen mitgemacht und Segens-Aufkleber verteilt haben, gibt es sie mittlerweile an einigen Orten: nicht nur vor Kirchen, sondern auch in geparkten Autos oder in Schaufenstern.

Ich nutze diesen Segens-Code immer wieder. Morgens nach dem Aufstehen oder wenn es ein Tag ist, an dem ich müde und platt bin und nicht so richtig in die Gänge komme. Und manchmal krame ich den Segensaufkleber auch gerade dann raus, wenn ich vor lauter Arbeit nicht mehr weiß, wo ich zuerst anfangen soll.

In solchen Momenten tut mir ein Segenswort richtig gut. Für einen kurzen Moment ist dann nichts anderes wichtig. Alles, was mich sonst so beschäftigt, rutscht ein wenig zur Seite, und es kann sein, dass ich einen Draht nach oben bekomme. Das Segenswort erinnert mich daran, dass Gott da ist. Dass er mich liebevoll ansieht und das Gute in mir stärkt. Und diese Verbindung zwischen Himmel und Erde kann mir helfen, wieder zu mir und auch zu Gott Kontakt aufzunehmen und anzupacken, was gerade ansteht. Der Segen ist dann wie eine Tankstelle, an der ich Kraft tanken und durchschnaufen kann.

Gott als Tankstelle – so verstehe ich auch das Evangelium, das heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Da sagt Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, mit denen er unterwegs ist: „Kommt mit an einen einsamen Ort (…) und ruht ein wenig aus.“
(Mk 6, 31)

Einige Zeit vorher hat er sie immer zu zweit losgeschickt, um seine Botschaft zu verbreiten. Das war sicher kein Spaziergang und auch immer wieder richtig anstrengend. Nun kommen sie zurück. Wollen ihm erzählen, was sie getan und erlebt haben. Und auch, wenn noch jede Menge zu tun ist, drückt Jesus erst einmal auf die Bremse. Er nimmt sie mit an einen ruhigen Ort und gönnt ihnen eine Pause. Zeit, um durchzuschnaufen. Und Zeit, um sich durch Gespräche und gute Worte gegenseitig zu stärken.

Auch ich brauche immer wieder solche Tankstopps bei Gott. Der kleine goldene Segensaufkleber in meinem Kalender hilft mir dabei.

 

[1] Weitere Infos zur Initiative: www.segen.jetzt

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06JUN2021
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Ein Mann und eine Frau unter einem Baum. Daneben eine Schlange und ein Apfel. Dieses Bild von Adam und Eva kennt fast jeder. Ganz am Anfang der Bibel wird davon erzählt, dass Menschen sich schämen, weil sie einen Fehler gemacht haben. Heute ist die Erzählung in den katholischen Gottesdiensten zu hören.

Das Gefühl sich zu schämen kennen Menschen schon seit es sie gibt, und Gründe sich zu schämen gibt es viele. Manchmal reichen Kleinigkeiten, die mich rot werden lassen. Zum Beispiel wenn ich bei einem Besuch tollpatschig mein Glas Wein umstoße.
Aber es gibt auch noch die anderen Momente von Scham. Die großen, die ich am liebsten verdränge, und die andere erst recht nicht von mir wissen sollen. Fehler, die ich auch noch nach langer Zeit bereue. Eigenschaften an mir, die mir unangenehm sind, und die ich selbst nicht leiden kann. Wenn die mal wieder auftauchen, dann möchte ich anschließend am liebsten im Boden versinken oder mich verstecken. So wie Adam und Eva.
Und auch wenn es widersprüchlich klingt: Momente, in denen ich mich schäme und mich zurückziehe, sind gleichzeitig die Momente, in denen es mir gut tut, wenn mich jemand in den Arm nimmt. Oder wenn mir jemand sagt: „Es gibt Schlimmeres.“ oder „Das kenne ich. Geht mir manchmal genauso.“

In der biblischen Erzählung ist es Gott, der Adam und Eva mit ihrer Scham nicht im Versteck sitzen lässt. Gott sucht die beiden. Er fragt, wie es in der Bibel heißt: „Mensch, wo bist du?“ (Gen 3, 9). Dieser Satz könnte bedeuten: Warum versteckst du dich und schämst dich vor mir? Ich vermisse dich doch. Zieh dich nicht zurück. Und auch wenn du Fehler machst oder dir selbst zu viel zumutest und scheiterst, vergiss nicht: Du gehörst zu mir.

