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22OKT2021
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„Wie herrlich ist es nichts zu tun und dann vom Nichtstun auszuruh’n.“ Eine Kalenderblattweisheit. Sie war auf unserem Tischkalender und hat zur morgendlichen Erheiterung beigetragen.
Kinder können das irgendwie noch: einfach mal unbeschwert in den Tag hinein leben und nichts tun. Also nichts, was irgendwie gerade verlangt wird, was auf der To-Do-Liste steht, was irgendwie zwingend nötig ist. Kinder machen manchmal einfach das, was sie tun wollen.

Da werden die Hausaufgaben unterbrochen und draußen wird gegen den Ball getreten und um sich vom Fußball zu erholen, noch auf dem Trampolin gesprungen. Da wird das Aufräumen des Zimmers in Etappen eingeteilt, frei nach dem Motto: Ist die eine Ecke des Zimmers ordentlich, kann ich doch dort wieder dort was spielen.

Nichtstun, unbeschwert in den Tag hinein leben Das würde ich auch so gerne wieder können. Irgendwie habe ich das verlernt. Die Pflicht geht immer vor: da ein Anruf, dort die Ablage, die Spülmaschine muss ausgeräumt werden und die Bügelwäsche wird auch nicht weniger. Das eine geht in das andere über. Manchmal komme ich mir vor wie in einem Hamsterrad. Zur Ruhe komme ich einfach nicht. Das ist schade. Denn so wurde laut biblischem Schöpfungsbericht extra ein Ruhetag für den Menschen geschaffen. Ein Tag, um Nichts zu tun.

„Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn zu einem heiligen Tag. Denn an diesem Tag ruhte Gott aus von all seinen Werken, die er geschaffen und gemacht hatte.“ (1. Mose 2,3)

Ausruhen, zur Ruhe kommen, runterfahren und mal abschalten. Ich bin froh, wenn mir das wieder gelingt. Das heißt nicht, dass ich nicht gerne meiner Arbeit nachkomme, sie sollte mir aber auch nicht über den Kopf wachsen. Sechs Tage Arbeit - das ist genug. Mehr geht eben nicht, meine Kraft ist begrenzt. Deshalb mache sonntags mal nichts und betrachte zufrieden das, was ich geschafft habe. Und schätze das auch wert.

Am siebten Tag zu ruhen. Das ist gut. Mal nichts zu tun, das hat doch was. Am besten ist es, ich fange übermorgen mal damit an. Denn ist herrlich, auch mal nichts zu tun.

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21OKT2021
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Dieses Jahr hat unser Kirschbaum keine Frucht gebracht. Das ging nicht nur uns so, sondern viele Leute aus dem Dorf haben unter leeren Kirschbäumen gestanden. Somit konnte ich die leeren Marmeladengläser nicht mit Kirschmarmelade füllen. Schade! Denn das hatte ich fest eingeplant.

Aber trotzdem sind die Gläser nicht leer geblieben. Denn auch, wenn es dieses Jahr keine Kirschen gegeben hat, so haben wir doch viele Brombeeren gepflückt. Dick und saftig, lecker und in großen Mengen sind diese an den Hecken gereift. So viele wie schon lange nicht mehr. Also habe ich Brombeergelee statt Kirschmarmelade in die Gläser gefüllt.

„Du tränkst die Berge von oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest. Du lässest Gras wachsen für das Vieh und Saat zu Nutz den Menschen, dass du Brot aus der Erde hervorbringst, dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz glänze vom Öl und das Brot des Menschen Herz stärke.“

So heißt es in der Bibel in Psalm 104. Und in diesem uralten Lied steckt eine Erkenntnis, die bis heute gültig ist: Es liegt nicht alles in unserer Hand. Auch wenn ich den Kirschbaum pflegen kann, ihn richtig schneide, alles mache, damit er gedeiht, so habe ich es nicht in der Hand, ob er viele Früchte trägt. Ich kann ihn vor Schädlingen schützen, aber ob er richtig bestäubt wird, kann ich nicht beeinflussen. Das ist einfach so. Es zeigt mir, dass ich meinen Beitrag leisten, aber nicht alles bestimmen kann.

