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01NOV2021
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Jemand sagt zu mir: „Ich bin kein Heiliger!“ Er meint damit: „Ich hab meine Fehler. Ich lang schon mal tüchtig daneben. Tret‘ ins Fettnäpfchen. Na, und die eine oder andere Versuchung … Ich bin kein Heiliger.“

Ich höre mir das an und frage mich: Gut, aber wer ist denn eigentlich ein Heiliger? Haben wir nicht alle unsere Schwächen und Fehler? Und machen die uns nicht gerade menschlich?

Ich habe neulich Holzfiguren von Leuten gesehen, die immer „heilig“ genannt werden. Die standen in einem alten Altarbild in einer großen Kirche. Wunderschön geschnitzt, viel Gold.

Da war einmal Petrus, ein Jünger von Jesus. Der wird immer mit einem Schlüssel in der Hand dargestellt, den kann man leicht erkennen. Neben ihm Maria, die Mutter von Jesus: Für Katholiken bestimmt die Heilige schlechthin! Aber auch mir als Evangelischem ist sie sehr wichtig. Und Petrus auch. So unterschiedlich die beiden sind.

Ich fang mal bei Petrus an. Den mag ich wirklich sehr! So wie die Bibel von dem erzählt, war der aber ein ziemliches Großmaul! Petrus, der hat Jesus schon richtig nachgeeifert. Mit ganzem Herzen. Aber ein paar Mal hat er den Mund dann doch zu voll genommen. Übers Wasser wollte er zu Jesus gehen. Und ist dann vor Angst untergegangen. Immer und überall hin wollte er Jesus nachfolgen. Selbst in den Tod. Und ist dann doch weggelaufen, um seine Haut zu retten.  

Ich stelle mir Petrus wie einen gutmütigen, ziemlich lauten Riesen vor. Kräftig wie drei – und mit dem Herzen eines kleinen Kindes. Und der ist heilig? Dieser Raufbold, dieses Großmaul! Dieser Kindskopf – aber eben auch: dieses reine kindliche Gemüt.

Maria passt da schon besser. Die fügt sich immer in das, was passiert. Was Gott auch mit ihr vorhat, sie macht mit, ohne sich zu beschweren. Dabei ist sie blutjung, als wir sie in der Bibel kennenlernen. Aber sie hat keine Flausen im Kopf. Gott wird schon wissen, wie’s weitergeht, denkt sie. Und geht mit.

Ja, Maria ist ganz bestimmt so, wie man sich Heilige allgemein vorstellt: demütig und sanft. Na ja, denke ich: Das ist auch das Bild, was man sich jahrhundertelang von Frauen gemacht hat. Aber langsam: die Heiligenfigur, die ich da neulich gesehen habe, die hatte den Teufel fest unter ihren Fuß geklemmt. Der hatte keine Chance mehr!

Und Petrus, der ist ja auch mit Jesus überall hin mitgegangen. Na ja, er hat es wenigstens versucht. Hat halt nicht immer und nicht immer auf Anhieb geklappt. Aber am Ende dann schon.

Vielleicht waren die beiden einfach nur sehr unterschiedlich, Petrus und Maria? Ganz unterschiedliche Typen? Könnten sie dann nicht für uns als Vorbild dienen? So unterschiedlich, wie auch wir sind?

Wir Menschen lernen ja durch Abgucken und Nachmachen. Ein kleines Kind guckt ganz genau, was Mama und Papa und die anderen Erwachsenen tun. Und vor allem die großen Geschwister, die sind fast noch interessanter! Könnten Petrus und Maria nicht so etwas wie große Geschwister für uns sein? Petrus wäre ein ziemlich draufgängerischer und großmäuliger großer Bruder. Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck! Und Maria wäre eine sehr sanftmütige und geduldige große Schwester. Aber auch eine sehr starke und mutige. Eine, die immer dranbleibt. Die sich nie beirren lässt.

Es gibt noch viele andere Figuren in der Bibel, die solche Vorbilder sein können. Menschen, von denen wir uns etwas abgucken können. Und natürlich gibt es die nicht nur in der Bibel. Die gibt es überall. Zuerst sicher in der eigenen Familie. Ich denke an meine Mutter, die mir die Geschichten aus der Bibel eröffnet hat. Meinen Vater, der mir schöne Kirchen gezeigt hat. Auch die, in der ich gerade wieder die Heiligenfiguren gesehen habe. Meine Oma, die mich immer zum Abschied gesegnet hat. Meinen Patenonkel, der mir zur Taufe ein wunderschönes Marienbild geschenkt hat. Der war übrigens auch evangelisch! Und das Bild hing dann über meinem Bett.

Diese Menschen haben mir von ihrer Hoffnung erzählt. Mir von ihrem Vertrauen abgegeben. Diese Erinnerungen sind mir wirklich heilig. Und ich bin noch vielen anderen Heiligen begegnet in meinem Leben. Menschen, die sich selbst nie für Heilige gehalten hätten. Aber die es gewesen sind. Für mich und für andere.

Manche von denen hatten es selbst nicht leicht. Die hätten allen Grund gehabt, sich zu beklagen. Aber ihre Hoffnung und ihr Gottvertrauen waren stärker. Darauf haben diese Menschen gebaut und weitergemacht. Sich nicht zurückgezogen. Sie sind einfach da gewesen, wenn sie gebraucht wurden. So haben sie es geschafft, dass jemand wieder lächeln konnte, unter den Tränen. Dass jemand wieder den Kopf heben und nach vorne blicken konnte. Dass sich jemand einfach nur gefreut hat, am Leben zu sein.

