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Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Nicht selten werden diese Worte noch mit einem Strauß Blumen geschmückt. Und wenn beides, die Worte und die Blumen, von Herzen kommen, dann bedeutet das: ich mag dich, du bist mir lieb. Und ich möchte Anteil nehmen an deinem Leben.
Ganz andere Blumen habe ich auf einer Studentenfreizeit im Sommer bekommen. Während der Tage gab es Vorträäge und Diskussionen rund um das Thema Müll und uns allen wurde klar: wir sind verantwortlich füür das, was wir wegwerfen. Eine Gruppe von Studenten wollte sich dann nicht damit zufrieden gegeben, dass Müll einfach nur unnütz und unbrauchbar ist. Es wurde beraten, geschaut, gebastelt, experimentiert... Und am Ende des Tages die Überraschung: auf den Tischen im Gruppenraum standen Blumen -- Blumen in weißn Vasen gemacht aus Müll! Die Studenten hatten farbige Plastikstreifen zu Blüten geformt und bunte Kronkorken in die Mitte gesetzt. Strohhalme und grüne Folie mit Draht umwickelt -- das waren die Blumenstengel; grünes Papier wurde zu Blättern. Und dann leuchteten Klatschmohn und Rosen, Lilien und Narzissen. Alles aus Müll. Ich war begeistert: was weggeworfen wurde und unbrauchbar schien, war auf einmal ansehnlich und wertvoll. Blumen aus Müll -- das fand ich mutig.
So ein Müll-Blumenstraußß, das wär auch mal was für einen Geburtstag. Ab dem 70. ´´ten bräuchte man nämlich Mut . Zum Älter werden -- meint unser Nachbar, der da aus Erfahrung spricht. Doch ich finde, das gilt schon vorher. Neben dem, was mich glücklich macht, was mein Leben bereichert und mich dankbar sein lässt, gibt es in jedem Lebensjahr auch Schattenseiten, Dinge, die nicht gut gelaufen sind, die ich vielleicht gerne wie unliebsamen Müll wegwerfen würde: Schicksalsschläge, die mich belasten, Entscheidungen, die ich gerne rückgängig machen würde, Fragen, die offen geblieben sind. Wie kann ich damit gut umgehen? Lohnt es sich auch die Schattenseiten eines Jahres anzuschauen? So wie die Studenten mit Mut und Aufmerksamkeit? Kann auch daraus etwas entstehen, was auf einmal ansehnlich und wertvoll ist?

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer war davon überzeugt und schreibt: „„Ich glaube, dass Gott aus allem Gutes entstehen lassen kann und will. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren sogenannten Guttaten. Ich glaube, dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."" Das ist vielleicht kein Blumemstraußß. Aber ein Bekenntnis, dass Gott Anteil nimmt an den Höhen und Tiefen meines Lebens. Und das gilt für Geburtstage und alle Tage im Jahr.

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Beppo ist Straßenkehrer. In dem Buch „Momo"von Michael Ende denkt er darüber nach, was passieren kann, wenn eine sehr lange Straße vor ihm liegt: „Man fängt an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem." Beppo kommt zu dem Schluss:„So darf man es nicht machen."
Ich bin kein Straßenkehrer, aber ich finde mich manchmal in Beppos Worten wieder. Es gibt Tage, an denen ich das Gefühl habe, nicht hinterherzukommen mit dem, was mir wichtig ist: zu viele Termine und Verpflichtungen auf der Arbeit, zu viel, was ich sonst noch gerne erledigen möchte, und meistens kommt ausgerechnet dann noch etwas dazwischen, womit ich nicht gerechnet habe.Stress macht sich breit und das Gefühl:du bist zu langsam, du schaffst das nicht, du kommst nicht hinterher.Ich fühle mich wie auf der Flucht und am Ende des Tages liege ich dann unruhig im Bett, habe mich den Tag über abgerackert und bin trotzdem unzufrieden. In diesen Momenten wünsche ich mir, einfach abschalten und gelassener sein zu können.
Das Wort Gelassenheit kommt von ´sich niederlassen´ und genau das trifft den Punkt. Denn mich irgendwo niederlassen ist das Gegenteil von auf der Flucht sein. Michniederlassen bedeutet, mich an einer Sache,an einem Ort festzumachen, undmit meinen Gedanken bei dem zu sein, was ich gerade tue.Beppo erklärt das so: "Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken", sagt er. „Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. Das ist wichtig."
Die christlichen Lehrer im Mittelalter gehen noch einen Schritt weiter. Nicht an einer Sache, auch nicht an einem Ort, sondernin Gottwollen sie sich niederlassen. Das bedeutet für sie,sich Gott zu ergeben.Mit anderen Worten: sie geben auf. Sie geben auf, dass ich nur dann glücklich sein kann, wenn ich alles durchschaue, wenn ich so wie viel wie möglich leiste und wenn ich am besten heute schon erledige, was übermorgen erst ansteht. Sich in Gott nieder zu lassen, das kann den Druck rausnehmen und frei machen: im hier und heute den nächsten Schritt zu tun, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich.