Es liegt nicht alles in meiner Hand. Ich kann es nicht ändern, dass es dieses Jahr keine Kirschmarmelade gab. Aber es entlastet mich. Denn ich muss mich nicht um alles kümmern, ich bin nicht für alles verantwortlich.Das tut gut. Einfach mal was aus der Hand zu geben und nicht alles regeln zu müssen. Weil ich es auch nicht muss. Stattdessen kann ich hoffen, dass es trotzdem gut wird. Auch ohne mein Zutun. Vielleicht gilt das nicht nur für Brombeeren und Kirschen, sondern auch für so manch anderes in meinem Leben. Das es mich entlastet, wenn ich Verantwortung abgebe, nicht immer für alles zuständig bin. Und am Ende zu erleben: Es wird dennoch gut.

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20OKT2021
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„Wer spärlich sät, wird spärlich ernten. Und wer reichlich sät, wird reichlich ernten.“ (2. Korinther 9,6) Über diesen Satz habe ich mich vor kurzem ganz schön aufgeregt.

Der Satz steht in der Bibel beim Apostel Paulus: Man soll viel aussäen, also viel für andere tun, dann kann man auch viel ernten. Aber Paulus hat leicht reden! Ich möchte ja für meine Mitmenschen da sein, aber es gibt Tage, an denen kann ich nicht viel geben, weil ich nämlich nicht viel habe. Nicht viel an Geduld für andere, weil ich mit mir selbst unzufrieden bin oder, weil ich es selbst nicht so hinbekomme wie ich es möchte. Oder weil ich nicht so viel Zeit für meine Freunde habe, wie ich gerne hätte. Weil nämlich die Arbeit mich gut im Griff hat und ich gar nicht weiß wie ich alles schaffen soll. Dann kann ich nicht noch mehr geben. Also habe ich mich richtig über diese Aussage geärgert.

Dann habe ich den Bibeltext weitergelesen. Das hätte ich gleich tun sollen, denn dann hätte ich mir den Ärger erspart. Der Text geht nämlich so weiter: „Jeder soll so viel geben, wie er sich selbst vorgenommen hat. Er soll es nicht widerwillig tun und auch nicht, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Denn wer fröhlich gibt, den liebt Gott.“

Das macht doch alles viel mehr Sinn. Ich soll nur so viel geben, wie ich mir vorgenommen habe und wie ich geben kann. Das nimmt den ganzen Druck von mir. Ich kann nur geben, was ich habe und was ich entbehren kann. Ich kann mit meinen Freunden nur dann Zeit verbringen, wenn ich welche. Es bringt nichts, schnell noch einen Besuch einzuflicken, weil ich denke, ich müsste es tun. Viel besser ist es, ich sage meinen Freunden, dass ich gerade an meine Grenzen komme. Wenn ich wieder Kraft habe, dann nehme ich mir gerne Zeit für einen Besuch.

Das, was ich gebe, das soll von Herzen kommen. Dann mache ich es gerne. Wenn ich Zeit mit anderen teile, dann, weil ich es kann und weil ich es möchte. So macht es mir Freude, so geht es mir dabei gut. Dann springt diese Freude auf andere über. Es ist dann auch nicht wichtig, ob ich eine Stunde Zeit habe oder einen halben Tag. Hauptsache, es kommt von Herzen.

Dann passt es, dann säe ich reichlich und bekomme viel. Weil ich das, was ich gebe, gerne gebe. Dann ist die Menge egal, weil es von Herzen kommt.

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19OKT2021
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Wenn ich im Supermarkt an den Regalen langgehe, dann kaufe ich ganz oft noch ein paar Nüsse oder was Süßes ein. Nervennahrung, Nahrung für besonders stressige Momente. Momente, in denen ich an meine Grenzen komme oder irgendwie wieder Energie brauche. Dann knabbere ich ein paar Nüsse oder gönne mir ein Stückchen Schokolade. Danach geht es mir irgendwie besser. Eine kleine Belohnung für mich selbst, Nervennahrung: die bekomme ich im Supermarkt.

Was ich auch ganz oft brauche, das ist Seelennahrung. Nahrung für meine Seele, die mich aufbaut und stärkt, die mich motiviert und begeistert. Seelennahrung gibt es nicht einfach so, die kann ich mir nicht selbst besorgen und nebenbei in den Einkaufswagen packen. Sie wird mir geschenkt. Auf ganz vielfältige Weise. Durch ein Stück Kuchen, das mir die Nachbarin ganz unverhofft vorbeibringt, weil sie mir eine Freude machen möchte. Klar, der Kuchen ist Nervennahrung, aber das Bringen, das ist Nahrung für die Seele.