Das sind für mich Heilige. Vorbilder, ein großer Bruder, eine große Schwester. Jemand, der ein Stück mehr vom Weg sieht. Der eine Hand reicht. Der einen Arm um einen legt. Der seine Schulter anbietet, an die man sich lehnen kann.

Ich meine: Wir alle können solche Heiligen sein. Sie und ich. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Feiertag Allerheiligen!

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31OKT2021
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Musik

Was für ein Elend! „Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren.“ Und sogar: „Ich fiel auch immer tiefer drein …“ Gibt es denn keine Rettung? Es ist der Ton des Apostels Paulus, den das Lied hier anschlägt. Im Römerbrief schreibt Paulus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“ Paulus weiß es schon: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“
Diese Einsicht des Apostels hat Martin Luther vor einem halben Jahrtausend wiederentdeckt. Von ihm stammt dieses Lied. Wir Menschen haben uns so tief in die Sünde verstrickt – nur noch Gott selbst kann uns da heraushelfen. Gott schickt seinen Sohn zu uns. An den müssen wir uns halten, das ist unsere einzige Chance.

Musik

Was für ein Elend: Das hat der Mönch Martin Luther auch gedacht, wenn er die Kirche seiner Zeit gesehen hat. Die hatte sich weit entfernt von ihren biblischen Ursprüngen. Mit dem Aberglauben und der Leichtgläubigkeit der Menschen ließen sich Geschäfte machen. Luther war zutiefst davon überzeugt: Das muss sich ändern!
Wie sich die Geschichte der Kirche über die Jahrhunderte weiter entwickelt hat – ich bezweifle, dass all das in Luthers Sinn war. Aber das haben wir von ihm gelernt, Evangelische wie Katholische: die Freude am Glauben. Die Freude darüber, dass Christus uns zum Leben befreit hat. Dazu lädt uns Luther ein. Denn so fängt sein Lied eigentlich an: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“.

Musik

Wie ich mich auch abstrampele: Ich bleibe als Mensch in meinen Grenzen. Da nimmt Luthers Lied mich mit in den Himmel. Der erbarmt sich über die Erde, erzählt Luther. Bevor die Erde zur Hölle wird, greift der Himmel ein. Ein veralteter Gedanke? Vielleicht. Aber eigentlich hoch aktuell. Eine Blue Note in der Marschmusik unserer gehetzten Leistungsgesellschaft. Ich komme zur Ruhe. Ich atme durch. Der Himmel öffnet sich. Jesus selbst hilft mir zum Leben. Da soll ich wohl fröhlich springen!

Musik

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Musiktitel 1: Walter, Johann; Luther, Martin; Nun freut euch, lieben Christen g’mein (5 Singstimmen, Renaissanceensemble) Interpreten: The PlayfordsLuther tanzt.
Musiktitel 2: Nun freut euch, lieben Christen g’mein, Another kind of faith; Luther, Martin; Luther, Martin; ... Ekkehard Wölk Trio
Musiktitel 3: Luther, Martin; Vanselow, Stefan, Nun freut euch, lieben Christen gmein
Interpreten: Bresgott, Klaus-Martin; Athesinus Consort BerlinLuthers Lieder.
Musiktitel 4: wie 3

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22AUG2021
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Musik

An den Treffen der ökumenischen Kommunität von Taizé nehmen jährlich Zigtausende Christen teil. Vor allem junge Menschen aller Konfessionen und aller Sprachen. Die Lieder aus Taizé sind gesungene Gebete. Meist ist es nur ein kurzer schlichter Satz. So wie in dem Lied, das ich Ihnen heute vorstellen möchte: „Im Dunkel unsrer Nacht entzünde das Feuer, das nie mehr verlischt, niemals mehr verlischt.“ – „Dans nos obscurités, allume le feu qui ne s’eteint jamais.“  Das wird viele Male wiederholt, ruhig und leise, mit Variationen der Besetzung.

Musik

Die bekanntesten Taizé-Gesänge stammen vom französischen Komponisten und Organisten Jacques Berthier. So auch „Im Dunkel unsrer Nacht“. Der Text geht zurück auf Teresa von Ávila, die große spanische Mystikerin des 16. Jahrhunderts. Verschiedene Bibelverse werden von Solisten gesungen und nehmen das Thema des Gemeindegesangs auf:

Musik

„Jesus sagt: Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer zu entzünden!“ Das Feuer, von dem das Lied erzählt, das Feuer, das nie mehr verlischt, das ist die Flamme der Hoffnung, die von Gott ausgeht. Von dieser Hoffnung und Stärkung erzählt auch die Pfingstgeschichte: „Zungen wie von Feuer ließen sich auf jedem von ihnen nieder.“

Musik

In dunkle Erfahrungen des Lebens hinein singt das Lied von dem Feuer, das niemals mehr verlischt. Dieses Feuer zündet Gottes Liebe in den Herzen der Menschen an. Aus diesem Feuer hat Jesus gelebt, es hat in ihm gebrannt. Und es ist bis heute nicht erloschen. Denn dieses Feuer entzündet immer wieder Flammen in Menschen: Flammen der Hoffnung, des Vertrauens.
Jesus hat mit seinen Jüngern gebetet. Wahrscheinlich haben sie auch gesungen. Wenn Menschen die Gesänge aus Taizé anstimmen, halten sie ihre eigene Flamme am Brennen und Leuchten. Sie folgen Jesu Auftrag und tragen das Feuer von Gottes Liebe weiter.

Musik

Die Flamme springt über. Immer neue Menschen lassen sich anstecken von dieser wärmenden Hoffnung, diesem gesungenen Vertrauen. Taizé selbst ist solch ein Zeichen der Hoffnung. Seit 80 Jahren kommen Menschen hier friedlich zusammen und vereinigen sie sich im gesungenen Gebet.