 

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Vor kurzem sind wir auf einer Wanderung in einer kleinen Hütte im Pfälzer Wald eingekehrt. Der Andrang vor der Essensausgabe war groß und wir standen eine ganze Weile in der Schlange. An der Theke, wo es hektisch zuging, höörte ich immer die gleiche Frage nach der Tischnummer, auf die die Bestellung laufen sollte. „„Nummer?"", fragte die Bedienung schließlich den Mann vor uns in der Reihe. „„Welche Nummer?"", fragte dieser etwas unsicher in niederländischem Akzent zurück. „„Na, die Tischnummer!"" Der Mann zuckte mit den Achseln und meinte er wolle nur zwei Bier und zwei Bratwürste für sich und seine Frau. Darauf etwas unwirsch die Bedienung: „„Ohne Nummer geht hier nix!"" Es gab an der Theke offensichtlich ein Gebot. Ein Tischnummerngebot. Eine Nummer muss her, und wer das nicht versteht, bringt die Ordnung durcheinander. Untergegangen ist dabei, dass die Sache mit den Tischnummern vermutlich eingeführt wurde, um den Kunden einen möglichst guten Service zu bieten. In dem Fall hat das Gebot aber eher das Gegenteil bewirkt..
Mit starren Geboten anderer Art hatte auch Jesus seine Schwierigkeiten. Regelmäßig bringt er die religiöse Ordnung durcheinander und eckt damit bei den Strenggläubigen seiner Zeit an. Dabei ist Jesus nicht grundsätzlich gegen Gebote -- im Gegenteil. Er will sie ins rechte Licht rücken, zeigen, was dahinter steht. Als gläubiger Jude stellt er deshalb ein Gebot üüber alle anderen: „„Liebe Gott mit ganzem Herzen und liebe deinen Nächsten wie dich selbst."" Das sei die Grundlage aller Gebote, betont Jesus und er ist überzeugt: die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen gehen Hand in Hand. So kümmert er sich an jüdischen Feiertagen um Kranke und Leidende -- füür die Strenggläubigen ein Verstoß gegen das Sabbatgebot, das Feiertagsgesetz. Er fällt keine vernichtenden Urteile üüber Menschen, die Schuld auf sich geladen haben. Und er isst zusammen mit Matthääus dem Zööllner an einem Tisch, obwohl dieser als Geldhäändler von der glääubigen Gesellschaft ausgeschlossen war. Füür Jesus sind Gebote von Gott, immer Gebote für den Menschen und nie gegen ihn. Deshalb kann er auch mal füünfe gerade sein lassen und mit einem Herz füür den jeweiligen Betroffenen entscheiden. Wenn das gelingt, dann fördert Religion, dass wir respektvoll miteinander umgehen und nicht engstirnig oder gar fanatisch auf Geboten herumreiten.
Engstirnig war allerdings auch der Gast aus den Niederlanden nicht. Als er hörte, dass ohne Nummer nix geht, sagte er einfach: 23. Das war zwar keine Tischnummer -- denn es gab nur 20 Tische -- aber es war eine Nummer. Der Bedienung hat das offensichtlich gereicht. Sie hatte ihre Nummer...und er ein wenig später seine zwei Bier und die Bratwürste.