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Matthäus 4,11)

So heißt es in der Bibel. Ich brauche für mein Leben nicht nur das tägliche Brot, nicht nur Nervennahrung, sondern auch Seelennahrung. Die kann für jeden ganz anders sein. Die Nachbarin, die auf einen Kaffee vorbeikommt. Oder ein Treffen mit einem Freund am Nachmittag, einfach mal miteinander zu reden über Gott und die Welt und sich zuzuhören. Manchmal bekommt die Seele auch ganz unerwartet neue Kraft, wenn z.B. ein unangenehmes Gespräch ansteht: Ich möchte es eigentlich gar nicht führen, weil mein Gegenüber eine andere Meinung hat. Und dann zu merken: Wir sind anderer Ansicht und bleiben es auch. Aber trotzdem können wir gut miteinander umgehen. Seelennahrung.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Wort. Und wenn dieses auch noch von Gott ausgeht, übermittelt durch andere Menschen, dann wird auch die Seele gestärkt. Ganz vielfältig. Ein Stück Kuchen, überreicht mit den Worten „für dich“, ein Treffen, das guttut, weil man einfach sich versteht, ein Gespräch, das einen neuen Anfang ermöglicht.

Gute Worte sind noch viel besser als die Nüsse oder Schokolade im Einkaufswagen. Sie sind ein Geschenk, Nahrung für die Seele und tun einfach gut.

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18OKT2021
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„Vor Problemen kann man nicht davonlaufen“, so heißt es im Volksmund. Und das stimmt. Denn egal wie schnell ich laufe, die Probleme kommen mit. Egal, ob ich mich ablenke mit anderen Dingen, das Problem schwirrt in meinem Kopf herum. Vor Problemen kann ich wirklich nicht davonlaufen, denn wenn etwas problematisch ist, dann beschäftigt mich das, dann drehen sich meine Gedanken um genau diese Sache.

Mir hilft es dann, wenn ich über mein Problem rede. Leicht fällt mir das nicht immer. Manchmal ist es mir unangenehm, manchmal auch peinlich. Aber es hilft ja nichts: Ich muss meine Probleme anpacken. Das bedeutet: Ich muss das Problem erst einmal erkennen und dann nach einer Lösung suchen.

Wie gesagt: Mir hilft es, darüber zu reden. So stelle ich mich meinem Problem. Andere gehen es anders an, sie suchen gleich nach Lösungen, reden nicht viel, sondern handeln.

Wichtig ist: Weglaufen bringt nichts. Die Sorgen beiseite zu schieben und die Probleme nicht anzupacken, das führt zu nichts. Das haben auch fünf Freunde in der Bibel erlebt. Einer von ihnen war krank, er konnte nicht gehen. Die vier anderen haben beschlossen: Wir bringen unseren kranken Freund zu Jesus, der soll ihn heilen. Sie haben das Problem angepackt. Doch dann war der Weg zu Jesus blockiert. Zu viele Menschen standen vor dem Haus und in der Straße. Ein Durchkommen war nicht möglich. Doch die Freunde haben nicht aufgegeben. Auch vor diesem Problem sind sie nicht davongelaufen, sie haben eine Lösung gesucht. Über das Dach, das sie auch noch abdecken mussten, haben sie ihren kranken Freund zu Jesus gebracht.

Am einfachsten wäre es gewesen, umzukehren und zu sagen: Es hat nicht geklappt. Das nächste Mal versuchen wir es wieder. Aber nein. Für ihren Freund sind die vier Männer über sich hinausgewachsen. Sie haben vor Ort sich dem Problem gestellt und vor Ort eine Lösung gesucht.

Es stimmt, vor Problemen kann ich nicht davonlaufen. Um sie zu lösen, muss ich nicht gleich Dächer abdecken. Ich selbst packe meine Probleme an, indem ich über sie rede. Und das hilft mir schon ganz oft.

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30JUL2021
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„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste was es gibt auf der Welt.“ So hat vor vielen Jahren Heinz Rühmann gesungen. Weiter heißt es: „Ein Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt.“

Und er hat Recht. Es gibt so vieles auf der Welt, was schön und wichtig ist, was mir viel bedeutet und woran ich hänge, aber Freunde sind das Schönste, was es gibt auf der Welt. Gerade im letzten Jahr wurde mir das ganz deutlich vor Augen geführt: Ich brauche meine Freundinnen und Freunde wie die Luft zum Atmen.