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Musikangaben:
Jacques Berthier: Dans nos obscurités, Chor der Gemeinde von Taizé

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01AUG2021
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„Streitet euch nicht!“, sagte meine Oma immer. Was muss sie oft gelitten haben! Mein Opa und ich, wir waren richtige Streithammel. Wir haben einander sehr geliebt. Aber heftig diskutiert! Die Atomkraft. Und erst die Atomraketen! Von Windenergie und von der Friedensbewegung hielt mein Opa wenig. Freundlich ausgedrückt. Er hat Helmut Schmidt verehrt, den Bundeskanzler damals. Ich war mehr für die ganz neue Partei, die sich gerade gegründet hatte: die GRÜNEN.

Rund 40 Jahre ist das jetzt her. Meine Großeltern leben schon lange nicht mehr. Doch mein Opa und ich: Wir könnten heute nahtlos anknüpfen an unsere Streitgespräche von damals. So viel hat sich eigentlich nicht geändert. Heute streite ich mich mit anderen über dieselben Themen. Und manchmal sagen dann andere, so wie damals meine Oma: „Streitet euch nicht!“

Für die, die dabeisitzen, ist das manchmal wirklich sehr anstrengend: Da kriegen die beiden sich schon wieder in die Wolle! Immer über dieselben Themen!

Auf der anderen Seite: Manchmal braucht es den Streit. Sollen alle immer nur schweigen und ihre Meinung für sich behalten? Aber können verschiedene Meinungen immer nur friedlich nebeneinander herlaufen? Meinungen vielleicht noch. Aber irgendwann wird es ja konkret. Dann geht es zum Beispiel um die Frage, wo die Windräder hinkommen. Ob wir überhaupt welche brauchen. Da, wo ich lebe, im Hunsrück: da stehen schon eine ganze Menge davon. Seit Jahren. Woanders gar keine. Aber Strom wird überall gebraucht. Windräder machen auch Probleme. Aber sie sind gut fürs Klima. Wie soll man da eine Lösung finden, wenn man nicht darüber streitet? Ist der Streit nicht sogar nötig? Aber wie streitet man richtig?

Mein Opa und ich, wir haben ja nicht nur gestritten. Wir haben viele großartige Dinge zusammen gemacht. Ich erinnere mich gerne an ihn. Auch an den Streit übrigens. Ich fand das toll, wie er sich mit mir ins Gefecht gestürzt hat. Ich hab mich ernst genommen gefühlt. Ich wusste immer: das ist mein Opa. Der ist so stolz auf seinen Enkel. Auch wenn der keine Ahnung hat, wie man ein Industrieland mit Energie versorgt. Und vor Angriffen schützt. Fragen übrigens, die immer noch nicht geklärt sind. Und auf die es auch nicht nur eine Antwort gibt. Da brauchen wir noch viele Diskussionen. Und – ja: auch Streit.

Streit gibt es aber doch erst, wenn Menschen etwas gemeinsam haben. Wenn mir jemand egal ist, warum und worüber sollte ich mit dem streiten? Ich streite mich mit Menschen, mit denen ich zusammen lebe. In der Familie. Oder im Ort, im Land. Wir sind aber verschieden. Wir haben verschiedene Interessen und Erfahrungen. Da geht es oft nicht ohne Streit.

Es gibt natürlich Menschen, die legen sich einfach mit jedem an. Die haben vielleicht eigene Probleme. Aber der Streit, den ich jetzt meine, bei dem geht es um gemeinsame Probleme. Und ein gemeinsames Ziel. Wie jetzt bei dem Streit um Katastrophenschutz. Wir wollen alle, dass so etwas Schreckliches wie die Hochwasserkatastrophe nicht passiert. Und wenn die Katastrophe nicht mehr vermieden werden kann, dann sollen möglichst keine Menschen dabei ums Leben kommen. Dieses Ziel liegt hinter dem Streit. Da wollen wir gemeinsam hin. Und da werden wir hinkommen – wie heftig wir auch diskutiert haben.

Damit das funktioniert, können Regeln helfen. Wie bei einem Wettkampf. Ein Streit ist doch eigentlich auch nichts anderes als ein Wettkampf. Beim Fußball gibt’s auch Regeln – zum Beispiel, was ein Foul ist. Ein typisches Foul im Streit sind Sätze, die fangen so an: „Du hast aber …!“ – „Und du machst immer …!“ Am besten noch mit ausgestrecktem Zeigefinger! Da wird der andere ganz rasch zum Feind. Dabei ist er doch eigentlich ein Gesprächspartner!

Fairplay im Streit kann man lernen. Das ist nicht leicht. Und es braucht viel Übung. Aber das ist beim Sport ja nicht anders.

Das Ziel hinter dem Streit, das Ziel, zu dem diese Streitregeln passen: das würde ich einfach „Frieden“ nennen. Aber was ist Frieden?

Auf Hebräisch, der ersten Sprache der Bibel – da heißt Frieden „Schalom“. Aber Schalom, das ist noch viel mehr als Frieden. Das heißt: es ist heil, es ist ganz, alles ist gut. Schalom wäre eigentlich der Himmel auf Erden. Keine Wünsche bleiben offen. Alle Streitfragen sind beantwortet. Da kommen wir wohl nie ganz hin. Aber dahin können wir unterwegs sein. Und der Weg, der muss zu dem Ziel passen.

Also kein Streit? Hatte meine Oma doch recht? Nun: wir müssen aufpassen auf unseren Streit. Dass es ein Streit um die richtige Lösung ist. Ein Streit um den besseren Weg. Und ein Streit, den wir einfach brauchen, damit alle zu Wort kommen. Schweigen um des lieben Friedens willen: das ist keine Lösung. Dann wird irgendwo entschieden, aber es ist bestimmt nicht alles berücksichtigt worden. Ohne Streit kommen wir meist nicht voran. Wo verschiedene Menschen zusammenleben. Mit verschiedenen Bedürfnissen, verschiedenen Erfahrungen.