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Zur Zeit werde ich von meiner Tochter oft so geweckt, dass sie irgendwie auf mich drauf krabbelt und Hoppe-Hoppe ruft. Ich verstehe sofort: Hoppe-Hoppe-Reiter ist angesagt, morgens um 6.00 Uhr. Sie ist jetzt anderthalb Jahre alt - da ist Widerstand zwecklos. Also lasse ich sie auf meinen Knien auf und ab hüpfen, was sie mir mit einem fröhlichen Jauchzen dankt. Nachdem die kleine Reiterin mehrfach in den Graben gefallen ist und durchgekitzelt wurde, stehen wir auf. Das Spiel geht aber trotzdem weiter, eigentlich den ganzen Tag. Denn für meine Tochter ist im Moment alles ein Spiel: wenn ihr die Nudeln zum x-ten Mal von der Gabel rutschen, dann macht sie daraus kleine Pferdchen und lässt mit der Hand in den Mund hüpfen. Alles begleitet von einem fröhlichen Hoppe-Hoppe. Wenn ich dann auf die Idee komme, dass sei ja „nur" ein Spiel und ich ihr die Nudeln wieder auf die Gabel stecken will, werde ich ernst angeschaut und entschlossen zurückgewiesen: nein, jetzt sind die Nudeln kleine Pferdchen und müssen in den Mund hüpfen. Später probiert sie es wieder alleine mit der Gabel. Irgendwann klappt es. Alles ist ein Spiel und alles Spielen ist ernst - bei meiner Tochter wird da gerade nicht getrennt.
Ich muss in mich hineinschmunzeln und bin gleichzeitig auch ein bisschen neidisch. Ernst sein und spielerisch zugleich - das würde mir gut tun. Wenn ich mal wieder nicht vorwärts komme mit dem, was ich mir vorgenommen habe, bin ich frustriert, ärgere mich. Das muss doch schneller gehen, andere können das doch auch. Jedes Mal merke ich dabei: mit Biegen und Brechen komme ich nicht weiter. Meine Tochter ist mir da überlegen. Von Verkrampfung: keine Spur. Ob es schneller gehen könnte, ob ein anderer das noch besser kann: völlig egal.
Ohne es zu wissen, lebt sie mir im Moment vor, was es heißt zu vertrauen: in die eigenen Fähigkeiten und Stärken, in die Menschen, die mir nahe sind, und vielleicht auch in Gott. Denn der begleitet uns, egal ob das Leben gerade ernst ist oder spielerisch oder beides zusammen. Daran lasse ich mich morgen früh wieder erinnern: mit einem fröhlichen „Hoppe-Hoppe". 
Ich wünsche Ihnen einen guten Abend und eine gute Nacht.

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Es war für mich als Kind immer ein ganz besonderer Augenblick, auf den ich seit Wochen gewartet habe. Die Vorfreude stieg am letzten Schultag von Stunde zu Stunde, im Unterricht wurde nur noch gespielt und dann... Das Klingelzeichen! Wir sind aufgesprungen und dann nichts wie weg. Herrlich, der Weg nach Hause in die großen Ferien!
Weder Kinder noch Erwachsene, niemand kann Tag ein Tag aus volle Leistung bringen und wer keine Ferien hat wie die Kinder, der nimmt sich meistens Urlaub. Urlaub, das hat ganz viel mit erlauben zu tun: früher am Hof der Fürsten und Könige, mussten die Untertanen ihren Herrn fragen, wenn sie sich vom Hof entfernen wollten. War der Herr einverstanden, dann durften sie gehen, jetzt hatten sie Urlaub und ihre Pflicht ruhte.
Das ist heute nicht anders. Im Urlaub dürfen wir uns entfernen und auf Abstand gehen, zum Büro oder dem Betrieb, wo wir arbeiten, samt Computer, Terminen, den Kollegen und dem Chef. Was uns sonst nahe ist, ist uns jetzt fern. Das fängt für viele bei den Kleidern an: wer in Urlaub fährt lässt die Arbeitsklamotten zu Hause und kramt sein lockeres Urlaubshemd hervor.
Im-Urlaub-sein heißt: ich kann mir etwas erlauben. Als Kind wurde mir das immer schnell klar, wenn wir mit der Familie verreist waren. Wenn es darum ging, ob wir etwas durften oder nicht, sagte mein Vater meistens: „Komm, was soll´s, wir sind in Urlaub!" Das hat sich mir eingeprägt, denn hinter diesem Spruch stand meist ein großzügiges Ja. Bei der Eisdiele gab es dann ein extra großes Eis und „Was soll´s, wir sind im Urlaub!" bedeutete auch, dass wir länger aufbleiben durften. Ich erinnere mich an die Riesenrutsche oder das Trampolinspringen - eine ganze Stunde lang. „Was soll´s, wir sind in Urlaub!" - das war Großzügigkeit.
Ich finde das nach wie vor ein tolle Überschrift für den Urlaub: großzügig sein. Bei der Eisportion, beim Ausschlafen, bei der Zeiteinteilung. Wenn ich dann noch mit mir und anderen etwas großzügiger bin und bei der ein oder anderen Macke denke: „Komm, was soll´s, wir sind im Urlaub, dann steht einem gelungenen Urlaub nichts mehr im Weg. 
Ich wünsche Ihnen einen guten Abend - und hoffentlich einen schönen Urlaub.