Ich muss Freunde nicht ununterbrochen um mich haben, aber während der Coronazeit sind die Treffen doch wirklich viel zu kurz gekommen. Dafür ist mir aber gerade in dieser Zeit aufgefallen, wer ein echter Freund ist und für wen ich eine richtige Freundin bin.

Meine Freundinnen und Freunde nehmen mich so an wie ich bin. Sie kommen sogar mit meinen Macken klar. Und genau das ist toll, beeindruckend, liebenswert. Sie wissen, dass ich mich manchmal in Arbeit verzettele und dann vergesse mich zu melden. Das nehmen sie mir nicht krumm. Wenn ich mich aufrege, so können sie mit meinen Emotionen umgehen. Meine beste Freundin hat stets ein offenes Ohr für mich und mein bester Freund hat irgendwie auch immer Zeit, wenn ich ihn brauche. Da ist es egal, ob wir uns lange nicht gesehen haben.

Umgekehrt versuche ich auch, da zu sein, zu zuhören, auch schlechte Zeiten mit durchzustehen.

Es gibt Freunde, die sehe ich ganz selten und wir hören nicht voneinander, aber wenn wir uns dann wieder auf irgendeine Art haben, dann ist es so wie immer, als wäre die Zeit nicht vergangen, sondern wir wären immer zusammen gewesen.

„Ein treuer Freund ist wie ein starker Schutz; wer den findet, der findet einen großen Schatz. Ein treuer Freund ist nicht mit Gold aufzuwiegen, und sein Wert ist nicht hoch genug zu schätzen.“ Diese Lobeshymne auf beste Freundinnen und Freunde steht in der Bibel, im Buch Jesus Sirach.

Seit so vielen Jahrtausenden wissen Menschen, was wichtig ist: Freundschaft und Nähe, Verständnis und ein gutes Miteinander. All das zeichnet Freunde aus. Heute, am internationalen Tag der Freundschaft möchte ich einfach mal Danke sagen: Danke, liebe Freundinnen und Freunde, dass es Euch gibt.

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29JUL2021
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„Mama, fliegen Engel eigentlich immer nackt rum?“ Mit dieser Frage hat mich mein Sohn vor kurzem völlig aus dem Konzept gebracht. Erstaunlich, wie sich mein Sohn Engel vorstellt. Ich selbst habe mir darüber noch nicht wirklich Gedanken gemacht.

Klar war mir immer nur, dass diese bestimmt nicht in weißen Nachthemden umherfliegen, sondern dass Engel uns Menschen ganz unterschiedlich begegnen können. Wer weiß, ob wir einen Engel überhaupt bemerken?

In der Bibel wird von Engeln berichtet: Es sind die Boten Gottes, die zu den Menschen kommen, um ihnen wichtige Botschaften zu überliefern. Da denke ich vor allem an die Engel an Weihnachten: Sie verkünden, dass Jesus geboren ist. In der Bibel kommen Engel auch zu den Propheten, zu Elia zum Beispiel. Der Engel tröstet ihn und sagt: Du musst keine Angst haben.

Engel sind ganz besondere Wesen. Sie handeln in Gottes Sinne, sie stehen den Menschen bei und retten und bewahren die, die Hilfe brauchen. Sie sprechen Mut zu und sie schützen vor Gefahren.

Engel sind Boten Gottes. Durch sie ist Gott den Menschen auf ganz besondere Weise nahe. Und auf eine ganz bestimmte Weise können auch wir für andere Menschen zum Engel werden. Dann wenn wir als Gottes Boten auch für andere Menschen sorgen, ihnen Mut zu sprechen, ihnen helfen, sie vor Gefahren schützen.

Ganz oft werden Eltern für ihre Kinder zum Engel. So neulich mitten im Alltag auf dem Spielplatz. Das kleine Mädchen hat schüchtern vor dem Klettergerüst gestanden, sie hat sich einfach nicht draufgewagt. Doch der Vater hat ihr gut zugeredet, ihr Mut gemacht. So ist sie langsam hochgeklettert und er hat immer unten am Boden dort gestanden. Als ihr Fuß abgerutscht ist, sie das Gleichgewicht verloren hat, hat er sie gestützt, den Fuß wieder auf die Stange gesetzt und gesagt: „Du schaffst das! Klettre weiter! Ich bin da!“ das Mädchen ist weitergeklettert und sie wurde immer sicherer. Oben angekommen, hat sie mit fröhlicher Stimme gerufen: „Geschafft“ Und dann ist sie ihrem Vater in die Arme gesprungen.