„Streitet euch nicht“? Nein: Streitet euch. Aber richtig. Nämlich friedlich.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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13JUN2021
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Treue in der Liebe ist den meisten Menschen immer noch sehr wichtig. Das bestätigen Umfragen immer wieder. Schon unter Jugendlichen. Da passt doch ein Loblied zur Treue.

Musik

Gottes Treue hüllt uns jeden Morgen neu in den Mantel seiner Liebe. Gott bleibt treu. Darauf kann ich Mensch mich verlassen. Ich werde nicht bloßgestellt. Ich bin wie in einen warmen Mantel gehüllt. Treue ist keine Schönwetterangelegenheit. Verlässlichkeit brauche ich gerade, wenn sonst vieles unsicher ist. So wie einen Mantel gegen die Kälte.
Das Lied nimmt Worte aus der Bibel auf: „Gottes Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.“ Diese Worte stehen in einem Klagelied. Ein jüdischer Beter stimmt es auf den Ruinen seiner Heimatstadt Jerusalem an. Mitten in der Zerstörung vertraut er darauf: Gott bleibt seiner Liebe treu!

Musik

„Gelobt sei deine Treu, die jeden Morgen neu uns in den Mantel deiner Liebe hüllt.“ Der Jugenddiakon Gerhard Fritzsche hat das 1938 geschrieben. Mitten in der Unrechtszeit des Nationalsozialismus hat er Worte aus der jüdischen Bibel aufgenommen. Worte über Gottes Treue. Der junge Dorfschullehrer Johannes Petzold schrieb die Musik dazu. Als Parteimitglied war er in das Unrecht verstrickt, das zu Mord und Zerstörung führte. Hatte er Gottes Treue damit verwirkt? Und andere haben Gott die Treue gehalten. Warum sind sie dennoch untergegangen?
Auf diese Fragen gibt es wohl nur persönliche Antworten. Der Dichter kam nicht aus dem Krieg zurück. Der Musiker mit einer schweren Tuberkulose, arbeitsunfähig. Chöre aus dem ganzen Land haben ihn in dieser Zeit unterstützt. Eine Erfahrung von Gottes Treue. Mitten in Schuld und Irrtum.

Musik

„Mit der güldnen Welle des Lichts nimmst du das Ungemach.“ In einem Gemach kann man wohnen. In Ungemach kann man sich nicht gut einrichten. Ungemach: das können Krieg und Diktatur sein, Irrtum und Unrecht. Oder eine Pandemie. Persönliches Leid: die wirtschaftliche Existenz ist bedroht. Die Familie zerbricht. Geliebte Menschen sterben.

Vielleicht bin ich im Ungemach versucht, zu resignieren. Da lässt der Morgen goldenes Licht auf mich fallen. Ich richte mich auf und hoffe. Ich vertraue auf Gottes Treue. Gelobt sei Gottes Treu!

Musik

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Gelobt sei deine Treu (nL+ 141 / EG RWL 681 / EG Wü 665)

Musiktitel 1:
Petzold, Johannes; Fritzsche, Gerhard;Gelobt sei deine Treu für Chor a cappella  Das Solistenensemble; Schnitter, Gerhard
Ja, ich will euch tragen – Jochen Klepper und seine Zeitgenossen. Track 2

Musiktitel 2:
Petzold, Johannes; AGvH Jazz Sextet, AGvH Jazz Sextet, Confessions-Bekenntnisse. Track 9

Musiktitel 3: wie 1Strophe 3
Musiktitel 4: wie 2
Musiktitel 5: wie 1

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02MAI2021
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Das wird ein stiller Frühling, habe ich erst gedacht. Nicht wegen der Vögel. Ich glaube, die singen sogar mehr als sonst. Aber wegen der Menschen. In den Gottesdiensten darf die Gemeinde immer noch nicht singen. Und richtige Konzerte gibt es auch noch nicht. Letztes Jahr wurde von den Balkonen gesungen. Vielleicht hatten wir da noch mehr Hoffnung und mehr Geduld.

Aber nun wird es doch kein stiller Frühling. Dafür sorgt meine alte Nachbarin. Die hat auch schon lange vor Corona vom Balkon gesungen. Am liebsten ganz früh morgens. Wenn sie ihre Wäsche aufhängt. Was sie genau singt, verstehe ich nicht. Wenn es Worte sind, dann sind sie auf Russisch. Aber meistens singt sie einfach ohne Worte. Sie hat eine wunderschöne, warme Stimme. Und ich höre, dass es ihr gerade gut geht. Sicher tut hier und dort was weh. Wenn ich sie auf der Straße treffe, dann geht sie eher langsam. Aber mit einem Lächeln. Dann lächele ich auch. Und das tue ich auch, wenn ich sie singen höre. Dann ist es, als ob der ganze Morgen lächelt!

Erwachsene Menschen singen ja selten einfach so in der Öffentlichkeit. Meine Nachbarin ist da eher eine Ausnahme. Bei Kindern erlebe ich das häufiger. Manchmal treffe ich auf der Straße so ein singendes Kind. Manche Kinder singen auf langen Autofahrten vor sich hin. Als ich klein war, habe ich das auch getan. Aber ich habe auch schon mal singende Erwachsene auf der Straße getroffen.