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In der Hochschulgemeinde, in der ich arbeite, ist ein Kommen und Gehen. An einem meiner ersten Arbeitstage habe ich einen Studenten beobachtet, der sich voll beladen die Treppe hochquält - und dann im Vorübergehen sein Zelt in der Hauskapelle ablegt. Ich bin doch ziemlich irritiert. Eigentlich hat  da ein verpacktes Zelt nichts zu suchen. Ich gucke um die Ecke und fast trifft mich der Schlag: in der Kapelle steht ein Wäscheständer mit Wäsche drauf, und ein Bügelbrett, außerdem ein Regal mit allem Möglichen, von Gesangbüchern bis hin zu Blumentöpfen. Die Kapelle sieht aus wie ein Abstellraum. Ärger steigt in mir hoch, aber zum Glück bremse ich mich. Denn in den letzten Wochen gab es keine Leitung im Haus und da haben die Studenten den Raum als den einzigen Raum im Haus entdeckt, der nicht voll ist. Hier ist Platz - für die Dinge, die nicht ins eigene Zimmer passen und für die Dinge, die im Weg stehen und hinderlich sind - wie das Zelt zum Beispiel. Die Botschaft, die bei mir ankam war klar: in der Kapelle kannst du abladen!
Eigentlich eine starke Botschaft, denke ich und muss schmunzeln, denn in gewisser Weise geht es mir ganz ähnlich: Manchmal setze ich mich in eine Kirche oder Kapelle - und lade ab: meine Unruhe, wenn ich mit der Arbeit nicht nachkomme, meine Fragen, die Dinge, die ich nicht verstehe, und auch meine Dankbarkeit, für mein Leben, meine Familie, für viele kleine und große Sachen. So wie ich, machen es viele Menschen. Sie finden in Kirchen und Kapellen Platz zum Abladen und oft sehe ich dort abends noch Kerzen brennen, die während des Tages angezündet wurden - vielleicht als Zeichen für eine zurück gelassene Sorge, oder ein Gebet, für das im Alltag kein Platz war. Mittlerweile gibt es auch in unserer Hauskapelle in der Hochschulgemeinde wieder Platz: Wäscheständer und Bügeleisen mussten ebenso weichen wie das Regal und einige andere Dinge. Jetzt kommt das große Relief an der Wand wieder voll zur Geltung: es zeigt Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl. Alle sind eng miteinander verbunden und doch blickt Jesus den Betrachter aufmerksam und offen an. Mir wird klar: Jesus teilt Brot und Wein nicht nur mit seinen Jüngern. An seiner Seite ist Platz - auch für mich, mit meinem Leben.

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Im Büro meines Bruders hängt ein faszinierendes Poster. Es zeigt den Planeten Saturn. Mit  seinen ausgeprägten Ringen erstrahlt er ganz plastisch vor dem nachtschwarzen Universum. Ich bin beeindruckt. Aber, sagt mein Bruder, das Besondere ist gar nicht der Planet Saturn. Ich schaue genauer hin. Dann entdecke ich einen winzigen hellen Fleck im Hintergrund: die Erde. Nicht größer als ein Sandkorn. Die blühenden Blumen und lachenden Kinder, alle unbeschreibliche Vielfalt an Menschen und Ländern, das ganze bunte Leben hier - nur ein winziger heller Fleck? Irgendwo in diesem riesigen Weltall? Da dreht sich unsere Erde und manchmal frage ich mich, ob der, der sie angedreht hat, von weit weg zuschaut oder ob er wirklich nahe und erfahrbar ist. Heute feiern viele katholische Christen das Fest Maria Lichtmess. Da wird eine Geschichte erzählt, bei der Gott ganz nah ist. Der alte Priester Simeon kommt in den Tempel. Er trifft auf Maria und Josef. Sie bringen ihr 40 Tage altes Baby zu ihm. Ein üblicher Brauch. Das Kind soll im Tempel gesegnet werden. Und jetzt hält es der alte Simeon in seinen Armen. Und spürt dann, auf was er sein ganzes Leben lang gewartet hat: innere Ruhe und Frieden. "Gott, meine Augen haben das Heil gesehen", bricht es aus ihm heraus.Simeon hat viel Großartiges in seinem Leben erlebt: Er hat die heiligen Schrift studiert, hat den pompösen Tempel des Herodes gesehen, und auch den unendlich tiefen Sternenhimmel in den Bergen Jerusalems. Aber jetzt rührt ihn dieses Kind an, tiefer als alles andere. Und so wie dem Simeon ging es noch vielen anderen, die Jesus begegnet sind: den Jüngern, die er anspricht, den Kranken, zu denen er geht, und schließlich dem Verurteilten am Kreuz, dessen Schicksal er teilt. Alle begegnen in diesem Menschen Jesus Gott. Für mich ist das die eigentliche Größe Gottes: menschliche Wege zu suchen und zu finden, um uns zu begegnen und nahe zu sein. An dieser Hoffnung möchte auch ich festhalten: selbst wenn unsere Erde in dem riesigen Universum aussehen mag wie ein winziges Sandkorn - Gott hält sich nicht raus. Er sucht unsere Nähe, teilt unsere Sorgen und teilt unsere Freude. Ganz sicher auch, wenn er Lichtjahre entfernt scheint.