Ein Gott, der so nach mir fragt, gibt mir die Chance, aus meinem Versteck herauszukommen und mich zu zeigen, so wie ich bin. Und er hilft mir dabei zu akzeptieren, dass es menschlich ist, Fehler zu machen, nicht perfekt zu sein. Das heißt nicht, dass ich nicht an meinen Fehlern arbeiten kann, oder dass ich manches Mal wieder etwas ausbügeln muss. Aber wenn ich glaube, dass Gott mich und auch alle anderen Menschen wertvoll findet und auf das Gute in uns schaut, dann ist das ein Fundament, von dem aus ich auf meine Scham schauen kann.

Adam und Eva müssen in der biblischen Erzählung das Paradies verlassen. Aber nicht schutzlos. Gott macht ihnen Kleider und hilft ihnen so mit ihrer Scham zu leben. Denn die Kleider, die Gott uns anzieht, sind aus Liebe und aus Achtung zu uns Menschen gemacht. Damit wir uns, unabhängig von dem, was wir an Gutem oder Bösem tun, daran erinnern, dass wir wertvoll sind, weil Gott uns gemacht hat.

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13MAI2021
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“Erzählt von mir!”

Diesen Auftrag gibt Jesus den Jüngern nach seinem Tod
Heute, an Christi Himmelfahrt, ist das in katholischen Gottesdiensten gleich an mehreren Stellen zu hören. Zum Beispiel in der Apostelgeschichte. Dort wird berichtet, wie Jesus vierzig Tage nach Ostern in den Himmel gehoben wird, und zwei Männer in weißen Gewändern den Jüngern sagen: Schaut nicht in den Himmel, sondern auf die Erde. Dort ist der Platz, an dem ihr gefordert seid. Oder am Ende des Markusevangeliums. Dort ruft Jesus den Menschen zu: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16, 15)

Heute beginnt auch der dritte ökumenische Kirchentag in Frankfurt, und der Gottesdienst zur Eröffnung trägt ebenfalls den Titel „Erzählt von mir“. Vermutlich feiern viele digital mit. Pandemiebedingt können sie nicht nach Frankfurt kommen, sondern sitzen alle verteilt im Land an ihrem PC. Aber ich finde, irgendwie passt das zu dem Auftrag „Geht hinaus in die Welt und erzählt von mir“. Denn ein Gottesdienst hat immer auch den Anspruch, dass er etwas bewirkt bei mir, dass er in meinem Leben konkret wird. Und zwar genau an dem Ort, an dem ich lebe. Mit den Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe – sei das zu Hause, mit Freunden oder bei der Arbeit.

Erzählt von mir – das heißt aber nicht, andere einfach vollzuquatschen. Sie mit meiner Überzeugung zuzuschütten, so dass sie für ihre Gedanken und ihre Sicht auf die Welt gar keinen Platz mehr haben.

Anderen von meinem Glauben zu erzählen beginnt damit, dass ich mir selbst erst einmal klar mache, was mir mein Glaube bedeutet. Dass ich überlege, was mir von Jesu Botschaft wichtig ist. Was mich in schweren Zeiten zuversichtlich sein lässt. Was mich morgens aus dem Bett holt und abends dankbar auf so manch Schönes am Tag zurückschauen lässt.