Manche finden das eher komisch. Vielleicht sogar befremdlich. Aber ich finde es schön. Mir geht es dann gut. Auch wenn ich vorher gehetzt und gestresst war. Oder wenn mich eigentlich etwas belastet. Der Mensch, der da singt, dem geht es gut. Und er möchte etwas davon teilen. Mit mir, mit allen, die zufällig vorbeikommen und es hören. Vielleicht auch mit den Vögeln. Oder mit den Hunden, die auch vorbeikommen. Der Katze, die über die Straße läuft. Den Wespen und Schmetterlingen.

Ich glaube, so spricht Gott zu der Welt! In einer Sprache, die alle verstehen können. Wahrscheinlich sogar die Hunde und die Wespen. Gott singt. Durch eine alte Frau oder einen kleinen Jungen. Das selbstvergessen spielende kleine Mädchen. Den lustigen Mann, der ein, zwei Takte aus einem fröhlichen Lied schmettert. Einfach so, in der Fußgängerzone. Gott singt, und die Welt lächelt.

Ja, ich glaube wirklich, das ist die Sprache Gottes. So teilt Gott etwas mit. Wenn ich jemanden singen höre. Oder wenn ich selbst singe. Ich kenne auch Menschen, die spielen so Geige. Dass es so klingt wie Gesang. Das geht auch mit einer Gitarre. Oder mit einer Flöte oder einer Orgel.

Ich erzähle Ihnen das heute, weil heute ein besonderer Sonntag ist. Manche Sonntage haben Namen. Meistens sind das lateinische Namen. Latein war früher die Sprache der Kirche. Der Sonntag heute heißt „Kantate“. Auf Deutsch: „Singt.“

Mit diesem Wort fängt ein Psalm an, ein Gebet aus der Bibel: „Singt dem HERRN ein neues Lied!“ Das wird heute im Gottesdienst gebetet.

Die Menschen sollen singen, jubeln und Musik machen. So heißt es weiter in diesem Psalm. Ja, sogar das Meer soll vor Freude brausen. Die Flüsse sollen in die Hände klatschen. Und die Berge sollen jubeln. Ein total fröhliches Gebet ist das!

Aber jetzt zögere ich einen Moment. Kann ich einstimmen in diesen Jubel? Kann ich auch so fröhlich singen? Ich kenne viele Menschen, denen ist gar nicht mehr nach Singen zumute. Und manchmal bin ich selbst so voller Sorge oder traurig. Aber sogar dann kann mich Musik aufmuntern oder wenigstens erleichtern.

Es gibt ganz viele tröstliche Lieder. Auch auf Beerdigungen wird ja normalerweise gesungen. Im Moment halt von einer CD. Aber ganz ohne Musik geht es für die meisten Menschen nicht.

Ich bin mir wirklich sicher: Musik ist die Sprache Gottes. Bestimmt nicht die einzige. Aber diese können die meisten Menschen am besten verstehen. Damit können sie ihr Glück und ihr Leid ausdrücken. Wer Musik macht, der sagt weiter, was Gott sagt. Auch wer auf dem Balkon oder auf der Straße singt.

Darum mache ich mir heute auch Sorgen um die Musiker. Um die Menschen, die davon leben, dass sie Musik machen. Für uns alle. In Chören, Orchestern, Kapellen. Oder allein. Ich hoffe sehr, dass wir bald wieder richtig Musik machen und hören können. Und ich hoffe, dass die Musiker wirtschaftlich überleben. Dafür ist das Radio wichtig. Aber dafür brauchen wir auch wieder Konzerte. Musik im Rundfunk oder im Internet: das ist gut. Aber lebendige Musik ist besser.

Vielleicht kennen Sie jemanden, der Musik macht. Vielleicht machen Sie selbst Musik. Sagen Sie bitte weiter: Musik ist die Sprache Gottes. Wenn Gott uns etwas sagen will, dann lässt er jemanden singen. Darum brauchen wir die Musik so dringend. Und darum freue ich mich schon darauf, wenn ich wieder im Gottesdienst singen darf. Mit allen zusammen.

Und heute passe ich genau auf, was Gott mir mitteilt. Durch meine Nachbarin, oder durch wen auch immer. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

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04APR2021
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Woran erkennt man Ostern? An den Osternestern für die Kinder? Den blühenden Sträußen mit bunten Eiern? Der Musiker Hans-Jürgen Hufeisen und der Theologe Jörg Zink finden: Ostern ist ein Tanz. Ein Tanz, den der auferstandene Christus mit der ganzen Welt tanzt. So klingt das Lied, das sie dazu geschrieben haben:

Musik1: Wir stehen im Morgen

„Wir stehen im Morgen“: so beginnt das Lied. Die Ostergeschichte im Johannesevangelium sagt genauer: „Frühmorgens, als es noch dunkel war“. Da geht Maria von Magdala zum Grab und findet es leer. Verstört läuft sie fort und trifft Petrus und einen weiteren Jünger. Auch die sehen nur das leere Grab und lassen Maria wieder allein. Sie sieht einen Mann, den sie für den Gärtner hält. Weinend fragt sie ihn, ob er Jesus weggebracht hätte. Erst als der Mann sie mit Namen anspricht, erkennt sie ihn: Es ist Jesus.