 

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Unsere Tochter ist jetzt ein Jahr alt und weiß schon richtig gut, was sie will und was sie nicht will. Manchmal ziehe ich sie im Rutscheauto ein paar Runden durch die Wohnung - ein Riesenspaß: sie jauchzt lauthals und die Freude leuchtet in ihren Augen. Irgendwann parke ich das Gefährt dann samt Insassin neben dem Sofa und frage sie, ob sie absteigen will. Unterstreichend halte ich ihr meine beiden Hände hin, die sie noch braucht, um wieder auf den Boden zu kommen. Und obwohl sie noch nicht sprechen kann, ist ihre Reaktion unmissverständlich. Ihren ganzen Körper wirft sie auf das Auto und klammert sich mit beiden Händen fest an das Lenkrad. Ich habe verstanden: wir drehen noch eine Runde. Auch wenn sie nicht immer ihren Willen bekommt, finde ich es beeindruckend, wie grundehrlich und klar sie sich mitteilen kann. In der Erwachsenenwelt sind Ja und Nein nicht immer so klar. Jesus hat deshalb eine ganz einfache Regel aufgestellt: Euer JA sei ein Ja und Euer Nein sei ein Nein. Im alten Orient war die Kultur des Schwörens nämlich tief verankert und durch den Schwur sollte unmissverständlich klar gemacht werden: Jetzt sage ich die Wahrheit - darauf könnt ihr euch verlassen. Das gibt es damals wie heute: alle Beamten schwören zum Beispiel, das Grundgesetz zu befolgen. Alle Richter schwören , nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen. Wer schwört, meint es offensichtlich ganz ernst und steht für sein Wort ein. Aber auf der anderen Seite: ist das nicht eigentlich selbstverständlich, dass ein Richter der Gerechtigkeit dient und ein Beamter das Grundgesetz befolgt? Ist es nicht die Grundlage für ein gutes Miteinander, dass wir es ehrlich meinen? Und darauf weist Jesus hin: es soll nichts Besonderes sein, wenn jemand die Wahrheit sagt, Ehrlichkeit ist das Normale - und nicht das Außergewöhnliche: Euer Ja sei ein Ja, Euer Nein sei ein Nein - ohne umständliche oder krumme Hintergedanken. Für Babies und kleine Kinder ist das selbstverständlich - sie können gar nicht anders: was sie spüren, platzt aus ihnen heraus, und wenn sie sich dann äußern sind sie ganz unmittelbar und echt. Ich hoffe, dass das auch bei meiner Tochter noch lange so bleibt - denn in ihrer Gradlinigkeit ist sie für mich ein echtes Vorbild.

 