Wenn ich dann den Auftrag, von Jesus zu erzählen, für mich übersetze, dann lautet er zur Zeit ungefähr so: Bemühe dich, in jedem Menschen, dem du heute begegnest, das Einmalige, das Besondere zu suchen.
Rechne jeden Tag mit dem Guten – auch wenn es in deinem Leben gerade drunter und drüber geht.
Halte dich nicht aus allem raus. Sondern: Misch dich ein, wenn es ungerecht zugeht. Auch wenn dich das nicht unbedingt beliebter macht.
Und: hab keine Angst im Leben zu kurz zu kommen oder nicht zu genügen. In Gottes Augen bist du unendlich wertvoll.

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10APR2021
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„Fühl dich umarmt.“ Diesen Satz schreib ich oft unter Handy-Nachrichten. Zum Geburtstag oder wenn ich weiß, dass es jemandem nicht so gut geht. Fühl dich umarmt, weil ich es gerade nicht kann. Wegen der Entfernung und seit über einem Jahr auch wegen Corona. Gerade an Ostern hätte ich manche gerne in den Arm genommen. Ihnen gezeigt, dass sie mir wichtig sind, und dass wir in dieser schwierigen Zeit miteinander verbunden sind.

Jetzt habe ich erfahren, dass ich nicht nur liebe Menschen umarmen kann, sondern auch meine Geduld. Das habe ich in der Klosterregel des heiligen Benedikt gelesen. Die ist schon 1500 Jahre alt. Damals hatten sie´s noch nicht so mit dem Gendern, deshalb ist darin immer nur vom „Mönch“ die Rede – gemeint sind aber auch alle Frauen.

Was ich erstaunlich finde, ist, dass in dieser Klosterregel das Wort „umarmen“ gerade dann auftaucht, wenn Mönche in einer herausfordernden Situation sind. Es heißt: Wenn alles schwierig ist, dann soll der Mönch "schweigend und bewusst die Geduld umarmen" (vgl. RB 7, 35).

Wenn Benedikt in seiner Klosterregel die Mönche also auffordert geduldig zu sein, dann meint er mehr, als die Situation nur irgendwie hinzunehmen. Mehr als nur auszuhalten, weil mir im Moment eh nichts anderes übrig bleibt. Er rät, dass ich die Geduld zu einer lieben Person mache, die ich nah an mich heranlassen und umarmen soll.

Das finde ich echt schwer. Geduld ist nicht so meine Stärke. Es strengt mich an, dass die Pandemie schon seit über einem Jahr von mir fordert, dass ich geduldig warten muss: bis genug Impfstoff da ist, bis es Sommer wird und dieser Virus irgendwie unter Kontrolle ist. Und gerade jetzt soll ich die Geduld willkommen heißen?

Mich erinnert das daran, dass Jesus mal gesagt hat: Wenn dir einer auf die rechte Wange haut, halte ihm die linke auch noch hin. Das klingt wie eine Zumutung. Dass ich alles aushalten muss. Doch das ist nicht gemeint. Wenn ich nicht gleich um mich schlage, sondern die Situation ertrage und sogar noch halbwegs freundlich dabei bin, dann nehme ich dem anderen die Macht über mich. Es ist also eher ein friedlicher Widerstand, der aber sehr wirksam sein kann.

Die Geduld umarmen, bedeutet dann: Gib nicht auf. Verlier den Mut nicht – egal, wie lange es dauert. Irgendwann wird es wieder anders, wird es gut werden. Und bis dahin ist Gott bei dir. Also: weiche der Situation nicht aus, leiste friedlichen Widerstand und umarme das, was jetzt ist.

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09APR2021
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„Behalte deine Zugbrücke unter Kontrolle!“

Diesen Hinweis habe ich von einer guten Freundin bekommen als ich ihr erzählt habe, was mich gerade alles beschäftigt: eine Kollegin, die im Lehrerzimmer so fix und fertig ausgesehen hat. Ein Mann aus unserer Gemeinde, der sich große Sorgen um seinen schon erwachsenen Sohn macht. Eine Freundin, die unerwartet schwanger geworden ist.