„Erstanden ist Christus. Ein Tanz setzt ein. Ein Tanz, der um Erde und Sonne kreist. Ein Tanz, der uns alle dem Tod entreißt“:

Musik 2

In diesem Jahr brauchen viele Menschen Zeit, bevor sie diesen Tanz mittanzen können. So wie Maria von Magdala Zeit gebraucht hat. Zögernd, tastend, belastet vom Schmerz, niedergedrückt von der Trauer. In der Geschichte im Evangelium ist es zunächst noch dunkel. Erst langsam wird es Ostern, weichen die dunklen Schreckbilder, entrinnt man dem Totentanz der Angst. Doch dann: „Wir lachen dir frei in dein Angstgesicht“ – so heißt es in dem Lied. „Wir lachen dich an – du bedrohst uns nicht.“

Auferstehung heißt jedoch nicht: Jetzt wird wieder alles wie früher. Jesus wehrt Maria Magdalena ab: „Halte mich nicht fest!“ Wer Ostern mittanzt, der lässt hinter sich, was war. Voller Vertrauen lässt er sich ein auf Gottes Liebe, die stärker ist als der Tod. Schritt für Schritt, zögernd, doch voller Hoffnung auf das Neue, das hier beginnt. Christus tanzt voran, die Menschen hinterher: „Wir folgen dem Christus, der mit uns zieht.“

Musik 3

Maria Magdalena bekommt schließlich von Jesus den Auftrag, weiterzuerzählen, was sie gesehen und gehört hat. Sie ist die erste Predigerin, die erste Zeugin des auferstandenen Christus. In neu gewonnener Sicherheit macht sie sich auf den Weg.
Es ist der Weg des Lebens. Die Spur, die das Leben mitten in der Welt des Todes legt. Dieser Weg macht tanzen. Auch in der Pandemie gilt der belebende Ostergruß: „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Musik4

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Musiktitel 1-4: Hufeisen, Jürgen; Zink, Jörg; Wir stehen im Morgen
Gesang: Alexa Ettwein, Hannelie Grabe – Jugendkantorei der Lutherana Karlsruhe
Klavierbegleitung: KMD Dorothea Lehmann-Horsch, Kantorin an der Lutherkirche
Aufnahme und Schnitt: Jörg Stumpp

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31JAN2021
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Sagen Sie mal: Wie stellen Sie sich eigentlich den Himmel vor?
Entschuldigen Sie, dass ich so ins Haus platze mit der Frage. Die meisten Menschen reden darüber ja nicht so viel. Der Himmel: na ja, das ist vielleicht irgendwann nach dem Tod. Kann ich mir nicht so richtig vorstellen, sagen viele. Wahrscheinlich ganz viel Licht.

Auf der anderen Seite kommt der Himmel in vielen Liedern vor. Meistens sind das Liebeslieder. Das passt. Himmel: das ist doch, wenn alles gut ist. Wenn sich alles so anfühlt, wie es sein soll. Himmlisch halt. Nichts fehlt. Himmel: das ist Glück pur. So oft haben wir das ja nicht.

Kann man denn dann nicht einfach im Himmel bleiben? Na ja, so einfach ist das leider nicht. Man kann ja auch nicht ein Leben lang verliebt bleiben. Ein Leben lang lieben – das schon eher.

Eine geheimnisvolle Geschichte in der Bibel erzählt davon, wie jemand einfach im Himmel bleiben wollte. Wie er da sogar ein richtiges Lager aufschlagen wollte. Das war Petrus. Petrus, der war ja schon ein ganz besonderer Jünger. So ein bisschen die rechte Hand vom Chef. Aber dabei so herrlich bodenständig!

So ist das auch in dieser Geschichte. Da hat Jesus den Petrus und die beiden Brüder Jakobus und Johannes mit sich auf einen hohen Berg genommen. Die drei waren unter den Jüngern so ziemlich die Wichtigsten.
Als sie oben auf dem Berg angekommen sind, da sind die wichtigsten Personen aus der jüdischen Glaubensgeschichte zu ihnen gekommen: Mose und der Prophet Elia. Die haben plötzlich neben Jesus gestanden und mit ihm geredet.

Und Petrus: der macht nicht lange große Augen, der spuckt in die Hände und packt an. Er schlägt Jesus vor: Lass mich Hütten bauen. Eine für dich und eine für Mose und eine für Elia. Damit die nicht gleich wieder verschwinden. Und damit wir auch für immer hier bleiben können. Hier ist es gut!

Petrus will das Glück festhalten. Für immer. Ich kann das gut verstehen!
Aber Petrus kommt nicht dazu, seine Hütten zu bauen. Jetzt erscheint eine helle Wolke, erzählt die Bibel, und daraus spricht eine Stimme und sagt über Jesus: Das ist mein lieber Sohn, der mir gefällt, auf den sollt ihr hören!

Die Stimme Gottes in der Wolke. Gut, die Geschichte spielt ja auch im Himmel. Aber die Stimme gibt tatsächlich einen Rat, wie man das Glück festhalten kann. Nicht Hütten bauen im Himmel, sondern: auf Jesus hören. Hier auf der Erde.

Man kann nicht ein Leben lang verliebt bleiben, habe ich eben gesagt. Aber ein Leben lang lieben – das schon eher. Das ist eine Frage der Einstellung. Und die kann ich von Jesus lernen. Wenn ich auf ihn höre. Wenn ich schaue, wie er das macht – so als Kind Gottes. Lernen, wie Glück geht.

Jesus hat sich nicht damit abgefunden, dass die Welt eben schlecht und unglücklich ist. Voller Vorurteile und Hass. Mit Gräben zwischen den Menschen.

Gerade über solche Gräben hat Jesus sich besonders gern hinweggesetzt. Und für die Menschen, die das erlebt haben, für die ist richtig der Himmel auf die Erde gekommen! Zu denen, die überall am Rand standen. Die nichts zählten. Die von anderen verachtet wurden. Himmel für die Zöllner und Huren, für die Aussätzigen und Blinden, Himmel für die Armen, Mutlosen und Verzweifelten. Die Bibel erzählt viele Geschichten davon.