„Mama, fliegen Engel eigentlich immer nackt rum?“ Bestimmt nicht. Aber manchmal tragen sie T-Shirt und Jeans und helfen kleinen Mädchen beim Klettern.

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28JUL2021
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Eine Freundin von mir ist aufgeregt. Sie ist Mutter, und jemand hat sie „Glucke“ genannt. „Wie klingt das denn? So als würde ich meine Kinder total bemuttern und einschränken. Das stimmt doch gar nicht!“

„Jetzt reg Dich bitte nicht so auf“, habe ich versucht, sie zu beruhigen. „Das war doch als Kompliment gemeint!“ Darüber hat sich meine Freundin erst recht aufgeregt. Sie meinte, vergackeiern könne sie sich auch alleine

„Ich erkläre es dir“, habe ich geantwortet und ihr erzählt, warum ich das als Kompliment sehe: Hühner sind sehr fürsorglich gegenüber ihrem Nachwuchs. Wenn eine Henne sich um ihre Küken kümmert, so ist sie ganz und gar wachsam und behutsam.

Ist Gefahr in Verzug, so nimmt die Henne ihre Küken im wahrsten Sinne des Wortes unter ihre Fittiche. Das sieht dann so aus, dass sie ihre Flügel sanft über den Küken ausbreitet und die Kleinen darunter versteckt. Und manchmal guckt dann schelmisch zwischen dem Federkleid ein kleines, neugieriges Köpfchen heraus. Das Küken ist beschützt und dennoch frei, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen, die Gefahr kennenzulernen, zu erfahren, wann das Leben bedroht ist.

„Gott breitet seine Schwingen aus über dir. Unter seinen Flügeln findest du Zuflucht.“ So heißt es in der Bibel, in Psalm 91. Wenn ich an die Henne und an ihre Küken denke, dann weiß ich ganz genau, was der Psalmbeter meint. Gott sorgt sich um mich und möchte mich vor den Gefahren bewahren. Er nimmt mich unter seine Flügel, damit ich behutsam das Leben entdecken kann. Aber er schenkt mir auch die Freiheit, unter seinen Fittichen hervorzukommen, auf eigenen Füßen das Leben zu entdecken. So wie das Küken durch die Federn der Henne herausspitzt und neugierig guckt, was das so kommt, so darf auch ich unter den Fittichen Gottes herausschauen.

So kann ich behutsam immer wieder das Leben neu entdecken. Egal wie alt ich bin. Denn es gibt immer wieder unbekannte Situationen in meinem Leben. Aber ich habe erfahren, dass es einen Ort gibt, an dem ich sicher und geborgen bin.

„Also, wenn das so ist,“ hat meine Freundin lächelnd gesagt, „dann bin gerne eine Glucke.“

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27JUL2021
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Fußball ist ein fairer Sport. Oder er sollte es zumindest sein. Und zwar nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz, nicht nur bei den Spielern auf dem Feld, sondern auch bei den Fans. Auch sie sollten fair bleiben - auch gegenüber ihrer eigenen Lieblingsmannschaft.

Deswegen habe ich mich so über einige Fans aufgeregt, die nach dem Finale den englischen Nationalspieler Marcus Rashford rassistisch beschimpft haben. Das alles, weil er einen Elfmeter verschossen hat. Ich weiß, wie enttäuscht die englischen Fans gewesen sind. Und ich verstehe das auch. Ich hätte es auch noch verstanden, wenn sie sich über die schlechte Technik des jungen Nationalspielers aufgeregt hätten. Aber manche Fans haben Marcus Rashford persönlich angegriffen und ihn wegen seiner Hautfarbe runtergemacht. Da hört mein Verständnis auf.