All diese Menschen liegen mir am Herzen und dennoch war mir in dem Moment ihr Leben einfach zu viel. Und da fiel der Satz: „Behalte deine Zugbrücke unter Kontrolle.“

Der Satz stammt von dem niederländischen Priester Henri Nouwen. Er vergleicht unser Innerstes mit einer mittelalterlichen Burg, die von einem breiten Wassergraben umgeben ist. Der einzige Weg in die Burg zu kommen, ist eine Zugbrücke.

Damit die Burg sicher bleibt, muss der Burgherr entscheiden können, wann die Brücke hochgezogen, und wann sie heruntergelassen wird. Wenn er dazu nicht mehr in der Lage ist, können alle nach Belieben rein oder rausgehen. Das wird chaotisch. Und deshalb rät Nouwen: „Es muss Zeiten geben, in denen deine Brücke hochgezogen bleibt, und du Gelegenheit hast, allein oder nur mit denen zusammen zu sein, denen du dich nahe fühlst. Lass nicht zu, dass du eine Art Behörde wirst, die jeder nach Belieben betreten und verlassen kann. Du glaubst vielleicht, du müsstest jedem, der kommen oder gehen möchte, immer großzügig entgegenkommen, doch wirst du bald merken, dass du dabei deine Seele verlierst.“

Mir hat das Bild von der Zugbrücke geholfen. Es macht mir klar, dass ich nicht Tag und Nacht für andere da sein kann. Ich brauche auch Zeiten, in denen ich bei mir bin. Selbst Kraft tanken kann. Sei es eine halbe Stunde Klarinette zu spielen, mit meiner Schwester ein Puzzle zu machen oder in einen Gottesdienst zu gehen. Dann ist in meinem Herzen auch wieder Platz für andere. Und nebenbei gesagt: ich finde, ich muss mich auch nicht rechtfertigen, wenn ich mal einfach so keinen Bock auf Betrieb habe und die Brücke oben bleibt. Als meine eigene Burgherrin darf ich das.

Für mich ist klar: Ich möchte Burgherrin meiner inneren Burg bleiben. Und das geht nur, wenn ich zwischendurch meine Zugbrücke hochziehe.

Nur dann bleibt meine Burg auf lange Sicht ein Ort, an dem ich mich wohlfühle und an dem auch andere sich ausruhen und Kraft tanken können.

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08APR2021
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So viele Menschen sind zur Zeit einsam – und es sind gar nicht nur die Älteren. Auch junge Menschen kennen das Gefühl einsam zu sein. Schüler, Studentinnen und Auszubildende und auch Leute in meinem Alter, so Mitte dreißig.

Dass das nicht nur was mit Corona zu hat, hat Diana Kinnert festgestellt. Sie ist eine junge Politikerin und Publizistin und hat gerade ein Buch mit dem Titel „die neue Einsamkeit“ geschrieben. Sie sagt: „Keine Generation ist je so vernetzt gewesen wie unsere. Aber das, was wirklich Verbindlichkeit ausmacht, das fehlt mir oft."

Ich ahne, was sie damit meint. Auch ich bin gut vernetzt. Habe jede Menge Kontakte in den sozialen Netzwerken und kann mich trotzdem einsam fühlen. Wie häufig habe ich mein Handy in der Hand und sehe die vielen Posts von gemütlichen Abenden, schön drapiertem Essen und tollen Ausflügen. Das ist einerseits schön, weil ich mitbekomme, was bei den anderen gerade los ist – egal wie weit ich von ihnen entfernt bin. Aber wenn ich bloß Zuschauerin bin, die das perfekte Leben der anderen betrachtet, dann kann es passieren, dass ich mein eigenes Leben nur noch langweilig und blass finde. Und das fühlt sich nicht mehr gut an und ist wie Futter für die Einsamkeit.

Diese Art der Vernetzung ist für mich wie eine Einbahnstraße, weil es ja nur in die eine Richtung geht: Schau mal, was ich gerade Tolles mache. Aber auf diese Einbahnstraße habe ich auf Dauer keine Lust. Weil sie mit echter Verbindung zu anderen nichts zu tun hat.