Petrus hat schließlich gut gelernt, das Glück zu finden und zu den Menschen zu bringen. Da kann ich gut von ihm lernen. Gerade, weil Petrus so menschlich ist. Das Glück festhalten! Dem Glück eine Hütte bauen, damit es nicht gleich wieder verschwindet! Natürlich funktioniert das so nicht. Jedenfalls nicht auf der Erde. Das Glück verschwindet – und kommt wieder, ganz wie es ihm passt.

Aber ich kann schon etwas davon festhalten. Für mich und für andere. Ich kann in meinem kleinen Bereich versuchen, das Leben besser zu machen. Für Frieden sorgen unter den Menschen um mich herum. Traurige trösten. Für Gerechtigkeit sorgen. Barmherzig sein mit denen, von denen man keinen Dank erwarten kann. Jesus hat einmal gesagt, so kann man selig werden – glücklich!

Ich kann das lernen. Ich kann das üben. Und dabei kann ich von Petrus lernen, spontan und selbstverständlich etwas völlig Irres, eigentlich Unmögliches zu akzeptieren. Einfach zu sagen: Hallo Himmel! Hallo Glück! Toll, was hier gerade abgeht! Hier bin ich genau richtig. Hier richte ich mich jetzt ein.

Und so wie Petrus seine Hütten nicht für sich, sondern für andere bauen will, so ist das Glück erst dann vollkommen, wenn man es zusammen genießen kann. Aber nicht irgendwo auf einem hohen Berg, irgendwo weit weg von unserer Welt. Sondern hier. In meiner Straße, in meinem Viertel, in meiner Stadt oder meinem Dorf. Da, wo ich nicht allein lebe, sondern mit anderen zusammen, mit anderen um mich herum. Und da kann ich nicht nur – da muss ich Hütten bauen für das Glück! Hütten, keine Paläste. Rasch was zusammenzimmern, damit das Glück noch ein bisschen bleibt. Und allmählich mehr wird.

Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Sonntag!

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10JAN2021
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Musik 1
Der Morgenstern ist aufgedrungen, er leucht‘ daher zu dieser Stunde.


Mit diesen Worten beginnt ein geistliches Lied aus dem 16. Jahrhundert. Ursprünglich war es ein Volkslied. Darin zeigte der aufgehende Morgenstern einem Paar an, dass es Zeit ist, das heimliche Liebeslager zu verlassen. Die Vögel singen schon.
Der evangelische Liederdichter Daniel Rump machte in seiner Neudichtung aus einer Nachtigall eine Schar Engel. Und den Morgenstern verstand er wie schon das Neue Testament als ein Bild für Jesus.

Musik 2

Dem Volkslied und dem Kirchenlied gemeinsam ist der Weckruf: Es wird Tag. Das Liebespaar darf sich nicht erwischen lassen. Der Dichter hat einige Zeilen wörtlich aus dem Volkslied behalten, doch ihnen eine neue Botschaft gegeben. Sein Weckruf ist keine Warnung, sondern ein fröhliches Aufrütteln: Werdet wach! Christus steht vor der Tür!

Eine spätere Überarbeitung fügte ein weiteres biblisches Bild hinzu: „Der Bräut’gam kommt, nun machet euch bereit!“ Es geht nicht nur darum, aufzuwachen, weil der Morgenstern aufgegangen ist. Sondern wach zu bleiben. Bereit für das Kommen Jesu.

Musik 3

Ein fröhlicher wachsamer Glaube – den wünsche ich mir gerade jetzt. Unsicherheit und Bedrückung können entmutigen. Persönliches Scheitern, Trauer – oder all die Ungewissheit und Bedrohung dieser nicht enden wollenden Pandemie: wo scheint in dieser Nacht ein Licht, wo ist Hoffnung, wo ist Aussicht darauf, dass es besser wird?

Da leuchtet der Morgenstern hell auf. Die Dunkelheit, die Orientierungslosigkeit – die ist nicht das letzte Wort. Wer auf das Licht Jesu schaut, der wird nicht in der Welt verloren gehen, der wird voller Vertrauen und Zuversicht auch in schweren Zeiten ruhig weitergehen und andere ebenfalls dazu ermutigen. Dieses Hoffnungslicht ist zum Weitergeben da.

Musik 4

Jetzt kommt fröhliche Aufbruchsstimmung in die Gemeinde Christi. Die Glieder sind noch schwer vom Schlaf, aus den Augen muss er noch herausgerieben werden. Doch am Himmel steht unübersehbar der Morgenstern.

Der Glaube, den dieses Lied besingt, schaut nach vorne und gibt Zuversicht. Noch kenne ich den Weg nicht, weder meinen eigenen noch den der Welt. Aber ich kenne das Ziel – es ist paradiesisch. Ich bin noch lange nicht da. Aber der Stern leuchtet mir den Weg.

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Musikangaben

Musiktitel 1:
Praetorius, Michael; Rumpius, Daniel; Der Morgenstern ist aufgedrungen. Choralbearbeitung für Orgel, Interpret: Hagner, Martin
Aphorismen, Intonationen und Choralvorspiele zu 67 bekannten Liedern des Evangelischen Gesangbuchs.

Musiktitel 2:
Praetorius, Michael, Interpreten: Rundfunkchor Berlin; Halsey, Simon; Der Morgenstern ist aufgedrungen. Für vierstimmigen Chor a cappella; In dulci jubilo. Deutsche Weihnachtslieder aus fünf Jahrhunderten

Musiktitel 3: wie 2

Musiktitel 4: wie 2

Musiktitel 5: wie 2

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22NOV2020
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„Somewhere over the rainbow“ – irgendwo hinter dem Regenbogen liegt ein wunderbares Land. Wenn ich dieses schöne Lied auf einer Beerdigung höre, dann denke ich immer: Was soll ich noch viele Worte machen. Dies Lied drückt es so viel besser aus.