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Beim Spaziergang im Park habe ich vor kurzem ein paar Jugendliche gesehen, die auf einem Spielplatz mit leeren Bierflaschen rumwarfen. Das ging solange, bis eine Flasche zu Bruch ging und die Scherben im Sand oder auf dem Weg lagen. Dann war die nächste dran. So etwas macht mich wahnsinnig. Also bin ich zu den Jugendlichen hin und habe sie gebeten, mir einen Gefallen zu tun: an die Kinder zu denken, die sich an den Scherben verletzten könnten, und ich wollte, dass sie die Flaschen aufsammeln und wegwerfen. Das einzige, was ich geerntet habe, waren respektlose Antworten...und eine Flasche, die mir provozierend nachgeworfen wurde. Ich hätte platzen können! Und wenn schon nicht die Flasche - aber meine Wut hätte ich ihnen entgegen geschleudert.
Über diese Sache würde ich gerne einmal mit dem heiligen Don Bosco reden. Denn über die arbeitslosen Jugendlichen im Turin des 18. Jahrhunderts hat er gesagt: „Diese Kinder sind Edelsteine, die auf der Straße liegen. Sie müssen nur aufgehoben werden, und schon leuchten sie." Der Bauernsohn aus dem italienischen Piemont setzte sich nach seiner Priesterweihe mit ganzem Herzen für die herumstreunenden Jugendlichen ein, während diese von den Oberen der Stadt und der Kirche nur missbilligt wurden. Weil er freundlich mit ihnen umging und sie mit einfachen Mitteln sinnvoll zu beschäftigten wusste, strömten sie in Scharen zu ihm. Don Bosco gab ihnen in offenen Wohnheimen ein Zuhause und mit Schulen und Werkstätten eine sinnvolle Ausbildung. „In jedem jungen Menschen," schreibt er, „auch in dem schlimmsten, gibt es einen Punkt, wo er dem Guten zugänglich ist. Und diesen Punkt gilt es zu finden." Don Bosco stützte sich dabei auf sein unerschütterliches Gottvertrauen: „Gott hat mir immer geholfen. Er wird mir auch künftig helfen," war er sich sicher. Von seiner Überzeugung haben sich seit dem tausende Menschen anstecken lassen. In dem von ihm gegründeten Orden der Salesianer kümmern sie sich überall auf der Welt um benachteiligte Kinder und Jugendliche. Heute, am 31. Januar, ist sein Gedenktag. Und weil er ein fröhlicher und sehr humorvoller Mensch gewesen ist, lasse ich mir heute gerne von ihm sagen: „Das Beste, was wir auf der Welt tun können, ist Gutes tun, fröhlich sein, und die Spatzen pfeifen lassen."

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Bei der letzten großen Küchenputzaktion sind auch drei Blumentöpfe mit verwelkten Amaryllis auf den Balkon gewandert. Amaryllis, das sind die Blumen mit den großen, oft roten Blüten, die meistens in der Weihnachtszeit blühen. Meine Tante meinte nur: „Die kannst du eigentlich entsorgen, die kommen nicht mehr." Und meine Frau hat genickt. Ich hab sie trotzdem über den Sommer und Herbst gebracht und vor dem ersten harten Frost hab ich sie wieder auf die Fensterbank in der Küche gestellt. Vielleicht blühen sie ja doch nochmal, habe ich gedacht.

Von einer ähnlichen Situation erzählt auch Jesus: Da reißt einem Gutsherrn der Geduldsfaden. Der Feigenbaum in seinem Weingarten trägt seit Jahren keine Frucht mehr. Jetzt ist er fällig und soll umgehauen werden. Sein Gärtner aber tritt dazwischen: „Lass ihn dieses Jahr noch stehen," bittet er den Gutsherrn. „Ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen (Lk 13,6-9)." Ich gebe zu: Ich kann den Gutsherrn verstehen: Ein fruchtloser Baum ist ärgerlich und unnütz. Eine Amaryllis, die nur ewig lange Blätter produziert und keine Blüten, da hat meine Tante recht - warum sie aufheben? Und warum eine Sache verfolgen, wenn die Erfahrung sagt, dass da keine Hoffnung ist? Der Gärtner würde entgegnen: Weil nicht alle Mittel ausgeschöpft sind und weil es ein „vielleicht" gibt: bei entsprechender Pflege, mit ein bisschen mehr Geduld. Er gibt den Baum nicht auf und hält an der Hoffnung fest und bleibt dabei doch realistisch.
Die Haltung imponiert mir, nicht nur, wenn es um Pflanzen und Bäume geht.Zahlt es sich aus, zum x-ten Mal eine schlechte Angewohnheit anzugehen? Besteht da Hoffnung auf Veränderung? Und wird unsere Liebe wieder aufblühen, wenn wir als Partner eine Trockenzeit durchstehen. Wenn die immer gleichen Macken wieder für Frust sorgen? Oder Menschen, die einen schwerkranken Elternteil pflegen und dadurch oft am Rande ihrer Kräfte sind - werden aus dieser Geduld und Fürsorge neue Früchte wachsen? Es besteht Hoffnung, sagt der Gärtner, vielleicht trägt der Baum doch noch Früchte. Bei mir zu Hause war die Hoffnung nicht umsonst. Eine der drei Amaryllis treibt seit ein paar Tagen wieder aus. Und ich freue mich schon auf die großen roten Blüten in ein-zwei Wochen.

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