Marcus Rashford selbst hat gesagt: „Ich kann mir Kritik an meiner Leistung den ganzen Tag anhören, mein Elfmeter war nicht gut genug, er hätte reingehen sollen, aber ich werde mich niemals dafür entschuldigen, wer ich bin und wo ich herkomme.“

Ich stimme ihm zu. Vor allem dem letzten Teil seiner Aussage. Genau das ist es, was meinen Glauben ausmacht:  Niemand muss sich für seine Herkunft oder seine Kultur entschuldigen. Gott hat uns alle nach seinem Bilde gemacht. Entschuldigen muss man sich höchstens für das, wo einem Fehler unterlaufen: Die eine vergisst den Geburtstag ihres Mannes, ein anderer kommt immer zu spät - und hier hat ein Fußballer das Tor nicht getroffen. Klar, das sind Fehler - Fehler machen wir alle.

Folgendes ist für mich grundlegend für unser Menschsein: In uns allen steckt etwas, dass uns einander gleich sein lässt. Nämlich, dass wir alle Gottes Ebenbilder sind. Egal, ob wir Elfmeter verwandeln oder nicht, ob wir immer pünktlich sind oder auch mal zu spät kommen. Egal ist auch, aus welchen Land wir kommen, was wir auf dem Konto haben oder wie wir aussehen. Wichtig ist, dass wir uns fair verhalten.

Marcus Rashford hat nicht vergessen, dass er aus ärmlichen Verhältnissen kommt. Deswegen kümmert er sich um bedürftige Kinder in Großbritannien. Er weiß, was zählt und dass wir alle die Welt ein wenig besser machen können – als Menschen nach Gottes Bild. Als Menschen, die so leben, wie Gott es sich vorgestellt hat. Fair, nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz.

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26JUL2021
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Hast Du ein Herz für andere? Unter dieser Fragestellung haben wir neulich im Konfirmandenunterricht einen Test gemacht. Dazu habe ich den Jugendlichen eine Situation beschrieben und sie dann gefragt, wie sie sich verhalten würden. Folgendes sollten sie sich vorstellen: „An der Bushaltestelle will eine Frau mit Kinderwagen einsteigen. Was machst Du?“ Ich habe erwartet, dass manche meiner Konfis rumdrucksen würden.

Und ich dachte, dass viele von ihnen sicher der Frau mit dem Kinderwagen helfen würden. Stattdessen kam eine ganz andere Antwort, und die hat mich ziemlich verblüfft: „Ich schaue in die andere Richtung und warte ab, ob die Frau mich direkt anspricht.“ Das war eine Antwort, die ich zuerst nicht verstanden habe. „Wie kann ich denn in so einer Situation in die andere Richtung schauen?“, habe ich gefragt. „Ganz einfach“, hat der Konfirmand geantwortet, „die Frau soll selbst entscheiden, ob sie genau mich fragen will. Ich will mich nicht aufdrängen. Aber wenn sie fragt, dann packe ich an.“ „Logisch“, hat ein anderes Mädchen daraufhin gesagt, „er ist doch fremd und unbekannt. Deswegen muss die Frau ihn ansprechen.“

So hatte ich die Sache noch nie betrachtet. Aber die Position der Jugendlichen hat mir auch eingeleuchtet. „Es geht doch darum, ob die Frau überhaupt Hilfe will“, hat ein Junge noch mal eingeworfen. „Vielleicht will sie es auch selbst versuchen. Dann soll sie das machen. Aber wenn es nicht klappt, dann soll sie fragen.“ Einerseits ja, denke ich mir. Andererseits schafft es nicht jeder, um Hilfe zu bitten und es ist gut, wenn jemand ungefragt mit anpackt.

Letztlich kam bei dem Test als Ergebnis heraus, dass alle Jugendlichen das Herz auf dem rechten Fleck hatten.

„Was du auch tust, bedenke das Ende, so wirst du nicht sündigen in Ewigkeit.“ Dieser Ratschlag findet sich im Buch Jesus Sirach unter der Überschrift „Fürsorge für den Nächsten“. Ein guter Tipp, denn er hat beide Seiten im Blick: das Hilfe geben und das Hilfe annehmen. Beides soll im rechten Maß sein.

Wenn ich – wie meine Konfirmandinnen und Konfirmanden – das Herz am rechten Fleck habe, dann dränge ich mich nicht einfach auf. Ich denke auch darüber nach, was der andere braucht: Braucht er meine Initiative oder nicht? So kann ich helfen, indem ich andere auch entscheiden lasse, ob sie meine Hilfe annehmen wollen oder brauchen.

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