Wenn Sie mich fragen würden, ob ich weiß, was nach dem Tod kommt – dann müsste ich natürlich passen. Ich weiß es nicht. Keiner weiß es. 

Aber ich glaube: Unser Herz weiß es. Und unsere Seele. Auch wenn kluge Leute jetzt vielleicht die Nase rümpfen. Wenn ich am Sarg eines Menschen stehe, den ich geliebt habe, dann hilft mir nichts Kluges. Keine Wissenschaft, keine Philosophie, nicht einmal Theologie. Aber dann hilft mir vielleicht ein Lied. Eins, das auf der ganzen Welt seit Jahrzehnten gesungen wird. Mit Bildern, die keiner Wissenschaft standhalten. Aber die das Herz und die Seele ansprechen. So dass alle Sorgen schmelzen wie lemon drops, wie Zitronenbonbons. Ein süß-saurer Bonbon, der auf der Zunge schmilzt.

Dieses Lied nimmt mich an der Hand und führt mich aus der traurigen, dunklen Wirklichkeit des Abschieds in ein Traumland. Somewhere over the rainbow way up high – irgendwo weit da oben, hinter dem Regenbogen – there's a land that I heard of once in a lullaby – da liegt ein Land, von dem ich einmal in einem Schlaflied gehört habe.

Schlaflieder, die singt man Kindern vor. Aber meine Mutter hat meinem Vater am Sterbebett auch immer eins vorgesungen. Ein altes, das sie noch von ihrer Mutter gekannt hat. Ein Schlaflied ist durchaus etwas, das ich auch als erwachsener Mensch ernst nehmen kann. Vielleicht weiß es mehr als die erwachsene Klugheit. Denn was ich für Kinder singe, muss viel mehr leisten. Kinder haben viel mehr Angst und Unsicherheit als Erwachsene. Was kann sich nicht alles im nachtdunklen Zimmer verstecken! Schreckliche Wesen, die einen mitnehmen. Schlafen, das ist für ein kleines Kind nicht Ruhe, sondern Alleinsein im Dunkeln. Das ist wie Sterben.

Da kommt das Schlaflied zum Einsatz. Das lullaby, wie es auf Englisch so schön und sanft heißt. Das Lied besiegt die dunklen Mächte, die Angst, die Finsternis. Es bringt Sicherheit zurück. Es ist jemand bei mir. Das muss ein Kind hören. Das muss ein Sterbender hören. Das müssen auch die hören, die einen lieben Menschen ins Dunkel abgeben mussten. Ins Nichts, das keiner kennt.

Doch, du kennst es, versichert das Lied dem Herzen und der Seele. Es ist ein wunderbares Land. Da oben hinter dem Regenbogen. Du kennst es so gut. Du setzt deinen Fuß hinein und kennst dich sofort aus. Da ist Glück, da ist Liebe, da wird alles gut.

Der Regenbogen hat Menschen schon immer in seinen Bann gezogen. Ziemlich am Anfang der Bibel, da kommt er auch vor, in der Geschichte von der Sintflut. Die Menschen haben sich entsetzlich auf ihren falschen Wegen verirrt. Es ist immer schlimmer geworden. Da hat ein gewaltiger Regen alles ausgelöscht. Vierzig Tage lang. Nur eine Familie und einige Tiere haben überlebt, in dem großen Kasten, der Arche, die Noah gebaut hat. Aber irgendwann war der Regen vorüber, das Wasser ist gesunken. Vorsichtig treten die Menschen und Tiere auf die Erde. Da sehen sie einen großen Regenbogen. Und sie erfahren, dass Gott diesen Bogen als Erinnerungszeichen benutzt – für die Menschen, aber auch für sich selbst. Solange dieser Bogen da ist, wird alles gut. Die Welt geht nicht unter.

Nun, ich kenne Menschen, für die ist die Welt untergegangen. Und ich denke heute an die Menschen, die in diesem Jahr wegen der Pandemie nicht Abschied nehmen konnten wie sonst. Das ist eine graue und dunkle Wirklichkeit. Doch irgendwo hinter dem Regenbogen, sagt das Lied, irgendwo da liegt ein wunderbares Land. Dieses Land steht nicht zu meiner Verfügung. Es ist weit weg. Und doch in meinem Herzen ganz nah. Die Farben dieses Zauberlands färben alles Graue und Dunkle. So wie der Regenbogen am stärksten vor schwarzen Wolken leuchtet. Es ist ein wundervoll leuchtender, bunter Traum

In den evangelischen Kirchen werden heute die Namen der Menschen vorgelesen, die in den letzten zwölf Monaten gestorben sind. Sie sind tot, aber sie haben immer noch einen Namen. Er wird in der Kirche vorgelesen, er steht auf dem Kreuz oder auf dem Grabstein. Diese Namen sind nicht Schall und Rauch. Die Menschen dazu haben sich nicht in grauen Nebel aufgelöst. Meine Gefühle begleiten sie, über das Dunkel hinaus, dorthin, wo der Regenbogen leuchtet, und noch weiter. Dort liegt ein Land, das ich als Kind gekannt habe – bevor ich Worte hatte, um es zu benennen.

An der Schwelle zu diesem Land muss ich jetzt Abschied nehmen. Doch die Weisheit des Herzens und die Kraft der Seele, die wissen von diesem Land. Sie wissen, dass kein Abschied einer für immer ist. Mit diesem Wissen kann ich die Augen schließen. So wie ich sie als Kind geschlossen habe, wenn das Schlaflied alles um mich herum in Sicherheit und Geborgenheit verwandelt hatte. Jetzt leuchtet der Himmel, und alles wird gut.

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