Um mich mit anderen verbunden zu fühlen, brauche ich Menschen, bei denen ich merke: die haben nicht nur Interesse an sich und ihrem Leben, sondern auch an mir. Sie fragen nach, was in meinem Leben gerade los ist, wollen nicht nur die schönsten Schnappschüsse sehen. Umgekehrt bin dann auch ich dran, anderen zu zeigen, dass sie mir wichtig sind. Dass ich aufmerksam bin, wenn ich längere Zeit nichts mehr von ihnen gehört habe und nachfrage, ob alles in Ordnung ist.

In meinem Fastenkalender habe ich dazu einen wunderbaren Satz entdeckt. Dort steht: „Die Welt (…) besteht aus Ketten von Menschen, die aufeinander aufpassen.“ Ich finde, das könnte das Ziel sein: Menschen, die einen sorgenden und liebevollen Blick füreinander haben. Die aufeinander aufpassen. So dass ein Netz entsteht, das verhindert, dass Einzelne dauerhaft einsam sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32896
06APR2021
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Lebensgroß ist die Ostergeschichte gerade mitten in Mannheim zu entdecken. An Häuserwänden kleben Jesus, Petrus, Maria Magdalena und Co. als sogenannte Paste-Ups. Das sind große Bilder, die mit Kleister an die Wand kommen. Sie sehen dann so ähnlich aus wie Graffitis.

Hinter der Aktion stecken Studierende. Sie haben sich überlegt, wie die biblischen Figuren heute aussehen könnten. Welchen Beruf sie hätten, und was sie anhaben würden. Die StreetArt Künstlerin Verena Hartmann aus Hamburg hat die Ideen umgesetzt, und an ausgewählten Orten in Mannheim wurden die Figuren dann ganz legal angebracht.

Herausgekommen ist zum Beispiel Petrus als Machertyp im Anzug. Mitte 30, sportlich. Ein cooler Typ mit roter Hahnenkamm-Frisur. Doch das geschniegelte Aussehen hat Macken. Die Krawatte sitzt schief und der Anzug sieht aus, als hätte er mindestens eine harte Nacht im Büro darin verbracht. Die hängenden Schultern und die Tränen in den Augen tun das Übrige um klarzumachen: das ist ein gebrochener Mann. Einer, der fassungslos ist über den Bock, den er geschossen hat.

Denn kurz vor Jesu Kreuzigung behauptet Petrus dreimal, Jesus nicht zu kennen. Doch plötzlich wird ihm klar: Jesus hat Recht gehabt. Er hatte vorhergesagt, dass Petrus nicht zu ihm stehen würde, wenn es ernst wird. Er, Petrus, hat versagt. Niemals hätte er gedacht, dass er Jesus verraten würde.

Ich ahne, wie mies er sich gefühlt haben muss. Wie unangenehm ist der Moment, in dem einem klar wird, dass man einen riesen Fehler begangen hat. Das kann einen auch eine ganze Weile danach noch fix und fertig machen.

Petrus ist damit aber nicht für immer abgeschrieben. Auch wenn man denkt: das war es jetzt. Seine Chance hat er vertan.

Gott tickt anders. Er ist großzügig, verzeiht Fehler. Er gibt Petrus die Chance, zu bereuen und neu anzufangen. Die Bibel erzählt: Er weinte bitterlich.

Aber dann, nach Ostern, wächst sein Selbstvertrauen wieder. Petrus traut sich zu, begeistert und mit viel Elan von seinem Glauben zu erzählen. Von Jesus und vom ewigen Leben.

Die Geschichte zeigt, dass nicht alles im Leben gelingt. Und das muss es auch nicht. Es kann sein, dass ich mal scheitere: im Beruf bei einem wichtigen Projekt oder in einer Beziehung oder in einer Freundschaft. Entscheidend ist, dass ich nach und nach lerne, dass ich mehr bin als das, was schiefgelaufen ist. Gott jedenfalls traut mir einen Neuanfang zu.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32894